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Das Matthaus-Evangelium

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ZWÖLFTER VORTRAG

Bern, 12. September 1910

Wenn wir die Entwickelung der Menschheit ins Auge fassen, wie sie im Sinne unserer Geisteswissenschaft fortschreitet von Stufe zu Stufe, so muß uns als das Bedeutsamste innerhalb der menschlichen Evolution erscheinen, daß der Mensch, durch die einzelnen Epochen hindurch sich immer wieder verkörpernd, aufsteigt, gewisse höhere Vollkommenheitsgrade erreicht, um endlich nach und nach jene Ziele zu Wirkenskräften in seinem Innersten zu machen, die für die einzelnen planetarischen Entwickelungsstufen eben die angemessenen sind. So sehen wir auf der einen Seite den hinaufsteigenden Menschen, der im Auge hat bei dieser Hinaufentwickelung sein Gottesziel. Aber der Mensch würde sich zu solchen Höhen, zu denen er sich entwickeln soll, niemals entwickeln können, wenn ihm nicht gewissermaßen zu Hilfe kämen Wesenheiten, welche im Weltganzen andere Wege der Entwickelung durchgemacht haben als der Mensch. Von Zeit zu Zeit, so können wir es etwa ausdrücken, kommen Wesen aus anderen Sphären in unsere Erdenevolution herein und verbinden sich mit der menschlichen Entwickelung, um den Menschen zu ihren eigenen Höhen hinaufzuheben. Das können wir, sogar für die früheren planetarischen Zustände unseres Erdendaseins, im großen ganzen dadurch ausdrücken, daß wir sagen: Schon auf der alten Saturnstufe haben erhabene Wesenheiten, die Throne, ihre Willenssubstanz hingeopfert, damit daraus geformt werden konnte die erste Anlage des physischen Menschenleibes. Das ist nur ein Beispiel im großen. Aber es steigen immerzu - des Ausdruckes darf man sich dabei wohl bedienen - Wesenheiten, welche in ihrer Entwickelung dem Menschen voran- geeiit sind, herab zu dem Menschen, verbinden sich mit der menschliehen Evolution dadurch, daß sie zeitweilig innerhalb einer Menschenseele wohnen, innerhalb einer menschlichen Wesenheit, wie man wohl auch sagt, Menschengestalt annehmen, oder wenn man es trivialer ausdrücken will, wie eine Kraft in der menschlichen Seele auftreten, welche diese Menschenseele, sie inspirierend, durchdringt; so daß ein solches Menschenwesen, das von einem Gott durchseelt ist, innerhalb der menschlichen Evolution mehr wirken kann als sonst ein Mensch.

Solche Dinge hört unsere alles nivellierende, alles mit materialistischen Vorstellungen durchdringende Zeit nicht gern. Ich möchte sagen, nur ein letztes Rudiment hat unsere Zeit von dieser Anschauung, die jetzt eben ausgesprochen worden ist. Daß etwa irgendein Mensch gewissermaßen durchdrungen wäre von einer aus höheren Regionen herabgestiegenen Wesenheit, die zu ihm, dem Menschen, spricht, das würde der moderne Mensch als einen furchtbaren Aberglauben ansehen, wenn man ihm jemals zumuten würde, so etwas zu glauben. Aber ein Rudiment davon hat sich der Mensch wenigstens erhalten auch in unsere materialistische Zeit hinein, obwohl er dieses Rudiment in einen ihm unbewußten Wunderglauben hüllt, nämlich, er hat sich bewahrt, an das Auftreten von genialen Persönlichkeiten, von Genies hie und da zu glauben. Aus der großen Masse der Menschen ragen auch für das gewöhnliche moderne Bewußtsein Genies hervor, von denen man sagt: In ihrer Seele keimen andere Fähigkeiten als sonst in der menschlichen Natur hervor. An solche Genies glaubt man wenigstens noch in unserer Zeit. Aber es gibt auch schon Kreise, wo man an Genies nicht mehr glaubt und sie hinwegdekretieren will, weil man innerhalb der materialistischen Denkweise keinen Tatsachensinn mehr hat für das geistige Leben. Aber in weiten Kreisen ist der Glaube an Genies noch vorhanden. Und wenn man nicht bei einem leeren Glauben stehenbleiben will, muß man sagen, daß durch ein Genie, welches die Menschheitsevolution weiterbringen will, eine andere Kraft aus der Menschennatur herausspricht, als es die gewöhnlichen Menschenkräfte sind. Würde man allerdings auf diejenigen Lehren sehen, die den wahren Tatbestand solcher Genies kennen, so würde man in einem solchen Falle, wo ein derartiger Mensch auftritt, der plötzlich wie besessen ist von etwas außerordentlich Gutem, Großem und Gewaltigem, sich klar darüber sein, daß eine geistige Kraft herabgestiegen ist und gleichsam Besitz ergriffen hat von dem Ort, wo nun einmal solche Wesenheiten wirken müssen, nämlich vom Inneren des Menschen selber.

Dem anthroposophisch Denkenden sollte es von vornherein einleuchtend sein, daß diese zwei Dinge möglich sind: das Hinaufentwickeln des Menschen der Gotteshöhe entgegen und das Heruntersteigen göttlich-geistiger Wesenheiten in menschliche Leiber oder menschliche Seelen. In dem «Rosenkreuzermysterium» ist an einer Stelle darauf aufmerksam gemacht worden, daß, wenn irgend etwas Bedeutungsvolles in der Menschheitsevolution geschehen soll, sich sozusagen ein Gotteswesen mit einer Menschenseele verbinden muß und sie durchdringen muß. Das ist ein Erfordernis der Menschheitsevolution.

Um dies in bezug auf unsere irdische Geistesentwickelung zu verstehen, wollen wir uns erinnern, wie die Erde in den Zeiten ihres Anfanges noch mit der Sonne verbunden war, die heute von ihr abgetrennt ist. Später haben sich dann in einem Zeitpunkt urfernster Vergangenheit Sonne und Erde einmal getrennt. Natürlich weiß der An- throposoph, daß es sich dabei nicht um eine bloß materielle Trennung der Erdenmaterie und Sonnenmaterie handelt, sondern um das Auseinandertreten der mit der Sonne oder mit den anderen materiellen Planeten verbundenen göttlich-geistigen Wesenheiten. Nach der Trennung der Erde von der Sonne blieben mit der Erde gewisse geistige Wesenheiten verbunden, während mit der Sonne andere geistige Wesenheiten verbunden blieben, die, weil sie über die Erdenverhältnisse hinausgewachsen waren, ihre weitere kosmische Entwickelung nicht auf der Erde vollenden konnten. So haben wir die Tatsache, daß eine Art von geistigen Wesenheiten mit der Erde enger verbunden blieb, während andere Wesenheiten von der Sonne herein ihre Wirkungen in das Erdendasein sandten. Wir haben also sozusagen nach der Sonnentrennung zwei Schauplätze: den Erdenschauplatz mit seinen Wesenheiten und den Sonnenschauplatz mit seinen Wesenheiten. Diejenigen geistigen Wesenheiten nun, die dem Menschen aus einer höheren Sphäre her dienen können, das sind eben die, welche mit der Sonne außerhalb der Erde ihren Schauplatz verlegt haben. Und aus dem Bereich der Wesenheiten, die zum Sonnenschauplatz gehören, kommen diejenigen Wesen, die sich von Zeit zu Zeit verbinden mit dem Menschentum der Erde, um die Erdenevolution und Menschheitsentwickelung weiterzuführen.

In den Mythen der Völker finden wir immer wieder und wieder solche «Sonnenhelden», solche aus der geistigen Sphäre in die Evolution der Menschheit hereinwirkende Wesenheiten. Und ein Mensch, der durchsetzt, durchdrungen ist von einer solchen Sonnenwesenheit, ist in bezug auf das, als was er uns zunächst äußerlich entgegentritt, eine Wesenheit, die eigentlich viel mehr ist, als sie uns zeigt. Das Äußere ist eine Täuschung, eine Maja, und hinter der Maja ist das eigentliche Wesen, das nur der ahnen kann, der hineinschauen kann in die tiefsten Tiefen einer solchen Natur.

In den Mysterien wußte und weiß man immer von dieser zweifachen Tatsache in bezug auf den Entwickelungsgang der Menschheit. Man unterschied und unterscheidet sozusagen aus der geistigen Sphäre heruntersteigende göttliche Geister und von der Erde hinaufsteigende, zur Einweihung in die geistigen Geheimnisse strebende Menschen. - Mit was für einer Wesenheit haben wir es nun bei dem Christus zu tun?

Wir haben gestern gesehen, daß er in der Bezeichnung «Christus, der Sohn des lebendigen Gottes», eine herabsteigende Wesenheit ist. Wollte man ihn mit einem Wort der orientalischen Philosophie benennen, so würde man ihn eine «avatarische» Wesenheit nennen, einen herabsteigenden Gott. Aber wir haben es nur von einem bestimmten Zeitpunkt an mit einer solchen herabsteigenden Wesenheit zu tun. Was uns als eine solche erscheinen muß, schildern uns die vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, alle vier. In dem Moment der Johannes-Taufe steigt diese Wesenheit sozusagen aus dem Bereich des Sonnendaseins herab auf unsere Erde und vereinigt sich mit einer menschlichen Wesenheit. Nun müssen wir uns klar sein, daß im Sinne der vier Evangelisten diese Sonnenwesenheit eine größere ist als alle anderen avatarischen Wesenheiten, als alle anderen Sonnenwesen, die jemals herabgestiegen sind. Daher verlangt sie, daß ihr sozusagen von dem Menschen aus eine besonders zubereitete Menschenwesenheit entgegenwächst.

