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Denken, Fühlen, Wollen - Das Muspilhgedicht

von Rudolf Steiner
Dornach, 15. Juli 1921
GA 205

Es ist die 11. von 13 Vorträge von Rudolf Steiner in Dornach, Schweiz im Juni und Juli angesichts von 1921. Die Vortragsreihe ist berechtigt: Menschenwerden, und Weltenseele Weltengeist. Erster Teil: Der Mensch als leiblich-Seelische Wesenheit in seinem Verhaeltnis zur Welt. Der Mensch in seinem Zusammenhang mit dem Kosmos. Es ist hier präsentiert mit freundlicher Genehmigung der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach, Schweiz. Von GA# 205.



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Rudolf Steiner Verlag
Dornach, Schweiz
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Denken, Fühlen, Wollen — Das Muspilhgedicht
Dornach, 15. Juli 1921

Ich werde heute einige Wahrheiten zusammenfassen, die uns dann wiederum dienen werden, um in den nächsten Tagen weitere Ausführungen nach einer gewissen Richtung hin zu geben. Wenn wir unser seelisches Leben ins Auge fassen, so können wir sagen, daß nach dem einen Pol hin in diesem Seelenleben das gedankliche Element, das Denken liegt, nach dem ändern Pol hin das Willenselement, zwischen beiden das Gefühlselement, dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben das Fühlen, den Inhalt des Gemütes und so weiter nennen. Im wirklichen seelischen Leben, so wie es sich in uns abspielt in unserem Wachzustande, ist natürlich niemals einseitig bloß das Denken vorhanden oder der Wille, sondern sie sind immer in Verbindung miteinander, sie spielen ineinander. Nehmen wir an, wir verhalten uns im Leben ganz ruhig, so daß wir etwa sagen können, unser Wille sei nach außen hin nicht tätig. Wir müssen dann doch, wenn wir während einer solchen nach außen gerichteten Ruhe denken, uns klar sein darüber, daß Wille waltet in den Gedanken, die wir entfalten: indem wir einen Gedanken mit dem ändern verbinden, waltet der Wille in diesem Denken. Also selbst wenn wir gewissermaßen scheinbar bloß kontemplativ sind, bloß denken, so waltet in uns wenigstens innerlich der Wille, und wenn wir uns nicht gerade tobsüchtig verhalten oder nachtwandeln, können wir ja nicht willentlich tätig sein, ohne unsere Willensimpulse von Gedanken durchströmen zu lassen. Gedanken durchziehen immer unsere Willensbetätigung, so daß wir also sagen können: Auch der Wille ist niemals im Seelenleben abgesondert für sich vorhanden. Aber was so abgesondert für sich nicht vorhanden ist, das kann doch verschiedenen Ursprunges sein. Und so ist auch der eine Pol unseres Seelenlebens, das Denken, ganz ändern Ursprunges als das Willensleben.

Schon wenn wir nur die alltäglichen Lebenserscheinungen betrachten, werden wir ja finden, wie das Denken eigentlich sich immer auf etwas bezieht, was da ist, was Voraussetzungen hat. Das Denken ist zumeist ein Nachdenken. Auch wenn wir vordenken, wenn wir also uns etwas vornehmen, das wir durch den Willen dann ausführen, so liegen ja einem solchen Vordenken Erfahrungen zugrunde, nach denen wir uns richten. Auch dieses Denken ist in gewisser Beziehung natürlich ein Nachdenken. Der Wille kann sich nicht richten auf dasjenige, was schon da ist. Da würde er ja selbstverständlich immer zu spät kommen. Der Wille kann sich einzig und allein richten auf das, was da kommen soll, auf das Zukünftige. Kurz, wenn Sie ein wenig über das Innere des Gedankens, des Denkens und über das Innere des Willens nachdenken, Sie werden finden, das Denken bezieht sich auch schon im gewöhnlichen Leben mehr auf die Vergangenheit, der Wille bezieht sich auf die Zukunft. Das Gemüt, das Fühlen, steht zwischen beiden. Wir begleiten mit Gefühl unsere Gedanken. Gedanken freuen uns, stoßen uns ab. Aus unserem Gefühl heraus führen wir unsere Willensimpulse ins Leben. Fühlen, der Gemütsinhalt, steht zwischen dem Denken und dem Wollen mitten drinnen.

Aber so wie es schon im gewöhnlichen Leben, wenn auch nur andeutungsweise der Fall ist, so steht es auch in der großen Welt. Und da müssen wir sagen: Dasjenige, was unsere Denkkraft ausmacht, was das ausmacht, daß wir denken können, daß die Möglichkeit des Gedankens in uns ist, das verdanken wir dem Leben vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Es ist im Grunde genommen in dem kleinen Kinde, das uns entgegentritt, schon im Keime all die Gedankenfähigkeit vorhanden, die der Mensch überhaupt in sich entwickelt. Das Kind verwendet die Gedanken nur — Sie wissen das aus Vorträgen, die ich schon gehalten habe — als Richtkräfte zum Aufbauen seines Leibes. Namentlich in den ersten sieben Lebensjahren, bis zum Zahnwechsel hin, verwendet das Kind die Gedankenkräfte zum Aufbau seines Leibes als Richtkräfte. Dann kommen sie immer mehr und mehr als eigentliche Gedankenkräfte heraus. Aber sie sind eben als Gedankenkräfte durchaus veranlagt im Menschen, wenn er das physische, das irdische Leben betritt.

