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Das Matthaus-Evangelium

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NEUNTER VORTRAG

Bern, 9. September 1910

Aus aUedem, was wir in den Vorträgen dieses Zyklus bereits gehört haben, hat sich uns herausgestellt, daß das Wesentliche des ChristusEreignisses in folgendem bestejit. Jene menschliche Entwickelung, welche wir bezeichnet haben als das Hinaufleben der Seele zu den Reichen des Geistes, die in vorchristlichen Zeiten nur innerhalb der Mysterien erreicht werden konnte, und zwar nur dadurch, daß das Ich in einer gewissen Weise, soweit es entwickelt war im normalen Menschenbewußtsein, herabgestimmt wurde, jene menschliche Entwickelung sollte einen solchen Impuls erhalten, daß sie - was ja allerdings noch der Zukunft der Menschen zum größten Teil angehört - für den Menschen so erreicht werden kann, daß er beim Eintritt in diese geistige Welt voll erhalten kann dasjenige Ich-Bewußtsein, welches ihm für unsere Zeiten normalerweise nur für den äußeren physisch-sinnlichen Plan zukommt. Dieser Fortschritt in der Menschheitsevolution, der so durch das Christus-Ereignis gegeben war, ist zugleich der größte Fortschritt, der in der Erdenentwickelung und Menschheitsevolution jemals hat gemacht werden können und jemals wird gemacht werden können. Das heißt, alles, was in bezug auf eine solche Tatsache noch kommen soll in der Erdenentwickelung, ist eine Ausgestaltung, eine Ausführung des großen Impulses, der mit dem Christus-Ereignis gegeben worden ist.

Nun fragen wir uns einmal: Was mußte denn eigentlich da eintreten? Es mußte in einer gewissen Weise das sich wiederholen, im einzelnen sich wiederholen, was zu den Geheimnissen der alten Mysterien gehörte. Zu den Geheimnissen der alten Mysterien hat es ja zum Beispiel gehört, wie es auch heute noch in einer gewissen Weise zu denselben gehört, daß der Mensch beim Hineinsteigen in den eigenen physischen Leib und Ätherleib im Astralleibe jene Versuchungen erlebt, von denen wir gestern gesprochenhaben.Und in den griechischenMysterien mußte der Mensch wieder erleben alle die Schwierigkeiten und Gefahren, die an uns herantreten, wenn wir uns ergießen, uns ausbreiten in den Makrokosmos. Auch das haben wir genauer beschrieben. Diese Ereignisse, die der Mensch da nach der einen oder der anderen Richtung der Einweihung erlebt, wurden mustergültig als einmaliger Impuls einer großen, überragenden Individualität von dem Christus Jesus erlebt, auf daß der Anstoß gegeben sei, daß nach und nach in der künftigen Evolution die Menschen eine solche Entwickelung, ausgehend von der Initiation, durchmachen können. Betrachten wir also zuerst einmal, was sich vollzogen hatte in den Mysterien.

Schildern wir es, so werden wir sagen: Zwar wurde alles, was von der menschlichen Seele vollzogen wurde, so vollzogen, daß das Ich abgedämpft, mehr in eine Art halb traumhaften Zustandes versetzt war, aber es machte das Innere, das Seelenhafte des Menschen gewisse Tatsachen durch, die in folgender Weise geschildert werden können. Es machte der Mensch das durch, daß der Egoismus erwacht; er will unabhängig sein von der Außenwelt. Aber - wie wir es gestern zeigten - weil jeder Mensch abhängig ist von der Außenwelt, da er sich nicht die Nahrungsmittel zaubern kann, und weil er abhängig ist von dem, was sich durch seine physische Körperlichkeit ergibt, so ist er der Illusion ausgesetzt, daß er das, was sich bloß aus der physischen Körperlichkeit ergibt, für die Welt und ihre innere Herrlichkeit hält. Das machte jeder Schüler, jeder zu Initiierende in den Mysterien durch, nur eben in einem anderen Zustande, als es der Christus Jesus durchmachte auf einer höchsten Stufe. Beschreibt also jemand, was da durchgemacht werden kann, einzig und allein den Tatsachen entsprechend für den Schüler der alten Mysterien, beschreibt er es bei dem Leben des Christus Jesus, so ist die Beschreibung der Tatsachen in einer gewissen Weise ähnlich. Denn das ist ja geschehen, daß das, was sich im Dunkel der Mysterien abgespielt hat, herausgetreten ist auf den Plan der Weltgeschichte und einmaliges historisches Ereignis geworden ist.

Nehmen wir nun einmal folgenden Fall an - was ja immer geschehen ist im Altertum, namendich in den letzten Jahrhunderten vor dem Erscheinen des Christus -: Irgendein Maler oder Schriftsteller habe Kunde erhalten, diese oder jene Prozeduren werden vorgenommen, wenn jemand eingeweiht werden soll, und er habe das gemalt oder habe es beschrieben. So wird ein solches Gemälde, eine solche Beschreibung ähnlich sein können demjenigen, was uns die Evangelien schildern von dem Christus-Ereignis. So können wir uns vorstellen, wie in manchen alten Mysterien der Einzuweihende, nachdem er gewisse Vorbereitungen durchgemacht hatte, dann, um frei zu werden in seinem Seelischen, mit seinem Leiblichen an eine Art Kreuz gebunden worden ist mit ausgebreiteten Händen. In diesem Zustande blieb er eine Zeit, um das Seelische herauszuheben, damit er das durchmachen konnte, was wir dargestellt haben. Das alles also sei gemalt oder schriftstellerisch geschildert worden. Dann könnte das heute jemand finden und sagen: Es ist von diesem Schriftsteller aus einer alten Überlieferung hingeschrieben, beziehungsweise von einem Maler gemalt worden, was in den Mysterien durchgemacht wurde. Und er kann dann sagen, in den Evangelien finde sich nur wiederum aufgezeichnet, mitgeteilt, was schon früher vorhanden war!

