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Okkulte Untersuchungen uber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt

On-line since: 15th February, 2017

UNTERSUCHUNGEN ÜBER DAS LEBEN
ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT

Mailand, 26. Oktober 1912

Erster Vortrag

Es soll an diesem heutigen Abend meine Aufgabe sein, Ihnen von einigen Eigentümlichkeiten in der Erkenntnis der spirituellen Welt zu sprechen und auch die Konsequenzen solcher Erkenntnisse für das ganze Leben anzudeuten. Derjenige, welcher die Aufgabe zugeteilt erhalten hat, aus den spirituellen Welten etwas seinen Mitmenschen mitzuteilen, kann nicht oft genug daran gehen, seine Erkenntnisse immer wieder zu prüfen auf ihre Richtigkeit und auf ihre absolute spirituelle Korrektheit hin. Meine Ausführungen werden zuletzt darauf hinauslaufen, Ihnen einiges mitzuteilen von Erkenntnissen des menschlichen Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es ist mir gerade in der letzten Zeit möglich gewesen, die Untersuchungen, die der menschliche Geist auf diesem Boden machen kann, einmal gründlich durchzuprüfen; und von dieser gründlichen Durchprüfung möchte ich Ihnen heute im zweiten Teile meiner Ausführungen sprechen. Es ist nämlich notwendig, daß ich im ersten Teil meines Vortrages einige Bemerkungen über die Art der Erlangung spiritueller Erkenntnisse vorausschicke.

Zur Erlangung spiritueller Erkenntnisse ist eine ganz bestimmte Verfassung der menschlichen Seele notwendig. Und diese Verfassung der menschlichen Seele ist in gewisser Beziehung durchaus entgegengesetzt jener Verfassung, welche die menschliche Seele im äußeren Leben auf dem physischen Plan hat. Im äußeren Leben, insbesondere in unserer Gegenwart, ist die menschliche Seele im Grunde in einer fortwährenden Unruhe. Von Stunde zu Stunde im Laufe des Tages bekommt die Seele fortwährend neue Eindrücke, und weil die menschliche Seele sich doch mit ihren Eindrücken identifiziert, so bedeutet das eine fortwährende Unruhe der Seele.

Das Gegenteil muß bei demjenigen in der Seele eintreten, der in die spirituelle Welt hineindringen will. Die erste Bedingung zum Aufsteigen in die spirituelle Welt und zum Begreifen der Erkenntnisse aus den spirituellen Welten ist vollständige Ruhe, Stetigkeit, innere Ruhe der Seele. Diese Ruhe der Seele ist schwieriger herzustellen, als man glauben könnte. Schweigen müssen, damit diese Ruhe der Seele hergestellt werden kann, vor allen Dingen alle Aufregungen, alle Besorgnisse, alle Kümmernisse und sogar die Interessen des äußeren Lebens während der Zeit, in welcher wir uns in die spirituelle Welt versetzen wollen. Es muß so sein, wie wenn wir an einem Punkte der Welt stehen würden und keinen Willen hätten, von diesem Punkte auch nur ein wenig wegzutreten, damit die Dinge der geistigen Welt an uns vorüberziehen können. Dabei aber müssen wir bedenken, daß wir in dem alltäglichen Leben auf dem physischen Plan von einem Dinge zum anderen gehen können, und die Dinge sind da. Das ist nicht so in der geistigen Welt. In der geistigen Welt müssen wir durch unser Denken, durch unser Vorstellen tatsächlich die Dinge erst an uns, an den ruhenden Punkt in uns herantragen. Wir müssen gleichsam aus uns heraustreten, in die Dinge hinein uns begeben, und dann von außen die Dinge zu uns heranbringen. Dabei machen wir dann Erfahrungen, welche beängstigend sein können für die menschliche Seele.

Wir entdecken, daß wir im gewöhnlichen Leben auf dem physischen Plan die Dinge ändern können, daß wir uns selber verbessern können, wenn wir die Dinge falsch sehen oder falsch machen. Alles dieses ist auf dem geistigen Plan nicht mehr der Fall. Vielmehr müssen wir auf dem geistigen Plan erfahren, daß uns die Dinge wahr oder falsch erscheinen je nach dem, was schon in uns war in dem Augenblicke, in welchem wir uns an den Geistesplan heranbegeben. Alle Vorbereitung zum richtigen Erkennen der geistigen Welten muß daher in die Zeit vor dem Eintreten in die geistige Welt fallen; denn ist man einmal durch das Tor in die geistige Welt eingetreten, so kann man nicht mehr das darin Geschaute korrigieren, sondern macht die Fehler, die man nach seinen Charaktereigenschaften machen muß. Und um gewisse Fehler, die man dann gemacht hat, ferner zu vermeiden, muß man wieder zurückkommen auf den physischen Plan und auf dem physischen Plan seine Eigenschaften verbessern, und dann zurückkehren in die geistige Welt, um es nun besser zu machen. — Sie werden daraus ersehen, wie ungeheuer notwendig eine gute, richtige Vorbereitung für die geistige Welt ist, bevor man durch das Tor in die geistige Welt eintritt.

