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Aus der Akasha-Forschung. Das Fuenfte Evangelium

On-line since: 6th November, 2007

AUS DER AKASHA-FORSCHUNG • DAS FÜNFTE EVANGELIUM

Kristiania (Oslo), 1. Oktober 1913
Erster Vortrag

Das Thema, über das ich in diesen Tagen zu sprechen gedenke, erscheint mir in bezug auf die heutige Zeit und auf die heutigen Verhältnisse als ein ganz besonders wichtiges. Ich möchte von vornherein betonen, daß es nicht etwa irgendeiner Sensationslust oder ähnlichen Dingen entspringt, daß das Thema gerade den Inhalt hat: Das Fünfte Evangelium. Denn ich hoffe zeigen zu können, daß in der Tat von einem solchen Fünften Evangelium in einem gewissen Sinne, und zwar in einem solchen Sinne, der uns besonders wichtig sein muß in unserer Gegenwart, gesprochen werden kann, und daß sich für dasjenige, was damit gemeint ist, in der Tat kein anderer Name besser eignet als der Name «Das Fünfte Evangelium». Dieses Fünfte Evangelium ist ja, wie Sie hören werden, in einer Niederschrift heute noch nicht vorhanden. Aber es wird gewiß in Zukunftstagen der Menschheit auch in ganz bestimmter Niederschrift vorhanden sein. In einem gewissen Sinne aber könnte man sagen, es ist dieses Fünfte Evangelium so alt wie die vier anderen Evangelien.

Damit ich aber von diesem Fünften Evangelium sprechen kann, ist es notwendig, daß wir uns heute in einer Art Einleitung verständigen über einige wichtige Punkte, die zum völligen Begreifen dessen, was wir nunmehr nennen wollen das Fünfte Evangelium, notwendig sind. Und zwar möchte ich ausgehen davon, daß ganz gewiß die Zeit nicht mehr fernliegen wird, in welcher schon in den niedrigsten Schulen, schon im primitivsten Unterricht die Wissenschaft, die man gewöhnlich die Geschichte nennt, sich etwas anders anhören wird, als sie sich bisher angehört hat. Es wird nämlich ganz gewiß — und die nächsten Tage sollen es uns gewissermaßen beweisen — , es wird ganz gewiß der Christus-Begriff, die Christus-Vorstellung, in der Geschichtsbetrachtung der Zukunft eine ganz andere, wichtigere Rolle spielen, auch schon in der elementarsten Geschichtsbetrachtung, als sie bisher gespielt hat. Ich weiß, daß ich mit diesem Satze eigentlich etwas ungeheuer Paradoxes ausspreche. Bedenken wir doch, daß wir ja zurückgehen können auf gar nicht so weit zurückliegende Zeiten, in denen unzählige Herzen in einer viel intensiveren Weise ihre Gefühle und Empfindungen zu dem Christus hinrichteten unter den einfachsten wie unter den gebildetsten Bewohnern der westlichen Länder Europas, mehr als dies heute der Fall ist. In einem ungeheuer erheblicheren Maße war das in früherer Zeit der Fall. Wer Umschau hält im Schrifttum der Gegenwart, wer nachdenkt über das, was den gegenwärtigen Menschen hauptsächlich interessiert, woran er sein Herz hängt, der wird den Eindruck haben, daß der Enthusiasmus, die Ergriffenheit der Empfindung für die Christus-Vorstellung im Abnehmen ist, insbesondere im Abnehmen da, wo man auf eine gewisse, aus der Zeit heraus folgende Bildung Anspruch macht. Da erscheint es wohl paradox, wenn, wie ich eben betont habe, diese unsere Zeit darauf hinarbeitet, daß die Christus-Vorstellung in der Betrachtung der Geschichte der Menschheit in einer nicht fernen Zukunft eine viel bedeutendere Rolle spielt, als es bisher der Fall war. Scheint das nicht ein vollkommener Widerspruch zu sein?

