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Aus der Akasha-Forschung. Das Fuenfte Evangelium

On-line since: 6th November, 2007

Köln, 18. Dezember 1913
Zweiter Vortrag

Bevor ich in der Betrachtung des Christus Jesus-Lebens weitergehe, möchte ich einige wenigstens andeutende Bemerkungen machen über die Art, wie solche Dinge gefunden werden. Es kann sich ja natürlich nur darum handeln, mit wenig Worten eine außerordentlich ausführliche Sache zu charakterisieren. Aber ich möchte doch, daß Sie eine Vorstellung haben von dem, was man okkulte Forschung nennen kann, die bis zu dem Grade geht, durch den man eindringt zu solchen konkreten Tatsachen, wie wir sie gestern zum Beispiel hier betrachten konnten.

Zunächst kann man ja gegenüber diesen Dingen sagen: Es beruhen diese Forschungen auf einem Lesen in der Akasha-Chronik. — In allgemeinen Zügen habe ich in den Artikeln, die in der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» unter dem Titel «Aus der Akasha-Chronik» erschienen sind, hingewiesen, wie ein solches Lesen in der Akasha-Chronik aufzufassen ist. Nun muß man sich klar darüber sein, daß die verschiedenen Tatsachen des Weltgeschehens und Weltenseins in verschiedener Weise gefunden werden müssen, und so möchte ich jetzt gleichsam das, was schon gesagt worden ist, noch genauer zum Ausdruck bringen. Es ist gut, festzuhalten, daß es im Grunde genommen im Weltenall doch nichts anderes gibt als Bewußtseine. Außer dem Bewußtsein irgendwelcher Wesenheiten ist letzten Endes alles übrige dem Gebiete der Maja oder der großen Illusion angehörig. Diese Tatsache können Sie besonders aus zwei Stellen in meinen Schriften entnehmen, auch noch aus anderen, besonders aber aus zwei Stellen: zunächst aus der Darstellung der Gesamtevolution der Erde von Saturn bis Vulkan in der «Geheimwissenschaft im Umriß», wo geschildert wird das Fortschreiten vom Saturn zur Sonne, von der Sonne zum Mond, vom Mond zur Erde und so weiter, zunächst nur in Bewußtseinszuständen. Das heißt, will man zu diesen großen Tatsachen aufsteigen, so muß man so weit aufsteigen im Weltengeschehen, daß man es zu tun hat mit Bewußtseinszuständen. Also man kann eigentlich nur Bewußtseine schildern, wenn man die Realitäten schildert. Aus einer anderen Stelle in einem Buche, das in diesem Sommer erschienen ist, «Die Schwelle der geistigen Welt», ist das gleiche zu entnehmen. Da ist gezeigt, wie durch allmähliches Aufsteigen der Seherblick sich erhebt von dem, was sich um uns herum ausbreitet als Dinge, als Vorgänge in den Dingen, wie das alles sozusagen als ein Nichtiges entschwindet und schmilzt, vernichtet wird und zuletzt die Region erreicht wird, wo nur noch Wesen in irgendwelchen Bewußtseinszuständen sind. Also, die wirklichen Realitäten der Welt sind Wesen in den verschiedenen Bewußtseinszuständen. Daß wir in dem menschlichen Bewußtseinszustand leben und von diesem Bewußtseinszustand keinen vollen Überblick über die Realitäten haben, das bewirkt, daß uns dasjenige, was keine Realität ist, als eine Realität erscheint.

Ich habe das vergleichsweise schon oft hervorgehoben. Sie brauchen sich nur die folgende Frage vorzulegen: Ist ein Haar, ein Menschenhaar, als solches eine Realität, auch nur im eingeschränktesten Sinne? Hat es einen selbständigen Bestand? Unsinn wäre es, zu sagen, ein Menschenhaar habe einen selbständigen Bestand. Einen Sinn hat es nur, es so anzusehen, daß man es als wachsend am Menschenleibe auffaßt, sonst kann es nicht vorkommen, es kann nicht für sich bestehen. Als Realität, die man nur im gewöhnlichen Leben im Auge hat, als selbständiges Wesen auch nur in diesem irdischen Sinne ein Haar anzusprechen, empfindet deshalb jeder als Unsinn, da nirgends ein Haar abgesondert entstehen kann. Die einzelne Pflanze empfindet man oft als ein einzelnes Wesen, und doch ist sie ebensowenig ein einzelnes Wesen wie ein Haar. Denn was das Haar am Kopfe, das ist die Pflanze am Organismus der Erde, und es hat gar keinen Sinn, die einzelne Pflanze zu betrachten. Die Erde muß man betrachten analog zum Menschen und alle Pflanzen auf der Erde als zur Erde gehörig, wie das Haar auf dem Kopfe des Menschen. So wenig wie außerhalb des Kopfes ein Haar für sich bestehen kann, so wenig kann eine Pflanze als selbständiges Wesen außerhalb des Organismus der Erde bestehen. Wichtig ist, zu berücksichtigen, wo man aufzuhören hat, wenn man ein Wesen als ein Wesen für sich ansieht. Aber im letzten Sinne, den der Mensch erreichen kann, ist alles das, was nicht in einem Bewußtsein wurzelt, kein selbständiges Wesen. Alles wurzelt in einem Bewußtsein, und zwar in verschiedener Weise.

