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Das Matthaus-Evangelium

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ERSTER VORTRAG

Bern, 1. September 1910

Es ist jetzt das dritte Mal, daß mir hier in der Schweis die Möglichkeit geboten ist, von einer gewissen Seite her das größte Ereignis der Erd- und Menschheitsgeschichte zu besprechen. Das erste Mal war es, als in Basel gesprochen werden durfte über dieses Ereignis von jener Seite her, zu der das Johannes-Evangelium die Veranlassung bietet; das zweite Mal, als jene Charakteristik dieses Ereignisses gegeben werden durfte, zu welcher das Lukas-Evangelium die Unterlage bietet; und dieses Mal, als zum dritten Mal, soll der Impuls zu dieser Schilderung ausgehen vom Matthäus-Evangelium. Es ist von mir des öftern angedeutet worden, daß gerade darin etwas Bedeutungsvolles liegt, daß uns dieses Ereignis in vier, scheinbar in einer gewissen Weise sich unterscheidenden Urkunden aufbewahrt ist. Was gewissermaßen der heutigen äußeren materialistischen Gesinnung Veranlassung gibt, mit einer negativen, zersetzenden Kritik einzugreifen, das ist gerade das, was uns nach unserer anthroposophischen Überzeugung als bedeutungsvoll erscheint. Niemand sollte sich vermessen, irgendein Wesen oder eine Tatsache zu charakterisieren, wenn er sie nur von einer Seite ansieht. Jener Vergleich wurde von mir öfter gebraucht: Wenn man einen Baum von einer Seite aus photographiert, so darf niemand behaupten, daß er in dieser Photographie eine wirkliche Wiedergabe dessen hat, was der Baum in seinem Anblick nach außen darbietet; wenn man dagegen den Baum von vier Seiten photographieren würde, und wenn man auch vier verschiedene Bilder bekäme, die sich untereinander wenig gleichen könnten, so würde man aus dem Zusammenschauen dieser vier Bilder auch eine geschlossene Ansicht von dem Baum erhalten können. Wenn das in solch äußerlicher Weise schon der Fall ist für ein jegliches Ding, wie sollte man nicht vermuten können, daß ein Ereignis, welches die größte Fülle des Geschehens, die größte Fülle des Wesentlichen alles Daseins für uns Menschen in sich schließt, gar nicht umfaßt werden könnte, wenn man es nur von einer Seite aus schildert? Daher sind es nicht Widersprüche, welche uns in den vier Evangelien zutage treten. Es ist hier vielmehr die Tatsache zugrunde liegend, daß die Schilderer sich bewußt waren, daß ein jeglicher von ihnen dieses gewaltige Ereignis nur von einer Seite aus zu schildern vermag, und daß es der Menschheit gelingen kann, durch das Zusammenschauen dieser verschiedenen Schilderungen nach und nach ein Gesamtbild zu gewinnen. Und so wollen auch wir geduldig sein und versuchen, uns dieser größten Tatsache des Erdenwerdens nach und nach dadurch zu nähern, daß wir uns anlehnen an diese vier Schilderungen und selbst das, was wir wissen können, entwickeln mit Anlehnung an diese Dokumente, die wir als das Neue Testament bezeichnen.

Aus einigem, was früher gesagt worden ist, können Sie schon ermessen, wie etwa die vier verschiedenen Ausgangspunkte oder Gesichtspunkte der Evangelien sich darstellen lassen. Vorerst aber, bevor ich auch nur eine äußerliche Charakteristik dieser vier Gesichtspunkte gebe, möchte ich darauf aufmerksam machen, daß ich im Beginne dieses Vortragszyklus nicht das tun will, womit man heute die Darstellung der oder eines der Evangelien beginnt. Man beginnt gewöhnlich damit, daß man ihre geschichtliche Entstehung darstellt. Es wird sich uns das am besten ergeben, wenn wir am Schlüsse unseres Zyklus erst sagen werden, was über die Geschichte der Entstehung des MatthäusEvangeliums zum Beispiel zu sagen ist. Denn es ist doch nur natürlich und könnte an dem Beispiel anderer Wissenschaften gezeigt werden, daß man die Geschichte irgendeiner Sache erst dann verstehen kann, wenn man die Sache selber begriffen hat. Niemand wird zum Beispiel mit Nutzen an eine Geschichte der Arithmetik herangehen können, der nichts weiß von Arithmetik. Überall sonst wird die geschichtliche Darstellung ans Ende gelegt, und wo das nicht getan wird, da widerspricht die Einteilung den natürlichen Bedürfnissen des menschlichen Erkennens. Und so werden wir auch diesen Bedürfnissen des menschlichen Erkennens entgegenkommen und versuchen, den Gehalt des Evangeliums, das wir besprechen wollen, zu prüfen und dann auf eine Darstellung des geschichtlichen Werdens gerade bei diesem Evangelium etwas eingehen.

Wenn man von außen die Evangelien auf sich wirken läßt, kann man schon einen gewissen Unterschied fühlen in der Art, wie diese Evangelien darstellen, wie sie sprechen. Wenn Sie auf sich wirken lassen, was in meinen Vorträgen über das Johannes-Evangelium und über das Lukas-Evangelium gesagt worden ist, dann werden Sie gerade in bezug auf diese zwei Evangelien die entsprechende Empfindung noch genauer haben. Wenn man sich einläßt auf das Johannes-Evangelium, dann muß man sagen, daß einen überall, wo man versucht in die gewaltigen Mitteilungen einzudringen, eine Empfindung von geistiger Größe überkommt, zu der man ahnend hinaufblickt, und daß man im Johannes-Evangelium finden kann, wie es uns das Höchste verrät, wozu menschliche Weisheit hinaufblicken kann, das Höchste, was menschlichem Erkennen nach und nach zugänglich werden kann. Der Mensch steht da gleichsam unten und blickt hinauf zu einem Gipfel des Weltendaseins und sagt sich: So klein du auch sein magst alsMensch, das Johannes-Evangelium läßt dich ahnen, daß in deine Seele etwas hineintaucht, mit dem du verwandt bist und das dich überkommt wie mit einem Gefühl des Unendlichen. So ist es vorzugsweise die mit dem Menschen verwandte geistige Größe der Weltenwesen, welche in unsere Seele hineintaucht, wenn wir vom Johannes-Evangelium sprechen.

