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Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen

On-line since: 31st August, 2012

FÜNFTER VORTRAG

Den Haag, 24. März 1913

Es wird sich darum handeln, daß wir diesen Vortragszyklus gerade im richtigen Sinne nehmen, das heißt, ihn betrachten als eine Auseinandersetzung über Erlebnisse, die der Mensch durchmacht als Veränderungen in sich selbst während seiner esoterischen, oder sagen wir, durch Anthroposophie an ihm bewirkten Entwicklung, so daß das, was geschildert wird, durchaus anzusehen ist als etwas, was während der Entwicklung wirklich erlebt werden kann.

Naturgemäß können nur hervorstechende Erlebnisse, sozusagen typische Erlebnisse auseinandergesetzt werden; allein an diesen hauptsächlichsten Erlebnissen wird man ja eine Vorstellung gewinnen können über mancherlei anderes noch, was im Verlaufe der Entwicklung zu beobachten ist. Gestern sprachen wir hauptsächlich davon, daß der Mensch sich eine feinere Empfindlichkeit gegenüber dem aneignet, was im äußeren Lebensäther oder überhaupt im Äther vorgeht. Verknüpft sind diese Erlebnisse mit mancherlei anderen, und ein Erlebnis, auf das ganz besonders zu achten ist, ist das, was wir gegenüber unserer Urteilskraft machen.

Nicht wahr, als Menschen stehen wir ja in der Welt so, daß wir die Dinge, die an uns herantreten, in einer gewissen Weise beurteilen, daß wir uns Vorstellungen über die Dinge machen, daß wir das eine für richtig, das andere für nicht richtig halten. Wie ein Mensch imstande ist, die Dinge zu beurteilen, davon hängt ja das ab, was man in der Regel als Klugheit, als Gescheitheit, als Urteilsfähigkeit bezeichnet. Diese Klugheit, diese Gescheitheit, diese Urteilsfähigkeit wird allmählich im Laufe der Entwicklung etwas, was sich in ein anderes Licht setzt. Ein wenig ist das ja schon gestern angedeutet worden. Man findet immer mehr und mehr, daß für die eigentlichen Angelegenheiten des höheren, des spirituellen Lebens gerade diese Klugheit, diese Gescheitheit nicht von dem allergeringsten Wert ist, obwohl man sie so viel als möglich mitbringen mußvon seinem Ausgangspunkt, von dem physischen Plan aus, wenn man den Weg in die höheren Welten antreten will. Und so kommt man schon einmal in die Lage, die den Nützlichkeitsmenschen leicht als unerträglich erscheinen kann: daß man etwas ganz notwendigerweise zunächst braucht für eine höhere Entwicklung und daß dennoch dann, wenn man in dieser höheren Entwicklung drinnen steht, es an Wert verliert. Man muß also gewissermaßen alles daransetzen, um eine gesunde, den Tatsachen gerecht werdende Urteilskraft hier auf dem physischen Plan zunächst zu entwickeln, muß sich aber dann klar sein darüber, daß beim Verweilen in den höheren Welten selbst diese Urteilskraft nicht den gleichen Wert hat wie hier unten auf dem physischen Plan. Wenn man gesunde höhere Sinne haben will, dann muß man von einer gesunden Urteilskraft ausgehen; aber diese gesunde Urteilskraft muß sich eben verwandeln für das höhere Anschauen in gesundes Anschauen.

Nun sind wir aber, wenn wir uns noch so sehr entwickeln, immer solange wir auf dem physischen Plan zu verweilen haben, Menschen dieses physischen Planes, und auf diesem physischen Plane haben wir die Aufgabe, unsere Urteilskraft gesund zu entwickeln. Daher müssen wir sorgfältig darauf achten, daß wir beizeiten lernen, nicht miteinander zu vermischen das Leben in den höheren Welten und das Leben auf dem physischen Plan. Wer unmittelbar anwenden will dasjenige, was er für höhere Welten erlebt, auf den physischen Plan, der wird leicht zum Schwärmer, zum unbrauchbaren Menschen. Wir müssen uns angewöhnen, klar in der höheren Welt leben zu können und dann wiederum, wenn wir heraustreten aus dem Zustande dieses Lebens in den höheren Welten, möglichst uns an das zu halten, was das Richtige ist für den physischen Plan. Und diese Doppelstellung, die durch die Doppelstellung des geistigen und physischen Lebens selber gefordert wird, die müssen wir sorgfältig und gewissenhaft durchführen. Wir gewöhnen uns an eine richtige Lage zur Welt auf diesem Gebiete dadurch, daß wir möglichst uns nicht angewöhnen, in den alltäglichen Umgang hinein dasjenige zu mischen, was der höheren Welt einmal angehört; daß wir in den alltäglichen Umgang hinein möglichstwenig von dem mischen, wozu man so leicht versucht sein kann: etwa zu sagen, wenn einem irgend etwas an einem Menschen unsympathisch ist, man könne seine Aura nicht vertragen. Es ist besser, wenn man bei der gewöhnlichen Redensart bleibt für das gewöhnliche Leben, wenn man sagt: es sei einem dieses oder jenes unsympathisch. Es ist besser, daß man in dieser Beziehung ein Mensch auf dem physischen Plan unter anderen Menschen auf dem physischen Plan bleibt und möglichst mit Ausdrücken, die ja vollständig ihre Richtigkeit in bezug auf das höhere Leben haben, sparsam ist im gewöhnlichen Leben. Sorgfältig sollte man sich davor bewahren, in den täglichen Umgang Worte, Begriffe, Vorstellungen hineinzumischen, die dem höheren Leben gehören. Das könnte vielleicht wie eine Art pedantischer Forderung erscheinen demjenigen, der — nun, sagen wir — aus einer gewissen Begeisterung für das spirituelle Leben findet, daß es notwendig sei, das ganze Sein zu durchdringen mit diesem spirituellen Leben; und dennoch: Was vielleicht in einem gewöhnlichen Fall für das gewöhnliche Leben pedantisch erscheinen möchte, es ist ein wichtiger Erziehungsgrundsatz für die höheren Welten.