Nehmen wir einmal einen Gedanken, also das, was wir als Menschen denken. Zunächst sind diese Gedanken in unserem Bewußtsein, aber sie sind nicht bloß in unserem Bewußtsein. Sie sind zugleich in dem Bewußtsein der Wesen der nächsthöheren Hierarchie, der Angeloi, der Engel. Während wir einen Gedanken haben, ist unsere ganze Gedankenwelt zum Beispiel Gedanke der Engel. Die Engel denken unser Bewußtsein. Und darum werden Sie erkennen, wie man, wenn man zum Sehertum aufsteigt, eine andere Empfindung gegenüber dem Anschauen der Wesen der höheren Welten entwickeln muß als in der gewöhnlichen äußeren Wirklichkeit. Wenn man so wie über die physisch-sinnliche Welt, über das irdische Dasein denkt, kann man nicht zu einem höheren Sehertum hinaufkommen. Man muß da nicht bloß denken, sondern man muß gedacht werden und ein Wissen davon haben, daß man gedacht wird. Es ist nicht gerade leicht, weil dazu Menschenworte heute noch nicht geprägt sind, genau zu charakterisieren, was man da für eine Empfindung gegenüber seinem Anschauen hat. Aber man kann etwa — man wähle einen Vergleich — so sagen, daß man allerlei Bewegungen ausführt und diese Bewegungen würde man nicht an sich beobachten, sondern man würde in das Auge eines Nebenmenschen blicken und dort das Spiegelbild der eigenen Bewegungen beobachten und sich sagen: Wenn man da beobachtet, so wisse man daraus, daß man dieses oder jenes mit den Händen oder dem Mienenspiel vollführt. Dieses Gefühl hat man schon bei der nächsten Stufe des Sehertums. Man weiß nur im allgemeinen, daß man denkt, aber man beobachtet sich im Bewußtsein der Wesen der nächsthöheren Hierarchie. Man läßt seine Gedanken von den Engeln denken. Man muß wissen, daß man nicht selbst seine Gedanken in seinem Bewußtsein dirigiert, sondern daß die Wesen der nächsthöheren Hierarchie diese Gedanken dirigieren. Man muß das Bewußtsein der Engel, einen durchwallend und durchwebend, fühlen. Dann erlangt man gleichsam einen Aufschluß über die fortlaufenden Impulse der Entwickelung, zum Beispiel über die Wahrheit des Christus-Impulses, wie er auch jetzt noch fortwirkt, nachdem er einmal da ist. Die Engel können diese Impulse denken; wir Menschen können sie denken und charakterisieren, wenn wir uns gegenüber unseren Gedanken so verhalten, daß wir sie hingeben den Engeln, daß diese in uns denken. Das erlangt man eben durch fortgesetztes Üben, wie ich es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe. Von einem gewissen Moment an verbindet man ein Gefühl, einen Sinn mit den Worten: Deine Seele denkt jetzt nicht mehr; sie ist ein Gedanke, den die Engel denken. — Und indem das für das einzelne menschliche Erleben eine Wahrheit wird, erlebt man in sich, sagen wir, die Gedanken der allgemeinen Christus-Wahrheiten oder auch andere Gedanken über die weise Führung der Erdenevolution.

Diejenigen Dinge, welche sich beziehen auf die einzelnen Epochen der Erdenentwickelung, auf die urindische Epoche, auf die urpersische Epoche und so weiter, die werden gedacht von den Erzengeln. Durch weiteres Üben kommt man dazu, nicht bloß von den Engeln gedacht zu werden, sondern von den Erzengeln erlebt zu werden. Man muß nur im weiteren Verlauf seines Übens dazu kommen, daß man weiß: Du gibst dein Leben dar für das Leben der Erzengel. — In dem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt» ist einiges Genauere von diesen Dingen geschildert, nämlich, wie man das Gefühl bekommt, wenn man seine Übungen fortsetzt — auch in München habe ich davon gesprochen — , mit grotesken Worten, als wenn man den Kopf in einen Ameisenhaufen hineinstecken würde. Die Ameisen sind die Gedanken, die sich bewegen. Während man im gewöhnlichen Leben meint, man denke seine Gedanken, kommt man durch das Üben dazu, einzusehen, daß die Gedanken in einem denken, weil die Angeloi, die Engel, in einem denken. Und im weiteren Verlauf des Übens bekommt man das Gefühl, daß man in verschiedene Gebiete der Welt durch die Erzengel getragen wird und dadurch diese Gebiete kennenlernt. Wer in richtiger Weise die ägyptische Kultur, die indische Kultur schildert, der weiß erst einen Sinn zu verbinden mit dem, was es heißt: Deine Seele wird getragen von einem Erzengel in diese oder jene Zeit. — Es ist so, wie wenn die Säfte unseres Lebens wüßten, daß sie den Lebensprozeß unterhalten und im Organismus wie das Blut herumgeführt werden. So weiß der Seher: er wird von den Erzengeln im Lebensprozeß der Welt herumgeführt.

Aber die Dinge, die sich auf die Durchdringung der Seele eines einzelnen Erlebnisses beziehen, sie können erst erforscht werden, wenn die Seele einen Sinn verbindet mit den Worten: Die Seele reicht sich als Speise dar den Urbeginnen oder Archai, den Geistern der Persönlichkeit. — Das soeben Gesagte nimmt sich grotesk aus, aber wahr ist es, daß man solche konkrete Tatsachen wie das Leben des Jesus von Nazareth nicht erforschen kann, bevor man nicht einen Sinn mit den Worten verbindet: man werde als geistige Nahrung gegessen und diene so den Geistern der Persönlichkeit. Es ist etwas, das selbstverständlich für den Menschen, der heute in der äußeren Welt steht, sich wie Wahnsinn anhört. Selbstverständlich! Aber dennoch, so wahr der Bissen Brot, der in unseren Magen geht, unsere Nahrung wird — und wenn er es sich überlegen könnte, so würde er wissen, daß er einen Sinn und Lebenszweck hat, indem er durch uns Nahrung wird — , ebenso wahr ist es, daß wir Menschen den Sinn haben, den Archai zur Nahrung zu dienen. Während wir hier auf der Erde herumspazieren, sind wir zugleich Wesen, die fortwährend von den Archai verzehrt, gegessen werden. Nicht leugnen werden Sie, daß die Menschen das im gewöhnlichen Leben nicht wissen, daß sie das Wahnsinn nennen würden, wenn ihnen jemand so etwas sagte. Der Mensch ist gegenüber den Archai dasselbe, was das Weizenkorn für Sie als physische Menschen ist. Aber dies nicht nur theoretisch wissen, sondern so leben gegenüber den Archai, wie das Weizenkorn leben würde, wenn es zu Brei zermalmt durch unsere Zähne, durch Gaumen und Magen geht mit diesem Bewußtsein: Ich bin Speise des Menschen — , so auch wissen: Ich bin Speise den Archai, ich werde verdaut von den Archai, das ist ihr Leben, was ich lebe in ihnen — dies lebendig wissen, heißt, sich versetzen in das Bewußtsein der Geister der Persönlichkeit, der Archai, ebenso wie es heißt, sich versetzen in das Bewußtsein der Erzengel, wenn man weiß: Deine Seele wird getragen von den Erzengeln in diese oder jene Zeit — , und wie es heißt, sich versetzen in das Bewußtsein der Engel, wenn man weiß: Meine Gedanken werden gedacht von den Engeln.

Die Zustände des Erlebens müssen andere werden, wenn man lesend in die höheren Welten eindringen will. Notwendig ist, mit Wissen verzehrt zu werden von den Geistern der Persönlichkeit, wenn diejenigen Tatsachen erforscht werden sollen, die so konkret wie das Leben des Jesus von Nazareth in der Menschheitsentwickelung dastehen.

