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Das Matthaus-Evangelium

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ACHTER VORTRAG

Bern, 8. September 1910

In dem, was wir gestern angeführt haben über das Heraufheben der beiden Seiten der Initiation auf die Höhe welthistorischer Vorgänge in dem Christus-Ereignis, liegt zugleich angegeben, wenn man es ganz durchschaut, das uns Wesentliche dieses Christus-Ereignisses.

Eine Initiation oder Einweihung, die darin bestand, daß der Mensch gleichsam das tägliche Erlebnis des Aufwachens so durchmachte, daß beim Hinuntersteigen in den physischen Leib und Ätherleib nicht das Wahrnehmungsvermögen abgelenkt wird auf die äußere physische Umgebung, sondern erregt wird für die Vorgänge des Ätherleibes und physischen Leibes, eine solche Art der Einweihung hatten wir ja besonders in all den Mysterien und Einweihungsstätten gegeben, die sich auf die ägyptische heilige Kultur begründeten. Diejenigen, die eine solche Einweihung im alten Sinne suchten, das heißt in dem Sinne, daß sie dabei gelenkt und geleitet wurden, damit die bei einer solchen Einweihung auftretenden Gefahren vorübergehen konnten, sie wurden dadurch in gewisser Beziehung zu anderen Menschen, zu solchen Menschen, die während des Einweihungsaktes hineinschauen konnten in die geistige Welt, zunächst in jene geistigen Kräfte und Wesenheiten, die beteiligt sind an unserem physischen Leib und Ätherleib.

Wenn wir jetzt die Essäereinweihung von diesem Gesichtspunkte aus charakterisieren wollen, so können wir sagen: Wenn ein Essäer die charakterisierten zweiundvierzig Stufen durchmachte und dadurch zu einer genaueren Kenntnis seines wahren Inneren kam, seiner wahren Ich-Natur und alles dessen, was den Menschen befähigt, durch die äußeren durch die Vererbung dazu bestimmten Organe zu sehen, so wurde ein solcher Essäer über die zweiundvierzig Stufen hinausgeführt bis zu derjenigen geistig-göttlichen Wesenheit, welche als Jahve oder Jehova jenes Organ bewirkte, das ich Ihnen bei Abraham charakterisiert habe; das sah er dann im Geiste als dieses Organ, das wesentlich war für die damalige Zeit. Der Essäer sah also zurück auf das innere wesenhafte Gefüge der menschlichen Innenwesenheit, die ja ein Ergebnis war dieser göttlich-geistigen Wesenheit. Auf die Erkenntnis des menschlichen Inneren war es also bei einer solchen Einweihung abgesehen.

Was nun dem Menschen bevorsteht, wenn er unvorbereitet in sein Inneres hineindringen kann, das habe ich Ihnen im allgemeinen gestern charakterisiert. Ich habe gesagt, da erwachen in dem Menschen zunächst alle Egoismen, alles, was den Menschen dazu bringt, daß er sich sagt: Alle die Kräfte, die in mir sind, alle Leidenschaften und Emotionen, die mit meinem Ich zusammenhängen und die nichts wissen wollen von der geistigen Welt, ich will sie so in mir haben, daß ich mich mit ihnen verbinden kann und nur aus meinem eigenen egoistischen Inneren heraus handle, empfinde und fühle! - Also das ist die Gefahr, daß der Mensch bis zum höchsten Maße des Egoismus hinaufwächst durch solches Hineinsteigen in sein Inneres. Das ist es ja auch, was als eine bestimmte Art von Illusion immer wieder über diejenigen kommt, die auch heute durch eine esoterische Entwickelung dieses Hineinsteigen in das eigene Innere anstreben wollen. Bei solcher Gelegenheit machen sich mancherlei Egoismen beim Menschen geltend; und wenn sie dann da sind, glaubt der Mensch in der Regel gar nicht, daß es diese Egoismen sind. Er glaubt eigentlich alles eher, als daß es diese Egoismen sind. Der Weg in die höheren Welten wird ja genugsam als ein solcher geschildert, zu dem, selbst wenn er in unserer Zeit gesucht wird, Überwindungen notwendig sind. Und manche von denjenigen Menschen, die, auch in unserer Zeit, gern den Weg in die höheren Welten hinauf gehen wollen, aber keine solche Überwindungen haben wollen, die zwar gern schauen möchten in höheren Welten, aber nicht erleben wollen, was eigentlich dazu führen kann, solche Menschen finden es dann immer wieder unbequem, allerlei in sich auftauchen zu sehen, was nun einmal in der menschlichen Natur liegt. Sie möchten ohne dieses Auftauchen von allerlei Egoismen und dergleichen in die höheren Welten hinaufkommen. Sie merken nicht, daß oft gerade darin der herbste, der bedeutsamste Egoismus sich zeigt, daß sich die Unzufriedenheit geltend macht mit dem, was eigentlich als etwas ganz Reguläres eintritt, und von dem sie sich fragen sollten: Muß ich denn nicht, da ich ein Mensch bin, auch allerlei solche Gewalten aufrufen? Sie finden es merkwürdig, daß solche Dinge da sind, trotzdem es hundert- und hundertmal erklärt wird, daß sich so etwas in einer bestimmten Zeit einstellt. Ich will damit nur hinweisen auf die Illusionen und Täuschungen, denen sich gewisse Menschen hingeben. In unserer Zeit ist es ja noch zu berücksichtigen, daß die Menschheit in einer gewissen Weise bequem geworden ist und am liebsten mit der Bequemlichkeit, die man sonst im gewöhnlichen Leben liebt, den Weg in die höheren Welten hinauf gehen möchte. Aber solche Bequemlichkeiten, wie man sie auf den gewöhnlichen Gebieten des Daseins gern schafft, können nicht geschaffen werden auf dem Wege, der in die geistigen Welten führen soll.

