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Das Matthaus-Evangelium

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ELFTER VORTRAG

Bern, 11. September 1910

Auf die Versuchungsgeschichte, die wir darstellen konnten als Impuls für eine besondere Art der Einweihung, folgte das, was der Christus Jesus zunächst seinen Jüngern als Verbreiter der alten Lehren in einer vollständig neuen Form werden konnte, sodann, was er werden konnte nicht nur als Verbreiter von Lehren, sondern, wenn der Ausdruck gebraucht werden darf, als Kraft, als gesundende Kraft der Menschen. Das ist dargestellt in den Heilungen. Dann haben wir gestern jenen Übergang gemacht, der, wie ich sagte, einigen guten Willen zum Verständnis voraussetzt, guten Willen, der sich ergibt aus einer Verarbeitung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse, wie man sie im Laufe von Jahren in sich aufgenommen haben kann. Wir haben den Übergang gemacht zu jener eigentümlichen Art von lebendiger Belehrung durch Übergabe von Kräften, die ausgingen von dem Christus Jesus und sozusagen in die Seelen seiner Jünger einstrahlten. Und wir haben versucht, so gut es ging, ein gewaltiges Mysterium mit Menschenworten auszudrücken. Wir haben versucht, darauf aufmerksam zu machen, wie diese Lehre war, die der Christus Jesus seinen Jüngern zu geben hatte. Er war eine Art Sammelpunkt, ein Sammelwesen für Kräfte, die aus dem Makrokosmos in die Verhältnisse der Erde einflössen und zu den Seelen der Jünger hinströmen sollten, und die nur durch jene Kräfte gesammelt werden konnten, die in der Wesenheit des Christus Jesus vereinigt waren. Die Kräfte, welche sonst den Menschen nur unbewußt während des Schlafzustandes zuströmen, sie strömten aus Weltenweiten durch die Wesenheit des Christus Jesus den Jüngern zu als die belehrenden und belebenden Kräfte des Kosmos selber. In den Einzelheiten kann man natürlich diese Kräfte, welche aufklärende Kräfte über das Weltendasein sind, nur charakterisieren, wenn man sich einläßt auf die verschiedenen Konstellationen im Kosmos. Und auf dieses Mysterium werden wir heute noch, insofern es das Matthäus-Evangelium darstellt, hinzuweisen haben. Vorerst aber haben wir uns klarzumachen, wie die Jünger zunehmen mußten an Weisheit gegenüber den Verhältnissen der Erde dadurch, daß die Kräfte des Christus Jesus auf sie hinüberstrahlten. Sie mußten sozusagen in sich selber, in ihrem Leben, in ihrer lebendigen Weisheit wachsen, wachsen in der verschiedensten Weise.

Nun wird uns gerade eine eigentümliche Art in dem Wachstum eines der Jünger oder Apostel dargestellt. Aber wir werden dieses einzelne, besonders Bedeutsame in dem Leben eines Apostels nur verstehen, wenn wir es aus einem großen Zusammenhange herausholen. Da müssen wir uns klarmachen, daß der Mensch ja in der Menschheitsevolution fortschreitet. Wir machen nicht umsonst Inkarnation nach Inkarnation durch. So haben wir in der nachatlantischen Zeit nicht umsonst Inkarnationen durchgemacht innerhalb der ersten nachatlantischen Kulturperiode, der indischen, dann in der persischen Kulturperiode, in der ägyptisch-chaldäischen, in der griechisch-lateinischen und so weiter, sondern diese Inkarnationen machen wir durch als die große Lebensschule, damit wir in jeder dieser Inkarnationen aus den Verhältnissen, die in diesen Kulturperioden vorhanden sind, etwas aus der Umgebung aufnehmen. Dadurch wachsen wir allmählich. Und worin besteht dieses Wachstum des Menschen durch die einzelnen Epochen der Menschheitsevolution hindurch?

Der Mensch hat ja, wie wir aus den elementarischen Anschauungen der Anthroposophie wissen, verschiedene Glieder seiner Wesenheit. Wenn wir sie in unserem Sinne aufzählen wollen, haben wir physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, mit dem Astralleib verknüpft die Empfindungsseele, dann die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewußtseinsseele. Dann haben wir an höheren Gliedern der menschlichen Natur, zu denen wir uns hinaufentwickeln: Geistselbst, Lebensgeist und den Geistesmenschen. Nun wurde uns in der Tat in jeder der nachatlantischen Kulturepochen etwas gegeben für diese einzelnen Glieder unserer Menschennatur. So wurde in der ersten Epoche, in der altindischen Kultur, dem Menschen etwas an Kräften eingefügt, wodurch er in seinem Ätherleibe mehr wurde, als er früher war. Was ihm in dieser Beziehung eingeprägt werden sollte in seinen physischen Leib, das wurde ihm schon in den letzten Zeiten der atlantischen Periode eingefügt. Mit dem Ätherleibe dagegen beginnen jene Gaben, die dem Menschen während der nachatlantischen Zeit zukommen sollten. So wurden ihm in der altindischen Zeit die Kräfte gegeben, die seinem Ätherleibe eingepflanzt werden sollten; dann in der urpersischen Zeit die Kräfte, die seinem astralischen Leibe, dem Empfindungsleibe, eingepflanzt werden sollten; während der ägyptisch-chaldäischen Zeit die Kräfte für die Empfindungsseele. Während der vierten Kulturperiode, der griechisch-lateinischen Zeit, wurden ihm eingeprägt die Kräfte der Verstandes- oder Gemütsseele; und jetzt leben wir in dem Zeitalter, wo die entsprechenden Kräfte, die in diese Linie gehören, nach und nach der Bewußtseinsseele eingeprägt werden sollen. In diesem Einprägen ist die Menschheit noch nicht sehr weit vorgeschritten. Dann wird ein sechster nachatlantischer Zeitraum kommen, wo in die Menschennatur eingeprägt werden die Kräfte des Geistselbst und im siebenten Kulturzustande die Kräfte des Lebensgeistes. Und dann blik- ken wir auf ferne Zukünfte hin, wo uns der Geistesmensch oder Atma in dem normalen Menschentum eingeprägt werden soll.