Vielleicht dienten die Bemerkungen, die ich gemacht habe, doch auch einigermaßen dazu, das ganz Andersartige dieser okkulten Forschung darzulegen gegenüber den Forschungen in der äußeren Welt. Denn das Bild können Sie durchaus durchdenken, und es gibt Ihnen richtige Anhaltspunkte: Sie können sich in das Weizenkorn versetzen, das zu Brei zermalmt wird, zwischen den Zähnen zerkleinert wird, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was durchaus analogisch richtig ist, wenn es sich um ein Lesen im Bewußtsein der Archai handelt. Man muß auch da seelisch zermalmt werden und muß es fühlen. Das heißt, höhere Forschung ist nicht möglich ohne innere Tragik, ohne inneres Erleiden. So glattweg abstrakt, daß es nicht wehtut, so wie die Forschungen in der physischen Welt verlaufen, so ist eine Forschung in den höheren Welten nicht zu erlangen, wenn sie mehr sein soll als Phantasterei. Daher die Bemühungen, die ich gestern versuchte: abzulenken bei der Schilderung des Jesuslebens von abstrakten Begriffen, von abstrakten Schilderungen. Erinnern Sie sich, worauf ich in der Hauptsache Ihre Aufmerksamkeit lenkte als auf das, worauf es ankommt. Ich sagte: So war das Leben des Jesus von Nazareth zwischen dem zwölften, achtzehnten, zwanzigsten und bis zum dreißigsten Jahr. — Was man da schildert, das ist es weniger, worauf es ankommt. Worauf es ankommt, ist, ein lebendiges Fühlen zu bekommen von dem, was die Jesusseele durchgemacht hat, indem sie das erlebte, was geschildert worden ist, nachzufühlen den Schmerz der Einsamkeit, den unendlichen Schmerz, einsam dazustehen mit Urwahrheiten, für die keine Ohren da waren, zu hören. Hinweisen wollte ich auf das Empfindungsleben des Jesus von Nazareth. Den dreifachen großen Mitschmerz der Menschheit für die Zeit vom zwölften bis zum dreißigsten Jahr wollte ich darlegen. Nicht so sehr dadurch, daß Sie die Ereignisse, die ich versuchte anzudeuten, nun sich selbst oder anderen erzählen, wissen Sie etwas von der Bedeutung des Jesus-Erlebens als einer Vorbereitung zum Mysterium von Golgatha, sondern dadurch erst, daß Sie sich eine Vorstellung verschaffen, die tief Ihre Seele bewegt und erschüttert, eine Vorstellung von dem, was gelitten werden mußte von diesem Menschen Jesus von Nazareth, bis er herantreten konnte an das Mysterium von Golgatha, damit der Christus-Impuls in die Erdenentwickelung einfließen konnte.

Dadurch wird eine lebendige Vorstellung von diesem Christus-Impuls hervorgerufen, daß man dieses Leiden sich wieder erweckt, daß man die Tatsachen schildern muß, die sich auf solche Dinge beziehen, wie die jetzt betrachteten, indem man versucht, Empfindungen zu vergegenwärtigen. Das können Sie aus der Art der Akasha-Forschung entnehmen, die ich in ein paar Worten zu charakterisieren versuchte. Je mehr es gelingt, diese wogenden, wellenden und webenden Empfindungen einer solchen Wesenheit, wie Jesus von Nazareth es war, wieder in sich zu empfinden, desto mehr dringt man in solche Geheimnisse ein.

Was nunmehr in diesem Jesusleben kommt — ich brauche es nicht zu schildern, es ist oft davon gesprochen worden — , daß durch die Johannestaufe im Jordan in die drei Hüllen des Jesus von Nazareth, nachdem sie durchgeistigt worden waren durch das Leben des Zarathustra-Ichs in ihnen, die Christus-Wesenheit eintrat, also eine Wesenheit aus dem Gebiete der geistigen Welt herabstieg und das weitere Schicksal hatte, nun durch drei Jahre in einem Menschenleibe zu sein, an einen Menschenleib gebunden. Wichtig ist es, daß wir uns klarmachen, was das eigentlich für eine Tatsache ist. Denn im Grunde genommen unterscheidet sich diese Tatsache ganz beträchtlich von allen anderen Tatsachen der Erdenentwickelung. Und in dem Augenblick, wo wir jetzt herantreten an das Ereignis, durch das in die Hüllen des Jesus von Nazareth die Christus-Wesenheit einzog, treten wir an etwas heran, was eigentlich nicht mehr bloß eine menschliche Angelegenheit der Erdenentwickelung ist. Das muß man sich auch einmal klarmachen.

Man kann diese Angelegenheit vom menschlichen Standpunkt betrachten. Dann sagt man: Es hat einmal einen Menschen gegeben, wie wir ihn geschildert haben. Er nahm auf die Christus-Wesenheit, den Christus-Impuls. — Aber man kann die Sache auch ganz anders betrachten, obwohl die Betrachtungen, die man dabei anzustellen hat, recht dünn an Vorstellungen verlaufen müssen; das macht aber nichts. Wir werden uns nach unserer geisteswissenschaftlichen Vorbereitung etwas dabei denken können.

Nehmen wir einmal an, wir säßen im Rate der Menschen nicht als Menschen und betrachteten das Mysterium von Golgatha, sondern wir säßen im Rate der höheren Hierarchien als ein Wesen der höheren Hierarchien und betrachteten das Mysterium von Golgatha. In geistiger Beziehung ist diese Änderung des Gesichtspunktes durchaus möglich. Es läßt sich dies vergleichen etwa damit: Wenn wir einen Berg vor uns haben, auf dessen mittlerer Höhe ein Dorf liegt, kann man das Dorf von unten sehen, man kann es aber auch vom Gipfel des Berges anschauen. Es ist ganz natürlich, daß man meistens das Mysterium von Golgatha vom menschlichen Standpunkte aus ansieht. Man kann aber auch einmal hinaufsteigen in die Sphäre der höheren Hierarchien. Wie würde man dann sprechen von dem Mysterium von Golgatha? Dann müßte man sagen: Als die Erde mit ihrer Entwickelung begonnen hat, da hatten die Wesenheiten der höheren Hierarchien mit den Menschen gewisse Absichten. Sie wollten die irdische Entwickelung in einer bestimmten Weise lenken. Aber in diese vorgesehene Lenkung der irdischen Angelegenheiten der Menschheit hat sich zunächst Luzifer hineingemischt. Da also schaut man als eine Wesenheit der höheren Hierarchien auf die Erdenentwickelung herab, wie man die Menschengeschicke leiten will — da verändert Luzifer die Richtung dieser Entwickelung, die man in anderer Form leiten wollte.