Das kann man in zahlreichen Fällen finden. In welchem großen Umfange das gilt, habe ich umfassend gezeigt in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», in dem ich geschildert habe, wie alles, was Geheimnis der alten Mysterien ist, wieder auflebt in den Evangelien, wie die Evangelien im Grunde nichts anderes sind als Wiederholungen der alten Beschreibungen der Einweihung in den Mysterien. Und warum konnte man denn einfach den alten Mysterienvorgang beschreiben, indem man mitteilte, was mit dem Christus Jesus vorging? Man konnte es, weil man eben alles, was in den alten Mysterien vorging, was als ein innerer Seelenvorgang vorging, als eine historische Tatsache sich abspielen sah, weil das Christus Jesus-Ereignis, erhöht zur Ich-Wesenheit, dasjenige wiedergab, was symbolische oder auch realsymbolische Handlungen der alten Initiation waren. Diese Tatsache müssen wir uns gegenwärtig halten. Gerade der, der fest auf dem Boden steht, daß das Christus-Ereignis ein historisches ist, daß sich als historische Tatsache abgespielt hat, was früher Mysterienvorgänge waren, nur für andere menschliche Zustände, der mag verzeichnen die Gleichheit der Christus-Biographie in den Evangelien mit den Vorgängen in den Mysterien.

Man könnte, um ganz genau zu schildern, es auch so sagen: Da nahmen wahr, die berufen waren es wahrzunehmen, das ChristusEreignis in Palästina, nahmen wahr das Erfüllen der Essäerweis- sagung, die Johannes-Taufe im Jordan, die Versuchung, dann, was darauf folgt, das Gekreuzigtwerden und so weiter. Da konnten sie sich sagen: Nun haben wir ein Leben vor uns, ein Leben einer Wesenheit in einem Menschenleibe. Wenn wir dieses Leben überschauen in seinen allerwichtigsten, wesentlichsten Punkten, auf die es ankommt, was sind dann diese Punkte? Merkwürdig, wir finden da gewisse Punkte, die sich vollziehen im äußeren historischen Leben, und dieselben Punkte sind es, die sich abspielen in den Mysterien bei dem, der die Einweihung sucht. Wir brauchten also nur den Kanon eines Mysteriums zu nehmen und hätten in diesem Kanon das Vorbild eines Vorganges, den wir hier als historische Tatsache beschreiben dürfen!

Das ist ja gerade das große Geheimnis, daß dasjenige, was im Tempeldunkel früher begraben war, sich dort abspielte und dann nur in seinen Resultaten hinausgetragen wurde in die Welt, für diejenigen, welche der geistigen Anschauung teilhaftig waren, sich abspielte auf dem großen Plan der Weltgeschichte mit dem Christus-Ereignis. Allerdings muß man sich dabei klar sein, daß man in der Zeit, als die Evangelisten schrieben, keine solchen Biographien verfaßte, wie es heute vorkommt, wenn man eine Biographie über Goethe, Schiller oder Lessing schreibt, wo man in alle Winkel hineinkriecht, jeden kleinen Zettel zusammenträgt, um dann das als das Wichtigste zu einer Biographie zusammenzufassen, was wirklich das Unwesentlichste ist. Während man über dieser Zettelkasten-Sammlung nicht dazu kommt, die wesentlichsten Punkte ins Auge zu fassen, auf die es ankommt, begnügten sich die Evangelisten damit, das Wesentliche im Leben des Christus Jesus zu beschreiben. Und dies Wesentliche ist, daß das Christus-Leben im großen Plan der Weltgeschichte eine Wiederholung der Einweihung war. Dürfen wir uns wundern, daß die Tatsache so ist, daß in unserer Zeit etwas eintreten konnte, was ungeheuer viele Menschen wirklich verblüfft? Und dieses, was die Menschen da verblüfft, wird sich uns noch krasser ergeben, wenn wir auf folgendes aufmerksam machen.

Wir haben Mythen und Sagen aus alten Zeiten. Was sind sie? Wer Mythen und Sagen kennt, wer weiß, was sie sind, wird in vielen von ihnen die Wiedererzählung von Vorgängen finden, die das alte hellseherische Bewußtsein in den geistigen Welten gesehen hat, gekleidet in sinnliche Vorgänge; oder er wird andere Mythen und Sagen kennenlernen, die im wesentlichen nichts anderes sind als die Wiedergaben der Mysterienvorgänge. So ist zum Beispiel der Prometheus-Mythus zu einem Teil Wiedergabe von Handlungen in den Mysterien, und so viele andere Mythen auch. So zum Beispiel finden wir wiederholt jene Darstellung, wo uns Zeus erscheint, neben ihm eine niedere Gottheit, die - wie man es im griechischen Sinne durchaus ausdrücken konnte - dazu bestimmt ist, Zeus zu versuchen. «Pan, den Zeus versuchend.» Auf einer Anhöhe Zeus, Pan neben ihm und Zeus versuchend, das finden Sie in der verschiedensten Weise dargestellt. Wozu wurden solche Darstellungen gegeben? Weil sie ausdrücken sollten den Vorgang des Hinuntersteigens des Menschen in das Innere, da, wo er antrifft seine eigene niedere Natur, die egoistische Pan-Natur, wenn er in den physischen Leib und Ätherleib hinuntersteigt. - Und so ist die ganze alte Welt voll vonDarstellungen solcher Vorgänge, die sich abspielten, wenn die Einzuweihenden den Weg in die geistige Welt durchmachten, und die in den Mythen und Symbolen künstlerisch wiedergegeben werden.

Heute finden sich - und das ist es, was viele Leute verblüfft, die die Tatsachen nicht kennenlernen können oder nicht wollen -, heute finden sich viele leichtfertige Menschen, welche die großartige Entdeckung machen, daß so etwas vorhanden ist wie ein Bild: «Pan neben dem Zeus auf einem Berge, den Zeus versuchend», und da sagen sie dann: Daran sehen wir ja klar - die Szene der Versuchung Christi ist also schon dagewesen. Die Evangelisten haben also nichts anderes getan, als eine alte bildliche Darstellung aufgegriffen, und die Evangelien sind kombiniert aus diesen alten Darstellungen! - Wenn sie aber daraus kombiniert sind, dann schließen solche Leute daraus, daß sie überhaupt nichts Besonderes erzählen, sondern nur zusammengestellt sind aus den Mythen, um von einem erdichteten Christus Jesus zu sprechen. Und eine große Bewegung hat es in Deutschland gegeben, wo man in leichtfertiger Weise über das Thema sprach, ob der Christus Jesus je gelebt habe. Und immer wieder werden mit einer geradezu grotesken Sach-Unkenntnis - aber mit tiefer Gelehrsamkeit - all die verschiedenen Sagen und Mythen aufgezählt, welche zeigen sollen, daß da oder dort die Szenen schon da waren, die uns in den Evangelien wieder entgegentreten. Nichts nützt es in unserer Zeit, den Menschen irgend etwas von dem wahren Sachverhalt beizubringen, obwohl dieser charakterisierte Tatbestand durchaus denen, die diese Dinge kennen, bekannt ist. So aber entwickeln sich geistige Bewegungen in unserer Zeit. Sie entwickeln sich wahrhaftig in grotesker Weise!