Dasjenige, was als Willenskräfte sich entwickelt — eine unbefangene Beobachtung ergibt das ohne weiteres —, das ist beim Kinde eigentlich wenig mit dieser Gedankenkraft verbunden. Beobachten Sie nur das zappelnde, sich bewegende Kind in den ersten Lebenswochen, dannwerden Sie sich schon sagen: Dieses Zappelnde, dieses chaotisch Sich-Bewegende, das ist von dem Kinde erst erworben dadurch, daß seine Seele und sein Geist von der physischen Außenwelt her mit physischer Leiblichkeit umkleidet worden sind. In dieser physischen Leiblichkeit, die wir erst nach und nach entwickeln seit der Konzeption und seit der Geburt, da liegt zunächst der Wille, und es besteht ja die Entwickelung des kindlichen Lebens darinnen, daß allmählich der Wille gewissermaßen eingefangen wird von den Denkkräften, die wir schon durch die Geburt ins physische Dasein mitbringen. Beobachten Sie nur, wie das Kind zunächst ganz sinnlos, wie es eben aus der Regsamkeit des physischen Leibes herauskommt, seine Glieder bewegt, und wie nach und nach, ich möchte sagen, der Gedanke hineinschlägt in diese Bewegungen, so daß sie sinnvoll werden. Es ist also ein Hineinpressen, ein Hineinstoßen des Denkens in das Willensleben, das ganz und gar in der Hülle, die den Menschen umgibt, lebt, wenn er geboren beziehungsweise wenn er empfangen wird. Es ist dieses Willensleben ganz und gar darinnen enthalten.

Diagram 1

So daß wir schematisch etwa den Menschen so zeichnen können, daß wir sagen, er bringt sich sein Gedankenleben mit, indem er heruntersteigt aus der geistigen Welt. Ich will das schematisch so andeuten (siehe Zeichnung, gelb). Und er setzt das Willensleben an in der Leiblichkeit, die ihm durch die Eltern gegeben wird (rot). Dadrinnen sitzen die Willenskräfte, die sich chaotisch äußern. Und dadrinnen sitzen die Gedankenkräfte (Pfeile), die zunächst als Richtkräfte dienen, um eben den Willen in seiner Leiblichkeit in der richtigen Weise zu durchgeistigen.

Diese Willenskräfte, sie nehmen wir dann wahr, wenn wir durch den Tod in die geistige Welt hinübergehen. Da sind sie aber im höchsten Maße geordnet. Da tragen wir sie hinüber durch die Todespforte in das geistige Leben. Die Gedankenkräfte, die wir mitbringen aus dem übersinnlichen Leben in das Erdenleben, die verlieren wir eigentlich im Verlauf des Erdenlebens.

Bei Menschenwesen, die früh sterben, ist es etwas anders, wir wollen jetzt zunächst vom normalen Menschenwesen sprechen. Das normale Menschenwesen, das über die fünfziger Jahre alt wird, das hat eigentlich im Grunde genommen die wirklichen Gedankenkräfte, die aus dem früheren Leben mitgebracht werden, schon verloren und sich eben die Richtungskräfte des Willens bewahrt, die dann durch den Tod hinübergetragen werden in das Leben, das wir betreten, wenn wir durch des Todes Pforte gehen.

Man kann ja annehmen, daß jetzt in einem der Gedanke sitzt: Ja, wenn man also über fünfzig Jahre alt geworden ist, dann hat man sein Denken verloren! — In einem gewissen Sinne ist das sogar für die meisten Menschen, die sich heute für nichts Geistiges interessieren, durchaus der Fall. Ich möchte nur einmal, daß Sie wirklich darauf ausgehen, zu registrieren, wieviel ursprüngliche, originelle Gedankenkräfte durch diejenigen Menschen heute hervorgebracht werden, die über fünfzig Jahre alt geworden sind! Es sind in der Regel die automatisch sich fortbewegenden Gedanken der früheren Jahre, die sich im Leibe abgedrückt haben, und der Leib bewegt sich dann automatisch fort. Er ist ja ein Bild des Gedankenlebens, und der Mensch, der rollt so nach dem Gesetz der Trägheit, nicht wahr, in dem alten Gedankentrott weiter fort. Man kann sich heute kaum vor diesem Fortlaufen im alten Gedankentrott anders bewahren, als daß man auch während des Lebens solche Gedanken aufnimmt, welche geistiger Natur sind, welche ähnlich sind den Gedankenkräften, in die wir versetzt waren vor unserer Geburt. So daß in der Tat immer mehr die Zeit heranrückt, wo die alten Leute bloße Automaten sein werden, wenn sie sich nicht bequemen, Gedankenkräfte aus der übersinnlichen Welt aufzunehmen. Natürlich, automatisch kann der Mensch sich weiter denkend betätigen, es kann so ausschauen, als ob er dächte. Aber es ist nur ein automatisches Fortbewegen der Organe, in die sich die Gedanken hineingelegt haben, hineinverwoben haben, wenn nicht der Mensch erfaßt wird von jenem jugendlichen Element, das da kommt, wenn wir Gedanken aus der Geisteswissenschaft aufnehmen. Dieses Aufnehmen von Gedanken aus der Geisteswissenschaft ist eben durchaus nicht irgendein Theoretisieren, sondern es greift schon ganz tief im menschlichen Leben ein.

