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Das Matthaus-Evangelium

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ZEHNTER VORTRAG

Bern, 10. September 1910

Daß der Christus Jesus für die Menschheitsevolution zu bedeuten hatte die allmähliche Ausstattung der Kräfte des menschlichen Ich mit jenen Fähigkeiten, welche der Mensch in den alten Mysterien nur hat erlangen können durch eine Art Herabdämpfung seines Ich, das haben wir in den letzten Stunden auseinandergesetzt. Und wollen wir uns noch einmal deutlich vor die Seele rücken, um was es sich handelt, dann können wir sagen: Es war bei allen alten Initiationen die Möglichkeit vorhanden, hinaufzurücken in die geistige Welt, in das, was wir charakterisiert haben als die Reiche der Himmel. Aber durch die ganzen Eigenheiten, Eigentümlichkeiten der alten, vorchristlichen Menschheitsentwickelung war es nicht möglich, hinaufzusteigen in die Reiche der Himmel so, daß das Ich, die eigentliche menschliche Ich-Wesenheit in derselben Verfassung geblieben wäre, in der sie sich befindet gegenüber dem physisch-sinnlichen Plan. Unterscheiden wir also diese zwei Verfassungen der Menschenseele: Die eine ist jene Verfassung, die der heutige normale Mensch kennt als diejenige vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wo er mit seinem Ich wahrnimmt die Gegenstände des physisch-sinnlichen Planes. Und dann haben wir jene andere Verfassung der Seele, bei der dieses Ich herabgedämpft ist, wo kein deutliches Bewußtsein einer solchen Ichheit vorhanden ist. Und innerhalb dieser Seelenverfassung wurde der Mensch in den alten Mysterien hinaufgehoben in die Reiche der Himmel. Diese Reiche der Himmel sollten - einmal im Sinne der Vorläuferpredigt des Täufers Johannes und dann im Sinne der Predigt des Christus Jesus selber - heruntergeholt werden, damit die Menschheit einen Impuls bekommen kann zu einer weitergehenden Evolution, durch die unter Aufrechterhaltung der gewöhnlichen Ich-Kraft die Erfahrungen der höheren Welten erlebt werden können. Daher war es nur natürlich, daß uns sozusagen von den Berichterstattern des Christus Jesus-Ereignisses vorgeführt werden alle die Prozeduren, alle die verschiedenen Vorgänge, die in den alten Mysterien mit dem zu Initiierenden vorgenommen worden sind, daß uns aber zu gleicher Zeit angedeutet wird: in alledem lebt eine neue Nuance, die Nuance, daß es jetzt nicht die zweite der beiden charakterisierten Seelenverfassungen ist, die dabei in Frage kommt, sondern diejenige, in der das Ich anwesend ist.

Und wir haben dann gestern die neun Seligkeiten als den Anfang der sogenannten Bergpredigt von diesem Gesichtspunkte aus charakterisiert. Wir könnten noch weiter fortsetzen, was in der gegenwärtigen Fassung des Matthäus-Evangeliums vorhanden ist, so wie sie, allerdings etwas undeutlich, aus dem Aramäischen ins Griechische übertragen worden ist. Aber wenn man selbst noch die undeutliche Version des griechischen Textes des Matthäus-Evangeliums nimmt, kann man doch durchfühlen, auch in der Fortsetzung der Bergpredigt, wie überall deutlich auf das hingedeutet wird, was früher der Mensch mit Herabdämpfung des Ich erleben konnte. So daß, wie er früher sagen konnte: Wenn ich mein Ich herabdämpfe und mit herabgedämpftem Ich hineinkomme in die geistige Welt, so werde ich dieses oder jenes an Fundamentalem begreifen er dies in Zukunft begreifen lernen wird unter Beisein seines Ich. Freilich versteht man eine solche Sache nur dann wirklich, wenn man auf das Nähere eingeht, worauf ich schon hingedeutet habe, nämlich auf den Gebrauch alter Namen, alter Bezeichnungen. Alte Bezeichnungen wurden eben nicht so gewählt, wie Namen oder Bezeichnungen in unserer Zeit gewählt werden, sondern sie wurden immer gewählt mit dem Bewußtsein des Wesenhaften der Sache. Und das ist deutlich gerade in den Bezeichnungen der Bergpredigt durchleuchtend, daß sich der Christus Jesus fühlte als der Bringer des Ich-Bewußtseins auf einer höheren Stufe, als es früher war, welches in sich selber die Reiche der Himmel erleben kann. Daher stellt er den Gegensatz vor die Seelen seiner Jünger hin: In früheren Zeiten sagte man auch, aus den Reichen der Himmel ist euch dieses oder jenes geoffenbart. Aber das werdet ihr von nun an erleben, wenn ihr euer Ich sprechen laßt, in dem, was euer Ich zu euch sagt. Daher die immer wiederkehrende Wiederholung: «Ich sage es euch!», weil sich der Christus Jesus fühlte als der Repräsentant jener Menschenseele, die sich auslebt in dem Ausdruck: «Ich sage es; ich bin mit meinem vollen Ich-Bewußtsein dabei.» Das darf nicht trivial genommen werden, was in der Fortsetzung der Bergpredigt dasteht als der Ausdruck: «Ich sage es euch!» Das ist die Wiederholung eines Hinweises auf jenen neuen Impuls, der durch den Christus Jesus in die Menschheitsevolution hineingelegt worden ist. Lesen Sie daher in dieser Weise den weiteren Fortgang der Bergpredigt, und Sie werden fühlen, daß er sagen wollte: Bisher durftet ihr nicht an euer Ich appellieren; jetzt aber könnt ihr durch das, was ich euch geboten habe, die Reiche der Himmel euch durch die Kraft des Inneren, durch die eigene Kraft des Ich nach und nach aneignen. - Der ganze Geist der Bergpredigt ist durchhaucht von dem neuen Impuls der Ichheit des Menschen. Und ebenso das Folgende, wo dann der Übergang gemacht wird zu den sogenannten Heilungen.