Also von dem Sonnenwesen, von dem « Sohn des lebendigen Gottes », der dem Menschen entgegenkommt zu seiner Entwicklung, berichten uns alle vier Evangelisten. Von jenem Menschen aber, der entgegenwächst, um aufnehmen zu können dieses Sonnenwesen, berichten uns nur die Schreiber des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums. Sie berichten, wie der Mensch dreißig Jahre entgegenstrebt dem großen Augenblick, da er das Sonnenwesen in sich selber aufnehmen kann. Und weil die Wesenheit, die wir als die Christus-Wesenheit bezeichnen, eine so universelle, eine so umfassende ist, so genügt es nicht, daß in einfacher Weise die körperlichen und leiblichen Hüllen zubereitet werden, welche dieses Sonnenwesen aufnehmen können. Dazu ist notwendig, daß dem heruntersteigenden Sonnenwesen entgegenwächst eine ganz besonders zubereitete physische und ätherische Hülle. Woher sie genommen worden sind, haben wir gesehen, als wir das Matthäus-Evangelium betrachteten. Aber aus derselben Wesenheit heraus, aus welcher im Sinne des Matthäus-Evangeliums die physische und ätherische Hülle für jenes Sonnenwesen zubereitet worden sind, die aus den zweiundvierzig Generationen des hebräischen Volkes heraus vorbereitet worden sind, aus denselben Hüllen konnte nicht zugleich vorbereitet werden die astralische Hülle und nicht der Träger des eigentlichen Ich. Dafür war eine besondere Veranstaltung nötig, die durch eine andere menschliche Wesenheit erzielt wurde, von der uns das Lukas-Evangelium erzählt, indem es uns die Jugendgeschichte des sogenannten nathanischen Jesus berichtet. Dann haben wir gesehen, daß die beiden eins werden, der Matthäus- und der Lukas-Jesus, indem die Wesenheit, die als Ich-Wesenheit zuerst Besitz ergriff von den leiblichen Hüllen, welche das Matthäus-Evangelium schildert, nämlich die Zarathustra-Individualität, den zwölfjährigen MatthäusJesus verläßt und hinüberdringt in den nathanischen Jesus des LukasEvangeliums, um dort weiterzuleben und auszubilden den astralischen Leib und Ich-Träger mit den Errungenschaften, welche sie sich angeeignet hatte in dem besonders zubereiteten physischen Leibe und Ätherleibe des Matthäus-Jesus, damit dann die oberen Glieder heranreifen können und die heruntersteigende Wesenheit aus den oberen Regionen im dreißigsten Jahre aufnehmen können.

Wollten wir den ganzen Hergang im Sinne des Matthäus-Evangeliums schildern, so müßten wir sagen, der Schreiber des MatthäusEvangeliums richtete zunächst seinen Blick darauf: Welcher physische Leib und welcher Ätherleib können dazu dienen, einmal die Christus-Wesenheit auf der Erde wandeln zu lassen? Und aus dem, was er erfahren hatte, beantwortete er die Frage in folgender Weise. Damit dieser physische Leib und dieser Ätherleib damals zubereitet werden konnten, dazu war es notwendig, daß durch die zweiundvierzig Generationen des hebräischen Volkes hindurch alle die Anlagen, die einst in Abraham gelegt worden waren, sich voll entwickelten, damit durch die Vererbung zustande kamen jener physische Leib und Ätherleib, wie sie eben notwendig waren. Dann beantwortete er die Frage weiter, indem er sich sagte: Ein solcher physischer Leib und Ätherleib könnten nur dann die Instrumente, die Werkzeuge hergeben, wenn die größte Individualität, welche die Menschheit zum Empfange und zum Verständnis für den Christus vorbereitet hat, die Zarathustra- Individualität, zunächst diese Werkzeuge benutzt. Sie kann sie benutzen, soweit diese Werkzeuge die Möglichkeit einer Entwickelung hergeben, bis zum zwölften Jahre; dann muß sie verlassen den Leib des Matthäus-Jesus und gleichsam hinübertreten in den Leib des LukasJesus. Da lenkt nun der Schreiber des Matthäus-Evangeliums seinen Blick von dem, worauf er zuerst gerichtet war, hinweg zu dem LukasJesus und verfolgt nun das Leben des Zarathustra weiter bis zum dreißigsten Jahre. Das ist der Moment, wo Zarathustra auch den astralischen Leib und den Ich-Träger so weit gebracht hat, daß er jetzt alles hinopfern konnte, damit von oben herunter der Sonnengeist, das Wesen der geistigen Sphären, davon Besitz ergreifen kann. Das wird in der Johannes-Taufe angedeutet.

Wenn wir uns nun noch einmal zurückerinnern an jene Trennung der Erde von der Sonne und uns gegenwärtig halten, daß ja diejenigen Wesenheiten sich dazumal mit von der Erde getrennt haben, deren oberster Anführer der Christus ist, so werden wir sagen: Es gibt Wesenheiten, die erst nach und nach ihre Wirkung auf die Erde ausdehnen, wie auch der Christus erst im Laufe der Zeit seinen Einfluß auf die Erde hat geltend machen können. Aber mit der Sonnentrennung war noch etwas anderes verbunden. Da müssen wir uns an etwas erinnern, was auch schon wiederholt ausgeführt worden ist: daß das alte Saturndasein ein verhältnismäßig einfaches war in bezug auf Substantialität. Es war ein Dasein in Feuer oder Wärme. Auf dem alten Saturn gab es noch nicht Luft und Wasser, aber auch noch nicht den Lichtäther. Das trat erst während des Sonnendaseins auf. Dann kam während des Mondendaseins als weiterer Verdichtungszustand das Wässerige und als weiterer Verfeinerungszustand der Tonoder Klangäther hinzu. Und während des Erdendaseins kam das Feste, der erdige Zustand als Verdichtungszustand hinzu und als Verdünnungszustand das, was wir den Lebensäther nennen. So haben wir also auf der Erde Wärme, Luft oder Gasförmiges, Wässeriges oder Flüssiges und den festen oder erdigen Zustand und als Verdünnungs- zustände, Lichtäther, Ton- oder Klangäther und Lebensäther, den feinsten Ätherzustand, den wir kennen.

Nun hat sich mit der Sonnentrennung nicht nur das Materielle der Sonne herausbewegt aus der Erde, sondern damit war zu gleicher Zeit das Geistige fortgegangen. Es kam nach und nach erst wieder zurück auf die Erde, aber es kam nicht vollständig zurück. Das habe ich schon in München bei der Betrachtung des «Sechstagewerkes» auseinandergesetzt, daher will ich es hier nur kurz erwähnen. Von den höheren, gleichsam ätherischen Zuständen nimmt der Mensch auf der Erde die Wärme wahr, den Wärmeäther, und allenfalls noch das Licht. Was er als Ton wahrnimmt, ist nur ein Abglanz des eigentlichen Tones, der im Äther ist; das ist eine Vermaterialisierung. Wenn man von Klangäther spricht, meint man den Träger dessen, was bekannt ist als Sphärenharmonie, was nur hellhörerisch zu hören ist. Die Sonne sendet zwar, wie sie jetzt physisch ist, der Erde ihr Licht zu, aber in der Sonne lebt auch dieser höhere Zustand.

Schon öfter wurde gesagt: Es ist nicht ein leeres Wort, wenn Leute, die das wissen, dann etwa sprechen wie Goethe:

«Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.»

Daist hingewiesen auf die Sphärenharmonie, auf das, was im Klangäther lebt. Das kann aber der Mensch nur erleben, wenn er sich durch die Initiation hinaufarbeitet, oder wenn ein Sonnenwesen heruntersteigt, um es irgendeinem Menschen, der ausersehen wird zu einem Instrument der Entwickelung für die anderen Menschen, mitzuteilen. Für einen solchen Menschen beginnt die Sonne zu tönen, beginnen die Sphärenharmonien hörbar zu werden. - Und über dem Klangäther liegt noch der Lebensäther. Und wie dem bloßen Ton als höherer Inhalt, als Inneres, Seelenhafteres noch zugrunde liegt das Wort, der Klang oder Sinn, so ist auch mit dem Lebensäther verbunden Sinn, Wort, dasselbe, was man im späteren Persischen «Honover» genannt hat, und was der Johannes-Evangelist den «Logos» nennt, als sinnvollen Ton, der dem Sonnenwesen eigen ist.

Zu jenen Begnadeten, die im Laufe der Zeit dieser tönenden Sonne, dieser sprechenden Sonne mit ihren Wesenheiten nicht bloß sozusagen taub gegenüberstanden, gehörte in frühen Zeiten unserer nachatlantischen Entwickelung eben Zarathustra. Und es ist nicht ein bloßer Mythos, sondern eine buchstäbliche Wahrheit, daß auch Zarathustra seinen Unterricht empfangen hat durch das Sonnenwort. Er war fähig geworden, dieses Sonnenwort aufzunehmen. Und jene überwältigenden, majestätischen Lehren, die der alte Zarathustra seinen Schülern gegeben hat, was waren sie im Grunde genommen? Sie waren das, was man so bezeichnen kann: Zarathustra war ein Werkzeug, und durch ihn tönte hindurch der Klang, der Sinn des Sonnenwortes selber. Daher spricht die persische Legende von dem Sonnenwort, das sich verkündet durch den Mund des Zarathustra, von dem geheimnisvollen Wort, das hinter dem Sonnendasein steckt. So spricht sie, wenn sie vom astralischen Leib der Sonne spricht, von Ahura Mazdao; aber sie spricht auch von dem Sonnenwort, das man dann in der griechischen Übersetzung den Logos genannt hat.

