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Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen

On-line since: 31st August, 2012

ERSTER VORTRAG

Den Haag, 20. März 1913

Ich werde Ihnen zu sprechen haben, meine lieben Freunde, über ein Thema, welches vielen in der Gegenwart wichtig sein kann, allen denjenigen wichtig sein kann, welche in irgendeiner Weise so streben, daß sie Geisteswissenschaft nicht nur zu einer Theorie machen, sondern sie in ihr Herz und Gemüt aufnehmen, so daß sie ihnen ein wirklicher Lebensinhalt wird; daß sie etwas wird, was einfließt in ihr ganzes Menschheitsdasein als Menschen der Gegenwart.

Nicht nur für den eigentlichen Esoteriker, sondern für jeden, der anthroposophische Gedanken in seine Seelenkräfte aufnehmen will, wird wichtig sein, einiges zu erfahren über die Veränderungen, die die ganze menschliche Wesenheit dadurch erfährt, daß entweder der Mensch solche Übungen ausführt, wie sie in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» mitgeteilt sind, oder wie sie kurz zusammengestellt sind in dem zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft», oder auch daß der Mensch einfach, aber mit Herz und Gemüt anthroposophische Gedanken zu seinen eigenen macht. Anthroposophie, esoterisch getrieben oder exoterisch, aber ernst getrieben, bewirkt einfach gewisse Veränderungen in der Gesamtorganisation des Menschen. Man wird — das darf kühnlich behauptet werden — ein anderer Mensch durch Anthroposophie, man verwandelt sein ganzes Menschheitsgefüge. Sowohl der physische Leib wie der ätherische, wie der astralische Leib, wie das eigentliche Selbst des Menschen werden in einer gewissen Weise dadurch verwandelt, daß der Mensch Anthroposophie wirklich in sein Inneres aufnimmt. Und der Reihe nach sollen besprochen werden die Veränderungen, welche diese menschlichen Hüllen unter dem Einflüsse der Esoterik oder aber der exoterisch ernst getriebenen Anthroposophie erfahren.

Besonders schwierig ist es ja, über die Veränderungen des physischen Menschenleibes zu sprechen, aus dem einfachen Grunde, weil diese Veränderungen des physischen Menschenleibes im Anfang des anthroposophischen oder esoterischen Lebens zwar wichtige, bedeutungsvolle sind, aber in einer gewissen Weise auch oft undeutlich, geringfügig zu nennen sind. Wichtige, bedeutungsvolle Veränderungen gehen mit dem physischen Leib vor sich, aber sie sind doch äußerlich, für irgendein äußeres Wissen nicht bemerkbar. Sie können auch nicht bemerkbar sein aus dem einfachen Grunde, weil das Physische dasjenige ist, was der Mensch von innen heraus am allerwenigsten in seiner Gewalt hat, und weil sogleich Gefahren kommen würden, wenn esoterische Übungen oder anthroposophischer Betrieb so eingerichtet würden, daß der physische Leib Veränderungen erfährt, die über das Maß dessen hinausgehen, was der Mensch voll zu beherrschen in der Lage ist. Innerhalb gewisser Grenzen halten sich die Veränderungen des physischen Leibes; aber es ist doch wichtig, daß der Mensch etwas davon erfährt, daß er sie sich klarmachen kann.