Diese Heilungen bilden ja bekanntlich einen Gegenstand ungeheuer weitgehender Diskussionen. Und was da einen ganz besonderen Gegenstand der Diskussion bildet, ist ja, wie Sie alle wissen, die WunderFrage. Das wird am häufigsten betont, daß da Wunder erzählt werden sollen. Aber treten wir dieser Wunder-Frage einmal näher. Gestern habe ich Sie schon auf eines aufmerksam gemacht. Ich habe darauf hingewiesen, daß in der Tat der gegenwärtige Mensch die Veränderungen, die Metamorphosen, die sich mit der menschlichen Wesenheit im Laufe der Entwickelung vollzogen haben, ganz unterschätzt. Würden Sie - nicht im groben, sondern im feineren Sinne - einen physischen Leib aus der Zeit, wo der Christus Jesus gelebt hat, oder gar noch vorher, vergleichen mit einem heutigen physischen Leib, so würde sich ein ganz beträchtlicher Unterschied ergeben, ein Unterschied, der allerdings nicht feststellbar ist mit anatomischen Mitteln, wohl aber durch die okkulte Forschung. Und Sie würden finden: der physische Leib ist dichter geworden, hat sich mehr zusammengezogen; er war noch weicher in der Zeit des Christus Jesus. Und namentlich war die Art der Anschauung so, daß der Mensch das, was er heute gar nicht mehr sieht, die Erkenntnis gewisser Kraftwirkungen im Leibe, die jeden Leib modellieren, noch in einem gewissen Grade besessen hat, so daß die Muskeln - allerdings nur für einen feineren Blick - deutlich und viel stärker sich abprägten. Das ging langsam und allmählich verloren. Kindereien in der Kunstgeschichte weisen auf alte Zeichnungen hin, wo zum Beispiel besonders ausgeprägte Muskellinien dargestellt sind, und halten das für eine Übertreibung und für Ungeschicklichkeit der alten Zeichner, weil man nicht weiß, daß so etwas auf ein tatsächliches Beobachten zurückgeht, das für alte Zeiten richtig war, für die heutigen Zeiten aber falsch sein würde. Aber darauf wollen wir weniger Rücksicht nehmen und nur das mehr hervorheben, was mit diesen ganz anders gearteten menschlichen Leibern verbunden war.

Auf den menschlichen Leib hatte damals die Kraft der Seele, die Kraft des Geistes noch einen viel größeren, sozusagen momentaneren Einfluß als später, wo der Leib dichter geworden ist und die Seele daher an Macht über den Leib verloren hat. Daher war es damals in viel größerem Maße möglich, zu heilen von der Seele aus. Die Seele hatte viel mehr Macht, so daß sie den Leib durchsetzen konnte mit den aus der geistigen Welt geholten gesund wirkenden Kräften, wenn der Leib in Unordnung gekommen war, um ihn wieder von sich aus in Harmonie, in Ordnung zu bringen. Diese Macht der Seele über den Leib hat allmählich abgenommen. Das ist der Gang der fortgehenden Entwickelung. Daher waren die Heilprozesse in alten Zeiten in weit größerem Maße als später geistige Heilprozesse. Und diejenigen, die als Ärzte galten, waren nicht im heutigen Sinne physische Ärzte, sondern zum großen Teil Heiler in dem Sinne, daß sie auf den Leib auf dem Umwege durch die Seele wirkten. Sie reinigten die Seele und durchsetzten sie mit gesunden Empfindungen, Impulsen und Willenskräften durch die geistig-seelischen Einflüsse, die sie ausüben konnten, sei es im gewöhnlichen Zustande der physischen Wahrnehmung, sei es in dem sogenannten Tempelschlaf oder dergleichen, was ja auch für die damalige Zeit nichts anderes war als eine Art Versetzen des Menschen in einen hellseherischen Zustand.

Wenn man also die damaligen Kulturverhältnisse berücksichtigt, muß man durchaus daraufhinweisen, daß diejenigen, die stark an Seele waren und appellieren konnten an das, was sie selbst aufgenommen hatten, damals in beträchtlichem Maße auf die Seelen wirken konnten und damit auch auf die Leiber. Daher kam es auch, daß solche Menschen, die irgendwie geistdurchdrungen waren, und von denen man wußte, daß sie heilende Kräfte ausströmten in die Umgebung, auch mit dem Ausdruck «Heiler» bezeichnet wurden. Und im Grunde genommen müßte man nicht nur die Therapeuten, sondern auch die Essäer in einer gewissen Weise als Heiler bezeichnen. Ja, wir müssen weitergehen: In einer gewissen Mundart Vorderasiens, in welcher sich besonders diejenigen ausgedrückt haben, aus welchen das Christentum hervorgewachsen ist, ist die Übersetzung dessen, was wir bezeichnen würden als «geistigen Heiler», das Wort Jesus. Jesus bedeutet im Grunde genommen «geistiger Arzt». Das ist eine ziemlich richtige Übersetzung, namentlich wenn man auf die Gefühlswerte geht. Und damit könnten Sie zu gleicher Zeit auch ein Licht werfen auf alles, was man bei solchem Namen empfand in einer Zeit, wo man bei Namen noch etwas fühlte. Aber wir wollen uns einmal ganz sozusagen hineinversetzen in die Kulturverhältnisse der damaligen Zeit.

Ein Mensch, der also im Sinne der damaligen Zeit gesprochen hätte, würde gesagt haben: Es gibt Menschen, die den Zutritt haben zu den Mysterien, die mit einer gewissen Opferung ihres Ich-Bewußtseins in den Mysterien sich in Verbindung setzen können mit gewissen geistigseelischen Kräften, die dann ausstrahlen auf die Umgebung, wodurch sie zu Heilern werden für die Umgebung. Nehmen wir an, ein solcher Mensch wäre Jünger des Christus Jesus geworden, so hätte er gesagt: Wir haben jetzt sehr Merkwürdiges erlebt. Während früher nur solche Menschen, die unter Herabdämpfung des Ich-Bewußtseins die geistigen Kräfte in den Mysterien aufgenommen haben, seelische Heiler werden konnten, haben wir jetzt einen erlebt, der es wurde ohne die Mysterienprozeduren, unter Aufrechterhaltung des Ich. - Nicht etwa das war das Auffällige, daß geistige Heilungen überhaupt vollzogen wurden. Daß in den Kapiteln des Matthäus-Evangeliums von einem geistigen Heiler erzählt wird, wäre einem solchen Menschen gar nicht besonders wunderbar vorgekommen. Er hätte gesagt: Was ist Wunderbares dabei, daß solche Leute geistig heilen? Das ist selbstverständlich! - Und die Aufzählung solcher Heilungen wäre für die damalige Zeit nicht ein besonderes Wunder gewesen. Das aber ist das Bedeutungsvolle, daß der Schreiber des Matthäus-Evangeliums erzählt: Da ist einer, der eine neue Wesenskraft in die Menschheit gebracht hat, der aus dem Impuls seines Ich, aus dem man früher nicht heilen konnte, Heilungen vollzog, indem er dieselbe Kraft dabei heranzog, mit Hilfe deren man früher nicht heilen konnte. - Also etwas ganz anderes wird in den Evangelien erzählt, als man gewöhnlich meint. Zahlreiche Beweise, auch historische, könnten dafür erbracht werden, daß es richtig ist, was die Geisteswissenschaft aus okkulten Quellen heraus feststellt. Wir wollen nur eines zum Beweise heranführen.

