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Das Initiaten-Bewußtsein

On-line since: 31st May, 2010

DRITTER VORTRAG
Torquay, 13. August 1924

Form und Substantialität des Mineralischen mit Bezug auf die Bewußtseinszustände des Menschen

Das Wesen der kristallisierten Mineralien

Tafel 3, 13. August 1924
Tafel 4, 13. August 1924

Ich versuchte gestern zu zeigen, wie das innere Erleben der Seele ist, wenn der Mensch sich erhebt durch Trainierung, durch Übung der Seele zu anderen Bewußtseinszuständen, und ich versuchte zu zeigen, wie das, was man im gewöhnlichen Bewußtsein nur als die chaotischen, ungeordneten Erlebnisse des Traumes kennt, die während des Schlafzustandes auftreten, verwandelt werden kann in vollbewußte, exakte Wacherlebnisse, wie man dadurch zu einem Bewußtseinszustand kommt, der gewissermaßen der dem gewöhnlichen Bewußtsein nächstliegende ist, indem man zum Beispiel die Tierwelt erst in ihrer Totalität wahrnimmt, wie sie hinaufreicht in eine höhere, in eine Seelenwelt, in eine Astralwelt. Und ich versuchte dann, zu zeigen, wie der Pflanzenteppich der Erde in seiner Totalität erscheint, wenn man mit einem weiteren Bewußtseinszustande, der ausgeht von dem vollständig wachen, aber gegenüber der Sinneswelt, gegenüber der physischen Welt leeren Bewußtsein, wenn man mit diesem Bewußtseinszustand sich zu der Sternenwelt erhebt und innerhalb der Sternenwelt erst kennenlernt die Wahrheit über den Pflanzenteppich der Erde; wenn man dann einsieht, wie dasjenige, was wir als die aus der Erde hervorsprossenden Pflanzen schauen, ein Spiegelbild ist von Majestätischem, Großartigem, das uns äußerlich in der Sternenwelt nur entgegenglänzt wie etwa auf der Erde die Tauperlen an den Pflanzen. Ich möchte sagen, was da in den Weiten des Weltenraumes himmelwärts ausgedehnt ist, gewinnt Wesenhaftigkeit, gewinnt Gestalt, gewinnt Farben, gewinnt sogar Tönendes, wenn wir uns in dieser Weise mit dem leeren Bewußtsein zu ihm erheben. Dann können wir zurückschauen auf die Erde und erblicken eben die Wahrheit über die Pflanzenwelt, daß sie ein Spiegelbild ist eines kosmischen Wesens, eines kosmischen Geschehens und so weiter.

Nun haben wir im Anschauen der Sternenwelt auf der einen Seite, der Pflanzenwelt auf der anderen Seite eine Eigentümlichkeit zu beobachten. Und, meine verehrten Anwesenden, ich möchte diese Dinge nun ganz aus der inneren Erfahrung heraus schildern, wie sie sich einfach ergeben. Meiner Schilderung werden keinerlei literarische oder sonstige Traditionen zugrunde liegen, wird nichts Traditionelles zugrunde liegen, sondern ich werde die Dinge zunächst so schildern, wie sie sich der unmittelbaren, spirituellen Erfahrung und Forschung ergeben. Und da möchte ich auf eine Eigentümlichkeit zunächst aufmerksam machen, die sich demjenigen ergibt, der so, wie ich es geschildert habe, in die Dinge hineinsieht.

Wenn wir uns das graphisch darstellen (siehe Zeichnung S. 52), da haben wir die Sternenwelt (oben), da haben wir die Erdenwelt. Wir stehen ja immer, wenn wir beobachten, an einem gewissen Punkte, den wir unseren Gesichtspunkt nennen können. Und mit dem zweiten Bewußtsein, von dem ich gesprochen habe, mit dem Bewußtsein, das Sterne und Pflanzenwelt so zusammenschaut, wie ich es geschildert habe, nehme ich deutlich wahr, wie da oben die wahrhaften Gebilde sind, wie sich diese spiegeln, aber nicht wie gewöhnliche Spiegelbilder, sondern wie die realen Pflanzen sind, die die Spiegelung durch den Spiegel Erde ergeben. So ist der Anblick. Man kann diesen Anblick so schildern, daß man sagt: Da oben das kosmische Leben, da unten die Erde als Spiegel. — Und natürlich nicht wie tote, wesenlose, schattenhafte Spiegelbilder, sondern wie eine reale Spiegelung, durch die Erde bewirkt, kommen diese Pflanzen herauf. Man hat aber immer das Gefühl, da muß unten die Erde sein, da muß ein Spiegel sein, damit das, was im Kosmos ist, aus der Erde heraussprießen kann. Ohne die Erde, auf der wir stehen, auf der wir gehen, wären keine Pflanzen da. So wie ein Spiegel, wenn wir davor stehen, dem Lichte Widerstand entgegensetzt, wie Resistenz da sein muß, denn sonst erblicken wir den Spiegel nicht, so muß die Erde da sein als das Spiegelnde, damit die Pflanzen entstehen.

Nun können wir aber weitergehen, indem wir von dem zweiten Bewußtsein, das ich gestern geschildert habe, von der wachen Leerheit des Bewußtseins dazu übergehen, daß wir entwickeln eine Kraft der Seele, die gewöhnlich nicht als eine Erkenntniskraft geschätzt wird: die Kraft der Liebe zu allen Dingen, zu allen Wesen. Und wenn wir uns ganz mit dieser Kraft durchdringen, nachdem wir hinausgekommen sind in diese ganz andersartige Welt, die uns den Kosmos nicht mehr sternenhell, sondern wesenoffenbarend zeigt, nachdem wir hinausgekommen sind, ich möchte sagen, in diesen spirituellen Ozean des Weltenalls, wenn wir dann uns dasjenige bewahren können, was wir ja auf Erden als eine Gabe unserer geistig-seelisch-physischen Organisation haben, wenn wir uns bewahren können und ins Unermeßliche ausdehnen können die Kraft der Liebe, des Hingebens zu allen Wesen, dann bilden wir auch unsere Erkenntniskraft immer mehr und mehr aus. Und dann erlangen wir die Fähigkeit, nun nicht bloß das tierische, das pflanzliche Reich exakt clairvoyant zu überblicken, sondern dann erblicken wir auch das mineralische Reich, und zwar zunächst jenes mineralische Reich, das seiner Natur nach den Kristall enthält. Kristalle, mineralische Kristalle, sie werden ein wunderbares Forschungs- und Beobachtungsobjekt für denjenigen, der gerade in die höheren spirituellen Welten eindringen will.