Übersetzen wir daher, wenn es uns naturgemäßer scheinen sollte, mit Worten des höheren Lebens das gewöhnliche Leben zu bezeichnen, übersetzen wir das in eine möglichst für den physischen Plan taugliche Sprache! Immer wieder und wiederum muß betont werden, daß diese Dinge nicht gleichgültig, sondern bedeutungsvoll und wirksam sind. Wenn man das voraussetzt, dann kann man auch unbefangen davon reden, wie mit Bezug auf das Leben in den höheren Welten die gewöhnliche Urteilskraft an Wert verliert, wie man gewissermaßen fühlen lernt, daß die Art, wie man vorher gescheit war, jetzt aufhören müsse. Und da merkt man dann wiederum — das ist eine Erfahrung, die man immer mehr und mehr macht — seine Abhängigkeit von dem ätherischen Leben der Welt, nämlich von der Zeit. Wie leicht trifft man es gerade in unserem Zeitalter, daß Menschen — sagen wir — von einer gewissen Jugend sich an alles, alles, was in der Welt beurteilt werden kann, heranmachen und nun glauben: Ja, wenn man sich angeeignet hat eine gewisseUrteilsfähigkeit, dann kann man über alles sein Ja und Nein sagen, dann kann man über alles mögliche philosophieren. — Dieser Glaube, daß man über alles mögliche philosophieren könne, der reißt sich bei einer esoterischen Entwicklung gründlich aus der Seele heraus; denn da merkt man, daß unsere Urteile eigentlich etwas Wesenhaftes haben, das vor allen Dingen der Reifung bedarf. Man lernt erkennen, wie man mit gewissen Vorstellungen, die man in sich aufgenommen hat, einfach eine Zeitlang leben muß, so daß unser eigener Ätherleib sich mit ihnen auseinandersetzen kann, wenn man zu einem Urteil kommen will, mit dem man selber einverstanden sein kann. Man merkt, daß man es abwarten muß, zu einem gewissen Urteil zu kommen. Man merkt erst dann die ganze, volle Bedeutung des Wortes: Ausreifenlassen dasjenige, was Seeleninhalt ist. Und man wird im Grunde genommen immer bescheidener und bescheidener.

Es ist ja allerdings mit diesem Bescheidenerwerden eine so eigenartige Sache, weil man nicht immer die Waage halten kann zwischen dem Urteilenmüssen und dem Wartenkönnen auf die Reife, um über irgendeine Sache ein Urteil zu haben, weil man sich auch gerade über diese Dinge in hohem Maße täuscht und weil es eigentlich nichts Rechtes gibt als das Leben selber, das einen aufklären kann über diese Dinge. Es kann — sagen wir — bei einer Frage über irgendein Weltengeheimnis, über irgendein Weltengesetz ein Philosoph gegenübertreten einem solchen, der esoterisch bis zu einem gewissen Grade entwickelt ist. Wenn der Philosoph nur sein philosophisches Urteil fällen kann, so wird er einmal in sich den Glauben haben, daß er recht haben müsse über irgendeine Sache, und man wird begreifen, daß er diesen Glauben haben muß. Der andere wird ganz gut wissen: mit der Urteilsfähigkeit, die der Philosoph aufbringen kann, kann über die Frage überhaupt nicht entschieden werden. Denn er weiß, daß er die Vorstellungen, die der Philosoph zu einem Urteil zusammenbraut, in vergangenen Zeiten in sich aufgenommen hat, daß er sie ausreifen ließ in sich und daß ihm das erst die Möglichkeit gebracht hat, eine Anschauung zu haben über die Sache; er weiß, daß er gelebt hat mit der Sache und daß er sichdadurch reif gemacht hat zu diesem Urteil, welches er jetzt auf einer höheren Stufe der Reife fällt. Aber eine Verständigung zwischen beiden ist eigentlich ausgeschlossen, kann gar nicht unmittelbar herbeigeführt werden in vielen Fällen; nur dann kann sie herbeigeführt werden, wenn in dem Philosophen ein Gefühl auftaucht von der Notwendigkeit des Ausreifens gewisser Seeleninhalte, bis man sich über sie eine Meinung gestatten darf. Meinungen, Anschauungen — das lernt man immer mehr und mehr erkennen — müssen erkämpft, müssen errungen werden. Dafür eignet man sich eine tiefe, eine intensive Empfindung an, und das rührt davon her, weil man dieses innere Zeitgefühl bekommt, das im wesentlichen mit der Entwicklung des Ätherleibes zusammenhängt.