Soll man zunächst mit einem zusammenfassenden Worte die Veränderungen bezeichnen, die der physische Menschenleib erfährt durch die angedeuteten Bedingungen, so muß man sagen: Dieser physische Menschenleib wird in sich zunächst beweglicher und innerlich lebendiger. Beweglicher, was heißt das? Nun, im normalen Menschenleben haben wir den physischen Menschenleib so vor uns, daß seine einzelnen Organe miteinander in Kommunikation stehen, daß seine einzelnen Organe in gewisser Weise miteinander verbunden sind. Die Wirkungen der einzelnen Organe gehen ineinander über. Dadurch, daß der Mensch Esoterik oder Anthroposophie ernsthaft auf sich wirken läßt, werden die einzelnen Organe selbständiger, unabhängiger voneinander. Alle einzelnen Organe werden voneinander unabhängiger. In einer gewissen Weise wird das Gesamtleben des physischen Leibes herabgedämpft und das Eigenleben der Organe verstärkt. Wenn auch der Grad der Herabdämpfung des Gesamtlebens und der Verstärkung des Eigenlebens der Organe ein ungeheuer geringer ist, so muß man doch sagen: Durch den Einfluß von Esoterik und Anthroposophie überhaupt wird das Herz, das Gehirn, das Rückenmark, werden alleOrgane selbständiger und lebendiger und unabhängiger voneinander, innerlich beweglicher. Wenn ich gelehrt sprechen wollte, müßte ich sagen: Es gehen die Organe aus einem stabilen Gleichgewichtszustand in einen mehr labilen Gleichgewichtszustand über. Diese Tatsache ist aus dem Grunde gut zu wissen, weil der Mensch sehr leicht geneigt ist, wenn er etwas wahrnimmt von diesem anderen Gleichgewichtszustand seiner Organe, es dem Umstand zuzuschreiben, daß er unpäßlich oder krank geworden ist. Er ist nicht gewohnt, so zu empfinden die Beweglichkeit, die Unabhängigkeit der Organe. Man verspürt, empfindet Organe nur dann, wenn sie anders funktionieren, als der normale Zustand ist. Nun empfindet man, wenn auch zunächst in einer sehr gelinden Weise, das Unabhängigwerden der Organe voneinander; man kann das für ein Unpäßlichwerden, für ein Erkranken halten. Sie sehen also, wie man, gerade wenn es auf den physischen Menschenleib ankommt, vorsichtig sein muß: Selbstverständlich kann dieselbe Sache einmal eine Erkrankung sein, ein anderes Mal eine bloße Begleiterscheinung des inneren anthroposophischen Lebens. Daher hat man in jedem Fall notwendig, individuell zu unterscheiden; aber gesagt muß werden, daß dasjenige, was hier erreicht wird durch das anthroposophische Leben, durchaus etwas ist, was ganz im normalen Entwicklungslauf der Menschheit ohnedies liegt. In älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung waren die einzelnen Organe noch mehr voneinander abhängig, als sie es jetzt im äußeren Leben sind, und in der Zukunft werden sie immer unabhängiger werden. So wie derjenige, der sich zur Anthroposophie bekennt, immer auf den verschiedensten Gebieten des Lebens und Erkennens gewissermaßen vorausnehmen muß spätere, erst in der Zukunft an die gesamte Menschheit herantretende Entwicklungsstufen, so muß er auch diese Entwicklungsstufe sozusagen sich gefallen lassen, daß seine Organe voneinander unabhängiger werden. Das kann sich in einer leisen, gelinden Art ausdrücken in den einzelnen Organen und Organsystemen.

Ich will ein besonderes Beispiel anführen. Sie kennen alle die Erscheinung, daß der Mensch, namentlich wenn er bodenständigist, wenn er also nicht durch seinen Beruf etwa viel reist, in einer gewissen Weise zusammengewachsen ist mit seinem Boden. Gehen Sie aufs Land zu den Landleuten, da werden Sie erfahren, daß noch in einem viel höheren Maße als bei der heutigen Stadtbevölkerung, die ja vielfach Landaufenthalte aufsucht, die Leute mit ihrem Boden, mit ihrem Klima zusammengewachsen sind und daß sie es schwer haben, wenn sie durch dieses oder jenes in eine andere Gegend oder in ein anderes Klima versetzt werden, sich zu akklimatisieren, wie man das nennt; daß bis in die Seele herein in Form von einem oftmals unüberwindlichen Heimweh die Sehnsucht nach dem Boden, mit dem sie zusammengewachsen sind, in der Seele lebt. Das soll uns nur darauf hinweisen, wie der Mensch notwendig hat — was wir auch sonst bemerken können, wenn er in eine andere Gegend kommt —, seinen ganzen Organismus anzupassen an diese Gegend, an dieses Klima. In unserem normalen Leben findet nun tatsächlich die Anpassung statt innerhalb des gesamten menschlichen Organismus. Alles wird in gewisser Weise affiziert, in Mitleidenschaft gezogen, wenn wir aus der Ebene ins Gebirge uns versetzen, wenn wir in eine etwas entfernte Gegend uns versetzen. Bei dem Esoteriker oder bei dem mit Ernst die Anthroposophie Treibenden tritt das merkbar ein, daß nun nicht mehr der ganze Organismus in Mitleidenschaft gezogen wird, sondern daß sich das Blutsystem absondert und daß die Blutzirkulation sich gleichsam heraussondert von dem übrigen Organismus und die Blutzirkulation den größeren Einfluß erfährt, wenn der Mensch von einer Gegend in die andere übergeht. Und wer sich für diese Sache eine gewisse Sensitivität aneignet, der kann bemerken, daß in der Tat an der Pulsation seines Blutes, an der Art, wie sein Puls schlägt, bemerkbar ist, wenn er einfach durch eine Reise von einem Ort in einen anderen sich versetzt. Während bei dem Menschen, der nicht durch Esoterik oder anthroposophisches Leben sozusagen imprägniert ist, das Nervensystem noch stark in Anspruch genommen wird durch die notwendige Akklimatisierung, wird bei dem, der sich mit Esoterik oder ernstem anthroposophischem Leben durchdringt, das Nervensystem sehr wenig in Anspruch genommen werden; es tritt zurück, es sondert sich der innige Verband zwischen dem Nerven- und Blutsystem durch das anthroposophische Innenleben voneinander, und es wird das Blutsystem in einer gewissen Weise sensitiver für die Einflüsse von Klima und Boden, dafür das Nervensystem unabhängiger.