Wenn wir auf den alten Zarathustra blicken, sehen wir an ihm, daß selbst eine so hohe Persönlichkeit noch nicht in jenen alten Zeiten so initiiert war, um bewußt aufzunehmen, was da zum Menschen sprechen sollte, daß eine solche Persönlichkeit gleichsam durchseelt war von einem Höheren, zu dem sie sich noch nicht hinaufentwickelt hatte. Zarathustra konnte lehren von Ahura Mazdao, weil sich ihm die Sonnenaura enthüllte, weil die geistige Wesenheit Ahura Mazdao in ihm tönte, weil durch ihn sprach das Sonnenwort, die Große Aura, das Weltenlicht. Es war gleichsam das äußere Körperliche des Sonnengottes, der zu dem Menschen seine Wirkungen voraussandte, schon vorhanden, als sie ihn noch nicht auf der Erde selber hatten. Und das Sonnenwort war dann mehr das Innerliche. - So könnte man etwa im Sinne des Zarathustra sagen, er lehrte die, welche seine Jünger waren: Ihr müßt euch klar sein, daß hinter dem physischen Sonnenlichte ein geistiges Licht ist. Wie hinter dem physischen Menschen sein Astralisches, die Aura ist, so ist hinter der Sonne die Große Aura. Diese physische Sonne ist aber gleichsam als der Lichrieib eines Wesens anzusehen, das einst auf die Erde herabkommen wird; es ist gewissermaßen das äußere Leibliche, das man durch hellseherische Anschauung kennenlernt, und in diesem Leiblichen ist noch ein Inneres, Seelisches darinnen. So wie durch den Ton ein Seelisches sich ausdrückt, so dringt durch das Mittel der Sonnenaura das Sonnenwort, der Sonnenlogos. Und das konnte Zarathustra der Menschheit versprechen : daß kommen werde einst aus den göttlich-geistigen Sphären die Große Aura, das Lichtwesen, und daß die Seele des Lichtwesens das Sonnenwort sein werde. Das ist etwas, was wir - als in der Quelle - zuerst bei dem alten Zarathustra zu suchen haben. Wie eine Prophetenweisheit vom Kommen der Sonnenaura und des Sonnenwortes haben wir es bei Zarathustra zu suchen.

Und nun hat es fortgelebt von Epoche zu Epoche in den Mysterien, daß der Menschheit prophezeit ist das Kommen des Sonnenlogos, des Sonnenwortes. Und immerdar war das der große Trost und die Hoffnung derjenigen, die innerhalb der Menschheitsentwickelung sich sehnten nach Höherem. Und immer genauere Lehren konnten die kleineren Sonnengeister geben, die sich mit der Erde vereinigten, und die im Grunde genommen Abgesandte waren vom Sonnenwort, vom Geiste des Sonnenlichtes, von der Sonnenaura.

Das war die eine Seite der Mysterientradition, wie sie durch die Epochen ging. Das andere war, daß die Menschen lernen und auch in der Praxis üben sollten, daß man entgegenwachsen kann dem, was da heruntersteigt auf die Erde. Aber es war in der vorchristlichen Zeit noch nicht so, daß man den Glauben haben konnte, der Mensch könne ohne weiteres als ein schwacher einzelner Mensch entgegenwachsen dem größten Sonnenwesen, dem Führer der Sonnengeister, dem Christus. Das war nicht möglich, daß ein einzelner Mensch durch irgendeine Initiation das erreichen konnte. Daher schildert das MatthäusEvangelium, wie gleichsam alle Säfte des hebräischen Volkes aufgerufen worden sind, um einen solchen Menschen zustande zu bringen. Und auf der anderen Seite wird im Lukas-Evangelium durch die siebenundsiebzig Stufenfolgen dargestellt, wie das Beste, was überhaupt der Erdenmensch sein konnte, gleichsam filtriert wurde, um dem größten Wesen, das auf die Erde heruntersteigen sollte, den entsprechenden Leib entgegenwachsen zu lassen.

Nun war es in den Mysterien so, daß man es natürlich bei denen, welche man zu lehren hatte, auf die man wirken sollte, sozusagen mit schwachen Menschen zu tun hatte, daß man es keineswegs etwa überall mit solchen Menschen zu tun hatte, die den ganzen Umfang dessen sich aneignen konnten, was der Menschheit bevorsteht, oder was ein einzelner Mensch durch seine Evolution erreichen kann. Daher gliederten sich in den alten Mysterien die, welche in die Mysteriengeheimnisse eingeweiht werden sollten, in gewisse Klassen, die in der verschiedensten Weise herantreten sollten an die Geheimnisse. Es gab solche, die sozusagen in besonderer Weise darauf hingewiesen wurden, wie mehr der äußere Mensch leben müsse, was der äußere Mensch vollbringen müsse, damit er ein geeignetes Instrument, ein Tempel der herabsteigenden Sonnenwesenheit sein kann. Aber auch solche Schüler der Mysterien gab es, die man mehr darauf aufmerksam machen mußte, was die Seele ganz still in sich entwickeln müsse, wenn sie zum Verständnis, zum Fühlen und Erleben eines Sonnengeistes kommen wollte. Können Sie sich vorstellen, daß es natürlich war, daß es in den Mysterien Schüler gab, welche sozusagen die Aufgabe hatten, ihr äußerliches Leben in der Weise einzurichten, und auf die dementsprechend achtgegeben wurde von früher Kindheit an, daß ihr Leib eine solche Entwickelung nahm, daß sie Träger, Tempel werden konnten für einen herabsteigenden Sonnengeist? Das war in den alten Zeiten der Fall, und es ist im Grunde genommen auch in den neueren Zeiten so, nur merkt man es nicht innerhalb der äußeren materialistischen Weltanschauungen.

Nehmen wir an, es kommt die Zeit, wo heruntersteigen soll ein höheres Wesen aus geistigen Sphären, um der Menschheit wieder einen Ruck vorwärts zu geben. Diejenigen, die in den Mysterien dienen, haben abzuwarten, wann ein solcher Zeitpunkt eintritt; sie haben ja die Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu deuten. In aller Ruhe und Entsagung und ohne viel Aufhebens zu machen, haben sie abzuwarten den Zeitpunkt, wo ein Gott aus Himmelshöhen heruntersteigt, um der Menschheit einen Ruck vorwärts zu geben. Es ist aber auch ihre Aufgabe, achtzugeben auf die äußere Menschheit, damit sich irgendeine Persönlichkeit finde, die gelenkt und geleitet werden kann, damit sie geeignet ist, eine solche Wesenheit aufzunehmen. Wenn nun das Wesen, das heruntersteigen soll, ein ganz besonders hohes ist, so muß im Grunde genommen von der frühesten Kindheit an ein solcher Mensch geleitet werden, der der Tempel sein soll für ein solches Wesen. Das geschieht auch, nur merkt man es nicht. Nur hinterher, wenn man das Leben solcher Menschen beschreibt, findet man darin gewisse Regelmäßigkeiten. Wenn sich auch in bezug auf die Außenseite ihre Lebensverhältnisse in verschiedener Weise darstellen, so haben sie doch eine gewisse Gleichheit. Daher kann man angeben: Wenn wir den Blick zurückwenden in den Lauf der Menschheitsentwickelung, finden wir da und dort Wesenheiten, die einen gewissen gleichförmigen Gang selbst in bezug auf die äußere Biographie haben. Das ist gar nicht zu leugnen. Das ist auch den Forschern der neueren Zeit aufgefallen. Und Sie können in gebräuchlichen, aber nicht sehr tiefgründigen gelehrten Werken Tabellen finden über Ähnlichkeiten der Biographien solcher Persönlichkeiten. So können Sie zum Beispiel bei Professor Jensen, Marburg, zusammengestellt finden Ähnlichkeiten in bezug auf die Biographien des altbabylonischen Gilgamesch, des Moses, des Jesus, des Paulus. Da stellt er ganz hübsche Tabellen auf. Er nimmt gewisse Züge aus dem Leben jeder dieser Persönlichkeiten heraus - diese einzelnen Züge kann man ganz gut gegenüberstellen und es ergeben sich dabei ganz wunderbar merkwürdige Ähnlichkeiten, Ähnlichkeiten, vor denen wirklich unser materialistischer Sinn ganz verblüfft ist. Die Schlußfolgerung, die daraus gezogen ist, ist natürlich die, daß eine Mythe von der anderen abgeschrieben ist, daß der Schreiber des Jesuslebens abgeschrieben hat aus der Biographie des altbabylonischen Gilgamesch, daß die Moses-Biographie nur der Abklatsch eines alten Epos ist. Und die letzte Schlußfolgerung ist dann die, daß keiner von allen, weder Moses noch Jesus noch Paulus, als physische Persönlichkeit existiert habe! Gewöhnlich ahnen die Menschen gar nicht, wie weit heute die sogenannte Forschung ist in bezug auf diese materialistische Ausdeutung der Sache.

Diese Gleichheit in den Biographien rührt aus keinem anderen Umstände her als aus dem, daß tatsächlich solche Persönlichkeiten, die ein Gotteswesen aufnehmen sollen, gleich in der Kindheit schon geführt, gelenkt werden müssen. Und wir brauchen uns darüber gar nicht zu wundern, wenn wir den tieferen Gang der Menschheits- und Weltentwickelung einsehen. Daher ist also nicht nur die vergleichende Mythologie, sondern auch alles Schwelgen in bezug auf ein Herauspressen von Ähnlichkeiten aus den Mythen im Grunde genommen doch nur eine höhere Spielerei. Es kommt dabei nichts heraus. Denn, was nützt es, festzustellen, daß das deutsche Siegfried-Leben und irgendein griechisches oder sonstiges Heldenleben gleiche Züge aufweisen? Es ist selbstverständlich, daß sie gleiche Züge aufweisen. Es kommt gar nicht darauf an, wie die Gewänder ausschauen, sondern wer darinnen steckt! Nicht darauf kommt es an, daß das Siegfried-Leben so und so verläuft, sondern welche Individualität da drinnen ist. Diese Dinge aber können nur durch okkulte Forschung festgestellt werden.