Ich würde hier wirklich nicht episodenhaft davon sprechen, wenn man nicht doch immer wieder in die Lage käme, Stellung nehmen zu müssen gegen Einwendungen, welche von da oder dort her scheinbar aus einer recht tiefen Gelehrsamkeit hervorgebracht werden gegen die Aufstellungen und Tatsachen, welche von der Geisteswissenschaft gegeben werden.

Was ich hier dargestellt habe, ist der wahre Sachverhalt. Und es müssen uns die Darstellungen, die aus den Mysterien kommen, wiederbegegnen in den Evangelien, da sie das Geheimnis der Einweihung anwenden auf eine ganz andere Individualität und gerade zeigen wollen: Was sich früher in den Mysterien vollzogen hat durch Herabdämpfung des Bewußtseins, das hat sich hier vollzogen als etwas Besonderes, weil ein Ich-Wesen ohne Herabdämpfung des Ich-Bewußtseins diese Prozeduren durchmachen sollte, die früher in den Mysterien durchgemacht wurden! - So darf man sich nicht verwundern, wenn gesagt wird: Es gibt kaum etwas in den Evangelien, was nicht vorher schon da war. Nur war es so da, daß man in bezug auf alles dieses Vorhergehende hätte sagen können: Ja, der Mensch mußte hinaufsteigen in die Reiche der Himmel; es ist nicht so, daß zum Ich schon heruntergekommen wäre, was man die Reiche der Himmel nennt. Das ist aber das wesentlich Neue, daß das, was früher nur durch Abdämpfung des Ich in anderen Regionen erlebt werden konnte, jetzt mit Aufrechterhaltung des Ich in Malchuth, im Reiche, erlebt werden konnte.

Deshalb wird der Christus Jesus, nachdem er erlebt hat, was uns im Matthäus-Evangelium als Versuchung geschildert wird, der Prediger von dem «Reich». Was hatte er da im Grunde zu sagen? Er hatte zu sagen: Was früher dadurch erreicht wurde, daß der Mensch sein Ich herabdämpfte und sich mit anderen Wesenheiten erfüllte, das wird jetzt mit Aufrechterhaltung dieses Ich erreicht werden! Also gerade das ist das Wesentliche, daß er betont: Was früher in anderer Weise erreicht wurde, das wird jetzt erreicht werden bei voller Aufrechterhaltung des Ich. Daher durften nicht nur die Ereignisse, welche Einweihungsereignisse sind, im Christus-Leben wiederholt werden, sondern auch in der «Predigt vom Reiche» wird es das Wesentliche sein, daß betont wird: Alles, was denjenigen versprochen worden ist, die früher in die Mysterien kamen oder die Lehren der Mysterien annahmen, das kommt jetzt denen zu, die in sich erleben die Ich-Wesenheit und sie so erleben, wie es uns durch den Christus vorgelebt worden ist.

Also es muß uns alles, selbst in bezug auf die Lehre, wiederkehren. Wir dürfen uns aber nicht verwundern, daß gerade der Unterschied auftritt gegenüber den alten Lehren, daß betont wird: Was früher nicht mit dem Ich erreicht werden konnte, das kann jetzt innerhalb des Ich erreicht werden! Nehmen wir an, Christus wollte die, welche er auf diese große Wahrheit hinweisen wollte, darauf aufmerksam machen, daß früher die Menschen nach dem, was an Lehren der Mysterien zu ihnen herausgedrungen war, immer hinaufgeschaut haben zum Reiche der Himmel und gesagt haben: Von dort herunter - aber nicht hineintauchend in unser Ich - kann kommen, was uns selig macht. Dann wäre es notwendig gewesen, daß der Christus dasjenige, was früher gesagt wurde über den göttlichen Vaterquell des Daseins, beibehalten hätte, denn der war ja erreichbar im Hinaufleben mit herabgedämpftem Ich, und nur die Nuancen, auf die es ankam, geändert hätte. So müßte er zum Beispiel gesprochen haben: Wenn man früher gesagt hat, ihr müßt hinaufschauen zu den Reichen, wo der göttliche Vaterquell des Daseins ist, und ihr müßt warten, daß er aus den Reichen der Himmel herunterleuchtet, so wird man jetzt sagen können: Nicht nur leuchtet er zu euch herunter, sondern was da oben gewollt wird, das muß eindringen in die tiefste Ich-Natur des Menschen und dort auch gewollt werden.

Nehmen wir an, alle die einzelnen Sätze des Vaterunsers wären auch früher dagewesen, und es hätte nur dieser einen Veränderung bedurft: Früher schaute man auf zu dem alten göttlichen Vatergeist so, daß alles, was dort ist, erhalten bleibt und in euer irdisches Reich herunterschaut. Jetzt aber - hätte der Christus sagen müssen - muß dieses Reich herunterkommen auf die Erde selber, wo das Ich ist; und der Wille, der oben geschieht, muß auch auf der Erde geschehen. - Was wird die Folge solcher Tatsache sein? Die Folge wird die sein, daß der Tieferblickende, der einen Sinn hat für die feinen Nuancen, auf die es ankommt, sich gar nicht verwundert, daß die Sätze des Vaterunsers in alten Zeiten auch dagewesen sein könnten. Der Oberflächliche aber wird diese feinen Nuancen nicht bemerken; denn darauf kommt es ihm nicht an. Auf den Sinn des Christentums kommt es ihm nicht an, denn den versteht er nicht! Und wenn er diese Sätze in alten Zeiten finden wird, dann wird er daher sagen: Da habt ihr es, die Evangelisten schreiben vom Vaterunser. Aber das war ja früher schon da! - Da er die Nuancen, auf die es ankommt, nicht bemerkt, wird er sagen: Das Vaterunser war früher schon da! - Aber jetzt bemerken Sie den gewaltigen Unterschied zwischen wahrer Schriftauffassung und oberflächlicher Betrachtung. Darauf kommt es an, daß derjenige, der die neuen Nuancen merkt, sie anwendet auf das Alte. Der Oberflächliche aber, der diese Nuancen nicht bemerkt, wird nur konstatieren, daß das Vaterunser schon früher da war.