Besondere Bedeutung aber gewinnt die Sache, wenn wir jetzt des Menschen Verhältnis zur umliegenden Natur ins Auge fassen. Ich verstehe jetzt unter Natur all das, was uns umgibt für unsere Sinne, dem wir also ausgesetzt sind vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Das kann man in einer gewissen Weise in der folgenden Art betrachten. Man kann sich das einmal vor Augen führen — ich meine vor geistige Augen —, was man so sieht. Wir nennen es den Sinnesteppich. Ich will es schematisch so aufzeichnen. Hinter allem, was man sieht, hört, als Wärme wahrnimmt, die Farben in der Natur und so weiter — ich

Diagram 2

zeichne ein Auge als Schema für das, was da wahrgenommen wird —, hinter diesem Sinnesteppich ist etwas. Die Physiker oder die Menschen der gegenwärtigen Weltanschauung sagen: Dahinter sind Atome und die wirbeln —, und nachher, nicht wahr, da wirbeln sie weiter, da ist gar kein Sinnesteppich, sondern irgendwie im Auge oder im Gehirn oder irgendwo oder auch nicht irgendwo, da rufen sie dann die Farben und die Töne und so weiter hervor. Nun stellen Sie sich aber, bitte, ganz unbefangen einmal vor, daß Sie anfangen zu denken über diesen Sinnesteppich. Wenn Sie anfangen zu denken und nicht von der Illusion ausgehen, Sie könnten dieses riesige Heer von Atomen konstatieren, das da von den Chemikern so in militärischer Denkweise angeordnet wird, sagen wir zum Beispiel, da steht Unteroffizier C, dann zwei Gemeine, C, O, O, und dann noch ein Gemeiner als ein H; nicht wahr, so haben wir das ja militärisch angeordnet: Äther, Atome und so weiter. Nun, wenn man, wie gesagt, sich dieser Illusion nicht hingibt, sondern stehenbleibt bei der Wirklichkeit, dann weiß man: Der Sinnesteppich ist ausgebreitet, da draußen sind die Sinnesqualitäten, und das, was ich noch über dasjenige, was in den Sinnesqualitäten liegt, mit dem Bewußtsein umfasse, das sind eben Gedanken. Es ist in Wirklichkeit nichts hinter diesem Sinnesteppich als Gedanken (blau). Ich meine, hinter dem, was wir in der physischen Welt haben, ist nichts anderes da als Gedanken. Daß diese von Wesen getragen werden, darüber werden wir noch sprechen. Aber man kommt zu dem, was wir in unserem Bewußtsein haben, nur dahinter mit den Gedanken. Die Kraft aber, zu denken, die haben wir aus unserem vorgeburtlichen Leben beziehungsweise aus dem Leben vor unserer Empfängnis. Warum ist es denn nun, daß wir durch diese Kraft hinter den Sinnesteppich kommen?

Versuchen Sie nur einmal, sich recht vertraut zu machen mit dem Gedanken, den ich eben angeschlagen habe, versuchen Sie sich die Frage ordentlich vorzulegen auf Grundlage dessen, was wir nun gerade wiederum angedeutet haben, was wir in vielen Zusammenhängen schon betrachtet haben. Warum ist es so, daß wir hinter den Sinnesteppich mit unseren Gedanken hinuntergelangen, wenn unsere Gedanken doch aus unserem vorgeburtlichen Leben stammen? Sehr einfach: weil dahinter dasjenige ist, was gar nicht in der Gegenwart ist, sondern was in der Vergangenheit ist, was der Vergangenheit angehört. Das, was unter dem Sinnesteppich ist, ist in der Tat ein Vergangenes, und wir sehen das nur richtig, wenn wir es als ein Vergangenes anerkennen. Die Vergangenheit wirkt herein in unsere Gegenwart, und aus der Vergangenheit heraus sprießt dasjenige, was uns in der Gegenwart erscheint. Stellen Sie sich eine Wiese vor, die beblumt ist. Sie sehen das Gras als grüne Decke, Sie sehen die blumige Ausschmückung der Wiese. Das ist Gegenwart, aber das wächst aus der Vergangenheit hervor. Und wenn Sie durch das hindurchdenken, dann haben Sie darunter nicht eine atomistische Gegenwart, dann haben Sie in Wirklichkeit darunter die Vergangenheit als verwandt mit dem, was von Ihnen selber aus der Vergangenheit herstammt.

Es ist interessant: Wenn wir über die Dinge nachzudenken beginnen, so enthüllt sich uns von der Welt gar nicht die Gegenwart, sondern es enthüllt sich die Vergangenheit. Was ist Gegenwart? Die Gegenwart hat gar keine logische Struktur. Der Sonnenstrahl fällt auf irgendeine Pflanze, er glänzt dort; im nächsten Augenblick, wenn die Richtung des Sonnenstrahls eine andere ist, glänzt es nach einer ändern Richtung. Das Bild ändert sich in jedem Augenblick. Die Gegenwart ist eine solche, daß wir sie nicht umfassen können mit Mathematik, nicht mit der bloßen Gedankenstruktur. Was wir mit der bloßen Gedankenstruktur umfassen, ist Vergangenheit, die in der Gegenwart fortdauert.