Derjenige nun, der diesen Weg in die geistige Welt in den alten Zeiten dadurch gefunden hatte, daß er durch die Einweihung gegangen war, die in das menschliche Innere führt, der wurde, weil das menschliche Innere von göttlich-geistigen Mächten geschaffen ist, damit hineingeführt in die göttlich-geistigen Kräfte. Man sieht dann am physischen Leibe und Ätherleibe die göttlich-geistigen Kräfte arbeiten. Ein solcher Mensch wurde geeignet, ein Zeuge, ein Künder zu sein von den Geheimnissen der geistigen Welt. Er konnte seinen Mitmenschen erzählen, was er durchgemacht hatte, während er in den Mysterien hineingeführt wurde in sein eigenes Inneres und dadurch in die geistige Welt. Was aber war damit verbunden? Wenn ein solcher Eingeweihter herauskam aus den geistigen Welten, konnte er sagen: Da habe ich hineingeblickt in das geistige Dasein; aber mir wurde geholfen! Die Gehilfen des Initiators haben es mir möglich gemacht, daß ich überdauert habe die Zeit, in der sonst die Dämonen aus meiner eigenen Natur mich niedergedrückt haben würden. - Dadurch aber, daß er in dieser Art den äußeren Hilfen sein Hineinschauen in die geistige Welt verdankte, blieb er auch zeitlebens von diesem Einweihungskollegium abhängig, von denjenigen, die ihm geholfen hatten. Die Kräfte, die ihm geholfen hatten, gingen mit ihm hinaus in die Welt.

Das sollte anders werden. Das sollte überwunden werden. Diejenigen, die initiiert werden sollten, sollten immer weniger abhängig bleiben von denen, die ihre Lehrer und Initiatoren sind. Denn mit dieser Hilfe war ein Anderes, Wesentliches verbunden. Wir haben in unserem alltäglichen Bewußtsein ein ganz deutliches Ich-Gefühl, das in einer bestimmten Stunde unseres Daseins erwacht. Darüber wurde schon öfter gesprochen, und Sie finden auch in meiner «Theosophie» den Zeitpunkt charakterisiert, wo der Mensch dazu kommt, sich als ein Ich anzusprechen. Das ist etwas, was das Tier nicht kann. Wenn das Tier in sein Inneres schauen würde wie der Mensch, so würde es nicht ein individuelles Ich, sondern ein Gattungs-Ich, ein GruppenIch finden: es würde sich zugehörig fühlen zu einer ganzen Gruppe. Dieses Ich-Gefühl erlosch in einer gewissen Weise bei den alten Einweihungen. Während der Mensch also in die geistigen Welten hineinstieg, trübte sich sein Ich-Gefühl, und wenn Sie alles zusammennehmen, was ich gesagt habe, werden Sie es begreiflich finden, daß es gut war. Denn das Ich-Gefühl ist es ja, mit dem sich alle die Egoismen, Leidenschaften und so weiter verbinden, die den Menschen absondern wollen von der äußeren Welt. Wollte man nicht die Leidenschaften, die Emotionen bis zu einer gewissen Stärke treiben, so mußte das Ich-Gefühl unterdrückt werden. Es war daher zwar nicht ein Traumbewußtsein, aber doch ein Zustand herabgedrückten Ich-Gefühls bei den Einweihungen in den alten Mysterien vorhanden. Immer mehr und mehr sollte aber darnach gestrebt werden, daß der Mensch fähig werde, die Initiation durchzumachen unter völliger Aufrechterhaltung seines Ich, desjenigen Ich, das der Mensch im Wachbewußtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen mit sich trägt. Jene Trübung des Ich, wie sie in den alten Mysterien immer mit der Initiation verbunden war, sollte aufhören. Das ist etwas, was ja überhaupt im Laufe der Zeit nur langsam und allmählich erreicht werden kann, was aber heute schon in einem wesentlich höheren Grade in allen zu Recht bestehenden Initiationen erreicht wird: daß das Ich-Gefühl bis zu einem hohen Grade nicht erlischt, wenn der Mensch sich hinauflebt in die höheren Welten.

Nun belauschen wir einmal noch genauer eine solche alte Initiation, zum Beispiel eine Essäerinitiation der vorchristlichen Zeit. Verbunden war auch diese Essäerinitiation in einer gewissen Weise damit, daß das Ich-Gefühl herabgestimmt war. Dasjenige also, was dem Menschen in unserem Erdensein sein Ich-Gefühl gibt, was herausblickt auf die äußeren Wahrnehmungen, das mußte damals auch unterdrückt werden. Sie brauchen ja nur auf das Trivialste im Alltagsleben zu sehen, so werden Sie sich sagen: In jenem andersgearteten Zustand, wo der Mensch während des Schlafbewußtseins in der geistigen Welt ist, hat er sein Ich-Gefühl nicht; er hat es nur im Tagesbewußtsein, wenn er abgelenkt wird von der geistigen Welt und sein Blick hinausgeht in die physisch-sinnliche Welt. So ist es beim jetzigen Erdenmenschen, und auch bei dem Erdenmenschen, für den der Christus auf der Erde gewirkt hat. Für die andere Welt ist beim Menschen der gegenwärtigen Erdenzeit überhaupt das Ich für die normalen Zustände nicht geweckt. Nun soll eine Christus-Initiation eben darinnen bestehen, daß das Ich in den höheren Welten so erwacht bleibt, wie es erwacht ist in der äußeren Welt.

Betrachten Sie nun einmal - nur damit wir etwas damit charakterisieren können - den Moment des Aufwachens ganz genau. Dieser Moment stellt sich uns so dar, daß also der Mensch aus einer höheren Welt herauskommt und untertaucht in seinen physischen Leib und Ätherleib. In diesem Moment des Untertauchens sieht er aber nicht die Innenvorgänge des physischen Leibes und Ätherleibes, sondern es wird gleichsam sein Wahrnehmungsvermögen abgelenkt auf die Umgebung. Alles nun, wohin der Blick des Menschen im Moment des Aufwachens fällt, was der Mensch überschaut, ob nun mit dem physischen Wahrnehmen der Augen oder mit dem physischen Wahrnehmen der Ohren, oder ob er es überdenkt mit dem an das physische Organ des Gehirns gebundenen Verstand, alles, was er in der physischen Umgebung wahrnimmt, das bezeichnete man in dem Sprachgebrauch der althebräischen Geheimlehre als «das Reich», Malchuth. So könnten wir fragen: Was war also im althebräischen Sprachgebrauch verbunden mit dem Ausdruck «das Reich»? Alles das war damit verbunden, in dem sich bewußt aufhalten konnte das menschliche Ich. Das ist auch die genaueste Definition für das, was man im hebräischen Altertum mit dem Ausdruck «das Reich» verband: das, wobei das menschliche Ich anwesend sein kann. Wenn wir einmal diesen Ausdruck festhalten, so müssen wir sagen: Es ist mit dem, was «das Reich» ist, im althebräischen Sprachgebrauch zunächst bezeichnet die Sinnenwelt, die Welt, in der der Mensch ist im Wachzustande bei völliger Aufrechterhaltung seines Ich.