Hat man sich durchgearbeitet durch das Anschauen der tierischen, der pflanzlichen Welt, so kann man an die kristallisierte mineralische Welt herankommen. Wiederum fühlt man sich gedrängt, von dem mineralisch Kristallisierten, das einem auf der Erde entgegentritt, den Blick zu erheben zum Weltenall, zum Kosmos. Wiederum schaut man in den Weiten des Kosmos Wesenhaftes, wie man dasjenige schaut, das dem Pflanzendasein zugrunde liegt. Aber die ganze Anschauung ist jetzt eine andere. Man erlebt etwas ganz anderes, wenn man im Schauen von einem kristallisierten Mineral ausgeht, als wenn man im Schauen von der Pflanzenwelt ausgeht. Man erlebt wiederum da draußen im Weltenall Wesenhaftes (Zeichnung auf S. 52: Ranken), man sagt sich wiederum: Was man hier unten im Erdendasein sieht als kristallisiertes Mineral, das ist veranlaßt durch Geistig-Lebendiges, das in den Weiten des Kosmos ist.

Aber indem das herunterwirkt (Pfeile von oben), spiegelt es sich nicht auf der Erde oder durch die Erde. Sehen Sie, das ist das Wesentliche. Wenn wir vom Mineral uns erheben in den Kosmos und schauen wiederum zur Erde zurück, dann ist für das Mineralische die Erde kein Spiegel mehr. Es ist so, wie wenn die Erde gar nicht da wäre. Sie entfällt unserem Blicke. Wir können nicht sagen, wie wir es bei der Pflanze sagen können: Da unten ist die Erde, die spiegelt. — Nein, sie spiegelt nicht, sie verhält sich, wie wenn sie gar nicht da wäre. Wenn wir uns konzentriert haben auf ein solches Schauen, das ausgeht von dem kristallisierten Mineral, wenn wir den Blick hinausgewendet haben in die Weltenweiten und wiederum zurückschauen, dann ist unter uns ein beängstigender, ein zunächst beängstigender, furchtbarer Abgrund, ein Nichts. Wir müssen warten. Aber wir müssen Geistesgegenwart haben; das Warten darf nicht lange dauern. Warten wir zu lange, dann wird die Angst riesengroß, weil wir fühlen, wir haben den Boden unter den Füßen verloren. Das ist ein ganz ungewohntes Gefühl, das sich als eine riesengroße Angst äußert, wenn wir nicht Geistesgegenwart haben und aktiv durchdringen dieses Nichts.

Wir müssen durch die Erde durchschauen. Das heißt, sie ist nicht da. Wir müssen weiter schauen, weil sie nicht da ist. Und wir sind genötigt, für die Mineralien jetzt nicht nur das zu schauen, was über uns ist, sondern den ganzen Umkreis zu schauen. Die Erde muß wie weggelöscht sein. Wir müssen unten dasselbe schauen wie oben, westwärts dasselbe wie ostwärts (siehe Zeichnung S. 52).

Und dann kommt uns von der anderen Seite eine Strömung entgegen, die nun von unten heraufkommt, im Gegensatze zu der Strömung, die ja auch bei den Pflanzen vorhanden ist, die von oben herunterkommt. Und wenn wir da hinausschauen und eine Strömung von da kommt, dann kommt eine andere Strömung von der entgegengesetzten Seite. Von allen Seiten her erblicken wir einander begegnende Strömungen des Kosmos. Die treffen zusammen. Die treffen da unter uns zusammen. So daß wir von oben die Strömung für die Pflanzen haben — ich habe sie hier grün gezeichnet —, sie geht herunter, die Erde leistet Widerstand, die Pflanze wächst heraus. Wenn wir aber

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eine Strömung für das mineralische Reich betrachten, haben wir hiereine entgegengesetzte Strömung, und durch das Zusammenkommen bildet sich die Form des Mineralreichs. Hier eine Strömung, hier die entgegengesetzte Strömung; hier wieder eine Strömung, hier die entgegengesetzte Strömung und so fort. Und frei durch die Begegnung dieser aus dem All des Kosmos einander begegnenden Strömungen entsteht das Mineral. Für das kristallisierte Mineral ist die Erde kein Spiegel. Da spiegelt sich nichts in der Erde. Da spiegelt sich alles in seinem eigenen Element.

Wenn Sie hinschauen auf das Gebirge draußen und einen Quarzkristall finden, so ist er ja gewöhnlich unten aufsitzend; aber da ist er nur gestört durch das Irdische, da greifen ahrimanische Mächte störend ein. In Wirklichkeit wird er so gebildet, daß von allen Seiten das geistige Element zusammenschießt, sich ineinander spiegelt, und frei schwebend im geistigen Weltenall sehen Sie den Quarzkristall. Injedem einzelnen Kristall, der sich vollkommen nach allen Seiten bildet, kann man eine kleine Welt schauen.