Wenn Sie für eine solche Sache Beweise haben wollen, so müssen Sie diese Beweise in der natürlichsten Weise suchen, in der sie zu finden sind: nämlich dann, wenn Sie selber in eine ähnliche Lage sich versetzt fühlen, wenn Sie selber an einen ändern Ort kommen. Versuchen Sie auf sich zu achten, dann werden Sie sehen, daß Sie diese Tatsache des Okkultismus bewahrheitet finden. Es ist außerordentlich wichtig, eine solche Tatsache ins Auge zu fassen, einfach aus dem Grunde, weil diese Tatsache sich allmählich ausbildet zu einer ganz bestimmten Empfindungsfähigkeit. An seinem Blut bemerkt derjenige, der in seinem Herzen Anthroposoph geworden ist, den Charakter einer fremden Stadt. Er braucht gar nicht viel auf anderes einzugehen: an seinem Blut kann er es schon bemerken, wie die Gegenden der Erde voneinander verschieden sind. Dagegen sondert sich wiederum das Nervensystem in einer anderen Weise heraus aus dem gesamten Organismus. Derjenige, der sich mit Anthroposophie unter den angegebenen Bedingungen durchdringt, wird nach und nach bemerken, daß er zum Beispiel den Unterschied der vier Jahreszeiten, namentlich den Unterschied von Sommer und Winter, noch in einer ganz anderen Weise empfindet als der sonstige normale Mensch der Gegenwart. Der normale Mensch der Gegenwart fühlt an seinem eigenen physischen Leibe eigentlich im Grunde genommen zumeist doch nur den Temperaturunterschied. Derjenige, der in der angedeuteten Weise Anthroposophie zu seinem Seeleninhalt gemacht hat, der empfindet nicht nur den Temperaturunterschied, sondern getrennt davon hat er noch ein besonderes Erleben in seinem Nervensystem, so daß es ihm zum Beispiel leichter wird, gewisse Gedanken, die an das physische Gehirn gebunden sind, im Sommer zu fassen als im Winter. Nicht als ob es unmöglich wäre, im Winter diese oder jene Gedanken zu fassen; aber man kann deutlich erfahren, daß es im Sommer leichterist als im Winter, daß sie im Sommer sozusagen leichter fließen als im Winter. Man kann auch bemerken, daß im Winter die Gedanken leichter abstrakt und im Sommer leichter bildhaft, anschaulicher werden. Das kommt davon her, daß das Werkzeug für den physischen Plan, das Nervensystem, in feiner Weise mitschwingt mit der Veränderung der Jahreszeiten, innerlich unabhängiger vom Gesamtorganismus mitschwingt, als das sonst der Fall ist.