Nehmen wir jetzt die Stufen der Initiation beim Hinuntergehen in das eigene Innere. Die erste Stufe, bevor der Mensch in seinen Ätherleib hineindringen und dessen Geheimnisse wahrnehmen kann, ist etwas, was man leicht erraten kann. Die äußere Hülle des Menschen besteht ja, wie wir wissen, aus dem Astralleib, Ätherleib und physischen Leib. Das ist nun auch noch etwas, wo der Mensch hindurchgehen muß: er muß seinen astralischen Leib sozusagen bewußt von innen durchschauen, wenn er diese Art von Initiation erleben will. Zunächst muß er das Innere seines astralischen Leibes erleben, wenn er in das Innere seines physischen Leibes und Ätherleibes hineinsteigen will. Das ist die Pforte, durch die er durchgehen muß. Das sind immer aber neue Erlebnisse, durch die er gehen muß. Der Mensch erlebt da auch etwas, was objektiv ist, wie die Gegenstände der äußeren Welt objektiv sind.

Wenn wir die Gegenstände der Sinnenwelt um uns herum, die wir vermöge der gegenwärtigen menschlichen Organisation erleben, als « das Reich» bezeichnen, so könnten wir nach unserem Sprachgebrauch - der althebräische Sprachgebrauch hat das noch nicht so genau unterschieden - dabei wieder unterscheiden drei Reiche, das Mineralreich, das Pflanzenreich und das Tierreich. Das alles ist im althebräischen Sprachgebrauch ein Reich und faßt sich zusammen unter dem einen Begriff des Reiches überhaupt als die Gesamtheit der drei Reiche.

Geradeso wie wir die Tiere, Pflanzen und Mineralien überblicken, wenn wir den Blick hinausrichten in die Sinnenwelt, wo unser Ich dabei sein kann, so fällt für denjenigen, der hinuntertaucht in sein eigenes Innere, der Blick auf alles, was er wahrnehmen kann im astralischen Leibe. Das sieht der Mensch jetzt nicht durch sein Ich, sondern das Ich bedient sich dabei der Werkzeuge des astralischen Leibes. Und was der Mensch sieht, wenn er also ein anderes Wahrnehmungsvermögen hat, wo er mit seinem Ich anwesend ist in derjenigen Welt, mit der er verbunden wird durch die astralischen Organe, das bezeichnet allerdings schon der althebräische Sprachgebrauch mit drei Ausdrük- ken. Wie wir ein tierisches, ein pflanzliches und ein mineralisches Reich haben, so bezeichnet der althebräische Sprachgebrauch die Dreiheit, die man überblickt durch das Anwesendsein in seinem astralischen Leibe, mit Nezach, Jesod und Hod.

Wenn man diese drei Ausdrücke einigermaßen konform in unsere Sprache übersetzen wollte, müßte man wieder tief hineingreifen in das althebräische Sprachgefühl; denn die gewöhnlichen lexikalen Übersetzungen mit dem Wörterbuche helfen da gar nicht. Wenn man verstehen wollte, worauf es jetzt ankommt, müßte man recht sehr zu Hilfe nehmen das Sprachgefühl der vorchristlichen Zeit. Da müßte man zum Beispiel vor allem in Betracht ziehen, daß dasjenige, was wir mit dem Lautgefüge Hod bezeichnen können, ausdrücken würde «Geistiges nach außen erscheinend». Also beachten Sie wohl: dieses Wort würde bedeuten ein Geistiges, das nach außen sich kundgibt, ein nach außen strebendes Geistiges, aber ein Geistiges, das als Astralisches aufzufassen ist. Dagegen würde das Wort Nezach um eine starke Nuance gröber dieses Nach-außen-sich-offenbaren-Wollen ausdrücken. Was sich da kundgibt, das ist etwas, auf das wir vielleicht das Wort anwenden können, daß es sich als «undurchdringlich» erweist.

Wenn Sie heute Lehrbücher der Physik in die Hand nehmen, werden Sie etwas finden, was als ein Urteil angegeben ist, was aber eigentlich eine Definition sein sollte - aber auf Logik kommt es ja dabei nicht an -, nämlich die Definition, daß man die physischen Körper als undurchdringlich bezeichnet. Es müßte eigentlich als Definition stehen : Man nennt einen physischen Körper einen solchen, von dem das gilt, daß an der Stelle, wo er ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann. Also als Definition müßte es gegeben werden. Statt dessen stellt man ein Dogma auf und sagt: Die Körper der physischen Welt haben die Eigentümlichkeit, daß sie undurchdringlich sind - während es heißen müßte, daß an einer Stelle nicht gleichzeitig zwei Körper sein können. Das ist aber etwas, was eigentlich in die Philosophie hineingehört. Das Sich-Kundgeben im Räume, so daß Ausschließungen eines anderen stattfinden - was die stark vergröberte Nuance des Hod sein würde -, das ist mit dem Worte Nezach gegeben. Und was dazwischen steht, ist im Jesod gegeben.

So haben Sie drei verschiedene Nuancen. Erst die Manifestation irgendeiner astralischen Tatsache, die sich nach außen hin kundgibt, im Hod. Wo die Sache dann schon so vergröbert ist, daß die Dinge in physischer Undurchdringlichkeit an uns herantreten, da würde nach dem althebräischen Sprachgebrauche Nezach stehen. Und für die Zwischennuance müßte Jesod genommen werden. So können wir sagen, daß die drei verschiedenen Eigentümlichkeiten, mit denen in der Tat die Wesenheiten der astralischen Welt behaftet sind, mit diesen drei Worten bezeichnet werden.

Nun können wir sozusagen etwas weiter hineinsteigen mit dem zu Initiierenden in das menschliche Innere. Wenn er überschritten hat, was zunächst in seinem Astralleib zu überschreiten ist, dann kommt er hinein in seinen ätherischen Leib. Da nimmt der Mensch schon Höheres wahr als das, was mit diesen drei Worten zu bezeichnen ist. Sie können fragen, warum denn Höheres ? Das hängt mit etwas Besonderem zusammen, und darauf müssen Sie achten, wenn Sie das eigentliche innere Gefüge der Welt verstehen wollen. Sie müssen darauf achten, daß so, wie uns die äußere Welt entgegentritt, an demjenigen, was uns als die niedersten Offenbarungen der Außenwelt erscheint, die höchsten geistigen Kräfte gearbeitet haben. Ich habe Sie schon öfter auf das aufmerksam gemacht, was hier in Betracht kommt, und zwar bei Besprechung der menschlichen Natur selbst.