Aber nun gibt es ja viele Kristallformen, Würfel, Oktaeder, Tetraeder, Dodekaeder, rhombische, dodekaedrische, monoklinische, triklinische Gestalten, alle möglichen Gestalten gibt es. Wir schauen sie. Wir schauen, wie die Strömungen zusammenkommen, einander treffen. Hier haben wir einen Quarzkristall, ein sechsseitiges Prisma, geschlossen durch sechsseitige Pyramiden; hier haben wir einen Salzkristall, der vielleicht würfelförmig ist; hier einen Pyritkristall, der vielleicht dodekaedrisch ist. Wir schauen das alles. Jeder dieser Kristalle kommt so zustande, wie ich das beschrieben habe, und wir müssen uns sagen: Also gibt es so vielerlei geformte Weltenströmungen, eigentlich so viele Raumeswelten; es gibt nicht eine Welt, es gibt so viele Raumeswelten, als die Erde aus Kristallen zusammengesetzt ist. — Wir schauen hinein in eine Unermeßlichkeit von Welten. Wir schauen auf den Salzkristall und sagen uns: Da draußen im Weltenall west Wesenhaftes; der Salzkristall ist uns die Manifestation für etwas, was den ganzen Weltenraum als Wesenhaftes durchdringt, eine Welt für sich. — Wir schauen den Pyritkristall, auch würfelförmig oder dodekaedrisch. Wir sagen uns: Da west im Weltenall etwas, was den ganzen Raum erfüllt; der Kristall ist uns die Ausprägung, die Manifestation einer ganzen Welt. — Auf viele Wesenheiten schauen wir, die je eine Welt in sich schließen. Und hier auf der Erde stehen wir als Mensch und sagen uns: Im Irdischen begegnen sich die Taten vieler Welten. Und indem wir Menschen auf der Erde denken und tun, fließt in unserem Denken und Tun das Denken und Tun der mannigfaltigsten Wesen zusammen. — Wir erblicken in den unermeßlich mannigfaltigen Formen der Kristalle eine Offenbarung einer großen Fülle von Wesenheiten, die sich in mathematisch-räumlicher Gestalt in den Kristallen ausleben. Wir schauen die Götter in den Kristallen an.

Das ist noch viel wesentlicher, in Verehrung des Weltenalls, ja in einer Art Anbetung des Weltenalls die wunderbaren Geheimnisse dieses Weltenalls auf die Seele wirken zu lassen, als theoretisch mit dem Kopf irgend etwas zu wissen. Und Anthroposophie sollte führen zu diesem Sich-Erfühlen im Weltenall. Hinzuschauen können soll der Mensch durch Anthroposophie zu jedem einzelnen Kristall das Weben und Walten eines Gottes im Weltenall. Dann erfüllt sich die ganze menschliche Seele mit Welteninhalt, nicht nur der Kopf mit Gedanken. Am wenigsten ist Anthroposophie dazu da, den Kopf mit Gedanken zu erfüllen. Anthroposophie ist dazu da, den ganzen Menschen mit Erleuchtung über das Weltenall, mit Verehrung und Anbetung für das Weltenall zu erfüllen. In alle Gegenstände und in alle Vorgänge der Welt soll einziehen, ich möchte sagen, der innerliche seelische Opferdienst des Menschen. Und dieser Opferdienst soll Erkenntnis werden.

Substantialität und Metallität der mineralischen Welt

Wenn man so dem Raumesall, dem Raumeskosmos gegenübersteht und hineinblickt in dasjenige, was einem aus der kristallisierten mineralischen Welt erdenwärts entgegen sich formt, dann hat man zunächst einen befriedigenden Anblick. Allein der weicht sehr bald dem Wiederauftreten jenes Ängstlichkeitszustandes, jenes Angstzustandes, von dem ich gesprochen habe. Bevor man diese göttergetragene, kristallisierte Welt empfindet, hat man die geschilderte Angst. Sie löscht sich zunächst aus, diese Angst, wenn man diese göttergetragene, kristallisierte Welt schaut. Aber das hört nach einiger Zeit auf, denn man bekommt ein eigentümliches Gefühl, das Gefühl: das alles, was sich da als der Kristall bildet, trägt dich nur zum Teil.

Nehmen wir das Beispiel, das ich gewählt habe: einen Salzkristall, den wir schauen, und einen Pyritkristall, einen Metallkristall. Da hat man das Gefühl, wenn man auf den Pyritkristall hinsieht, darauf kannst du bauen, das trägt dich. Wenn man auf den Salzkristall hinsieht, so will es einem scheinen, als ob man durch ihn hindurchfallen könnte, als ob er einen doch nicht trüge. Kurz, dasjenige, was vorher als die große Angst da war, überhaupt zu versinken, weil die Erde ein Nichts geworden ist, das ist jetzt wieder teilweise da gegenüber gewissen Formen. Und namentlich mischt sich in dieses Gefühl, das man nun bekommen hat, ein Moralisches hinein. In diesemAugenblicke, wo man zum zweiten Mal von dieser Angst durchdrungen wird, fühlt man in sich nicht nur alle Sünden, die man in den Lebensläufen begangen hat, sondern auch alle diejenigen, deren man noch fähig sein könnte, die man noch begehen könnte.

Das alles ist wie Gewichte, die sich einem anhängen, die einen da hineinstürzen wollen in den Schlund, in den Abgrund, der einem aufgetan wird durch die Mineralkristalle, durch die man durchfallen kann. Da muß man dann zu einer weiteren Empfindung kommen können, zu einem weiteren Erlebnis. Zu alledem, was man da durchmacht, gehört Mut, ein Mut, der davon ausgeht, daß man sich sagt: Du hast ja doch in deinem Inneren etwas, was dich weder nach oben, noch nach unten, noch nach rechts, noch nach links fallen macht, du hast den Schwerpunkt deines Wesens in deinem Inneren.

Oh, meine sehr verehrten Anwesenden, man braucht im Leben niemals mehr Selbstvertrauen, mehr inneren Mut, als in dem Augenblicke, wo sich einem die Bleilast der eigenen Egoismen — denn Egoismen sind immer die Sünden — auf die Seele lastet gegenüber der kristallisierten mineralischen Welt. Das Durchsichtige, das heißt das Durchlässige, durch das man durchfallen kann, wird da schon zu einem furchtbaren Mahner. Und behält man den Mut, sagt man sich: Ein Tropfen des Göttlichen ruht in dir, du kannst nicht versinken, du bist von solcher Wesenheit, die göttlich ist; wird einem das Erlebnis, nicht bloß Theorie, dann bekommt man den Mut, sich jetzt aufrechtzuerhalten und weitergehen zu wollen.

Und jetzt lernt man ein anderes kennen an den Mineralien. Vorher hat man das kristallisierte Wesen der Mineralien kennengelernt. Jetzt lernt man ihre Substantialität, ihre Metallität kennen, dasjenige, was sie innerlich als Stoff durchdringt; vorher die Form, jetzt was sie durchdringt als Stoff. Und man kommt darauf, wie man in verschiedener Weise durch gewisse repräsentative Grundmetalle im Weltenall gehalten wird. Man lernt sich jetzt als Mensch in seiner Beziehung zum Kosmos kennen. Und man lernt die einzelnen Metallitäten, die Substantialitäten des mineralischen Wesens kennen. Man lernt wirklich in sich selber jenen Mittelpunkt fühlen, von dem ich jetzt eben gesprochen habe (siehe Zeichnung S. 59).