Wenn es wahr ist, was jetzt gesagt worden ist, dann müßte man sich tatsächlich im Altertum vorgestellt haben, daß unter einer gewissen Voraussetzung diejenigen, die blind sind, geheilt werden könnten unter geistigem Einfluß. Nun ist mit Recht hingewiesen worden auf alte Bildnisse, die dergleichen darstellen. Auch der im vorigen Vortrag erwähnte John M. Robertson weist darauf hin, daß in Rom eine Darstellung ist, die Abbildung eines Äskulap, der vor zwei Blinden steht, und er hat natürlich daraus geschlossen, daß damit eine Heilung angezeigt worden ist, und daß dies dann von den Evangelienschreibern übernommen und in die Darstellungen der Evangelien hineingebracht worden ist. Es ist hier aber nicht das Wesentliche, daß geistige Heilungen etwas Wunderbares sind, sondern als wesentlich hat es zu gelten, daß der, der das Bild gemalt hat, damit hat sagen wollen: Äskulap ist einer der Eingeweihten, der unter Herabdämpfung des Ich-Bewußtseins in den Mysterien zu den geistigen Heilkräften gekommen ist. Der Schreiber des Matthäus-Evangeliums aber wollte sagen: Nicht auf diese Weise wurden Heilungen beim Christus erreicht, sondern was als ein einmaliger Impuls in Christus lebte, das soll nach und nach von der ganzen Menschheit erreicht werden, so daß das Ich mit seiner Kraft es nach und nach erreichen kann. - Gewinnen können es heute die Menschen noch nicht, weil es sich in einer späteren Zukunft in die Menschheit einleben soll. Aber was sich vollzogen hat mit dem Christus im Beginne unserer Zeitrechnung, das wird sich einleben, und die Menschen werden nach und nach fähig werden, es zum Ausdruck zu bringen. Nach und nach wird es geschehen. Das wollte der Schreiber des Matthäus-Evangeliums mit seinen Wunderheilungen darstellen.

So darf ich aus dem okkulten Bewußtsein heraus sagen: Der Schreiber des Matthäus-Evangeliums wollte überhaupt keine «Wunder» schildern, sondern etwas ganz Natürliches, etwas Selbstverständliches. Er wollte nur schildern, daß es auf eine neue Art sich vollzog. So nehmen sich die Dinge aus, wenn man sie mit wirklich wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit darstellt. So daß also das tiefste Mißverständnis gerade gegenüber den Evangelien Platz gegriffen hat.

Wie muß denn nun die Erzählung, wenn sie sachgemäß ist, weitergehen? Wir haben gesehen: Was sich in dem Leben des Christus Jesus durch die sogenannte Versuchung vollzog, war ein Hinabsteigen in alle diejenigen Vorgänge, die der Mensch erlebt beim Hinuntersteigen in den physischen Leib und Ätherleib. Wir haben gesehen, daß die Kraft, die von dem physischen und Ätherleib ausströmt, fähig wurde, so zu wirken, wie es in der Bergpredigt und wie es auch in den nachfolgenden Heilungen zum Ausdruck gekommen ist. Das Nächste war, daß die Kraft dieses Christus Jesus auch noch so wirkte, wie sonst die Kraft eines Eingeweihten in den Mysterien gewirkt hat, so gewirkt hat, daß er Schüler heranzog. Und wieder mußte der Christus Jesus natürlich auf seine besondere Art die Schüler heranziehen.

Wenn man nun das Matthäus-Evangelium von diesem Punkt aus verstehen will, wo sich das Spätere an die Bergpredigt und an die Heilungen anschließt, so gehört dazu als Vorbereitung einiges von dem, was wir uns im Laufe der Jahre an Wissen von okkulten Tatsachen erworben haben. Das gehört dazu, daß der Mensch, wenn er nun wirklich durch die Einweihung hinaufgeführt werden soll den Weg in die höheren Welten, zu einer Art von imaginativem Anschauen kommt, zu einem Anschauen, das in Imaginationen lebt. Diejenigen, die um den Christus Jesus waren, mußten sich nun nicht nur die Fähigkeit erwerben, anzuhören, was in einem solchen majestätischen Kundgeben, was in einer solchen Manifestation gegeben ist, wie es die Bergpredigt ist, sie mußten nicht nur teilnehmen an dem, was durch den Christus Jesus selber bewirkt worden war an Heilungen, sondern es mußte die mächtige Kraft, die in dem Christus Jesus wirkte, übergehen auf die nächsten Freunde und Jünger nach und nach. Auch das wird dargestellt. Zunächst wird dargestellt, wie der Christus Jesus nach der Versuchung imstande ist, die alten Lehren mit einer neuen Nuance zu zeigen und die alten Heilungen durch einen neuen Impuls zu bewirken.

Dann aber wird gezeigt, wie er in einer neuen Weise auf seine Jünger wirkt, wie die Kraft, die er im höchsten Maße in sich verkörpert hat, auf seine Jünger-Umgebung wirkt. Wie wird das gezeigt? So, daß das, was er darstellt, für den unempfänglichen Menschen so erscheinen muß, daß es auch in Worten ausgedrückt wird. Auf die Empfänglichen aber, die er sich selbst auserwählt und geführt hatte, wirkte es anders. Da wirkte es so, daß es ihnen die Imaginationen gab, daß es die nächsthöhere Stufe der Erkenntnis erregte. Was von Christus Jesus ausging, konnte also in zweierlei Weise wirken: auf die Außenstehenden so, daß sie seine Worte hörten und eine Art Theorie mit seinen Worten empfingen; auf die anderen, die seine Kraft miterlebt hatten und die er sich auserwählt hatte, weil er auf sie, wegen ihres besonderen Karmas, seine Kraft übertragen konnte, auf sie wirkte seine Kraft so, daß sie aus ihrer Seele Imaginationen herauslöste, Erkenntnisse, die in einer gewissen Weise eine Stufe höher in die höheren Welten hinaufweisen. Das ist in dem Ausdruck gegeben «die Äußeren hören nur Gleichnisse» - das heißt, bildliche Ausdrücke für das Geschehen in der geistigen Welt «ihr aber vernehmt das, was die Gleichnisse bedeuten, ihr vernehmt die Sprache, die euch in die höheren Welten hinaufleitet» (Matth. 13,11). Auch das darf man nicht trivial auffassen, sondern man muß es verstehen im Sinne eines Hinauf leitens der Jünger in die höheren Welten.