Ja, man merkt allmählich einen gewissen Gegensatz in der Seele heraufkommen zwischen der Art, wie man früher geurteilt hat, und wie man jetzt, nachdem man sich eine gewisse Reife in der entsprechenden Angelegenheit errungen hat, urteilt; und man merkt, wie das, was man in der Vergangenheit hat urteilen können, und das, was man jetzt urteilt, sich wie zwei Mächte gegenüberstehen, und man merkt dann eine gewisse innere Beweglichkeit des Zeitlichen in sich, man merkt, wie durch das Spätere das Frühere überwunden werden muß. Dies ist das Heraufdämmern eines gewissen Zeitgefühles im Bewußtsein, das auftritt durch das Vorhandensein innerer Kämpfe, die aber nur dadurch auftreten, daß das Spätere mit dem Früheren in einen gewissen Gegensatz kommt. Dieses ist durchaus notwendig sich anzueignen als ein inneres Zeitgefühl, als eine innere Zeitempfindung; denn daran müssen wir festhalten, daß wir das Ätherische nur erfahren lernen, wenn wir uns einen inneren Zeitbegriff aneignen.

Des weiteren wird uns das ein gewisses Erlebnis, daß wir immer das Gefühl haben: das Frühere rührt von uns selber her in unserem Urteil, in unserer Erkenntnis; das Spätere ist wie in uns eingeflossen, ist uns wie entgegengeströmt, ist uns verliehen worden. Immer deutlicher tritt das Gefühl eben hervor von dem, was schon gestern erwähnt worden ist: daß die Gescheitheit, die aus einem selber stammt, abgelöst werden muß von der Weisheit, die wie durch eineArt von Hingabe an einen aus der Zukunft entgegenfließenden Strom erworben wird. Sich erfüllt fühlen von Gedanken, im Gegensatz zu dem, was man früher getan hat, da man gelebt hat in dem Bewußtsein, man mache die Gedanken, das bezeugt den Fortschritt. Indem man immer mehr und mehr fühlen lernt, man macht nicht mehr Gedanken, sondern die Gedanken denken sich in einem, indem man dieses Gefühl hat, hat man ein Zeichen dafür, daß der ätherische Leib allmählich in sich das notwendige innere Zeitgefühl entwickelt. Alles Frühere wird den Beigeschmack des egoistisch Gemachten haben; alles das, was beim Heranreifen erlangt ist, wird den Beigeschmack haben, daß es verbrennt dasjenige, was man selber gemacht hat, daß es aufzehrt dasjenige, was man selber gemacht hat. Und so verwandelt man allmählich sein Inneres in ein ganz merkwürdiges Erleben: Man kommt immer mehr und mehr zu dem Bewußtsein davon, daß das eigene Denken, das eigene Gedankenmachen unterdrückt werden müsse, weil es etwas Minderwertiges ist, und daß das Sichhingeben an die Gedanken, die einem aus dem Kosmos zuströmen, das eigentlich Wertvolle ist.

Das Eigenleben verliert sozusagen einen seiner Teile — das ist außerordentlich wichtig —, es verliert den Teil, den wir vorzugsweise das Selbstdenken nennen, und übrig bleibt nur das Selbstfühlen, Selbstempfinden und Selbstwollen. Aber auch diese erfahren eine Veränderung gleichzeitig mit dem Denken. Man macht nicht mehr seine Gedanken, sondern sie denken sich im Innern der Seele. Mit dem Gefühl, daß die Gedanken Eigenkräfte haben, durch die sie sich denken, kommt ein gewisses Zusammenfließen von Gefühl und Wille. Gefühl — könnte man sagen — wird immer mehr und mehr aktiv, und Wille wird immer mehr und mehr gefühlsmäßig. Gefühl und Wille werden miteinander verwandter, als sie vorher auf dem physischen Plan waren. Man kann da nicht mehr einen Willensimpuls fassen, ohne daß man ein Gefühl damit entwickelt. Manches von dem, was man tut, erzeugt einem ein bitteres Gefühl, anderes erzeugt einem ein erhebendes Gefühl. Gleichzeitig mit seinem Willen fühlt man in sich ein gefühlsmäßiges Richteramt über seine eigenen Willensimpulse. Gefühle, die bloß um des Genusseswillen da sind, an denen erlebt sich allmählich, daß sie einem zu einer Art von Vorwurf gereichen; Gefühle aber, welche so empfunden werden, daß man sich sagt, man muß als Menschenseele den Schauplatz für solche Gefühle abgeben, man muß sie innerlich erleben, sonst würden sie im Weltenall nicht da sein, solche Gefühle findet man nach und nach gerechtfertigter als die anderen.

Es sei gleich ein besonderes Beispiel angeführt, und zwar ein radikales Beispiel, damit das, was gemeint ist, recht deutlich hervortreten kann. Irgend jemand — es soll damit nichts profaniert werden, sondern die Sache nur radikal ausgedrückt werden —, irgend jemand könnte so recht seine Freude haben an einer guten Mahlzeit, an einem guten Mahle. Wenn er diese Freude erlebt, so geschieht etwas mit ihm - das ist ganz zweifellos -, aber es verändert sich nicht viel im Welteninhalt, im Kosmos, ob der einzelne diese Freude an einem guten Mahle hat oder nicht; es macht das für das allgemeine Weltenleben nicht viel aus. Wenn aber jemand hernimmt das Johannes-Evangelium und liest darin nur drei Zeilen, so macht das ungeheuer viel für das ganze Weltenall aus; denn wenn zum Beispiel niemand unter den Erdenseelen das Johannes-Evangelium lesen würde, würde die ganze Erdenmission nicht erfüllt werden können: von unserer Teilnahme an solchen Dingen strahlen aus spirituell die Kräfte, welche der Erde immer neues Leben zuführen gegenüber dem, was in ihr abstirbt.