Und nun müssen Sie das, was ich sage, obwohl ich es mit Worten aussprechen muß, die Materielles bezeichnen, nicht materiell auffassen. Wenn man sagt: Herz, Kopfso stellt sich der heutige materialistisch denkende Mensch den physischen Kopf, das physische Herz vor. Aber das ist ja alles zugleich geistig. Das ist ja aus dem Geiste heraus gebildet. Und so bekommt man schon, wenn man den Menschen in seiner Totalität als geistig-seelisch-physisches Wesen nunmehr ganz geistig, ganz spirituell schaut, die deutliche Empfindung, im Herzen ist es zunächst, wo der Schwerkraftpunkt liegt, der einen nicht hinuntersinken, nicht hinauffliegen läßt, nicht nach rechts noch links drängt, sondern der einen hält. Man kommt, wenn man jenen Mut, den ich eben geschildert habe, beibehält, dazu, sich festgehalten im Weltenall zu finden. Was heißt aber: festgehalten im Weltenall sich zu finden?

Nun, wenn man das Bewußtsein verliert, ohnmächtig wird, dann ist man nicht festgehalten. Wenn man ein innerliches starkes Schmerzgefühl hat, so daß man sich stärker innerlich fühlt als im gewöhnlichen Leben — Schmerz ist ja eine Verstärkung des inneren Gefühles —, dann ist man wieder nicht beim gewöhnlichen Bewußtsein. Der Schmerz treibt aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus. Man hat eine Art mittleren Bewußtseins im gewöhnlichen Erdenleben zwischen Geburt und Tod. Bei dem muß man sich aufrechterhalten. Wenn dieses Bewußtsein zu dünn wird, wird man ohnmächtig. Wenn es zu dick wird, zu dicht, zuviel in sich selbst bewußt wird, kommt der Schmerz; das Aufgehen ins Nichts in der Ohnmacht, das Zusammengepreßtwerden im Schmerze sind nach beiden Seiten hin die Abirrungen des Bewußtseins. Das gerade hat man jetzt als ein Gefühl gegenüber der kristallisierten mineralischen Welt, wenn man noch nicht die Metallität, die Substantialität hat, das Gefühl, in jedem Augenblicke könnte man in Ohnmacht sinken, hinaus verschwimmen in das Weltenall, oder in Schmerz zusammenbrechen.

Da bekommt man eben das Gefühl: In dem, wo physisch die Herzmuskeln liegen, da drängt sich zusammen all das, was uns einen festen Halt gibt. — Und ist man mit dem Bewußtsein so weit gedrungen, wie ich es jetzt geschildert habe, dann nimmt man wahr: alles das,was einen im Erdenbewußtsein, im wachenden Erdenbewußtsein hält, was dieses Bewußtsein zu einem sogenannten normalen macht, wenn ich dieses häßliche, philiströse Wort «normal» gebrauchen darf, ist das in ungeheurer Feinheit in der Welt ausgebreitete, aber auf kein anderes Organ in solcher Unmittelbarkeit als auf das Herz wirkende Gold, Aurum.

Nimmt man also vorher wahr die Formung, die Kristallisation des Mineralischen, so nimmt man jetzt wahr die innere Substantialität, die Metallität. Man fühlt, wie die Metallität wirkt auf den Menschen selber. Draußen sehen wir den Kristall, der das Metallische formt, in Mineralform. Aber in uns wissen wir, daß die Kraft, die im Golde in ungeheuer feiner Dosierung im ganzen Weltenall ausgebreitet ist, unser Herz trägt, und damit das Bewußtsein aufrechterhält, das wir haben, wenn wir im Tagesleben, im gewöhnlichen Tagesleben sind. So daß wir sagen können: Auf das Herz des Menschen wirkt das Gold (siehe Zeichnung S. 59).

Wir können nun unsere Versuche machen. Wir können lernen, indem wir an das metallische Gold uns so erinnern, wie es ist, auf seine Farbe uns konzentrieren, auf seine Härte, auf seine ganze Substantialität uns konzentrieren und dann diese erlebte innere Erfahrung machen, daß das Gold mit unserem Herzen zu tun hat. Dann können wir es dahin bringen, daß wir durch andere Konzentration, durch Konzentration zum Beispiel auf das Eisen und seine Eigenschaften, darauf kommen, wie das Eisen wirkt. Das Gold wirkt unendlich harmonisierend, ausgleichend auf den inneren Menschen. Er kommt in ein inneres Gleichgewicht durch die Wirkung des Goldes. Konzentrieren wir uns scharf auf das Eisen, nachdem wir es gut kennengelernt haben, vergessen wir das ganze Weltenall, konzentrieren wir uns bloß auf das Eisen, so daß wir gewissermaßen selber in unserem Seelenleben ganz im Eisen aufgehen, Eisen werden, uns als Eisen erleben, dann fühlen wir, wie wenn unser Bewußtsein aus dem Herzen heraufstiege. Wir fühlen uns noch ganz klar, aber wir fühlen, wie das Bewußtsein aus dem Herzen heraufsteigt und bis zum Halse, zum Kehlkopf dringt. Hat man nun genügend Übungen gemacht, dann schadet aber das nichts. Hat man noch nicht genügend Übungen gemacht, dannkommt eben die leise Ohnmacht. Man lernt diese leise Ohnmacht beim Aufsteigen des Bewußtseins entweder dadurch kennen, daß man wirklich in eine leise Ohnmacht fällt, oder man lernt es dadurch kennen, daß man innere Aktivität, starke Kraft des Bewußtseins entwickelt hat. Dann versetzt man sich nach und nach hinein in dieses Aufsteigen des Bewußtseins, und man kommt an jene Welt heran, auch durch eine solche Methode, wie ich sie eben beschrieben habe, an die Welt, von der ich gestern gesprochen habe, wo man die Tiere mit ihren Gattungsseelen sieht. Jetzt ist man aber in der Astralwelt drinnen dadurch, daß man sich auf die Metallität des Eisens konzentriert hat.