Erinnern wir uns nun einmal an das Gefühl, das uns überkommen konnte bei der Darstellung des Lukas-Evangeliums. Alles, was diese Darstellung des Lukas-Evangeliums damals durchdringen mußte, war anders. Ist es beim Johannes-Evangelium vorzugsweise die geistige Größe, zu der wir ahnend hinaufblicken, die wie ein Zauberhauch unsere Seele durchdringt, wenn wir uns den Mitteilungen dieses Evangeliums hingeben, so ist es beim Lukas-Evangelium die Innigkeit, das Seelenhafte selber, das uns entgegentritt, man möchte sagen, die Intensität alles dessen, was Liebeskräfte der Welt vermögen, was Opferkräfte in der Welt zuwege bringen, wenn wir ihrer teilhaftig sein können. Schildert uns das Johannes-Evangelium die Wesenheit des Christus Jesus in ihrer geistigen Größe, so zeigt uns das Lukas-Evangelium diese Wesenheit in ihrer unermeßlichen Opferfähigkeit, und es läßt uns ahnen, was durch solches Liebesopfer, das wie eine Kraft gleich anderen Kräften die Welt durchpulst und durchwebt, in der Gesamtevolution der Welt und der Menschheit geschehen ist. So ist es vorzugsweise das Element des Gefühls, in dem wir weben und leben, wenn wir das Lukas-Evangelium auf uns wirken lassen, und so ist es das Element der Erkenntnis, das uns etwas sagt über die letzten Gründe und letzten Ziele dieser Erkenntnis, was uns aus dem JohannesEvangelium entgegentritt. Das Johannes-Evangelium spricht mehr zu unserer Erkenntnis, das Lukas-Evangelium mehr zu unserem Herzen. Das kann man fühlen an den einzelnen Evangelien selbst; es war aber auch unser Bestreben, das, was wir als geisteswissenschaftliche Darstellungen an diese beiden Urkunden anknüpften, von dieserGrund- stimmung gleichsam durchwehen zu lassen. Wer nur Worte hören wollte beim Zyklus über das Johannes-Evangelium oder über das Lukas-Evangelium, der hat wahrhaftig nicht alles gehört. Die Art und Weise des Sprechens war bei den Vortragszyklen eine grundverschiedene. Ganz anders wird wiederum alles sein müssen, wenn wir an das Matthäus-Evangelium herantreten.

Beim Lukas-Evangelium war es so, daß wir alles, was wir Menschenliebe nennen, wie es einmal in der Menschheitsentwickelung da war, hineinfließen sahen in die Wesenheit, welche als der Christus Jesus im Beginne unserer neutestamentlichen Zeitrechnung lebte. Wenn man das Matthäus-Evangelium nur äußerlich auf sich wirken läßt, dann muß man sagen, daß es zunächst eine Urkunde ist, welche eigentlich vielseitiger ist als die beiden anderen, ja sogar in einer gewissen Beziehung vielseitiger als alle drei anderen Evangelien.

Und wenn wir einmal das Markus-Evangelium darstellen werden, dann werden wir sehen, daß auch dieses in einer gewissen Weise einseitig ist. Zeigt uns das Johannes-Evangelium die Weisheitsgröße des Christus Jesus, zeigt das Lukas-Evangelium die Liebesmacht, so wird uns bei einer Schilderung des Markus-Evangeliums entgegentreten, was vor allen Dingen als Kraft, als Schaffensmächte, man möchte sagen, als Herrlichkeit der Welt durch alle Weltenräume hindurchgeht. Aber es ist beim Markus-Evangelium etwas Überwältigendes in dem Ausleben der Intensität der Weltenkraft. Es ist, wie wenn die Weltenkraft von allen Seiten des Raumes rauschend an uns herankäme, wenn wir das Markus-Evangelium wirklich uns zum Verständnis bringen!

So ist es etwas, das sich uns innig warm in die Seele drängt, was uns beim Lukas-Evangelium entgegentritt, etwas, das uns Hoffnung für die Seele gibt, was uns beim Johannes-Evangelium überkommt; und es ist etwas wie Schauer vor der Gewalt und Herrlichkeit der Weltenkräfte, denen gegenüber wir fast zusammensinken könnten, wenn wir das Markus-Evangelium auf uns wirken lassen.

Anders das Matthäus-Evangelium. Alle die drei Elemente, das hoffnungsvolle, aussichtsreiche Erkenntniselement, das warme Gefühlsund Liebeselement und auch die majestätische Weltengröße, sie alle sind, möchte man sagen, in dem Matthäus-Evangelium darinnen. Aber sie sind in einer gewissen Weise so abgeschwächt darinnen, daß sie in ihrer Abschwächung uns menschlich viel verwandter erscheinen als in den drei anderen Evangelien. Vor der Erkenntnis-, vor der Liebesund der Herrlichkeitsgröße möchten wir bei den drei anderen Evangelien, wenn wir sie auf uns wirken lassen, so recht zusammensinken. Das alles ist im Matthäus-Evangelium darinnen, nur ist es so darinnen, daß wir uns ihm gegenüber aufrecht zu erhalten vermögen. Es ist uns alles menschlich verwandter, so daß wir uns nicht darunter, sondern in gewissem Sinne daneben stellen können. Wir werden vom MatthäusEvangelium nirgends zerschmettert, obwohl es auch von dem etwas bringt, was in den drei anderen Evangelien zerschmetternd wirken kann. Daher ist das Matthäus-Evangelium die allgemein-menschlichste dieser vier Urkunden. Es schildert uns den Christus Jesus am meisten als Menschen, so daß er uns, wenn wir ihn als Matthäus-Christus Jesus auf uns wirken lassen, in allen seinen Gliedern, in allen seinen Taten menschlich nahe steht. Es ist das Matthäus-Evangelium in gewisser Beziehung etwas wie ein Kommentar für die drei übrigen Evangelien. Was uns in den drei anderen zuweilen zu groß ist, als daß wir es überschauen könnten, es wird uns im kleineren Maßstabe durch das Matthäus-Evangelium klar. Und wenn wir dieses begreifen, wird uns ein bedeutungsvolles Licht auf die drei anderen Evangelien fallen können. Das ist uns aus Einzelheiten leicht verständlich.