Der Mensch besteht, wenn wir ihn beschreiben, aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Gewiß ist das Ich des Menschen in gewisser Beziehung das höchste seiner Glieder; aber so wie es heute ist, ist es das Baby unter den vier Gliedern der menschlichen Natur. Es ist das, was die Anlage enthält im Menschen zum Höchsten, was er werden kann, aber es ist jetzt in seiner Art auf der niedersten Stufe. Dafür ist der physische Leib in seiner Art das vollkommenste Glied, allerdings nicht durch das Verdienst des Menschen selber, sondern dadurch, daß durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch göttlichgeistige Wesenheiten am Menschen gearbeitet haben. Und auch der Astralleib ist bereits vollkommener geworden als das Ich des Menschen. Wenn wir also zunächst auf das menschliche Ich blicken, ist es dasjenige, was uns naheliegt, mit dem wir uns identifizieren. Und man darf sagen: Wer nicht gar zu trivial ist und sich nicht den Blick verschließen will, der braucht nur in sein Inneres zu schauen, und er findet dort sein Ich. Dagegen denken Sie daran: Wie weit ist der Mensch entfernt von den Geheimnissen des menschlichen physischen Leibes! Der physische Leib ist etwas, woran nicht nur durch Jahrmillionen, sondern Jahrmillionen mal Millionen göttlich-geistige Wesenheiten gearbeitet haben, um ihn zu seinem heutigen Gefüge zu bringen. Dazwischen liegen nun astralischer Leib und Ätherleib. Der astralische Leib ist auch gegenüber dem physischen Leibe ein unvollkommenes Glied der Menschennatur; in ihm sind Emotionen, Leidenschaften, Begierden und so weiter. Und der Mensch genießt durch die Emotionen des astralischen Leibes, trotzdem der Ätherleib als Hemmnis dazwischen steht, viele Dinge, die direkt der wunderbaren Organisation des menschlichen physischen Leibes entgegenarbeiten. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie viele Herzgifte zum Beispiel der Mensch genießt, wie er, wenn es auf seinen astralischen Leib ankäme, sehr bald seine Gesundheit untergraben würde, und wie er seine Gesundheit nur dem Umstände verdankt, daß das menschliche Herz in seiner Organisation so wunderbar und vollkommen eingerichtet ist, daß es durch viele Jahrzehnte hindurch den Attacken des Astralleibes standhält. So ist es. Je tiefer wir hinuntersteigen, desto höhere geistige Kräfte finden wir, die an den einzelnen Gliedern mitgearbeitet haben. Man könnte sagen: Die jüngsten Götter, die jüngsten göttlich-geistigen Kräfte sind es, die uns unser Ich gegeben haben; und viel ältere Götter sind es, die an unseren niederen Gliedern jene Vollkommenheit bewirkt haben, die der Mensch heute kaum anfängt zu durchschauen, geschweige denn, daß er geeignet wäre, mit seinen Werkzeugen das nachzumachen, was in diesem Wunderbau die göttlich-geistigen Kräfte und Wesenheiten für den Menschen aufgeführt haben.

Diese Vollkommenheit sahen aber besonders diejenigen, welche zum Beispiel durch eine Essäereinweihung eintauchten in das menschliche Innere. Ein solcher Essäer sagte sich: Wenn ich die ersten vierzehn Stufen durchmache, komme ich zuerst in meinen astralischen Leib hinein. Da treten mir entgegen alle die Leidenschaften und Emotionen, die mit meinem astralischen Leibe zusammenhängen, alles, was ich selbst in meiner Inkarnation schlecht gemacht habe an meinem astralischen Leibe. Aber ich bin noch nicht imstande gewesen, an meinem Ätherleibe so viel zu verderben wie an dem Astralleibe. Mein Ätherleib ist im Grunde genommen noch viel göttlicher, noch viel reiner; er zeigt sich mir, wenn ich die zweiten vierzehn Stufen durchmache. - Und er hatte das Gefühl: wenn er den Anfechtungen des astralischen Leibes standgehalten, hat er das Schwerste nach den ersten vierzehn Stufen überwunden und tritt jetzt ein in die lichten Sphären seines Ätherleibes, an dessen Kräften er noch nicht so viel verderben konnte.

Was der Mensch nun da sah, das bezeichnete man in der althebräischen Geheimlehre wieder mit drei Ausdrücken, die wieder außerordentlich schwer in unseren heutigen Sprachen wiedergegeben werden können; man bezeichnete sie mit Gedulah, Tiphereth und Ge- burah. Versuchen wir uns eine Vorstellung von den drei Gebieten zu machen, die mit diesen drei Ausdrücken bezeichnet wurden.

Wenn der Mensch das wahrnahm, womit er sich in seinem Ätherleibe verbindet, dann können wir etwa sagen: Das erste Wort, Gedulah, wirkte etwa so, daß man eine Vorstellung bekam von alledem, was im geistigen Reiche, in der geistigen Welt majestätisch, groß erscheint, was den Eindruck des Überwältigenden macht. Dagegen hatte das, was mit Geburah zu bezeichnen ist, obwohl es mit dem ersten Worte verwandt ist, eine ganz andere Nuance der Größe, es hatte die Nuance der durch die Wirkung wieder herabgeminderten Größe. Es ist Geburah die Nuance der Größe, der Kraft, die sich schon nach außen kundgibt, um sich zu wehren, um sich als selbständige Wesenheit nach außen kundzugeben. Während also mit dem Ausdruck Gedulah verbunden ist das Wirken durch die innere Gediegenheit, durch die innere Wesenheit, ist mit dem Ausdruck Geburah ein solches Wirken verbunden, von dem man sagen kann, daß es aggressiv ist, sich nach außen hin durch aggressives Vorgehen kundgibt. Das nun In- sich-Ruhen der Größe, der Innerlichkeit, die sich zwar nach außen kundgibt, aber nicht durch aggressives Wesen, sondern dadurch, daß es in sich zum Ausdruck bringt die geistige Größe, das wurde mit Tiphereth bezeichnet, das wir nur wiedergeben könnten, wenn wir kombinierten unsere beiden Begriffe von Güte und Schönheit. Ein Wesen, das seine Innerlichkeit so zum Ausdruck bringt, daß sich seine Innerlichkeit in der äußeren Form ausprägt, das erscheint uns als schön.