Eine Grundveränderung aber in dem physischen Menschenleib ist dieses, daß man überhaupt beginnt — was recht bedenkliche Gestalten annehmen kann —, seinen physischen Leib stärker zu fühlen als vorher; er wird gewissermaßen empfindlicher für das Seelendasein, er wird schwerer erträglich. Es ist außerordentlich schwierig, sich das ganz klar zu machen, wenn dies auseinandergesetzt werden soll; allein stellen Sie sich vor ein Glas, in dem Wasser ist und in dem wäre aufgelöst Salz, so daß das eine trübe Flüssigkeit gäbe. Nehmen Sie an — für den normalen Zustand des Menschen — seinen Ätherleib, Astralleib und sein Selbst wie die Flüssigkeit, und der physische Leib sei darin aufgelöst wie das Salz. Jetzt lassen wir die Flüssigkeit hier im Glase etwas abkühlen. Da wird das Salz sich langsam herausverhärten, wird schwerer dadurch, daß es selbständiger wird. So verhärtet sich heraus aus dem gesamten Gefüge der vier Glieder der menschlichen Wesenheit der physische Leib; er schrumpft ein, wenn auch in geringfügigem Maße. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Er schrumpft in einer gewissen Weise ein. Nur müssen Sie sich das nicht stark vorstellen, so daß man nicht zu fürchten hat, daß der Mensch durch anthroposo-phische Entwicklung die allerstärksten Runzeln bekommt. Dieses Einschrumpfen ist ein In-sich-Dichterwerden. Dadurch aber zeigt er sich eigentlich erst als etwas, woran man schwerer zu tragen hat als vorher. Man empfindet ihn unbeweglicher als vorher. Dazu kommt, daß die anderen Glieder nun leichter beweglich sind. So empfindet man das, was man vorher eigentlich, wenn es ganz gesund war, gar nicht empfunden hat an sich, wozu man ganz behaglich Ich gesagt hat, das empfindet man nachher als etwas, was man wie schwerer geworden an sich trägt, was man anfängt zu verspüren in seiner Gänze. Und insbesondere fängt man an, in seinem Leibe alle diejenigen Einschlüsse zu verspüren, welche sozusagen innerhalb dieses physischen Leibes ein gewisses, von vornherein selbständiges Dasein führen. Und hier kommen wir auf eine Frage, die eigentlich nur in diesem Zusammenhang zum vollen Verständnis gebracht werden kann — aber selbstverständlich wird damit keine Agitation getrieben, sondern nur die Wahrheit hingestellt —, wir kommen auf die Frage der Fleischkost.

Da müssen wir uns einmal, weil wir es hier mit dem physischen Leib zu tun haben, einlassen auf die Beschreibung des Wesens der Fleisch- und auch der Pflanzennahrung, der Nahrung überhaupt. Das alles soll eine Episode bilden bei der Besprechung der Einflüsse anthroposophischen Lebens auf die Hüllen des Menschen, was so charakterisiert werden kann, daß es genannt wird die Ergänzung, die Regeneration dieses physischen Leibes von außen herein durch das, was er an äußerer Substanz aufnimmt. Man versteht das Verhältnis des Menschen zu seinen Nahrungsmitteln dann recht, wenn man das Verhältnis des Menschen zu den übrigen Naturreichen, zunächst zum Pflanzenreich ins Auge faßt. Das Pflanzenreich, als ein Reich des Lebens, führt die anorganischen Stoffe, die leblosen Stoffe bis zu einer gewissen Organisation herauf. Daß die lebendige Pflanze werde, das setzt voraus, daß die leblosen Stoffe in einer gewissen Weise — wie eben in einem lebendigen Laboratorium — verarbeitet werden bis zu einer gewissen Stufe der Organisation herauf. So daß wir in der Pflanze ein Lebewesen vor uns haben, welches die leblosen Naturprodukte bis zu einer gewissen Stufe der Organisation bringt. Der Mensch ist nun so organisiert als physischer Organismus, daß er in der Lage ist, den Organisationsprozeß da aufzunehmen, bis wohin die Pflanze ihn gebracht hat, und dann ihn von dem Punkte an weiterzuführen, so daß der höhere Menschenorganismus entsteht, wenn der Mensch das, was die Pflanze bis zu einem gewissen Grade organisiert hat, weiterorganisiert. Es verhalten sich die Dinge ganz genau so, daß dann eigentlich eine vollständige Kontinuation da ist, wenn der Mensch einen Apfel oderein Baumblatt abpflückt und ißt. Das ist die vollständigste Kon-tinuation. Würden alle Dinge so vorliegen, daß immer das Alier-natürlichste könnte getan werden, so würde man sagen können: Das Natürlichste wäre, daß der Mensch einfach den Organisationsprozeß da fortsetzt, wo ihn die Pflanze stehengelassen hat, das heißt die Pflanzenorgane so nimmt, wie sie sich draußen darbieten, und von da aus in sich selber weiterorganisiert. Das würde eine gerade Linie der Organisation geben, die nirgends irgendwie durchbrochen wäre: von der leblosen Substanz bis zur Pflanze, bis zu einem gewissen Punkt der Organisation, und von diesem Punkt bis zum menschlichen Organismus hindurch.