Alles dieses, was ich hier sage, ist abhängig von den Entwickelungszyklen der Menschen, und so wie die Dinge heute stehen für die Seele, so war es nicht immer. Gegenwärtig muß der Mensch sich vor einem zu starken Auftreten einer visionären Schau beim Eintreten in die geistige Welt mehr fürchten, als sie willkommen heißen. Es können, wenn wir unsere Übungen beginnen zum Aufsteigen in die höheren Welten, visionäre Erscheinungen, visionäre Tatsachen auf den Menschen eindringen. Und es gibt nur eine einzige Möglichkeit in der gegenwärtigen Zeit, gegenüber der visionären Welt den Irrtum zu vermeiden. Diese einzige Möglichkeit ist die Notwendigkeit, von seinen Visionen zuerst sich zu sagen, man erkennt durch diese Visionen zunächst nichts anderes als sich selber. Wenn eine ganze visionäre Welt um uns herum auftritt, so braucht diese nichts anderes zu sein als eine Spiegelung unseres eigenen Wesens. Unsere Eigenschaften, unsere eigene Reife, alles dasjenige, was wir denken und fühlen, verwandelt sich in der visionären Welt in Tatsachen, die für uns wie eine objektive Welt aussehen. Wenn wir zum Beispiel glauben, in der astralischen Welt Wesenheiten oder Vorgänge zu sehen, die uns völlig objektiv erscheinen, so braucht das nichts anderes zu sein als eine Spiegelung, sagen wir zum Beispiel, irgendeiner unserer Tugenden oder Untugenden oder auch nur unseres Kopfschmerzes. Derjenige, der zur wirklichen Initiation aufsteigen will, muß insbesondere heute dazu gelangen, das, was ihm in der visionären Welt entgegentritt, denkend zu begreifen, denkend zu durchdringen. Der zu Initiierende wird daher nicht eher ruhen, als bis er dasjenige, was ihm in der visionären Welt entgegentritt, so begriffen hat wie das, was ihm in der physischen Welt entgegentritt.

Nun treten uns aber, wenn wir zur Initiation aufsteigen, diejenigen Dinge entgegen, die wir auch in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben. Es entstand nun in der letzten Zeit für meine okkulten Untersuchungen die Frage: Wie verhält sich die visionäre Welt, die man finden kann durch Initiation oder durch eine den Ätherleib lockernde Erschütterung, zu der Welt, in der man lebt zwischen Tod und neuer Geburt? — Da ergab sich denn das Folgende: Wenn wir also von der Zeit des Kamaloka an, die Sie ja kennen, unsere Aufmerksamkeit lenken auf die weitere Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, da sehen wir zunächst, daß wir in einer Art objektiven Welt leben, die sich vergleichen läßt mit der Welt des Initiierten. Das soll nicht bedeuten, daß wir nach dem Tode nicht in einer wirklichen Welt lebten; wir leben in einer absolut realen Welt, leben mit denen, mit welchen wir in Beziehung getreten sind schon in dieser physischen Welt, in durchaus wirklichen Verhältnissen. Aber wie auf der Erde uns alles vermittelt wird durch die Wahrnehmung der Sinne, so werden uns alle Dinge nach dem Tode vermittelt durch die Visionen. Setzen wir den Fall, wir treffen nach dem Tode in der geistigen Welt jemanden, der vor uns verstorben ist. Er ist in der Wirklichkeit für uns da, wir stehen ihm wirklich gegenüber, aber wir müssen ihn auch wahrnehmen können, müssen in eine Beziehung zu ihm treten in der visionären Welt, geradeso, wie wir in der physischen Welt mit einem Menschen durch Augen und Ohren in Beziehung treten müssen. Nun aber stellt sich eine Schwierigkeit ein, welche ebenso vorhanden ist für die Erfahrung des Initiierten, wie sie zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vorhanden ist: die visionäre Welt gibt uns zunächst, wie schon angedeutet, nur eine Spiegelung unseres eigenen Wesens. Wenn ein Mensch so, wie es charakterisiert worden ist, uns in der geistigen Welt entgegentritt, dann steigt eine Vision auf. Diese Vision gibt aber zunächst nichts anderes wieder als die Art von Liebe oder Antipathie, die wir hier für ihn gehabt haben, oder eine andere Beziehung, die wir zu dem haben, der uns in der geistigen Welt entgegentritt. Wir können also einem Menschen gegenüberstehen in der geistigen Welt und doch nichts anderes wahrnehmen als dasjenige, was sich in uns festgesetzt hat vor dem Tode. Es kann also sein, daß wir dem Mensehen gegenübertreten und uns mit unseren eigenen Empfindungen, Sympathien oder Antipathien wie mit einem visionären Nebel umgeben, so daß er gerade die Veranlassung wird, daß wir uns durch unseren eigenen Nebel von ihm abschließen. Das wichtigste dabei ist, daß ein solches Verhalten einem Menschen gegenüber in der geistigen Welt nach dem Tode verknüpft ist mit einer realen Empfindung, mit einem realen inneren Erlebnis. Wir fühlen zum Beispiel, daß wir einen Menschen, den wir im Leben nicht vollständig, wie wir es hätten tun sollen, geliebt haben, nicht mehr nach dem Tode lieben können, als wie wir ihn im Leben geliebt haben, trotzdem wir ihm gegenüberstehen und ihn mehr lieben möchten, und das nicht mehr gutmachen können, was wir im physischen Leben versäumt haben. Dieses Nichtkönnen, dieses Seine-eigene-Seele-absolut-nicht-besser-entwickeln-Können, das kann empfunden werden als eine ungeheure Pressung der Seele und wird auch nach dem Tode so empfunden.