Man muß sich einen Unterschied im Erleben aneignen zwischen demjenigen, was bloß egoistisches Fühlen ist, und dem, wo wir nur den Schauplatz abgeben zu dem Erleben des Gefühls, das da sein muß für das Weltendasein. Es kann unter Umständen ein Mensch äußerlich sehr wenig tun, aber wenn er, nicht um einen persönlichen Genuß zu haben, sondern mit einer entwickelten Seele weiß, daß in seinem Gefühl die Gelegenheit gegeben wird, daß dieses Gefühl, welches für das Weltendasein wichtig ist, überhaupt vorhanden ist, so tut er damit außerordentlich viel. So sonderbar es erscheint, so sei auch noch das Folgende gesagt: Es hat einmal einen griechischen Philosophen gegeben, der Plato hieß. Es rühren von ihm Schriften her. Solange man nur auf dem physischen Planlebt mit seiner Seele, liest man diese Schriften, um sich aus ihnen zu belehren. Eine solche äußere Belehrung hat ihre Bedeutung für den physischen Plan, und es ist ganz gut, wenn man alles mögliche benutzt, um sich auf dem physischen Plane zu belehren, denn sonst bleibt man eben dumm. Die Dinge, die auf dem physischen Plane geleistet werden, sind dazu da, daß man sich aus ihnen belehrt. Wenn aber die Seele esoterisch sich entwickelt hat, dann nimmt sie — sagen wir — den Plato und liest ihn wiederum aus einem anderen Grunde: nämlich weil der Plato mit seinen Schöpfungen nur dann einen Sinn im Erdendasein gehabt hat, wenn das, was er geschaffen hat, in Seelen auch erlebt wird; und man liest dann nicht nur, um sich zu belehren, sondern man liest, weil dadurch etwas getan wird. So müssen wir uns etwas aneignen für unser Fühlen, was uns einen Unterschied erkennen läßt zwischen egoistischem Fühlen, das mehr nach der Genußseite hingeht, und unegoistischem Fühlen, welches einem erscheint wie eine spirituelle Verpflichtung. Sogar bis ins äußere Leben und in die äußerliche Lebensanschauung kann sich das hineinerstrecken. Und hier kommen wir auf einen Punkt zu sprechen, welcher — man möchte sagen — aus dem einzelnen Erleben in das soziale Erleben hineinleuchtet. Wenn derjenige, der mit den Geheimnissen der Esoterik bekannt ist, sich das äußere Weltentreiben anschaut: wie so viele Menschen die freie Zeit, die ihnen bleibt, verschwenden, statt ihre Gefühle zu veredeln in Anknüpfung an das, was dem Erdendasein aus den geistigen Schöpfungen kommt, dann möchte der, der eine esoterische Entwicklung durchgemacht hat, weinen über die Stumpfheit im Menschendasein, das vorübergeht an dem, was da ist, damit es durch menschliches Fühlen und menschliches Empfinden ströme. Und es ist auf diesem Gebiete durchaus darauf aufmerksam zu machen, daß da, wo diese Erlebnisse beginnen, schon ein gewisser feinerer Egoismus in der Menschennatur auftreten wird. Wir werden in den nächsten Vorträgen hören, wie dieser feinere Egoismus dazu angetan ist, sich selber zu überwinden; aber es tritt das durchaus zuerst wie ein feinerer Egoismus auf, und man wird während der spirituellen Entwicklung an sich erfahren können, daß eine Art höherer Genußbedürftigkeit auftritt, eine Genußbedürftigkeit gegenüber geistigen Dingen und geistigen Angelegenheiten. Und so grotesk es klingen mag, so ist es doch wahr, derjenige, der eine esoterische Entwicklung durchmacht, er sagt sich von einem bestimmten Punkte an, wenn er auch dieses Bewußtsein nicht bis zum Hochmut und zur Eitelkeit kommen lassen darf, er sagt sich: Dasjenige, was an geistigen Schöpfungen auf der Erde vorliegt, muß von mir genossen werden; es ist da, um von mir genossen zu werden. So gehört es sich. — Und man entwickelt einen gewissen Drang allmählich nach solchen geistigen Genüssen. Die Esoterik wird schon in dieser Beziehung kein Unheil stiften in der Welt; denn man kann sich versichert halten, daß, wenn solche Genußsucht gegenüber den geistigen Schöpfungen der Menschheit auftritt, diese nicht zum Nachteil sein wird.