Nun betrachten wir diese menschliche Entwickelung in bezug auf den einzelnen Menschen. Wie wir jetzt den Menschen betrachten müssen, so betrachten ihn stets die, welche von den wahren Verhältnissen dieser Dinge aus den heiligen Mysterien heraus etwas wußten. So mußten ihn auch nach und nach betrachten lernen die Jünger durch die belebende, belehrende Kraft, die ausströmte von dem Christus Jesus und auf sie überging. Wir können daher sagen: Wenn wir den Menschen betrachten - jetzt oder auch zur Zeit des Christus Jesus -, so liegen in ihm Anlagen, wie zum Beispiel in einer Pflanze Anlagen liegen, die auch schon dann vorhanden sind, wenn die Pflanze nur die grünen Blätter und noch nicht Blüte und Frucht hat. Eine solche Pflanze, die nur grüne Blätter hat, schauen wir an und wissen: So wahr die Pflanze da ist, hat sie schon in sich die Anlage zur Blüte und zur Frucht, die sie entwickeln wird, wenn alles regelmäßig geht. So wahr aus der Pflanze, auch wenn sie erst die grünen Blätter hat, herauswachsen Blüte und Frucht, so gewiß ist es, daß aus dem Menschen, der, wie es zur Zeit des Christus Jesus der Fall war, nur Empfindungsseele und Verstandes- oder Gemütsseele hat, die Bewußtseinsseele herauswächst, die sich dann öffnet dem Geistselbst, damit die oberste Drei- heit als Neues wie eine göttlich-geistige Gabe dem Menschen zufließen kann. Deshalb können wir sagen: Der Mensch entfaltet sich aus dem, was seine Seeleninhalte, was seine Seeleneigenschaften sind. So, wie sich die Pflanze, die nur grüne Blätter hat, zu Blüte und Frucht entfaltet, so entfaltet sich der Mensch in der Weise, daß er aus Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele etwas wie eine Blüte seines Wesens dem entgegenhält, was ihm als ein Göttliches von oben herunterkommt, damit er durch den Empfang des Geistselbst einen weiteren Weg in die Höhen der Menschheitsentwickelung durchmachen kann.

In dieser Weise konnten die Menschen, die zur Zeit des Christus Jesus bloß das Äußere ganz normal entwickelt hatten, sagen: Ja, jetzt ist erst normalerweise die Verstandes- oder Gemütsseele entwickelt, die noch nicht ein Geistselbst in sich aufnehmen kann, aber es wird sich aus demselben Menschen, der jetzt die Verstandes- oder Gemütsseele als Höchstes entwickelt hat, herausentwickeln als sein Kind, als sein Ergebnis, die Bewußtseinsseele, die sich dann öffnen kann dem Geistselbst.

Und was der Mensch nach seiner ganzen Wesenheit sozusagen als seine Blüte entfalten mußte, was da aus ihm herauswuchs, was sich ergab aus seiner Natur, wie nannte man das in den Mysterien? Wie mußte man es daher auch in der Umgebung des Christus Jesus nennen, wenn die Jünger wirklich vorwärtskommen wollten? Man nannte es - wenn wir es in unsere Sprache übersetzen wollen - mit dem Ausdruck «Sohn des Menschen»; denn das griechische Wort Greek Text 1 hat durchaus nicht die eingeschränkte Bedeutung unseres «Sohn» als «Sohn eines Vaters», sondern dessen, was sich ergibt als Nachkomme einer Wesenheit, was herauswächst aus einer Wesenheit wie die Blüte aus einer bisher nur blättertragenden Pflanze. Daher konnte man, als die normalen Menschen noch nicht in der Bewußtseinsseele jene Blüte ihrer Wesenheit entwickelt hatten, noch nichts von dem Greek Text 1 in sich hatten, sagen: Ja, die normalen Menschen haben noch nichts von dem «Sohn des Menschen» entwickelt, aber es muß ja immer Menschen geben, die ihrem Geschlechte voranschreiten, die schon in einer früheren Zeit das Wissen und das Leben einer späteren Epoche in sich haben. Unter den Führern der Menschheit muß es solche geben, die im vierten Zeitraum, wo normalerweise nur die Verstandes- oder Gemütsseele entwickelt ist, trotzdem sie äußerlich ausschauen wie die anderen Menschen, doch innerlich schon die Möglichkeit der Bewußtseinsseele entwickelt haben, in die hineinleuchtet das Geistselbst. - Und solche «Menschensöhne» gab es. Und die Jünger des Christus Jesus sollten daher heranwachsen zum Verstehen, welches die Natur und Wesenheit dieser Führer der Menschheit ist.

Da fragte der Christus Jesus, um sich zu überzeugen, wie sie darüber denken, zunächst seine intimen Schüler, seine Jünger: Sagt mir etwas davon, von welchen Wesen, von welchen Menschen man sagen kann, daß sie Menschensöhne sind diesem Geschlecht? - So etwa müßte man die Frage stellen, wenn man sie im Sinne der aramäischen Urschrift des Matthäus-Evangeliums stellen wollte; denn ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß in der griechischen Übertragung, wenn man sie gut versteht, zwar noch alles besser ist, als es heute ausgelegt wird, daß aber trotzdem notwendigerweise manches bei der Übertragung aus der aramäischen Urschrift undeutlich geworden ist. Also müssen wir uns den Christus Jesus vor seinen Jüngern stehend denken und sie fragend: Was herrscht als Anschauung darüber, wer von jenen Menschen des vorangegangenen Geschlechts, die schon in den griechisch-lateinischen Zeitraum hineingehörten, Menschensöhne wären? Da zählten sie ihm auf: Elias, Johannes der Täufer, Jeremias und sonstige Propheten. Das wußten die Jünger durch die belehrende Kraft, die ihnen durch den Christus geworden war, daß jene Führer Kräfte in sich aufgenommen hatten, durch die sie hinaufgewachsen waren bis zum Insichtragen des Menschensohnes. Bei derselben Gelegenheit gab einer der Jünger, der Petrus gewöhnlich genannt wird, noch eine andere Antwort (Matth. 16,13-16).

Um diese andere Antwort zu verstehen, müssen wir uns ganz fest in die Seele geschrieben sein lassen, was wir gerade in den verflossenen Tagen als die Mission des Christus Jesus im Sinne des Matthäus-Evangeliums gezeigt haben: daß durch den Christus-Impuls für die Menschen die Möglichkeit gegeben war, das volle Ich-Bewußtsein auszubilden, das, was in dem «Ich bin» liegt, zur höchsten Blüte zu bringen. Mit anderen Worten: Auch in der Initiation sollten die Menschen gegen die Zukunft hin so in die höheren Welten hineinwachsen, daß das Ich-Bewußtsein, das wir als normale Menschen heute nur für die physische Welt haben, voll erhalten bleibt bei allen Wegen in die höheren Welten hinauf. Daß dies sein kann, wurde ermöglicht durch das Dasein des Christus Jesus in der physischen Welt. So dürfen wir sagen: Es ist der Christus Jesus der Repräsentant derjenigen Kraft, welche der Menschheit das volle Bewußtsein des «Ich bin» gegeben hat.