Und ein Wesen, das seine eigene innere Gediegenheit nach außen zum Ausdruck bringt, erscheint uns als gut. Aber diese beiden Begriffe gehören für die althebräische Geheimlehre zusammen in Tiphereth. - Also die Wesenheiten, die sich durch diese drei Eigenschaften kundgeben, waren es, zu denen man eine Beziehung erlangte beim Hinuntersteigen in den Ätherleib.

Dann kam das Hinabsteigen in den physischen Leib. In dem physischen Leibe wurde der Mensch sozusagen bekannt mit den ältesten götdich-geistigen Wesenheiten, die an ihm gearbeitet haben. Erinnern Sie sich, wie in den Berichten «Aus der Akasha-Chronik» und in der «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt ist, wie die erste Anlage zum physischen Leibe auf dem alten Saturn zustande gekommen ist. Hohe, erhabene geistige Wesenheiten sind es, die Throne, die ihre eigene Willenssubstanz hingeopfert haben, damit die erste Anlage zum menschlichen physischen Leibe zustande kommen konnte. Hohe geistige Wesenheiten sind es, die in der weiteren Entwicklung durch Saturn, Sonne und Mond hindurch an dieser ersten Anlage mitwirken. Und bei den Vorträgen in München über das «Sechstagewerk» habe ich erwähnt, wie diese erhabenen geistigen Wesenheiten verbunden blieben mit dem Menschen durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch, immer weiter und höher diese erste Anlage des physischen Menschenleibes organisierten, so daß der heutige Wunderbau des physischen Leibes zustande gekommen ist, den der Mensch heute mit den anderen drei Wesensgliedern, Ätherleib, Astralleib und Ich, bewohnen kann.

Wenn so der Mensch wirklich in sein Inneres hineinsteigen konnte, nahm er wahr, was in der althebräischen Geheimlehre so bezeichnet wurde, daß es Eigenschaften hat, die im Menschen nur vorgestellt werden können, wenn der Mensch an das denkt, was zum Beispiel das Höchste ist, das er in seiner Seele erreichen kann an Weisheit. Der Mensch blickt sozusagen zur Weisheit auf als zu einem Ideal. Er fühlt sein Wesen gehoben, wenn er es zum Teil erfüllen kann mit Weisheit. Da wußten diejenigen, die in den physischen Leib untertauchten, daß sie an Wesen herankamen, die in ihrer ganzen Substantialität das waren, wovon der Mensch sich nur ein Kleines, ein Geringes aneignen kann, wenn er nach der Weisheit strebt, nach der Weisheit, die man nicht in dem gewöhnlichen äußeren Wissen erlangt, sondern in demjenigen Wissen, das in schweren Erlebnissen der Seele erreicht ist, und das man nicht während einer Inkarnation, sondern durch viele Inkarnationen, und auch da nur zum Teil, sich aneignet. Denn nur ein SichUmtun in allen Weisheitsmöglichkeiten könnte einen Vollbesitz der Weisheit geben. Wesenheiten, welche sich als Weisheitswesen kundgaben, bei denen gewaltig hervortretende, lautere Weisheit die besonders sich kundgebende Eigenschaft war, sie nahm der Mensch wahr. Und die Eigenschaft solcher Weisheitswesenheiten bezeichnete man in der althebräischen Geheimlehre als Chochmah, was man heute nicht ganz unzutreffend mit Weisheit bezeichnet.

Eine besondere Nuance dieser Weisheitseigenschaft ist wieder eine gewisse Vergröberung. Das ist das, was auch im Menschen eine Vergröberung der Weisheit ist. Nur erlangt es der Mensch auch nur in einem gewissen geringen Grade in seiner Individualität. Hier aber, beim Hinuntersteigen in den physischen Leib, findet der Mensch wieder Wesenheiten, welche diese Eigenschaft, die gegenüber der Weisheit eine vergröberte Eigenschaft ist und in der althebräischen Geheimlehre mit Binah bezeichnet wurde, sogar in ganz hervortretendem Maße haben, so daß sie als Wesenheiten erscheinen, die ganz und gar leuchten durch diese Eigenschaft. Das ist das, was man beim Menschen hervorbringen kann, wenn man ihn an seinen Verstand erinnert. Verstand erringt ja der Mensch wirklich nur bis zu einem gewissen geringen Grade. Aber an Wesenheiten, die ganz durchdrungen sind von dem, was der Verstand erringt, daran müssen wir denken, wenn das in Betracht kommt, was mit Binah gemeint ist. Das ist aber eine vergröberte Nuance von Chochmah. Daher sagt die althebräische Geheimlehre, wenn sie von der eigentlichen, schöpferisch produktiven Weisheit sprach, die in sich selber hervorbringt die Geheimnisse der Welt, wenn sie Chochmah meint, daß sie zu vergleichen wäre mit einem Wasserstrahl, während Binah zu vergleichen sei mit einem Meer. Dadurch sollte die Vergröberung ausgedrückt werden.

Und das Höchste, zu dem man sich aufschwingen konnte, wenn man hinunterstieg in den physischen Leib, wurde als Kether bezeich net. Man kann kaum einen Ausdruck finden, um dieses Wort wiederzugeben. Man kann nur symbolisch hinweisen auf jene Eigenschaft, die sich wie eine Ahnung an die Eigenschaften hoher, erhabener, geistig-göttlicher Wesenheiten kundgibt. Man bezeichnet daher diese Eigenschaft auch durch ein Symbol, durch das der Mensch über sich selbst erhöht wird und mehr bedeutet, als er eigentlich bedeuten kann, um die Höhe dieser Eigenschaft auszudrücken: mit Krone. Übersetzen wir es daher in dieser Weise.