Im Gefolge davon tritt aber noch etwas anderes auf. Man fühlt also nach und nach seinen eigenen Ätherleib gewissermaßen erwachen dadurch, daß man das eigene Denken wie etwas Minderwertiges fühlt, daß man die Gedanken, die in einen einströmen wie von dem Kosmos, von dem gottdurchwobenen Kosmos einströmen fühlt. Man fühlt immer mehr und mehr, wie Wille und Gefühl aus einem selber aufsteigen; Egoität beginnt man zu fühlen eigentlich nur noch in Wille und Gefühl, während man wie etwas, das einen mit der ganzen Welt verbindet, die Gaben der Weisheit empfindet, von denen man sich durchströmt fühlt. Und dann ist dieses Erlebnis mit einem anderen verbunden: Man beginnt diese innere Wirksamkeit von Gefühl und Willen mit innerer Sympathie und Antipathie durchwirkt zu erleben. Das Gefühl wird immer feiner und feiner dafür: Wenn du dieses oder jenes tust, so ist es eine Schande, da du ein gewisses Quantum von Weisheit doch in dir hast. — Von anderem kann man fühlen: Es ist würdig, es zu tun, da man dieses Quantum von Weisheit fühlt. - Ein im Fühlen auftretendes Erleben der Selbstkontrolle stellt sich naturgemäß ein. Ein bitteres Gefühl überkommt einen, wenn man von sich aufsteigen fühlt einen Willen, der einen drängt, dieses oder jenes zu tun, was doch nicht gerechtfertigt erscheint gegenüber der Weisheit, deren man teilhaftig geworden ist. Dieses bittere Gefühl wird am deutlichsten wahrgenommen gegenüber dem, was man gesprochen hat; und es ist gut bei dem anthroposophisch sich Entwickelnden, nicht mit Unaufmerksamkeit darüber hinwegzugehen, wie sich gerade in dieser Beziehung verfeinern kann das ganze innere Empfindungsleben. Während der Mensch des exoterischen Lebens, wenn er Worte ausgesprochen hat, wenn er dieses oder jenes gesagt hat, es auch abgetan hat, stellt sich bei demjenigen, der eine esoterische Entwicklung durchgemacht hat, ein deutliches Nachgefühl gerade gegenüber dem Gesprochenen ein: etwas wie eine innere Schande, wenn er etwas Unrichtiges in moralischer oder intellektueller Beziehung ausgesprochen hat, etwas wie eine Art von Dankbarkeit — nicht Wohlgefallen mit sich selbst —, wenn es einem gelungen ist, so etwas auszusprechen, wozu die errungene Weisheit «ja» sagen kann. Und fühlt man — man bekommt auch dafür eine feine Empfindung —, daß etwas auftaucht wie innere Selbstbefriedigung, Selbstgefälligkeit, wenn man etwas Richtiges gesagt hat, dann läßt man sich das zum Zeugnis dafür sein, daß man noch zuviel Eitelkeit in sich trägt, die nichts taugt in der Entwicklung des Menschen. Man lernt unterscheiden zwischen dem Gefühl der Befriedigung, wenn man etwas gesagt hat, womit man einverstanden sein kann, und der Selbstgefälligkeit, die nichts taugt. Man versuche dieses Gefühl nicht aufkommen zu lassen, sondern nur die Empfindung zu entwickeln gegenüber der Schande, wenn man Unrichtiges und Unmoralisches gesagt hat, und gegenüber der Dankbarkeit für die Weisheit, die einem zuteil geworden ist und die man nicht als seine eigene beansprucht, sondern als vom Weltenall geschenkt, wenn es einem gelungen ist, etwas ihr Angemessenes zu sagen.

Nach und nach empfindet man auch so gegenüber seinem eigenen Denken. Es ist ja vorhin gesagt worden: Man muß ein Mensch auf dem physischen Plane bleiben; man muß also neben dem, daß man den selbstgemachten Gedanken nicht allzuviel Wert beimißt, diese Gedanken doch machen, aber dieses Selbstdenken verwandelt sich jetzt auch, und zwar so, daß man es unter die eben charakterisierte Selbstkontrolle stellt. Bei einem Gedanken, von dem mansich sagen kann: du hast ihn gemacht und er ist angemessen der Weisheit, — bei diesem Gedanken entwickelt man ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Weisheit. Ein Gedanke, der aufsteigt als irrtümlicher, unschöner, unmoralischer Gedanke, der führt zu einem gewissen inneren Schamgefühl, und man bekommt die Empfindung: So kannst du noch sein; das ist noch möglich, daß du so viel Egoität hast, um das zu denken gegenüber dem, was schon als Weisheit in dich eingezogen ist! — Das ist ungeheuer wichtig, eine solche Art von Selbstkontrolle in seinem Inneren zu fühlen. Diese Selbstkontrolle hat noch die Eigentümlichkeit, daß sie einem nie gegeben wird durch den kritischen Verstand, sondern immer auftritt im Fühlen, im Empfinden.

Achten wir wohl darauf, meine lieben Freunde: Derjenige, der nur gescheit ist, der nur Urteilskraft in bezug auf das äußere Leben hat, kritisch ist, der kann zu dem, um was es sich handelt, niemals kommen; denn das muß im Fühlen aufkommen. Wenn es im Gefühl auftaucht, wenn man dieses Gefühl sich errungen hat, so ist es ein Gefühl, das wie aus dem eigenen Innern aufsteigt; man identifiziert sich dann mit diesem Gefühl der Scham oder Dankbarkeit und man empfindet sein Selbst verbunden mit diesem Gefühl. Und wenn ich schematisch aufzeichnen sollte, was man da erlebt, so müßte ich sagen, daß es ist, wie wenn man Weisheit von oben einströmend, von oben also einem entgegenkommend fühlte, von vorne in das Haupt einströmend und dann einen von oben nach unten ausfüllend. Dagegen empfindet man, wie einem aus dem eigenen Leib entgegenströmt etwas von Scham, so daß man sich identifiziert mit diesen Gefühlen, und sich das, was als Weisheit da ist, anspricht als etwas, was von außen gegeben ist; und man empfindet in sich eine Region, wo sich begegnet das, was jetzt das Ich ist, dieses Gefühl, und die einströmende, einem geschenkte Weisheit.