Diese Tatsachen müssen episodenhaft erlebt werden und müssen einmal hier erwähnt werden, weil die Anthroposophen in die Lage versetzt werden sollen, demjenigen ein wenig zu begegnen, was sich heute auftut als dilettantische Gelehrsamkeit, was aber durch hundert und Hunderte von Zeitungskanälen geht und dann von den Leuten als «Wissenschaft» genommen wird. - Ich möchte in bezug auf das Vaterunser eines sagen: Es hat tatsächlich einem Manne gefallen, aus allen möglichen Überlieferungen der alten Zeiten, aus allen möglichen Talmudstellen Sätze zusammenzusuchen, die etwas Ähnliches wie das Vaterunser ergeben. Wohl gemerkt: Es ist nicht etwa so, daß das, was der betreffende Gelehrte zusammengestellt hat, sich auch irgendwo in dieser Zusammenstellung außerhalb der Evangelien fände; sondern die einzelnen Sätze sind es, die sich da oder dort finden. Wenn man das ins Groteske übertragen wollte, könnte man auch sagen: Die ersten Sätze des Goetheschen «Faust» sind von Goethe auch nur in dieser Weise zusammengestellt worden! Und man würde jetzt vielleicht nachweisen können: Da gab es im 17. Jahrhundert einen Studenten, der im

Examen durchgefallen war, und der dann hinterher zu seinem Vater gesagt hat: Habe nun, ach, Juristerei durchaus studiert mit heißem Bern üh'n ! - Und ein anderer, der in der Medizin durchgefallen war, sagte in ähnlicher Weise: Habe nun, ach, Medizin durchaus studiert mit heißem Bemüh'n! - Und daraus hätte dann Goethe die ersten «Faust »Sätze zusammengesetzt. Das ist paradox! Aber im Prinzip und in der Methode ist es ganz dasselbe, was uns in der Evangelienkritik entgegentritt.

So zusammengestoppelt finden Sie folgende Sätze, die, wie oben charakterisiert, das Vaterunser ergeben sollen:

«Vater unser, der du bist im Himmel, sei uns gnädig; o Herr unser Gott, geheiligt werde dein Name, und lasse das Gedächtnis deiner im Himmel oben verherrlicht sein wie hienieden auf Erden. Lasse dein Reich über uns herrschen jetzt und immerdar. Die heiligen Männer alter Zeiten sagten: Lasse allen Menschen nach und vergib ihnen, was immer sie mir angetan haben. Und führe uns nicht in Versuchung. Sondern erlöse uns vom Bösen. Denn dein ist das Himmelreich, und du sollst herrschen in Herrlichkeit immer und ewig.»

Das sind Sätze, zusammengestellt auf die Weise, wie ich es eben geschildert habe - das heißt, das Vaterunser ist zusammen; es fehlt nur die Nuance, auf die es ankommt, und die hineinkommen mußte, wenn auf die große Bedeutsamkeit des Christus-Ereignisses hingewiesen werden sollte. Und diese Nuance besteht darin, daß in keinem Satz gesagt ist, daß das Reich herniederkommen solle. Es ist gesagt: «Lasse dein Reich über uns herrschen jetzt und immerdar», aber nicht: «Dein Reich komme zu unsl» Das ist das Wesentliche. Aber der Oberflächliche bemerkt es nicht. Und trotzdem diese Sätze zusammengeholt sind, nicht aus einer, sondern aus vielen Bibliotheken, ist auch das nicht aufzufinden gewesen, worauf es im Vaterunser ankommt: «Dein Wille geschehe im Himmel, also auch auf Erden.» Das heißt, er greift ein in das Ich. Hier haben Sie, wenn Sie es nur rein äußerlich wissenschaftlich nehmen, den Unterschied zwischen einer scheinbaren Forschung und einer wirklich gewissenhaften Forschung, die auf alle Einzelheiten Rücksicht nimmt. Und diese wirklich gewissenhafte Forschung ist da, wenn man nur auf sie eingehen will.

Ich habe Ihnen diese Sätze aus einem Buche vorgelesen, absichtlich aus einem gedruckten Buche - John M. Robertson, «Die EvangelienMythen» -, weil es ein Buch ist, das als eine Art modernes Evangelium jetzt auch ins Deutsche übersetzt worden ist, damit es allen zugänglich sein kann; denn derjenige, der die vielen Vorträge gehalten hat über die Frage, ob Jesus gelebt habe, der hat es noch im Englischen lesen müssen. Rasch ist es berühmt geworden und nun auch ins Deutsche übersetzt worden, damit es die Leute nicht mehr englisch zu lesen brauchen. - Es ist möglich geworden, daß ein Professor an einer deutschen Hochschule herumzieht, überall Vorträge hält über die Frage: «Hat Jesus gelebt?» und auf Grund der Tatsachen, die ich jetzt charakterisiert habe, die Antwort gibt: Aus keinem der Dokumente brauche man anzunehmen, daß das, was in den Urkunden gesagt ist, wahr ist, daß eine solche Persönlichkeit wie der Jesus gelebt habe. - Unter den vorzüglichsten Büchern, auf die man sich dabei berufen muß, ist auch dieses Buch von Robertson angeführt. Aber das sei zum eigenen Schutze der Anthroposophen gesagt: Aus diesem Buche, von dieser Geschichtsforschung der neutestamentlichen Urkunden werden Sie auch noch manches andere lernen können. Etwas besonders Charakteristisches möchte ich noch daraus mitteilen.

Es soll darin gezeigt werden, daß nicht nur aus den Talmudstellen sozusagen Vorläufer des Vaterunsers nachgewiesen werden können, sondern daß man um Jahrtausende zurückgehen könne und in Aufzeichnungen urältester Art überall Vorläufer des Vaterunsers finden könne. So wird gleich auf der nächsten Seite gezeigt - weil es sich ja darum handelt, daß das Vaterunser eine Zusammenstellung sein solle von etwas, was schon früher da war, und daß es keines Christus gebraucht habe, der es den Leuten erst vorgebetet hat -, es wird gezeigt, daß es ein Gebet in chaldäischer Sprache gibt, das man auf Täfelchen entdeckt hat, in welchem der altbabylonische Gott Merodach angerufen wird; und daraus werden nun einige Stellen angeführt. Und jetzt bitte ich Sie, recht aufmerksam zuzuhören. Die Stelle lautet:

«(Anmerkung.) Im Journal of the Royal Artistic Society, Oktober 1891, veröffentlichte Herr T.G.Pinches zum ersten Male die Übersetzung eines zu Sippara im Jahre 1882 gefundenen Täfelchens, wo bei Anrufung des Merodach auch folgende Zeilen vorkommen: <Möge die Fülle der Welt in deine Mitte (deiner Stadt) herabkommen; möge dein Gebot erfüllt werden in aller Zukunft... Möge der böse Geist außerhalb deiner wohnen.>»

Und der Gelehrte, auf den diese Stelle so großen Eindruck gemacht hat, fügt hinzu:

«Hier haben wir also Gebets-Normen, die in einer Linie mit dem <Vaterunser> stehen und vielleicht auf 4000 v.Chr. zurückgehen.»