Und hier komme ich auf das Kapitel, das sich mir in der letzten Zeit ergeben hat: Die ersten Erlebnisse im sogenannten Devachan sind im wesentlichen erfüllt von dem, was sich schon festgesetzt hat in unserer Seele als unsere Beziehungen zu anderen Menschen vor unserem Tode. Wir können zum Beispiel einem Menschen gegenüber in einer ganz bestimmten Zeit nach dem Tode nicht fragen: Wie soll ich ihn lieben? — sondern wir können nur fragen: Wie habe ich ihn im irdischen Leben geliebt und wie liebe ich ihn in Konsequenz jetzt? Dieser Zustand ändert sich dadurch, daß wir nach und nach fähig werden können, nach dem Tode auf dasjenige, was wir in Visionen um uns herum haben, die Wesenheiten der geistigen Welt, die Wesenheiten der Hierarchien wirken zu fühlen. Also dieser Zustand, den ich eben beschrieben habe, ändert sich nur dadurch, daß wir nach und nach fühlen lernen: Es wirken auf den Nebel, der uns umgibt, die Wesenheiten der Hierarchien; sie bestrahlen diesen Nebel, wie die Sonne die Wolken bestrahlt. Wir müssen sogar eine gewisse Summe von Erinnerungen an die Erlebnisse vor dem Tode mitbringen, die uns wie eine Wolke umgeben, und mit ihnen müssen wir uns fähig machen, aufzunehmen das Licht der ändern Hierarchien. — Im allgemeinen ist auch in der gegenwärtigen Zeit fast jeder Mensch geneigt, sich in dieser Weise den Einflüssen, den Wirkungen der höheren Hierarchien hinzugeben. Das heißt: Jeder Mensch, der heute stirbt und in die geistige Welt eintritt, kommt dazu, daß die Hierarchien seinen Nebel von Visionen beleuchten.

Aber dieses Einwirken der Hierarchien, das im Laufe der Zeit geschieht, dieses Lichtgeben, verändert sich allmählich. Es verändert sich so, daß wir nach und nach fühlen, wie durch das Hereinbrechen des Lichtes der höheren Hierarchien unser Bewußtsein allmählich herabgedämpft werden kann. Und dann merken wir, daß das Erhalten des Bewußtseins von ganz bestimmten Dingen vor dem Tode abhängt. So zum Beispiel verdunkelt sich das Bewußtsein leichter bei einem Menschen mit unmoralischer Seelenverfassung. Das wichtigste also ist, durch den Tod mit moralischen Kräften hindurchzugehen, denn das moralische Bewußtsein hält unsere Seele offen für das Licht der Hierarchien. Es war mir in der letzten Zeit möglich zu untersuchen Menschen nach dem Tode mit moralischer wie auch Menschen mit unmoralischer Seelenverfassung, und es stellte sich immer dabei heraus, daß die Menschen mit moralischer Seelenverfassung ein Bewußtsein erhalten nach dem Tode, das hell und klar ist; die Menschen mit unmoralischer Seelenverfassung verfallen in eine Art dunkler Bewußtseinsdämmerung.