Diese Region, wo die beiden zusammenkommen, die kann man innerlich erleben. Fühlt man dieses Zusammenkommen, so ist dieses das richtige innere Erleben der ätherischen Welt. Man erlebt, wie sich hereindrängen die Gedanken aus der äußeren ätherischen Welt — denn das ist die Weisheit, die aus der äußeren ätherischen Welteinem entgegenströmt, was da hereindrängt und empfunden wird durch die beiden Gefühle. Das ist die richtig empfundene ätherische Welt, — und wenn wir sie so empfinden, steigen wir auf zu den höheren Wesen, die nur bis zu einem Ätherleib herunterkommen

Figur 2

und nicht bis zu einem physischen Menschenleib. — Dagegen kann man auch diese ätherische Welt in einer gewissen Weise unrichtig erleben. Richtig wird die ätherische Welt zwischen Denken und Fühlen erlebt, wie eben gezeigt worden ist: das Erlebnis ist also ein rein innerer seelischer Vorgang. Unrichtig kann die elementarische oder ätherische Welt erlebt werden, wenn man sie erlebt an der Grenze zwischen Atmen und unserem eigenen Ätherleib. Wenn man zu früh oder überhaupt unrichtig Atemübungen macht, so wird man allmählich ein Zeuge seines eigenen Atmungsprozesses. Mit dem Atmungsprozeß, den man dann wahrnimmt — während man sonst atmet, ohne es wahrzunehmen —, kann man sich aneignen ein wie sich selber empfindendes Atmen. Und zu diesem Empfinden kann sich gesellen ein gewisses Wahrnehmen der ätherischen Welt. Man kann sich durch alle möglichen Atmungsprozesse ein Erfahren, ein Beobachten ätherischer Prozesse aneignen, die in der Außenwelt real sind, die aber zu den niedersten äußerlichen psychischen Prozessen gehören und die einem niemals, wenn man sie zu früh erlebt, einen richtigen Begriff geben werden von der wahren geistigen Welt.

Gewiß, es kann von einem gewissen Zeitpunkt des esoterischen Übens an auch ein regulierter Atmungsprozeß eintreten; aber er muß in der richtigen Weise geführt werden. Dann kommt das zustande, daß wir die ätherische Welt wahrnehmen, wie es geschildert worden ist, an der Grenze zwischen dem Denken und Fühlen, und daß nur unterstützt wird dasjenige, was wir da kennenlernen, dadurch, daß wir auch die groben ätherischen Vorgänge kennenlernen, die sich an der Grenze der ätherischen Welt und unseres Atmungsvorganges abspielen. Denn die Sache ist so, daß es eine Welt wirklicher höherer Geistigkeit gibt; die erreichen wir durch jenen Prozeß, der beschrieben worden ist, zwischen der Weisheit und dem Fühlen; da dringen wir hinauf bis zu den Taten, welche in der ätherischen Welt die Wesen der höheren Hierarchien verrichten. Aber es gibt eine große Anzahl von allen möglichen guten und schlechten und widrigen und schauerlichen und schädlichen Elementarwesen, die, wenn wir mit ihnen zur Unzeit bekannt werden, sich uns so aufdrängen, als ob sie wirklich eine wertvolle geistige Welt wären, während sie nichts anderes sind als in einer gewissen Weise die letzten Abfallwesen der geistigen Welt. Derjenige, der in die geistige Welt eindringen will, muß ja schon auch mit diesen Wesenheiten bekannt werden; aber es ist nicht gut, zuerst mit ihnen bekanntzuwerden. Denn das Eigentümliche ist dieses, meine lieben Freunde, daß, wenn man mit diesen Wesenheiten zunächst bekannt wird, ohne den schwierigeren Weg des eigenen inneren Erlebens zu gehen, dann bekommt man eine Vorliebe für diese Wesenheiten, eine ungeheure Vorliebe für diese Wesenheiten. Und da kann es sich herausstellen, daß jemand, der auf unrichtige Weise, namentlich durch solche physische Trainierung, die man eine Änderung des Atmungsprozesses nennen kann, sich so hinauflebt in die geistige Welt, daß er gewisse Dinge beschreibt aus diesen geistigen Welten, so wie sie ihm erscheinen. Und er beschreibt sie so, daß manche Menschen sie hinnehmen als etwas außerordentlich Schönes, während sie für denjenigen, der sie im inneren Erleben wahrnimmt, Schauerliches und Ekelhaftes sein können. Diese Dinge sind durchaus möglich im Erleben der geistigen Welt.