Ich habe schon besonders darauf hingewiesen, wie die Evangelieninterpretationen der freisinnigen oder gar evangeliengegnerischen Richtungen gerade das Wichtige gewöhnlich nicht betonen. Sie weisen immer darauf hin, daß einzelne Wortfolgen der Evangelien und so weiter schon früher irgendwo vorgekommen sind. So zum Beispiel könnten sie darauf hinweisen, daß selbst der Inhalt der Seligpreisungen schon früher da war. Aber, was nicht da war - darauf müssen wir immer wieder hinweisen was früher nicht unter Aufrechterhaltung des Ich-Bewußtseins der Menschen erreicht werden konnte, das wird durch den Christus-Impuls für die menschliche Eigenheit erreicht werden können! Das ist außerordentlich bedeutsam. Ich habe die einzelnen Glieder der Seligpreisungen auseinandergelegt und habe gezeigt, daß es im ersten Satze heißen muß: «Selig sind die Bettler um Geist», weil nach der Menschheitsevolution derjenige Mensch arm an Geist ist, der nicht mehr hineinschauen kann in die geistige Welt im Sinne des alten Hellsehens. Aber den Trost und die Aufklärung gibt ihnen der Christus : Wenn sie auch nicht mehr durch die alten Hellseherorgane hineinschauen können in die geistige Welt, so werden sie jetzt durch sich selbst, durch ihr Ich hineinschauen können, denn: «Durch sich selber werden sie finden die Reiche der Himmel!» (Matth. 5,3). Ebenso der zweite Satz: «Selig sind, die da Leid tragen» (Matth. 5,4). Sie brauchen nicht mehr hineinzuwachsen durch das alte Hellsehervermögen in die Sphären der geistigen Welt; sie werden ihr Ich so entwickeln, daß sie hinaufwachsen können in die geistige Welt. Aber dazu muß das Ich immer mehr und mehr die Kraft aufnehmen, die in dem Christus als in einer einzigartigen Wesenheit einmal auf der Erde verankert war.

Es sollten die gegenwärtigen Menschen ein klein wenig gerade bei solchen Sachen wirklich überlegen: Nicht umsonst steht in diesen Seligkeiten der Bergpredigt überall in jedem einzelnen Satze ein griechisches Wort, das sehr wichtig ist: Greek Text 2. Wenn wir also den ersten Satz nehmen: «Selig sind die Bettler um Geist», so würde es dann weiter heißen: «In ihnen selbst» - oder «durch sich selbst werden sie haben die Reiche der Himmel.» Auf dieses «in ihnen selbst» wird immer hingedeutet; im zweiten Satz, im dritten Satz und so weiter, immer wird darauf hingewiesen. - Verzeihen Sie, wenn ich Sie jetzt auf etwas Großes in bezug auf unsere Zeit in einer sehr trivialen Weise hinweise. Unsere Zeit wird sich entschließen müssen, das Wort Greek Text 3 «auton» - was in unserem «Automobil» liegt - nicht bloß auf Maschinen anzuwenden, nicht immer nur in der äußerlichsten Weise zu verstehen, sondern sie wird sich entschließen müssen, auch auf dem geistigen Gebiete die Eigenheit des Greek Text 4 der Inbetriebsetzung zu verstehen. Das ist etwas, was unsere Zeit wohl als eine Mahnung aufnehmen darf: In bezug auf Maschinen liebt sie das Durch-Eigenheit-in-Betrieb-Setzen; aber in bezug auf das, was früher außerhalb des Ich-Bewußtseins war, und was in allen alten Mysterien bis zum Christus-Ereignis hin außerhalb des Ich-Bewußtseins erlebt wurde, sollte die Menschheit auch lernen das Durch-Eigen- heit-in-Betrieb-Setzen, so daß der Mensch nach und nach der selbstschöpferische Urheber von alledem werden kann. Und das wird gerade die heutige Menschheit verstehen lernen, wenn sie sich mit dem Christus-Impuls durchdringen wird.

Wenn wir dies ins Auge fassen, werden wir sagen: Es bedeutet die Frage, welche der Christus Jesus nach der anderen Seite an die Jünger stellte, noch etwas ganz Besonderes. Erst fragte er: Wer könnte von denen, welche die Führer waren dieses Geschlechtes, als ein Menschensohn bezeichnet werden? Und die Jünger wiesen hin auf einzelne der Führer. Dann fragte er noch etwas anderes. Er wollte es allmählich dahin bringen, daß sie seine eigene Natur verstehen, daß sie verstehen, was er repräsentiert für die Ichheit. Das liegt in der anderen Frage: «Und was denkt ihr, daß ich bin?» Und das «Ich bin» muß in jedem einzelnen Falle gerade in dem Matthäus-Evangelium besonders betont werden. Da gab Petrus eine Antwort, die dahin ging, daß er jetzt den Christus nicht bloß bezeichnete als Menschensohn, sondern daß er ihn bezeichnete - und wir können das Wort immer so übersetzen, wie es gebräuchlich ist - als den «Sohn des lebendigen Gottes». Was ist im Gegensatz zum «Menschensohn» der «Sohn des lebendigen Gottes»? Um diesen Begriff zu verstehen, müssen wir die Tatsachen ergänzen, die wir vorhin ausgesprochen haben.

Der Mensch, haben wir gesagt, entwickelt sich so hinauf, daß er in seiner Wesenheit die Bewußtseins seele entfaltet, in der das Geistselbst erscheinen kann. Wenn er aber die Bewußtseinsseele entwickelt hat, müssen ihm Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch gleichsam entgegensteigen, damit seine sich öffnende Blüte diese obere Dreiheit aufnehmen kann. Diese Hinaufentwickelung des Menschen können wir auch graphisch darstellen gleichsam wie eine Hinaufentwickelung von einer Art Pflanze:

Diagram 1

In der Bewußtseinsseele öffnet sich der Mensch, und es kommt ihm entgegen das Geistselbst oder Manas, der Lebensgeist oder die Budhi und der Geistesmensch oder Atma. Das ist also etwas, was gleichsam dem Menschen als das Geistbefruchtende von oben entgegenkommt. Während der Mensch mit den anderen Gliedern von unten heraufwächst und sich öffnet zur Blüte des Menschensohnes, muß ihm, wenn er weiterschreitet und das vollständige Ich-Bewußtsein aufnehmen will, von oben entgegenkommen, was ihm entgegenbringt Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Und der Repräsentant dessen, was ihm von oben heruntergebracht wird, was in die fernste Menschenzukunft hindeutet, wer ist das ? Die erste Gabe empfangen wir als das Geistselbst. Wessen Repräsentant ist der, der die Gabe bringen wird des herunterkommenden Geistselbst ? Das ist der Sohn des Gottes, der lebt, der Lebensgeist, der «Sohn des lebendigen Gottes»!