Nehmen wir das, was jetzt gesagt werden soll, zunächst einmal rein stilistisch. Damit uns im Lukas-Evangelium geschildert werden kann, wie der höchste Grad von Liebes- und Opferfahigkeit von diesem Wesen, das wir den Christus Jesus nennen, ausfließt in die Menschheit und in die Welt, dazu wird zu Hilfe genommen eine Menschlieitsströ- mung, die herunterkommt aus den urältesten Zeiten des Erdenwerdens. Und Lukas selber schildert uns diese Strömung bis hinauf zum Menschheitsanfang. - Damit uns gezeigt werden kann, wo der Mensch mit seiner Erkenntnis und seiner Weisheit einsetzen kann und einen Anfang nimmt nach dem Ziel, zu dem diese Erkenntnis hinkommen kann, dazu wird uns im Johannes-Evangelium gleich im Anfange dargestellt, wie die Schilderung des Christus Jesus sich anlehnt an den schöpferischen Logos selber. Das Geistigste, was wir mit unserer Erkenntnis erreichen können, wird gleich in den ersten Sätzen des Johannes-Evangeliums angeschlagen. Wir werden gleich hingeführt zu einem Höchsten des Erkenntnisstrebens, zu einem Höchsten, das in der menschlichen Brust vergegenwärtigt werden kann. - Anders ist es im Matthäus-Evangelium. Das beginnt damit, daß es uns zeigt die Vererbungsverhältnisse des Menschen Jesus von Nazareth in ihrer Herkunft, sozusagen von einem historischen Moment aus. Es zeigt uns die VererbungsVerhältnisse innerhalb eines einzelnen Volkes: wie gewissermaßen alle die Eigenschaften, die wir in dem Jesus von Nazareth vereinigt finden, sich summiert haben durch die Vererbung seit Abraham herunter, wie gleichsam ein Volk, durch dreimal vierzehn Generationen hindurch, das Beste, was es gehabt hat, in das Blut hineinfließen ließ, um in einer vollkommenen Weise in einer menschlichen Individualität höchste menschliche Kräfte darzustellen. - In die Unendlichkeit des Logos führt uns das Johannes-Evangelium. In das Unermeßliche der Menschheitsevolution bis zum Anfang hinauf steigt das Lukas-Evangelium. Ein überschaubares Volk, heruntervererbend seine Eigenschaften vom Stammvater Abraham durch dreimal vierzehn Generationen, das zeigt uns das Matthäus-Evangelium, so zeigt es uns den Menschen Jesus von Nazareth.

Es kann hier nur angedeutet werden, daß es für den, welcher das Markus-Evangelium wirklich verstehen will, notwendig ist, daß er in einer gewissen Beziehung die kosmologischen Kräfte kennt, die unser ganzes Weltenwerden durchströmen. Denn so, wie der Christus Jesus im Markus-Evangelium dargestellt wird, wird uns gezeigt, wie in einer menschlichen Wirksamkeit ein Auszug, eine Essenz aus dem Kosmos gegeben ist, eine Essenz von dem, was sonst in dem Unermeßlichen det Weltenweiten als Weltenkräfte lebt. Es wird uns gezeigt, wie die Taten des Christus Jesus gleichsam Extrakte sind von kosmischen Wirksamkeiten. Wie der Menschengott Christus Jesus, so wie er auf der Erde steht, gleichsam als ein Extrakt der Sonnenwirksamkeit mit all ihren Unermeßlichkeiten vor uns steht, das will uns das MarkusEvangelium schildern. Also wie die Sternenwirksamkeit durch Menschenkraft wirkt, das schildert Markus.

Das Matthäus-Evangelium knüpft in einer gewissen Weise auch an Sternenwirksamkeit an. Es führt uns deshalb, gleich da, wo es uns die Geburt des Jesus von Nazareth schildert, zu einem Punkt, von dem aus wir das große Weltenereignis so ansehen sollen, daß kosmische Tatsachen in einem gewissen Zusammenhang mit dem Menschheitswerden stehen, indem es den Stern zeigt, der die drei Magier hinführt zur Geburtsstätte des Jesus. Aber es schildert uns nicht eine kosmische Wirkung, wie es das Markus-Evangelium tut; es fordert nicht von uns, daß wir unseren Blick erheben zu dieser kosmischen Wirkung: es zeigt uns drei Menschen, drei Magier und die Wirkung, welche das Kosmische auf diese drei Menschen ausübt. Und wir können uns zu den drei Menschen wenden, um zu verspüren, was sie fühlen. Also zum Menschen werden wir selbst dann gewiesen, wenn wir uns zum Kosmischen aufschwingen sollen. Der Reflex des Kosmischen im Menschenherzen wird gezeigt. Der Blick wird nicht hinausgetragen in unermeßliche Weiten, sondern die Wirkung des Kosmischen im menschlichen Herzen wird uns gezeigt.

Ich bitte noch einmal, diese Andeutungen nur stilistisch aufzufassen. Denn so ist der Grundcharakter der Evangelien, daß sie von verschiedenen Seiten schildern. Die Art und Weise, wie sie schildern, ist durchaus charakteristisch für das, was sie uns sagen wollen über das größte Ereignis der Menschheits- und Erdenevolution.

Das ist auch zunächst das Allerbedeutsamste im Eingange des Matthäus-Evangeliums, daß wir hingewiesen werden auf die nächste Blutsverwandtschaft des Jesus von Nazareth. Es wird uns darin gleichsam die Frage beantwortet: Wie war die physische Persönlichkeit dieses Jesus von Nazareth beschaffen? Wie summierten sich alle Eigenschaften eines Volkes seit dem Stammvater Abraham in dieser einen Persönlichkeit, damit in ihr jene Wesenheit sich offenbaren konnte, welche wir die Christus-Wesenheit nennen? Diese Frage wird uns beantwortet. Es wird uns gesagt: Damit die Christus-Wesenheit sich in einem physischen Leibe inkarnieren konnte, dazu mußte dieser physische Leib Eigenschaften haben, wie er sie nur haben konnte, wenn alle Eigenschaften des Blutes jenes Volkes, das von Abraham abstammte, summiert in einem Extrakt dargestellt wurden in der einen Persönlichkeit: Jesus von Nazareth. Es soll daher gezeigt werden: Dieses Blut in Jesus von Nazareth führt wirklich zurück generationenweise bis zum Stammvater des hebräischen Volkes. Daher ist die Wesenheit dieses Volkes, das, was dieses Volk besonders für die Weltgeschichte, für die Menschheits- und Erdenentwickelung ist, insbesondere in der physischen Persönlichkeit des Jesus von Nazareth zusammengedrängt. Was muß man also zunächst kennen, wenn man die Absicht des Schilderers des Matthäus-Evangeliums treffen will in bezug auf diese Einleitung? Man muß das Wesen des hebräischen Volkes kennen! Man muß sich die Frage beantworten können: Welches konnte der Anteil sein, den das hebräische Volk gerade durch seine Eigentümlichkeit der Menschheit zu geben hatte?