Und nun wollen wir uns einmal recht hineinvertiefen, wie das Hinaufleiten der Jünger in die höheren Welten geschehen sein kann. Allerdings, um das zu verstehen, was ich jetzt sage, dazu gehört nicht nur Anhören, sondern ein wenig guter Wille, der durchsetzt ist mit dem, was durch die von Ihnen schon errungenen geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse gebracht werden kann. Ich möchte Sie möglichst deutlich nämlich zu dem führen, was das Matthäus-Evangelium eigentlich mit den nächsten Schilderungen meint.

Da erinnern wir uns noch einmal, daß die Einweihung ihre zwei Seiten hat. Die eine ist die, wo der Mensch hinuntersteigt in physischen Leib und Ätherleib, wo er also sein eigenes Inneres kennenlernt, wo er hineingeführt wird in die Kräfte, die im Menschen selber schöpferisch sind. Und die andere Seite der Initiation ist die, wo der Mensch hinausgeführt wird in die geistige Welt, wo er sich ergießt in den Makrokosmos. Nun wissen Sie, daß dies in bezug auf die Realität - nicht in bezug auf das Bewußtsein - ein Vorgang ist, der sich jedesmal beim Einschlafen vollzieht: Der Mensch zieht seinen astralischen Leib und das Ich aus dem physischen Leib und Ätherleib heraus und gießt sie aus in die Sternenwelt, so daß er dann Kräfte aus der ganzen Sternenwelt saugt; daher der Name «astralischer Leib». Was der Mensch durch jene Art der Einweihung erreichen kann, wenn er mit astrali- schem Leib und Ich heraus ist aus physischem Leib und Ätherleib, das ist nicht nur ein wissentliches Überschauen dessen, was auf unserer Erde ist, sondern das ist ein Ausfließen in den Kosmos, ein Kennenlernen der Sternenwelt und ein Aufnehmen der Kräfte, die uns aus der Sternenwelt zufließen. Dieses aber, was so für uns als etwas zu gelten hat, was sich der Mensch nach und nach durch ein Hinausfließen in den Kosmos erwirbt, das war nach der besonderen Beschaffenheit der Christus-Wesenheit nach der Johannes-Taufe da. Und nicht nur in jenem Zustande war es da, der einem Schlafzustand glich, sondern es war da, wenn er auch nicht schlief, wenn er in seinem physischen Leib und Ätherleib war; da war er imstande, seine Wesenheit zu verbinden mit den Kräften der Stemenwelt und in diese physische Welt die Kräfte der Sternenwelt hineinzutragen.

Was der Christus Jesus wirkte, kann daher auch so beschrieben werden, daß man sagt: Er zog herein durch die Attraktion des für ihn besonders zubereiteten physischen Leibes und Ätherleibes, durch seine ganze Wesenheit, die Kraft der Sonne, des Mondes, der Sternenwelt, des Kosmos überhaupt, der zu unserer Erde gehört. Und wenn er wirkte, so wirkte jetzt durch seine Vermittlung das, was sonst aus dem Kosmos an gesundendem, durchkraftendem Leben den Menschen durchströmt, wenn er im Schlafzustande außerhalb des physischen Leibes und Ätherleibes ist. Die Kräfte, durch die der Christus Jesus wirkte, waren Kräfte, die aus dem Kosmos durch die Anziehung seines Leibes herniederströmten und durch seinen Leib ausströmten und sich ergossen auf seine Jünger. Das fing jetzt für die Jünger an, daß sie durch ihre Empfänglichkeit fühlen konnten, richtig fühlen konnten: Ja, dieser Christus Jesus vor uns ist eine Wesenheit, durch die uns wie eine geistige Nahrung zukommen die Kräfte des Kosmos; da ergießen sie sich über uns.

Die Jünger selber waren aber in einem zweifachen Bewußtseinszustande, weil sie noch nicht zum Höchsten entwickelte Menschen waren, sondern sich eben erst an dem Christus hinaufrankten zu einer höheren Entwickelung; sie selbst waren immer in einem zweifachen Bewußtseinszustande, der sich vergleichen läßt mit dem Wachen und Schlafen des Menschen. Daher kann man von den Jüngern sagen: Indem sie abwechselnd zwischen Schlafen und Wachen in die Möglichkeit versetzt waren, in dem einen und dem anderen Zustande die magische Kraft des Christus auf sich wirken zu lassen, konnten sie dieselbe auf sich wirken lassen bei Tag, wenn er ihnen entgegentrat, aber seine Kraft wirkte auch im Schlafe, wenn sie aus dem physischen Leibe und Ätherleibe heraus waren. Während sonst der Mensch unbewußt ergossen ist in die Sternenwelt und nichts davon weiß, war dann bei ihnen die Christus-Kraft; da wurden sie ihrer ansichtig. Sie war es, von der sie wußten: Sie gibt uns die Nahrung aus den Sternenwelten.

Aber noch einen anderen Bezug hatte dieser zweifache Bewußtseinszustand der Jünger. Wir müssen ja sozusagen in einem jeden Menschen, also auch in einem Jünger Jesu, dasjenige beachten, was der Mensch zunächst ist, und das, was er wie eine Anlage für seine weitere Zukunft in den folgenden Inkarnationen in sich trägt. In Ihnen allen ist ja jetzt schon dasjenige drinnen, was zum Beispiel in einer künftigen Kulturepoche in einer ganz anderen Weise die Umwelt ansehen wird, wenn es in einer neuen Inkarnation auftreten wird. Und würde dieses jetzt schon in Ihnen Befindliche hellsichtig werden, so würde es zunächst, als eine Art ersten hellseherischen Eindrucks, die allernächste Zukunft sehen. Was in der nächsten Zukunft geschieht, würde zu den ersten hellseherischen Erlebnissen gehören, wenn diese rein, echt und wahrhaft sind. - So war es vorzüglich für die Jünger. Im normalen Wachbewußtsein floß die Kraft des Christus in sie herein; da konnten sie sagen: Wenn wir wachen, fließt die Kraft des Christus so in uns herein, wie sie hereinfließen muß dadurch, daß wir jetzt in unserem normalen Wachbewußtsein sind. - Wie war es nun für sie im Schlafzustande ? Dadurch, daß sie die Jünger Jesu waren und die Christus-Kraft auf sie gewirkt hatte, wurden sie im Schlafzustande immer zu gewissen Zeiten hellseherisch. Da sahen sie aber nicht, was jetzt geschah, sondern sie sahen, wessen in der Zukunft die Menschen teilhaftig werden sollen. Da tauchten sie gleichsam in das Meer des astralischen Sehens ein und sahen voraus, was in der Zukunft geschehen soll.