Das ist etwas, was dem Menschen sich enthüllen kann als eine große, als eine bedeutsame Wahrheit: Denkst du, so denkst du im Grunde genommen nur die Vergangenheit; spinnst du Logisches, denkst du im Grunde genommen über dasjenige nach, was vergangen ist. — Wer diesen Gedanken erfaßt, der wird auch in dem Vergangenen keine Wunder mehr suchen. Denn indem sich das Vergangene in die Gegenwart hereinspinnt, muß es eben in der Gegenwart sein wie es als Vergangenes ist. Denken Sie, wenn Sie gestern Kirschen gegessen haben, so ist das eine vergangene Handlung; Sie können sie nicht ungeschehen machen, weil sie eine vergangene Handlung ist. Wenn aber die Kirschen die Gewohnheit hätten, bevor sie in Ihrem Munde verschwinden,

zuerst ein Zeichen irgendwohin zu machen, so würde dieses Zeichen bleiben. Sie könnten an diesem Zeichen nichts ändern. Wenn da jede Kirsche, nachdem Sie gestern Kirschen gegessen haben, ihre Vergangenheit in Ihren Mund hineinregistriert hätte, und nun einer kommen würde und fünf ausstreichen wollte, könnte er sie zwar ausstreichen, aber die Tatsache würde sich nicht ändern. Ebensowenig können Sie irgendein Wunder verrichten in bezug auf alles, was Naturerscheinungen sind, denn die sind alle Hereinragungen aus dem Vergangenen. Und alles, was wir mit Naturgesetzen umfassen können, ist schon vergangen, ist kein Gegenwärtiges mehr. Das Gegenwärtige können Sie nicht anders als durch Bilder erfassen, das ist ein Fluktuierendes. Wenn ein Körper hier aufleuchtet, so entsteht ja ein Schatten. Sie müssen gewissermaßen den Schatten sich richtig begrenzen lassen und so weiter. Sie können den Schatten konstruieren. Daß der Schatten wirklich entsteht, das kann nur durch die Hingabe an das Bild eruiert werden. So daß man sagen kann: Schon im gewöhnlichen Leben bezieht sich das Begrenzen, ich könnte auch sagen, das logische Denken, auf die Vergangenheit. Und die Imagination, die bezieht sich auf die Gegenwart. In bezug auf die Gegenwart hat der Mensch immer Imaginationen.

Denken Sie doch nur einmal, wenn Sie logisch leben wollten in der Gegenwart! Nicht wahr, logisch leben heißt, einen Begriff aus dem ändern hervorholen, gesetzmäßig von einem Begriff zum ändern übergehen. Nun, versetzen Sie sich nur einmal ins Leben. Sie sehen irgendein Ereignis: ist das nächste logisch darangegliedert? Können Sie das nächste Ereignis logisch aus dem vorhergehenden ableiten? Wenn Sie das Leben überblicken, ist es nicht in seinen Bildern ähnlich wie der Traum? Die Gegenwart ist ähnlich wie der Traum, und nur daß sich in die Gegenwart die Vergangenheit hineinmischt, das bewirkt, daß diese Gegenwart gesetzmäßig verläuft, logisch verläuft. Und wenn Sie irgend etwas Zukünftiges in der Gegenwart erahnen wollen, ja, wenn Sie nur irgend etwas denken wollen, was Sie in der Zukunft verrichten wollen, dann ist das ja zunächst ganz ungegenständlich bei Ihnen vorgegangen. Was Sie heute Abend erleben werden, steht nicht als Bild in Ihnen, sondern als etwas, was unbildlicher als ein Bild ist. Es steht höchstens als Inspiration in Ihnen. Die Inspiration bezieht sich auf die Zukunft.

Logisches Denken:
Imagination:
Inspiration:

Vergangenheit
Gegenwart
Zukunft

}

Intuition

Wir können uns auch durch ein einfaches Schema klarmachen, um was es sich da handelt. Wenn der Mensch — ich will ihn hier durch dieses Auge charakterisiert haben (siehe Zeichnung Seite 198) — auf den Sinnesteppich hinblickt, so sieht er ihn in seinen sich verwandelnden Bildern, aber er kommt jetzt und bringt Gesetze in diese Bilder hinein. Er bildet sich eine Naturwissenschaft aus den wechselnden Bildern der Sinneswelt. Er bildet sich eine Fachwissenschaft. Aber denken Sie einmal nach, wie diese Naturwissenschaft ausgebildet wird. Man untersucht, man untersucht denkend. Sie können unmöglich, wenn Sie eine Wissenschaft ausbilden wollen über das, was sich als Sinnesteppich ausbreitet, eine Wissenschaft, die in logischen Gedanken verläuft, diese logischen Gedanken aus der Außenwelt heraus gewinnen. Wenn das, was als Gedanken — und Naturgesetze sind ja auch Gedanken —, wenn das, was als Gesetze der Außenwelt erkannt wird, aus der Außenwelt selbst folgte, ja, dann wäre ja nicht notwendig, daß wir irgend etwas lernten über die Außenwelt, dann müßte derjenige, der zum Beispiel sich dieses Licht da ansieht, ganz genau die elektrischen Gesetze und so weiter wissen, wie der andere, der es gelernt hat! Ebensowenig weiß der Mensch, wenn er es nicht gelernt hat, irgend etwas, sagen wir über die Beziehung eines Kreisbogens zum Radius und so weiter. Da bringen wir die Gedanken, die wir in die Außenwelt hineintragen, aus unserem Inneren hervor.