Was wir also hierbei betrachten müssen, das ist, daß solche Menschen, die zum Tempel gemacht werden sollen für ein die Menschheit höher bringendes Wesen, in ihrem Leben in bestimmter Weise geführt werden, und daß sie daher einen in gewisser Beziehung ähnlichen, parallelgehenden Gang in bezug auf die Grundzüge ihres Lebens aufweisen müssen. Seit uralten Zeiten gab es deshalb in den Mysterientempeln immer Vorschriften, was mit solchen Menschen zu geschehen hat. Und unter diesen Vorschriften waren auch in den Essäer- gemeinden solche vorhanden mit Bezug auf den Christus Jesus: wie die Menschenwesen sein müßten, die dann als der salomonische und der nathanische Jesus dem hohen Sonnenwesen, dem Christus, ent-Aber es waren nicht alle in alles eingeweiht. Es gab verschiedene Klassen, Arten von Eingeweihten. So gab es solche, welchen insbesondere klar war, was ein Menschenwesen, das dem Gotte entgegenwachsen sollte, durchzumachen hatte, damit es würdig sein konnte, um den Gott aufzunehmen. Und andere gab es, denen bekannt war, wie sich der Gott verhält, wenn er sich in einem Menschen zeigt, trivial gesprochen, wenn er sich sozusagen als Genie zeigt. Denn das sehen heute auch die Menschen nicht ein, daß die Genien auch etwas ganz Ähnliches zeigen, wenn sie vom Menschen Besitz ergreifen. Aber heute schreibt man ja auch nicht Biographien vom Geiste aus. Denn wenn man etwa den Genius von Goethe vom Geistigen aus beschreiben wollte, würde man eine merkwürdige Ähnlichkeit finden zum Beispiel mit dem Genius Dantes, Homers, Äschylos'. Heute schreibt man aber nicht Biographien vom Geistigen aus, sondern man legt Zettelkästen an, die die Kleinigkeiten in bezug auf das äußere Leben solcher Menschen bezeichnen. Das interessiert die Menschen viel mehr. Und so haben wir heute eine ausgiebige Zettelsammlung in bezug auf das Leben Goethes und noch keine wirkliche Darstellung dessen, was Goethe eigentlich war. Ja, die Menschheit erklärt sich heute in gewisser Beziehung, und tatsächlich mit einem riesigen Hochmute, unfähig dazu, die Evolution des Genies in der menschlichen Persönlichkeit zu verfolgen, und es gibt heute das Bestreben, sagen wir, die allerersten Jugendgestalten einer Dichtung bei unseren großen Dichtern so recht ins Licht zu zerren und besonders groß damit zu tun, daß in diesen Jugendgestalten die Frische und Ursprünglichkeit als etwas Elementares lebt, während in späteren Jahren die Menschen es verloren hätten und alt geworden wären. Aber die wirkliche Tatsache, die dahintersteckt, ist die, daß die Menschen in ihrem Übermut nur die jugendlichen Dichter verstehen wollen und nicht mitgehen wollen mit dem, was die Dichter durchgemacht haben. Die Menschen tun sich ungeheuer viel darauf zugute, daß sie bei der Jugend stehenbleiben; den Alten verachten sie und ahnen gar nicht, daß nicht der Alte «alt» geworden ist, sondern daß sie selbst nur Kinder geblieben sind! Das ist ein weitverbreitetes Übel. Aber da es so tief eingewurzelt ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn so wenig Verständnis dafür vorhanden ist, daß ein Gotteswesen Besitz ergreifen kann von einer menschlichen Persönlichkeit, und daß das SichAusleben solcher Gotteswesen in den verschiedenen Menschenwesen in den verschiedenen Zeiten im Grunde genommen doch ein gleiches ist.

Weil viel dazu gehört, diese tiefen Zusammenhänge zu kennen, verteilte man eben diese Gebiete auf Klassen. Daher dürfen wir uns nicht wundern, daß in gewissen Abteilungen der Mysterien gelehrt worden ist, wie der Mensch sich vorbereitet, um hinaufzuwachsen zum Gotteswesen, während in anderen Klassen gelehrt wurde, wie herunterwächst das in der Aura des Sonnenwesens enthaltene Innere des Lichtwesens, der Logos, das Sonnenwort.

In dem Christus haben wir also das Herunterwachsen auf die aller- komplizierteste Art. Und wir dürften uns gar nicht wundern, wenn noch mehr als vier dazu nötig gewesen wären, um diese große, gewaltige Tatsache zu verstehen. Aber vier bemühten sich darum. Zwei, die Schreiber des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums, bemühten sich darzustellen, wie die Persönlichkeit war, die dem herabkommenden Sonnenwesen entgegenwuchs, Matthäus in bezug auf den physischen Leib und Ätherleib, Lukas in bezug auf den astralischen Leib und Ich-Träger. Markus dagegen kümmert sich nicht um das, was dem Sonnenwesen entgegenwuchs. Er schildert die Sonnenaura, die Große Aura, den Lichtleib, das geistige Licht, das durch die Weltenräume wirkt, und das hereinwirkt in die Gestalt des Christus Jesus. Er beginnt daher gleich mit der Johannes-Taufe, wo heruntersteigt das Weltenlicht. Und im Johannes-Evangelium wird uns die Seele dieses Sonnengeistes geschildert, der Logos, das Sonnenwort, das Innere. Daher ist das Johannes-Evangelium auch das innerlichste der Evangelien.

So haben Sie die Tatsachen verteilt und die komplizierte Wesenheit des Christus Jesus von vier Seiten her geschildert. Daher schildern uns den Christus in dem Jesus von Nazareth alle vier Evangelisten. Aber ein jeder dieser vier Schreiber der Evangelien ist gewissermaßen gezwungen, sich an seinen Ausgangspunkt zu halten; denn davon hat er seinen hellseherischen Blick erlangt, um diese komplizierte Wesenheit überhaupt beschreiben zu können. - Halten wir uns das noch einmal vor Augen, damit es uns wirklich in die Seele dringe.

Matthäus ist gezwungen, den Blick hinzurichten auf die Geburt des salomonischen Jesus und zu verfolgen, wie die Kräfte des physischen Leibes und Ätherleibes zubereitet werden, wie dann diese Hüllen von Zarathustra abgeworfen werden und wie von ihm hinübergetragen wird in den Jesus des Lukas-Evangeliums, was er sich errungen hat im physischen Leibe und Ätherleibe des salomonischen Jesus. Da muß dann der Schreiber des Matthäus-Evangeliums verfolgen, was er anfangs nicht dargestellt hat. Aber er verfolgt hauptsächlich das, wovon er den Anfang genommen hat: die Schicksale dessen, was hinübergegangen ist vom salomonischen Jesus an Errungenschaften und Konsequenzen in den nathanischen Jesus. Er richtet weniger den Blick auf das Elementarische im astralischen Leib und Ich-Träger des LukasJesus, als vielmehr auf das, was aus seinem Jesus hinübergegangen war. Und als er das Sonnenwesen schildert, das heruntergekommen ist, da ist er wieder vorzugsweise auf das bedacht, was der Jesus an Fähigkeiten nur dadurch haben konnte, daß er den physischen Leib und Ätherleib hatte ausbilden können in dem salomonischen Jesus, Das war natürlich auch noch an dem Christus zu bemerken; denn diese Fähigkeiten waren da, und diesen Teil des Christus Jesus, den er zuerst in Aussicht genommen hat, verfolgt er mit besonderer Genauigkeit, weil das für ihn wichtig war.

Der Schreiber des Markus-Evangeliums richtet von Anfang an den Blick auf den vom Himmel herunterkommenden Sonnengeist. Er verfolgt kein irdisches Wesen; sondern, was da im physischen Leibe wandelte, ist ihm nur das Mittel, um darzustellen, was als der Sonnengeist darin gewirkt hat. Er macht daher auf die Tatsachen aufmerksam, die er verfolgen kann, nämlich, wie die Kräfte des Sonnengeistes wirken. Daher stellt sich manches als gleich heraus bei Matthäus und Markus; aber sie haben beide verschiedene Gesichtspunkte. Matthäus schildert mehr den Hüllencharakter und macht besonders aufmerksam, wie sich in späteren Jahren die Eigenschaften zeigen, welche schon in den ersten Jahren aufgenommen waren; und er beschreibt es auch so, daß man sieht, wie diese Eigenschaften besonders wirken.

Der Schreiber des Markus-Evangeliums dagegen benützt förmlich den physisch herumwandelnden Jesus nur, um das zu zeigen, was der Sonnengeist auf der Erde wirken kann. Das geht bis in die Einzelheiten. Wenn Sie die Evangelien wirklich verstehen wollen bis in alle ihre Einzelheiten, so müssen Sie berücksichtigen, daß der Blick der Evangelisten stets auf das gerichtet ist, worauf sie ihn von Anfang an gerichtet haben.

Der Schreiber des Lukas-Evangeliums wird daher besonders im Auge behalten, was ihm wichtig ist: den astralischen Leib und den Ich-Träger, was also diese Wesenheit nicht erlebt als äußere physische Persönlichkeit, sondern als Astralleib, der Träger ist von Gefühlen und Empfindungen. Von schöpferischen Fähigkeiten ist ja auch der Astralleib der Träger. Alles Mitleid, alle Barmherzigkeit fließen aus vom Astralleib, und der Christus Jesus konnte gerade jenes barmherzige Wesen sein, weil er den astralischen Leib des nathanischen Jesus hatte. Daher richtet Lukas von Anfang an den Bück auf alle Barmherzigkeit, auf alles, was der Christus Jesus wirken kann, weil er gerade diesen astralischen Leib in sich trägt.

Und der Schreiber des Johannes-Evangeliums richtet seinen Blick darauf, daß das Höchste, was auf der Erde wirksam werden kann, das Innere des Sonnengeistes, durch das Mittel des Jesus heruntergetragen wird. Ihn geht auch wieder zunächst nicht das physische Leben an, sondern er hat den Blick auf das Höchste gerichtet, auf den reinen Sonnenlogos, und der physische Jesus ist ihm nur Mittel, um zu verfolgen, wie sich der Sonnenlogos in der Menschheit verhält. Und worauf sein Blick von Anfang an gerichtet war, darauf hat er ihn dann immer gerichtet.