So gab es für die Jünger zwei Zustände. Einen, da konnten sie sich sagen: Es ist unser Tageszustand. In diesem unserem Tageszustande bringt uns der Christus aus den kosmischen Weiten die Kräfte der kosmischen Welten und teilt sie uns mit als geistige Nahrung. Er holt uns herunter, weil er die Sonnenkraft ist, alles dasjenige, was wir dargestellt haben im Sinne des im Christentum aufgenommenen Zarathu- strismus. Er vermittelt das, was die Sonne an Kräften schicken kann aus den sieben Sternbildern des Tages. Da herunter kommt die Nahrung für den Tag. - Für den Nachtzustand war es so, daß die Jünger sich sagen konnten: Da nehmen wir wahr, wie durch die ChristusKraft sozusagen die Nachtsonne, die Sonne, die unsichtbar ist während der Nacht, die durch die anderen fünf Sternbilder geht, in unsere Seele hineinsendet die Himmelsspeise.

So konnten also die Jünger in ihrer imaginativen Hellsichtigkeit empfinden: Wir sind mit der Christus-Kraft, mit der Sonnenkraft, verbunden. Sie schickt uns dasjenige zu, was für die Menschen der Jetztzeit - das heißt für die Menschen der vierten Kulturperiode - «das Richtige» ist. Und in dem anderen Bewußtseinszustande schickt uns die Christus-Kraft dasjenige zu, was sie uns als Nachtsonne zusenden kann, als Kraft von den fünf nächtlichen Sternbildern. Dieses aber gilt nun für die auf die damalige Zeit folgende, das heißt also für die fünfte Kulturperiode. - Das ist das, was die Jünger erfuhren. Wie konnte man es ausdrücken? Wir werden in der nächsten Stunde mit einigen Worten noch auf Bezeichnungsweisen eingehen; jetzt wollen wir das Folgende nur erwähnen.

Eine Fülle von Menschen wurde nach den alten Bezeichnungsweisen als ein «Tausend» bezeichnet, und man fügte, wenn man spezialisieren wollte, eine Zahl hinzu, die von dem wichtigsten Charakteristi- kon hergenommen wurde. Zum Beispiel die Menschen der vierten Kulturperiode bezeichnete man als das «vierte Tausend», und die, welche schon im Stile der fünften Kulturperiode lebten, als das «fünfte Tausend». Das sind einfach Termini technici. Deshalb konnten die Jünger sagen: Während des Tagzustandes nehmen wir wahr, was die Christus-Kraft uns aus den Kräften der Sonne zusendet von den sieben Tagessternbildern her, so daß wir dann die Nahrung empfangen, die für die Menschen der vierten Kulturperiode bestimmt ist, für das vierte Tausend. Und in unserem nächtlichen imaginativen Hellseherzustande nehmen wir wahr durch die fünf Sternbilder der Nacht, was für die nächste Zukunft, was für das fünfte Tausend gilt. - Es werden also die Menschen der vierten Epoche - die Viertausend - genährt vom Himmel herunter durch die sieben Himmelsbrote, durch die sieben Sternbilder des Tages; und es werden die Menschen der fünften Epoche - die Fünftausend - genährt durch die fünf Himmelsbrote, durch die fünf Sternbilder der Nacht. Dabei wird immer auf die Scheidung hingedeutet, wo sich die Tagessternbilder mit den Nachtsternbildern berühren: auf die Fische.

Es wird darin ein Geheimnis berührt. Es wird damit hingedeutet auf einen wichtigen Mysterienvorgang: auf den magischen Verkehr des Christus mit den Jüngern. Das macht ihnen der Christus klar, daß er nicht von dem alten Sauerteig der Pharisäer spricht, sondern ihnen aus den Sonnenkräften des Kosmos eine Himmels speise vermittelt, die er herunterholt, trotzdem nichts zur Verfügung steht, als das eine Mal die sieben Tagesbrote, die sieben Sternbilder des Tages, und das andere Mal die fünf Nachtbrote, die fünf Sternbilder der Nacht. Dazwischen immer die Fische, die die Scheidung bilden; ja von zwei Fischen wird sogar einmal gesprochen, damit es besonders deutlich ist (Matth. 14, 13-21, und 15,32-38).

Wer könnte, wenn er so hineinblickt in diese Tiefen des MatthäusEvangeliums, noch zweifeln, daß es sich wirklich um die Verkündigung handelt, die auf Zarathustra zurückgeht und auf den sie zurückgehen mußte, weil er derjenige war, der zuerst auf den Geist der Sonne hingewiesen hat, und der auch einer der ersten Missionare war, um die auf die Erde heruntersteigende magische Sonnenkraft begreiflich zu machen denen, die dafür empfänglich waren!

Was tun aber wieder leichtfüßige Erklärer der Bibel? Sie finden im Matthäus-Evangelium einmal eine Speisung von Viertausend mit sieben Broten und das andere Mal eine Speisung von Fünftausend mit fünf Broten, und sie halten das Zweite für eine bloße Wiederholung und sagen: Der nachlässige Schreiber der Urkunde hat, wie es eben beim Abschreiben vorkommt, nachlässig kopiert. Er beschreibt daher nun das eine Mal eine Speisung von Viertausend mit sieben Broten, das andere Mal eine Speisung von Fünftausend mit fünf Broten; das kann vorkommen, wenn man nachlässig abschreibt! - Ich zweifle nicht, wenn Bücher in der neueren Zeit gemacht werden, daß so etwas vorkommen kann. Aber die Evangelien sind in keiner Weise so zustande gekommen. Wenn darin eine Erzählung zweimal steht, so hat das einen tiefen Grund, den ich jetzt angedeutet habe. Aber gerade weil das Matthäus-Evangelium aus diesen Tiefen heraus nach den Angaben schildert, die der große Essäerlehrer Jeshu ben Pandira ein Jahrhundert vor dem Erscheinen der Christus-Sonne vorbereitet hat, damit nachher diese Christus-Sonne verstanden werden kann, deshalb müssen wir im Matthäus-Evangelium, wenn wir es wirklich verstehen wollen, diese Tiefen auch heraussuchen. - Aber weiter.

