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Aus der Akasha-Forschung. Das Fuenfte Evangelium

On-line since: 6th November, 2007

DAS FÜNFTE EVANGELIUM

Hamburg, 16. November 1913

Es obliegt mir jetzt, zu sprechen von Dingen, die sich im Verlaufe unseres anthroposophischen Lebens ergeben haben, von den geisteswissenschaftlichen Forschungen, die aus der Akasha-Chronik gewonnen sind und sich beziehen auf das Jesus-Leben. In Kristiania habe ich schon einiges zusammengestellt über das Christus Jesus-Leben. Auch in anderen Städten habe ich verschiedenes mitgeteilt, und zu Ihnen will ich auch einiges sprechen, und zwar aus bestimmten Gesichtspunkten. Im allgemeinen betone ich, daß es nicht leicht wird, darüber zu sprechen, denn direkte Ergebnisse werden in der Gegenwart noch recht übel vermerkt, wenn auch allgemein zugegeben wird, daß es einen Geist gibt, von dem man abstrakt spricht. Wenn man aber konkrete Mitteilungen aus dem Gebiete der geistigen Entwickelung der Welt gibt, findet man nicht nur gutmütige Kritiker, sondern wildgewordene, so wie es war bei der Mitteilung über die zwei Jesusknaben, die für den objektiv Denkenden sehr einleuchtend ist. Deshalb bitte ich, die heutigen Mitteilungen pietätvoll zu behandeln, weil sie, wenn außerhalb unserer Zusammenhänge dargestellt, mißverstanden werden und üble Gegnerschaft erfahren könnten.

Aber es gibt auch Gesichtspunkte, nach denen man sich verpflichtet fühlt, diese Dinge mitzuteilen. Der eine Gesichtspunkt ist der, daß wahrhaftig in unserer Zeit notwendig ist eine Erneuerung des Christus Jesus-Verständnisses, ein erneuertes Hineinblicken in das, was eigentlich in Palästina geschehen ist, was als Mysterium auf Golgatha sich vollzog. Aber noch einen anderen Gesichtspunkt gibt es. Dieser ist der, daß gerade okkulte Einsicht verwoben sei mit der ganzen Gesinnung, die aus der Geisteswissenschaft fließt, und die uns die Erkenntnis bringt, wie unendlich gesundende und kräftigende Nahrung für die Menschenseelen es ist, wenn sie öfter denken können an das, was sie als zu den größten Ereignissen zugehörig betrachten können. Es kann diesen Seelen eine Hilfe sein, sich zu erinnern an das Mysterium von Golgatha, an die konkreten Dinge, an das, was man im einzelnen heute noch erforschen kann. Und man kann heute mit okkultem Blicke die Dinge noch erforschen. So möchte ich den seelischen Wert der Erinnerung an solche Ereignisse betonen und möchte auf einiges eingehen, was sich aus der Akasha-Chronik ergibt als eine Art Evangelium, als Fünftes Evangelium. Die vier anderen sind auch nicht gleichzeitig geschrieben; sie sind geschrieben aus Inspiration durch die Akasha-Chronik. Wir leben heute in einem Zeitalter, wo sich das Christus Jesus-Wort erfüllt: «Ich bin bei euch alle Tage.» In besonderen Zeiten steht er uns ganz besonders nahe, spricht Neues aus, was sich vollzogen hat zur Zeit des Mysteriums von Golgatha.