Geht man auf die Form der Metalle, kommt man zu den Götterwesen. Geht man auf die Metallität, auf die Substantialität, dann kommt man in die astralischen Welten hinein, in die astralische, in die Seelenwelt. Man fühlt das Bewußtsein hier am Hals heraufsteigend (siehe Zeichnung S. 59), kommt in eine andere Sphäre des Bewußtseins hinein, weiß, daß man das der Konzentration auf das Eisen verdankt, hat das Gefühl, man ist jetzt gar nicht mehr derselbe Mensch wie früher. Wenn man vollbewußt, exakt bewußt in diesen Zustand hineinkommt, hat man das Gefühl, man ist nicht mehr derselbe Mensch wie früher, man ist ätherisch geworden. Man ist aus sich heraus aufgestiegen, ätherisch geworden. Die Erde geht weg, interessiert einen nicht mehr. Aber man erhebt sich in die planetarische Sphäre, die sozusagen jetzt der Wohnplatz von einem ist. So kommt man immer mehr und mehr aus sich heraus, in das Weltenall hinein. Der Weg vom Gold zum Eisen ist der Weg ins Weltenall hinaus.

Man kann weitergehen. Man kann sich jetzt ebenso, wie ich es für Gold und Eisen beschrieben habe, zum Beispiel auf Zinn konzentrieren, ein anderes Metall, wiederum auf die Metallität, auf die Farbe, die es hat, die Konsistenz und so weiter, so daß man mit seinem Bewußtsein ganz Zinn wird. Man fühlt, daß das Bewußtsein noch weiter heraufsteigt. Man fühlt, wenn man unvorbereitet, ohne die nötigen Übungen, als Mensch das durchmacht, wird man sehr stark ohnmächtig, es ist nur noch ein Funke des Bewußtseins da. Und hat man die Übungen durchgemacht, so hält man sich in dieser Ohnmacht drinnen und fühlt im Gegenteil, wie man noch weiter aus seinem Leibe herausschlüpft. Nun schlüpft man weiter heraus. Man fühlt, aufgestiegen ist bis zur Augengegend das Bewußtsein (siehe Zeichnung S. 59). Man fühlt sich in den Weiten des Weltenalls draußen. Man fühlt sich noch aber in den Sternen drinnen. Die Erde fängt aber an, als ein ferner Stern sichtbar zu werden. Und man denkt: Da unten hast du

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deinen Leib gelassen auf der Erde, du bist jetzt heraufgekommen in den Kosmos, erlebst das Sternenleben mit.

Ja, sehen Sie, das, was ich Ihnen da beschreibe, das ist aber nicht so ganz einfach. Denn das, was ich Ihnen beschreibe, was man erfährt, indem man den Initiatenweg durchmacht, so daß man fühlt beim Initiatenweg: dein Bewußtsein ist im Kehlkopf, du hast ein Bewußtsein; es ist im Kehlkopf; daß man fühlt: dein Bewußtsein ist da in den unteren Partien des Kopfes und in der Stirn, daß man das fühlt, das weist nur darauf hin, daß das ja immer im Menschen vorhanden ist.

Sie alle, die Sie hier sitzen, haben diese Bewußtseine in sich, Sie wissen es nur nicht. Wie haben Sie sie in sich? Ja, sehen Sie, der Mensch ist eben nicht ein einfaches Wesen. In dem Augenblicke, wo Sie Ihrer ganzen Kehlkopforganisation bewußt würden, wenn Sie Ihr Gehirn wegschmeißen könnten, Ihre Sinne wegschmeißen könnten, nur Ihr Bewußtsein als Mensch im Kehlkopf und dem, was dazugehört, entwickeln würden, dann würden Sie eben dieses leise unterbewußte Ohnmachtsgefühl immer haben. Aber Sie haben es auch. Nur ist es zugedeckt durch das gewöhnliche Herzbewußtsein, durch das Gold-bewußtsein. In Ihnen allen sitzt dieses Bewußtsein, das ich eben geschildert habe; ein Teil Ihres Menschen hat es. Ein Teil Ihres Menschen lebt damit in den Sternen draußen, ist gar nicht auf der Erde.

Noch weiter im Weltenall draußen lebt das Zinnbewußtsein (Zeichnung: orange). Es ist gar nicht wahr, daß Sie allein hier auf Erden leben. Sie leben auf Erden dadurch, daß Sie ein Herz haben. Das hält Ihnen das Bewußtsein auf der Erde zusammen. Dasjenige, was im Kehlkopf sitzt (Eisen: rot), das lebt draußen im Weltenall. Und noch weiter draußen lebt dasjenige, was über den Augen im Kopfe sitzt (Zinn). Eisen reicht hinauf bis zum Mars. Das Zinn reicht hinauf bis zum Jupiter. Durch das Gold nur sind Sie auf Erden. Sie sind immer im Weltenall; nur das Herzbewußtsein deckt Ihnen das zu.

Tritt die Konzentration nun ein für Blei oder für ein ähnliches Metall, wiederum für die Substantialität, für die Metallität, dann gehen Sie ganz aus sich heraus. Dann wird Ihnen ganz klar: Da drunten auf der Erde ruht dein physischer, ruht auch dein Ätherleib. Das ist etwas Fremdes. Das ist da unten. Das geht mich jetzt so wenig an wie derStein, der auf dem Felsen ruht. — Das Bewußtsein ist herausgestiegen aus Ihnen, hier (aus dem oberen Teil des Kopfes: rot). Im Weltenall ist immer eine geringe Dosierung von Blei vorhanden. Dieses Bewußtsein da oben, das ist weit hinausreichend. Und mit dem, was da noch in der Schädeldecke mit diesem Bewußtsein beim Menschen immer vorhanden ist, damit ist er immer in einer vollständigen Ohnmacht.