Es hatte der Christus zunächst ausstrahlen lassen von sich auf die Jünger die Kraft des imaginativen, des astralischen Schauens, was er hereintragen konnte aus dem astralischen Schauen. Das wird auch noch ganz klar angedeutet. Man möchte sagen: Wer Augen hat zu lesen, der lese! - wie man früher in der Zeit, wo man noch nicht alles aufgeschrieben hat, sagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre! - Wer Augen hat zu lesen, der lese die Evangelien! Ist es irgendwo angedeutet, daß diese Kraft der Christus-Sonne in einer anderen Weise den Jüngern erschien bei Tag, in einer anderen bei Nacht? Ja, es ist uns deutlich angedeutet. Lesen Sie im Matthäus-Evangelium, wie an einer wichtigen Stelle erzählt wird:

In einer vierten Nachtwache - das heißt also zwischen drei und sechs Uhr morgens - erblickten die Jünger, die schliefen, wandelnd auf dem See das, was sie zuerst für ein Gespenst hielten, das heißt die nächtliche Sonnenkraft, die durch Christus zurückstrahlt (Matth. 14,25-26). Da wird sogar der Zeitpunkt angedeutet, weil sie nur zu einer bestimmten Zeit darauf hingewiesen werden können, daß diese Kraft aus dem Kosmos durch die Vermittlung eines solchen Wesens, wie es der Christus ist, ihnen zuströmen kann. Daß also der Christus Jesus wandelt in Palästina, und daß in diesem Wandeln dieser einen Persönlichkeit und Individualität ein Mittel da war, durch das Sonnenkraft in unsere Erde hineinwirkt, das ist dadurch angegeben, daß überall hingewiesen wird, wie es mit der Sonne stand, wie sie im Verhältnis stand zu den Sternbildern, zu den Himmelsbroten. Diese kosmische Natur, dieses Hereinwirken kosmischer Kräfte durch den Christus, das ist es, was überall dargelegt wird. Und weiter.

Der Christus Jesus sollte seine Jünger - das heißt die, welche dazu besonders geeignet waren - auch noch ganz besonders einweihen, so daß sie nicht nur imaginativ, gleichsam wie in astralischen Bildern die geistige Welt sehen konnten, sondern daß sie selber sehen, ja, auch wohl hören konnten - was wir öfter besprochen haben als das Aufsteigen in das Devachan -, was in den geistigen Welten vorgeht. So daß sie diese Persönlichkeit, welche sie als den Christus Jesus auf dem physischen Plan sahen, nun durch ihr geistiges Hinaufragen oben aufsuchen konnten in den geistigen Welten. Sie sollten hellsichtig werden auch noch in höheren Gebieten als auf dem astralischen Plan. Das konnten nicht alle. Das konnten nur die, welche am empfanglichsten waren für die Kraft, welche aus dem Christus ausstrahlen konnte, und das waren die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes im Sinne des Matthäus-Evangeliums. Daher erzählt es uns (Matth. 17,11-13), wie der Christus diese drei am meisten von ihm beeinflußbaren Jünger hinausnimmt da, wo er sie über den astralischen Plan hinaufführen kann ins devachanische Gebiet, wo sie schauen konnten die geistigen Urbilder, einmal ihres Christus Jesus selbst und - damit sie die Verhältnisse sehen konnten, in denen er darinnen stand - auch derer, die zunächst im Verhältnisse standen zum Christus Jesus: des alten Verkündigers Elias, der ja auch reinkarniert der Vorläufer des Christus Jesus als Johannes der Täufer war; daß sie also den Elias sehen konnten - die Szene spielte sich ab nach der Enthauptung des Johannes, als der Johannes schon in die geistigen Welten entrückt war -, daß sie aber auch noch schauen konnten den geistigen Vorläufer,

Moses. Das konnte erst geschehen dann, als die drei auserlesensten Jünger hinaufgeführt wurden zum geistigen, nicht nur zum astralischen Schauen. Und daß sie tatsächlich in das Devachan hinaufstiegen, wird im Matthäus-Evangelium durch folgendes bekundet: Sie schauten nicht nur den Christus mit seiner Sonnenkraft - es heißt extra: «Und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne» sondern es wird auch davon gesprochen, daß sie aufmerksam werden, wie die drei sich unterhalten. Also um einen Aufstieg ins Devachan handelt es sich; sie hörten, wie sich die drei unterredeten. Alles ist also ganz sachgemäß wiedergegeben, so, wie uns die Charakteristik der geistigen Welt durch die geisteswissenschaftliche Forschung gegeben ist. Nirgends ein Widerspruch zwischen dem, was wir gelernt haben, und dem, was sich ergeben muß, wenn es sachgemäß in bezug auf den Christus geschildert wird: das Hinaufführen der Jünger durch ihn selber, zuerst in das astralische, dann in das devachanische Gebiet, in das Gebiet des Geistes.

So also wird der Christus Jesus im Matthäus-Evangelium klärlich dargestellt als der Behälter, als der Träger für jene Kraft, von der Zarathustra einst verkündigt hat als von dem Träger der Sonnenkraft. Und es ist im Matthäus-Evangelium treulich dargestellt, daß diese Kraft der Sonne, der Geist der Sonne - Ahura Mazdao oder Ormuzd -, von dem ja Zarathustra nur sagen konnte, daß er in der Sonne lebe, durch die Vermittelung des Jesus von Nazareth auf der Erde gelebt hat und sich mit dieser Erde so verbunden hat, daß er durch das einmalige Leben in einem physischen Leibe, Ätherleibe und Astralleibe ein Impuls der Erdenentwickelung geworden ist und sich nach und nach einleben wird in diese Erdenentwickelung. Das heißt mit anderen Worten : In einer Persönlichkeit war die Ichheit einmal so auf der Erde, daß die Menschen nach und nach durch ihre folgenden Inkarnationen sich die Kräfte dieser Ichheit nachfolgend aneignen werden durch Teilnahme an dem Christus oder durch Aufnehmen der Christus-Wesenheit im Sinne des Paulus. Und indem die Menschen von Inkarnation zu Inkarnation den Rest der Erdenzeit durchmachen, werden diejenigen, welche ihre Seele durchdringen wollen mit der Kraft der Persönlichkeit, die damals dagestanden hat, zu immer höheren Höhen steigen.

Damals konnten die, welche dazu ausersehen waren, mit ihren physischen Augen im Leibe des Jesus von Nazareth den Christus sehen. Einmal mußte es für die ganze Menschheit im Laufe der Erdenentwickelung geschehen, daß der Christus, der früher nur als der Geist der Sonne zu schauen war, herniedersteigen und sich so verbinden konnte mit den Kräften der Erde.

Und der Mensch ist das Wesen, in dem die Fülle der flutenden Sonnenkraft leben sollte, die einmal heruntersteigen und in einem physischen Leibe wohnen sollte. Damit aber ist die Zeit eingeleitet, wo sich die Sonnenkraft ausgießen wird. Nach und nach wird sie immer mehr und mehr einfließen in die Menschen, die von Inkarnation zu Inkarnation leben und nach und nach, soweit es der irdische Leib zuläßt, sich durchdringen mit der Christus-Kraft. Selbstverständlich nicht jeder physische Leib, wie es auch nur jener besondere Leib war, der in der geschilderten Art in bezug auf seine Gliederung auf komplizierte Weise durch die beiden Jesusgestalten zubereitet und dann durch Zarathustra auf eine gewisse höchste Stufe gebracht worden ist, damit sich in der Tat einmal in seiner Fülle ausleben konnte der Christus. Einmal!