Also es fragt der Christus Jesus in diesem Augenblick: Was muß durch meinen Impuls an den Menschen herankommen? Dasjenige, was das belebende Geistprinzip von oben ist, muß an den Menschen herankommen! So stehen sich gegenüber der «Menschensohn», der von unten nach oben wächst, und der Gottessohn, der «Sohn des lebendigen Gottes», der von oben nach unten wächst. Die müssen wir unterscheiden. Aber wir müssen es begreiflich finden, daß diese Frage für die Jünger eine schwierigere war. Diese Frage wird Ihnen in ihrer ganzen Schwierigkeit für die Jünger besonders dann vor die Seele treten, wenn Sie bedenken, daß die Jünger ja alles das erst empfingen, was die einfachsten Menschen nach der Zeit des Christus Jesus schon eingepflanzt erhalten haben durch die Evangelien. Die Jünger mußten es alles erst durch die lebendigen Lehrkräfte des Christus Jesus in sich aufnehmen. Es war in den Kräften, die sie bereits entwickelt hatten, keine Verständnisfähigkeit für das, was Antwort geben konnte auf die Frage: Wessen Repräsentant bin ich selber? Da wird daraufhingewiesen, daß einer der Jünger, der Petrus hieß, die Antwort gab: «Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» (Matth. 16,16). Das war in diesem Augenblicke eine Antwort, die, wenn wir so sagen dürfen, nicht aus den normalen Geisteskräften des Petrus heraus war. Und der Christus Jesus - versuchen wir die Sache dadurch lebendig darzustellen, daß wir etwa in gewissem Sinne an die Anschaulichkeit appellieren -, er mußte sich sagen, indem er den Petrus ansah: Es ist viel, daß aus diesem Munde diese Antwort gekommen ist, die sozusagen auf eine fernste Zukunftszeit hindeutet. - Und wenn er dann auf das blickte, was in dem Bewußtsein des Petrus war, was in ihm bereits so war, daß er mit dem Intellekt oder mit den Kräften, zu denen er es durch die Einweihung gebracht hatte, eine solche Antwort geben konnte, dann mußte der Christus sich sagen: Aus dem, was der Petrus bewußt weiß, ist es nicht heraus; da reden jene tieferen Kräfte, die im Menschen sind und die der Mensch erst nach und nach zu bewußten Kräften macht.

Wir tragen in uns physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wir kommen hinauf zum Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen durch Umwandlung der Kräfte des astralischen Leibes, des Ätherleibes und des physischen Leibes. Das ist in der elementaren Geisteswissenschaft oft dargestellt worden. Aber die Kräfte, die wir einmal in unserem Astralleibe als Geistselbst entwickeln werden, sind in unserem Astralleibe schon darinnen; nur sind sie von göttlich-geistigen Mächten darinnen und nicht von uns entwickelt. Und ebenso ist in unserem Ätherleib schon ein göttlich-geistiger Lebensgeist darinnen. Daher sagt der Christus, indem er auf Petrus sieht: Was da gegenwärtig ist in deinem Bewußtsein, das hat nicht aus dir gesprochen; sondern es hat etwas gesprochen, was du erst in der Zukunft entwickeln wirst, was zwar in dir ist, aber wovon du noch nichts weißt. Was schon in deinem Fleisch und Blut ist, kann noch nicht so sprechen, daß das Wort zutage tritt: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes», sondern da reden die tief unter der Schwelle des Bewußtseins liegenden göttlich-geistigen Kräfte, die tiefsten sogar, die in dem Menschen drin- nenstecken. - Das geheimnisvolle Höhere im Petrus, was der Christus den «Vater im Himmel» nennt, die Kräfte, aus denen Petrus zwar geboren ist, deren er sich aber noch nicht bewußt ist, die haben in diesem Augenblick aus ihm gesprochen. Daher das Wort: «Was du als Mensch aus Fleisch und Blut gegenwärtig bist, hat dir das nicht eingegeben, sondern der Vater in den Himmeln» (Matth. 16,17).

Dabei mußte aber der Christus noch etwas anderes sagen. Er mußte sich sagen: In dem Petrus habe ich eine Natur vor mir, einen Jünger, dessen ganze menschliche Konstitution so ist, daß durch die Kräfte, die schon das Bewußtsein entwickelt hat, daß durch die ganze Art und Weise, wie die Geistestätigkeit wirkt, nicht gestört wird die Vaterkraft in ihm; sie ist so stark, diese unterbewußte Menschenkraft, daß er auf sie bauen kann, wenn er sich dieser unterbewußten Menschenkraft überläßt. Das ist das Wichtige in ihm, konnte sich der Christus sagen. Was so in ihm ist, das ist aber auch in jedem Menschen. Nur bewußt ist es noch nicht weit genug, das wird sich erst in der Zukunft entwickeln. Soll sich das, was ich der Menschheit zu geben habe, und wofür ich der Impuls bin, weiter entwickeln und die Menschen ergreifen, so muß es sich auf das begründen, was da in dem Petrus eben gesprochen hat: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!» Auf diesen Felsen im Menschen, den noch nicht zerstört haben die brandenden Wogen des schon entwickelten Bewußtseins, was da als die Vaterkraft spricht, darauf will ich das bauen, was immer mehr und mehr hervorsprießen soll aus meinem Impuls. - Und wenn die Menschen diese Grundlage entwickeln, wird sich das ergeben, was die Menschheit des ChristusImpulses sein wird. - Das liegt in den Worten: «Du bist der Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen, was eine Menschengemeinde ergeben kann, was eine Summe von Menschen ergeben kann, die sich zum Christus-Impuls bekennen!» (Matth. 16,18).

So leicht, wie die Diskussionen heute fließen - denn ein besonderer Streit herrscht fast in der ganzen Welt über diese Worte so leicht sind diese Worte, die im Matthäus-Evangelium stehen, wahrhaftig nicht zu nehmen. Sie sind nur zu verstehen, wenn man sie aus der Tiefe jener Weisheit, die zugleich die Mysterienweisheit ist, herausschöpft.

Und jetzt soll klar und deutlich noch etwas anderes gezeigt werden: daß nämlich wirklich auf die tiefere, unterbewußte Kraft in Petrus von dem Christus Jesus gebaut wird. Denn im nächsten Augenblick redet der Christus von den nächsten Ereignissen, die sich abspielen sollen. Von dem, was als das Mysterium auf Golgatha geschehen soll, beginnt er zu reden. Und jetzt ist der Augenblick schon vorbei, wo das tiefer in Petrus Liegende spricht; jetzt spricht das in Petrus, was in ihm schon bewußt ist. Jetzt kann er nicht verstehen, was der Christus damit meint, kann nicht glauben, daß Leiden und Sterben eintreten sollen. Und wo der bewußte Petrus spricht, der schon die bewußten eigenen Kräfte in sich entwickelt hat, da muß ihn der Christus zurechtweisen, indem er sagt: Jetzt redet nicht irgendein Gott, sondern jetzt spricht das, was du schon als Mensch entwickelt hast; das ist unwert, daß es emporwächst; das ist aus einer Lehre der Täuschung; das ist aus Ahriman, das ist des Satans! - Das liegt in dem Wort: «Hebe dich, Satan, von mir! Du bist mir ärgerlich; denn du meinest nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist» (Matth. 16,23). Der Christus nennt ihn gleich den Satan; er wendet gerade das Wort Satan an für Ahriman, während sonst in der Bibel Diabolus steht für alles Luziferische. Da gebraucht der Christus in der Tat für die Täuschung, der sich Petrus noch hingeben muß, das richtige Wort.