Unsere äußere Geschichte, die äußeren materialistischen Geschichtsschilderungen nehmen wenig auf das Rücksicht, was hiermit angeführt wird. In der äußeren Geschichte schildert man die äußeren Tatsachen. Und da steht eigentlich so ziemlich ein Volk neben dem anderen, weil man ganz abstrakt schildert. Dabei tritt diejenige Tatsache, welche eine fundamentale Tatsache ist für den, der die Menschheitsentwickelung verstehen will, ganz zurück: jene Tatsache nämlich, daß kein Volk in der Menschheitsentwickelung dieselbe Aufgabe hat wie ein anderes, sondern daß ein jedes Volk seine besondere Mission und seine besonderen Aufgaben hat. Ein jedes Volk hat zu dem Gesamtschatz, welcher der Erde durch die Menschheitsentwickelung geliefert werden soll, einen Teil beizutragen. Und jeder dieser Teile ist ein anderer, ein ganz bestimmter. Ein jedes Volk hat seine bestimmte Mission. Nun aber ist bis in die Details der physischen Verhältnisse hinein ein jedes Volk so beschaffen, daß es diesen Anteil, den es der gesamten Menschheit zu bringen hat, auch richtig bringen kann. Mit anderen Worten, die Leiber der Menschen, die zu einem Volke gehören, zeigen uns eine solche Ausgestaltung sowohl des physischen Leibes wie auch des Ätherleibes und des astralischen Leibes und eine solche Zusammenfügung dieser Leiber, daß sie das rechte Werkzeug werden können, damit jener Anteil zustande komme, den ein jedes Volk für die gesamte Menschheit zu leisten hat. - Welchen Anteil hatte nun insbesondere das hebräische Volk zu leisten, und wie bildete sich dann die Essenz dieses Anteiles des hebräischen Volkes zu dem Leibe des Jesus von Nazareth?

Wenn man die Mission des hebräischen Volkes verstehen will, muß man schon etwas tiefer hineinschauen in die Gesamtentwickelung der Menschheit. Es wird notwendig sein, einiges von dem, was Sie skizzenhaft in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und in Vorträgen angedeutet finden können, hier etwas genauer zu charakterisieren. Wir verstehen wohl am besten den Anteil des hebräischen Volkes an der Gesamtentwickelung der Menschheit, wenn wir wenigstens mit einigen kurzen charakteristischen Strichen den Ausgangspunkt nehmen von jener großen Katastrophe in der Menschheitsentwickelung, welche wir die atlantische Katastrophe nennen.

Als die atlantische Katastrophe nach und nach über die Erdenverhältnisse hereinbrach, zogen die Menschen, welche damals auf dem alten atlantischen Kontinente wohnten, von dem Westen nach dem Osten. Im wesentlichen waren bei diesem Zuge zwei Strömungen vorhanden : eine Strömung, welche sich mehr im Norden bewegte, und eine andere, die mehr einen südlichen Weg nahm. Daher haben wir eine große Menschheitsströmung von atlantischer Bevölkerung, welche durch Europa hindurch bis nach Asien hinüberging; und wenn man das Gebiet um den Kaspisee herum in Betracht zieht, hat man ungefähr die Art, wie sich dieser Völkerzug der atlantischen Bevölkerung allmählich ausbreitete. Ein anderer Strom ging dagegen durch das heutige Afrika hindurch. Und in Asien drüben entstand dann eine Art von Zusammenströmen dieser beiden Züge, wie wenn sich gleichsam zwei Ströme treffen und einen Wirbel bilden.

Was uns nun vorzugsweise interessieren soll, das ist, wie die Anschauungsweise, die ganze Seelenform dieser Völker oder wenigstens ihrer Hauptmassen war, welche da von der alten Atlantis nach dem Osten hinübergeworfen wurden. Es war tatsächlich so, daß in der ersten nachatlantischen Zeit die ganze Seelenverfassung eine andere war, als sie später geworden ist, und namentlich als sie heute ist. Es war bei all diesen Völkermassen noch eine mehr hellseherische Wahrnehmung der Umgebung vorhanden. Die Menschen konnten damals Geistiges gewissermaßen noch sehen, und auch das, was heute physisch gesehen wird, wurde auf eine mehr geistige Art gesehen. Also eine mehr hellseherische Lebens- und Seelenform war damals vorhanden. Besonders wichtig ist es aber, daß dieses Hellsehen der ursprünglichen nachatlantischen Bevölkerung wieder in einer gewissen Beziehung anders war als zum Beispiel das Hellsehen der atlantischen Bevölkerung selbst in der eigentlichen Blütezeit der atlantischen Entwickelung. In der Blütezeit der atlantischen Entwickelung war das in einem hohen Grade vorhandene hellseherische Vermögen der Menschen so, daß sie hineinschauten auf reine Art in eine geistige Welt, und daß die Offenbarungen der geistigen Welt in der Menschenseele Impulse zum Guten bewirkten. Und man könnte sogar sagen: Wer mehr fähig war, in die geistige Welt hineinzuschauen, der bekam in dieser Blütezeit atlantischer Entwickelung einen größeren Impuls des Guten; und wer weniger sehen konnte, bekam einen weniger hohen Impuls des Guten.

Die Veränderungen, die dann auf der Erde vor sich gingen, waren allerdings so geartet, daß schon gegen das letzte Drittel der atlantischen Zeit, besonders aber in der nachatlantischen Zeit, gerade die guten Seiten des alten Hellsehens immer mehr und mehr dahingeschwunden waren. Nur diejenigen, welche in den Einweihungsstätten eine besondere Schulung durchmachten, hatten die guten Seiten des atlantischen Hellsehens bewahrt. Was dagegen auf natürliche Art von dem atlantischen Hellsehen geblieben war, nahm im Laufe der Zeit immer mehr einen solchen Charakter an, daß man sagen kann: Was die Menschen da sahen, führte sehr leicht zum Schauen gerade der schlimmen, der verführerischen und versuchenden Mächte des Daseins. Der hellseherische Menschenblick war nach und nach kaum mehr stark genug, die guten Kräfte zu schauen. Dagegen war es der Menschheit geblieben, Schlimmes zu schauen, dasjenige, was Versuchung, Verführung für die Menschen sein konnte. Und über bestimmte Gebiete der nachatlantischen Bevölkerung war eine gar nicht gute Form des Hellsehens verbreitet, ein Hellsehen, das eigentlich selbst schon eine Art von Versucher war.