Nun wollen wir uns einmal von einer anderen Seite diesem Gedanken nähern. Ich habe auch hier in dieser Stadt schon öfter über die Bedeutung und den Inhalt der Christus-Vorstellung sprechen dürfen. Und in Büchern und Zyklen, die hier aufliegen, finden Sie mannigfache Ausführungen aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus über die Geheimnisse der Christus-Wesenheit und der Christus-Vorstellung. Jeder muß da die Meinung bekommen, wenn er das, was in Vorträgen, Zyklen und in unserem Schrifttum überhaupt gesagt worden ist, in sich aufnimmt, daß zu dem völligen Verstehen der Christus-Wesenheit ein starkes, großes Rüstzeug gehört, daß man die tiefsten Begriffe, Vorstellungen und Ideen zu Rate ziehen muß, wenn man sich hinaufschwingen will zum völligen Verständnis dessen, was der Christus ist und was der Impuls ist, der als Christus-Impuls durch die Jahrhunderte gegangen ist. Man könnte vielleicht sogar, wenn nicht anderes dagegen spräche, zu der Vorstellung kommen, daß man erst die ganze Theosophie oder Anthroposophie kennen muß, um sich aufzuschwingen zu einer richtigen Vorstellung von dem Christus.

Wenn wir aber absehen von dem und auf die Geistesentwickelung der verflossenen Jahrhunderte blicken, da tritt uns entgegen von Jahrhundert zu Jahrhundert dasjenige, was vorhanden ist an ausführlicher, tiefgründiger Wissenschaft, die bestimmt sein sollte, den Christus und seine Erscheinung zu begreifen. Durch Jahrhunderte hindurch haben die Menschen ihre höchsten und bedeutsamsten Ideen aufgewendet, um den Christus zu begreifen. Auch hier könnte es daraus nun scheinen, als ob nur die bedeutsamsten intellektuellen Tätigkeiten des Menschen hinreichend sein würden, um den Christus zu verstehen. Ist das in der Tat so? Daß es nicht so ist, davon kann uns eine ganz einfache Erwägung den Beweis liefern.

Legen wir einmal gleichsam auf eine geistige Waage alles dasjenige, was bisher an Gelehrsamkeit, Wissenschaft, auch an anthroposophischem Verständnis des Christus-Begriffes dazu beigetragen hat, den Christus zu begreifen. Legen wir das alles auf die eine Waagschale einer geistigen Waage und legen wir auf die andere Schale in unseren Gedanken alle die tiefen Gefühle, alle die Innigkeit in den Seelen der Menschen, die durch die Jahrhunderte zu dem sich gelenkt haben, was man den Christus nennt, und man wird finden, daß all die Wissenschaft, alle Gelehrsamkeit, selbst alle Anthroposophie, die wir aufbringen können zur Erklärung des Christus, in der Waagschale überraschend aufschnellt, und alle die tiefen Gefühle und Empfindungen, welche die Menschen hingelenkt haben zur Christus-Wesenheit, zur Erscheinung des Christus, die andere Waagschale tief, tief hinunterdrücken. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß eine ungeheure Wirkung von dem Christus ausgegangen ist, und daß das Allergeringste zu dieser Wirkung das Wissen von dem Christus beigetragen hat. Es hätte um das Christentum wahrhaftig recht schlecht gestanden, wenn die Menschen, um an dem Christus zu hängen, alle gelehrten Auseinandersetzungen des Mittelalters, der Scholastik und der Kirchenväter gebraucht hätten, oder wenn die Menschen nur bedürftig gewesen wären auch alles dessen, was wir heute durch die Anthroposophie aufbringen können zum Begreifen der Christus-Idee. Was man damit vermöchte, wäre wahrhaftig recht wenig. Ich glaube nicht, daß irgend jemand, der unbefangen den Gang des Christentums durch die Jahrhunderte hindurch betrachtet, gegen diese Gedanken etwas Ernstes einwenden könnte. Aber wir können uns diesem Gedanken noch von einer anderen Seite genauer nähern.

Lassen wir den Blick zurückschweifen auf die Zeiten, in denen es noch kein Christentum gegeben hat. Ich brauche nur zu erinnern an dasjenige, was gewiß den meisten der hier befindlichen Seelen voll gegenwärtig ist. Ich brauche nur zu erinnern, wie im alten Griechenland die griechische Tragödie, insbesondere in ihren älteren Formen, wenn sie den kämpfenden Gott oder den Menschen, in dessen Seele der kämpfende Gott wirkte, darstellte, gleichsam wie von der Bühne herunter das göttliche Walten und Weben unmittelbar anschaulich machte. Ich brauche nur hinzuweisen, wie Homer seine bedeutsame Dichtung ganz durchwoben hat mit dem Wirken des Geistigen, ich brauche nur hinzuweisen auf die großen Gestalten des Sokrates, des Plato, des Aristoteles. Mit diesen Namen tritt vor unsere Seelen ein geistiges Leben höchster Art auf einem gewissen Gebiete. Wenn wir von allem übrigen absehen und nur zu der einen Gestalt des Aristoteles hinsehen, der Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums gewirkt hat, so tritt uns entgegen, was in gewisser Weise keine Steigerung, keine Fortbildung bis in unsere Zeit erfahren hat. Das Denken, die Ausbildung der menschlichen Logik durch Aristoteles ist etwas so ungeheuer Vollkommenes auch heute noch, daß man sagen kann, es war etwas Höchstes erreicht im menschlichen Denken, so daß eine Steigerung bisher nicht geschehen ist.