So verhalten sich die Dinge wirklich. Was hat nun die moderne, populäre Bibelkritik daraus gemacht? Sie hat gefunden: Es ist doch ganz unmöglich, daß der Christus Jesus gegenübersteht dem Petrus und von ihm das eine Mal sagt: Du hast allein begriffen, daß ein Gott dir gegenübersteht! - während er gleich darauf ihn das andere Mal einen Satan nennt. Und die Bibelkritiker sagen nun: Also muß man daraus schließen, daß das Wort Satan, das Christus zu Petrus gesprochen haben soll, von einem anderen später eingeschoben worden ist, daß es also eine Fälschung ist. - Richtig ist dabei nur, daß die Meinung, die man in der Gegenwart über den tieferen Sinn dieser Worte aus der philologischen Forschung hat, gar nichts wert ist, wenn nicht vorangeht das sachliche Verständnis der biblischen Urkunden. Erst auf Grundlage des sachlichen Verständnisses der Bibel ist es möglich, daß der Mensch wirklich auch etwas sagen kann über die geschichtliche Entstehung der entsprechenden Urkunden.

Aber zwischen diesen beiden Worten, die ich angeführt habe, liegt noch ein anderes. Und das werden wir nur verstehen können, wenn wir ins Auge fassen eine uralte und doch immer neue Mysterienlehre, die Lehre, daß der Mensch, so wie er auf der Erde ist, und nicht nur der Mensch selbst, sondern eine jede Menschengemeinde, eine Art Abbild ist für dasjenige, was im großen Kosmos, im Makrokosmos vor sich geht. Wir haben das insbesondere schildern können bei der Besprechung der Abstammung des Jesus von Nazareth. Wir haben gesehen, wie jenes Wort, das zu Abraham gesprochen ist, eigentlich bedeutet: «Deine Nachkommenschaft soll sein ein Abbild der Ordnung der Sterne am Himmel» (l.Mose 22,17). Was am Himmel ist als die Ordnung der zwölf Sternbilder und als der Gang der Planeten durch den Tierkreis, das soll sich wiederholen in den zwölf Stämmen und in dem, was das hebräische Volk durchmacht durch drei mal vierzehn Generationen hindurch. Also in der Aufeinanderfolge der Generationen mit der eigentümlichen Vererbung durch die Blutsverbände in den zwölf Stämmen soll ein Abbild der makrokosmischen Verhältnisse gegeben werden. Das ist dem Abraham gesagt worden.

In dem Augenblick, da der Christus Jesus den Petrus gegenüber hat, der in seiner tieferen Natur begreifen kann, was eigentlich mit dem Christus-Impuls gegeben ist - die hinunterfließende geistige Kraft durch den Sohn des lebendigen Gottes da weiß der Christus, daß er die Umstehenden darauf hinweisen kann, daß jetzt auf der Erde etwas Neues beginnt, ein neues Abbild gegeben werden kann. Während für Abraham in der Blutsverwandtschaft das Abbild der kosmischen Verhältnisse gegeben war, soll jetzt in den ethisch-moralisch-geistigen Verhältnissen ein Abbild dessen geformt werden, was der Mensch durch sein Ich werden kann. Wenn die Menschen verstehen werden in demselben Sinne, wie es die bessere Natur in Petrus versteht, was der Christus ist, dann werden sie nicht nur solche Gemeinschaften, solche Ordnungen einführen, die auf Blutsverwandtschaft beruhen, sondern solche, welche bewußt von Seele zu Seele das Band der Liebe spinnen. Das heißt: Wie in dem jüdischen Blute, in den Fäden, die durch die Generationen hindurchgingen, zusammengefügt war, was im Menschengeschlecht zusammengefügt werden sollte nach dem Vorbild des Makrokosmos, und wie das, was auseinandergelöst war im Menschengeschlecht, eben auch auseinandergelöst war nach den Ordnungen am Himmel, so sollte jetzt aus dem bewußten Ich heraus in den ethisch-moralisch-geistigen Verhältnissen dasjenige entstehen, was die Menschen trennt oder in Liebe zusammenhält. Die Ordnungen der Menschen sollten geformt werden oder harmonisiert werden aus dem bewußten Ich heraus. Das liegt in den Worten, die der Christus Jesus spricht als Fortsetzung der Antwort, die er dem Petrus gegeben hat: «Was du auf Erden binden wirst - was die tiefere Natur in dir bindet -, das ist dasselbe, was im Himmel gebunden ist, und was dieselbe Natur hier unten löst, das ist etwas, was auch im Himmel gelöst wird» (Matth. 16,19).

In den alten Zeiten lag alle Bedeutung des Menschenzusammenhanges in der Blutsverwandtschaft. Immer mehr und mehr aber soll der Mensch hineinwachsen in die geistigen, moralischen, spirituellen Verbände. Wenn wir das ins Auge fassen, müssen wir sagen: Es muß dem Menschen dasjenige, was er als Gemeinde gründet, etwas werden. Wenn wir anthroposophisch sprechen, können wir sagen: Das Einzel- karma des Menschen muß sich verbinden mit dem Karma von Gemeinschaften. Sie können es schon durchaus wissen aus dem, was in den verflossenen Jahren ausgeführt worden ist. Wie es nicht der Karma- idee widerspricht, wenn ich einem Armen etwas schenke, ebensowenig widerspricht es der Karmaidee, wenn einem Menschen dasjenige, was er als sein Einzelkarma hat, von einer Gemeinde abgenommen wird. Die Gemeinde kann mittragen das Los des einzelnen. Das Karma kann so verbunden werden, daß die Gemeinde mitträgt an dem Karma des einzelnen. Es kann mit anderen Worten folgendes im moralischen Zusammenhange eintreten: Das einzelne Glied innerhalb dieser Gemeinde begeht etwas Unrechtes. Das wird ganz gewiß in das Karma der einzelnen Persönlichkeit eingeschrieben sein, und es muß im großen Weltzusammenhange ausgetragen werden. Aber es kann sich ein anderer Mensch finden, der sagt: Ich helfe dir das Karma austragen! - Erfüllt muß das Karma werden, aber der andere kann ihm helfen. So können ganze Gemeinden dem helfen, der ein Unrecht begangen hat. Es kann der einzelne sein Karma so mit der Gemeinde verflochten haben, daß er, weil die Gemeinde ihn als eines ihrer Glieder betrachtet, etwas, was ihn betrifft, bewußt abgenommen erhält, daß die ganze Gemeinde mitfühlt und mit will den einzelnen bessern; so daß die Gemeinde sprechen kann: Du einzelner hast unrecht getan, aber wir treten für dich ein! Wir übernehmen das, was zur Ausbesserung des Karma führt. - Will man die Gemeinde «Kirche» nennen, so legt sich die Kirche damit die Verpflichtung auf, die Sünden des einzelnen auf sich zu nehmen, sein Karma mitzutragen. Es handelt sich nicht um das, was man heute Sündenvergebung nennt, sondern um ein reales Band, um ein Aufsichnehmen von Sünden. Und darum handelt es sich, daß die Gemeinde dies bewußt auf sich nimmt.

