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Okkulte Untersuchungen uber das Leben zwischen Tod und neuer Geburt

On-line since: 15th February, 2017

EINIGES ÜBER DIE TECHNIK DES KARMA IM LEBEN NACH DEM TODE

Bern, 15. Dezember 1912

Die Feier des ersten Jahrfünftes begeht der Berner Zweig mit dem heutigen Tage, und zugleich sind wir in der Lage, uns heute zum erstenmal innerhalb dieses Raumes zusammenzufinden, der durch seine ganze Art in würdiger Weise eine Umrahmung sein soll für unsere spirituellen Bestrebungen und unsere spirituellen Arbeiten hier an diesem Orte. Wenn gesucht werden solche Umrahmungen und wenn wir in der Lage sind, immer und immer mehr unsere engeren Versammlungen in solchen Umrahmungen abzuhalten, so bedeutet dies immerhin etwas in unseren spirituellen Bestrebungen. Wir wissen ja, daß nun schon an mehreren Orten unseres Arbeitsgebietes solche Räume angestrebt worden sind und auch vorhanden sind. Und wir dürfen wohl an diesem Tage, der für uns, wie es eben charakterisiert worden ist, in zweifacher Weise feierlich ist, mit ein paar Worten einleitend auch der Bedeutung einer solchen Umrahmung gedenken.

Wir kommen ja immer wieder und wiederum bei unseren Bestrebungen auf die Dreizahl nach der einen oder der ändern Richtung zurück, auf die heilige Dreizahl, wie man auch sagt. Und innerhalb des menschlichen Seelenlebens findet man diese heilige Dreizahl ausgedrückt in dem Denken, Fühlen und Wollen.

Wenn wir uns besinnen auf das Denken, dann werden wir uns sagen: In unserem Denken müssen wir uns richten nach den objektiven Notwendigkeiten. Denn wenn wir uns in unserem Denken — sei es dem Denken über Dinge des physischen Planes oder über Dinge der höheren Welten — nicht nach den Notwendigkeiten richten, so werden wir allein den Irrtum begehen können, wir werden nicht zur Wahrheit kommen. In unserem Wollen müssen wir uns ebenfalls zunächst nach dem richten, was uns gewisse äußere moralische Grundsätze sagen. Wiederum müssen wir uns richten nach Notwendigkeiten und dürfen wohl sagen, in bezug auf unser Denken und unser Wollen ragen die Notwendigkeiten von den höheren Welten in die physische Welt herunter.

Wirklich im richtigen Sinne des Wortes frei fühlt sich der Mensch in seinem Fühlen. Das ist doch ganz anders als das Denken und das Wollen. Im Fühlen und Empfinden, da fühlen wir uns sozusagen am richtigsten, wenn wir weder den Zwang des Denkens noch den Zwang des Wollens verspüren, sondern wenn wir hingegeben sind an das, was eben gefühlt werden kann. Warum ist dies so?

Ja, beim Denken fühlen wir, daß das mit etwas zusammenhängt, von etwas abhängt; beim Wollen fühlen wir ebenfalls, daß wir abhängen; beim Fühlen aber sind wir ganz in uns selber. Da leben wir sozusagen ganz in unserer Seele drinnen. Warum ist das so? Weil unser Gefühl letzten Endes gerade ein Spiegelbild einer sehr, sehr jenseits unseres Bewußtseins liegenden Kraft ist. Die Gedanken müssen wir so ansehen, daß sie Abbilder sind dessen, was sie darstellen. Das Wollen müssen wir so entfalten, daß es zum Ausdruck bringt, was unsere Verpflichtung ist. In dem Fühlen dürfen wir das frei leben, was uns zur Seele spricht, weil das Fühlen eine Spiegelung ist, okkult gesehen, desjenigen, was allerdings nicht in unser Bewußtsein hereintritt, was aber jenseits unseres gewöhnlichen Bewußtseins liegt und unmittelbar Göttlich-Geistiges ist. Man kann sagen: Durch das Denken und das Wollen suchen Götter den Menschen zu erziehen; im Fühlen lassen uns Götter, wenn auch auf geheimnisvolle Weise, an ihrem eigenen Wirken, an ihrem eigenen Schaffen teilnehmen. Im Fühlen ist es auch so, daß wir in unserer eigenen Seele etwas gegenwärtig haben, woran die Götter selber ihren Gefallen haben.