Sich durchdringen mit der Christus-Kraft zuerst innerlich, dann aber auch immer mehr und mehr äußerlich, werden die Menschen, die sich dazu herbeilassen. So wird die Zukunft die Wesenheit des Christus nicht nur begreifen, sondern sich damit durchdringen. Und für eine große Anzahl von Ihnen habe ich auch schon dargestellt, wie der Fortgang dieser Teilnahme an dem Christus für die Menschheits-Erden- entwickelung sein wird. Ich habe sogar darstellen dürfen in dem «Ro- senkreuzermysterium» durch die Seherwesenheit der Theodora, die als eine Persönlichkeit gedacht ist, welche die Kraft in sich entwickelt hat, in die nächste Zukunft hineinzuschauen, wie wir einer Periode entgegenleben, wo in der Tat in einer gar nicht so fernen Zukunft, zuerst wenige Menschen, und dann immer mehr und mehr, nicht bloß durch geistige Schulung, sondern durch jenen Grad von irdischer Entwickelung, den die Menschheit erreicht, schauen können - aber jetzt in der ätherischen, nicht in der physischen Welt - die Gestalt des Christus, und dann in noch fernerer Zukunft in wieder anderer Gestalt. Einmal war er in physischer Gestalt zu schauen, weil es die Menschen, die auf dem physischen Plan waren, einmal erleben mußten. Aber es würde der Christus-Impuls nicht seine Wirkung getan haben, wenn er nicht so fortwirken würde, daß er sich weiter entwickeln kann.

Wir leben einer Zeit entgegen - das muß als eine Mitteilung hingenommen werden wo die höheren Kräfte der Menschen den Christus werden schauen können. Und das geschieht noch vor Ablauf des 20. Jahrhunderts, daß eine geringe Anzahl von Menschen wirklich «Theodoren» sein werden, das heißt, wo das tatsächlich geöffnete geistige Auge das gleiche Erlebnis haben wird, das Paulus hatte vor Damaskus und das er haben konnte, weil er eine «unzeitige Geburt», eine Frühgeburt war (l.Kor. 15,8). Es werden eine Anzahl von Menschen noch vor Ablauf des 20. Jahrhunderts das Christus-Erlebnis, wie es Paulus vor Damaskus hatte (Apg. 9,1-22), wiedererleben und werden keine Evangelien und Urkunden brauchen, wie auch Paulus nichts brauchte, um von dem Christus zu wissen. Sie werden durch das innerliche Erleben wissen, wie es um den Christus steht, der da erscheinen wird aus den ätherischen Wolken heraus.

Das ist eine Art Wiederkunft des Christus im ätherischen Gewände, wodurch er sich so zeigt, wie er sich dem Paulus vorherverkündigend gezeigt hat. Wir haben die Aufgabe, ganz besonders zu betonen, daß es in der Natur des Christus-Ereignisses liegt, daß derjenige, der im Beginne unserer Zeitrechnung als Christus Jesus einmal in einem physischen Leibe gelebt hat, in einem ätherischen Gewände - wie vor Damaskus dem Paulus - erscheinen wird noch vor Ablauf unseres Zeitalters. Und wenn sich die Menschen zu immer höheren Fähigkeiten erheben werden, werden sie die ganze Fülle der Natur des Christus kennenlernen. Aber es gäbe keinen Fortschritt, wenn der Christus noch ein zweites Mal in einem physischen Leibe erscheinen müßte; denn dann wäre er das erste Mal vergeblich erschienen. Dann hätte sein erstes Erscheinen nicht bewirkt, daß sich höhere Kräfte im Menschen entwickeln. Das ist das Ergebnis des Christus-Ereignisses, daß sich höhere Kräfte im Menschen entwickeln, und daß er geschaut werden kann mit diesen neuen Kräften da, wo er herauswirkt aus der geistigen Welt. Und wir haben die Aufgabe, wenn wir den historischen Kampf der Gegenwart verstehen, auf dieses Ereignis hinzuweisen, in unserer Zeit so hinzuweisen, wie vorher hingewiesen hat vorherverkündigend der Essäerlehrer Jeshu ben Pandira auf den Christus, der als der Löwe aus dem Stamme David hervorgehen sollte, dabei wiederum hinweisend auf die Sonnenkraft, auf das Sternbild des Löwen. Und wenn die Menschheit - ich will das nur andeutend sagen - heute das Glück haben könnte, daß jener Jeshu ben Pandira, der damals inspiriert wurde von dem großen Bodhisattva, der einst der Maitreya Buddha sein wird, sich in unserer Zeit wieder inkarnieren würde, so würde er es als die wichtigste Aufgabe betrachten, hinzuweisen auf den ätherischen Christus, der in den ätherischen Wolken erscheint, und er würde betonen, daß einmal das Christus-Ereignis im physischen Leibe sich abgespielt hat.

Nehmen wir an, jene Jesusgestalt, die als der Sohn des Pandira ungefähr hundertfünf Jahre vor dem Christus-Ereignis in Palästina gesteinigt worden ist, würde in einer Wiederverkörperung in unserer Zeit hinweisen auf die Christus-Erscheinung, dann würde sie hinweisen auf den Christus, der nicht im Physischen erscheinen kann, sondern der da erscheinen muß in einem ätherischen Gewände, geradeso wie er dem Paulus vor Damaskus erschienen ist. Und daran gerade würde man den etwa wiederinkarnierten Jeshu ben Pandira erkennen können. Dann aber ist es auf der anderen Seite das Wesentliche, daß sozusagen das neue Essäertum eingesehen würde, daß wir zu lernen haben von dem, der einst Maitreya Buddha sein wird, wie der Christus für unser Zeitalter erscheinen wird, und daß wir uns eminent zu hüten haben, ein falsches Urteil zu bekommen von jenem etwa wiederzuerstehenden Essäertum in unserem Zeitalter.