Ja, es ist so: Dasjenige, was wir als Gedanken in die Außenwelt hineintragen, bringen wir aus unserem Inneren hervor. Wir sind zunächst dieser Mensch, der als Hauptesmensch konstruiert ist. Dieser sieht auf den Sinnesteppich hin. Im Sinnesteppich drinnen ist dasjenige, was wir durch Gedanken erreichen (siehe Zeichnung Seite 198, weiß) und zwischen diesem und zwischen dem, was wir in unserem eigenen Inneren haben, was wir nicht wahrnehmen, ist eine Verbindung, gewissermaßen eine unterirdische Verbindung. Daher kommt es, daß wir dasjenige, was wir in der Außenwelt nicht wahrnehmen, weil es in uns

Diagram 3

hineinragt, aus unserem Inneren in Form des Gedankenlebens hervorholen und in die Außenwelt hineinlegen. So ist es schon mit dem Zählen. Die Außenwelt zählt uns gar nichts vor; die Gesetze des Zählens liegen in unserem eigenen Inneren. Aber daß das stimmt, rührt davon her, daß zwischen diesen Anlagen, die da sind in der Außenwelt und unseren eigenen irdischen Gesetzen, ein unterirdischer Zusammenhang ist, ein unterkörperlicher Zusammenhang, und so holen wir die Zahl aus unserem Inneren heraus. Die paßt dann zu dem, was draußen ist. Aber der Weg ist nicht durch unsere Augen, nicht durch unsere Sinne, sondern der Weg ist durch unseren Organismus. Und dasjenige, was wir als Mensch ausbilden, das bilden wir als ganzer Mensch aus. Es ist nicht wahr, daß wir durch die Sinne irgendein Naturgesetz erfassen; wir erfassen es als ganzer Mensch.

Diese Dinge muß man in Erwägung ziehen, wenn man das Verhältnis des Menschen zur Umwelt in der richtigen Weise sich zum Gemüte führen will. Wir sind ja fortwährend in Imaginationen drinnen, und man brauchte nur unbefangen das Leben mit dem Traum zu vergleichen. Wenn der Traum abläuft, so läuft er gewiß sehr chaotisch ab, aber er ist dem Leben viel ähnlicher als das logische Denken. Nehmen wir einen extremen Fall. Wenn Sie — na, ich will sogar eine Unterhaltung unter vernünftigen Menschen der Gegenwart annehmen: Sie hören zu, reden selber mit. Denken Sie einmal nach, was da, sagen wir, im Laufe einer halben Stunde hintereinander geredet wird, ob mehr Zusammenhang darinnen liegt, wenn Sie es in seiner Aufeinanderfolge betrachten, als im Traume ist, oder ob es ein solcher Zusammenhang ist wie im logischen Denken. Wenn Sie verlangen würden, daß sich da logisches Denken entwickelt, dann würden Sie wahrscheinlich zu großen Enttäuschungen kommen. Die gegenwärtige Welt tritt uns durchaus in Bildern entgegen, so daß wir eigentlich im Grunde genommen fortwährend träumen. Die Logik müssen wir ja erst hineinbringen. Die Logik entringen wir uns aus unserer Vorgeburtlichkeit; wir bringen sie erst in den Zusammenhang der Dinge hinein und treffen dadurch auch auf das Vergangene in den Dingen. Die Gegenwart umfassen wir mit Imaginationen.

Wenn wir dieses imaginative Leben, das uns in der sinnlichen Gegenwart fortwährend umgibt, betrachten, so können wir uns sagen: Es gibt sich uns dieses imaginative Leben. Wir tun nichts dazu. — Denken Sie nur einmal, wie Sie sich haben anstrengen müssen, um zum logischen Denken zu kommen! Das Leben zu genießen, das Leben zu betrachten, haben Sie sich gar nicht anzustrengen brauchen, das enthüllt seine Bilder von selbst vor Ihnen. Nun, da haben wir es eben gut im Leben in bezug auf das Bildervorstellen der gewöhnlichen Umwelt. Nichts anderes braucht man aber, als nun auch die Fähigkeit sich zu erwerben, so Bilder zu machen — aber jetzt durch eigene Tätigkeit, wie man es sonst im Denken tut — und Bilder zu erleben durch innere Anstrengung, wie es sonst beim Denken geschieht. Dann sieht man nicht nur die Gegenwart in Bildern, dann dehnt man das bildliche Vorstellen auch aus auf das Leben vor der Geburt oder vor der Empfängnis, dann sieht man vor die Geburt hin oder vor die Empfängnis. Und wenn man da in Bildern hineinschaut, dann bevölkert sich das Denken mit den Bildern, und dann wird das vorgeburtliche Leben Realität. Wir müssen uns nur durch Ausbildung derjenigen Fähigkeiten, von denen gesprochen wird in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», angewöhnen können, in Bildern zu denken, ohne daß diese Bilder sich uns, wie das im gewöhnlichen Leben der Fall ist, von selber geben. Wenn wir dieses Bilderleben, in dem wir eigentlich immer drinnenstehen im gewöhnlichen Leben, zu einem Innenleben machen, dann schauen wir in die geistige Welt hinein, und dann erblicken wir allerdings die Art und Weise, wie unser Leben eigentlich verläuft.