Suchen Sie sich vernünftigerweise etwas, wo Sie eine Ähnlichkeit finden zwischen dem Vaterunser und diesen Sätzen! Dennoch aber gelten diese Sätze dem Manne als Gebetsnormen, denen das Vaterunser einfach nachgebildet ist. Aber diese Dinge gelten heute als wirkliche Forschung auf diesem Gebiete.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum man das unter Anthro- posophen sagen kann. Denn die Anthroposophen müssen auch ihr Gewissen beruhigen können; und ihr Gewissen könnte sich beschwert fühlen, wenn sie immer wieder hören müssen, die äußere Forschung habe dies und das festgestellt, oder wenn sie in Zeitungen oder Journalen lesen: Es ist jetzt in Asien ein Täfelchen gefunden worden, und aus der Lesung dieses Täfelchens hat sich herausgestellt, daß das Vaterunser schon viertausend Jahre vor Christus dagewesen ist. Wenn so etwas festgestellt wird, wäre es doch notwendig, zu fragen, woraufhin es denn festgestellt ist? Das wollte ich zeigen, worauf diese Dinge heute beruhen, wenn gesagt wird, daß sie «wissenschaftlich festgestellt sind». Solche Dinge gibt es auf Schritt und Tritt, und es ist nützlich, wenn sich die Anthroposophen kümmern um das Wurmstichige dessen, was hinter dem steht, was so oft der Anthroposophie entgegengehalten wird. - Aber gehen wir weiter.

Worauf es ankommt, ist, daß der Christus Jesus eine Menschheitsevolution inauguriert hat, die auf das Ich, auf das Volierhaltensein des Ich begründet ist. Die Initiation des Ich hat er begründet, hat er inauguriert. Dann werden wir uns sagen können, daß dieses Ich das Wesentliche, das Zentrum ist der gesamten menschlichen Wesenheit, daß gleichsam in das Ich alles zusammenläuft, was heute Menschennatur ist, und daß alles, was für dieses Ich durch das Christus-Ereignis in die Welt gekommen ist, auch ergreifen kann alle übrigen Teile, alle übrigen Glieder der Menschennatur. Das aber wird natürlich in einer ganz besonderen Weise sein müssen und der Menschheitsevolution entsprechend.

Was wir entwickeln können, das geht insbesondere mit Klarheit aus diesen Vorträgen hervor. Des Menschen Erkennen der physisch-sinnlichen Umwelt, nicht nur durch die Sinne, sondern auch durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, ist ja erst in vollem Umfange vorhanden seit der Zeit, die kurz vor dem Christus-Ereignis liegt. Früher gab es immer für das, was der Mensch mit dem an das Gehirn gebundenen Intellekt erkennt, eine gewisse Art von Hellsehen, das heißt, die Menschen waren teilhaftig des Hellsehens. Daß dies der Fall war, wissen Sie ja aus meinen Vorträgen von den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung hinlänglich. Aber was noch im vollen Umfange in den ersten Zeiten der nachatlantischen Entwickelung vorhanden war als die allgemeine Verbreitung eines gewissen Grades von Hellsehen, das nahm langsam und allmählich ab. Bis in die Zeiten des Christus-Ereignisses herein gab es noch immer viele Menschen, die hineinschauen konnten in den Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in die geistige Welt, die in besonderen Zwischenzuständen teilhaftig sein konnten der geistigen Welt. Ein solches Teilhaftigsein der geistigen Welt war aber für die allgemeine Menschheit nicht nur damit verknüpft, daß ein solcher Mensch, der im niederen Grade hellsehend war, sich sagen konnte: Ich weiß ja, daß hinter allem Physisch-Sinnlichen ein Geistiges ist, denn ich sehe es ja. Nein. Es war noch etwas anderes damit verknüpft. Die Natur des Menschen der alten Zeit war so, daß er noch leicht teilhaftig gemacht werden konnte der geistigen Welt. Heute ist es verhältnismäßig sehr schwierig, eine esoterische Entwickelung im richtigen Sinne durchzumachen, so daß der Mensch zum Hellsehen kommen kann. Als ein letzter Rest, als Erbschaft von alten Zeiten kommt Hellsehen heute als Somnambulismus und so weiter vor. Diese Zustände können aber nicht als etwas Reguläres heute gelten. In alten Zeiten aber waren sie etwas Normales und konnten erhöht werden, indem man gewisse Prozesse mit der menschlichen Natur vornahm. Wenn man die menschliche Natur zum Hineinleben in die geistige Welt erhöhte, waren damit noch andere Dinge verknüpft.

Heute, wo man sich nicht richtet nach dem, was historisch ist, ist es ja so, daß über das, was historisch sein soll, dasjenige entscheidet, was man glaubt. Aber wie sehr es auch heute angezweifelt werden mag, so war es doch - selbst noch bis in die Zeiten des Christus hinein - so, daß zum Beispiel Heilungsprozesse vollzogen werden konnten, indem man den Menschen hellseherisch machte. Für die heutige Zeit, wo die Menschen tiefer hinuntergestiegen sind auf den physischen Plan, ist das ja nicht mehr möglich. Damals aber war die Seele noch leicht anzugreifen, so daß sie durch bestimmte Prozeduren hellseherisch gemacht werden konnte und sich hineinlebte in die geistige Welt. Und da die geistige Welt ein gesundendes Element ist und gesundende Kräfte bis in die physische Welt schickt, so war damit eine Möglichkeit gegeben, Heilungen einzuleiten. Nehmen wir also an, es war jemand krank, so unternahm man solche Prozesse, daß er hineinschaute in die geistige Welt. Und wenn dann die Ströme der geistigen Welt herunterflössen, dann waren es gesundende Ströme, die in seine Wesenheit herunterflössen. Solche Prozesse waren gewöhnlich die Heilungen. Was heute geschildert wird als «Tempelheilung», ist ein ziemlicher Dilettantismus. Alles ist in Entwickelung, und die Seelen sind seit jenen alten Zeiten fortgeschritten von einem Hellsehen zu einem Nichtmehrhellsehen. Früher aber konnte der hellseherische Zustand des Menschen so erhöht werden, daß gesundende Kräfte vom Geistigen aus hereinströmten in die physische Welt, so daß der Mensch für gewisse Krankheiten vom Geiste aus geheilt werden konnte. Daher werden wir uns nicht zu verwundern brauchen, wenn von den Evangelisten erzählt wird, daß jetzt durch das Christus-Ereignis die Zeiten herangekommen sind, wo nicht allein diejenigen in die geistige Welt hineinwachsen können, die das alte Hellsehen haben, sondern auch die, welche vermöge der Evolution der Menschheit das alte Hellsehen verloren haben.