Heute will ich von dem sprechen, was man das Pfingstereignis nennt. Es war für mich selber der Ausgangspunkt des Fünften Evangeliums. Den Blick wendete ich zuerst in die Seelen der Apostel und Jünger, die nicht nur nach der Tradition, sondern wirklich versammelt waren zu dem Zeitpunkte des Pfingstfestes. Da sah man, daß etwas in ihren Seelen war, was sie empfanden wie ein merkwürdiges Zusichkommen. Denn sie wußten etwas, was mit ihnen vorgegangen war. Sie sagten sich: Wir haben etwas erlebt auf eine merkwürdige Weise. — Denn sie sahen zurück auf Erlebnisse, die sie wie in einem höheren Traume, in einem anderen Bewußtseinszustand durchgemacht hatten. In höherem Sinne war es so, wie es in niedrigem Sinne ist für den einzelnen Menschen, wenn er träumend etwas erlebt hat und sich daran erinnert und sich sagt: Ich habe diesen Traum durchgemacht und jetzt hinterher wird er mir vor dem Wachbewußtsein klar. — So war es auch auf dem Pfingstfeste, daß sie sich sagten: Es war ja, als wenn das gewöhnliche Bewußtsein eingeschläfert gewesen wäre. — Es tauchten die Ereignisse wie in der Erinnerung auf, von denen sie wußten, sie hatten sie erlebt, aber sie hatten sie nicht mit dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein erlebt. Das wußten sie jetzt. So erinnerten sie sich jetzt: Wir sind einstmals herumgewandelt mit dem, der uns so teuer, so lieb und wertvoll war. Dann, zu einem bestimmten Zeitpunkte war es, wie wenn er uns entrückt worden wäre. Es kam ihnen vor, als ob die Erinnerung abriß an das Herumgehen mit Jesus auf dem physischen Plane, und wie wenn sie das Folgende wie traumwandelnd erlebt hätten.

Sie erlebten zurückgehend das, was man in der evangelischen Lehre als die Himmelfahrt beschreibt, und weiter zurückgehend erlebten sie, wie sie zusammen waren mit Christus Jesus in einer bestimmten Weise. Sie wußten jetzt: Wir waren zusammen, wir waren damals aber wie träumwandelnd; jetzt erst können wir voll wissen, wie wir mit ihm zusammen waren. — Sie erlebten die Zeit, die sie nach der Auferstehung mit ihm wie traumwandelnd durchgemacht hatten. Das erlebten sie jetzt in der Erinnerung. Dann ging es zurück und sie erlebten selber das, was die Auferstehung und der Tod am Kreuz war. Da darf ich sagen: Es gibt einen ungeheuren, tiefgehenden Eindruck, wenn man so zuerst sieht, wie am Pfingstfeste die Seelen der Apostel zurückschauend hinblicken auf das Ereignis von Golgatha. Und ich gestehe, daß ich zuerst den Eindruck hatte, nicht direkt hinblickend auf das Mysterium von Golgatha, sondern schauend in den Seelen der Apostel, wie sie es gesehen hatten, vom Pfingstfeste hin schauend: sie hatten es ja tatsächlich nicht mit dem physischen Auge durchgemacht, nicht im physischen Bewußtsein miterlebt, sondern sie kamen erst hinterher darauf, daß das Mysterium von Golgatha da war, denn ihr physisches Bewußtseinserlebnis hörte auf schon eine Zeitlang, bevor der Christus Jesus all das, was als Geißelung, Dornenkrönung und Kreuzigung beschrieben wird, durchzumachen hatte. Wenn der Ausdruck nicht mißverstanden wird, weil er im Verhältnis trivial ist, so möchte ich ihn doch gebrauchen: verschlafen, verträumt hatten die Jünger das, was geschehen war.

Es war ergreifend, zu sehen, wie zum Beispiel Petrus das vollbringt, was als Verleugnung geschildert wird. Er verleugnet Christus, aber nicht aus einem moralischen Defekt heraus, sondern wie traumwandelnd ist er. Vor seinem gewöhnlichen Bewußtsein steht tatsächlich der Zusammenhang mit Christus nicht da. Er wird gefragt: Gehörst du zu Christus Jesus? — Er weiß es in diesem Momente nicht, denn sein ätherischer Leib hatte eine solche Verwandlung durchgemacht, daß er den Zusammenhang in diesem Moment nicht kennt. Er macht die ganze Zeit durch und wandelt mit dem Auferstandenen herum. Das, was der Auferstandene in seiner Seele bewirkt, dringt tief in seine Seele ein, aber bewußt wird es erst am Pfingstfeste in der Rückschau. Jetzt tönen einem die bedeutungsvollen Worte, die Christus Jesus spricht, anders in der Seele, die Worte, die er zu Petrus und Jakobus spricht, wie er sie mitnimmt auf den Berg: «Wachet und betet!» Und tatsächlich verfielen sie in eine Art von anderem Bewußtseinszustand, in eine Art von Traum-Trance.