Heute betrachtet man es ja ziemlich ausschließlich als geistig, wenn jemand — ich habe darüber öfter gesprochen — das materielle Leben richtig verachtet und sagt: Ich strebe zum Geist, Materie bleibt tief unter mir. — Das ist eine Schwäche, denn nur derjenige gelangt wirklich zu einem spirituellen Leben, der nicht die Materie unter sich zu lassen braucht, sondern der die Materie selbst in ihrer Wirksamkeit als Geist begreift, der alles Materielle als ein Geistiges und alles Geistige, auch in seiner Offenbarung als Materielles, erkennen kann. Das wird insbesondere bedeutsam, wenn wir auf Denken und Wollen hinblicken. Höchstens noch die Sprache, die ja einen geheimen Genius in sich enthält, die hat noch etwas von dem, was auf diesem Felde zur Erkenntnis führt.

Beachten Sie das Wollen in seiner Grundlage im gewöhnlichen Leben: Sie wissen, es geht hervor aus dem Begehren; selbst das idealste Wollen geht aus dem Begehren hervor. Nun, nehmen Sie die gröbste Form des Begehrens. Die gröbste Form des Begehrens, welche ist sie? Der Hunger. Daher ist auch alles, was aus dem Begehren hervorgeht, im Grunde immer verwandt dem Hunger. Aus dem, was ich Ihnen heute andeuten will, können Sie ja entnehmen, daß das Denken der andere Pol ist, er wird sich daher wie das Entgegengesetzte zum Begehren verhalten. Wir können sagen: Wenn wir das Begehren dem Wollen zugrunde legen, haben wir dem Denken die Sättigung zugrunde zu legen, die Gesättigtheit, nicht den Hunger.

Das entspricht eigentlich im tiefsten Sinne dem Tatbestand. Wenn Sie unsere Hauptesorganisation als Menschen nehmen und die andere Organisation, die daran hängt, so ist es in der Tat so: Wir nehmen wahr. Was heißt das, wir nehmen wahr? Wir nehmen wahr durch unsere Sinne. Indem wir wahrnehmen, wird eigentlich fortwährend etwas in uns abgetragen. Es geht etwas von außen in unser Inneres. Der Lichtstrahl, der in unser Auge dringt, der trägt eigentlich etwas ab. Es wird gewissermaßen in unsere eigene Materie ein Loch hineingebohrt (siehe Zeichnung Seite 201). Da war Materie, jetzt hat der Lichtstrahl ein Loch hineingebohrt, jetzt ist Hunger vorhanden. Dieser Hunger muß gesättigt werden, er wird aus dem Organismus, aus der vorhandenen Nahrung heraus gesättigt; das heißt, dieses Loch füllt sich aus mit der Nahrung, die in uns ist (rot). Jetzt haben wir gedacht, jetzt haben wir dasjenige, was wir wahrgenommen haben, gedacht: indem wir denken, füllen wir fortwährend die Löcher, welche die Sinneswahrnehmungen in uns bilden, mit Sättigung aus, die aus unserem Organismus aufsteigt.

Es ist außerordentlich interessant zu beobachten, wenn wir die Kopforganisation ins Auge fassen, wie wir aus unserem übrigen Organismus heraus durch die Löcher, die da entstehen, durch Ohren und durch Augen, durch die Wärmeempfindungen, da sind überall Löcher, hineinlegen die Materie. Der Mensch füllt sich ganz aus, indem er denkt, indem er dasjenige, was da ausgelocht ist, ausfüllt (rot).

Diagram 4

Und wenn wir wollen, so ist es ähnlich. Nur wirkt es dann nicht von außen herein, so daß wir ausgehöhlt werden, sondern da wirkt es von innen. Wenn wir wollen, entstehen überall in uns Höhlungen; die müssen wiederum mit Materie sich ausfüllen. So daß wir sagen können, wir bekommen negative Wirkungen, aushöhlende Wirkungen, sowohl von außen wie von innen und schieben fortwährend unsere Materie hinein.

Das sind die intimsten Wirkungen, diese aushöhlenden Wirkungen, die eigentlich in uns das ganze Erdensein vernichten. Denn indem wir den Lichtstrahl empfangen, indem wir den Ton hören, vernichten wir unser Erdendasein. Wir reagieren aber darauf, wir füllen das wiederum mit Erdendasein aus. Wir haben also ein Leben zwischen Vernichtung des Erdendaseins und Ausfüllen des Erdendaseins: luziferisch, ahrimanisch. Das Luziferische ist eigentlich fortwährend bestrebt, partiell aus uns ein Nichtmaterielles zu machen, uns ganz hinwegzuheben aus dem Erdendasein; Luzifer möchte nämlich, wenn er könnte, uns ganz vergeistigen, das heißt entmaterialisieren. Aber Ahriman ist sein Gegner; der wirkt so, daß fortwährend dasjenige, was Luzifer ausgräbt, wiederum ausgefüllt wird. Ahriman ist der fortwährende Ausfüller. Wenn Sie den Luzifer plastisch gestalten und den Ahriman plastisch machen, so könnten Sie ganz gut, wenn die Materie durcheinander durchginge, Ahriman immer hineindrängen in die Höhlung