Jetzt sieht man weiter herunter auf die Menschheitsevolution und sagt sich: Nicht alles, was da unten geschieht, geschieht durch uns. Da mischt sich fortwährend Luzifer hinein. Dadurch, daß Luzifer sich hineinmischte und später auch noch Ahriman dazu kam, ist gegenüber den Taten der höheren Hierarchien ein fremdes Element in der Menschheitsentwickelung darin. Man kann in einer gewissen Weise es so ausdrücken, daß diese Wesenheiten der höheren Hierarchien sich sagten: Bis zu einem gewissen Grade ist das irdische Feld für uns verloren. Da sind Kräfte darinnen, die dieses irdische Feld mit den Menschenseelen uns entfernen.

Nun geschieht die Lenkung durch die höheren Hierarchien so, daß diese stufenweise, je nach ihren Kräften, an dieser Führung beteiligt sind, zunächst die niedrigsten. Die Angelegenheiten der Erdenentwickelung werden so geführt, daß zwar die hohen Wesenheiten bis hinauf zu den höchsten tätig sind, daß sie aber gewisse Angelegenheiten durch ihre Diener besorgen lassen, durch die Engel, Erzengel und Archai, so daß zunächst diese eingreifen in die Evolution.

Wir versetzen uns, so sagte ich — selbstverständlich in aller Demut — , in den Rat der höheren Hierarchien, nicht in den Rat der Menschen. Wir können dann sagen: Da sind unsere Boten, die Engel, Erzengel und Archai; sie könnten unsere Befehle so gut ausführen, wenn nicht in dem irdischen Felde fremde Kräfte darinnen wären. — Und da kommt dann der große Rat der Götter heraus, der etwa zu folgendem Resultat führt: Weil wir nicht in der Lage waren, Luzifer und Ahriman von der irdischen Entwickelung abzuhalten, dadurch haben unsere Diener, die Engel, Erzengel und Archai, die Möglichkeit verloren, von einem bestimmten Zeitpunkte an für die Menschen das zu tun, was in unserem Sinne getan werden müßte. — Und dieser Zeitpunkt war eben der, in den das Mysterium von Golgatha fiel.

Als dieser Zeitpunkt heranrückte, mußten sich die Götter der höheren Hierarchien sagen: Wir verlieren die Möglichkeit, daß unsere Diener in die Menschenseelen eingreifen. Dadurch, daß wir Luzifer und Ahriman nicht abhalten konnten, sind wir nur imstande, bis zu diesem Zeitpunkt zu wirken durch unsere Diener. Dann entstehen in den Menschenseelen Kräfte, die nicht mehr von den Engeln, Erzengeln und Archai dirigiert werden können. Die Menschen entfallen uns durch die Kräfte von Luzifer und Ahriman.

Das war tatsächlich — wenn wir so sagen dürfen — die « Stimmung im Himmel», als der Zeitpunkt herannahte, mit dem die neue Zeit als ihrem Beginne rechnet. Daß durch ihre Diener nicht mehr genügend gesorgt werden konnte für die Menschen von einem bestimmten Zeitpunkte an, das war die große «Angst» der Götter. Sie werden den Ausdruck nicht mißverstehen, denn Sie sind vorbereitet durch die Geisteswissenschaft, daß Ausdrücke einen anderen Sinn und Empfindungswert bekommen, wenn man sich ihrer bedient zur Charakterisierung der höheren Welten.

Diese Götterangst rückte heran; immer quälender und quälender und quälender wurde sie — wenn wir so sagen dürfen — in den Himmeln. Da entstand der Entschluß, den Sonnengeist herabzusenden, ihn hinzuopfern, indem man sich sagte: Er soll fortan ein anderes Los wählen, als im Rate der Götter zu sitzen; er soll einziehen auf den Schauplatz, wo menschliche Seelen leben. Wir opfern diesen Sonnengeist hin. Bis jetzt lebte er unter uns, in den Sphären der höheren Hierarchien; jetzt zieht er durch das Tor des Jesus in die Erdenaura ein.

So war es im Rate der Götter, als das Mysterium von Golgatha eintrat. So sieht die Sache von oben aus. Wir haben es also mit einer Angelegenheit der die Erde führenden Götter, nicht bloß mit einer menschlichen Angelegenheit zu tun. Die Sache kann so angesehen werden, daß man nicht bloß fragt: Was muß für die Menschheit geschehen, damit sie nicht auf der abschüssigen Bahn sich verliert? — sondern von der anderen Seite konnte so gefragt werden: Was haben wir Götter zu tun, um einen Ausgleich zu schaffen für das, was geschehen ist, indem wir Luzifer und Ahriman zulassen mußten bei der Erdenevolution?

Und nun kann man sich eine Empfindung davon verschaffen, daß das Mysterium von Golgatha noch etwas anderes ist als eine bloß irdische Angelegenheit, daß es eine Angelegenheit der Götter ist, ein Ereignis der Götterwelt. Wahrhaftig, bedeutender noch als es für die Menschen war, daß sie den Christus aufnehmen konnten, war es für die Götter, daß sie abgeben mußten den Christus an die Erde.

Und was ist eigentlich im Grunde genommen das Erkennen des Mysteriums von Golgatha noch außer dem, daß man darin das Mittelpunktsereignis der Erde erkennen kann? — Daß man, indem man hinschaut auf das Mysterium von Golgatha, es als eine Götterangelegenheit ansieht; daß die Götter da ein Himmelsfenster öffnen, daß sie ihre Angelegenheiten eine Weile vor den Augen der Menschen abmachen, und daß der Mensch zuschauen kann bei dieser Götterangelegenheit! Das muß man fühlen lernen, indem man hinblickt auf das Mysterium von Golgatha, daß es so ist, wie wenn man vor dem immer verschlossenen Himmelshause hinginge, und wie wenn man in diesem Punkte an einem Fenster vorbeiginge und durch dieses Fenster hineinsehen dürfte in das, was sonst immer hinter den Mauern des Götterwohnsitzes unsichtbar war.