Man könnte sagen: Schauen wir zurück in alte Zeiten. Da waren die Menschen teilhaftig eines Hineinschauens in die geistige Welt. Da bot sich ihnen der Reichtum der geistigen Welt im alten Hellsehen dar. Jetzt sind aber arm an Geist, Bettler um Geist diejenigen geworden, die mit dem Fortschreiten der Entwickelung nicht mehr hineinschauen können in die geistige Welt. Aber dadurch, daß der Christus das Geheimnis in die Welt gebracht hat, daß in das Ich - auch in das Ich für den physisch-sinnlichen Plan - die Kräfte der Reiche der Himmel hineinfließen können, dadurch können auch diejenigen in sich den Geist erleben und selig, beseligt werden, die das alte Hellsehen und damit den Reichtum der geistigen Welt verloren haben. - Daher konnte das große Wort ausgesprochen werden: Selig sind von jetzt ab nicht mehr bloß die, welche reich sind an Geist durch das alte Hellsehen, sondern auch die, welche arm oder Bettler sind um Geist; denn es fließt in ihr Ich hinein, wenn ihnen der Weg durch den Christus eröffnet worden ist, dasjenige, was wir die Reiche der Himmel nennen können.

Es war also in alten Zeiten der physische Organismus bei den Menschen so, daß er ein teilweises Heraustreten der Seele selbst im normalen Zustande gestattete, so daß der Mensch durch dieses Heraustreten aus seinem physischen Leibe hellsehend wurde und ein Reicher des Geistes wurde. Mit der Verdichtung des physischen Leibes, die allerdings anatomisch nicht nachzuweisen ist, war verbunden, daß der Mensch kein Reicher im Reiche der Himmel mehr werden konnte. Wenn man den Zustand jetzt beschreiben wollte, müßte man sagen: Der Mensch ist ein Armer, ein Bettler um Geist geworden; aber in sich kann er durch das, was der Christus heruntergebracht hat, die Reiche der Himmel erleben. Das ist es, was man beschreiben könnte in bezug auf die Vorgänge des physischen Leibes.

Wollte man nun das, was vorging, in sachgemäßer Weise in bezug auf den Ich-Menschen beschreiben, so müßte man für jedes Glied der Menschennatur zeigen, wie es in sich beseligt werden könnte in einer neuen Art. In dem Satz: «Selig sind die Bettler um Geist; denn sie werden in sich finden die Reiche der Himmel!» ist die neue Wahrheit für den physischen Leib ausgesprochen. Für den Ätherleib könnte man sie so aussprechen: Im Ätherleib ist das Prinzip des Leides. Ein Lebewesen allein kann durch die Beschädigung seines Ätherleibes, wenn es noch einen astralischen Leib hat, leiden; aber es muß der Sitz des Leidens im Ätherleibe gesucht werden. Das werden Sie aus den verschiedenen Vorträgen entnehmen können. - Wollte man das, was früher an Heilungen herausfloß aus der geistigen Welt, was für den Ätherleib in Betracht kommt, ausdrücken in bezug auf die neue Wahrheit, so mußte man sagen: Diejenigen, die da leiden, können jetzt nicht nur dadurch getröstet werden, daß sie aus sich heraustreten und mit der geistigen Welt in Verbindung treten, sondern wenn sie jetzt in eine neue Verbindung mit der Welt eintreten, können sie getröstet werden in sich selber, weil eine neue Kraft durch den Christus in den Ätherleib hineingebracht worden ist. Für den Ätherleib ausgesprochen, mußte also die neue Wahrheit so lauten: Die Leidtragenden können jetzt nicht mehr bloß dadurch beseligt werden, daß sie sich hineinleben in eine geistige Welt und die Ströme der geistigen Welt im hellseherischen Zustande auf sich zukommen lassen; sondern wenn sie jetzt, sich hinlebend zu dem Christus, sich mit der neuen Wahrheit erfüllen, erleben sie in sich den Trost für alles Leid.

Was mußte nun in bezug auf den Astralleib gesagt werden? Wenn früher der Mensch die Emotionen, Leidenschaften und Egoismen seines astralischen Leibes niederhalten wollte, hat er hinaufgeschaut in die oberen Regionen und Kraft verlangt aus den Reichen der Himmel; da wurden mit ihm Prozeduren vorgenommen, welche abtöteten die schädigenden Instinkte seines astralischen Leibes. Jetzt aber war die Zeit gekommen, wo der Mensch durch die Tat des Christus in seinem Ich selbst die Macht erhalten sollte, zu zügeln und zu zähmen die Leidenschaften und Emotionen seines astralischen Leibes. Daher mußte jetzt die neue Wahrheit in bezug auf den astralischen Leib so lauten: Selig sind die, die sanftmütig sind durch sich selber, durch die Kraft des Ich; denn sie werden diejenigen sein, die das Erdreich erben! - Tiefsinnig ist dieser dritte Satz der Seligpreisungen. Prüfen Sie ihn einmal an dem, was wir aus der Geisteswissenschaft gewonnen haben. Der Astralleib des Menschen ist während des alten Mondendaseins in die menschliche Wesenheit eingefügt worden. Die Wesenheiten, welche auf den Menschen Einfluß gewonnen haben, nämlich die luziferischen Wesenheiten, sie haben sich auch besonders im astralischen Leibe festgesetzt. Dadurch kann der Mensch nicht von Anfang an sein höchstes Erdenziel erreichen. Die luziferischen Wesenheiten sind, wie wir wisseil, auf der Mondenstufe zurückgeblieben und hielten den Menschen davon fern, sich auf der Erde in der richtigen Weise weiter zu entwickeln. Jetzt aber, wo der Christus heruntergestiegen war auf die Erde, wo das Ich imprägniert werden konnte von der Christus-Kraft, konnte der Mensch wirklich das Prinzip der Erde erfüllen, indem er in sich selber die Macht fand, den astralischen Leib zu zügeln und die luziferischen Einflüsse herauszutreiben. Daher konnte jetzt gesagt werden: Wer da zügelt seinen astralischen Leib, wer da stark wird, so daß er nicht in Zorn geraten kann, ohne daß sein Ich dabei ist, wer da « gleichmütig »ist und stark in seinem Inneren, um den astralischen Leib zu zügeln, der wird wirklich das Prinzip der Erdentwickelung erringen. - So haben Sie in dem dritten Satz der Seligpreisungen eine Formulierung, die durch Geisteswissenschaft begriffen werden kann.