Wenn sie unter sich beisammen waren und berieten, war auch Christus Jesus, ohne daß sie es wußten, im ätherischen Leibe unter ihnen, und er redete mit ihnen und sie mit ihm, aber bei ihnen geschah das alles wie im Traumwandel. Zum bewußten Ereignis wurde es erst am Pfingstfeste in der Rückschau. Zuerst wanderten sie mit, dann entschwindet das Bewußtsein und nachher wachen sie wieder auf. Sie dachten: Zuerst ging er zum Kreuzestod und starb am Kreuze, dann vollzog sich das, was die Auferstehung ist, und er kam wieder in seinem Geistleibe, verhandelte mit uns und ließ in unsere Seelen träufeln die Geheimnisse der Welt. Jetzt wird uns das alles Vorstellung, was wir in dem anderen Bewußtseinszustand erlebt haben.

Vor allem sind zwei Eindrücke tief bedeutsam. Da sind die Stunden vor dem Tode. Selbstverständlich liegt es nahe, allerlei naturwissenschaftliche Einwände zu machen; aber wenn Sie sich vorstellen, daß, indem man auf die Akasha-Chronik den Blick hinrichtet, die Ereignisse objektive Wirklichkeit sind, so darf man sie erzählen. Zunächst stellt sich eines dar. Vor dem Tode schaut man ein stundenlanges Sich-Ausbreiten einer Verfinsterung über die Erde, die für den hellseherischen Blick den Eindruck einer Sonnenfinsternis macht; es kann aber auch eine Wolkenverfinsterung gewesen sein. Dann kann man wahrnehmen, wie beim Sterben am Kreuze der Christus-Impuls, durch diese Finsternis hindurchgehend, sich mit der Erdenaura verbindet. Die Verbindung des kosmischen Christus-Impulses mit der Erdenaura schaut man bei dieser Verfinsterung vor seinem Tode. Dann hat man jenen großen, gewaltigen Eindruck, wie diese Wesenheit, die im Leibe des Jesus gelebt hat, jetzt sich ausgießt über die geistig-seelische Erdenaura, so daß die Seelen der Menschen nun fortan wie in sie eingezogen sind. So im Geiste zu schauen das Kreuz auf Golgatha, und den Christus durch die verfinsterte Erde sich ausgießen sehen über das Erdenleben, ist ein ungeheuer überwältigender Eindruck; denn man sieht im Bilde das wirklich sich vollziehen, was für die Entwickelung der Erdenmenschheit sich vollziehen mußte.

Und nun die Grablegung: Da kann man natürlich verfolgen — ich habe das schon im Karlsruher Zyklus erwähnt — , wie sich ein Naturereignis als äußerer Ausdruck des geistigen Ereignisses darstellt. Als Christus im Grabe lag, kam ein gewaltiges Erdbeben mit einem Wirbelwinde über die Erde. Da war es ganz besonders bedeutsam, daß sich herausstellte auch durch Betrachtung der Akasha-Chronik, was wir heute das Fünfte Evangelium nennen: daß nach dem Wirbelwind die Tücher im Grabe lagen, wie es im Johannes-Evangelium treu geschildert ist. Was ich jetzt geschildert habe, das haben die Apostel, rückwärtsschauend, in ihren eigenen Begegnungen mit Christus nach der Auferstehung, als Mysterium von Golgatha erlebt. Am Pfingstfeste haben sie das, was sie wie traumwandelnd durchgemacht hatten, 2uerst erlebt für ihr Bewußtsein.