Mit diesem Niedergehen der alten hellseherischen Kraft war nun verbunden ein Aufblühen, eine allmähliche Entwickelung jener Sinneswahrnehmung, die wir als die normale für die heutige Menschheit erkennen. Die Dinge, welche die Menschen in der ersten nachatlantischen Zeit mit ihren Augen sahen und die der Mensch heute mit seinen gewöhnlichen Augen sieht, waren damals gar nicht verführerisch, weil die versuchenden Seelenkräfte dafür noch nicht vorhanden waren. Durch ein Äußeres, wodurch heute der Mensch so sehr zum Genüß- ling werden kann, und wenn ein solcher Anblick auch für den heutigen Menschen der verführerischste wäre, fühlte sich der nachatlantische Mensch nicht besonders verführt. Dagegen stachelte es ihn, wenn er Erbstücke des alten Hellsehens entwickelte. Die gute Seite der geistigen Welt sah er kaum mehr, aber das Luziferische und das Ahrimani- sche wirkte da mit starker Gewalt auf ihn, so daß er die Kräfte'und Mächte sah, die Versucher und Täuscher sein konnten. Die luziferi- schen und ahrimanischen Kräfte nahm also der Mensch wahr mit seinen alten, vererbten Kräften des Hellsehens. Worauf es nun ankam, das war, daß die Führer und Lenker der Menschheitsevolution, die ihre Weisheit zur Führung der Menschheit aus den Mysterien erhielten, Anstalten trafen, daß die Menschen trotz dieses Tatbestandes dennoch immer mehr und mehr zum Guten und zur Klarheit kamen.

Nun waren die Menschen, welche nach der atlantischen Katastrophe sich nach dem Osten hinüber ausgebreitet hatten, von sehr verschiedenen Entwickelungsstufen. Man kann sagen, je weiter man nach dem Osten hinüberkam, desto moralischer und geistig höher war die Entwickelungsstufe der Menschen. In gewissem Sinne wirkte das, was sich als äußeres Wahrnehmen wie eine neue Welt heranbildete, mit immer größerer Klarheit; es wirkte immer mehr so, daß es die Größe und Herrlichkeit der äußeren Sinneswelt auf die Menschen wirken ließ. Das war der Fall, je weiter man nach dem Osten hinüberkam. Starke Anlagen nach dieser Seite hin hatten namentlich jene Menschen, welche zum Beispiel in den Gegenden nördlich vom heutigen Indien wohnten, bis zum Kaspischen Meer hin, bis zum Oxus und Jaxartes. In diesem mittleren Gebiete Asiens war ein Völkergemenge angesiedelt, das wirklich das Material hergeben konnte zu mancherlei Volksströmungen, die sich dann nach verschiedenen Seiten hin ausbreiteten, auch zu jenem Volke, das wir in bezug auf seine spirituelle Weltauffassung oft charakterisiert haben, zu dem altindischen Volke.

Inmitten Asiens, bei diesem Völkergemenge, war bald nach der atlantischen Katastrophe, zum Teil schon während dieser Zeit, der Sinn für die äußere Wirklichkeit schon sehr stark entwickelt. Dabei war aber bei den Menschen, die auf diesem Gebiet inkarniert waren, noch eine lebendige Erinnerung, eine Art Erinnerungserkenntnis an das vorhanden, was sie in der atlantischen Welt erlebt hatten. Am stärksten war dies bei jener Volksmasse der Fall, welche dann nach Indien herunterzog. Sie hatte zwar ein großes Verständnis für die Herrlichkeit der äußeren Welt, sie war am weitesten fortgeschritten im Beobachten der äußeren Sinneswahrnehmungen, aber gleichzeitig war bei ihr am stärksten entwickelt die Erinnerung an die alten spirituellen Wahrnehmungen der atlantischen Zeit. Daher entwickelte sich bei diesem Volk ein starker Drang nach der geistigen Welt hinauf, an die man sich erinnerte, und eine Leichtigkeit, wieder hineinzublicken in die spirituelle Welt - daneben aber ein Gefühl, daß das, was die äußeren Sinne darboten, Maja oder Illusion sei. Daher entsprang auch bei diesem Volke der Impuls, nicht besonders auf die äußere Sinneswelt zu schauen, sondern alles zu tun, damit die Seele - jetzt durch künstliche Entwicklung, durch Joga - sich hinauferheben könne zu dem, was während der alten atlantischen Zeit der Mensch unmittelbar aus der spirituellen Welt haben konnte.

Weniger stark war diese Eigenart, die Außenwelt zu unterschätzen und als Maja oder Illusion anzuschauen und dafür nur jene Impulse zu entwickeln, welche zum Spirituellen hindrängen, bei dem im Norden von Indien gebliebenen Volksteil ausgebildet. Das war aber ein Volksgemenge, das in der tragischsten Situation war. In der ganzen Art der Begabung des alten indischen Volkes lag es, daß der Mensch mit einer gewissen Leichtigkeit eine bestimmte Jogaentwickelung durchmachen konnte, durch die er wieder hinaufgelangte in die Regionen, in welchen er in der atlantischen Zeit gelebt hatte. Leicht war es für ihn, was er als Illusion ansehen mußte, zu überwinden. Er überwand es in der Erkenntnis. Es war für ihn ein Höchstes die Erkenntnis: Diese Sinnenwelt ist eine Illusion, ist Maja; aber wenn du deine Seele entwickelst, wenn du dir Mühe gibst, dann gelangst du zu der Welt, die hinter der Sinneswelt liegt! Also durch einen inneren Vorgang überwand der Inder, was er als Maja oder Illusion ansah, und was er auch überwinden wollte.

Anders war es bei den nördlichen Völkern, welche in der Geschichte dann die Arier im engeren Sinne genannt werden: bei den Persern, Me- dern, Bakterern und so weiter. Da war auch stark der Sinn entwickelt für äußere Anschauung, für den äußeren Intellekt. Aber es war der innere Drang, der Impuls, dasselbe durch innere Entwickelung, durch eine Art von Joga erreichen zu wollen, was der atlantische Mensch auf naturgemäße Weise hatte, nicht besonders stark vorhanden. Es war die lebendige Erinnerung bei den nördlichen Völkern nicht so vorhanden, daß sie sie umsetzten in ein Streben, die Illusion der äußeren Welt in der Erkenntnis zu überwinden. Die Seelenverfassung der Inder war nicht bei diesen nördlichen Völkern vorhanden. Bei ihnen war eine Seelenverfassung vorhanden, in der ein jeder bei dem iranischen, persischen oder medischen Volke so etwas fühlte, was, wenn wir es mit unseren heutigen Worten aussprechen wollten, sich in folgender Weise ausnehmen würde: Wenn wir als Menschen einstmals in der spirituellen Welt darinnen waren und Geistiges, Seelisches erlebt und gesehen haben, und jetzt in die physische Welt hinausversetzt sind und vor einer Welt stehen, die wir mit unseren Augen sehen, mit dem Intellekt begreifen, welcher an das Gehirn gebunden ist, dann liegt der Grund dazu nicht bloß im Menschen, und man kann das, was da zu überwinden ist, nicht bloß im Inneren des Menschen überwinden, es ist nichts Besonderes dadurch getan! - Es hätte der Iranier gesagt: Es muß nicht nur mit dem Menschen eine Veränderung vorgegangen sein, es muß sich die Natur und alles, was auf der Erde ist, verändert haben, wenn der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann es nicht genügen, daß wir Menschen dasjenige, was um uns herum ist, lassen wie es ist, und einfach sagen: Es ist alles Illusion, Maja, und wir selber steigen hinauf in die geistige Welt! Dann ändern wir zwar uns, aber nicht das, was sich in der ganzen umliegenden Welt geändert hat. - Daher sagte er nicht: Draußen breitet sich die Maja aus, ich selbst werde diese Maja überschreiten, in mir selbst die Überwindung der Maja und damit die spirituelle Welt erreichen! - Nein, er sagte: Der Mensch gehört mit der übrigen umliegenden Welt zusammen, er ist nur ein Glied davon. Wenn also das, was göttlich im Menschen ist, und was aus göttlich-geistigen Höhen heruntergestiegen ist, umgewandelt werden soll, so darf nicht bloß das zurückverwandelt werden, was im Menschen ist, sondern es muß auch dasjenige zurückverwandelt werden, was in unserer Umgebung ist. - Das gab diesen Völkern besonders den Impuls, tatkräftig einzugreifen in die Umgestaltung und Umschaffung der Welt.