So fühlt sich auch in Ehrfurcht der wirklich okkultistisch empfindende Mensch gegenüber dem Mysterium von Golgatha wie jemand, der um ein Haus herumschleicht, das überall verschlossen ist, nur ahnend, was darinnen vorgeht. An einer Stelle aber ist ein Fenster, durch das er Zeuge werden kann von einem kleinen Ausschnitt dessen, was darinnen vorgeht. Solch ein Fenster gegenüber der geistigen Welt ist für den Menschen das Mysterium von Golgatha. So muß man das empfinden, was da geschah, als die Christus-Wesenheit herabstieg in den Leib oder eigentlich in die drei Hüllen des Jesus von Nazareth. Immer tiefer und tiefer sollen wir uns mit dieser Idee durchdringen, daß wir Zuschauer sind durch das Mysterium von Golgatha bei einer Götterangelegenheit.

Wenn von solchen Dingen gesprochen wird, müssen die Worte in einer anderen Weise gebraucht werden als im gewöhnlichen Leben. Man muß von etwas sprechen, wie von der «Angst», der «Furcht» der Götter vor dem Zeitpunkt, der dann erfüllt werden mußte in der Erdenevolution mit dem Mysterium von Golgatha. Man muß die Worte für die heilig-geistigste Angelegenheit der Menschheit in umgeprägter Weise gebrauchen. Es ist unendlich leicht für alle diejenigen in der Welt, die nur allzusehr bereit sind, aus Torheit, aus Frivolität, aus Eitelkeit oder aus anderen Gründen, herabzuwürdigen, was im heiligsten Sinne gemeint ist. Man braucht ja nichts anderes zu tun, als irgend etwas, was als Wort geprägt ist, so umzudrehen, wie man das Wort im exoterischen Leben haben will. Und man hat die Möglichkeit, in ihr Gegenteil zu verkehren eine solche Sache, die der Menschenseele abgerungen ist, wenn sie ausgesprochen ist bloß aus der inneren Nötigung heraus, die Wahrheiten der geistigen Welt zu verkündigen, die so schwer sich der Seele entreißen. Man verkehrt sie, indem man sie lächerlich, teuflisch, satanisch findet, wenn die nötige Frivolität, die nötige Leichtfertigkeit in den Seelen vorhanden ist. Diese ist in unserer Zeit nur allzusehr verbreitet in den Seelen. Und nur allzu gering ist die Wachsamkeit derer, welche da hüten sollten den Schatz der heilig-geistigen Wahrheiten, die gerade in unserer Gegenwart in die Herzen der Menschen einziehen sollen.

Wie groß ist die Bequemlichkeit, mit der man seinen Geist nähren möchte! Wie oft muß man Bejammernswertes sehen! Wenn nur ein wenig über den Materialismus hinaus vom Geiste gesprochen wird, so erklären sich die Leute dadurch leicht befriedigt, weil sie sich dabei nicht anzustrengen, besonders ihr Gemüt nicht anzustrengen brauchen. Man sollte fühlen, wie man dadurch, daß man an der heiliggeistigen Betrachtung der heiligsten Angelegenheiten der Erdenentwickelung teilnimmt, eine Verantwortlichkeit hat gegenüber dem Gut der Schätze des Wissens, die sich auf die geistige Welt beziehen. Die Frivolität unserer Zeit auf diesem Gebiete ist so groß und nimmt es so leicht. Sie werden sie da und dort immer wieder auftauchen sehen, vielleicht aber in ihrer ganzen Abscheulichkeit nur bemerken, wenn Sie wachsam genug sind und Ihre Herzen genug für das Heiligste der geistigen Wahrheiten entzündet sind. Vielleicht können Sie sie dann taxieren und dadurch gute Hüter der Geistesschätze sein, die wir alle zusammen zu hüten berufen sind.

Man kann ein so ernstes Wort vielleicht am leichtesten da sprechen, wo man auf so etwas Wichtiges hinzudeuten hat, wie das ist: daß das Mysterium von Golgatha nicht bloß eine menschliche Angelegenheit, sondern eine Götterangelegenheit ist, und daß wir wie durch ein Fenster hineinschauen in diese Angelegenheit der Götter. Aber gerade das, was zu solcher Charakteristik geschieht, es wird in einer solchen Weise entstellt werden, daß ich hier davon gar nicht sprechen mag. Dann wird vielleicht der Zeitpunkt für Sie alle kommen, wo Sie sich auf die Wahrheit besinnen müssen, daß wir Worte für die sinnliche Welt umprägen müssen, wenn wir sie für die übersinnliche Welt anwenden wollen, und daß es leicht ist, sie dann in anderem Sinne zu deuten.

Das populäre Christentum gab das, was ich jetzt angedeutet habe, mit den Worten: Der Vater opferte der Menschheit seinen Sohn! — In diese Worte geprägt liegt auch für Menschenherzen, die fühlen wollen, in populärer Art das angedeutet, wovon im wahren Sinne gesagt werden kann: Das Mysterium von Golgatha ist eine Götterangelegenheit!

Und wenn wir das zusammennehmen, was ich ausgesprochen habe, so werden wir eine Vorstellung von dem bekommen können, was sich vollzog in der Tatsache, die wir als die Johannestaufe im Jordan bezeichnen. Auf sie folgte dann das, was ja auch in den Evangelien angedeutet wird: Die Versuchung. Vom Gesichtspunkte der Akasha-Chronik werden wir etwa sagen: Nachdem der Jesus von Nazareth die Christus-Wesenheit in sich aufgenommen hatte, mußte er in die Einsamkeit gehen. Und in der Einsamkeit hatte er jetzt visionäres Erleben, das annähernd richtig in den Worten der hellseherischen Evangelienschreiber geschildert wird. Man kann es in ähnlicher Weise aussprechen; es muß nur eben angedeutet werden, daß jetzt die Christus-Wesenheit mit den drei Leibern des Jesus von Nazareth wirklich in Verbindung war. Das heißt, sie war herabgestiegen aus den geistigen Höhen und nun an die Fähigkeiten der drei Leiber gebunden. Es wäre also falsch, wenn sich jemand vorstellen wollte, daß der Christus jetzt, weil er doch einer höheren Welt angehörte, aus der er herabgestiegen war, die höhere Welt gleich hätte anschauen können, Einblick in sie gehabt hätte. Das ist nicht der Fall. Wer das unverständlich findet, der soll doch einmal bedenken, was es heißt, daß einer ein Hellseher ist. Wer ist ein Hellseher? Sie alle sind Hellseher! Alle! Keiner ist da, der nicht ein Hellseher ist. Warum sieht er nicht hell? Weil er die Organe nicht ausgebildet hat, um sich der Kräfte, die in allen Menschen sind, zu bedienen. Es handelt sich nicht darum, daß wir Fähigkeiten haben, sondern darum, daß wir sie benützen können.