Denken Sie an die Illusionen, in denen der Mensch da lebt. Er glaubt, wenn er so an seinem Schreibtisch sitzt, Konten oder Feuilletons schreibt, da denkt er mit seinem Kopfe. Es ist aber gar nicht wahr. Der Kopf ist gar nicht auf der Erde. Er ist nur in seiner äußerlichen Offenbarung auf der Erde. Der Kopf reicht vom Hals in das Wehenall hinaus. Das Weltenall offenbart sich bloß im Kopfe. Dasjenige, was macht auf Erden, daß Sie ein Erdenwesen sind zwischen Geburt und Tod, das ist das Herz. Und wenn einer gute oder schlechte Feuilletons schreibt, Konten, die den anderen übervorteilen oder nicht übervorteilen, so kommt das alles aus dem Herzen. Die besten Gedanken, die Sie haben können, das kommt alles aus dem Herzen. Es ist nur eine Illusion, daß der Mensch mit seinem Kopf auf Erden lebt. Er lebt nicht mit seinem Kopf auf Erden. Der Kopf ist eigentlich fortwährend ohnmächtig. Daher kann er auch in einer so außerordentlichen Weise gerade schmerzvoll werden, wie andere Organe nicht schmerzvoll werden. Ich werde das noch weiter ausführen. So daß, wenn wir daran denken, dahinterzukommen, wie wir sind, uns eigentlich fortwährend geistwärts droht, daß der Kopf ins Weltenall hinaus zersplittert wird, daß das ganze Bewußtsein nach oben auseinandergeht, ins Mächtig-Ohnmächtige zerfällt. Das alles wird durch das Herz zusammengehalten.

Es lebt der Mensch eigentlich so, daß wir sagen können: Im Kehlkopf (Eisen) entwickelt er das Bewußtsein, das ich Ihnen beschrieben habe als das, was zu dem tierischen Reiche reicht, zu den höheren Gebilden, die dem Tierreich zugrunde liegen. Hier im gewöhnlichen Leben kommt es nur nicht zum Bewußtsein; es ist da, wo der Mensch immer zu den Sternen hinausschaut. Dadrinnen tragen Sie immer das Bewußtsein. Hier oben ist das Bewußtsein der Pflanzengebilde, hier unten sind ihre Spiegelbilder (siehe Zeichnung S. 52). Undganz oben, wo das Bleibewußtsein sitzt, wo wir hinaufreichen bis zum Saturn, da weiß unser Kopf nichts von dem Feuilleton, das wir schreiben, das schreiben wir mit dem Herzen. Aber der Kopf weiß von alledem, was ich Ihnen heute beschrieben habe, von alledem, was da drauf ist (siehe Zeichnung S. 52). Da kann nun einer sitzen, Irdisches beschreiben — es kommt aus seinem Herzen. Sein Kopf kann sich mittlerweile mit der Art und Weise befassen, wie sich ein Gott offenbart in einem Pyrit, in einem Salzkristall, in einem Quarzkristall.

Und wenn nun so das Initiatenbewußtsein auf diese Stühle schaut, so hören Ihre Herzen zu auf dasjenige, was ich sage; aber die drei übereinandergelagerten Bewußtseine, die sind im Kosmos. Da spielen sich Dinge ab, die ganz anderer Natur sind, als es im gewöhnlichen Erdenbewußtsein ist. Da leben vor allen Dingen in dem, was sich da abspielt, was sich immer hinausdehnt, die lebendigen Fäden, die für jeden das Karma spinnt und so weiter.

Sehen Sie, so lernt man allmählich aus dem Weltenall heraus den Menschen kennen. — Nun, wir haben den Menschen kennengelernt, der eigentlich mit der äußeren Welt zusammenhängt, sich auch außen fortwährend zu zersplittern droht, ohnmächtig nach außen wird, vom Herzen zusammengehalten wird.

Aus dem Räumesbewußtsein in das Zeitbewußtsein

In einer ganz anderen Richtung bewegen wir uns geistig, wenn wir auf gewisse andere Arten der Metallität unsere Konzentration richten. Geradeso wie wir das tun können mit Eisen, Zinn, Blei, können wir es zum Beispiel auch vollbringen mit dem Kupfer. Wir können uns auf die Metallität des Kupfers konzentrieren, gewissermaßen aufgehen in dem Kupfer, ganz Kupfer werden im Seelenleben, in der Farbe, in der Konsistenz, in jenes eigentümliche oberflächlich Gerilltsein des Kupfers aufgehen, kurz, in alledem, was man seelisch an der Metallität des Kupfers erleben kann. Dann bekommt man nicht das Gefühl eines Überganges in Ohnmacht, sondern etwas Gegenteiliges tritt ein. Man bekommt das Gefühl, man wird innerlich mit etwas ausgefüllt. Manwird innerlich sich mehr fühlbar, als man sonst ist. Man hat förmlich das Gefühl, dieses Kupfer, über das man konzentriert denkt, das erfüllt einen von oben bis nach unten, bis in die Fingerspitzen, überall hin, bis in die Haut hinein. Es erfüllt einen. Es füllt einen mit etwas aus. Und dasjenige, womit es einen ausfüllt, das fühlt man von da ausstrahlend (siehe Zeichnung S. 59, rosa). Es strahlt dann von diesem Mittelpunkt, der unterhalb des Herzens liegt, in den ganzen Körper hinein. Man fühlt so einen zweiten Körper in sich, einen zweiten Menschen. Man fühlt sich innerlich gepreßt. Ein leiser Schmerz beginnt, der sich steigert. Man fühlt alles innerlich gepreßt.

Aber wiederum mit dem Initiatengefühl durchdringt man das alles, und man fühlt eben einen zweiten Menschen auf diese Weise im Menschen. Und es wird bedeutsam, wenn man gerade mit dem Initiatengefühl nun so erleben kann, daß man sich sagen kann: Mit deinem gewöhnlichen Menschen, den du bekommen hast durch Geburt und Erziehung, mit dem du in der Welt herumgehst, mit dem du schaust durch deine Augen in die Welt, mit dem du hörst, mit dem du fühlst die Dinge, mit diesem Menschen gehst du herum; aber dadurch, daß du trainiert bist, daß du Übungen gemacht hast, dadurch bringst du auch diesen Menschen, diesen zweiten Menschen, der dich jetzt auspreßt, dazu, wahrnehmen zu können. — Er wird zwar ein eigentümlicher Mensch, dieser zweite Mensch. Er hat nicht so abgesonderte Augen und Ohren, er ist gleichsam ganz Auge und Ohr; aber er ist wie ein Sinnesorgan. Er nimmt fein wahr. Und er nimmt eben Dinge wahr, die wir sonst nicht wahrnehmen. Die Welt wird plötzlich bereichert. Und man kann dann wie eine Schlange, die beim Häuten ihre Haut abstößt, für eine gewisse Zeit, die gar nicht lange zu sein braucht, die nach Sekunden dauern mag — man erlebt schon in Sekunden dann sehr viel —, mit diesem zweiten Menschen, der sich da einem, ich möchte sagen, als der Kupfermensch ausgebildet hat, herausgehen aus dem Leibe und sich frei in der Welt geistig bewegen. Er ist trennbar, wenn das auch alles Schmerz macht, wenn der Schmerz sich auch steigert, er ist trennbar vom Leibe.