Wir blicken als schlafende Menschen auf unsere äußeren Hüllen, auf den physischen Leib und Ätherleib. In diesen beiden Gliedern leben alle die Kräfte, die von göttlich-geistigen Wesenheiten herkommen, die durch Jahrmillionen und Jahrmillionen gearbeitet haben, um diesen Tempel des physischen Leibes herzustellen. In diesem Tempel haben wir seit der lemurischen Zeit gelebt und haben ihn immer mehr und mehr verschlechtert. Aber ursprünglich ist er uns zugekommen durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch. Da lebten und webten göttliche Naturen darinnen. Und wenn wir auf unseren physischen Leib blicken, können wir sagen: Er ist ein Tempel, den uns zubereitet haben die Götter, jene Götter, die aus der festen Materie uns diesen Tempel haben bereiten wollen. - Und in unserem Ätherleib haben wir etwas vor uns, was allerdings die feineren Substantialitäten der Menschenwesenheit enthält, nur kann sie der Mensch deshalb nicht sehen, weil er durch die luziferischen und ahrimanischen Einflüsse nicht fähig ist, sie zu sehen. In diesem Ätherleib lebt auch, was der Sonne angehört. Da tönt herein, was als die Sphärenharmonie tätig war, dasjenige, was hinter dem bloßen Physischen wahrnehmbar von den Göttern ist. Daher können wir von ihm sagen: Im Ätherleibe leben hohe Götter, und gerade solche, die verwandt sind den Sonnengöttern. - So blicken wir auf physischen Leib und Ätherleib als auf die vollkommensten Glieder unserer Wesenheit. Wenn wir sie im Schlafe verlassen haben, wenn sie von uns gefallen sind, sind sie so, wie sie durchwirkt und durchwebt werden von göttlichen Wesenheiten.

Auf den physischen Leib, auf den er von Anfang an sein Hauptaugenmerk gerichtet hatte, mußte der Schreiber des Matthäus-Evangeliums beim Christus Jesus auch weiter sein Hauptaugenmerk richten. Aber der materielle physische Leib war gar nicht mehr vorhanden, denn der war mit dem zwölften Jahre aufgegeben. Doch das Göttliche, die Kräfte waren mit hinübergegangen in den anderen physischen Leib des nathanischen Jesus. Daher war dieser physische Leib des Jesus von Nazareth so vollkommen, weil er seinen Leib durchsetzt hatte mit den Kräften, die er aus dem Leibe des salomonischen Jesus mitgenommen hatte. Nun stellen wir uns vor, wie der Schreiber des Matthäus-Evangeliums hinlenkt den Blick auf den sterbenden Jesus am Kreuz. Immer hat er den Blick auf das gerichtet, was er ganz besonders zu verfolgen hat, auf das, was er von Anfang an als seinen Ausgangspunkt genommen hat. Das Geistige verläßt nun den physischen Leib und damit auch dasjenige, was als Göttliches mitgenommen worden war. Auf die Trennung des Inneren des Christus Jesus von diesem Göttlichen in der physischen Natur, darauf hat der Schreiber des Matthäus-Evangeliums den Blick gerichtet. Und die alten Mysterienworte, die da lauteten immer, wenn die geistige Natur des Menschen heraustrat aus dem physischen Leib, um schauen zu können in der geistigen Welt: Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht! - er ändert sie dahin, daß er sagt, hinschauend auf den physischen Leib: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Matth. 27,46) Du bist von mir weg, hast mich aufgegeben in diesem Moment. - Und der Schreiber des Matthäus-Evangeliums hat auf diesen Moment, auf dieses «verlassen» sein Hauptaugenmerk gerichtet.

Aber der Schreiber des Markus-Evangeliums schildert, wie die äußeren Kräfte der Sonnenaura herankommen, wie die Sonnenaura, der Leib des Sonnenwesens sich verbindet mit dem Ätherleib. Der Ätherleib ist in derselben Lage wie bei uns der Ätherleib im Schlafe. Wie bei uns im Schlafzustande die äußeren Kräfte mit hinausgehen, so gingen sie bei dem physischen Jesus-Tode in gleicher Weise mit. Daher das gleiche Wort im Markus-Evangelium (Mark. 15,34).

Der Schreiber des Lukas-Evangeliums richtet auch bei dem Christus Jesus-Tode seinen Blick auf das, worauf er ihn von Anfang an gerichtet hat: auf astralischen Leib und Ich-Träger. Und er sagt uns daher nicht dieselben Worte. Er richtet auf die anderen Tatsachen sein Hauptaugenmerk, die sich auf den astralischen Leib beziehen, der in diesem Augenblick die höchste Entfaltung erlebt von Barmherzigkeit, von Liebe. Und er verzeichnet daher die Worte: «Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Luk. 23,34) Das ist ein Liebeswort, das allein herauskommen kann aus dem astralischen Leibe, auf den der Schreiber des Lukas-Evangeliums von Anfang an hingewiesen hat. Und was herauskommen kann an Demut und Ergebenheit, das kommt im höchsten Grade heraus aus diesem astralischen Leib, auf den Lukas bis zuletzt seinen Blick richtet. Daher seine Schlußworte: «Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!» (Luk. 23,46.)

Und Johannes schildert das, was zwar von der Erde genommen ist, was aber von dem Menschen in der Erdenordnung verwirklicht werden soll: den Sinn der Erdenordnung, der im Sonnenwort liegt. Er hat daher sein Hauptaugenmerk auf das gerichtet, was sich auf Golgatha vom Kreuz herab vollzieht als das Ordnende. Er beschreibt uns, wie in diesem Moment der Christus eine höhere Bruderschaft anordnet, als die ist, die sich auf Blutsverwandtschaft gründet. Die früheren Bruderschaften bestanden durch das Blut. Maria ist die Mutter, die als die Blutsmutter das Kind hatte. Was Seele mit Seele in Liebe vereinigen soll, das wird durch den Christus Jesus angeordnet. Dem Schüler, den er lieb hatte, gibt er nicht die Blutsmutter, sondern er gibt ihm im Geiste die eigene Mutter. So alte Bande erneuernd, was der Menschheit ursprünglich verlorengegangen war, klingt es herunter vom Kreuz im neuen Sinne: «Das ist dein Sohn!» und «Das ist deine Mutter!» (Joh. 19,26-27) Was so als ordnender Sinn neue Gemeinschaften stiftete, das ist das, was als der Sinn des Lebensäthers, der das Leben ordnet, durch die Christus-Tat in die Erde einströmt.

So haben wir die eine Tatsache, die Christus-Tatsache, hinter alledem, was die Evangelisten schildern. Aber jeder schildert von dem Gesichtspunkte aus, den er von Anfang an eingenommen hat, weil eines jeden Evangelisten Sinn in der Weise in Anspruch genommen war, daß er den hellseherischen Blick auf das richten mußte, wozu er vorbereitet war; und da überhörte er das andere. Daher müssen wir uns sagen: Dieses umfassende Ereignis erscheint uns nicht dadurch widerspruchsvoll, daß es von vier Seiten geschildert ist, sondern wir lernen es dadurch erst kennen, daß wir die vier verschiedenen Seiten zusammenzufassen vermögen. Und wir finden es dann auch durchaus natürlich, warum das Bekenntniswort des Petrus, auf das wir gestern hingewiesen haben, nur im Matthäus-Evangelium stehen kann und warum es nicht in den anderen Evangelien steht. Markus schildert den Christus als Sonnenkraft, als die universelle kosmische Kraft, die da wirkte - nur in einer neuen Weise - in die Erde herein. Also die majestätische Kraft der Sonnenaura in ihren elementarischen Wirkungen schildert Markus. Und das Lukas-Evangelium schildert, indem es das Innere des Christus Jesus schildert, den astralischen Leib vorzugsweise, die einzelne menschliche Individualität, wie der Mensch für sich lebt. Denn im Astralleib lebt der Mensch für sich, da hat er seine eigene, tiefste Eigenheit, da wächst er in sich selber. In bezug auf den astralischen Leib ist der Mensch zunächst nicht gemeindebildend; die gemeindebildende Kraft, wodurch der Mensch mit anderen Menschen in Beziehung tritt, ist im Ätherleib. Lukas hat daher keine Gelegenheit, keine Veranlassung, von irgendeiner zu gründenden Gemeinschaft zu reden. Und der Schilderer der Ich-Wesenheit, der Schreiber des Johannes-Evangeliums erst recht nicht.

Dagegen hat der Schreiber des Matthäus-Evangeliums, der uns den Christus Jesus als Menschen schildert, ganz besondere Veranlassung, auch diejenigen Verhältnisse zu schildern, die sich als die menschlichen Ereignisse dessen herausstellen, daß einmal der Gott in Menschengestalt gewandelt ist. Was da der Gott als Mensch unter Menschen hat stiften können, als Verhältnisse unter Menschen, die man als Gemeinde, als eine zusammengehörige Ganzheit bezeichnen kann, das mußte der Evangelist besonders schildern, der den Christus Jesus in seiner menschlichsten Wesenheit schildert, weil er seinen Blick von Anfang an darauf gerichtet hat, wie der Christus als Mensch wirkt durch das, was er nimmt aus dem physischen Leib und Ätherleib. So werden wir es, wenn wir inneres Verständnis dafür haben, auch natürlich finden, daß diese viel angefochtenen Worte nur im MatthäusEvangelium vorkommen: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde» (Matth. 16,18). Und wenn wir die vielen Diskussionen der heutigen Theologen der verschiedensten Schattierungen in bezug auf diese Worte des Matthäus-Evangeliums überblik- ken, finden wir eigentlich immer nur ganz eigentümliche, eigenartige Gründe für die Annahme oder Ablehnung dieser Worte, auf keiner Seite aber ein Verständnis für den tieferen Sinn. Die, welche sie ablehnen, tun es, weil die äußere Gemeinschaft der katholischen Kirche sie vertritt, weil die äußere Einrichtung der katholischen Kirche darauf begründet worden ist. Damit können sie vielleicht mißbraucht werden ; aber das ist kein Beweis dafür, daß sie erst zugunsten der katholischen Kirche hineingeflochten sein sollen. Die, welche sie bekämpfen, wissen im Grunde auch nichts Besonderes dagegen vorzubringen, weil sie die Verdrehungen nicht sehen. Da sind dann die Herren in einer ganz merkwürdigen Lage. So schildert einer, das MarkusEvangelium sei das ursprünglichste von allen vier Evangelien; dann seien das Matthäus- und das Lukas-Evangelium dazu gekommen, die von dem Markus-Evangelium in einer gewissen Weise abgeschrieben und ergänzt worden seien; und es wäre nun erklärlich, da der Schreiber des Matthäus-Evangeliums abgeschrieben habe, daß er Verschiedenes dazu geschrieben habe, und ebenso der Schreiber des LukasEvangeliums. Dem Schreiber des Matthäus-Evangeliums sei es besonders eingefallen, weil er die Gemeinde stützen wollte, jene Worte hineinzufügen: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde.»