Christus Jesus war, als er das Mysterium von Golgatha vollbracht hat, wirklich allein, denn seine Jünger waren nicht nur weggeflohen; es war ihnen auch das Bewußtsein entflohen. Sie waren in einer Art Traumzustand und erlebten die Ereignisse so, daß sie erst am Pfingstfeste im vollen Bewußtsein eine Rückschau hatten. Auf eine eigentümliche Weise erlebten sie diese Zusammenkunft mit Christus nach der Auferstehung, so daß sie folgendes in Bildern sahen: Da und dort waren wir mit ihm, er hat gesprochen; das wird uns jetzt erst klar. — Nun erlebten sie aber etwas Merkwürdiges. Sie sahen die Bilder ihrer Erlebnisse mit Christus so wieder, wie es ihrem Zusammensein nach der Auferstehung entsprach. Aber so war es ihnen, wie wenn sich immer in Abwechslung ein anderes zeigte: Immer zeigte sich ein Bild, das ihnen eine Erinnerung gab an ein physisches Zusammensein, das sie wie in Traum-Trance erlebt hatten. Aber immer zwei Ereignisse stellten sich ihnen dar: ein Zusammensein nach der Auferstehung und ein Zusammensein, bevor sie in Trance verfallen waren, da sie noch im physischen Leibe mit Christus zusammen waren, für das physische Bewußtsein erkennbar. Wie zwei übereinandergelagerte Bilder erschienen ihnen die Ereignisse. Das eine zeigte eine Erinnerung an ein physisches Ereignis, das andere ein Wiedererwachen dessen, was sie in einem anderen Bewußtseinszustande mit Christus durchgemacht hatten. Durch dieses Übereinanderfallen zweier Bilder wurde ihnen klar, was eigentlich in der Zeit sich vollzogen hatte. Was für die Erdenentwickelung sich vollzogen hatte, das stand am Pfingstfeste für sie deutlich da. Wenn man schildern will, was sie durchmachten, so wird man vor zwei grandiose und tiefe Ereignisse gestellt. Was sich zugetragen hatte, das stand vor ihrer Empfindung, ausgelöst durch das Pfingstereignis. Daß aber dasjenige, was früher im Kosmos war, jetzt auf Erden ist, das stellte sich ihnen dar. Es wird uns das alles erst klar, wenn man es in der Akasha-Chronik vor Augen hat.

Gehen wir aus von den Erlebnissen, die der Mensch hat. Der Mensch erlebt zunächst, bevor er zu einer neuen irdischen Inkarnation herabsteigt, geistige Tatsachen. Er macht dann den Keimzustand und die Geburt durch, geht durch den materiellen Leib in das physische Erdenleben über und kehrt endlich in die geistige Welt zurück. So ist seine Seelenentwickelung. Für jedes Wesen sind diese Stufen andere. Wir wollen versuchen, sie auf das Christus-Wesen zu übertragen.

Christus macht in anderer Weise seine Zustände durch. Von der Taufe bis zum Mysterium von Golgatha ist eine Art Keimzustand da. Das Sterben am Kreuz ist die Geburt, das Leben mit den Aposteln nach der Auferstehung ist ein Wandern auf der Erde. Der Übergang in die Erdenaura hinein ist das, was für die Menschenseele der Übergang in die geistige Welt ist. Genau das Umgekehrte tritt für Christus auf. Das Umgekehrte sucht er sich für sein Schicksal. Die Menschenseele geht von der Erde in die geistige Welt, der Christus geht aus der Geisteswelt in die Erdensphäre hinein, vereinigt sich mit der Erde, um in die Erdenaura überzugehen durch das große Opfer. Das ist der Übergang des Christus zum Devachan. Und jetzt in der Erdenaura lebt der Christus sein selbsterwähltes Devachan. Der Mensch steigt von der Erde in den Himmel; der Christus steigt umgekehrt vom Himmel zu der Erde nieder, um mit den Menschen zu leben. Das ist sein Devachan.

Daß der Gott also in sein irdisches Dasein eingezogen ist, das trat im Bilde der Himmelfahrt, eigentlich der Erdenfahrt, den Aposteln und Jüngern beim Pfingstfeste vor den Geist als eines der letzten Ereignisse. Damit war ihren Empfindungen klar, was geschehen war, was für ein Los der Erdenentwickelung gefallen war. Es fühlten sich beim Pfingstfeste die Apostel verwandelt und mit einem neuen Bewußtsein erfüllt: das war das Herabkommen des Geistes, das innere Aufleuchten einer geisterfüllten Erkenntnis.

Man kann selbstverständlich den Menschen erscheinen wie ein Schwärmer oder Träumer, wenn man diese Ereignisse erzählt, aber es ist ja auf der anderen Seite begreiflich, daß nichts Gewöhnliches ausdrücken können die großen Ereignisse, die im Erdenleben geschehen sind. Dann erblickten die Jünger rückwärtsschauend, jetzt erst verstehend, das dreijährige Leben des Christus Jesus von der Johannestaufe bis zum Mysterium von Golgatha. Über dieses Leben möchte ich einige Andeutungen machen.