Nehmen wir nun gleich das Gröbste: der Mensch genießt das Tier. Im Tier haben wir ein Lebewesen vor uns, welches den Organisationsprozeß auch schon weiterführt als die Pflanze, bis zu einem gewissen Punkte über die Pflanzenorganisation hinausführt. So daß wir von dem Tiere sagen können, es setzt den Organisationsprozeß der Pflanze fort. Nehmen wir nun an, der Mensch ißt das Tier. Da tritt in einer gewissen Weise das Folgende ein: der Mensch hat jetzt nicht nötig, das an inneren Kräften anzuwenden, was er hätte anwenden müssen bei der Pflanze. Hätte er da angefangen, die Nahrungsmittel organisieren zu müssen, wo die Pflanze aufgehört hat, dann hätte er eine gewisse Summe von Kräften anwenden müssen. Die bleibt nun ungenützt, wenn er das Tier ißt; denn das Tier hat die Organisation der Pflanze schon bis zu einem gewissen höheren Punkte heraufgeführt; erst da braucht der Mensch jetzt anzufangen. Wir können also sagen: Der Mensch setzt nicht die Organisation da fort, wo er sie fortsetzen könnte, sondern er läßt Kräfte, die in ihm sind, ungenützt und setzt später die Organisation fort; er läßt sich von dem Tiere einen Teil der Arbeit abnehmen, den er leisten müßte, wenn er die Pflanze genießen würde. Nun besteht das Wohlsein eines Organismus nicht darin, daß er möglichst wenig leistet, sondern darin, daß er alle seine Kräfte wirklich in Tätigkeit bringt. Wenn der Mensch tierische Nahrung zu sich nimmt, so macht er mit denjenigen Kräften, welche organische Tätigkeiten entwickeln würden, wenn er nur Pflanzen äße, etwas ähnliches, wie wenn erauf seinen linken Arm verzichten würde, ihn anbinden würde, so daß er nicht benützt werden kann. So bindet der Mensch, wenn er Tiere ißt, innere Kräfte an, die er sonst aufrufen würde, wenn er nur Pflanzen äße. Er verurteilt also eine gewisse Summe von Kräften in sich zur Untätigkeit. Alles, was so zur Untätigkeit im menschlichen Organismus verurteilt wird, bewirkt zugleich, daß die betreffenden Organisationen, welche sonst tätig wären, brachgelegt werden, gelähmt, verhärtet werden. So daß der Mensch einen Teil seines Organismus tötet oder wenigstens lahmt, wenn er das Tier genießt. Diesen Teil seines Organismus, den der Mensch so in sich verhärtet, den trägt er dann mit durch das Leben wie einen Fremdkörper. Diesen Fremdkörper fühlt er im normalen Leben nicht. Wenn aber der Organismus so innerlich beweglich wird und seine Organsysteme voneinander unabhängiger werden, so wie es im anthroposophischen Leben geschieht, dann beginnt der physische Leib, der ohnedies schon, wie wir charakterisiert haben, sich unbehaglich fühlt, sich noch unbehaglicher zu fühlen, weil er ja jetzt einen Fremdkörper in sich hat.