Von anderen Vorgängen, die der Mensch als Trainierung an sich vornehmen kann und durch die er in schlimme Welten eintreten kann, braucht hier nicht die Rede zu sein, da es im allgemeinen in dem der Welt zu verkündenden Okkultismus Usus, Sitte ist, daß man von demjenigen, was der Mensch in der geistigen Welt als den Abschaum dieser geistigen Welt kennenlernt, nicht spricht. Es ist nicht notwendig, daß man in diese Welt geistig eintritt; daher ist es nicht Usus, von den Methoden, die unter den Atmungsprozeß noch hinuntergehen, zu sprechen. Schon der Atmungsprozeß, wenn er nicht in der richtigen Weise getrieben wird, führt durchaus in Abfallswesen hinein, die man allerdings kennenlernen soll, aber nicht zuerst, weil sie einem sonst durchaus eine gewisse Verliebtheit in sie abgewinnen, die man eben nicht haben soll. Einen richtigen objektiven Standpunkt gegenüber ihrem Werte wird man erst bekommen, wenn man von der anderen Seite in die geistigen Welten eingedrungen ist.

Wenn man nun beginnt, so aus sich selber gleichsam herausströmend zu fühlen Gegengefühle gegenüber der Weisheit, Schamgefühle, Dankbarkeitsgefühle, wenn einem das gleichsam aus dem eigenen Organismus heraus aufstößt, dann macht man dadurch wiederum die erste elementarste Bekanntschaft mit etwas, das dann weiter kennengelernt werden muß in der fortschreitenden okkulten Entwicklung. Wir haben gestern darauf aufmerksam gemacht, daß bei dem allmählichen Erleben des Ätherischen wir mit dem bekannt werden, was in unserem Hirnätherleib tätig ist als Amshaspands der Zarathustralehre. Für unsere Begriffe können wir auch sagen: Wir lernen da zuerst einen Begriff kennen für die wirkenden Erzengelwesen, für das, was diese Archangeloi in uns zu tun haben. Durch das, was da zurück sich staut, was da aus uns selber heraufdringt in dem Gefühl von Dankbarkeit und Scham, das einen Persönlichkeitscharakter hat, weil es aus uns herauskommt, durch das bekommen wir den ersten elementaren wahren Begriff von dem, was man Archai oder Urkräfte nennt; denn was die Urkräfte in uns wirken, das erleben wir auf diese eben geschilderte Weise in der ersten elementarsten Art. Während man sozusagen in seinem Kopfe, wenn man anfängt ätherisch zu erleben, zuerst die Archangeloi — man möchte sagen — schattenhaft erlebt in ihren Tätigkeiten, in ihren ätherischen Wirkungen, erlebt man in dem, worauf die Weisheit in einem stößt und was einen Rückschlag gibt, die mit etwas Willensartigem, aber nicht ganz Willensartigem durchströmten Ur-kräfte, die in einen eingezogen sind und die in der menschlichen Persönlichkeit mitwirken. Man bekommt dann allmählich einen Begriff davon — wenn man so fühlen lernt —, was der Okkultist meint, wenn er sagt: Auf der uralten Verkörperung unserer Erde, auf dem alten Saturn, haben gelebt sozusagen auf ihrer Menschenstufe die Urkräfte oder Geister der Persönlichkeit. Damals waren diese Urkräfte oder Geister der Persönlichkeit Menschen. Sie haben sich weiterentwickelt. Indem sie sich weiterentwickelt haben, haben sie die Fähigkeit erlangt, aus dem Übersinnlichen heraus zu wirken. Und wie entfalten sie in unserer heutigen Zeit, in unserer Erdenzeit, diese Macht, die sie sich angeeignet haben, indem ihre Entwicklung fortgeschritten ist bis zur Erde herein?

Sie haben sich die Fähigkeit erworben, aus dem Übersinnlichen an unserer eigenen Leiblichkeit, an unserer Hülle so zu arbeiten, daß sie in unserem Ätherleib Kräfte bewirken, welche so zur Erscheinung kommen, wie beschrieben worden ist. Sie haben diese Kräfte in uns hereingelenkt, und wenn wir heute fühlen: Wir sind so organisiert, daß wir in uns die charakterisierten Gefühle von Dankbarkeit und Scham entwickeln können wie einen inneren naturgemäßen Vorgang — das kann in uns zum Erleben werden —, so müssen wir sagen: Damit dies zum inneren Erlebnis werden kann, damit unser Ätherleib so pulsieren kann, damit er so reagiert auf die Weisheit, dazu haben Kräfte in ihn hineingegossen die Urkräfte, geradeso wie der Mensch selber dazu gelangen wird, einstmals bei den fernen Verkörperungen unserer Erde in andere Wesenheiten, die unter ihm stehen werden, in ihr Inneres hinein solche Fähigkeiten für eine entsprechende Hülle zu prägen. Was man über die höheren Welten wissen soll, wird eben nach und nach durch inneres Erleben erworben, wird erworben dadurch, daß wir aufsteigen, daß wir von dem physischen Erleben ins ätherische Erlebenübergehen. Auf dem alten Saturn — das sei zur Verdeutlichung dieser Dinge noch angeführt — war ja, wie Sie wissen, die Wärme sozusagen der dichteste physische Zustand, der einzige physische Zustand, zu dem es zunächst gekommen ist in der mittleren Saturnzeit. Und das, was damals — Sie können das nachlesen in meiner «Geheimwissenschaft» — als Saturnwirkungen im Physischen vorhanden war, das waren Wärme- und Kälteströmungen. Psychisch, seelisch können wir diese Wärme- und Kälteströmungen auch ansprechen dadurch, daß wir sagen: Es strömte Wärme, aber diese war strömende Dankbarkeit der Geister der Persönlichkeit, oder es strömte Kälte, und diese strömende Kälte, die nach einer anderen Richtung strömte, war strömendes Schamgefühl der Geister der Persönlichkeit. Das ist das, was wir uns allmählich aneignen müssen, daß sich uns verbindet das physische Wirken mit dem moralischen Wirken; denn je weiter wir in die höheren Welten hineingehen, desto mehr gesellen sich diese beiden Dinge zusammen, das physische Geschehen, das dann kein physisches Geschehen mehr ist, und das moralische, das dann aber mit der Macht von Naturgesetzen durch die Welt hinströmt.