Man kann nun freilich fragen: Was schadet das, wenn die Menschen nach dem Tode in eine Art Bewußtseinsschlaf kommen? Dann haben sie nichts zu leiden und entgehen sogar den Folgen ihrer Unmoralität. — Das kann man aber nicht einwenden aus dem Grunde, weil diese Verdunkelung des Bewußtseins verknüpft ist mit ungeheuren Angstzuständen, die sich als Folge der Unmoralität ergeben. Nach dem Tode gibt es keine größeren Angstzustände als diese Verdunkelung des Bewußtseins.

Später, wenn eine gewisse Zeit nach dem Tode verflossen ist, macht man wieder andere Erfahrungen: Man vergleicht Menschen verschiedener Art zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; für die spätere Zeit nach dem Tode kommen außer den moralischen Seelenverfassungen die religiösen Seelenverfassungen in Betracht, und es stellt sich einfach als eine Tatsache heraus, gegen die man nichts einwenden kann, daß Menschen mit mangelnden religiösen Vorstellungen in einer gewissen Zeit nach dem Tode durch diesen Mangel an religiösen Vorstellungen eine Bewußtseinsverdunkelung erfahren. Man kann sich gar nicht erwehren dieser Impression, die sich bei solchen Untersuchungen der Menschen ergibt, welche nur materialistische Vorstellungen haben, daß sie tatsächlich ihr Bewußtsein bald nach dem Tode erlöschen, verdämmern fühlen. Und es mögen materialistische Weltanschauungen noch so sehr einleuchten, diese Tatsache, die eben gesagt worden ist, ergibt sich eben einmal gegen das dem Menschen Förderliche der materialistischen Anschauungen. Sie sind nun einmal nicht förderlich der menschlichen Entwickelung nach dem Tode.

Damit habe ich sozusagen zwei Zeitepochen geschildert, die für das menschliche Leben nach dem Tode vorhanden sind: die eine Epoche, wo die moralischen, die andere, wo die religiösen Vorstellungen eine Rolle spielen. Dann kommt aber eine dritte, die für jedes menschliche Wesen eine Verdunkelung des Bewußtseins hervorbringen würde, wenn es nicht gewisse Weltmaßnahmen gäbe, welche diese Verdunkelung des Bewußtseins verhindern. Wenn wir nun diese dritte Epoche untersuchen, so müssen wir Rücksicht nehmen auf die Evolution der ganzen Menschheit durch die verschiedenen Entwickelungszyklen hindurch. Durch dasjenige, was sie auf der Erde haben erwerben können, konnten sich die Menschen der vorchristlichen Zeit nichts von dem verschaffen, was ihnen ein Bewußtsein in dieser dritten Epoche nach dem Tode hätte geben können. Daß die Menschen in dieser vorchristlichen Zeit dennoch ein Bewußtsein hatten während dieser dritten Epoche, kam davon her, daß beim Erdbeginn dem Menschen gewisse spirituelle Kräfte gegeben worden waren, die in der Seele eben das Bewußtsein in dieser dritten Epoche nach dem Tode erhalten konnten. Diese Erbstücke, welche die Menschen noch vom Erdbeginne her hatten, wurden aufbewahrt durch die weisen Maßnahmen, die durch die initiierten Führer getroffen worden sind. Wir müssen nämlich durchaus festhalten, daß in den vorchristlichen Zeiten alle verschiedenen Völker der Erde die Einflüsse der Initiationsstätten erhalten haben. Es gab Hunderte von Wegen, auf denen das spirituelle Leben aus den Mysterien in das Volksleben hineinfloß.

Diese Impulse wurden immer schwächer und schwächer, je mehr sich die Menschheitsentwickelung in ihren Zyklen dem Mysterium von Golgatha näherte. Ein äußerer Beweis, daß diese Impulse immer schwächer wurden, kann gefunden werden zum Beispiel in dem Auftreten des großen Buddha in der vorchristlichen Zeit. Sie finden, wenn Sie die Lehren des Buddha im Ernst betrachten, nirgends wirkliche Andeutungen über das Wesen der spirituellen Welt. Daher ist dort die Bezeichnung für die geistige Welt in der Nirwanalehre eine wirklich negative. Buddha verlangte zwar, daß derjenige, der in die geistige Welt aufsteigen will, sich frei macht von dem Hängen an der physischen Welt; aber in der ganzen Buddha-Lehre finden Sie keine irgendwie hervortretende Beschreibung der geistigen Welt, wie sie vorher zum Beispiel in der Brahman-Lehre gegeben worden ist, die noch Erbstücke der alten Zeiten aufzuweisen hatte. Immer wiederum muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Tatsachen, die jetzt angeführt worden sind, zum Ausdruck kommen bei den verschiedenen Völkern bis zu der Zeit, wo die Griechen die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha empfunden haben. Weil während der vorangehenden griechischen Periode der Menschheitsentwickelung das Bewußtsein herabgedämmert war zwischen Tod und neuer Geburt, empfand der Grieche, der das wußte, den Aufenthalt in der geistigen Welt nur wie etwas Schattenhaftes. Ihm war die geistige Welt nur eine Schattenwelt. Alle Schönheit, alles Künstlerische, auch harmonische Einrichtungen der äußeren Welt konnte der Mensch sich aus eigenen Kräften geben, aber nicht konnte er sich in der physischen Welt dasjenige erwerben, was ihm ein Licht gab in der dritten Epoche zwischen Tod und neuer Geburt.