Wenn man in dieser Art und Weise das «Binden» und «Lösen» versteht, dann müßte man bei jeder Sündenvergebung, wenn man sie richtig versteht, an die Verpflichtung denken, die der Gemeinde da heraus erwächst. So spinnt sich dadurch, daß die Fäden der einzelnen verwoben werden in das Karma der ganzen Gesellschaft, ein Netz. Und dieses Netz soll durch das, was der Christus heruntergebracht hat aus geistigen Höhen, in seiner Charakteristik ein Abbild sein der Ordnung am Himmel, das heißt, nach der Ordnung der geistigen Welt soll das Karma des einzelnen mit dem Gesamtkarma verbunden sein, nicht in beliebiger Weise, sondern so, daß der Gemeindeorganismus ein Abbild der Ordnung im Himmel werde. Damit beginnt diese Szene des sogenannten Petrus-Bekenntnisses für die, welche anfangen sie zu verstehen, einen unendlichen tiefen Sinn zu haben. Es ist sozusagen die Stiftung der auf die Ich-Natur gebauten Menschheit der Zukunft. Das ist es, was in diesem vertraulichen Gespräch zwischen dem Christus und seinen nächsten Schülern sich abspielt, daß der Christus überträgt die Kraft, die er aus dem Makrokosmos herunterbringt, auf das, was die Jünger stiften sollen. Und von jetzt ab ist es im Matthäus-Evangelium Schritt für Schritt ein Hinaufführen der Jünger zu dem, was in sie einfließen kann von der Sonnenkraft und Kosmoskraft, welche die Christus-Wesenheit sammelt, um sie auf die Jünger zu übertragen. Wir wissen ja, daß die eine Seite der Initiation ein Hinausgehen in den Makrokosmos ist. Und weil der Christus der Impuls zu einer solchen Initiation ist, deshalb führt er seine Jünger, indem er sie führt, hinaus in den Kosmos. Wie der einzelne zu Initiierende, wenn er diese Initiation durchmacht, bewußt hineinwächst in den Makrokosmos und Stück für Stück von ihm kennenlernt, so schreitet der Christus gleichsam den Makrokosmos ab, zeigt überall die Kräfte, die da spielen und hereinströmen, und überträgt sie auf die Jünger.

Ich habe gestern schon an einer Stelle darauf hingewiesen, wie das geschieht. Stellen wir uns so recht die Szene vor: Ein Mensch schläft ein. Dann liegen im Bette physischer Leib und Ätherleib, während von ihm astralischer Leib und Ich ausgegossen sind in den Kosmos und die Kräfte des Kosmos in diese Glieder eindringen. Träte nun der Christus da zu ihm, so würde er die Wesenheit sein, die ihm bewußt diese Kräfte heranzieht und beleuchtet. So ist es aber gerade mit der Szene, die uns dargestellt wird: Die Jünger fahren hin in der letzten Nachtwache; da sehen sie, daß das, was sie erst für ein Gespenst angesehen haben, der Christus ist, der die Kraft des Makrokosmos in sie einfließen läßt (Matth. 14,25-26). Es ist handgreiflich dargestellt, wie er die Jünger hinführt zu den Kräften des Makrokosmos.

Und die nächsten Szenen des Matthäus-Evangeliums stellen nichts anderes dar, als wie der Christus die Jünger hinausführt Schritt für Schritt die Wege, die der zu Initiierende geht. Es ist so, wie wenn der Christus selbst das durchmachte und Schritt für Schritt seine Jünger an den Händen führte an die Stätten, wohin der zu Initiierende geführt wird. Ich will Ihnen eines sagen, an dem Sie so recht sehen können, wie Schritt für Schritt der Christus die Jünger hinausführt in den Makrokosmos.

Wenn man lebendige Anschauungen hat von der geistigen Welt, und wenn die hellseherischen Kräfte heranwachsen, lernt man so manches kennen, was man vorher nicht kennen kann. So lernt man erkennen, wie eigentlich zum Beispiel der Zusammenhang in den fortschreitenden Wachstumsverhältnissen der Pflanze ist. Der materialistische Sinn wird von der Pflanze sagen: Hier habe ich eine Blüte - nehmen wir an eine Blüte, die Früchte trägt da wird sich Same entwickeln. Den Samen kann man herausnehmen, kann ihn in die Erde versenken, das Samenkorn verfault, und es erscheint eine neue Pflanze, die auch wieder Samen trägt. So geht es von Pflanzensproß zu Pflanzensproß weiter. Der materialistische Sinn wird dabei denken, daß irgend etwas von dem verfaulenden Samenkorn übergeht in die neue Pflanze. Der materialistische Sinn kann gar nicht anders denken als, wenn es auch noch so klein, noch so winzig ist, so muß doch irgend etwas materiell übergehen. Aber so ist es nicht. Tatsächlich wird in bezug auf das Materielle die ganze alte Pflanze zerstört. Es geschieht ein Sprung in bezug auf das Materielle, und die neue Pflanze ist materiell etwas ganz Neues. Es geschieht tatsächlich eine Neubildung.