Ausgehen möchte ich von einer Schilderung der Ereignisse, wie sie sich dem die Akasha-Chronik Beobachtenden darstellen. Vor der Johannestaufe im Jordan, da fällt der Geistesblick auf ein Ereignis ganz besonderer Art in das Leben des Jesus hinein, in welches der Christus sich noch nicht ergossen hatte. Da hatte Jesus in seinem dreißigsten Jahre ein Gespräch mit seiner Stief- oder Ziehmutter. Von seinem zwölften Jahre an war er nicht bei seiner leiblichen Mutter, aber es hatte sich ein immer tieferes Band des Jesus zu der Stiefmutter herausgebildet. Die Erlebnisse des Jesus von seinem zwölften bis achtzehnten, bis vierundzwanzigsten, bis dreißigsten Jahre habe ich auch schon erzählt. Es waren tiefgehende Ereignisse. Hier möchte ich anknüpfen an ein Ereignis, welches stattfand vor der Johannestaufe. Es ist ein Gespräch mit der Ziehmutter. Es war ein Gespräch, in welchem Jesus von Nazareth der Mutter gegenüber alles durch seine Seele ziehen ließ, was er vom zwölften Jahre an erlebt hatte. Da konnte er jetzt, so daß seine Worte durchdrungen waren von tiefen, gewaltigen Empfindungen, erzählen, was er, eigentlich im Grunde genommen mehr oder weniger einsam, in seiner Seele erlebt hatte. Er erzählte es anschaulich und eindringlich. Er sprach davon, wie in diesen Jahren, von seinem zwölften bis zum achtzehnten, wie eine Erleuchtung in seine Seele die hohen Gotteslehren eingezogen seien, die einstmals den hebräischen Propheten geoffenbart worden waren. Denn das war es, was in der Zeit von seinem zwölften bis achtzehnten Jahre wie eine Inspiration über Jesus gekommen war. Angefangen hatte es, als er sich im Tempel unter den Schriftgelehrten befunden hatte. Es war eine Inspiration, wie sie in den großen alten Urzeiten den Propheten einstmals geoffenbart wurde. Es hatte sich ereignet, daß er Schmerzen leiden mußte unter dem Eindruck dieser inneren Erkenntnisse. Tief hatte es sich in seiner Seele abgelagert: die alten Wahrheiten wurden dem hebräischen Volke gegeben zu einer Zeit, da ihre Leiber so geartet waren, daß sie es verstehen konnten. Nun aber waren ihre Leiber nicht mehr wie zur Zeit der alten Propheten geeignet, das aufzunehmen.

Ein Wort muß ausgesprochen werden, welches das ungeheuer schmerzliche Erlebnis im Leben Jesu charakterisiert; abstrakt trokken muß man es sagen, obgleich es ein ungeheuer einschneidendes Wort ist. Es gab in der hebräischen Zeit eine Sprache, die aus dem geistig-göttlichen Reiche herunter kam. Jetzt stieg, aus der Seele aufleuchtend, die alte Sprache wieder auf, aber es war niemand da, der sie verstand. Tauben Ohren würde man predigen, wenn man von den größten Lehren sprach. Das war das größte Leid für Jesus; das schilderte er seiner Stiefmutter.

Dann schilderte er ein zweites Ereignis, das er erlebt hatte auf den Wanderzügen während seines achtzehnten bis vierundzwanzigsten Jahres in den Gegenden Palästinas, wo Heiden wohnten. Er zog herum und arbeitete im Schreinerhandwerk. Des Abends setzte er sich zu den Leuten. Es war ein Zusammensein, wie es die Leute mit keinem anderen erlebten. Durch den großen Schmerz hatte sich bei ihm etwas ausgebildet, das sich zuletzt verwandelte in die Zauberkraft der Liebe, die jedes Wort durchströmte. Diese Zauberkraft der Worte wirkte im Gespräch mit den Leuten. Was als Großes so wirkte, war, daß zwischen seinen Worten etwas wie eine geheimnisvolle Kraft sich ausgoß. Sie wirkte so bedeutsam, daß lange Zeit, nachdem er schon fort war, die Leute des Abends wieder zusammensaßen und es ihnen war, als ob er noch da sei, mehr da sei als bloß im Physischen. Die Leute saßen zusammen und hatten den Eindruck, hatten die gemeinsame Vision, als ob er wiedererschiene. So blieb er an zahlreichen Orten wie lebendig unter den Leuten, er war geistig da.