Während man in Indien sagte: Die Welt ist heruntergestiegen; was sie jetzt bietet, ist Maja -, sagte man nördlich davon: Gewiß, die Welt ist heruntergeschritten; aber wir müssen sie so verändern, daß wieder ein Geistiges aus ihr wird! - Sinnen, Erkenntnis-Sinnen war der Grundcharakter des indischen Volkes. Mit der Welt wurde dieses Volk dadurch fertig, daß es die Sinnes Wahrnehmung Illusion oder Maja nannte. Tatkraft, äußere Energie, Wille zum Umarbeiten dessen, was in der äußeren Natur ist, das war der Grundcharakter des iranischen Volkes und der übrigen nördlichen Völker. Sie sagten: Was um uns herum ist, das ist aus Göttlichem heruntergestiegen; aber der Mensch ist dazu berufen, es zum Göttlichen wieder zurückzuführen! - Was im Grunde genommen schon im Volkscharakter lag bei den Iraniern, das wurde auf ein Höchstes gehoben und mit der größten Energie durchsetzt bei den geistigen Führern, die aus den Mysterien hervorgingen.

Vollständig verstehen, auch äußerlich, kann man das, was ostwärts und südwärts vom Kaspisee sich abspielte, nur dann, wenn man es vergleicht mit dem, was mehr nördlich davon vorging, also in Gegenden, die an das heutige Sibirien, an das heutige Rußland angrenzen, sogar bis nach Europa hinein sich erstrecken. Da waren Menschen, welche sich in hohem Grade das alte Hellsehen bewahrt hatten, und bei denen sich in gewisser Beziehung die Waage hielten die Möglichkeit des alten geistigen Wahrnehmens und die des sinnlichen Anschauens, des neuen Verstandesdenkens. Bei ihnen war in weitesten Kreisen noch ein Hineinschauen in die geistige Welt vorhanden. Wenn man den Charakter dieses Hineinschauens in die geistige Welt, das allerdings schon auf eine niedere Stufe heruntergestiegen war und bei diesen Völkerschaften im wesentlichen - wie wir heute sagen würden - ein niederes astra- lisches Hellsehen war, in Betracht zieht, so ergibt sich für die Gesamtentwickelung der Menschheit eine bestimmte Folge daraus. Wer mit dieser Art von Hellsehen begabt ist, wird ein ganz bestimmter Mensch. Der Mensch erhält da eine gewisse Charakteranlage. Das zeigt sich besonders bei diesen Völkermassen, die im Volkscharakter dieses niedere Hellsehen hatten. Ein solcher Mensch hat im wesentlichen den Drang, von der Naturumgebung zu fordern, was er zu seinem Lebensunterhalt braucht, und möglichst wenig zu tun, um es der Natur zu entreißen. Schließlich weiß er ja, so wahr wie der heutige Sinnenmensch weiß, daß es Pflanzen, Tiere und so weiter gibt, daß es göttlich-geistige Wesenheiten gibt, die in alledem darinnenstecken; denn er sieht sie. Er weiß auch, daß sie die mächtigen Wesen sind, die hinter den physischen Wesenheiten stehen. Aber er kennt sie auch so genau, daß er von ihnen fordert, sie sollen ihm ohne viel Arbeit das Dasein fristen, in das sie ihn hineingestellt haben. Man könnte vieles anführen, was äußerlicher Ausdruck ist für die Stimmung und Gesinnung dieser astralisch hellsehenden Menschen. Nur eines soll jetzt dafür angeführt werden.

In dieser Zeit, die jetzt für uns zu betrachten wichtig ist, waren alle diese Völkerschaften, die mit einem in der Dekadenz begriffenen Hellsehen begabt waren, Nomadenvölker, die, ohne seßhaft zu sein, ohne feste Wohnsitze zu gründen, als Hirten herumstreiften, keinen Fleck besonders lieb hatten, auch das, was die Erde ihnen bot, nicht besonders pflegten, und auch gern bereit waren zu zerstören, was um sie herum war, wenn sie etwas brauchten zu ihrem Lebensunterhalt. Aber etwas zu leisten, um das Kulturniveau zu erhöhen, um die Erde umzugestalten, dazu waren diese Völker nicht aufgelegt.

So entstand der große, der wichtige Gegensatz, der vielleicht zu dem Allerwichtigsten der nachatlantischen Entwickelung gehört: der Gegensatz zwischen diesen mehr nördlichen Völkern und den iranischen Völkern. Bei den Iraniern entwickelte sich die Sehnsucht, einzugreifen in das Geschehen rings um sie herum, seßhaft zu werden, was man als Mensch und als Menschheit hat, durch Arbeit sich zu erringen, das heißt also wirklich durch die menschlichen Geisteskräfte die Natur umzugestalten. Das war gerade in diesem Winkel der größte Drang der Menschen. Und unmittelbar daran stieß nach Norden jenes Volk, das hineinschaute in die geistige Welt, das sozusagen auf «du und du» war mit den geistigen Wesenheiten, das aber nicht gern arbeitete, das nicht seßhaft war und gar kein Interesse daran hatte, die Kulturarbeit in der physischen Welt vorwärts zu bringen.