Das hängt durchaus damit zusammen, daß mit der griechischen Zeit herangekommen war derjenige Menschheitszyklus, wo das alte spirituelle Erbe abgedämmert war und der Mensch durch eigene Kräfte sich das in der physischen Welt nicht erwerben konnte, was ihm hätte bleiben können nach dem Tode, damit er mit dem geschilderten Bewußtsein hätte hineinkommen können in die geistige Welt. Daher mußte in der Weltentwickelung gerade in diesem Zeitpunkte sich etwas ganz Besonderes vollziehen: Es mußte an den Menschen von außen her der Impuls herantreten, der ihm Bewußtsein gab in diesem Zeitraum nach dem Tode, von dem wir eben gesprochen haben. Die Menschen hatten die eigene Fähigkeit verloren, in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt Bewußtsein zu haben aus alten Erbstücken heraus. Sie konnten die Kraft des Bewußtseins wieder gewinnen, hinblickend auf das, was im Mysterium von Golgatha geschehen ist. Es ist die Sache durchaus so, daß dasjenige, was in der griechischen Periode hat erfahren werden können durch das Mysterium von Golgatha, dem Menschen in dem entsprechenden Zeitpunkt zwischen Tod und neuer Geburt das Bewußtsein aufgehellt hat. Das Verständnis des Mysteriums von Golgatha ist der Impuls für das Bewußtsein in dem dritten Zeitraum nach dem Tode.

Blicken wir also auf diesen Zeitpunkt der sogenannten griechisch-lateinischen Epoche der Menschheitsentwickelung, so können wir sagen: Für die erste Periode nach dem Tode ist die moralische Verfassung der Seele das Maßgebende; für die zweite ist die religiöse Verfassung der Seele das Maßgebende; für die dritte aber war das Maßgebende das Verständnis für das Mysterium von Golgatha. Wer das nicht hatte, dem erlosch in der dritten Epoche nach dem Tode das Bewußtsein, geradeso, wie es vorher den Griechen gefehlt hat. Es bedeutet das Mysterium von Golgatha in der Tat die Belebung des menschlichen Bewußtseins gerade in der mittleren Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Was die Menschen an altem spirituellem Erbgut verloren hatten, wurde ihnen durch dieses Ereignis wieder gegeben. So wurde das Eintreten des ChristusEreignisses notwendig aus den menschlichen Voraussetzungen und Lebensverhältnissen heraus. Im weiteren Fortgang wurden die Menschen mit immer neuen Fähigkeiten ausgestattet. In der ersten Zeit der christlichen Entwickelung war es im wesentlichen die reale Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha, wie es überliefert wurde von denen, die es miterlebt hatten und die fortgepflanzt haben, was sich ergab als die Kraft des Bewußtseins in der dritten Epoche nach dem Tode, wie ich es geschildert habe. Mit der weiteren Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten wird aber heute wiederum ein neues Verhältnis zu dem Mysterium von Golgatha und zu dem Christus notwendig.