Und nun wollen wir für einen Augenblick eine merkwürdige Hypothese aufstellen, die notwendig ist für die nächsten Tage. Wir wollen uns einmal vorstellen, daß es gar keine Evangelien gäbe, aus denen wir irgend etwas erfahren könnten über die Gestalt Christi. Wir wollen einmal annehmen, daß die ersten Urkunden, die der Mensch heute als Neues Testament in die Hand nimmt, gar nicht vorhanden wären, wollen uns denken, es gäbe gar keine Evangelien. Wir wollen gewissermaßen absehen von dem, was über die Gründung des Christentums gesagt ist, wollen nur den Gang des Christentums als eine geschichtliche Tatsache betrachten, wollen sehen, was geschehen ist unter den Menschen durch die nachchristlichen Jahrhunderte hindurch; also ohne die Evangelien, Apostelgeschichte, Paulusbriefe und so weiter wollen wir nur betrachten, was tatsächlich geschehen ist. Das ist natürlich nur eine Hypothese, aber sie wird uns helfen zu dem, was wir erreichen wollen. Was ist nun geschehen in den Zeiten, die verflossen sind vor und seit der Begründung des Christentums?

Wenn wir zunächst den Blick auf den Süden Europas werfen, so haben wir in einem gewissen Zeitpunkte höchste menschliche Geistesbildung, wie wir sie eben in ihrem Repräsentanten Aristoteles vor die Seele gerufen haben, hochentwickeltes geistiges Leben, das in den nachfolgenden Jahrhunderten noch eine besondere Ausbildung erfahren hatte. Ja, es gab in der Zeit, in der das Christentum seinen Weg durch die Welt zu machen begann, im Süden Europas zahlreiche griechisch gebildete Menschen, Menschen, die das griechische Geistesleben aufgenommen hatten. Wenn man bis zu jenem merkwürdigen Manne, der ein so heftiger Gegner des Christentums war, Celsus, und später noch die Entwickelung des Christentums verfolgt, so findet man im Süden Europas auf der griechischen und italienischen Halbinsel bis ins 2., 3. nachchristliche Jahrhundert Menschen mit höchster Geistesbildung, zahlreiche Menschen, die sich angeeignet haben die hohen Ideen, die wir bei Plato finden, deren Scharfsinn wirklich sich ausnimmt wie eine Fortsetzung des Scharfsinnes des Aristoteles, feine und starke Geister mit griechischer Bildung, Römer mit griechischer Bildung, die zu einer Feingeistigkeit des Griechentums das Aggressive, Persönliche des Römertums hinzufügten.