Nun, durch eine solche Umrahmung, wie sie hier geschaffen ist, können wir alles dasjenige, was wir hier betrachten, fortdauernd mit einem Gefühl begleiten, das uns sozusagen intimer macht mit den geistigen Welten, recht intim macht mit den geistigen Welten. Und diese Intimität mit den geistigen Welten muß uns zukommen von all dem, was wir sonst betrachten. Daher dürfen wir einen gewissen Wert auf eine solche Umrahmung legen, dürfen immer mehr uns hineinleben in das, was uns eine solche Umrahmung sein kann. Da blicken wir nach allen Seiten in solcher Umrahmung und fühlen da, sagen wir, die Gewalt von Licht und Farben, die für uns zu Offenbarungen werden desjenigen, was in der geistigen Welt ist. Gewiß kann das, was wir zu sagen haben, auch aufgefaßt werden in den trivialen, schrecklichen Räumen, die schon einmal in der Gegenwart überall sind; aber warm, so recht warm kann unsere Seele bei den spirituellen Betrachtungen nur werden, wenn wir solche Umrahmungen haben. Daß wir sie auch hier in Bern nach Ablauf des ersten Jahrfünfts unseres Arbeitens in dieser Weise haben können, das dürfen wir bezeichnen als ein gutes Karma, welches unsere Arbeit begleitet und segnet. Und so wollen wir denn bei jeder solchen Gelegenheit, wie dieses zweifache Fest heute eine ist, eingedenk sein der Bedeutung dessen, was Geisteswissenschaft, was geistige Erkenntnis dem Menschen der neueren Zeit sein kann und sein soll.

Nun, dasjenige, was wir heute eigentlich betrachten wollen, das wird sich beziehen auf mancherlei, was schon öfters besprochen worden ist; aber von einem neuen Gesichtspunkte aus wollen wir Bekanntes besprechen, weil die geistigen Welten uns nur völlig verständlich werden können, wenn wir sie wirklich von den verschiedensten Standpunkten aus betrachten. Das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist in der mannigfaltigsten Weise beschrieben worden. Wir wollen es heute so betrachten, daß wir berücksichtigen können mancherlei von dem, womit ich mich gerade in den letzten Monaten neuerdings auf dem Gebiet der Geistesforschung zu beschäftigen hatte.

Wir wissen ja, daß wir unmittelbar, nachdem wir durchschritten haben die Pforte des Todes, das sogenannte Kamaloka durchmachen, das heißt jene Zeit, in der wir noch enger zusammenhängen mit unserm Fühlen, unseren Affekten, mit all unserm Seelenleben unserer letzten Erdenverkörperung. Allmählich befreien wir uns von diesem Zusammenhang. Wir haben ja nicht mehr den physischen Leib, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Aber wenn wir auch den physischen und den Ätherleib abgelegt haben, unser Astralleib hat alle Eigentümlichkeiten, die er hier auf Erden hatte; und diese Eigentümlichkeiten, die dieser Astralleib hat, weil er in einem physischen Leibe gewirkt hat, die muß er ablegen. Dazu braucht er eine gewisse Zeit, und das ist die Kamalokazeit. Nach dieser Kamalokazeit durchlebt er dasjenige, was wir die geistige Welt oder das Devachan genannt haben. Wir haben es in unseren Schriften mehr, man möchte sagen, nach dem charakterisiert, was der Mensch erlebt durch die verschiedenen Elemente, die sich um ihn herum ausbreiten. Wir wollen jetzt von einer ändern Seite die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt betrachten. Und zwar wollen wir dies zunächst einmal im allgemeinen charakterisieren.