Wie wird der Mensch nun dahin gelangen, die weiteren Glieder seiner Wesenheit durch die in ihm wohnende Christus-Wesenheit zu erhöhen, zu beseligen? Dadurch, daß das Seelische im ernsten und würdigen Sinne von der Ich-Kraft ergriffen wird wie das Physische. Steigen wir auf zur Empfindungsseele, dann können wir sagen: Der Mensch muß so werden, wenn er nach und nach den Christus in sich erleben will, daß er in dem, was seine Empfindungsseele ist, einen solchen Drang empfindet, wie er unwissentlich in seinem Leibe sonst den Drang empfindet, den man als Hunger und Durst bezeichnet. Er muß nach dem Seelischen so dürsten können, wie der Leib hungert und dürstet nach Nahrung und Trank. Was der Mensch so durch die Innewohnung der Christus-Kraft erreichen kann, das ist das, was man im alten Stil im umfassendsten Sinne als Durst nach der Gerechtigkeit bezeichnet hat. Und wenn er sich in seiner Empfindungsseele mit der Christus-Kraft erfüllt, kann er erreichen, daß er in sich selbst die Möglichkeit finden wird, sich zu sättigen seinen Durst nach Gerechtigkeit.

Besonders merkwürdig ist der fünfte Satz der Seligpreisungen. Und das dürfen wir erwarten. Er muß uns etwas ganz Besonderes darbieten: er muß sich beziehen auf die menschliche Verstandesseele oder Gemütsseele. Nun weiß jeder, der studiert hat, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in meiner «Theosophie» gesagt ist und was auch sonst seit Jahren in den verschiedensten Vorträgen verfolgt worden ist, daß die drei Glieder der Menschenseele - Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele - durch das Ich zusammengehalten werden. Es weiß jeder, daß in der Empfindungsseele das Ich noch in einem dumpfen Zustande vorhanden ist, in der Verstandes- oder Gemütsseele aber herausspringt, und daß dadurch der Mensch erst ganz Mensch wird. Während er für die niederen Glieder, selbst noch für die Empfindungsseele, von göttlichgeistigen Mächten beherrscht wird, wird er ein Eigenwesen in der Verstandesseele. Da leuchtet das Ich auf. Man muß also gewissermaßen für die Verstandes- oder Gemütsseele anders sprechen, wenn sie die Christus-Kraft erlangt hat, als für die niederen Glieder. In den niederen Gliedern setzt sich der Mensch in Beziehung zu gewissen göttlichen Wesenheiten, die hineinwirken in die untergeordneten Glieder, in den physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und auch in die Empfindungsseele; und was der Mensch da als Tugenden und so weiter entwickelt, das wird auch wieder zu diesen göttlichen Wesenheiten heraufgenommen. Was sich aber in der Verstandes- oder Gemütsseele entwickelt, das wird, wenn sie die Christus-Eigenschaft entwickelt, vor allen Dingen eine menschliche Eigenschaft sein müssen. Wenn der Mensch selbst die Verstandesseele aufzufinden beginnt, wird er dadurch immer weniger abhängig von den göttlich-geistigen Kräften der Umgebung. Hier haben wir also etwas, was sich auf den Menschen selbst bezieht. Daher kann der Mensch, wenn er die Christus-Kraft aufnimmt, in der Verstandesseele jene Tugenden entwickeln, die von Gleichem zu Gleichem gehen, die nicht vom Himmel als Lohn erfleht werden, sondern die nun wieder zurückkommen zu der gleichen Wesenheit, wie es der Mensch ist. Wir müssen also sozusagen spüren, daß von den Tugenden der Verstandesseele so etwas herausströmt, daß wieder etwas Gleiches zu uns zurückströmt. - Merkwürdig: Der fünfte Satz der Seligpreisungen zeigt uns wirklich diese Eigenschaft. Er unterscheidet sich von allen anderen dadurch, daß gesagt wird - und wenn die Übersetzungen auch nicht besonders gut sind, so konnten sie doch diese Tatsache nicht verhüllen -: «Selig sind die Barmherzigen, denn sie können Barmherzigkeit erlangen!» Was herausströmt, strömt wieder zurück - wie es sein muß, wenn es im Sinne der Geisteswissenschaft genommen wird.

Dagegen kommen wir mit dem nächsten Satz, der sich auf die Bewußtseinsseele bezieht, zu etwas im Menschen, wo das Ich schon voll ausgeprägt ist und wo der Mensch wieder hinaufsteigt auf eine neue Art. Wir wissen, daß gerade in der Zeit, in der der Christus erschienen war, die Verstandes- oder Gemütsseele zum Ausdruck gekommen ist. Jetzt stehen wir in der Zeit, wo die Bewußtseinsseele zum Ausdruck kommen soll und wo der Mensch wieder hinaufsteigt in die geistige Welt. Während der Mensch sich selbst zuerst bewußt wird, sich seiner selbst bewußt aufleuchtet in der Verstandes- oder Gemütsseele, entwickelt er in der Bewußtseinsseele voll sein Ich, das jetzt wieder hinaufsteigt in die geistige Welt. Der Mensch, der die Christus-Kraft in sich aufnimmt, wird, indem er sein Ich in die Bewußtseinsseele hineinergießt und dort erst rein erlebt, auf diesem Wege zu seinem Gott gelangen. Er wird, indem er den Christus in seinem Ich erlebt und heraufnimmt bis zur Bewußtseinsseele, dort zu seinem Gott kommen. - Nun ist gesagt worden, daß der Ausdruck des Ich im physischen Leibe das Blut ist, das sein Zentrum im Herzen hat. Daher müßte im sechsten Satze in sachgemäßer Weise ausgedrückt werden, daß das Ich durch die Eigenschaft, welche es dem Blute und dem Herzen verleiht, des Gottes teilhaftig werden kann. Wie heißt der Satz? «Selig sind die, welche reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen!» Es ist dies zwar keine besonders gute Übersetzung; aber sie genügt für unsere Zwecke. - So leuchtet hinein Geisteswissenschaft in das ganze Gefüge dieser wunderbaren Sätze, die der Christus Jesus seinen intimen Schülern verkündet, nachdem er die Versuchung bestanden hat.