In diese Welt hinein stößt der christliche Impuls. Dazumal lebte der christliche Impuls so, daß wir sagen können, die Vertreter dieses christlichen Impulses nehmen sich wahrhaftig wie ungebildete Leute aus in bezug auf die Intellektualität, in bezug auf Wissen von der Welt, gegenüber demjenigen, was zahlreiche gebildete römisch-griechische Menschen in sich trugen. Mitten in eine Welt reifster Intellektualität schieben sich Menschen ohne Bildung hinein. Und nun erleben wir ein merkwürdiges Schauspiel: Es breiten diese einfachen, primitiven Naturen, welche die Träger des ersten Christentums sind, dieses Christentum mit einer verhältnismäßig großen Schnelligkeit im Süden Europas aus. Und wenn wir heute mit dem, was wir, sagen wir durch die Anthroposophie, über das Wesen des Christentums verstehen können, herantreten an diese einfachen, primitiven Naturen, die dazumal das Christentum ausbreiteten, so dürfen wir uns sagen: Diese primitiven Naturen verstanden von dem Wesen des Christus — wir brauchen gar nicht einmal zu denken an den großen kosmischen Christus-Gedanken, der heute durch die Anthroposophie aufgehen soll, wir können an viel einfachere Christus-Gedanken denken — , die damaligen Träger des christlichen Impulses, die sich hineinschieben in die griechische hochentwickelte Bildung, verstanden von alldem nichts. Sie hatten nichts auf den Markt des griechisch-römischen Lebens zu tragen als ihre persönliche Innerlichkeit, die sie sich als ihr persönliches Verhältnis zu dem geliebten Christus herausgebildet hatten; denn sie liebten wie ein Glied einer geliebten Familie eben dieses Verhältnis. Diejenigen, die hereintrugen in das damalige Griechen- und Römertum das Christentum, das sich bis in unsere Zeit fortgebildet hat, das waren nicht gebildete Theologen oder Theosophen, das waren nicht Gebildete. Die gebildeten Theosophen der damaligen Zeit, die Gnostiker, haben zwar zu hohen Ideen über den Christus sich erhoben, aber sie haben auch nur geben können, was wir auf die emporschnellende Waagschale legen müssen. Wäre es auf die Gnostiker angekommen, das Christentum hätte gewiß nicht seinen Siegeszug durch die Welt genommen. Es war keine besonders ausgebildete Intellektualität, die sich vom Osten hereinschob und in verhältnismäßiger Schnelligkeit das alte Griechentum und Römertum zum Sinken brachte. Das ist die Sache von der einen Seite betrachtet.

Von der anderen Seite betrachtet, sehen wir uns die intellektuell hochstehenden Menschen an, von Celsus, dem Feinde des Christentums, der damals schon alles das aufgebracht hat, was man heute noch dagegen sagen kann, bis zu dem Philosophen auf dem Throne, Mark Aurel. Sehen wir uns die feingebildeten Neuplatoniker an, die damals Ideen aufbrachten, gegen die heute die Philosophie ein Kinderspiel ist, und die unsere heutigen Ideen weit übertrafen an Höhe, an Weite des Gesichtskreises. Und sehen wir alles, was diese Geister gegen das Christentum vorzubringen hatten, und durchdringen wir uns mit dem, was diese intellektuell Hochstehenden im griechischen und römischen Geist gegen das Christentum vorzubringen hatten von dem Standpunkte der griechischen Philosophie aus, so bekommen wir den Eindruck: die alle haben den Christus-Impuls nicht verstanden. Wir sehen, das Christentum breitet sich aus durch Träger, die von dem Wesen des Christentums nichts verstehen; es wird bekämpft von einer hohen Kultur, die nichts begreifen kann von dem, was der Christus-Impuls bedeutet. Merkwürdig tritt das Christentum in die Welt, so, daß Anhänger und Gegner von seinem eigentlichen Geiste nichts verstehen. Und doch: die Kraft haben Menschen in der Seele getragen, diesen Christus-Impuls zum Siegeszuge durch die Welt zu bringen.

Und sehen wir uns diejenigen an, die selbst mit einer gewissen Größe für das Christentum eintreten, wie der berühmte Kirchenvater Tertullian. Wir sehen in ihm einen Römer, der in der Tat, wenn wir seine Sprache ins Auge fassen, fast ein Neuschöpfer der römischen Sprache ist, der mit einer Treffsicherheit neue Worte prägte, die uns eine bedeutende Persönlichkeit erkennen lassen. Wenn wir uns aber fragen: Wie steht es mit der Christus-Idee des Tertullian? — da wird die Sache anders. Da finden wir, daß er eigentlich recht wenig Intellektualität, geistige Höhe zeigt. Auch die Verteidiger des Christentums bringen nicht viel zustande. Und dennoch, sie sind wirksam, als Persönlichkeiten wirksam, solche Geister wie Tertullian, auf dessen Gründe gebildete Griechen wirklich nicht viel geben konnten. Trotzdem wirkt er hinreißend; aber durch was? Das ist es, worauf es ankommt! Fühlen wir, daß hier sich wirklich eine Frage vor die Seele stellt! Durch was wirken die Träger des Christus-Impulses denn, die selbst von dem, was der Christus-Impuls eigentlich ist, nicht viel verstehen? Durch was wirken die christlichen Kirchenväter, selbst bis auf Origenes, denen man die Ungeschicklichkeit in bezug auf das Verständnis des Christus-Impulses ansieht? Was ist es, was selbst die bis zu einer solchen Höhe gestiegene griechisch-römische Bildung nicht verstehen konnte an dem Wesen des Christus-Impulses? Was ist das alles?