Einmal war er an einem Orte angekommen, wo ein alter heidnischer Kultaltar stand. Verfallen war der Opferaltar. Die Priester waren weggegangen, denn eine schlimme Krankheit hatte sich der Menschen dort bemächtigt. Als Jesus dahin kam, liefen die Menschen zusammen. Jesus kündigte sich durch den von ihm hervorgerufenen Eindruck schon an als etwas Besonderes. Die heidnischen Menschen waren herbeigeeilt, versammelten sich um den Altar und erwarteten, daß nun ein Priester wieder Opfer darbringen würde. — Das erzählte Jesus seiner Stiefmutter. Er sah klar, was aus dem heidnischen Opferdienst geworden war. Er sah, indem er die Menschen überblickte, was aus den heidnischen Göttern allmählich geworden war: böse, dämonenartige Wesenheiten, die sah er damals. Dann fiel er hin und erlebte jetzt in einem anderen Bewußtseinszustand, was bei den heidnischen Opfern vorging. Nicht mehr waren, wie in früheren Zeiten, die alten Götter da, sondern dämonische Wesenheiten traten in Erscheinung, die an den Leuten zehrten und sie krank machten.

Das hatte er erlebt in einem anderen Bewußtseinszustand, nachdem er hingefallen war. Jetzt erzählte er das alles, erzählte auch, wie die Menschen geflohen waren, wie er aber auch die Dämonen abziehen sah. Theoretisch kann man feststellen, daß das alte Heidentum verfallen war und nicht mehr die großen Weistümer der einstigen Zeit enthielt. Jesus aber erlebte dieses in unmittelbarer Anschauung. Jetzt konnte er der Mutter sagen: Käme auch die Himmelsstimme wieder herunter zu den Hebräern, wie sie einstmals zu den Propheten gekommen war, kein Mensch wäre da, sie zu verstehen; aber auch die heidnischen Götter kommen nicht mehr. An ihre Stelle sind Dämonen getreten. Auch die heidnischen Offenbarungen finden heute keinen Menschen, der sie aufnehmen könnte. — Das war der zweite große Schmerz.

In bewegten Worten schilderte er der Mutter den dritten großen Schmerz, den er erlebt hatte, als er zugelassen worden war zu der Essäergemeinde. Diese wollte durch Vervollkommnung der einzelnen Menschenseelen sich zum Schauen hinaufarbeiten und so aus den göttliehen Welten heraus das erfahren, was sonst wahrzunehmen unmöglich war für den Juden und Heiden. Aber nur einzelne Menschen konnten dieses erfahren, und das war zu erringen durch jene Lebensweise, welche unter den Essäern Platz gegriffen hatte. Doch hatte sich Jesus eine Zeitlang mit der okkulten Gemeinschaft der Essäer vereint. Als er sie verließ, sah er Luzifer und Ahriman vom Essäertor in die übrige Welt hinausfliehen. Auch hatte er in der Umfriedung der Essäer ein visionäres Gespräch mit Buddha gehabt. Und jetzt wußte er: eine Möglichkeit gibt es, hinaufzusteigen dahin, wo man sich vereinigt mit dem Göttlich-Geistigen, aber nur einzelne können es erreichen. Wollten es alle erringen, müßten alle verzichten. Auf Kosten der großen Menge können es nur einige erringen, indem sie sich frei machen von Luzifer und Ahriman; aber dann gehen Luzifer und Ahriman zu der anderen Menschheit. Weder nach der Juden- noch nach der Heidennoch Essäerweise war es möglich, der allgemeinen Menschheit den wesenhaften Zusammenhang mit der göttlich-geistigen Welt zu eröffnen.

Während dieses Gespräch stattfand, war mit all dem Schmerze vereint die ganze Seele des Jesus. Die ganze Kraft seines Ichs lag in diesen Worten. Es ging etwas von ihm hinweg und zur Adoptivmutter hinüber, so stark war er verbunden mit dem, was er erzählte. Es ging mit dem Wort sein Wesen zur Mutter hinüber, so daß er wie außerhalb seines Ichs war, aus seinem Ich herausgetreten war. Die Mutter wurde dadurch etwas ganz anderes. Während aus ihm etwas hinausgegangen war, hatte die Mutter ein neues Ich erhalten, das sich in sie hineingesenkt hatte, sie war eine neue Persönlichkeit geworden.