Das ist der größte Gegensatz vielleicht, der sich äußerlich in der Geschichte der nachatlantischen Zeiten gebildet hat, und der rein eine Folge ist der verschiedenen Arten der Seelenentwickelung. Es ist der Gegensatz, den man in der äußeren Geschichte auch kennt: der große Gegensatz zwischen Iran und Turan. Aber man kennt nicht die Ursachen. Hier haben wir jetzt die Gründe.

Im Norden, nach Sibirien hinein: Turan, jenes Völkergemenge, das in hohem Grade mit den Erbstücken eines niederen astralischen Hellsehens begabt war, das infolge dieses Lebens in der geistigen Welt keine Neigung und keinen Sinn hatte, eine äußere Kultur zu begründen, sondern - weil diese Menschen mehr passiver Art waren und sogar zu ihren Priestern vielfach niedere Magier und Zauberer hatten - sich namentlich da, wo es auf das Geistige ankam, mit niederer Zauberei, ja zum Teil sogar mit schwarzer Magie beschäftigte. Im Süden davon: Iran, jene Gegenden, in denen frühzeitig der Drang entstand, mit den primitivsten Mitteln dasjenige, was in der Sinnes weit uns gegeben ist, durch menschliche Geisteskraft umzugestalten, so daß auf diese Weise äußere Kulturen entstehen können.

Das ist der große Gegensatz zwischen Iran und Turan. In einer schönen Weise wird mythisch, legendenhaft angedeutet, wie der nach dieser Kulturseite vorgeschrittenste Teil der Menschen von Norden herunterzog bis in die Gegend, die wir als die iranische angesprochen haben. Und wenn uns in der Legende von Dschemshid, jenem Könige, der seine Völker von Norden heruntergeführt hat nach Iran, erzählt wird: er bekam von jenem Gotte, der nach und nach anerkannt werden wird, den er Ahura Mazdao nannte, einen goldenen Dolch, mit dem er seine Mission auf der Erde erfüllen sollte - dann müssen wir uns klar sein, daß mit dem goldenen Dolch des Königs Dschemshid, der seine Völker herausentwickelte aus der trägen Masse der Turanier, dasjenige gegeben war, was das an die äußeren Menschenkräfte gebundene Weisheitsstreben ist, jenes Weisheitsstreben, welches die vorher in Dekadenz gekommenen Kräfte wieder heraufentwickelt und sie durchdringt und durchwebt mit dem, was der Mensch auf dem physischen Plan an Geisteskraft erringen kann. Dieser goldene Dolch hat als Pflug die Erde umgegraben, hat aus der Erde Ackerland gemacht, hat die ersten primitivsten Erfindungen der Menschheit gebracht. Er hat fortgewirkt und wirkt bis heute in alledem, auf das die Menschen als ihre Kulturerrungenschaften stolz sind. Das ist etwas Bedeutsames, daß der König Dschemshid, der herunterzog aus Turan in die iranischen Gebiete, von Ahura Mazdao diesen goldenen Dolch erhielt, der den Menschen die Kraft gibt, sich die äußere sinnliche Welt zu erarbeiten.

Dieselbe Wesenheit, von der dieser goldene Dolch stammt, ist auch der große Inspirator jenes Führers der iranischen Bevölkerung, den wir als Zarathustra oder Zoroaster, Zerdutsch kennen. Und Zarathu- stra war es, der in uralten Zeiten - bald nach der atlantischen Katastrophe - mit den Gütern, die er aus den heiligen Mysterien heraustragen konnte, jenes Volk durchdrang, das den Drang hatte, die äußere Kultur mit menschlicher Geisteskraft zu durchweben. Dazu sollte Zarathustra diesen Völkern, die nicht mehr die alte atlantische Fähigkeit hatten, hineinzuschauen in die geistige Welt, neue Aussichten und neue Hoffnungen auf die geistige Welt geben. So eröffnete Zarathustra jenen Weg, den wir öfter besprochen haben, auf dem die Völker einsehen sollten, daß in dem äußeren Sonnenlichtleib nur gegeben ist der äußere Leib eines hohen geistigen Wesens, welches er, im Gegensatz zu der kleinen menschlichen Aura, die «Große Aura», Ahura Mazdao nannte. Er wollte damit andeuten, daß dieses zwar jetzt noch weit entfernte Wesen einstmals heruntersteigen würde auf die Erde, um innerhalb der Menschheitsgeschichte sich substantiell mit der Erde zu vereinigen und im Menschheitswerden weiter zu wirken. Damit wurde für diese Menschen von Zarathustra auf dieselbe Wesenheit hingewiesen, die später in der Geschichte als der Christus lebte.

Damit hatte Zarathustra oder Zoroaster etwas Großes, etwas Gewaltiges vollbracht. Er hatte der neuen nachatlantischen Menschheit, der entgötterten Menschheit, wieder den Aufstieg gebracht zu einem Geistigen und die Hoffnung, daß die Menschen mit den Kräften, die heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, dennoch zum Geistigen kommen können. Der alte Inder erreichte das alte Geistige wieder in einer gewissen Weise durch die Jogaschulung. Ein neuer Weg aber sollte den Menschen eröffnet werden durch das, was Zarathustra brachte.

Zarathustra hatte nun einen bedeutsamen Beschützer. - Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich von Zarathustra als von einem Wesen spreche, welches schon die Griechen in die Zeit fünftausend Jahre vor dem Trojanischen Krieg versetzten, das also nichts zu tun hat mit dem, was die äußere Geschichte als Zarathustra bezeichnet, und auch nichts mit dem, was in der Zeit des Darius als Zarathustra erwähnt wird. - Der Zarathustra dieser alten Zeiten hatte einen Beschützer, welcher mit dem später üblich gewordenen Namen Guschtasb bezeichnet werden kann. Wir haben also in Zarathustra eine mächtige priesterhafte Natur, welche auf den großen Sonnengeist, auf Ahura Mazdao, hinweist, auf jene Wesenheit, welche der Führer sein soll für die Menschen aus dem äußeren Physischen zurück zum Geistigen. Und in Guschtasb haben wir die königliche Natur dessen, der geneigt war, alles zu tun auf dem äußeren Gebiete, was die großen Inspirationen Zarathustras in der Welt verbreiten konnte. Daher konnte es nicht ausbleiben, daß diese Inspirationen und diese Intentionen, welche in dem alten Iran durch Zarathustra, durch Guschtasb sich geltend machten, zusammenstießen mit dem, was unmittelbar nördlich dieses Gebietes war. Und es entwickelte sich durch diesen Zusammenstoß tatsächlich einer der größten Kriege, die es in der Welt gegeben hat, von dem die äußere Geschichte nicht viel berichtet, weil er in uralte Zeiten fällt. Es war ein gewaltiger Zusammenstoß zwischen Iran und Turan. Und es entwickelte sich aus diesem Kriege, der nicht Jahrzehnte, der Jahrhunderte dauerte, eine gewisse Stimmung, die lange Zeit im Inneren Asiens andauerte, eine Stimmung, die etwa in folgender Weise in Worte gefaßt werden muß.