Aber gehen wir weiter. Dieselbe Erscheinung tritt uns bald in einer noch schärferen Weise entgegen, wenn wir das geschichtliche Leben betrachten. Wir sehen, wie die Jahrhunderte kommen, in denen das Christentum sich ausbreitet innerhalb der europäischen Welt unter Völkern, die wie die germanischen von ganz anderen Religionsvorstellungen herkommen, welche als Völker eins sind oder wenigstens eins zu sein scheinen mit ihren religiösen Vorstellungen, und die dennoch mit voller Kraft diesen Christus-Impuls aufnahmen, wie wenn er ihr eigentliches Leben wäre. Und wenn wir uns die wirksamsten Glaubensboten in den germanischen Völkern betrachten, waren das scholastisch-theologisch gebildete Leute? Ganz und gar nicht! Es waren diejenigen, die mit verhältnismäßig primitiver Seele unter den Leuten einherzogen und in primitiver Weise, mit den allernächsten, alltäglichsten Vorstellungen zu den Leuten sprachen, aber unmittelbar ihre Herzen ergriffen. Sie verstanden die Worte so zu setzen, daß sie die tiefsten Saiten derjenigen berühren konnten, zu denen sie sprachen. Einfache Leute zogen hinaus in alle Gegenden, und gerade die wirkten am bedeutsamsten.

So sehen wir die Verbreitung des Christentums durch die Jahrhunderte hindurch. Dann aber bewundern wir, wie eben dasselbe Christentum zum Anlaß wird bedeutsamer Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie. Wir unterschätzen nicht diese Philosophie, aber heute wollen wir einmal den Blick hinwenden auf jene eigentümliche Erscheinung, daß das Christentum bis in das Mittelalter unter Völkern sich ausbreitet, die bis dahin ganz andere Vorstellungsformen in ihrem Gemüte getragen haben, so daß es bald zu ihrer Seele gehörte. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird man noch manches andere betonen, wenn man von der Ausbreitung des Christentums spricht. Wenn man von der Wirkung des christlichen Impulses spricht, kann man leicht verstanden werden dann, wenn man davon spricht, daß in einer bestimmten Zeit gleichsam die Früchte der Ausbreitung des Christentums sich so gezeigt haben, daß man sagen kann: es ging Begeisterung aus dieser Verbreitung des Christus-Impulses hervor. Aber wenn wir in die neueren Zeiten heraufkommen, da scheint abgedämpft zu werden, was wir durch das Mittelalter hindurch als sich ausbreitendes Christentum betrachten können.

Betrachten wir die Zeit des Kopernikus, die Zeit der aufkeimenden Naturwissenschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein. Es könnte so scheinen, als ob diese Naturwissenschaft, dasjenige was seit Kopernikus in das abendländische Geistesleben sich hineingearbeitet hat, dem Christentum entgegengearbeitet hätte. Äußere Tatsachen könnten das erhärten. Die katholische Kirche zum Beispiel hatte Kopernikus bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein auf dem sogenannten Index stehen. Sie hat Kopernikus als ihren Feind angesehen. Aber das sind äußere Dinge. Das hinderte doch nicht, daß Kopernikus ein Domherr war. Und wenn die katholische Kirche Giordano Bruno auch verbrannt hat, so hinderte das nicht, daß er ein Dominikaner war. Sie beide sind eben aus dem Christentum heraus zu ihren Ideen gekommen. Sie haben aus dem christlichen Impulse heraus gehandelt. Derjenige versteht die Sache schlecht, der sich auf dem Boden der Kirche halten und glauben wollte, daß das nicht Früchte des Christentums gewesen wären. Es wird durch die angeführten Tatsachen nur bewiesen, daß die Kirche die Früchte des Christentums sehr schlecht verstanden hat; sie brauchte bis ins 19. Jahrhundert hinein Zeit, um einzusehen, daß man die Ideen des Kopernikus nicht durch den Index unterdrücken kann. Derjenige, der die Dinge tiefer sieht, wird doch anerkennen müssen, daß alles, was die Völker getan haben auch in den neueren Jahrhunderten, ein Resultat, ein Ergebnis des Christentums ist, daß sich durch das Christentum der Blick der Menschen hinausgewendet hat von der Erde in die Himmelsweiten, wie es durch Kopernikus und Giordano Bruno geschehen ist. Das war nur innerhalb der christlichen Kultur und durch den christlichen Impuls möglich.