Forscht man nun nach und sucht herauszubekommen, worin der Vorgang bestand, so stellt sich ein Merkwürdiges heraus: die leibliche Mutter dieses Jesus, die seit seinem zwölften Jahre in der geistigen Welt weilte, war nun mit ihrer Seele heruntergestiegen und durchgeistigte und erfüllte ganz die Seele der Adoptivmutter so, daß diese eine andere wurde. Ihm aber war, als ob sein Ich ihn verlassen hätte: das Zarathustra-Ich war in die geistige Welt hinübergegangen. Unter dem Drange, etwas zu tun, ging Jesus, durch die innere Notwendigkeit getrieben, nun nach dem Jordan zu Johannes dem Täufer, dem Essäer. Und Johannes vollzog die Taufe im Jordan. Das Zarathustra-Ich war hinausgegangen und das Christus-Wesen senkte sich hernieder: Er war durchdrungen worden mit der Christus-Wesenheit. Die Adoptivmutter war durchdrungen worden von der Seele jener Mutter, die in der geistigen Welt geweilt hatte. Er aber wandelte nun herum auf Erden, in den Leibern des Jesus, er, der Christus. Diese Verbindung war nicht gleich vollständig da, beides geschah nach und nach.

Ich werde die einzelnen Ereignisse erzählen, aus denen gezeigt werden kann, wie der Christus anfangs nur lose verbunden war mit dem Jesusleibe und allmählich immer fester mit ihm verbunden wurde. Hat man kennengelernt die Leiden und Schmerzen des Jesus von dem zwölften bis zum dreißigsten Jahre, so lernt man erst jetzt die ungeheure Steigerung dieser Schmerzen des Jesus kennen, jetzt, da sich in den folgenden drei Jahren immer mehr mit dem Menschen der Gott verband. Diese fortdauernde, immer intensiver werdende Verbindung des Gottes mit dem Menschen war eine ebenso intensive Steigerung der Schmerzen. Das Unsagbare, das hat geschehen müssen, um der Menschheit den Aufstieg zu den geistigen Ursprungsmächten möglich zu machen, das zeigt sich an den Leiden des Gottes während der drei Jahre, die er auf Erden weilte.

Es ist nicht vorauszusehen, daß man in der Gegenwart viel Verständnis für diese Begebenheiten haben wird. Es gibt ein Buch, das wegen seiner Paradoxie gelesen werden müßte: «Vom Tode», von Maurice Maeterlinck. In diesem Buche wird gesagt, der Geist könne nicht leiden, nur der Körper kann leiden. In der Tat kann der physische Leib ebensowenig leiden wie ein Stein. Physische Schmerzen sind seelische Schmerzen. Leiden kann nur das, was seelisch ist, was einen Astralleib hat. Deshalb kann ein Gott viel mehr leiden als ein Mensch. Der Christus hat bis zum Tode Leiden erfahren, die intensivsten bei der Verbindung des Christus mit der Jesuswesenheit. Den Tod hat er überwunden, indem er in die Erdenaura überging.

Ich habe früher in mehr abstrakter Weise geschildert, wie das Christus-Ereignis im Mittelpunkt der Erdenentwickelung steht. Dieses wichtigste Ereignis verliert nichts, wenn man es in seiner konkreten Tatsächlichkeit betrachtet. Alles tritt lebensvoll hervor, wenn alle Tat-Sachen geschildert werden, nur muß es richtig geschaut werden. Wenn einmal das Fünfte Evangelium da sein wird — die Menschheit wird es brauchen, vielleicht erst nach langer Zeit — , da wird man in veränderter Weise dieses wichtigste Ereignis betrachten. Das Fünfte Evangelium wird ein Trost- und Gesundheitsbronnen, ein Kraftbuch sein. Am Schlüsse des vierten Evangeliums stehen Worte, die darauf hinweisen, daß noch weiteres kommen wird: Es würde die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären. — Das ist ein wahres Wort. Da kann man auf andere Weise Mut bekommen, dann, wenn sich neue Tatsachen über Palästina ergeben, denn auch die vier Evangelien sind eigentlich auf dieselbe Weise entstanden wie das fünfte, nur daß dieses fünfte zweitausend Jahre später erscheint.