Alles das, was jetzt charakterisiert worden ist als etwas, was im inneren Erleben auftritt durch den veränderten Ätherleib, das bewirkt noch ein anderes in der menschlichen Seele. Es bewirkt, daß diese menschliche Seele nach und nach anfängt, ein Unbehagen darüber zu empfinden, daß man überhaupt dieser einzelne Mensch ist, dieser einzelne persönliche Mensch ist. Das ist wichtig, daß man auch darauf achten lernt; und es ist gut, wenn man sich zum Grundsatz macht, überhaupt darauf zu achten. Je weniger man sich nämlich vor dieser Stufe der esoterischen Entwicklung angeeignet hat an Interesse für das, was die Menschen im allgemeinen angeht, an Interesse für das allgemein Menschliche, desto störender empfindet man das beim Vorwärtsdringen. Eine Seele, die ohne Interesse geblieben ist für das allgemein Menschliche und die dennoch eine esoterische Entwicklung durchmachen würde, würde sich selber immer mehr und mehr wie eine Last empfinden. Eine Seele zum Beispiel, die es vermag, hinzugehen durch die Welt mitleidlos undohne Mitfreude an dem, was eine andere Seele erfreuen und erleiden kann, eine solche Seele, die nicht gut untertauchen kann in die Seelen der anderen, die sich nicht recht hineinversetzen kann in die Seelen von anderen Menschen, eine solche Seele empfindet, wenn sie fortschreitet in der esoterischen Entwicklung, sich selber wie eine Art von Last. Wie ein schweres Gewicht schleppt man sich selber mit, wenn man, trotzdem man gleichgültig bleibt gegenüber Menschenleid und Menschenfreude, dennoch eine esoterische Entwicklung durchmacht; und man kann sicher sein, daß die esoterische Entwicklung eine äußerliche, verstandesmäßige bleibt, daß man das Geistige so aufnimmt wie die Lehren eines Kochbuches oder einer äußeren Wissenschaft, sobald man sich nicht als Last empfindet, wenn man trotz seiner Entwicklung nicht ein mitfühlendes Herz entfalten kann mit allem Menschenleid und mit aller Menschenfreude. Daher ist es so gut, wenn man seine menschlichen Interessen erweitert während seiner okkulten Entwicklung, und nichts ist eigentlich schlimmer, als wenn man nicht versucht, Verständnis sich anzueignen im Fortschritt der esoterischen Entwicklung für jede Art von Menschenfühlen und Menschenempfinden und Menschenleben. Das bedingt natürlich nicht den Grundsatz — das muß immer wieder betont werden —, daß man über alles Unrecht, das etwa in der Welt geschieht, kritiklos hinweggehen müsse; denn das wäre ein Unrecht gegenüber der Welt. Aber etwas anderes bedingt es: Während man vor seiner esoterischen Entwicklung eine gewisse Freude haben kann am Tadel irgendeines Menschenfehlers, hört dieses Freudehaben am Tadeln eines Menschen im Laufe der esoterischen Entwicklung eigentlich ganz auf. Wer kennt nicht im äußeren Leben die Spötter, die so gerne über Fehler anderer eine ganz treffende Kritik abgeben können. Nicht als ob gerade das Treffende des Urteils über Menschenfehler aufhören müßte, nicht als ob man unter allen Umständen verpönte — sagen wir — eine solche Tat, wie sie Erasmus von Rotterdam getan hat mit seinem Buche «Das Lob der Narrheit». Nein, es kann ganz berechtigt bleiben, scharf zu sein gegen die Fehler, die in der Welt geschehen; aber wer eine esoterische Entwicklung durchmacht, bei dem ist es so, daßihn jeder Tadel, den er aussprechen oder in Wirkung umsetzen muß, schmerzt und immer mehr und mehr Schmerz bereitet. Und das Leid über das Tadelnmüssen, das ist etwas, was auch wie ein Barometer der esoterischen Entwicklung auftreten kann. Je mehr man noch Freude empfinden kann, wenn man tadeln muß oder wenn man lächerlich finden muß die Welt, desto weniger ist man wirklich reif, fortzuschreiten. Und man muß schon allmählich eine Art von Gefühl dafür bekommen, daß sich in einem immer mehr ein Leben entwickelt, welches einen diese Torheiten und Fehler der Welt anschauen läßt mit einem spottenden und mit einem von Tränen erfüllten Auge, mit einem nassen und einem trockenen Auge. Dieses innerliche Gegliedertwerden, dieses Selbständigerwerden sozusagen von dem, was früher vermischt war, das gehört nun auch zu der Veränderung, die der Ätherleib des Menschen erlebt.




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