Die nächsten Sätze beziehen sich darauf, daß der Mensch sich hinauflebt in die höheren Glieder seiner Wesenheit, indem er Geistselbst, Lebensgeist und den Geistesmenschen entwickelt. Daher schildern sie nur andeutungsweise, was der Mensch in der Zukunft erlebt, und was jetzt nur einige Auserlesene erleben können. Der nächste Satz bezieht sich daher auf das Geistselbst: «Selig sind die, die das Geistselbst als erstes geistiges Glied zu sich herunterholen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.» Es ist schon das erste Glied der oberen Dreiheit in sie eingezogen. Sie haben den Gott aufgenommen, sind äußerer Ausdruck der Gottheit geworden. - Besonders aber ist nun ausgedrückt, daß nur

die Auserwählten dazu kommen können, den Lebensgeist zu entwik- keln, diejenigen, die voll verstehen, was für die Gesamtheit die Zukunft bringen soll. Was die Menschen der Zukunft «volle Aufnahme des Christus in ihr Inneres», den Lebensgeist nennen können, ist für einzelne Auserwählte da. Aber weil sie einzelne Auserwählte sind, können die anderen sie nicht verstehen, und die Folge ist, daß sie als Auserwählte auch verfolgt werden. Deshalb wird mit Bezug auf diejenigen, die man in der Gegenwart als einzelne Vertreter eines Zukünftigen verfolgt, der Satz ausgesprochen: «Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn in sich finden sie die Reiche der Himmel.» - Und das letzte wird nur ganz besonders für die intimsten Schüler angedeutet, es ist das, was sich auf das neunte Glied des Menschen bezieht, auf den Geistesmenschen: « Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen.»

So wird in diesen wunderbaren Sätzen, die sich beziehen auf die neun Glieder der Menschennatur, gezeigt, wie das Ich sich gestaltet, wenn es ein Christus-Ich wird, für die verschiedenen Glieder der Menschennatur und sie beseligt. In grandioser, in majestätischer Weise ist im Matthäus-Evangelium (Matth. 5, 3-11) in den Sätzen nach der Versuchungsszene ausgedrückt, wie die Christus-Kraft für die Neunglied- rigkeit des Menschen wirkt, zunächst in der Gegenwart, und dann, wie sie wirkt in der nächsten Zukunft, wo diejenigen noch Kinder Gottes genannt werden, in die hineinleuchtet das Geistselbst schon jetzt, wo aber doch solche Kinder Gottes nur in einzelnen begnadeten Exemplaren vorhanden sind. Gerade das ist das Wunderbare: das bestimmte Sprechen für die ersten Glieder, die schon da sind, und das Auslaufen in das Unbestimmte in den letzten Sätzen, die für fernere Zukünfte gelten.

Da ist nun aber wieder das Oberflächliche: Denken Sie sich, es würde jemand nachsuchen, ob sich ähnliche Sätze vielleicht auch sonstwo finden und ob die Evangelisten diese Sätze vielleicht aus etwas anderem kombiniert, zusammengeleimt haben könnten. Und denken Sie, der Betreffende habe keine Ahnung, um was es sich handelt; denn das ist es ja, wovon man da sprechen müßte: daß es angewendet wurde auf die durchchristete Ich-Natur! Dann könnte er, wenn er die wunderbare Steigerung des Wesentlichen nicht bemerkt, auf folgendes hinweisen. Sie brauchen in dem schon angeführten Buche nur ein paar Seiten weiterzublättern, dann finden Sie in einem Kapitel «Die Seligkeiten» einen Hinweis auf einen Henoch, der ein anderer ist als der gewöhnliche, und darin werden neun «Seligkeiten» angeführt. Besonders tut sich der Betreffende darauf etwas zugute, daß er sagt, dieses Dokument sei in der ersten Zeit der christlichen Ära entstanden, und er meint, daß dies, was wir eben als ein so tiefes Dokument charakterisiert haben, abgeschrieben sein könnte aus folgenden neun Seligkeiten des « Slawischen Henoch»:

«1. Selig ist, der den Namen des Herrn fürchtet und unausgesetzt vor seinem Angesicht dient» und so weiter.

«2. Selig ist, der ein gerechtes Urteil fällt nicht um des Lohnes willen, sondern um der Gerechtigkeit willen, nichts dafür erwartend; ein lauteres Urteil wird ihm später zuteil werden.

  1. Selig ist, der die Nackten mit einem Gewand bekleidet und sein Brot den Hungrigen gibt.

  2. Selig ist, der ein gerechtes Urteil fällt für die Waise und Witwe und jedermann beisteht, dem Unbill widerfährt.

  3. Selig ist, der sich vom unsteten Pfad dieser eitlen Welt abwendet und auf dem gerechten Wege wandelt, der zum ewigen Leben führt.

  4. Selig ist, der gerechten Samen säet; er wird siebenfach ernten.

  5. Selig ist, in dem Wahrheit ist, auf daß er seinem Nächsten die Wahrheit sage.

  6. Selig ist, der Liebe auf seinen Lippen hat und Sanftmut im Herzen.

  7. Selig ist, der jedes Wort des Herrn versteht und den Herrn-Gott preist» und so weiter.

Schön sind gewiß diese Sätze. Aber wenn Sie sie betrachten im ganzen Aufbau und in bezug auf das, worauf es bei ihnen ankommt, nämlich auf die Aufzählung einiger guter Grundsätze, die man in jeder Zeit sagen kann, nur nicht gerade für eine Zeit des Umschwunges, die dadurch charakterisiert ist, daß die Ich-Kraft eingeführt wird, dann stehen Sie, wenn Sie diese vergleichen wollten mit den « Seligpreisungen» des Matthäus-Evangeliums, auf dem äußerlichen Punkte derjenigen, die in äußerlicher Weise die Religionen der Menschheit vergleichen und, wenn sie etwas Ähnliches finden, immer sofort eine Gleichheit konstatieren und nicht auf das achten, worauf es ankommt.

Wenn man weiß, worauf es ankommt, merkt man erst, daß es in der Menschheitsevolution einen Fortschritt gibt, daß die Menschheit aufrückt von Stufe zu Stufe und daß der Mensch nicht geboren wird in einem späteren Jahrtausend in einem physischen Leibe neuerdings, um dasselbe zu erleben, was er schon erlebt hat, sondern um das zu erleben, um was die Menschheit in der Zwischenzeit hinaufgestiegen ist. Das ist der Sinn der Geschichte. Und das ist der Sinn der Menschheitsevolution. Von diesem Sinne der Geschichte und der Menschheitsevolution redet gerade das Matthäus-Evangelium auf jeder seiner Seiten!




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