Wenn man das tiefste Wesen der Menschenseele namentlich in unserer gegenwärtigen Zeit erfassen will, so muß man sagen: Dieses tiefste Wesen besteht darin, daß der Mensch heute vordringen kann zu einer gewissen Kenntnis seines Ich. Ein solches Herantreten an das Ich, wie es heute möglich ist, war in früheren Zeiten nicht möglich. Bei den Menschen der äußeren Welt macht sich dieses Herantreten an das Ich in der Form des krassesten Egoismus geltend, dann finden sich alle möglichen Abstufungen bis zu jener, die wir die Stufe der Philosophen nennen können. Wenn Sie die heutigen Philosophen studieren, werden Sie finden, daß sie einen gewissen Ruhepunkt doch nur haben, wenn sie auf das menschliche Ich zu sprechen kommen. Wenn in der vorchristlichen Zeit der Mensch versuchte, die Welt zu erkennen, so ging er an die äußere Erscheinung, die an ihn herantreten konnte, heran; das heißt, er ging aus sich heraus, wenn er philosophieren wollte. Heute gehen die Menschen in sich hinein und finden einen festen Punkt nur, wenn sie an das Ich herankommen. Ich will als Beispiel hier nur anführen den großen Philosophen Fichte und den Gegenwartsphilosophen Bergson und erwähnen, daß eine gewisse Ruhe an diese Menschen erst dann herankommt, wenn sie das menschliche Ich finden. Suchen wir den Grund dieser Erscheinung, so kommen wir darauf, daß die Menschen früher zu einer Ich-Erkenntnis aus sich selbst heraus nicht kommen konnten. Gegeben wurde sie in der griechisch-lateinischen Zeit durch das Ereignis von Golgatha. Der Christus gab den Menschen die Gewißheit, daß in der Seele ein Funken des Göttlichen lebt. Er lebt weiter im Menschen, der nicht nur Fleisch geworden ist in einem physischen Sinn, sondern der Fleisch geworden ist im christlichen Sinne. Und das bedeutet: ein Ich geworden sein. Diese Möglichkeit, das Göttliche in einem menschlichen Individuum zu schauen, nämlich in dem Christus, die wird dem Menschen von heute auf dem physischen Plan dadurch immer mehr verdunkelt, daß er immer mehr in sein persönliches Ich hineindringt. Es wird die Fähigkeit, den Christus zu schauen, dadurch verdunkelt, daß der Mensch diesen Funken in sich selbst sucht. Und wir haben ja erlebt, daß im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts diese Anschauung von dem Ich sich dazu verdichtet hat, daß die Christus-Gestalt entgottet worden ist und das Göttliche als das Abstrakte aufgefaßt wird, das sich in der ganzen Menschheit ausdrückt. Es machte zum Beispiel der deutsche Philosoph David Friedrich Strauß geltend, daß man nicht hinblicken sollte auf einen einzelnen historischen Christus, sondern auf dasjenige, was sich als Göttliches durch die ganze Menschheit hindurchzieht, daß zum Beispiel die Auferstehungsszene nichts anderes sei als das, was sich in der ganzen Menschheit offenbare: die Auferstehung des göttlichen Geistes in der ganzen Menschheit.

Aus diesem Grunde ist es, daß ein tieferes Verständnis für das Mysterium von Golgatha immer mehr verloren wird, je mehr die Menschen in sich selbst das Göttliche suchen. Die ganze Tendenz des modernen Denkens geht dahin, das Göttliche nur in dem Menschen selbst zu reflektieren. Dadurch wird immer mehr die Unmöglichkeit geschaffen zu erkennen, daß das Göttliche in einer Persönlichkeit verkörpert war.

Für das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt hat dieses eine ganz ungeheuer reale Folge. War es schon während der griechisch-lateinischen Zeit so, daß der Mensch sich durch seine eigenen Kräfte das Bewußtsein nicht aufrechterhalten konnte in der dritten Epoche nach dem Tode, so wird das noch viel schwieriger sein in unserer Zeit durch den allgemein menschlichen und auch durch den philosophischen Egoismus. In unserer Zeit schafft sich der Mensch in seine vorhin charakterisierte Visionswolke, in seine Nebelwolke in der dritten Epoche zwischen Tod und neuer Geburt noch mehr Hindernisse hinein als in der griechisch-lateinischen Zeit.