Man lernt nun die wichtigsten Verhältnisse in der Welt dadurch kennen, daß man dieses eigentümliche Gesetz begreifen und anwenden lernt auf den ganzen Makrokosmos, daß in der Tat in bezug auf die materiellen Verhältnisse Sprünge geschehen. Das hat man in den Mysterien in ganz besonderer Weise ausgedrückt. Man hat gesagt: Es muß der zu Initiierende beim Hinaus schreiten in den Kosmos auf einer Stufe die Kräfte kennenlernen, die diese Sprünge bewirken. Nun lernt man etwas kennen im Kosmos, wenn man in irgendeiner Richtung geht, die dadurch ausgedrückt wird, daß man die Sternbilder zu Hilfe nimmt. Die sind dann wie Buchstaben. Wenn wir so in einer bestimmten Richtung hinauswachsen, erleben wir das Überspringen von dem Vorfahren zu dem Nachkommen, sei es auf dem Gebiet des Pflanzlichen, des Tierischen, des Menschlichen, oder sei es auf dem Gebiete des planetarischen Daseins; denn auch zum Beispiel beim Übergang vom Saturn zur Sonne ging alles Materielle verloren. Das Geistige blieb, alles Materielle zerstob. Das Geistige war es, das den Sprung bewirkte. Ebenso war es beim Übergang von Sonne zu Mond, vom Mond zur Erde. Im kleinsten und im größten ist das so. - Es gibt nun zwei Zeichen, ein altes, wodurch man bildlicher, mehr in imaginativer Schrift darstellte, und dann ein neueres Zeichen als Darstellung für das Sprunghafte. Das neue können Sie in den Kalendern finden. Wenn die Evolution weitergeht, ringelt das alte sich ein, etwa wie eine Spirale, und die neue Evolution geht dann wie eine zweite Spirale aus der alten hervor, indem sie von innen nach außen weitergeht. Aber es geht die neue Evolution nicht so weiter, daß sie sich unmittelbar an die alte anschließt, sondern zwischen dem Ende der alten und dem Beginn der neuen ist ein kleiner Sprung, dann erst geht es weiter.

Diagram 2

So erhalten wir diese Figur: Zwei sich ineinanderschlingende Spiralen, in der Mitte ein kleiner Sprung: das Zeichen des Krebses, das uns symbolisieren soll das Hinauswachsen in den Makrokosmos und darstellen soll das Entstehen irgendeines neuen Sprosses innerhalb irgendeiner Evolution.

Nun gab es noch ein anderes Zeichen in der Darstellung dieser Verhältnisse. So sonderbar es ihnen scheinen mag, es war so gebildet, daß man einen Esel und sein Füllen abbildete, den Vorfahren und den Nachkommen. Das sollte darstellen das eigentliche Übergangs Verhältnis von einem Zustand in den anderen. Und in der Tat wird sogar das Sternbild des Krebses in alten Abbildungen sehr häufig so dargestellt, daß man einen Esel und sein Füllen abbildete. Das zu wissen ist nicht unwichtig. Es ist eine wichtige Lehre für den Menschen zum Verständnis dessen, daß auch beim Aufstieg in den Makrokosmos ein solcher wichtiger Übergang ist, indem der Mensch hinaufwächst in die geistige Welt, aber dann an ganz neue Erleuchtungen anknüpfen muß. Das wird ganz richtig dargestellt, indem man es in der Sternensprache so darstellt, wie wenn die physische Sonne durchgeht durch das Sternbild des Krebses und, nachdem sie den höchsten Punkt erreicht hat, wieder einen Abstieg durchmacht. So ist es auch, wenn der zu Initiierende erst durchmacht den Aufstieg in die geistige Welt, um die Kräfte kennenzulernen, und dann die Kräfte, wenn er sie erkannt hat, wieder herunterträgt, um sie der Menschheit dienstbar zu machen.

Daß der Christus Jesus dies den Jüngern vorführt, wird im Matthäus-Evangelium (Matth. 21,1-11) wie auch in den anderen Evangelien erzählt. Und es wird so erzählt, daß er nicht durch das bloße Wort wirkt, sondern daß er seinen Jüngern vorführt die Imagination, das lebendige Bild dessen, was er selbst vollzieht, wo er entgegengeht jener Höhe, zu der in der Zeit die Menschheit durch ihre Entwickelung hinansteigen soll. Da gebraucht er das Bild des Esels und seines Füllens; das heißt, er führt die Jünger an das Verstehen dessen hin, was im geistigen Leben entspricht dem Sternbild des Krebses. Das ist also ein Ausdruck für etwas, was sich zugetragen hat in dem geistiglebendigen, spirituellen Verhältnis zwischen dem Christus und seinen Jüngern. Und das ist etwas von solcher Majestät und Größe, daß es nicht ausgedrückt werden kann, indem man Menschenworte aus irgendeiner Sprache wählt, sondern nur dadurch, daß der Christus die Jünger hineinführt in die Verhältnisse der spirituellen Welt und ihnen in den physischen Verhältnissen Abbilder schafft für die makrokosmische Welt. Da führt er sie hinauf bis zu der Stelle, wo die Kräfte des InitÜerten wieder nutzbar werden für die Menschheit. Da steht er auf der Höhe, die nur angedeutet werden kann, indem er sagt: Er steht in der Sonnenhöhe in dem Zeichen des Krebses! Kein Wunder daher, wenn das Matthäus-Evangelium an dieser Stelle darauf aufmerksam macht, daß das Christus-Leben für seine Erdenzeit auf seiner Höhe angekommen ist, und mächtig daraufhinweist mit den Worten: «Hosianna in der Höhe!» Da ist jeder Ton so gewählt, daß durch das, was da geschieht, die Jünger heranwachsen, damit wiederum durch das, was in ihnen vorgeht, in der Menschheit heranwachsen kann, was durch den Christus Jesus in die Entwickelung der Menschheit hat hineingebracht werden können.

Und die nachfolgende Passahgeschichte ist dann nichts anderes als das jetzt real-lebendige Einfließen dessen, was zuerst einfließen sollte in die Jünger als eine Lehre und dann magisch einfließen soll in die Menschheit durch die Kräfte, die vom Mysterium von Golgatha ausgegangen sind. So müssen wir den weiteren Fortgang des MatthäusEvangeliums begreifen. Wir werden dann auch begreifen, wie der Schreiber des Matthäus-Evangeliums sich immer bewußt geblieben ist, daß er sozusagen aufmerksam zu machen hat auf den Kontrast zwischen der lebendigen Lehre, die aus den kosmischen Höhen gehört worden ist, und die für die Jünger gilt, und demjenigen, was den Außenstehenden entgegentreten kann, die nicht empfänglich sind für die Kräfte des Christus Jesus selber. Deshalb treten uns jene Ausführungen entgegen in den Gesprächen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern, die wir morgen betrachten wollen. Heute aber wollen wir noch darauf aufmerksam machen, daß der Christus Jesus, nachdem er seine Jünger so weit geführt hat, als es ging, und sie hat teilnehmen lassen an den Stätten, wohin der zu Initiierende geführt wird, er ihnen auch noch in Aussicht gestellt hat, daß, wenn sie diesen Weg gehen, sie selber erleben werden das Hineinwachsen in die geistige Welt des Makrokosmos. Er sagt ihnen, daß sie selber die Veranlagung zur Initiation haben, daß sie ihnen bevorsteht, und daß sie sich hinausleben werden in die makrokosmische Welt, wo sie die wahre Natur des Christus immer mehr und mehr werden erkennen können als desjenigen Wesens, das alle geistigen Räume erfüllt, und das sein Abbild gehabt hat in dem Jesus von Nazareth. Daß sie zu dieser Initiation heranreifen, daß sie Menschheitsinitiierte werden, das mußte der Christus seinen Schülern sagen. Er konnte sie noch darauf aufmerksam machen, daß man zur selbständigen Initiation nur heranwachsen kann, indem man in Geduld und Ausdauer das Innere reifen läßt.