Allerdings manchen Worten gegenüber nützt da die Textüberlieferung nicht, weil man an gewissen alten Texten nicht nachweisen kann, daß diese oder jene Worte darinnenstehen. Aber bei diesen Worten des Matthäus-Evangeliums ist es nun so, daß sie zu dem gesichertsten Gut der Evangelien gehören; denn hier haben wir nicht einmal eine philologische Möglichkeit, sie zu bezweifeln. Es sind manche Worte durch die wirklich recht komplizierte Überlieferung zu bezweifeln; aber gegen die Worte des Petrus-Bekenntnisses: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» und gegen die anderen Worte: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen», dagegen läßt sich vom Standpunkt einer Philologie nichts einwenden. Und Einwände dagegen werden auch nicht gemacht. Es gibt nirgends einen Text, von dem aus dagegen Einwendungen gemacht werden könnten. Von den Texten, die in der neueren Zeit gefunden worden sind, hätte man vielleicht hoffen können, daß sich Einwendungen daraus ergeben; aber man kann gerade bei diesen Texten die betreffende Stelle nicht lesen, weil jener Teil sehr korrumpiert ist. So wenigstens ist das philologische Ergebnis. Natürlich müssen Sie sich dabei auf das verlassen, was diejenigen berichten, die diese Handschriften gesehen haben.

So können wir von dieser Stelle nicht einmal behaupten, daß es eine andere Wiedergabe wäre. Diese Worte gehören auch nach der äußeren Philologie zu dem Gesichertsten, und wir begreifen gar wohl, warum sie dazu gehören nach der ganzen Natur des Matthäus-Evangeliums. Da sehen wir, wie der Christus Jesus so recht als Mensch geschildert wird. Und wenn wir diesen Schlüssel gewonnen haben, werden wir überall, wo wir wollen, anklopfen können: wir werden das Matthäus-Evangelium verstehen. Und wir werden auch die Gleichnisse verstehen, welche der Christus Jesus zu seinen Jüngern und auch zu den mehr Außenstehenden spricht.

Wir haben gestern gezeigt, wie sich der Mensch entwickelt von unten nach oben, wie er hinaufwächst bis zur Bewußtseinsseele, die in der Menschenwesenheit als Blüte entfaltet wird, wie er so sich hinaufentwickelt, daß ihm entgegenkommt der Christus-Impuls. Was durch die fünf Kulturepochen gegeben ist, Ätherleib, Astralleib, Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, diese fünf Glieder der Menschennatur wachsen von unten herauf. Sie kann der Mensch so benutzen, daß er sie ausbildet, entwickelt, gebraucht so, daß sie in sich jenen Inhalt haben, der es möglich macht, daß sie, wenn die Zeit gekommen ist, von dem Christus-Impuls durchdrungen werden können. Die Menschheit kann sich so entwickeln, daß in der Zukunft alle Menschen des Christus teilhaftig werden können. Aber sie müssen diese fünf Glieder von unten nach oben in entsprechender Weise ausbilden. Wenn sie das nicht tun, werden sie nicht reif werden, den Christus zu empfangen. Wenn sie sich durch die verschiedenen Inkarnationen nicht kümmern um diese Glieder, sie nicht ausbilden, um den Christus zu empfangen, dann kann der Christus kommen - sie können sich mit ihm nicht verbinden, sie haben «kein Öl auf ihre Lampen gegossen»! Diese fünf Glieder kann man auch ohne Öl lassen. Alle diejenigen, die kein Öl auf ihre Lampen gegossen haben, sind dargestellt durch ein schönes, wunderbares Gleichnis in den «fünf törichten Jungfrauen», die, weil sie nicht zur rechten Zeit ihre Lampen mit Öl versorgt haben, sich nicht mit dem Christus vereinigen können; die fünf aber, die das Öl haben, können sich in der richtigen Stunde mit dem Christus vereinigen (Matth. 25,1-13), Alle diese Gleichnisse, die sich auf Zahlen begründen, sind tief hineinleuchtend in jenen Impuls, den der Christus den Menschen bringen konnte.

Und weiter. Denjenigen, die von außen seine Lehre ansahen, machte er klar, wie sie ja manches Äußere auch nicht bloß materiell betrachten, nicht bloß nach dem, was es unmittelbar ist, sondern als ein Zeichen für etwas anderes. Er wollte sie hinweisen auf ihr eigenes Denken, auf ihre eigene Art des Denkens. Er ließ sich eine Münze geben, zeigte ihnen das Bild des Kaisers darauf, um sie aufmerksam zu machen, daß mit der Münze noch etwas Besonderes ausgedrückt wird, was nicht in dem bloßen Metall liegt, nämlich die Zugehörigkeit zu einer besonderen Herrschaft, zu einem bestimmten Herrscher. «Was daran des Kaisers ist, das gebt dem Kaiser, das ist des Kaisers», und das liegt im Bilde, nicht im Metall. Aber lernt, wollte er sagen, auch so den Menschen betrachten und, was an ihm ist, als den Träger und Tempel des lebendigen Gottes. Betrachtet den Menschen nur so, wie ihr eine Münze betrachtet; lernt in dem Menschen das Bild des Gottes erblicken, dann werdet ihr erkennen, wie der Mensch zu dem Gotte gehört (Matth. 22,15-22).

Alle diese Gleichnisse haben noch eine tiefere Seite als die Trivialseite, die man gewöhnlich nimmt. Und man findet die tiefere Seite, wenn man weiß, daß der Christus nicht so Gleichnisse gebrauchte, wie sie heute in unserer zeitungspapierenen Zeit so oft gebraucht werden. Sondern der Christus gebraucht sie so, daß er sie herausgebiert aus der ganzen Menschennatur, daß der Mensch, wenn er sie ausdenkt, sie ausdehnt auf seine ganze Natur, gezwungen sein würde, das, was er gewohnt ist zu tun, überall so zu tun, wie es sich auf dem einzelnen Gebiete gehört. Gerade so müßte man es dem Menschen zeigen, wie er mit seinem Denken von dem einen auf das andere Gebiet hinübergehen muß, wenn man ihm zeigen wollte, wie etwas als unsinnig sich darstellen kann.

Als zum Beispiel Leute zum erstenmal aufgetreten sind und allerlei «Sonnenmythen» ausgedacht haben für Buddha, für Christus und so weiter, da wurde es endlich einem zu bunt. Und heute geschieht es ja wieder, daß man alle solche Gestalten als «Sonnenmythen» darstellt. Da sagte der Betreffende: Mit dieser Methode, daß man in äußerlicher Weise Mythenbilder, Sternzeichen anwendet auf dieses oder jenes große Ereignis, kann man alles mögliche machen. Wenn jemand kommt und nachweist, daß in der Bedeutung des ChristusLebens ein Sonnenmythos liege, um daraus zu beweisen, daß der Christus Jesus nicht gelebt habe, dann kann man auch mit dieser Methode beweisen, daß es nie einen Napoleon gegeben hat. Und das kann man auf die leichteste Art machen, indem man sagt: Napoleon hat den Namen des Sonnengottes Apollon. Nun bedeutet ein «N» vor dem Namen im Griechischen nicht eine Verneinung, sondern eine Verstärkung; daher wäre Napoleon - N'Apollon - sogar eine Art Über-Apollon. Dann kann man weitergehen und eine merkwürdige Ähnlichkeit finden. Denken Sie daran, was der Erfinder des nicht- existierenden Jesus, der deutsche Philosophieprofessor Drews, herausfindet als Ähnlichkeit solcher Namen wie Jesus, Joses, Jason und so weiter. So kann man merkwürdige Namenanklänge herausfinden zwischen der Mutter des Napoleon, Lätitia, und der Mutter des Apollon, Leto. Man kann weitergehen und sagen: Apollon, die Sonne, hat um sich zwölf Sternbilder - Napoleon hatte um sich zwölf Marschälle, die nichts weiter sein sollen als symbolische Ausdrücke für die sich um die Sonne herumgliedernden Tierkreisbilder. Aber nicht umsonst hat der Held des Napoleon-Mythos gerade sechs Geschwister, so daß Napoleon mit seinen Geschwistern zusammen sieben ergibt, wie auch die Planeten sieben an der Zahl sind. Also hat Napoleon nicht gelebt!

Das ist eine sehr geistreiche Satire auf die symbolischen Ausdeutungen, die heute eine so große Rolle spielen. Die Menschen lernen ja im Grunde niemals; denn sonst müßten sie wissen, daß nach derselben Methode, die auch heute wieder angewendet wird, schon längst gezeigt worden ist, daß zum Beispiel Napoleon nie gelebt hat. Aber die Menschheit lernt nichts; denn nach derselben Methode wird auch heute wieder bewiesen, daß Jesus nie gelebt hat.