Die Christus-Wesenheit hatte alle möglichen Fähigkeiten, aber in den drei Hüllen des Jesus von Nazareth hatte sie nur die Fähigkeiten, die den drei Hüllen, den drei Leibern des Jesus von Nazareth entsprachen. Daher mußten sie auch so kompliziert vorbereitet werden, da die Fähigkeiten dieser drei Hüllen allerdings hohe Fähigkeiten waren, die mehr bedeuteten als die entsprechenden Fähigkeiten aller anderen Menschen auf der Erde. Aber der Christus war an sie gebunden, so wahr, als Ihre hellseherischen Fähigkeiten an die Organe gebunden sind, die Sie haben und nur noch nicht benützen können. Das war möglich durch die Fähigkeiten, welche die Zarathustra-Seele in den drei Leibern des Jesus von Nazareth zurückgelassen hatte, daß jetzt der Christus sich dieser Zarathustra-Fähigkeiten in ihrem Überreste in den drei Leibern bediente, um zunächst einer Wesenheit gegenüberzutreten, die allen Stolz, allen Hochmut, deren eine Menschenseele fähig ist, aufrütteln sollte. Dieser Wesenheit trat der Christus Jesus entgegen.

In diesem Augenblick verspürte er, was diese Wesenheit in ihm durch jene innere Sprache der Visionen auswirkte: Das, was in der Bibel geschildert ist mit den Worten: «Alle Reiche, die du um dich siehst», es waren die Reiche der geistigen Welt, «die können dein sein, wenn du mich als den Herrn dieser Welt anerkennst!» Wenn man es im Stolz, im Hochmut am höchsten bringt und mit diesem Stolze in die geistige Welt hineingeht, so kann man innerhalb dieser geistigen Welt, dadurch, daß der Hochmut alles überflutet, in den Besitz des Weltreiches des Luzifer kommen, wenn man alles andere zurückläßt, außer dem Hochmut. Man ist nur als Mensch nicht dazu organisiert; man würde einem furchtbaren Schicksal entgegengehen.

Vor diese Möglichkeit wurde der Christus Jesus gestellt. Und jetzt tauchten in seiner Seele zwei Bilder auf: ein Bild, das dem Erlebnis entsprach, das er auf dem Wege zum Jordan gehabt hatte mit dem Menschen, den ich Ihnen gestern als den Verzweifelten schilderte. Und vor dem Jesus von Nazareth stand wieder die Gestalt, die an den Verzweifelten herangetreten war im Traume. Diese Gestalt sah er wieder als den, der da sagte: Erkenne mich an als den Herrn der Welt. — Dann erkannte er auch wieder in der Gestalt denjenigen, den er vor den Toren der Essäer als Luzifer gesehen hatte. Dadurch wußte er jetzt, daß Luzifer zu ihm sprach, und — er wies seinen Angriff zurück. Er besiegte Luzifer.

Da traten zwei Wesen in einem zweiten Angriff an ihn heran, und das, was er als Eindruck bekam, entsprach wiederum ungefähr dem, was in der Bibel geschildert wird. Gesagt wurde ihm: Zeige deine ganze Furchtlosigkeit, deine Stärke, was du als Mensch vermagst, indem du dich hinunterstürzest von den Höhen und dich nicht vor Schaden fürchtest. — In einem solchen Falle soll in der Menschenseele alles erwachen an Kraftbewußtsein, an Mut, der den Menschen aber auch mutwillig machen kann. Zwei Gestalten standen vor ihm. Dadurch, daß Jesus den Eindruck vor den Essäertoren gehabt hatte, es seien Luzifer und Ahriman, die da fortflohen, und dadurch, daß er den Eindruck hatte, in der einen Gestalt verhülle sich das Wesen, das dem Aussätzigen, dem er auf dem Wege zum Jordan begegnet war, sich als der Tod gezeigt hatte, dadurch erkannte er jetzt Luzifer und Ahriman. So wurde das, was er auf jenem Wege erlebt hatte, wiedererlebt. Auch diese Attacke wies er ab. Er besiegte Luzifer und Ahriman!

Da kam Ahriman noch einmal heran. Und jetzt war auch das, was Ahriman als eine Art Versuchung vor dem Christus Jesus sagte, etwas, was sich wiedergeben läßt mit den Worten der Bibel: «Mache, daß diese Steine zu Brot werden, um Deine Macht zu zeigen.» Aber jetzt war es, daß der Christus Jesus nicht vollständig Antwort geben konnte auf das, was Ahriman forderte. Den ersten und den zweiten Angriff konnte er abschlagen: den Angriff des Luzifer allein und des Luzifer und Ahriman zusammen, die sich gegenseitig paralysierten. Aber jetzt konnte er den Angriff des Ahriman nicht abschlagen. Daß so der Angriff des Ahriman nicht ganz abgeschlagen werden konnte, das behielt eine Bedeutung für die Wirksamkeit des ganzen Christus-Impulses auf der Erde.

Ich muß schon in einer etwas populären, ja fast trivialen Form charakterisieren, was das heißt: Mache diese Steine zu Brot, daß sie Nahrung werden für die Menschen. — Ahriman ist zunächst durch die Wirksamkeit der höheren Hierarchien für den Rest der Erdenentwikkelung bis zum Vulkan hin nicht vollständig aus dem Feld zu schlagen. Es wird niemals unmöglich sein, durch rein geistige Anstrengung die innere Versuchung des Luzifer zu besiegen: die von innen aufsteigenden Wünsche, Begierden, Leidenschaften, was aufsteigt an Stolz, an Hochmut, an Übermut. Luzifer läßt sich, wenn er allein den Menschen angreift, durch Geistiges besiegen. Auch wenn Luzifer und Ahriman, beide zusammen, von innen heraus den Menschen angreifen, so läßt sich durch geistige Mittel der Sieg erringen. Wenn aber Ahriman allein ist, versenkt er seine Wirksamkeit in das materielle Geschehen der Erdenevolution. Da ist er nicht ganz aus dem Felde zu schlagen. Ahriman, Mephisto, Mammon — es decken sich ja diese Begriffe — , sie stecken im Gelde, in alledem, was mit dem äußeren natürlichen Egoismus zusammenhängt. Indem immer notwendig ist, daß sich dem Menschenleben etwas von dem beimischt, was äußerlich materialistisch ist, muß der Mensch mit Ahriman rechnen. Sollte der Christus den Menschen auf Erden so recht helfen, so mußte er Ahriman wirksam sein lassen. Ahriman, das Materielle, muß mitwirken bis zum Schluß der Erdenevolution. Durch den Christus mußte die Wirksamkeit des Ahriman unbesiegt bleiben. Ahriman wurde nicht vollständig besiegt. Der Christus muß sich herbeilassen, bis zum Ende der Erdenentwickelung mit Ahriman zu kämpfen. Ahriman mußte dableiben.