Und für denjenigen, der das geistige Leben nicht an der Oberfläche, sondern in den Tiefen betrachtet, für den ergibt sich etwas, das, wenn ich es jetzt ausspreche, recht paradox erscheinen wird, aber dennoch richtig ist. Für eine solche tiefere Betrachtung erscheint es nämlich unmöglich, daß ein Haeckel entstanden wäre so, wie er dasteht in aller seiner Christus-Gegnerschaft, ohne daß er entstanden wäre aus dem Christentum heraus. Ernst Haeckel ist ohne die Voraussetzung der christlichen Kultur gar nicht möglich. Und die ganze neuere naturwissenschaftliche Entwickelung, wenn sie sich auch noch so sehr bemüht, Gegnerschaft des Christentums zu entwickeln, alle diese neuere Naturwissenschaft ist ein Kind des Christentums, eine direkte Fortsetzung des christlichen Impulses. Die Menschheit wird, wenn erst die Kinderkrankheiten der neueren Naturwissenschaft ganz abgestreift sind, schon einsehen, was das bedeutet, daß der Ausgangspunkt der neueren Naturwissenschaft, konsequent verfolgt, wirklich in die Geisteswissenschaft hineinführt, daß es einen ganz konsequenten Weg gibt von Haeckel in die Geisteswissenschaft hinein. Wenn man das begreifen wird, wird man auch einsehen, daß Haeckel ein durch und durch christlicher Kopf ist, wenn er auch selber nichts davon weiß. Die christlichen Impulse haben nicht nur hervorgebracht, was sich christlich nennt und nannte, sondern auch dasjenige, was wie eine Gegnerschaft gegen das Christentum sich geriert. Man muß die Dinge nicht nur auf ihre Begriffe hin untersuchen, sondern auf ihre Realität hin, dann kommt man schon zu dieser Erkenntnis. Aus der darwinistischen Entwickelungslehre führt, wie Sie in dem kleinen Schriftchen von mir über «Reinkarnation und Karma» sehen können, ein gerader Weg zu der Lehre der wiederholten Erdenleben.

Um aber auf dem richtigen Boden zu stehen in bezug auf diese Dinge, muß man in einer gewissen Weise das Walten der christlichen Impulse unbefangen beobachten können. Derjenige, der den Darwinismus, den Haeckelismus versteht, und der selber ein wenig durchdrungen ist von dem, wovon Haeckel noch gar nichts weiß — Darwin aber wußte noch manches — , daß diese beiden Bewegungen nur als christliche Bewegungen möglich waren, wer das versteht, kommt ganz konsequent zu der Reinkarnationsidee. Und wer zu Hilfe ziehen kann eine gewisse hellseherische Kraft, der kommt auf diesem Wege ganz konsequent zu dem geistigen Ursprung des Menschengeschlechts. Es ist zwar ein Umweg, aber, wenn Hellsichtigkeit hinzukommt, ein richtiger Weg von dem Haeckelismus zu der geistigen Auffassung des Erdenursprungs. Aber auch der Fall ist denkbar, daß man den Darwinismus nimmt, wie er heute sich darbietet, ohne aber durchdrungen zu sein von den Lebensprinzipien des Darwinismus selbst; mit anderen Worten: wenn man den Darwinismus aufnimmt als einen Impuls und nichts in sich fühlt von einem tieferen Verständnis des Christentums, das doch im Darwinismus liegt, dann kommt man zu etwas sehr Eigentümlichem. Dazu kann man kommen, daß man durch solche geistige Beschaffenheit der Seele gleich wenig vom Christentum und vom Darwinismus versteht. Man kann dann von dem guten Geiste des Christentums ebenso verlassen sein wie von dem guten Geiste des Darwinismus. Hat man aber den guten Geist des Darwinismus, dann mag man noch so materialistisch sein, dann kommt man immer weiter zurück in der Erdengeschichte bis auf den Punkt, wo man erkennt, daß der Mensch niemals aus niederen Tierformen sich herausentwickelt hat, daß er einen geistigen Ursprung haben muß. Man kommt zurück auf den Punkt, wo man den Menschen als geistiges Wesen gleichsam schwebend über der Erdenwelt schaut. Der konsequente Darwinismus wird dazu führen. Ist man aber von seinem guten Geiste verlassen, dann kann man glauben, wenn man zurückgeht und ein Anhänger der Reinkarnationsidee ist, man habe einmal selber als Affe gelebt auf irgendeiner Inkarnation der Erde selbst. Wenn man das glauben kann, dann muß man sowohl von dem guten Geiste des Darwinismus als auch des Christentums verlassen sein, dann muß man von beiden nichts verstehen. Denn niemals könnte einem konsequenten Darwinismus passieren, das zu glauben. Das heißt, man muß in ganz äußerlicher Weise die Reinkarnationsidee übertragen auf diese materialistische Kultur. Denn man kann den modernen Darwinismus gewiß seiner Christlichkeit entkleiden. Tut man das nicht, so wird man finden, daß bis in unsere Zeit hinein die darwinistischen Impulse aus dem Christus-Impuls geboren worden sind, daß die christlichen Impulse auch da wirken, wo man sie verleugnet. So haben wir nicht nur die Erscheinung, daß das Christentum sich in den ersten Jahrhunderten abgesehen von der Gelehrsamkeit und dem Wissen der Anhänger und Bekenner ausbreitet, daß es sich ausbreitet im Mittelalter so, daß höchst wenig dazu beitragen können die gelehrten Kirchenväter und die Scholastiker, sondern wir haben in unserer Zeit die noch paradoxere Erscheinung, daß das Christentum wie in seinem Gegenbilde im Materialismus unserer heutigen Naturwissenschaft erscheint, und alle Größe, alle ihre Tatkraft doch aus den christlichen Impulsen hat. Die christlichen Impulse, die in ihr liegen, werden diese Wissenschaft von selbst über den Materialismus hinausführen.