Der Iranier, der Zarathustra-Mensch, sagte sich etwa folgendes: Überall, wo wir hinschauen, gibt es eine Welt, die zwar herabgestiegen ist aus dem Göttlich-Geistigen, die sich aber jetzt darstellt wie ein Abfall von der früheren Höhe. Wir müssen voraussetzen, daß alles, was um uns herum ist als die Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien, früher höher war, und daß alles dies in Dekadenz gekommen ist. Der Mensch aber hat die Hoffnung, es wieder hinaufzuführen. - Nehmen wir zum Beispiel ein Tier. Reden wir so, daß wir das, was in dem Gefühl eines Iraniers lebte, übersetzen in unsere Sprache, und reden wir so, wie etwa ein Lehrer in der Schule zu seinen Schülern reden würde, wenn er eine ähnliche Gesinnung charakterisieren wollte. Dann könnten wir sagen: Sieh dir an, was du um dich herum hast. Das war früher geistiger; jetzt ist es heruntergestiegen, ist in Dekadenz gekommen. Nehmen wir einmal den Wolf. Das Tier, das im Wolf ist, das du als sinnliches Wesen siehst, ist heruntergestiegen, ist in Dekadenz gekommen. Es zeigte vor allen Dingen früher seine schlechten Eigenschaften nicht. Du aber, wenn in dir selbst gute Eigenschaften keimen, wenn du deine guten Eigenschaften und geistigen Kräfte zusammen nimmst, du kannst das Tier zähmen. Du kannst ihm einverweben deine eigenen Eigenschaften. Dann kannst du aus dem Wolf einen zahmen Hund bilden, der dir dient! Da hast du in Wolf und Hund zwei Wesen, die gleichsam zwei Weltenströmungen charakterisieren. - Die Menschen, die ihre geistigen Kräfte verwendeten, um die Umwelt zu bearbeiten, sie waren imstande, die Tiere zu zähmen, auf eine höhere Stufe zu bringen, während die anderen, welche ihre Kräfte nicht dazu verwendeten, die Tiere so ließen, wie sie waren, so daß sie immer tiefer und tiefer sinken mußten. Das sind zwei verschiedene Kräfte. Die eine tritt in der Stimmung hervor: Wenn ich die Natur so lasse, wie sie ist, dann sinkt sie immer tiefer und tiefer herunter, dann wird alles wild. Die andere: Aber ich kann meine geistigen Augen auf eine gute Macht richten, deren Bekenner ich bin, dann hilft sie mir, dann kann ich das, was hinuntersinken will, mit ihrer Hilfe wieder hinaufführen. Diese Macht, zu der ich hinaufblicken kann, sie kann mir die Hoffnung zu einer Weiterentwickelung geben! - Diese Macht identifizierte sich für den Iranier mit Ahura Mazdao, und er sagte sich: Alles, was der Mensch tun kann, um die Kräfte der Natur zu veredeln, um sie hinaufzuheben, das kann geschehen, wenn der Mensch sich verbindet mit Ahura Mazdao, mit der Kraft des Ormuzd. Ormuzd ist eine aufwärtsgehende Strömung. Wenn der Mensch aber die Natur so läßt, wie sie ist, dann kann man sehen, wie alles in die Wildheit hineintreibt. Das kommt von Ahriman! - Und nun entwickelte sich folgende Stimmung im iranischen Gebiete: Im Norden von uns gehen viele Menschen herum. Sie sind im Dienste von Ahriman. Das sind die Ahrimanleute, die nur in der Welt herumstreifen und nur nehmen, was ihnen die Natur bietet, die nicht Hand anlegen wollen, um die Natur zu vergeistigen. Wir aber wollen uns verbünden dem Ormuzd, dem Ahura Mazdao!

So fühlte man in der Welt die Zweiheit, die da auftrat. So fühlten die iranischen Menschen, die Zarathustra-Menschen, und was sie so fühlten, das brachten sie auch in den Gesetzen zum Ausdruck. Sie wollten ihr Leben so einrichten, daß in der äußeren Gesetzgebung der Drang nach aufwärts zum Ausdruck kommen sollte. Das war die äußere Folge des Zarathustrismus. So müssen wir den Gegensatz von Iran und Tu- ran ansprechen. Und jenen Krieg, von dem die okkulte Geschichte so vieles und so Genaues berichtet, den Krieg zwischen Ardschasb und Guschtasb, wovon der eine der König derTuranier war und der andere der Beschützer des Zarathustra, diesen Krieg als Gegensatz zwischen Nord und Süd müssen wir als Stimmung sich fortsetzen sehen auf die beiden Gebiete Iran und Turan. Wenn wir das begreifen, werden wir fließen sehen eine gewisse Seelenströmung von Zarathustra aus auf die ganze Menschheit, auf die er gewirkt hat.

So mußte zunächst charakterisiert werden, wie das ganze Milieu, die ganze Umgebung war, in welche Zarathustra hineingestellt war. Denn wir wissen ja, daß diejenige Individualität, die in das Blut, das von Abraham durch dreimal vierzehn Generationen hinunterfloß, sich hin- eininkarnierte und die im Matthäus-Evangelium als Jesus von Naza- reth auftritt, die Zarathustra-IndividuaHtät war. Sie mußten wir zunächst dort aufsuchen, wo sie uns zuerst in der nachatlantischen Zeit entgegentritt. Und jetzt entsteht für uns die Frage: Wieso war gerade das Blut, das von Abraham in Vorderasien durch die Generationen hinunterrann, dasjenige, welches am besten geeignet sein konnte für eine spätere Leiblichkeit des Zarathustra? Denn eine der nachfolgenden Inkarnationen des Zarathustra ist der Jesus von Nazareth.

Damit diese zweite Frage aufgeworfen werden kann, war es notwendig, zuerst die Frage nach dem Zentrum aufzuwerfen und zu beantworten, nach jenem Zentrum, das sich in diesem Blute zum Ausdruck bringt. Wir haben in der Zarathustra-Individualität dieses Zentrum, welches sich in dieses Blut des hebräischen Volkes hineininkarniert. Wir werden nun morgen zu besprechen haben, warum es gerade dieses Blut, dieses Volkstum sein mußte, aus dem Zarathustra seine äußere Leiblichkeit nahm.




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