Wenn man ungeschminkt die Entwickelung der Menschheit in der letzten Zeit ansieht, so muß man sagen: Paulus hat das Wort gesprochen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Der heutige Mensch sagt: Ich in mir, und der Christus so weit, als ich ihn zugeben kann. — Der Christus soll nur so weit gelten, als er durch die Ich-Vernunft, durch den Ich-Verstand zugegeben werden kann. Nun gibt es nur ein Mittel in unserem gegenwärtigen Zeitalter, das Bewußtsein in der geistigen Welt während der dritten Periode nach dem Tode wirklich hell und aufrecht zu erhalten, das ist: daß wir uns aus dem gegenwärtigen Leben ein gewisses Gedächtnis, eine gewisse Erinnerung nach dem Tode erhalten. Wir müßten nämlich während dieser Periode alles vergessen, was wir auf der Erde erlebt haben, wenn wir nicht an ein ganz Bestimmtes uns erinnern können: Haben wir auf unserer Erde ein Verständnis erlebt und ein Verhältnis gefunden zu dem Christus und dem Mysterium von Golgatha, so pflanzt das in uns hinein Gedanken und Kräfte, die uns das Bewußtsein aufrechterhalten in dieser Zeit nach dem Tode. Die Tatsachen zeigen also, daß es die Möglichkeit gibt, in dem bezeichneten Zeitpunkte nach dem Tode sich zu erinnern an das, was man hier gelernt und verstanden hat über das Mysterium von Golgatha. Wenn wir uns solche Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen erworben haben, die anknüpfen an das Mysterium von Golgatha, dann können wir uns nach dem Tode an diese Empfindungen erinnern und auch an das andere, was sich an solche Empfindungen, Gefühle und Vorstellungen anknüpft. Das heißt: Unser Bewußtsein muß dadurch, daß wir auf der Erde ein Verständnis erwerben für das Mysterium von Golgatha, nach dem Tode über einen gewissen Abgrund hinweggeführt werden. Wenn wir dieses Verständnis uns erworben haben, dann werden wir von dem betreffenden Zeitpunkte an in dieser dritten Periode mitwirken können, aus unserer Erinnerung heraus auszubessern die Fehler, die wir in unserer Seele aus unserem Karma heraus haben. Wenn wir uns aber kein Verständnis von dem Christus und dem Mysterium von Golgatha erworben haben, kein Verständnis von der ganzen Tiefe des Ausspruches: «Nicht ich, sondern Christus in mir», dann erlischt in uns das Bewußtsein und damit die Möglichkeit, unser Karma auszubessern, und es muß übernommen werden von anderen Mächten die Arbeit an unseren Fehlern, die wir aus unserem Karma nun zu verbessern haben.

Natürlich kommt jeder Mensch durch eine neue Geburt ins Dasein, aber es ist wesentlich, ob das Bewußtsein abgerissen ist oder ob es sich über diese Kluft hinüber erhalten hat. Wenn wir mit einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha an diesem Zeitpunkt nach dem Tode ankommen, dann können wir zurückschauen und uns erinnern, daß wir mit allem Menschlichen aus dem Göttlichen kommen. Dann empfinden wir aber auch, daß wir unser Bewußtsein herüberretten dadurch, daß wir eine Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha gewonnen haben, und wir bauen das Bewußtsein weiter aus, indem wir diesen Geist, der an uns herankommt, sehen können. Wenn wir uns hier ein Verständnis für das Mysterium von Golgatha erworben haben, dann kommen wir an den Zeitpunkt jener dritten Periode nach dem Tode so, daß wir uns erinnern können und daß wir sagen können: Wir sind aus dem Geiste geboren — ex Deo nascimur. Und ich kann Ihnen sagen: Niemals vernimmt derjenige, der bis zu irgendeinem Grade der Initiation vorgedrungen ist, die Wahrheit der Worte: «Aus dem göttlichen Geiste bin ich geboren» so stark, wie wenn er sich versetzt in den Zeitpunkt, der eben charakterisiert wurde. In diesem Augenblick sagt es sich jede Seele, die durch das Mysterium von Golgatha verstehend hindurch gedrungen ist. Und man empfindet erst die Bedeutsamkeit dieses Ausspruches: Ex Deo nascimur, wenn man weiß, daß er in seiner tiefsten Bedeutung, auf seinem höchsten Gipfel empfunden werden kann in dem Zeitpunkt, an den der Mensch in der Mitte zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gelangen wird.

Und man möchte, wenn man diese Tatsachen objektiv erkennt, unserem Zeitalter wünschen, daß immer mehr und mehr Menschen dazu kommen zu verstehen, wie im Grunde dieser eben genannte Ausspruch in seiner höchsten Würde heute nur erkannt werden kann in der Weise, die eben geschildert worden ist. Und wenn durch die rosenkreuzerische spirituelle Bewegung dieser Ausspruch zu einer Art Leitspruch in unserem Kreise gemacht worden ist, so ist es getan, um den Seelen Anregung zu geben für das, was in diesen Seelen leben soll zwischen Tod und neuer Geburt.