Wie gesagt, es soll nicht agitiert, sondern nur die Wahrheit an sich hingestellt werden. Und wir werden andere Wirkungen der tierischen Nahrung noch kennenlernen; wir werden diesmal genötigt sein, dieses Kapitel ausführlich zu besprechen. Daher also kommt es, daß Fortschritt an innerem anthroposophischem Leben allmählich eine Art von Ekel erzeugt an tierischer Nahrung. Nicht als ob man dem Anthroposophen die tierische Nahrung verbieten müßte; sondern das gesund fortschreitende Instinktleben wehrt sich nach und nach gegen die tierische Nahrung und mag sie auch nicht mehr; und das ist auch viel besser, als wenn der Mensch aus irgendeinem abstrakten Grundsatz heraus Vegetarier wird. Das beste ist, wenn die Anthroposophie den Menschen dazu bringt, eine Art Ekel und Abscheu vor der Fleischnahrung zu haben, und es hat nicht viel Wert in bezug auf das, was man seine höhere Entwicklung nennen kann, wenn der Mensch auf andere Weise sich die Fleischnahrung abgewöhnt. So daß man sagen kann: Die tierische Nahrung bewirkt in dem Menschen etwas, was für den physischenLeib des Menschen eine Last wird, und diese Last wird empfunden. Das ist der okkulte Tatbestand von einer Seite.

Von einer anderen Seite werden wir ihn noch charakterisieren. Ich möchte als anderes Beispiel noch den Alkohol erwähnen. Auch das Verhältnis des Menschen zum Alkohol ist einer Veränderung unterworfen, wenn der Mensch sich innerlich lebendig, ernst mit Anthroposophie durchdringt. Der Alkohol nämlich ist ja etwas noch ganz Besonderes sozusagen in den Reichen der Natur. Er erweist sich nicht nur als eine Last-Erzeugung im menschlichen Organismus, sondern er erweist sich direkt als oppositionelle Gewalt im menschlichen Organismus erzeugend. Denn wenn wir die Pflanze betrachten, so bringt sie es in ihrer Organisation bis zu einem gewissen Punkt — mit Ausnahme der Weinrebe, die es über diesen Punkt hinausbringt. Was die übrigen Pflanzen sich einzig und allein aufsparen für den jungen Keim, alle die Triebkraft, die sonst nur für den jungen Keim aufgespart wird und nicht in das übrige der Pflanze sich ergießt, das ergießt sich bei der Weintraube auch in einer gewissen Weise in das Fruchtfleisch; so daß durch die sogenannte Gärung, durch die Verwandlung dessen, was sich da in die Weintraube hineinergießt, was in der Traube selbst zur höchsten Spannung gebracht worden ist, etwas erzeugt wird, was in der Tat innerhalb der Pflanze eine Gewalt hat, welche nur verglichen werden kann okkultistisch mit der Gewalt, die das Ich des Menschen über das Blut hat. Was also bei der Weinerzeugung entsteht, was bei der Alkoholerzeugung sich immer bildet, ist, daß in einem anderen Naturreich dasjenige erzeugt wird, was der Mensch erzeugen muß, wenn er von seinem Ich aus auf das Blut wirkt.

Wir wissen ja, daß eine innige Beziehung besteht zwischen dem Ich und dem Blut. Sie kann schon äußerlich charakterisiert werden dadurch, daß wenn im Ich Scham empfunden wird, die Schamröte dem Menschen ins Gesicht steigt, wenn in dem Ich Furcht, Angst empfunden wird, der Mensch erblaßt. Diese Wirkung von dem Ich auf das Blut, die aber auch sonst vorhanden ist, die ist okkultistisch ganz ähnlich derjenigen Wirkung, welche entsteht, wenn der Pflanzenprozeß zurückgebildet wird, so daß das, was in demFruchtfleisch der Weintraube ist oder was überhaupt aus dem Pflanzlichen kommt, zum Alkohol umgebildet wird. Das Ich muß, wie gesagt, normal einen ganz ähnlichen Prozeß im Blut erzeugen — okkultistisch gesprochen, nicht chemisch —, wie erzeugt wird durch das gleichsam Rückgängigmachen des Organisationsprozesses, durch das bloße Chemischmachen des Organisationsprozesses, wenn Alkohol erzeugt wird. Die Folge davon ist, daß wir durch den Alkohol etwas in unseren Organismus einführen, was von der anderen Seite her so wirkt, wie das Ich auf das Blut wirkt. Das heißt, wir haben ein Gegen-Ich in dem Alkohol in uns aufgenommen, ein Ich, das direkt ein Kämpfer ist gegen die Taten unseres geistigen Ich. Von der anderen Seite her wird auf das Blut gerade so gewirkt durch den Alkohol, wie von dem Ich auf das Blut gewirkt wird. So daß wir also einen inneren Krieg entfesseln und im Grunde alles das, was von dem Ich ausgeht, zur Machtlosigkeit verdammen, wenn wir ihm einen Gegenkämpfer entgegenstellen im Alkohol. Dies ist der okkulte Tatbestand. Derjenige, welcher keinen Alkohol trinkt, sichert sich die freie Möglichkeit, von seinem Ich aus auf das Blut zu wirken; derjenige, der Alkohol trinkt, der macht es gerade so wie jemand, der eine Wand einreißen will und nach der einen Seite schlägt, gleichzeitig aber auf der anderen Seite Leute aufstellt, die ihm entgegenschlagen. Ganz genau so wird durch den Genuß des Alkohols eliminiert die Tätigkeit des Ich auf das Blut.