Diagram 5

von Luzifer, oder Luzifer drüberstülpen. Aber da innen auch Höhlungen sind, muß man auch hineinstülpen, Ahriman und Luzifer, das sind die beiden entgegengesetzten Kräfte, die im Menschen wirken. Er selbst ist die Gleichgewichtslage. Luzifer, mit fortwährendem Entmaterialisieren, ergibt fortwährend Materialisieren: Ahriman. Wenn wir wahrnehmen, das ist Luzifer. Wenn wir über das Wahrgenommene denken: Ahriman. Wenn wir die Idee bilden, dieses oder jenes sollen wir wollen: Luzifer. Wenn wir wirklich wollen auf der Erde: Ahriman. So stehen wir zwischen den beiden darinnen. Wir pendeln zwischen ihnen hin und her, und wir müssen uns schon klar sein: Wir sind als Menschen zwischen das Ahrimanische und das Luziferische in der intimsten Weise hineingestellt. Eigentlich lernt man den Menschen nur kennen, wenn man diese zwei entgegengesetzten Pole an ihm in Betracht zieht.

Da haben Sie eine Betrachtungsweise, welche durchaus weder auf ein abstraktes Geistiges bloß geht — denn dieses abstrakte Geistige ist ja ein nebulos Mystisches —, noch auf ein Materielles, sondern alles, was materielle Wirkung ist, ist zu gleicher Zeit geistig. Wir haben es überall mit Geistigem zu tun. Und wir durchschauen die Materie in ihrem Dasein, in ihrer Wirksamkeit, indem wir überall den Geist hineinschauen können.

Ich habe Ihnen gesagt: Die Imagination kommt uns in bezug auf die Gegenwart von selbst. Wenn wir die Imagination künstlich ausbilden, so schauen wir in die Vergangenheit hinein. Wenn wir die Inspiration ausbilden, schauen wir in die Zukunft hinein, so wie man in die Zukunft hinein rechnet, indem man etwa Sonnenfinsternisse oder Mondenfinsternisse berechnet, nicht in bezug auf die Einzelheiten, aber auf die großen Gesetzmäßigkeiten der Zukunft in einem höheren Grade. Und die Intuition faßt alle drei zusammen. Und der Intuition sind wir eigentlich fortwährend unterworfen, nur verschlafen wir das. Wenn wir schlafen, sind wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leibe ganz in der Außenwelt drinnen; wir entfalten da jene intuitive Tätigkeit, die man sonst bewußt entfalten muß in der Intuition. Nur ist der Mensch in dieser gegenwärtigen Organisation zu schwach, um dann bewußt zu sein, wenn er intuitiert; aber er intuitiert in der Tat in der Nacht. So daß man sagen kann: Schlafend entwickelt der Mensch die Intuition, wachend entwickelt er — bis zu einem gewissen Grade natürlich — das logische Denken; zwischen beiden steht Inspiration und Imagination. Indem der Mensch aus dem Schlafe herüberkommt ins wachende Leben, gehen sein Ich und sein astralischer Leib in den physischen Leib und in den Ätherleib herein; dasjenige, was er sich da mitbringt, ist die Inspiration, auf die ich Sie schon in den verflossenen Vorträgen aufmerksam gemacht habe. Wir können sagen: Schlafend ist der Mensch in Intuition, wachend im logischen Denken, aufwachend inspiriert er sich, einschlafend imaginiert er. — Sie sehen daraus, daß diejenigen Tätigkeiten, die wir anführen als die höheren Tätigkeiten der Erkenntnis, dem gewöhnlichen Leben nicht fremd sind, sondern daß sie durchaus im gewöhnlichen Leben vorhanden sind, daß sie nur ins Bewußtsein heraufgehoben werden müssen, wenn eine höhere Erkenntnis entwickelt werden soll.

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Worauf immer wieder hingewiesen werden muß, das ist, daß in den letzten drei bis vier Jahrhunderten die äußere Wissenschaft eine große Summe von rein materiellen Tatsachen zusammengefaßt und in Gesetze gebracht hat. Diese Tatsachen müssen erst wiederum geistig durchdrungen werden. Aber es ist gut — wenn ich so sagen darf, obwohl es zunächst paradox klingt —, daß der Materialismus da war, sonst wärendie Menschen in die Nebulosität herein verfallen. Sie hätten zuletzt überhaupt allen Zusammenhang mit dem Erdendasein verloren. Als im 15. Jahrhundert der Materialismus begann, war nämlich die Menschheit im hohen Grade daran, luziferischen Einflüssen zu verfallen, nach und nach immer mehr und mehr ausgehöhlt zu werden. Da kamen eben die ahrimanischen Einflüsse seit jener Zeit. Und in den letzten vier, fünf Jahrhunderten haben sich die ahrimanischen Einflüsse bis zu einer gewissen Höhe entwickelt. Heute sind sie sehr stark geworden und es ist die Gefahr vorhanden, daß sie über ihr Ziel hinausschießen, wenn wir ihnen nicht entgegenhalten dasjenige, was sie gewissermaßen erlahmen macht: wenn wir ihnen nicht das Geistige entgegenhalten.

Aber da handelt es sich darum, daß man gerade für das Verhältnis des Geistigen zum Materiellen das richtige Gefühl entwickelt. Es gibt in der älteren deutschen Denkweise ein Gedicht, das man «Muspilli» genannt hat, das sich zuerst in einem Buche gefunden hat, das Ludwig dem Deutschen im 9. Jahrhundert gewidmet war, das aber natürlich aus viel früherer Zeit stammt. In diesem Gedicht liegt etwas rein Christliches vor: es wird uns der Kampf des Elias mit dem Antichrist vorgeführt. Aber die ganze Art und Weise, wie diese Erzählung verläuft, dieser Kampf des Elias mit dem Antichrist, erinnert an die alten Kämpfe der Sagen, der Bewohner von Asgard mit den Bewohnern von Jötunheim, den Bewohnern des Riesenreiches. Es ist einfach das Reich der Äsen in das Reich des Elias verwandelt worden, das Reich der Riesen in das Reich des Antichrist.