Wenn einmal das Fünfte Evangelium da sein wird, dann wird es sich in bezug auf die Entstehungsweise von den anderen nicht unterscheiden. Es werden aber Menschen da sein, die es nicht anerkennen werden, weil die Menschenseele egoistisch ist. Nehmen wir an, Shakespeares Werk «Hamlet» wäre unbekannt und es träte heute «Hamlet» auf: heute würden die Menschen über ihn schimpfen. So wird sich das Fünfte Evangelium durchzukämpfen haben. Die Menschen brauchen etwas, was jene, die verstehen wollen, wirklich verstehen werden. Man wird nur anerkennen müssen, daß, wie früher, die Offenbarungen allein aus dem Geiste kommen können. Die Mittel und Wege dazu sind aber andere. In dieser Beziehung hat unsere Zeit besondere Aufgaben.

In welche Zeit fiel das herein, was ich geschildert habe? Es konnte in keine andere Zeit hereinfallen, als in diejenige, in die es gefallen ist: in die vierte nachatlantische Periode. Wäre es zum Beispiel in die dritte oder in die zweite gefallen, dann wären zahlreiche Menschen dagewesen, die unterrichtet waren in der Urweisheit der Inder, für die die Weisheit ganz selbstverständlich da gelegen hätte. Man hätte Christus weniger verstanden in der persischen, noch weniger in der ägyptischen Zeit. Aber ganz vorbei war das Verständnis in der vierten Periode. Daher konnte die Lehre in die Gemüter eindringen nur als Glaubenstatsache. Es war die schlechteste Zeit für das Verständnis, von welchem die Menschen am meisten entfernt waren. Aber die Wirkungen des Christus hängen nicht ab von dem, was die Menschen verstehen können. Denn Christus ist nicht ein Weltenlehrer gewesen, sondern derjenige, der als geistige Wesenheit etwas verrichtet hat, der in die Erdenaura eingeflossen ist, um unter den Menschen zu leben. Sinnbildlich kann einem das vor die Seele treten, als die Frauen an das Grab kamen und ihnen von dem Geistwesen gesagt wurde: Der, den ihr suchet, ist nicht da!

Dieses wiederholte sich, als eine große Schar von Europäern in den Kreuzzügen hinüberzog nach dem Heiligen Grabe. Da zogen die Menschen in die physischen Stätten von Golgatha hinüber. Ihnen wurde auch gesagt: Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hier! — denn er war ja nach Europa gezogen. Während es die Pilger aus dem Herzen heraus nach Asien trieb, begann Europa verstandesmäßig wach zu werden, aber das Christus-Verständnis kam ins Schwinden. Erst im 12. Jahrhundert trat das Verlangen nach Gottesbeweisen auf. Was bezeugt uns das für die neuere Zeit? Haben Sie je nötig, zu beweisen, wer der Dieb ist, wenn Sie diesen Dieb in Ihrem Garten erwischt haben? Sie brauchen Beweise nur dann, wenn Sie ihn nicht kennen. Gottesbeweise suchte man, als man das Verständnis verloren hatte; denn was man weiß, braucht man sich nicht zu beweisen.

Christus war da, durchzog die Seelen. Alles, was geschichtlich geschehen ist, ist unter dem Einfluß des Christus geschehen, weil die Seelen im Christus-Impulse lebten. Jetzt muß die Menschheit eintreten in ein bewußtes Ergreifen der Zeitereignisse. Darum muß die Menschheit den Christus noch besser kennenlernen. Damit verbunden ist die Erkenntnis des Menschen Jesus von Nazareth. Das wird immer mehr notwendig werden. Es ist nicht leicht, hierüber zu sprechen, aber es ist in gewisser Beziehung etwas, was sich in der Gegenwart als höhere Pflicht darstellt: gerade über den Menschen Jesus von Nazareth zu einigen Seelen zu sprechen, darüber zu sprechen, was wir das Fünfte Evangelium nennen können.




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