Daher empfindet derjenige, welcher Anthroposophie zu seinem Lebenselement macht, die Arbeit des Alkohols im Blute als direkten Kampf gegen sein Ich, und es ist daher nur natürlich, daß eine wirkliche geistige Entwicklung nur leicht vor sich gehen kann, wenn man ihr nicht diese Widerlage schafft. Wir sehen gerade aus diesem Beispiel, wie das, was ja sonst auch vorhanden ist, durch das veränderte Gleichgewicht, welches eintritt im physischen Leib, für den Esoteriker oder Anthroposophen wahrnehmbar wird.

Auch in vielen anderen Beziehungen verselbständigen sich die einzelnen Organe und Organsysteme des menschlichen physischen Organismus, und diese Verselbständigung können wir auch dadurch kennzeichnen, daß Rückenmark und Gehirn viel unabhängiger voneinander werden. Wir werden von der Nahrung, von der okkulten Nahrungsphysiologie morgen noch weiterreden; ich will aber heute mehr bei dem Thema der Verselbst'ändigung bleiben. Diese Unabhängigkeit des Rückenmarkes vom Gehirn kann dadurch zutage treten, daß in der Tat durch eine innere Durchdringung der Seele mit Anthroposophie nach und nach der Mensch in die Lage kommt, an seinem physischen Leibe zu empfinden, als ob dieser physische Organismus an sich größere Selbständigkeit gewänne. Das kann wiederum ganz unbehagliche Situationen geben. Daher ist es um so notwendiger, daß man die Sache weiß. Es kann sich zum Beispiel herausstellen, daß, während man sich sonst in der Gewalt hat, wie man das so gewöhnlich nennt, derjenige, der weiterkommt, an sich plötzlich merkt, wie er manche Worte sagt, ohne daß er so recht die Absicht hatte, diese Worte zu sagen. Er geht auf der Straße; plötzlich merkt er, daß er ein Wort ausgesprochen hat, das vielleicht ein Lieblingswort von ihm ist, das er unterlassen hätte auszusprechen, wenn er nicht jene Verselbständigung durchgemacht hätte, die man diejenige des Rückenmarkes gegenüber dem Gehirn nennt. Was sonst gehemmt wird, das wird zu bloßen Reflexerscheinungen durch die Verselbständigung des Rückenmarkes gegenüber dem Gehirn. Aber im Gehirn selber wird ein Teil verselbständigt gegenüber dem ändern Teil: nämlich die inneren Partien des Gehirns werden selbständiger gegenüber den äußeren umlagernden Partien, während diese letzteren mehr mit den inneren Partien zusammenarbeiten im normalen Leben. Das zeigt sich dadurch, daß für den Esoteriker oder wirklichen Anthroposophen das abstrakte Denken schwerer wird, schwieriger wird, als es vorher war, an dem Gehirn allmählich einen Widerstand findet. Bildlich zu denken, mehr sozusagen sich imaginativ vorzustellen, das wird leichter bei dem sich entwickelnden Anthroposophen, als daß er abstrakt denkt.