Binah

Chochmah

Kether

Geburah

Tiphereth

Gedulah

Nezach

Jesod

Hod

Malchuth, das Reich, Ich

So hätten wir damit eine Staffel der Eigenschaften jener Wesenheiten aufgeführt, in deren Region der Mensch hinaufwächst, wenn er hinuntersteigt in sein eigenes Inneres. Es ist ein Hinaufwachsen. Und eine Essäereinweihung können Sie sich so vorstellen, daß der Mensch ganz neue Erfahrungen machte, ganz neue Erlebnisse hatte, daß er bekannt wurde mit dem, was real als solche Eigenschaften bezeichnet ist.

Was aber mußte man von einem Essäereingeweihten und von der Art der Essäereinweihung ganz besonders sagen im Gegensatz zu der Einweihung bei den umliegenden Völkerschaften? Was kam da besonders in Betracht?

Alle alten Einweihungen waren darauf berechnet, daß gerade das unterdrückt werden mußte, was der Mensch als sein Ich-Gefühl hat beim Überschauen von Malchuth, dem Reich. Das mußte ausgelöscht werden. Daher kann man sagen: So Mensch sein, wie man außen in der physischen Welt Mensch ist, konnte man nicht in der Initiation. Man wurde zwar in die geistige Welt hinaufgeführt, aber man konnte nicht so Mensch sein wie außen im Reiche. Es müßte also gerade für die alten Einweihungen ein dicker Strich gemacht werden zwischen dem, was der Initiierte erlebt, und der Art, wie er sich in seinem Ich fühlte.

Und wollte man in einen Satz kleiden, was für die alte Einweihung vertreten wurde in den alten Geheimschulen, wie es gegenüber der Öffentlichkeit gelten konnte, so müßte man sagen: Es darf keiner glauben, daß er dasselbe Ich-Gefühl behalten darf, welches er im Reich, in Malchuth hat, wenn er ein Eingeweihter werden will. Er erlebt ungeheuer großartig, indem er hinaufwächst, die drei mal drei Eigenschaften in ihrer Wahrheit; aber er muß sich dessen entäußern, was sein Ich-Gefühl ist, was erlebt wird in der äußeren Welt. Was erlebt wird als Nezach, Jesod, Hod und so weiter, das kann nicht hinuntergetragen werden in das Reich, das kann nicht verbunden bleiben mit dem gewöhnlichen Ich-Gefühl des Menschen. - Das war allgemeine Gesinnung. Und man hätte den für einen Toren, für einen Irrsinnigen und Lügner ansehen müssen, der dieser Behauptung in den alten Zeiten widersprochen hätte.

Es waren aber die Essäer, welche zuerst lehrten: Es wird kommen die Zeit, wo alles, was da oben ist, herabgetragen werden kann, so daß es der Mensch erleben kann trotz der Aufrechterhaltung des Ich-Gefühles. Das ist das, was die Griechen dann genannt haben ßaaiXeia rcov ovQavwv. Das war zuerst Lehre der Essäer, daß einer kommen werde, der dasjenige, was da oben, was in den «Reichen der Himmel» ist, heruntertragen werde für das Ich, das in Malchuth, im Reiche lebt. Und das war es auch, was zuerst mit gewaltigen Worten seinen Essäern und einigen seiner Umwelt gelehrt hat jener Jeshu ben Pandira. Wenn wir seine Lehre mit ein paar markanten Worten zusammenfassen wollten, wie sie durch seinen Schüler Mathai für die nächste Zeit weitergetragen worden ist, so könnte es etwa in folgender Weise geschehen.

Jeshu ben Pandira sagte zuerst aus seiner Inspiration heraus, die ihm herkam von dem Nachfolger des Gautama Buddha, von dem Bodhisattva, der einst der Maitreya Buddha werden wird: Bisher war es so, daß nicht hinuntergetragen werden konnten die Reiche der Himmel in das Reich Malchuth, dem das Ich angehört. Aber wenn erfüllt sein wird die Zeit, wo die drei mal vierzehn Generationen abgelaufen sein werden, dann wird herausgeboren werden aus dem Stamme Abrahams, aus dem Stamme Davids, den wir erleben wollen als den Stamm Jesse - Jessäer oder Essäer -, einer, der hinuntertragen wird die neun Eigenschaften der Reiche der Himmel in das Reich, in dem das Ich anwesend ist. - Und was so gelehrt worden ist, hat herbeigeführt, daß man den Jeshu ben Pandira als Gotteslästerer gesteinigt hat, weil eine solche Lehre als die ärgste Lästerung der Einweihung galt bei denen, die nicht aufkommen lassen wollten und nicht einsehen wollten, daß etwas, was einmal für eine Periode richtig ist, nicht mehr für eine andere richtig zu sein braucht, weil die Menschheit vorwärtsschreitet.

Dann kam die Zeit, wo erfüllt wurde, was vorher gesagt worden ist, wo wirklich die drei mal vierzehn Generationen voll waren, wo wirklich herausentstehen konnte aus dem Blut des Volkes jene Leiblichkeit, in die sich Zarathustra inkarnieren konnte, damit er sie, nachdem er sie noch ausgebildet hatte mit den Werkzeugen, die im Leibe des nathanischen Jesusknaben waren, hinopfern konnte dem Christus. Da war die Zeit gekommen, von welcher der Vorläufer des Christus sagen konnte, jetzt komme die Zeit, wo die «Reiche der Himmel» herankommen werden an das Ich, das im äußeren Reiche, in Malchuth lebt.

Und jetzt werden wir begreifen, was der Christus, nachdem er die Versuchung durchgemacht hatte, sich zunächst als Aufgabe zu stellen hatte. Er hatte die Versuchung durchgemacht durch die Kraft des eigenen Innenwesens, durch das, was wir heute beim Menschen sein Ich nennen. Er hatte erreicht, daß er alle Anfechtungen und Versuchungen überwunden hatte, die dem Menschen entgegenkommen, wenn er hinuntersteigt in den astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib. Das ist auch deutlich dargestellt. Alle Egoismen sind dargestellt, und zwar so, daß wir überall auf den höchsten Grad bei ihnen aufmerksam gemacht werden.