Man kann herauskommen. Man kann jetzt, wenn man herauskommt, noch mehr erleben, als wenn man drinnen stecken bleibt. Mankann vor allen Dingen, wenn man es dazu gebracht hat, dieses Herausgehen zu ermöglichen, jemandem, der gestorben ist, in diejenige Welt folgen, in die er nach ein paar Tagen eintritt. Also jemand ist durch die Pforte des Todes gegangen, und alle die Beziehungen, die man als irdischer Mensch zu diesem Menschen gehabt hat, hören auf. Er wird verbrannt oder begraben. Er ist auf der Erde nicht mehr da.

Wenn man mit diesem zweiten Menschen, den ich eben beschrieben habe, aus dem Leibe herausgeht, so kann man der Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, weiter nachfolgen. Man bleibt mit dieser Seele zusammen. Und man erlebt dann, wie diese Seele in den ersten Jahren und Jahrzehnten, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, das Leben wieder rückwärts durchmacht. Es wird das eine Wahrheit. Man kann das beobachten. Man kann mit dem Toten weiterhin gehen. Man sieht, das, was er in den Tagen vor seinem Sterben hier auf Erden erlebt hat, das erlebt er zurück, das Letzte zuerst, das Vorletzte als zweites und so weiter. Er lebt alles zurück. Bis zu dem Zeitpunkte seiner Geburt lebt er sich zurück in einem Drittel der Lebenszeit. Wenn einer sechzig Jahre alt geworden ist, lebt er ungefähr zwanzig Jahre zurück, das ganze Leben rückwärts durchlaufend. Da kann man ihm folgen.

Und das Eigentümliche ist, da lernt man vieles vom Menschen so kennen, wie es eben unmittelbar nach dem Tode ist. Der Mensch lebt nicht nur die Dinge so zurück, wie er sie hier auf Erden erfahren hat. Verzeihen Sie, wenn ich ein derbes Beispiel nehme. Nehmen wir an, Sie haben drei Jahre vor Ihrem Tode jemandem eine Ohrfeige gegeben — ich will ein derbes Beispiel nehmen. Da haben Sie Zorn gehabt über ihn. Der Zorn ist übergesprudelt. Ich weiß ja selbstverständlich, daß keiner, der hier sitzt, das tun würde, aber ich will eben ein derbes Beispiel wählen. Also nehmen wir an, Sie haben einen Zorn gehabt, der Zorn ist übergesprudelt, Sie haben einem anderen seelisch, physisch Schmerz gemacht. Sie haben Ihre Befriedigung gehabt. Sie waren zufrieden. Sie haben ihn gestraft für das, was er Ihnen angetan hat.

Jetzt, wenn Sie zurückgehen und bei diesem Ereignis ankommen — nach einem Jahre kommen Sie bei diesem Ereignis an —, da erleben Sie nicht das, was Sie erlebt haben als Ihren Zorn, sondern was er alsSeelenleid, als Körperleid erlebt hat. Sie leben sich ganz in ihn hinein. Sie bekommen dann die Ohrfeige im Seelischen. Sie haben den körperlichen Schmerz richtig nachzufühlen. Und so für alle Ereignisse. Sie erleben die Ereignisse so, wie sie die anderen erlebt haben. In alldem kann man dem Menschen folgen.

Sehen Sie, über diese Dinge hat man mehr gewußt als heute, in der Zeit, von der ich Ihnen in diesen Tagen erzählt habe, bei den alten Chaldäern, die aus den Mysterien heraus ihre Kulturimpulse gehabt haben. Bei diesen Chaldäern war es sehr merkwürdig. Da lebte man nicht so aus dem Herzen heraus wie heute, sondern man lebte wirklich bei den Chaldäern aus dem Kehlkopfe heraus. Die Chaldäer hatten als ihr naturgemäßes Bewußtsein eine Art Eisenbewußtsein. Sie erlebten draußen im Weltenall. Die Erde kam ihnen nicht so hart und konsistent vor wie uns. Aber wenn sie in besonders günstigen Stunden da draußen lebten, zum Beispiel auf dem Mars lebten, mit den Marswesen zusammen lebten, dann konnte für sie der Augenblick eintreten, daß vom Monde herüber Wesen kamen und gerade solche Wesen mitbrachten, die man wahrnimmt, wenn man in diesem zweiten Menschen ist, den ich eben beschrieben habe. Und da lernten auf einem Umwege im Weltenall draußen die Chaldäer hohe Wahrheiten kennen, die sich auf das Leben nach dem Tode beziehen. Sie wurden im Weltenall draußen unterrichtet.

Heute brauchen wir das nicht. Wir können unmittelbar dem Toten folgen. Wir können ihn begleiten, wie er seine Erlebnisse in umgekehrter Reihenfolge, aber auch in entgegengesetzter Ordnung erlebt. Und das Eigentümliche ist dabei, man fühlt sich, wenn man so aus seinem Leibe herausgegangen ist mit diesem zweiten Menschen, in einer Welt, die viel, viel wirklicher ist als unsere Erdenwelt. Es kommt einem dann die Erdenwelt und alles, was man da erlebt hat, wie Schatten vor gegenüber der dichten, anspruchsvollen Wirklichkeit, in die man jetzt eingetreten ist.

Wenn man Tote begleitet in der beschriebenen Weise, dann fühlt man alles doppelt schwer, dreifach schwer, dreifach hell, dreifach laut, alles viel realer, und die ganze physische Welt kommt einem recht schattenhaft vor. Wer in dieser Welt verkehrt durch das Initiatenbewußtsein, für den wird die physische Welt eine Summe von Gemälden, und es könnte schon sein, daß ein solcher Initiat, der aus seinen Aufgaben heraus viel in dieser Weise mit Toten verkehrt hat, Ihnen sagen würde: Ihr seid ja alle nur aufgemalt. Ihr seid ja gar keine Wirklichkeit. Da seid Ihr auf Euren Stühlen aufgemalt. — Denn die eigentlichen Wirklichkeiten, die entdeckt man erst da auf der anderen Seite des Daseins. Da ist alles viel realer. Diese Realität, man kann sie schon erfahren, meine sehr verehrten Anwesenden.

Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen an meine Mysteriendramen. Die anderen haben vielleicht Gelegenheit, es zu lesen, denn die Dinge sind ins Englische übersetzt. Da kommt eine Gestalt vor, die Strader heißt. Diese Gestalt des Strader ist nach dem Leben gezeichnet. Es gab eine Persönlichkeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die noch in das 20. Jahrhundert herein lebte, deren Abbild, aber künstlerisch, dichterisch, nicht photographenmäßig, der Strader ist. Nun, diese Persönlichkeit interessierte mich als Persönlichkeit im Leben sehr stark. Diese Persönlichkeit war im Leben zuerst Kapuziner, hatte dann umgesattelt und war Philosoph geworden, weilte auch einmal im Kloster von Dornach zu Besuch. Diese Persönlichkeit, die mich sehr im Leben interessierte, habe ich umgearbeitet, umgestaltet. Sie lebt als Strader in meinen Mysterien — nur ähnlich, nicht gleich.

Nun kam das vierte Mysterium. Sie wissen, im vierten Mysterium stirbt Strader. Ich mußte ihn sterben lassen. Ich hätte nicht noch weiter den Strader gestalten können. Er hätte in einem fünften Mysterium nicht wiederum auftreten können. Es würde mir die Feder weggesunken sein, wenn ich hätte etwas schreiben wollen, ihn weiter charakterisieren wollen. Warum geschah das? Ja, sehen Sie, inzwischen war nämlich die wirkliche Persönlichkeit gestorben, die vom Kapuziner zum Philosophen geworden ist. Und durch das Interesse, das ich für diese Persönlichkeit hatte, konnte ich sie nun in die andere Welt verfolgen. Da wirkt sie viel realer. Da hört das, was in der physischen Welt zunächst noch beschrieben werden konnte, auf, ein so starkes Interesse zu haben wie dasjenige, was man jetzt mit einer solchen Persönlichkeit erlebt, wenn man sie nach dem Tode verfolgt.

Und es stellte sich etwas Eigentümliches ein. Ein paar Anthroposophen kamen auf diesen Sachverhalt; sie kriegten heraus — es sind ja manche Menschen scharfsinnig, nicht wahr — , daß der Strader eine Art Ebenbild ist jenes Menschen. Sie forschten nach und kamen an den Nachlaß und an allerlei Interessantes, was der Mann zurückgelassen hatte, brachten mir das, setzten voraus, daß ich nun in ein hell jauchzendes Interesse verfallen würde für alles das, was diese Persönlichkeit zurückgelassen hat. Ich konnte mich gar nicht dafür interessieren. Dagegen interessierte mich alles das, was der Mann jetzt tat nach dem Tode. Das ist viel realer. Daneben verschwand alles, was das Äußere darstellt, was er hinterlassen hat.

Man wunderte sich zunächst darüber, daß ich so interesselos war, nachdem man sich so viel Mühe gegeben hatte, allerlei aus dem Nachlaß zu bekommen, was ich gar nicht haben wollte. Ich habe es heute noch nicht verlangt. Aber es ist eben so: die Erdenrealität wird zur Illusion gegenüber der mächtigen Realität, die einem dann entgegentritt, wenn man eine Individualität nach dem Tode verfolgt, wo sie drinnensteht in derjenigen Welt, die man selber erlebt an sich; wenn auf diejenige Art, wie ich es geschildert habe, man mit dem Menschen ausgefüllt wird, der herausgehen kann aus dem Leibe, wenn auch nur für kurze Zeit; aber in kurzer Zeit kann man viel erleben.

Es gibt eben diese unmittelbar an unsere physisch-sinnliche Welt angrenzende Welt, in der sozusagen die Toten unmittelbar leben, die man viel realer erlebt, weil man sie erlebt mit dem Menschen, der da herausschreitet. Jetzt ist man nicht ohnmächtig, jetzt ist man dichter in seinem Bewußtsein. Rückt man hinauf über das Herz mit seinem Bewußtsein, dann wird das Bewußtsein dünner; man kommt einer Ohnmacht nahe; rückt man unter das Herz hinunter, verdichtet sich das Bewußtsein. Man kommt in die Welten hinein, die Wirkliches sind. Man muß es nur ertragen können. Sie pressen, sie schmerzen. Aber wenn man mit dem nötigen Mut hineinstößt, so kommt man hinein. (Siehe Zeichnung S. 59.)

So haben wir jetzt das gewöhnliche Bewußtsein des Tages im Herzen (I), ein zweites Bewußtsein im Kehlkopf (II), ein drittes Bewußtsein in der Augengegend (III), ein viertes Bewußtsein im Kopfoben (IV), das schon ganz in den Kosmos hinausführt, und dann ein fünftes Bewußtsein (V), das einen jetzt nicht in die Raumeswelten hinaus, sondern in die Zeiten zurückführt. In der Zeit geht man; in der Zeit macht man einen Weg, wenn man an dieses fünfte Bewußtsein herankommt; den Weg, den der Tote zurückgeht, den macht man. Man ist aus dem Raum herausgetreten, in die Zeit eingetreten.

Sie sehen, auf das Versetzen in andere Bewußtseinszustände kommt alles an. Man lernt Welten kennen, wenn man sich in andere Bewußtseinszustände versetzt. Der Mensch lebt hier auf Erden in einer Welt, weil er nur ein Bewußtsein hat, weil er die anderen Bewußtseinszustände verschläft. Verschläft man sie nicht, versetzt man sich in diese anderen Bewußtseinszustände, dann erlebt man die anderen Welten. Das ist das Geheimnis des Erforschens anderer Welten, daß der Mensch selbst in seinem Bewußtseinswesen ein anderer wird. Denn nicht durch ein Spintisieren oder Forschen mit denselben Mitteln, die man im gewöhnlichen Leben hat, kommt man in andere Welten hinein, sondern durch die Metamorphose, durch die Transformation des Bewußtseins in andere Bewußtseinsformen.




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