Das ist etwas, was bei manchem besonders eifrigen Anthroposophen sogar sehr bald leicht bemerkbar wird. Es stellt sich eine Vorliebe für nur anthroposophische Betätigung ein. Die Leute fangen an, nur mehr Anthroposophisches gerne zu lesen und zu denken, nicht bloß aus dem Grunde, weil sie eifrige Anthroposophen sind, sondern weil es ihnen leichter wird, sich in diese mehr spirituellen Vorstellungen hineinzufinden, welche, soweit der physische Plan in Betracht kommt, die mittleren Partien des Gehirns beanspruchen, während das abstrakte Denken die äußeren Partien des Gehirns beansprucht. Daher kommt die Abneigung gerade manches übereifrigen Anthroposophen gegenüber abstraktem Denken und abstrakter Wissenschaft. Daher kommt es auch wiederum, daß einzelne Anthroposophen mit einer gewissen Wehmut bemerken, wie sie früher gut abstrakt haben denken können und wie gerade dieses abstrakte Denken anfängt schwieriger zu werden.

So werden die einzelnen Organe in sich lebendiger und selbständiger, und sogar einzelne Organteile werden lebendiger und selbständiger. Sie können daraus ersehen, daß sozusagen etwas Neues eintreten muß bei dem Menschen, der solches durchmacht. Früher war es eine gütige Natur, die ohne sein Zutun seine Organe in die richtige Verbindung gebracht hat; jetzt werden diese Organe selbständiger, kommen in ein unabhängiges Verhältnis zueinander. Jetzt muß er mehr von innen heraus die Kraft haben, die Organe wirklich wiederum zu einer Harmonie aufzurufen. Dieses Aufrufen der Organe und Organteile zu einer Harmonie erreicht man dadurch, daß bei jedem ordentlichen Betreiben des Anthroposophi-schen alles das immerfort betont wird, was die Herrschaft des Menschen über seine selbständiger gewordenen Organe erhöht. Warum spielt eigentlich innerhalb unserer Literatur etwas eine so große Rolle, wovon manche Menschen einfach sagen: Ach, das ist aber doch furchtbar schwierig! — Ich mußte schon oft eine sehr eigentümliche Antwort geben, wenn gesagt wurde: Für Anfänger ist das Buch «Theosophie» doch eigentlich zu schwierig. — Ich mußte sagen: Es durfte nicht leichter sein. Hätte man es leichter gemacht, so hätten die Leute zwar gewisse anthroposophische Wahrheiten in ihr Inneres aufgenommen, die wirken, auch zur Verselbständigung der einzelnen Gehirnpartien; aber es ist dieses Buch in einer ordentlichen Gedankenstruktur konstruiert, damit auch die andere Partie des Gehirns fortwährend genötigt ist, wirklich sich zu üben, nicht sozusagen zurückzubleiben. Das ist das Eigentumliehe, das bei einer solchen Bewegung, die auf einer okkulten Grundlage beruht, notwendig macht, nicht nur zu achten auf das, was im abstrakten Sinn das Richtige ist, und das einfach zu verkündigen in jeder beliebigen Weise; sondern es ist notwendig, es in einer gesunden Weise zu verkündigen und in ehrlichster Weise darauf zu achten, daß nicht um der Popularität willen die Sache so verkündet wird, daß sie in ihrer Verkündigung zugleich zum Schaden gereichen könne. In der Anthroposophie kommt es nicht bloß darauf an, daß die entsprechenden Wahrheiten in Büchern und in Reden mitgeteilt werden, sondern es kommt darauf an, wie sie geschrieben und wie sie mitgeteilt werden. Und um so besser ist es, wenn diejenigen, die sich zum Träger einer solchen Bewegung machen wollen, sich nicht um der Popularität willen abhalten lassen, dies oder jenes durchzuführen. Mehr als auf jedem anderen Gebiete handelt es sich auf diesem um das Bekenntnis zur reinen und ehrlichen Wahrheit. Und gerade wenn man auf solche Fragen eingeht wie die Veränderung der menschlichen Hülle durch anthroposo-phisches Leben, da bemerkt man erst, wie notwendig es ist, Anthroposophie in richtiger Weise vor die Welt zu bringen.

Ich möchte nur bemerken, daß die Vorträge, die ich halten werde, als ein Ganzes zu nehmen sind und daß daher manches Bedenkliche, was beim ersten Vortrag in dieser oder jener Seele auftreten könnte, schon behoben werden wird.




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