Dasjenige, was wir im Inneren an Angriffen des Luzifer, an Angriffen von Luzifer und Ahriman zugleich haben, können wir als Menschen besiegen. Die Kämpfe in der materiellen Außenwelt müssen ausgekämpft werden bis zum Schlüsse der Erdenentwickelung. Daher mußte der Christus den Ahriman zwar in Schach halten, aber ihn neben sich bestehen lassen. Daher konnte es geschehen, daß Ahriman auch neben dem Christus auf Erden wirksam blieb während der drei Jahre, die Christus im Leibe des Jesus von Nazareth wirkte, und daß er dann in die Seele des Judas hineinfuhr und tätig war in dieser Seele zum Verrat des Christus. Was durch Judas geschah, hängt zusammen mit dem, was die nicht ganz gelöste Frage der Versuchung ist nach dem Ereignis am Jordan.

Nach und nach erst, langsam und allmählich, verband sich die Christus-Wesenheit mit den drei Leibern. Das dauerte drei Jahre. Anfangs war sie nur lose verbunden, und erst allmählich preßte sie sich in die drei Leiber hinein. Erst als es zum Tode ging, war eine wirkliche Durchdringung der drei Leiber mit der Christus-Wesenheit da. Und all dem Leide und dem Schmerz gegenüber, die Jesus von Nazareth, wie ich Ihnen geschildert habe, in den drei Stadien seiner Entwickelung erlebt hat, ist unendlich viel größer das, was jetzt der Christus erlitt, indem er sich während drei Jahren nach und nach die Möglichkeit errang, ganz unterzutauchen in die drei menschlichen Hüllen. Das war ein fortgehender Schmerz, aber ein Schmerz, der wiederum sich verwandelte in Liebe und Liebe und Liebe. Und da kam das Folgende: Wenn wir so im ersten, im zweiten und im dritten Jahr die Art betrachten, wie der Christus Jesus im Kreise seiner nächsten Schüler lebte, so ist das verschieden in den verschiedenen Jahren. Im ersten Jahr war der Christus, wie gesagt, nur lose verbunden mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Da kommt es alle Augenblicke vor, daß der physische Leib da oder dort ist, und die Christus-Wesenheit wandelt mittlerweile umher. Wo in den anderen Evangelien erzählt wird, daß da oder dort der Herr seinen Jüngern erschien, da war der physische Leib an einem anderen Aufenthaltsort, während der Christus im Geistigen herumwanderte im Lande.

Das war im Anfang. Dann verband sich immer mehr und mehr die Christus-Wesenheit mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Und dann geschah es später, wenn der Christus im Kreise seiner nächsten Schüler ging, daß diese mit ihm in innerer Weise verbunden waren so, daß er sozusagen nicht abgesondert von ihnen lebte. Je mehr er sich in seinen Leib einlebte, desto mehr lebte er sich in das innerste Wesen seiner Schüler ein. Jetzt ging er in der Schar seiner Schüler durch die Lande. Bald sprach er durch diesen, bald durch jenen Schüler durch die innige Gemeinschaft, wie er in die anderen sich einlebte, so daß, wenn sie über Land gingen, nicht mehr der Christus Jesus nur sprach, sondern einer der Jünger; aber der Christus sprach durch ihn. Und mit einer solchen Gewalt lebte er sich in die Jünger ein, daß sich der Gesichtsausdruck des Jüngers, durch den der Christus sprach, so veränderte, daß, wer außen zuhörte aus dem Volke, dem gegenüber, der da sprach, das Gefühl hatte, dieses sei der Meister. Der andere aber, welcher der Christus war, fiel so in sich zusammen, daß er gleichsam wie gewöhnlich aussah. So sprach er bald durch diesen, bald durch jenen im Lande umher. Das war das Geheimnis seiner Wirksamkeit in der letzten Zeit der drei Jahre.

Und wenn er so dahinzog mit seinen Jüngern und den Feinden immer gefährlicher erschien, dann sagten diese: Wie können wir ihm nachstellen? Wir können doch nicht die ganze Schar verhaften? Denn man weiß ja nie, wenn man den herausgreift, der da spricht, ob man den Richtigen hat oder den Falschen. Greift man den Falschen, dann ist der Richtige entkommen. Nie wußte man, ob man in dem, den man vor sich sah, nun auch den Richtigen hatte. Das war die große Angst! Man wußte, daß einmal der, einmal ein anderer sprach, und der Richtige war nicht zu erkennen, weil er die gewöhnliche Form von einem anderen annahm.

Es war etwas Wunderbares mit dieser Schar. Daher war es notwendig, daß ein Verrat geschah. Denn so, wie die Sache gewöhnlich dargestellt wird, so war sie nicht. Was sollte es denn heißen, daß der Judas dem einen Kuß geben mußte, welcher der Richtige war? Das wäre doch nach der gewöhnlichen Schilderung nicht schwer gewesen, den Jesus von Nazareth zu fassen. Der Kuß hätte keinen Sinn, wenn nicht einer, der da genau wissen konnte, welcher der Richtige war, ihn denen anzeigen mußte, die es nicht wußten. Aber aus dem angedeuteten Grunde wußten ja die Feinde nicht, wer der Richtige war.

Erst als die großen Leiden ihm unmittelbar bevorstanden, als das Mysterium von Golgatha eintrat, da war eine vollständige Verbindung der Christus-Wesenheit mit den Leibern des Jesus von Nazareth hergestellt. Da geschah dann dasjenige, was ja in schöner Weise in den anderen Evangelien geschildert ist. Vor allen Dingen ist für den Seherblick, der sich Akasha-Chronik-mäßig hinrichtet auf das, was damals geschehen ist, durchaus eine der wirklichen Tatsachen, daß, während der Christus am Kreuze hing, in der Gegend von Golgatha weitum die Erde so wie bei einer Sonnenfinsternis verfinstert war. Ich kann nicht sagen, ob es sich um eine Sonnenfinsternis oder um eine mächtige Wolkenverfinsterung handelte, aber eine solche Finsternis, wie sie sonst bei einer Sonnenfinsternis beobachtet werden kann, war um das Ereignis des Mysteriums von Golgatha herum.