Was muß denn heranwachsen im Inneren des Menschen, wenn das Innere immer mächtiger wird, und wenn der Mensch die hellseherische, höhere Kraft entwickelt? Seine Anlagen müssen so heranwachsen, daß er aufnehmen kann die Kräfte des Geistselbst, des Lebensgeistes und des Geistesmenschen. Wann es aber eintreten wird, daß jene Kraft von oben in ihn her einleuchten wird, welche den Menschen zum Initiierten, zum Teilnehmer macht an den Reichen der Himmel, das hängt ab von dem Augenblicke, in dem der Mensch reif werden kann; es hängt ab von dem Karma des einzelnen. Wer weiß das? Nur die höchsten Initiierten wissen das. Das wissen die, welche auf niederen Stufen der Initiation stehen, noch nicht. Ist irgendeine Individualität reif, hineinzuwachsen in die geistige Welt, so kommt auch für sie die Stunde des Hinein Wachsens. Gewiß, sie kommt, aber sie kommt so, daß es sich der Mensch nicht versieht, sie kommt «wie der Dieb in der Nacht» (Matth. 24,43). Aber wie wächst der Mensch hinein in die geistige Welt?

Die alten und in gewisser Beziehung auch die neueren Mysterien hatten drei Stufen für die makrokosmische Einweihung. Die erste Stufe war die, wo der Mensch so hineinwuchs, daß er alles wahrnahm, was man durch das Geistselbst wahrnehmen kann. Da ist er nicht nur ein Mensch im neuen Sinne, sondern da ist er zu dem hinaufgewachsen, was man im Sinne der Hierarchien die Engelnatur nennt; das ist die nächste über dem Menschen stehende Hierarchie. So nannte man in den persischen Mysterien auch den, der hineinwuchs in den Makrokosmos, so daß das Geistselbst in ihm tätig war, entweder einen «Perser», weil ein solcher nicht mehr ein einzelner war, sondern dem Engel des persischen Volkes angehörte. Oder man nannte solche Mensehen direkt Engel oder Gottesnaturen. Die nächste Stufe ist dann die, wo der Lebensgeist entsprechend erwacht. Einen Menschen auf dieser Stufe nannte man entweder einen « Sonnenhelden» im Sinne der persischen Mysterien, weil er dann aufnahm die Kraft der Sonne, sich von unten heraufentwickelte zu den Kräften der Sonne, wo die geistige Kraft der Sonne der Erde entgegenkam, man nannte ihn aber auch einen «Sohn des Vaters». Und denjenigen, in den das Atma oder der Geistesmensch hineinragte, nannte man in den alten Mysterien den «Vater». Das waren die drei Stufen des zu Initiierenden: Engel, Sohn oder Sonnenheld und Vater.

Nur die höchsten Initiierten haben ein Urteil darüber, wann im Menschen die Initiation erwachen kann. Daher sagte der Christus: Die Initiation wird kommen, wenn ihr auf den Wegen weiterschreitet, die ich euch jetzt geführt habe. Ihr werdet aufsteigen in die Reiche der Himmel, aber die Stunde ist weder bekannt den Engeln, die mit dem Geistselbst initiiert sind, noch dem Sohn, dem mit dem Lebensgeist Initiierten, sondern nur den höchsten Eingeweihten, die mit dem «Vater» initiiert sind. - Daher spricht hier wieder ein Wort des MatthäusEvangeliums zu uns, das absolut konform ist mit der Mysterientradition. Und wir werden sehen, daß die Verkündigung des Reiches der Himmel nichts anderes ist als die Voraussage an die Jünger, daß sie die Initiation erleben werden. Daß er das meint, darüber spricht sich der Christus Jesus des Matthäus-Evangeliums noch besonders aus (Matth. 24). Wenn man die Stelle richtig liest, um die es sich da handelt, kann man es mit Händen greifen, daß der Christus auf gewisse Lehren hinweisen will, die damals im Umlauf waren über das Hinaufwachsen in die Reiche der Himmel. Man hatte dieses Hinaufwachsen in die Reiche der Himmel materiell genommen, indem man glaubte, daß die ganze Erde hinaufwachsen würde, während man hätte wissen müssen, daß nur einzelne zu Initiierende durch ihre Initiation hinaufwachsen; das heißt, es entstand die Anschauung bei einzelnen, daß demnächst in materieller Weise eine Transformation der Erde in den Himmel stattfinden werde. Und der Christus macht noch besonders darauf aufmerksam, indem er sagt, daß welche kommen werden, die das behaupten. Er nennt sie Lügenpropheten und falsche Messiasse (Matth. 24,24).

Deshalb ist es ganz sonderbar, daß heute noch einige der Evangelienerklärer davon fabeln, daß die Anschauung von einem materiell herannahenden Gottesreich eine Lehre des Christus Jesus selber gewesen sei. Wer das Matthäus-Evangelium wirklich lesen kann, der weiß, daß das, was der Christus Jesus meint, ein spiritueller Vorgang ist, zu dem der zu Initiierende hinaufwächst, zu dem aber auch im Laufe der Erdenentwickelung die ganze Menschheit, welche sich an den Christus hält, hinaufwachsen wird, aber hinaufwachsen wird, indem sich die Erde selber vergeistigt.

Auch von dieser Seite müssen wir tiefer hineinblicken in das ganze Gefüge des Matthäus-Evangeliums, und wir bekommen dann auch vor diesem Evangelium jene große Ehrfurcht insbesondere auch dadurch, daß wir sozusagen in keinem anderen Evangelium so leicht dahin geführt werden können, förmlich zu belauschen, wie der Christus Jesus zuerst vom Ich-Standpunkte aus seine Schüler belehrt. Wir sehen seine Schüler um ihn stehen und sehen, wie durch den Menschenleib das hindurchwirkt, was die Kräfte des Kosmos sind. Wir sehen, wie er seine Jünger an der Hand führt, damit sie kennenlernen können, was der zu Initiierende lernen kann. Wir belauschen menschliche Verhältnisse, wie sie sich bilden können um den Christus Jesus. Das macht uns das Matthäus-Evangelium zu einem so menschlich nahen Produkt. Wir lernen so recht durch das Matthäus-Evangelium den Menschen Jesus von Nazareth, den Träger des Christus, kennen. Wir lernen alles kennen, was er wirkt, indem er sich herabläßt in die menschliche Natur. Ja, auch die Himmelsvorgänge sind in den Tatsachen des Matthäus-Evangeliums in so recht menschliche Verhältnisse gekleidet.

Wie dies auch für die anderen, nicht nur für die Verhältnisse der Initiation der Fall ist, davon in dem nächsten, letzten Vortrag.




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