Diese Denkweise, die uns da noch entgegentritt, die verhüllt die wahre Tatsache weniger als die späteren Denkweisen. Die späteren Denkweisen, die reden eigentlich immer von einer Dualität, von dem Guten und Bösen, von Gott und dem Teufel und so weiter. Aber diese Denkweisen, die man in der späteren Zeit ausgebildet hat, stimmen nicht mehr zu den früheren. Jene Menschen, die den Kampf ausgebildet haben zwischen dem Götterheim und dem Riesenheim, die haben in den Göttern nicht dasselbe gesehen, wie es etwa der heutige Christ unter dem Reiche seines Gottes versteht, sondern diese älteren Vorstellungen haben zum Beispiel oben Asgard, das Reich der Götter gehabt, und unten Jötunheim, das Reich der Riesen; in der Mitte entfaltet sich der Mensch, Midgard. Das ist nichts anderes als in germanisch-europäischer Art dasselbe, was im alten Persien als Ormuzd und Ahriman vorhanden war. Da müßten wir nun in unserer Sprache sagen: Luzifer und Ahriman. Wir müßten Ormuzd als Luzifer ansprechen und nicht etwa bloß als den guten Gott. Und das ist der große Irrtum, der begangen wird, daß man diesen Dualismus so faßt, als wenn Ormuzd nur der gute Gott wäre und sein Gegner Ahriman der böse Gott. Das Verhältnis ist vielmehr das wie von Luzifer zu Ahriman. Und in Mittelgard, da wird in der Zeit, in der dieses Gedicht «Muspilli» abgefaßt ist, noch ganz richtig nicht vorgestellt: Der Christus läßt oben sein Blut herunterstrahlen —, sondern: Elias ist da, der sein Blut herunterstrahlen läßt. — Und der Mensch wird in die Mitte hineingestellt. Die Vorstellung war in der Zeit, in der wahrscheinlich Ludwig der Deutsche dieses Gedicht in sein Buch hineingeschrieben hat, noch eine richtigere als die spätere. Denn die spätere Zeit hat das Sonderbare begangen, die Trinität außer acht zu lassen; das heißt, die oberen Götter, die in Asgard sind, und die unteren Götter, die Riesengötter, die im ahrimanischen Reich sind, diese als das All aufzufassen, und zwar die oberen, die luziferischen, als die guten Götter und die ändern als die bösen Götter. Das hat die spätere Zeit gemacht; die frühere Zeit hat noch diesen Gegensatz zwischen Luzifer und Ahriman richtig ins Auge gefaßt, und daher so etwas wie den Elias in das luziferische Reich hineingestellt mit seiner emotioneilen Prophetie, mit demjenigen, was er dazumal verkündigen konnte, weil man den Christus hineinstellen wollte in Mittelgard, in dasjenige, was in der Mitte liegt.

Diagram 7

Wir müssen wiederum zurück zu diesen Vorstellungen in vollem Bewußtsein, sonst werden wir, wenn wir nur von der Dualität zwischen Gott und dem Teufel sprechen, nicht wiederum zu der Trinität kommen: zu den luziferischen Göttern, zu den ahrimanischen Mächten und dazwischen zu dem, was das Christus-Reich ist. Ohne daß wir dazu vorrücken, kommen wir nicht zu einem wirklichen Verständnis der Welt. Denken Sie, es ist darin ein ungeheures Geheimnis der geschichtlichen Entwickelung der europäischen Menschheit, daß der alte Ormuzd zu dem guten Gott gemacht worden ist, während er eigentlich eine luziferische Macht ist, eine Lichtmacht. Dadurch allerdings hat man die Genugtuung haben können, daß man wiederum den Luzifer so schlecht wie möglich machen konnte; weil einem der Luzifername nicht gepaßt hat für den Ormuzd, hat man den Luzifer auf den Ahriman hingeleitet, hat einen Mischmasch gemacht, der noch bei Goethe in seiner Mephistophelesfigur nachwirkt, indem sich da ja auch Luzifer und Ahriman miteinander vermischen, wie ich ausdrücklich in meinem Büchelchen «Goethes Geistesart» gezeigt habe. Es ist in der Tat die europäische Menschheit, die Menschheit der gegenwärtigen Zivilisation in eine große Verwirrung hineingekommen, und diese Verwirrung geht schließlich durch alles Denken. Sie wird nur wettgemacht dadurch, daß man aus der Dualität wieder in die Trinität hineinführt, denn alles Duale führt zuletzt in etwas, in dem der Mensch nicht leben kann, das er als eine Polarität anschauen muß, in der er den Ausgleich nun wirklich finden kann: Christus ist da zum Ausgleich des Luzifer und Ahriman, zum Ausgleich von Ormuzd und Ahriman und so weiter.

Das ist das Thema, das ich einmal anschlagen wollte und das wir dann in den nächsten Tagen in verschiedenen Verzweigungen weiterführen wollen.




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