Es ist leicht, meine lieben Freunde, solch eine Ausführung wie diejenige, die eben gemacht worden ist, als eine Voreingenommenheit für die christliche Lebensanschauung zu nehmen. Würde in diesem Sinne ein solches Vorurteil für das christliche Religionsbekenntnis vorhanden sein, so wäre das wirklich untheosophisch. Auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen wir objektiv den Religionen gegenüber und studieren sie mit vollständig gleicher Sympathie. Und die Tatsache, die eben jetzt vom Mysterium von Golgatha geltend gemacht worden ist, hat mit irgendeinem konfessionellen Christus nichts zu tun, sondern ist eine objektive okkulte Tatsache. Man hat zwar den Vorwurf gemacht, daß innerhalb unserer abendländischen spirituellen Bewegung solche Dinge, wie sie eben gesagt worden sind, aus einer gewissen Voreingenommenheit für das Christentum gegenüber den anderen Religionen entsprungen seien. Allein die Stellung, die dem Mysterium von Golgatha hier gegeben wird, wird ihm in demselben Sinne gegeben wie in der äußeren Wissenschaft irgendeiner zu konstatierenden Tatsache. Und wenn gesagt wird, man dürfe nicht das Mysterium von Golgatha in seiner Einzigartigkeit für die Menschheitsentwickelung hinstellen, weil andere Religionen dieses nicht so anerkennen können, so ist das aus folgenden Gründen ein absolutes Mißverständnis. Denn nehmen wir einmal die Tatsache, daß wir Religionsbücher der alten indischen Religion haben und daß wir eine abendländische Weltanschauung haben. Wir lehren heute die Kopernikanische Weltanschauung im Abendlande. Niemand wird den Vorwurf machen, daß man diese Kopernikanische Weltanschauung nicht lehren dürfe, weil sie in den alten indischen Religionsbüchern nicht enthalten ist. Wie niemand verbieten kann, diese Weltanschauung zu lehren, weil sie nicht in den alten indischen Religionsbüchern steht, so kann auch niemand verwehren, die Tatsache von dem Mysterium von Golgatha zu lehren aus dem Grunde, weil sie nicht in den Religionsbüchern der alten Inder enthalten ist.

Daraus sollen Sie nur ersehen, wie unbegründet der Vorwurf ist, die Charakterisierung des Mysteriums von Golgatha, wie sie hier gegeben ist, entspringe einer Vorliebe für das Christentum. Sie entspricht nur der Festsetzung einer objektiven Tatsache. Und wenn Sie mich fragen, warum ich niemals einen Schritt zurückweichen werde in bezug auf die Betonung dieser Tatsache des Mysteriums von Golgatha, so kann Ihnen gerade die heutige Auseinandersetzung eine Antwort darauf geben.

Wir treiben Geisteswissenschaft nicht aus Neugierde oder auch nur aus abstraktem Wissensdrang, sondern wir treiben sie aus dem Grunde, um mit ihr der Seele eine notwendige Nahrung zu geben. Und mit der Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha geben wir der menschlichen Seele die Möglichkeit, in sich diejenige Empfindung und Gefühlsstimmung auszubilden, die sie notwendig braucht, um über den geschilderten Abgrund zwischen Tod und neuer Geburt hinwegzukommen. Wer einsieht, daß die Seele zwischen Tod und neuer Geburt den für alle Menschenzukunft so schwer zu tragenden Verlust des Bewußtseins in der angegebenen dritten Epoche zu erleiden hätte, der möchte bei jeder Gelegenheit das Geheimnis von Golgatha der Menschheit nahelegen.

Und aus diesem Grunde gehört zu den wichtigen Dingen, die wir auf geisteswissenschaftlichem Felde verstehen lernen sollen, gerade das Verständnis dieses Mysteriums von Golgatha.

Je mehr wir fortschreiten werden in unserem Zeitalter, desto mehr werden die verschiedenen Religionen der Welt gedrängt werden, anzunehmen die Tatsache, die gerade heute besprochen worden ist. Eine Zeit wird kommen, wo derjenige, der Anhänger der chinesischen, der buddhistischen, der brahmanischen Religion ist, es ebensowenig gegen seine Religion finden wird, das Mysterium von Golgatha anzunehmen, wie er es gegen seine Religion findet, anzunehmen das Kopernikanische Weltensystem. Und es wird angesehen werden als eine Art von religiösem Egoismus, wenn man sich in den außerchristlichen Religionen wehren wird, diese Tatsache anzunehmen.

Sie sehen, meine lieben Freunde, wir sind bei dem Mysterium von Golgatha angekommen, indem wir die Bedingungen zwischen Tod und neuer Geburt betrachten wollten. Man kann in einer einzelnen Vortragsstunde immer nur Andeutungen geben über ein solches Gebiet wie dasjenige, das wir heute betreten wollten. Aber ich wollte Sie wenigstens hinweisen auf einige Ergebnisse, die sich mir erschlossen haben durch meine neuesten Untersuchungen.

Da der nächste Vortrag zusammenhängen wird mit dem heutigen, so werden wir wahrscheinlich eine kurze Rückschau des Gesagten anschließen können und dann zu den in Aussicht genommenen weiteren Ausführungen übergehen.




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