Diese Dinge also zeigen, daß es allerdings notwendig ist, mit Vorbereitung, auch mit innerer Vorbereitung an das heranzutreten, was uns die Evangelien erzählen von dem größten Ereignis der Welt. Und wir müssen uns auch darüber klar sein, daß hierin gerade Anthropo- sophen recht leicht sündigen können. Auch die anthroposophische Bewegung ist keineswegs frei gewesen von jenem Spielen mit allerlei Symbolen, die aus den Sternenwelten genommen sind. Ich wollte daher gerade in diesem Vortragszyklus da, wo ich auch über die großen Ereignisse in der Menschheitsentwickelung in bezug auf ihre Darstellung in der Sternensprache gesprochen habe, zeigen, in welch wirklich richtiger Weise die Sternensprache gebraucht wurde, wo man die Zusammenhänge wirklich verstand.

Treten Sie mit solcher Vorbereitung heran an das, worauf sich die Evangelien zuspitzen. Ich habe schon hingewiesen auf die Taufe und auf die Lebens- und Todesgeschichte als auf die zwei Etappen der Einweihung. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß der Christus Jesus, nachdem er seine Jünger dahin geführt hat, wo sie schauen konnten das Heraustreten des innersten Menschenwesens in den Makrokosmos, wo sie durch den Tod hindurch schauen konnten, daß er auch da nicht vorführt eine Auferstehung in jenem trivialen Sinne, wie es so vielfach verstanden wird. Sondern es ist durchaus im Sinne des Matthäus-Evangeliums - nehmen Sie nur die Worte und verstehen Sie sie wirklich, gerade wie es auch im Johannes-Evangelium deutlich gezeigt wird -, daß das Wort des Paulus wahr ist. Er hat den Christus als den Auferstandenen gesehen durch das Ereignis von Damaskus, und er betont es noch besonders, daß ihm dasselbe zuteil geworden ist, was den anderen Brüdern, den Zwölfen und den Fünfhundert, auf einmal zuteil geworden ist (l.Kor. 15,3-8). So, wie er den Christus gesehen hat, so haben ihn die anderen nach der Auferstehung gesehen.

Das wird uns hinlänglich angedeutet, indem erzählt wird im Evangelium, daß Maria von Magdala, die den Christus erst vor ein paar Tagen gesehen hat, ihn nach der Auferstehung sieht und ihn für den Gärtner hält, weil sie keine Ähnlichkeit mit ihm findet (Joh. 20,11-18). Würde er wirklich so ausgesehen haben, wie er vor ein paar Tagen ausgesehen hat, so wäre das ausgeschlossen; dann wäre es eine abnorme Tatsache. Denn niemandem werden Sie zutrauen, daß er einen anderen, den er vor einigen Tagen gesehen hat, nach ein paar Tagen in derselben Gestalt nicht wieder erkennen würde. Daher müssen wir uns darüber klar sein, daß in der Tat eine Veränderung vor sich gegangen ist. Und wenn wir die Evangelien genau verfolgen, erscheint uns als ein notwendiges Ergebnis, daß wir uns klar sind, daß durch die ganzen Vorgänge in Palästina, durch das Mysterium von Golgatha die Augen der Jünger aufgetan wurden und daß sie den Christus so erkennen konnten, wie er war als der die Welt durchwebende und durchwirkende Geist, wie er war, nachdem er den physischen Leib der Erde übergeben hatte, aber ebenso wirksam, wie er im physischen Leibe war, jetzt für die Erde verblieb.

Das zeigt auch das Matthäus-Evangelium hinlänglich, sogar mit den bedeutsamsten Worten, die wir vielleicht überhaupt in einer Urkunde finden können. Es zeigt uns ganz klar, daß darauf hingewiesen werden sollte: Einmal war da der Christus in einem physischen Menschenleib; aber dieses Ereignis ist nicht bloß ein Ereignis, es ist eine Ursache, ein Impuls. Von da aus geht eine Wirkung. Das Sonnenwort, die Sonnenaura, wovon Zarathustra einst sprach als von einem außerhalb der Erde Vorhandenen, das ist durch das Christus JesusLeben etwas geworden, was mit der Erde vermählt, verbunden ist und verbunden bleiben wird. Vorher war nicht dasselbe mit der Erde verbunden, was nachher mit ihr verbunden war.

Diese Tatsache zu verstehen, geziemt uns Anthroposophen. Daher begreifen wir also, daß der auferstandene Christus der war, der sich als Geist verständlich gemacht hatte den hellsehend gewordenen Augen der Jünger, der hinweisen konnte, wie er jetzt als Geist durchwebt das Erdendasein, und sagen konnte: «Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe! Und siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeit» (Matth. 28,19-20). Das soll uns die Geisteswissenschaft zum Verständnis bringen, was damals begonnen hat, daß mit der Erdenaura verbunden worden ist die Sonnenaura und daß es zu sehen ist für den, dessen Geistesauge geöffnet ist, und daß diese Sonnenaura in der Erdenaura, die für Paulus sichtbar geworden ist, zu hören ist, wenn sich unser inneres Ohr so aufschließt, daß es hört das Sonnenwort, wie es hörbar wurde für den durch den Christus Jesus selbst eingeweihten Lazarus. Dazu soll die Geisteswissenschaft da sein, um uns darauf vorzubereiten, daß dies eine Tatsache ist. Die Geisteswissenschaft ist eine Interpretin dessen, was geschehen ist in bezug auf die geistige Entwickelung der Welt. Und indem sie das ist, wird sie in Wirklichkeit stiften, was auch der Christus Jesus, und zwar auch im Sinne des Matthäus-Evangeliums, stiften wollte.

Ein Wort aus dem Matthäus-Evangelium wird gewöhnlich ganz falsch übersetzt, das schöne, herrliche Wort: «Ich bin nicht auf diese Erde herabgestiegen, um von dieser Erde wegzuwerfen den Frieden, sondern um wegzuwerfen das Schwert!» (Matth. 10,34). Das schönste, wunderbarste Friedenswort ist leider im Laufe der Zeit in sein Gegenteil verkehrt worden. Um die Erde allmählich von dem zu erlösen, was Unfriede, Disharmonie in die Menschheit bringt, dazu hat sich dem geistigen Erdendasein eingeprägt die Christus-Wesenheit. Und die Geisteswissenschaft wird Frieden stiften, wenn sie in diesem Sinne sozusagen wahrhaft christlich sein kann, daß sie die Religionen vereinigt. Und sie kann nicht nur das, was in unseren nächsten Gegenden ist, vereinigen, sie kann über den ganzen Erdkreis hin wirklich Frieden stiften, wenn sie die Tat des größten Friedenstifters versteht. Es ist gewiß nicht im Sinne des größten Friedenstifters, daß fanatische Menschen von einem Teil der Erde zum anderen gehen und eine engbegrenzte Christus-Lehre einem ganz anderen Volk aufdrängen, das nichts hat von den Bedingungen für eine Christus-Lehre in der Form, wie sie sich bei einem anderen Volke ausgeprägt hat. Große Fehler werden gemacht, wenn die Christus-Lehre, wie sie sich gerade da oder dort ausgeprägt hat, in unserer Zeit etwa nach dem Orient übertragen werden sollte. Denn wir als Anthroposophen haben oftmals darauf hingewiesen, daß der Christus nicht nur den « Christen» gehört, und daß es im Grunde genommen dasselbe Wesen ist, auf das Zarathustra hindeutet als auf Ahura Mazdao und auf das die sieben indischen Rishis hingedeutet haben als auf Vishva Karman. Wir stehen im Westen und wissen, wie vom Christus die Rede ist, wenn im Osten andere Worte gebraucht werden.

Wir wollen den Christus auch so verstehen, daß dieses Verständnis vereinbar ist mit der Menschheitsevolution, mit dem weiteren Fortschreiten der Menschen. Und wir sind uns klar darüber, daß uns über den Christus nicht Urkunden und Erkenntnisse Aufschluß geben können, welche den Christus ablehnen; sondern nur diejenigen können uns Aufschluß geben, welche den lebendigen Einfluß des Christus selber bewußt in sich tragen können. Und wir wissen, wenn wir in der rechten Weise anderen Völkern, die den Christus ablehnen, in unserem christlichen Sinne von Vishva Karman, von Ahura Mazdao sprechen, daß sie uns verstehen, wenn wir ihnen auch keine Namen aufdrängen, und daß sie von sich selber aus zum Christus-Verständnis vordringen werden. Wir wollen ihnen Christus dem Namen nach nicht aufzwingen. Wir sind uns klar darüber, wenn wir nicht nur Anthroposophen, sondern Okkultisten sind, daß Namen ganz gleichgültig sind, daß es auf die Wesenheit ankommt. Könnten wir uns nur in einem Augenblick davon überzeugen, daß wir die Wesenheit, die in dem Christus ist, bezeichnen dürften mit einem anderen Namen, so würden wir es tun. Denn um die Wahrheit ist es uns zu tun und nicht um unsere Vorliebe, weil wir auf irgendeinem bestimmten Fleck der Erde stehen und irgendeinem Volke angehören. Aber man soll uns auch nicht sagen, daß man mit Mitteln, die nicht geeignet sind - weil sie sich selber dem Einfluß des Christus entzogen haben den Christus begreifen kann; das ist jedem unmöglich. Man kann den Christus auch bei den anderen Nationen finden, aber man muß ihn studieren mit den Mitteln, die von dem Christus selber fließen.

Niemand darf den Anthroposophen etwas vorwerfen, wenn sie das Christentum nicht mit solchen Formen studieren wollen, die nicht aus dem Christentum selbst genommen sind. Man kann nicht mit orientalischen Namen den Christus begreifen; man sieht dann den Christus gar nicht, man sieht daneben vorbei und glaubt ihn vielleicht zu sehen. Und was würde es denn sein, wenn man uns zumuten würde, daß wir auf theosophischem Felde von orientalischer Anschauung aus den Christus begreifen sollten? Wir müßten uns auflehnen dagegen, daß der Christus aus dem Orient gebracht werden würde! Das wollen wir nicht; aber man würde uns dadurch zwingen, den Okzident nach dem Orient zu bringen und den Christus-Begriff darnach zu formen. Das kann und darf nicht sein, nicht aus Aversion, sondern weil die orientalischen Begriffe, die einen älteren Ursprung haben, nicht ausreichen, den Christus zu begreifen, weil der Christus ganz und gar nur zu begreifen ist aus jener Linie der Evolution heraus, in welche hineinfällt zunächst Abraham, dann Moses. Aber in Moses ist eingezogen die Wesenheit des Zarathustra. Und dann müssen wir den Zarathustra weiter suchen, wie er sich erstreckt in seinem Einfluß auf den Moses.