Eines kann als ein sicheres Kennzeichen angegeben werden, welches sozusagen diesen etwa wiedererstandenen Jeshu ben Pandira in unserem Zeitalter auszeichnen könnte; das muß als ein sicheres Kennzeichen angegeben werden, daß er sich nicht für den Christus ausgeben wird. Alle, die etwa in unserem Zeitalter auftreten würden und irgendwie davon sprechen könnten, daß in ihnen dieselbe Kraft lebe, die im Jesus von Nazareth gelebt hat, würden an dieser Behauptung zu erkennen sein als falsche Individualitäten jenes hundert Jahre vor dem Christus lebenden Vorläufers. Diese Behauptung würde ein sicherstes Kennzeichen sein, daß er es nicht ist, und daß ein falscher Vorherver- kündiger in ihm auftreten würde, wenn er sich in irgendein Verhältnis zum Christus selbst setzen würde. Aber die Gefahr ist ungeheuer groß, die auf diesem Gebiete sich geltend machen kann. Denn in unserer Zeit schwankt die Menschheit zwischen zwei Extremen. Man betont auf der einen Seite so stark, wie in unserer Zeit die Menschheit nicht geneigt ist anzuerkennen, was an geistigen Kräften unter den Menschen wirkt. Es ist schon eine auf der Straße liegende Wahrheit geworden, auf die sogar die Zeitungen immer wieder hinweisen, daß unser Geschlecht nicht die Gabe und die Kraft habe anzuerkennen, wenn irgendwie eine originale geistige Kraft sich zeige. Das ist die eine Unart unseres Zeitalters. Es ist wahr, daß sich die größte Wiederverkörperung in unserer Zeit abspielen könnte und unser Zeitalter stumpf dafür sein könnte, sie vorübergehen lassen könnte, ohne sich darum zu kümmern! Und die andere Unart ist nicht minder vorhanden, allerdings eine Unart, die unser Zeitalter mit vielen anderen gemeinsam hat: Geradeso wie unterschätzt werden die geistigen Individualitäten, so daß sie nicht anerkannt werden, so ist auf der anderen Seite wieder unter den Menschen das lebhafteste Bedürfnis vorhanden, zu vergöttern, heraufzuheben irgendwie in eine besondere Wolkenhöhe. Sehen Sie sich überall heute die Gemeinden an, die ihre besonderen Messiasse haben, wie dort überall das Bedürfnis vorhanden ist, zu vergöttern. Das ist es allerdings auch, was sich immer wieder und wieder in den Jahrhunderten gezeigt hat.

So erzählt Maimonides von einem solchen falschen Christus, der in Frankreich aufgetreten ist ungefähr um 1087, der damals zahlreiche Anhänger gehabt hat, aber dann nachher auch von der weltlichen Obrigkeit zum Tode verurteilt worden ist. Derselbe Maimonides erzählt [1172] weiter, daß fünfundfünfzig Jahre früher [1117] zu Cordoba in Spanien jemand aufgetreten ist, der sich für den Christus ausgegeben hat. Weiter erzählt er, wie ungefähr fünfundvierzig Jahre früher, also um 1127, zu Fez in Marokko ein falscher Messias aufgetreten ist, der auf einen noch größeren hingewiesen hat. Endlich wird berichtet aus dem Jahre 1174, wie in Persien einer aufgetreten ist, der sich selbst allerdings nicht als Christus bezeichnet hat, aber auf den Christus hingewiesen hat. Und die krasseste Erscheinung ist die, welche ich auch schon erwähnt habe: das Auftreten des Sabbatai Zewi im Jahre 1666 in Smyrna.

An dieser Gestalt, die von sich behauptete, eine Wiederverkörperung des Christus zu sein, kann man geradezu die Natur eines falschen Messias und ihre Wirkung auf die Umgebung auf das genaueste studieren. So ist damals von Smyrna aus die Kunde ergangen, daß ein neuer Christus aufgetreten ist in der Person des Sabbatai Zewi. Und Sie dürfen nicht glauben, daß die Bewegung damals eine geringe war. Aus allen Teilen Europas, aus Frankreich, aus Spanien und Italien, aus Polen, Ungarn, Südrußland, aus Nordafrika und aus dem Inneren Asiens, wanderten die Leute nach Smyrna, um den neuen Christus kennenzulernen, Sabbatai Zewi. Es war eine ganz große Weltbewegung. Und hätte man den Menschen, die damals in Sabbatai Zewi einen neuen Christus sahen, bis er sich selbst verriet, bis man hinter seine Schliche kam, hätte jemand den Menschen gesagt, daß er nicht der wirkliche Christus wäre, der wäre schlecht angekommen, der hätte verstoßen gegen das Dogma einer ungeheuer großen Anzahl von Menschen. - Das ist die andere Unart, eine Unart, die sich vielleicht nicht gerade in christlichen Gegenden, aber in anderen Gegenden täglich zeigt. Es ist das Bedürfnis vorhanden, Messiasse in irdischer Verkörperung auftreten zu lassen. In christlichen Ländern spielen die Dinge sich gewöhnlich im kleineren Kreise ab; aber da finden sich auch schon Christus se.

Es handelt sich nun darum, daß der Mensch durch seine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, durch seine geisteswissenschaftliche Aufklärung, durch genaue Einsicht in das Tatsachenmaterial, die der Okkultismus gibt, weder in den einen noch in den anderen Fehler verfallt. Und wenn man die Lehren, die in diesem Sinne gegeben sind, versteht, wird man sich von dem einen und von dem anderen Fehler fernhalten. Und dann wird man ein wenig eindringen in die tiefste historische Tatsache der Gegenwart: daß uns zuteil werden kann, wenn wir tiefer in das spirituelle Leben eindringen, eine Art Wiedererneuerung des Essäertums, das damals auf dem Umwege durch den Mund des Jeshu ben Pandira zunächst vorherverkündete das Christus-Ereignis als ein physisches. Und wenn die Essäerlehre in unserer Zeit wieder erneuert werden soll, wenn wir leben wollen nicht im Geiste einer Tradition von einem alten Bodhisattva, sondern im Sinne des lebendigen Geistes eines neuen Bodhisattva, so müssen wir uns ebenso inspirieren lassen von dem Bodhisattva, der einst der Maitreya Buddha werden wird. Und dieser Bodhisattva inspiriert uns so, daß er darauf aufmerksam macht: Die Zeit rückt heran, wo der Christus in neuer Form, in einem ätherischen Leibe, eine Gnade sein wird für diejenigen Menschen, welche durch eine neue Essäerweisheit die neuen Kräfte entwickeln in der Zeit, wo die Wiederkunft des Christus im ätherischen Gewände an die Menschen belebend herantreten wird. Ganz im Sinne des inspirierenden Bodhisattva, der der Maitreya Buddha werden soll, wollen wir reden. Wir wissen dann, daß wir nicht im Sinne irgendeines Religionsbekenntnisses von dem Christus reden, wie er wiederum wahrnehmbar werden soll für den physischen Plan, und wir scheuen uns nicht zu sagen: Uns wäre gleichgültig, wenn wir etwas anderes sagen müßten, weil wir es als Wahrheit erkennen. Wir haben auch keine Vorliebe für irgendeine orientalische Religionslehre, sondern wir leben nur für die Wahrheit. Wir sprechen es mit den Formeln aus, die wir kennenlernen aus der Inspiration des Bodhisattva selber, wie die künftige Erscheinung des Christus sein wird.




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