Was dem Menschen, der eine esoterische Entwickelung anstrebt, als ein schweres Hindernis entgegentritt, das ist, daß - wie es ganz natürlich ist beim Hinuntertauchen in das eigene Innere - in seiner Wesenheit die Unart auftaucht, sich nur immer so recht mit seiner eigenen lieben Persönlichkeit zu beschäftigen. In der Tat trifft man das niemals häufiger als gerade bei denen, die in die geistige Welt hineinsteigen wollen, daß sie am allerliebsten von ihrer eigenen lieben Persönlichkeit reden, die ihnen das Allerliebste ist, worauf sie fortwährend, in jeder Stunde und Minute achtgeben und alles minuziös beobachten. Während sonst die Menschen resolut darauflosleben, beginnen sie, wenn sie anfangen, nicht nur eine Entwickelung anzustreben, sondern wenn sie auch nur Anthroposophen werden, ungeheuer stark sich mit ihrem eigenen Ich zu beschäftigen; dann tauchen überall Illusionen auf, über welche die Resolutheit des Lebens die Menschen vorher leicht hinweggeführt hat.

Warum geschieht das? Weil der Mensch nicht so recht etwas mit sich anzufangen weiß, wenn alles, was da aus seinem eigenen Inneren aufsteigt, sich mit seinem Wesen verbindet. Er weiß damit nichts anzufangen, wird recht unerfahren über sich selbst. Früher war er aufmerksam und ließ sich leicht anziehen durch das Äußere. Jetzt wird er mehr abgelenkt, mehr in sein Inneres gelenkt, und jetzt steigt auf allerlei an Gefühlen, die in ihm selbst saßen. Warum taucht das auf? Was er jetzt möchte, das ist, so recht «Ich» sein, so recht unabhängig sein von der Außenwelt. Allerdings verfällt er dann oft in den Fehler, daß er im Anfang am liebsten oft wie ein Kind behandelt sein möchte, dem man alles klar sagt, was es tun soll. Er möchte alles sein - nur nicht ein Mensch, der sich selbst Richtung und Ziel gibt aus dem, was er aus dem esoterischen Leben bekommt. Das ist er noch nicht gewohnt zu bedenken. Aber er hat das Gefühl, daß ihn störe die Abhängigkeit von der Außenwelt. Und am höchsten treten die Störungen gerade auf, wenn man so recht unabhängig sein will, wenn man auf seine Egoität so recht achtgeben muß. Aber wenn man der Egoität so recht nachgehen will, dann ist es höchst trivial, daß man dann von der Umwelt leiblich durch eines nicht loskommen kann, nämlich durch den Umstand, daß die Menschen essen müssen! Das ist zwar höchst trivial, aber es ist doch für viele ein fataler Umstand. Man kann daran lernen, wie wenig wir sind ohne unsere Umwelt. Und es ist ein sehr berechtigtes Beispiel dafür, daß wir abhängig sind von unserer Umwelt, ohne die wir nicht leben können, und so recht sind wie der Finger an der Hand: wenn wir ihn abschneiden, da verdorrt er auch. Also eine ganz triviale Anschauung kann uns zeigen, wie wir abhängig sind von der Umwelt.

Wenn diese Egoität aufs höchste gespannt wird, kann sie sich umwandeln in den Wunsch: Wenn ich doch nur unabhängig werden könnte von der Umwelt und fähig würde, dasjenige, was mich so sehr meine Abhängigkeit von der Umwelt fühlen läßt, was ich als gewöhnlicher Mensch im physischen Leben nötig habe, mir selber herzuzaubern! Das ist tatsächlich ein Wunsch, der bei denen auftreten kann, welche die Einweihung suchen. Geradezu ein Haß kann auftreten, daß man abhängig ist von der Umgebung und sich nicht zaubern kann die Nahrungsmittel, daß man nicht einfach schaffen kann, daß sie da sind. Es sieht so sonderbar aus, wenn man es sagt, weil paradox gerade diejenigen Wünsche beim Menschen ausschauen, die im kleinen wirklich bald auftreten, wenn er eine Entwickelung sucht, die aber so absurd sind, wenn man sie im Extrem darstellt. Der Mensch weiß gar nicht, daß er sie im kleinen hat. So stark hat sie freilich kein Mensch - weil er zu sehr an äußeren Gewohnheiten hängt daß er sich der Illusion hingibt zu sagen, er könnte sich Lebensmittel durch Zauberei schaffen, er könnte leben durch etwas, was nicht aus dem äußeren Reiche, aus Malchuth genommen ist. Aber ins Extrem getrieben, würde es so sein, daß der Mensch glauben könnte: Wenn ich es nur einmal so weit gebracht hätte, in meinem astralischen Leibe und Ich so recht zu leben, daß ich auf meinen eigenen Wünschen stünde, dann brauchte ich die ganze Umwelt nicht mehr!

Diese Versuchung tritt auf. Und bei demjenigen, der sie am höchsten durchzumachen hatte, wird sie so charakterisiert, daß der Versucher, der dem Christus Jesus entgegentritt, ihm sagt, er solle die Steine zu Brot machen. Da haben Sie den höchsten Grad der Versuchung. Es ist in der Tat das Hinuntersteigen in das eigene Innere in der Versuchungsgeschichte in wunderbarer Weise im Matthäus-Evangelium geschildert (Matth. 4, 1-11).

Nun, der zweite Grad tritt auf, nachdem man in seinen astralischen Leib schon eingetaucht ist und sich wirklich gegenübergestellt sieht all diesen Emotionen und Leidenschaften, die einen so recht zu einem paradoxen Egoisten machen könnten. Wenn man sich dem gegenübergestellt fühlt, so möchte man doch - ohne daß man es überwindet, ohne daß man sich dagegen feit - sich hinunterstürzen in den Ätherleib und physischen Leib. Das ist in der Tat eine Situation, die als ein Hinunterstürzen in den Abgrund geschildert werden kann. So ist sie auch im Matthäus-Evangelium geschildert: wie ein Hinunterstürzen in das, woran man bis jetzt nicht viel hat verderben können, in den Ätherleib und physischen Leib. Aber man sollte es nicht vor dem Überwinden der Leidenschaften und Emotionen haben. Die Christus-Wesenheit weiß das, und sie entgegnet dem Versucher, indem sie das sich Entgegenstellende durch die eigene Kraft überwindet: «Du sollst die Wesenheit, der du dich übergeben sollst, nicht selbst versuchen!» (Matth. 4, 7).