Und weiter müssen wir den Zarathustra nicht in den alten Schriften des Zarathustrismus suchen, sondern wie er sich von selber wiederverkörpert in dem Jesus von Nazareth. Auf die Entwickelung müssen wir schauen! So müssen wir auch den Buddha nicht da suchen, wo er sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung war, sondern da, wo ihn uns das Lukas-Evangelium schildert und wo er herunterscheint aus der Höhe, nachdem er vom Bodhisattva zum Buddha geworden war und hereinscheint in den astralischen Leib des Lukas-Jesus. Da haben wir den Buddha und lernen ihn in seinem Fortschritt kennen.

Daran sehen wir, wie tatsächlich die Religionen zusammenstimmen, zusammenwirken, um die Menschheit wirklich zum Fortschritt zu bringen. Es handelt sich nicht darum, daß wir bloß anthroposophische Grundsätze predigen, sondern daß wir sie in lebendiges Gefühl umsetzen, daß wir nicht bloß von Toleranz sprechen und intolerant sind, weil wir Vorliebe haben für irgendein besonderes Religionssystem der Erde. Tolerant sind wir nur, wenn wir ein jegliches mit seinem eigenen Maß messen und jedes aus sich selbst heraus verstehen. - Es ist gewiß nicht unsere Schuld und keine Schuld unserer besonderen Vorliebe, daß die verschiedenen Religionssysteme sichtlich zusammengewirkt haben, um das Christentum zustande zu bringen. Wahrhaftig, in den geistigen Höhen, wo die großen geistigen Wesenheiten gewirkt haben, ist es anders zugegangen als da, wo ihre Bekenner auf der Erde gewirkt haben. Diese Bekenner auf der Erde haben zum Beispiel ein Konzil in Tibet berufen, um eine orthodoxe Lehre an den Namen des Buddha anzuknüpfen in der Zeit, als der wirkliche Buddha herabgestiegen ist, um den astralischen Leib des Lukas-Jesus zu inspirieren. So ist es immer: Die Bekenner auf Erden schwören auf das, was nachwirkt auf der Erde; die Götterwesen aber wirken mittlerweile weiter, damit die Menschheit vorwärtskommen kann. Aber am besten kommt die Menschheit vorwärts, wenn die Menschen versuchen, ihre Götter zu verstehen, wenn sie versuchen, einen ähnlichen Fortschritt zu gehen wie die Götter, indem diese auf die Menschen herunterblicken. Das soll uns eine lebendige Empfindung, ein lebendiges Verständnis geben für das, was wir in den verschiedenen Evangelien erblickt haben.

Sie haben gesehen, daß wir in Anknüpfung an jedes der drei Evangelien etwas anderes in jedem sehen konnten. Einstmals, wenn wir das Markus-Evangelium studieren werden, wird sich uns eine besonders intime Kosmologie ergeben, weil Ahura Mazdao, der durch alle Räume wirkt, in der Tat geschildert werden kann in richtiger Anknüpfung an das Markus-Evangelium, wie uns die Geheimnisse des menschlichen Blutes, die Vererbungszusammenhänge des Individuums mit dem Volkstum, aus dem es herauswächst, in den Schilderungen des Matthäus-Evangeliums vor die Seele getreten sind.

Nehmen Sie das, was ich in diesen Tagen schildern durfte, als eine Seite des großen Christus-Ereignisses, und seien Sie sich klar, daß durchaus noch nicht alles damit gesagt ist. Es ist vielleicht heute noch nicht an der Zeit, alles zu sagen, was über diese großen Mysterien, vielleicht auch nur im kleinsten Kreise, zu sagen möglich ist. Das Beste aber, was uns aus dieser Tatsachendarstellung fließen kann, ist, daß wir sie aufnehmen nicht nur in unseren Verstand und Intellekt, sondern daß wir sie verbinden mit den innersten Fasern unseres Seelenlebens, mit unserem ganzen Gemüt und unserem ganzen Herzen und darin weiterleben lassen. Die Evangelienworte sind Worte, die, wenn wir sie in unser Herz einprägen, darinnen zu Kräften werden, die uns durchdringen und eine merkwürdige Lebenskraft entwickeln, wenn wir sie wirklich verstehen. Und wir werden sehen, daß wir diese Lebenskraft hinaus mit ins Leben tragen. Und heute, wo ich in bezug auf diesen Zyklus das letzte Wort über das Matthäus-Evangelium zu sprechen genötigt bin, möchte ich ganz besonders sagen, was ich öfter am Ende unserer Sommerzyklen gesagt habe, möchte aber dabei anknüpfen an dieses menschlich schönste Dokument der christlichen Urkunden, an das Matthäus-Evangelium.

Was tritt uns besonders beim Matthäus-Evangelium entgegen, da uns ja das Menschliche des Christus Jesus bei demselben von Anfang an ins Auge gefaßt erscheint? Wenn wir auch noch so groß den Abstand annehmen zwischen irgendeinem Menschen auf der Erde und jenem Menschen, der den Christus aufnehmen konnte, so tritt uns beim Matthäus-Evangelium entgegen - wenn wir es in Demut sehen -, was ein Mensch wert ist und wessen ein Mensch würdig ist. Denn wenn auch unsere eigene Natur noch weit, weit entfernt sein mag von der Natur des Jesus von Nazareth, so dürfen wir doch sagen: Wir tragen die Menschennatur in uns, und diese Menschennatur zeigt sich so, daß sie den Gottessohn, den Sohn des lebendigen Gottes in sich aufnehmen kann; so daß aus dieser Aufnahme die Verheißung entspringen kann, daß der Gottessohn nunmehr mit dem geistigen Erdendasein verbunden bleiben kann, und daß, wenn die Erde an ihrem Ziel angelangt sein wird, alle Menschen durchdrungen sein werden von der Christus-Substanz und Christus-Wesenheit, soweit sie es selbst in ihrem Innersten sein wollen. Wir brauchen Demut, um überhaupt dieses Ideal hegen zu dürfen. Denn hegen wir es nicht in Demut, dann macht es uns hochmütig, übermütig, und wir denken dann nur an das, was wir als Menschen sein könnten, und erinnern uns zu wenig daran, wie wenig wir noch bisher zu leisten imstande sind. In Demut müssen wir es erleben. Wenn wir es so verstehen, dann erscheint es uns so groß und gewaltig, so majestätisch und eindringlich in seinem Glänze, daß es uns gewichtig zur Demut mahnt. Aber es kann uns diese Demut nicht niederdrücken, weil wir die Wahrheit dieses Ideals durchschauen. Und wenn wir die Wahrheit durchschauen, dann mag die Kraft in uns noch so klein sein: sie wird uns immer höher und höher unserem Gottesziel entgegentragen.

In dem «Rosenkreuzermysterium» finden wir alle Töne angeschlagen, die wir dafür brauchen: das eine Mal in der zweiten Szene, wo Johannes Thomasius unter dem Eindruck des Wortes « O Mensch, erkenne dich!» zerschmettert steht, und das andere Mal, wo er unter dem Eindruck des Wortes «O Mensch, erlebe dich!» jauchzend hinaufgehoben wird in Weltenweiten. Wenn wir uns das vor Augen halten, wird uns in Anlehnung daran auch die Majestät und Größe, die uns in dem Jesus des Matthäus-Evangeliums entgegentritt, verständlich werden, die uns zur Demut auffordert und unsere Kleinheit uns anschaulich macht, die uns aber auch auf die innere Wahrheit und innere Wirklichkeit weist, die uns entreißt alledem, was uns als ein Abgrund unserer Kleinheit erscheint gegenüber dem, was wir sein sollen, was wir werden können. Und wenn wir erkennend uns manchmal zerschmettert fühlen wollen gegenüber dem, was Menschen-Göttergröße im Menschen sein kann, so müssen wir doch, wenn wir den guten Willen haben, etwas von dem göttlichen Impuls, von dem «Sohn des lebendigen Gottes» zu erleben, uns des Christus Jesus erinnern, der da, wo wir als Menschen dieses Ich erleben können, von dem er der höchste Repräsentant ist, selber uns ermahnt hat, indem er uns in lapidaren Formen das Wort «O Mensch, erlebe dich!» zugerufen hat für alle kommenden Zeiten.

Wenn wir so verstehen das Menschliche im Matthäus-Evangelium - und daher ist es auch das uns am nächsten liegende der Evangelien -, so wird uns entgegenströmen aus diesem Evangelium Mut zum Leben, Kraft und Hoffnung zum Aufrechtstehen auch in unserer Lebensarbeit. Dann werden wir am besten verstehen, was diese Worte haben sein sollen.

Nehmen Sie diese Worte mit und versuchen Sie darüber nachzudenken. Es kann immer nur wenig angedeutet werden. An Ihren Herzen und Seelen ist es aber, das weitere aus diesen Worten herauszuholen. Und davon können Sie überzeugt sein: insofern das Richtige getroffen ist über das Christus-Ereignis, sind es doppelt lebendige Worte. Und Sie werden mehr finden in diesen Worten, wenn Sie die Nachwirkung in Ihren Herzen nachklingen lassen, als wenn Sie es nur dem äußeren Gedächtnis anpassen. Was gesprochen worden ist, soll eine Anregung sein. Aber suchen Sie die Ergebnisse, die Wirkungen dieser Anregung in Ihrem eigenen Herzen. Dann kann es sein, daß Sie in ihnen noch etwas ganz anderes finden, als was hier gesprochen worden ist und was Sie hier in dieser kurzen Zeit gefunden haben.




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