Wenn der okkulte Blick das Leben auf der Erde bei einer solchen Verfinsterung ansieht, dann zeigt sich ihm alles Lebende ganz anders, als wenn eine solche Verfinsterung nicht da ist. Der Zusammenhang des Ätherleibes und des physischen Leibes ist bei den Pflanzen ein ganz anderer; und auch bei den Tieren stellen sich Astralleib und Ätherleib während einer solchen Verfinsterung ganz anders dar. Bei einer solchen Sonnenfinsternis ist es ganz anders auf der Erde, als wenn die Sonne einfach fehlt in der Nacht. Natürlich ist es nicht so, wenn im gewöhnlichen Sinne der Himmel mit Wolken bedeckt ist, sondern nur, wenn eine besonders dichte Verfinsterung eintritt, und eine solche war damals eingetreten. Wie gesagt, ich weiß noch nicht, ob es eine Sonnenfinsternis war, aber was zu sehen ist, das ist so wie eine Sonnenfinsternis. Während dieser Veränderung auf der Erde, auch im physischen Sinne, ging das, was wir die Christus-Wesenheit nennen, über in die lebendige Erdenaura. Die Erde hatte durch den Tod des Christus Jesus den Impuls des Christus empfangen.

Das Größte, was sich auf Erden zugetragen hat, muß man mit solch einfachen Worten stammeln, weil es eigentlich menschlichen Worten nicht möglich ist, dieses Größte irgendwie auch nur annähernd sinngemäß zu schildern.

Dann, als der Leib des Jesus herabgenommen wurde und in ein Grab gelegt war, ist das wiederum eine wirkliche Beobachtung, daß ein Naturereignis eintrat, wie etwas, was in das moralische Menschenleben hereintritt. Ein Wirbelwind entstand, ein Erdspalt bildete sich, der den Leib des Jesus aufnahm, während weggewirbelt wurden die Tücher von dem Leichnam. Erschütternd ist diese Beobachtung, daß die Anordnung der Tücher, wie sie im Johannes-Evangelium geschildert wird, sich wirklich dem anschauenden Blick ergibt.

Diese beiden Ereignisse: Erdenverfinsterung, Erdbeben und mächtiger Wirbelwind, sie zeigen uns so an einem Punkte der Erdenentwickelung, wie die Naturereignisse zugleich mit geistigen Ereignissen eintraten. Sonst findet etwas Derartiges nur bei lebenden Wesen statt, wie zum Beispiel einer Handbewegung der Willensentschluß und das Denken vorhergeht. Die Entwickelung der Erde ging so vor sich, daß wir es im gewöhnlichen Leben nur mit mechanischen Tatsachen zu tun haben. Nur in einem besonderen Augenblick haben wir es — auch bei anderen Tatsachen der Erde, aber bei dieser Tatsache im höchsten Maße — mit dem Zusammenfallen einer geistigen mit zwei physischen Tatsachen zu tun.

Ich glaube nicht, daß durch die Betrachtung dieser konkreten Tatsachen, die jetzt möglich ist, einer kleinen Anzahl von Seelen als eine Art Fünftes Evangelium zu erzählen, die große Idee beeinträchtigt werden kann, die wir uns mehr theoretisch von der Bedeutung des Mysteriums von Golgatha geschaffen haben. Im Gegenteil, ich glaube, wer versucht, immer tiefer und tiefer diese konkreten Tatsachen auf sich wirken zu lassen, fühlt das bekräftigt, was früher mehr theoretisch, mehr abstrakt, mehr gedankenmäßig über das Mysterium von Golgatha vorgetragen worden ist. Man wird aus der Art dieser Tatsachen erkennen, daß in diesem Zeitpunkt unserer Erdenentwickelung wichtige Ereignisse dieser Erdenentwickelung sich vollziehen werden.

Man wird vielleicht erst die richtige Empfindung und Seelennuance gegenüber dem Mysterium von Golgatha durch die Erkenntnis dieser konkreten Tatsachen erlangen, und diese Empfindungsnuance wollte ich durch das, was ich aus dem Fünften Evangelium mitgeteilt habe, in Ihre Seelen legen. Vielleicht werden die einen oder die anderen, die an anderen Zyklen teilnehmen können, oder auch wiederum einmal die Freunde hier in Köln, noch etwas anderes aus diesem Fünften Evangelium mitbetrachten können. Denn das müssen wir sagen: Ganz abgesehen davon, daß die Menschheit heute so wenig Neigung zeigt, solche Tatsachen entgegenzunehmen, wie die sind, von denen jetzt gesprochen worden ist, abgesehen davon war die größte Notwendigkeit vorhanden, daß solche Tatsachen gerade jetzt in die Erdenentwickelung einfließen. Daher werden sie mitgeteilt, trotzdem es wahrhaftig schwierig ist, über diese Dinge zu sprechen. Und trotzdem man, wenn man seiner Neigung folgen würde, nicht darüber sprechen möchte, werden sie mitgeteilt, aus einer inneren Verpflichtung heraus, solange sie Menschenseelen gesagt werden können. Man wird sie in der Menschheitsentwickelung brauchen. Die Seelen, welche sie jetzt aufnehmen, werden sie für die Arbeit, die sie in seelisch-geistiger Beziehung in der weiteren Menschheitsentwickelung zu leisten haben, ganz gewiß brauchen.

Sie sehen, nach und nach lernen wir durch unsere Betrachtungen dasjenige kennen, was in unseren Seelen aufleben soll, damit wir rechte Glieder in der fortschreitenden Menschheitsevolution werden. Das ist ja der Sinn der Menschheitsentwickelung auf der Erde, daß die Menschenseelen immer bewußter ihre Aufgaben erkennen.

Der Christus ist erschienen. Sein Impuls hat als Tatsache gewirkt. Lange Zeit konnte er als Tatsache mehr im Unbewußten wirken; dann mußte er wirken können durch das bisher Verstandene. Er wirkte durch das, was er war, nicht durch das Verstandene. Aber immer notwendiger wird es, daß die Menschen ihn auch verstehen lernen, den Christus, der durch die Leiber des Jesus von Nazareth in die Erdenaura und damit in das lebendige Menschengeschehen eingezogen ist.




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