Sonderbar ist es mit den christlichen Impulsen! Intellektualität, Wissen, Gelehrsamkeit, Erkenntnis scheinen gar nicht dabei zu sein bei der Ausbreitung dieser Impulse. Ganz etwas anderes scheint ihre Ausbreitung in der Welt zu bedingen. Man möchte sagen, das Christentum breitet sich aus, was auch die Menschen für oder dagegen denken, ja sogar so, daß es wie in ein Gegenteil verkehrt im modernen Materialismus erscheint. Was breitet sich denn da aus? Die christlichen Ideen sind es nicht, die christliche Wissenschaft ist es nicht. Man könnte noch sagen, das moralische Gefühl breitet sich aus, das durch das Christentum eingepflanzt worden ist. Aber man sehe nur an das Walten der Moral in diesen Zeiten, und man wird mancherlei berechtigt finden von dem, was aufgezählt werden kann an Wut der Vertreter des Christentums gegen wirkliche oder vermeintliche Gegner des Christentums. Auch die Moral, die walten konnte in den Seelen, die intellektuell nicht hoch gebildet sind, wird uns nicht sehr imponieren können, wenn wir sie ins Auge fassen auch da, wo sie wirklich am christlichsten denkt. Was breitet sich denn da aus? Was ist dieses Sonderbare? Was ist es, was im Siegeszuge durch die Welt geht? Fragen wir darüber nun die Geisteswissenschaft, das hellsichtige Bewußtsein! Was waltete in den ungebildeten Menschen, die sich von Osten nach Westen hineinschieben in das hochgebildete Griechen- und Römertum? Was waltet in den Menschen, die in die germanische, in die fremde Welt das Christentum hineingetragen haben? Was waltet in der modernen materialistischen Naturwissenschaft, wo die Lehre ihr Angesicht gleichsam noch verhüllt? Was waltet in all diesen Seelen, wenn es nicht intellektuelle, nicht einmal moralische Impulse sind? Was ist es denn? — Es ist der Christus selbst, der von Herz zu Herz, von Seele zu Seele zieht, der durch die Welt ziehen und wirken kann, gleichgültig, ob die Seelen ihn verstehen oder nicht durch diese Entwickelung im Laufe der Jahrhunderte!