Und die dritte Stufe beim Hinuntersteigen in den physischen Leib ist folgende. Wenn dieses Hinuntersteigen auftritt als Versuchung, dann charakterisiert es sich in besonderer Weise. Es ist ein Erlebnis, das in der Tat der Mensch haben kann bei der Einweihung, ein Erlebnis, das jeder haben muß, wenn er die Stufe erreicht beim Hinuntersteigen in den physischen Leib und Ätherleib, daß er sich sozusagen von innen sieht. Da sieht er alles, was in den drei höchsten Eigenschaften ist. Das ist ihm wie eine Welt. Aber zunächst ist es eine Welt, die nur in seiner eigenen Illusion ist, eine Welt, die er nicht als innere Wahrheit sehen kann, wenn er nicht die Hülle des physischen Leibes durchdringt und zu den geistigen Wesenheiten selber aufsteigt, die nicht mehr selbst im physischen Leibe sind, sondern die nur in ihm arbeiten. Wenn wir nicht loskommen von der Egoität, dann ist es noch immer der Versucher der physischen Welt, Luzifer oder Diabolus, der uns über uns selbst täuschen will. Dann verspricht er uns alles, was uns entgegentritt, was aber nichts anderes ist als das Geschöpf unserer eigenen Maja, unserer eigenen Illusion. Wenn uns dieser Geist der Egoität nicht entläßt, dann sehen wir eine ganze Welt, aber eine Welt der Täuschung und Lüge; und er verspricht uns diese Welt. Aber wir dürfen nicht glauben, daß es eine Welt der Wahrheit ist. Wir kommen zunächst in diese Welt; aber wir bleiben in Maja, wenn wir nicht wieder von dieser Welt loskommen.

Diese drei Stufen der Versuchung lebt wie in einem Modell, wie in einem Muster, die Christus-Wesenheit der Menschheit vor. Und indem es einmal erlebt wird außerhalb der alten Mysterienstätten, erlebt wird durch die Kraft einer Wesenheit, die in den drei menschlichen Leibern selber lebt, wird der Impuls gegeben, damit die Menschheit in der Zukunft selber im Fortlauf der Entwickelung so etwas erreichen kann: daß der Mensch mit dem Ich, mit dem er in Malchuth, in dem Reiche sein kann, auch in die geistige Welt hinaufsteigen kann. Das sollte erreicht werden, daß das, was die zwei Welten trennt, nicht mehr besteht, und daß der Mensch mit dem Ich, das in Malchuth lebt, in die geistigen Welten hinaufsteigen kann. Das war für die Menschheit erreicht durch die Überwindung der Versuchung, wie sie im Matthäus-Evangelium geschildert wird. Das war erreicht, daß nun in einer Wesenheit, die auf der Erde lebte, das Musterbild da war von dem Hinauftragen des Ich für das Reich in die höheren Reiche und höheren Welten.

Was mußte also die Errungenschaft dessen sein, was die ChristusWesenheit sozusagen vorgelebt hat in einer äußeren historischen Form, was sich sonst nur hinter dem Schleier der Mysterien abgespielt hat? Das mußte sein die Predigt von dem Reiche. Und wenn das MatthäusEvangelium sachgemäß zunächst die Versuchung schildert, wird es nach der Versuchung schildern die Phase von dem Hinauftragen des Ich, das in sich selbst die geistige Welt erleben kann und nicht erst dazu aus sich herauszuschreiten braucht. Das Geheimnis von diesem Ich, das nach dem Muster, wie man lebt im äußeren Reich, hinaufsteigt in die geistige Welt, dieses Geheimnis sollte nun in der äußeren Welt durch die Christus-Wesenheit in denjenigen Zeiten enthüllt werden, die uns charakterisiert werden, nachdem uns die Versuchungsgeschichte im Matthäus-Evangelium gezeigt worden ist. Da setzen jene Kapitel ein, die mit der Bergpredigt beginnen und damit die Darstellung dessen, was der Christus gab als die Anschauung von dem Reich, von Malchuth (Matth. 5-7).

So tief ist dasjenige, was Sie im Matthäus-Evangelium suchen müssen. Sie müssen tatsächlich die Quellen und Elemente für das MatthäusEvangelium suchen in der Geheimlehre nicht nur der Essäer, sondern überhaupt in der ganzen althebräischen und griechischen Welt. Dann bekommen wir auch für eine solche Urkunde jene heilige Ehrfurcht, jenen heiligen Respekt, von dem schon in München gesprochen worden ist, daß man sie bekommt, wenn man, ausgerüstet mit den Forschungsergebnissen der Geisteswissenschaft, herantritt an diese Urkunden, welche die Seher uns gegeben haben. Wenn wir hören, daß so etwas gesagt wird von den alten Sehern, dann fühlen wir, wie sie herübersprechen zu uns aus den alten Zeiten. Und es ist wie ein Herüberdringen einer Geistessprache, welche die großen Individualitäten durch die Jahrhunderte miteinander führen, so daß die Menschen zuhören können, die zuhören wollen. Allerdings nur jene Menschen, welche das - auch evangelische - Wort verstehen: «Wer Ohren hat zu hören, der höre!» (Matth. 11, 15). Aber wie einst vieles dazu gehört hat, daß die physischen Ohren in uns entstanden sind, so gehört manches dazu, daß die geistigen Ohren entstehen, durch die wir verstehen, was in jenen großen, gewaltigen geistigen Urkunden gesagt wird.

Dazu soll ja unsere neuere Geisteswissenschaft da sein, daß wir wieder lesen lernen die geistigen Urkunden. Und erst wenn wir so ausgerüstet sind mit dem Verständnis für das Ich, für das Wesen des Ich im Reiche, dann werden wir verstehen können jenes Kapitel, das im Matthäus-Evangelium beginnt mit den Worten:« Selig sind die, die da Bettler sind um Geist; denn sie werden durch sich selbst, durch ihr eigenes Ich, finden die Reiche der Himmel!» (Matth. 5, 3). Ein alter Eingeweihter hätte gesagt: Vergeblich hättet ihr im eigenen Ich gesucht die Reiche der Himmel! - Der Christus Jesus aber sagte: Die Zeit ist gekommen, daß die Menschen im eigenen Ich den Geist finden werden, wenn sie suchen werden die Reiche der Himmel!

Die Herausführung tiefer Mysteriengeheimnisse in die äußere Welt, das ist das historische Christus-Ereignis. Und in diesem Sinne werden wir das historische Christus-Ereignis noch näher zu betrachten haben. Sie werden dann sehen, wie die Worte zu deuten sind, die in der Bergpredigt mit« Selig sind ...» beginnen.




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