Wir sind gezwungen, von unseren Begriffen, von aller Wissenschaft abzusehen und auf die Realität hinzuweisen, zu zeigen, wie geheimnisvoll der Christus selber wandelt in vielen tausenden Impulsen, Gestalt annehmend in den Seelen, in viele Tausende und aber Tausende untertauchend und die Menschen erfüllend durch die Jahrhunderte. In den einfachen Menschen ist es der Christus selbst, der über die griechische und italische Welt schreitet, der nach Westen und nach Norden hin immer mehr Menschenseelen ergreift. Bei den späteren Lehrern, die den germanischen Völkern das Christentum bringen, ist es der Christus selbst, der ihnen zur Seite wandelt. Er ist es, der wirkliche, wahrhaftige Christus, der auf der Erde waltet wie die Seele der Erde selber, der von Ort zu Ort, von Seele zu Seele zieht und, ganz gleichgültig was die Seelen über den Christus denken, in diese Seelen einzieht. Einen trivialen Vergleich möchte ich gebrauchen: Wie viele Menschen gibt es, die gar nichts verstehen von der Zusammensetzung der Nahrungsmittel und die sich doch nähren nach allen Regeln der Kunst. Es wäre doch eigentlich zum Verhungern, wenn man die Nahrungsmittel kennen müßte, bevor man sich nähren könnte. Das Sich-nähren-Können hat nichts zu tun mit dem Verständnis der Nahrungsmittel. So hatte die Ausbreitung des Christentums über die Erde hin nichts zu tun mit dem Verständnis, das man dem Christentum entgegenbrachte. Das ist das Eigentümliche. Da waltet ein Geheimnis, das nur dadurch aufgeklärt werden kann, daß man die Antwort gibt auf die Frage: Wie waltet der Christus selber in den menschlichen Gemütern? Und wenn nun die Geisteswissenschaft, die hellseherische Betrachtung, sich diese Frage stellt, dann wird sie zunächst auf ein Ereignis gelenkt, das im Grunde nur durch die hellseherische Betrachtung wirklich enthüllt werden kann, das äußerlich in der Tat in vollem Einklänge steht mit allem, was ich heute gesprochen habe. Eines werden wir sehen, was in der Zukunft immer mehr wird verstanden werden müssen: Die Zeit ist vorüber, in welcher der Christus so gewirkt hat, wie ich eben charakterisiert habe, und die Zeit ist gekommen, wo die Menschen den Christus werden verstehen müssen, erkennen müssen.

Deshalb ist es notwendig, auch die Frage sich zu beantworten, warum unserer Zeit die andere vorausgegangen ist, in der sich der Christus-Impuls ausbreiten konnte, ohne daß das Verständnis dazu notwendig war, ohne daß die Menschen mit ihrem Bewußtsein dabei waren. Ein Ereignis war es, wodurch dieses möglich war! Und das Ereignis, zu dem das hellseherische Bewußtsein weist, ist das sogenannte Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Daher war es, daß zuerst der hellseherische Blick, der angeregt worden ist durch den wirklichen Christus-Impuls im anthroposophischen Sinne, hingelenkt wurde auf dieses Pfingstereignis, die Aussendung des Heiligen Geistes. Hellseherisch betrachtet ist es das Pfingstereignis, was sich zuerst der Untersuchung darbietet, die von einem gewissen Gesichtspunkte aus geführt wird.

Was geschah in jenem Augenblick der Weltentwickelung auf der Erde, der uns ziemlich unverständlich zunächst als das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Apostel dargestellt wird? Wenn man den hellseherischen Blick darauf hinwendet, untersucht, was da eigentlich geschehen ist, dann bekommt man eine geisteswissenschaftliche Antwort darauf, was gemeint ist damit, daß gesagt wird: Einfache Leute, wie ja auch die Apostel waren, fingen plötzlich an, in verschiedenen Zungen zu sprechen, was sie aus den Tiefen des geistigen Lebens heraus zu sagen hatten, und was man ihnen nicht zumutete. Ja, dazumal fingen das Christentum, die christlichen Impulse an, sich so auszubreiten, daß sie unabhängig wurden von dem Verständnis der Menschen, in deren Gemütern sie sich ausbreiteten.

Von dem Pfingstereignis aus ergießt sich dann der Strom der Christus-Kraft über die Erde hin, der charakterisiert worden ist. Was ist denn das Pfingstereignis gewesen? Diese Frage trat an die Geisteswissenschaft heran, und mit der Antwort auf diese Frage, mit der geisteswissenschaftlichen Antwort auf die Frage: Was war das Pfingstereignis? — beginnt das Fünfte Evangelium, und damit wollen wir morgen unsere Betrachtungen fortsetzen.




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