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgegangen ist, so erlebt er das Folgende: Während wir hier auf der Erde sind, können wir sagen, wir sind an einem bestimmten Orte eingeschlossen, nämlich in unsere Haut, und außerhalb ist der Raum mit den ändern Dingen und Wesenheiten. So ist es aber nicht nach dem Tode; sondern nach dem Tode ist es so, daß wir uns zunächst mit unserer ganzen Wesenheit ausdehnen, daß wir in unserem Erfühlen immer größer und größer werden. Dieses Gefühl: Ich bin in meiner Haut, und da draußen ist der Raum mit den Dingen — das ist eine Erfahrung, die wir nach dem Tode nicht haben. Nach dem Tode sind wir in den Dingen und Wesenheiten drinnen, wir dehnen uns aus über den Raum, der für uns in Betracht kommt. Während der Kamalokazeit dehnen wir uns fortwährend aus, und wenn die Kamalokazeit zu Ende ist, sind wir so groß, wie der Raum innerhalb des Mond-Umkreises ist. Also tatsächlich wir wachsen, wir dehnen uns aus über den Raum. Das Im-Raume-Sein, das Dasein im Räume hat nach dem Tode eine ganz andere Bedeutung als hier im physischen Leben. Tatsächlich ist es in gewisser Weise so, daß wir in der Kamalokazeit in dem Räume sind, den der Mond umläuft. Jede einzelne Seele ist da, so daß alle Seelen, die gleichzeitig im Kamaloka sind, den Raum ausfüllen, den die Mondbahn umgrenzt. Sie stecken alle ineinander. Und doch ist dieses Ineinanderstecken keineswegs ein Beisammensein, sondern das Sichbeisammen-Fühlen, das Miteinandersein hängt von ganz anderem ab als von dem Ausfüllen eines gemeinschaftlichen Raumes. Da können zwei Seelen nach dem Tode in demselben Räume sein und können tatsächlich unendlich ferne voneinander sein, das heißt ihr Erleben ist so, daß sie gar nichts voneinander zu wissen brauchen, während andere Seelen ebenfalls in demselben Räume sind, aber sich familiär fühlen, sich beisammen fühlen, miteinander sich erleben. Da hängt alles von innerlichen Verhältnissen ab, nicht von äußerlich räumlichen Zusammenhängen.

Und in den nächsten Zeiten, wenn Kamaloka zu Ende ist, lebt sich der Mensch noch in größere Räume ein. Immer weiter dehnt er sich aus. Wenn der Mensch so weit sich ausgedehnt hat, daß Kamaloka zu Ende geht und er sozusagen ausgedehnt ist über einen Himmelsraum, der so groß ist, daß die Mondbahn ihn begrenzen würde, dann ist innerhalb dieses ausgedehnten Raumes, den der Mensch zu durchmessen hat nach dem Tode innerhalb der Kamalokazeit, da ist zurückgeblieben — wie vom Menschen abgestreift — alles dasjenige, was der Mensch jemals während seines Erdenlebens so begangen hat, daß es ausdrückt seinen rechten Hang zum Erdenleben, seine Sehnsucht, seine Leidenschaft zum Erdenleben. Alles das muß der Mensch durchmachen, aber alles das muß er auch zurücklassen in der Mondsphäre oder im Kamaloka. Wenn der Mensch also weiterlebt nach dem Tode und sich später zurückerinnert an diese Mondensphäre, so wird er da eingeschrieben finden alles, was er hier hatte an sinnlichen Affekten und Leidenschaften, an all das, was im Seelenleben sich entfaltet, wegen dessen er sich sympathisch zur Körperlichkeit hingezogen fühlt. Das alles läßt er zurück in der Mondensphäre. Da bleibt es; der Mensch kann es nicht so schnell wieder ausstreichen. Der Mensch nimmt es auch mit als Kraft, aber es bleibt in der Mondensphäre eingeschrieben. So daß sozusagen unser Schuldkonto, eines jeden Menschen Schuldkonto in der Mondensphäre eingeschrieben bleibt.

Dann dehnen wir uns weiter aus. Wenn wir uns weiter ausdehnen, kommen wir in eine zweite Region, die der Okkultismus die Merkursphäre nennt. Es ist hier nicht möglich, genauer einzugehen auf eine Zeichnung der Sache, aber wir wollen einmal zunächst diese Dinge so betrachten ohne Zeichnung. Die Merkursphäre ist eine Sphäre, die größer ist als die Mondsphäre. Wenn wir uns in diese Sphäre hineinleben wollen nach dem Tode, so tun wir das als Menschen in der verschiedensten Weise. Der eine Mensch — das kann man genau untersuchen mit den entsprechenden Mitteln der Geisteswissenschaft —, der eine Mensch, der unmoralisch oder moralisch niedrig gestimmt war, lebt sich in diese Merkursphäre in ganz anderer Weise ein als der Mensch, der moralisch gestimmt ist. Der erstere kann in dieser Merkursphäre, das heißt in der Zeit, die nach der Kamalokazeit kommt in der Art, wie wir es früher gesagt haben, nicht diejenigen Menschen finden, welche mit ihm oder vor ihm oder bald nach ihm ebenfalls den physischen Plan verlassen haben und auch in der geistigen Welt sind. Also er lebt sich so in die geistige Welt hinein, daß er diejenigen, die ihm lieb waren, mit denen er zusammen sein möchte, doch nicht finden kann. Er wird ein Einsiedler der geistigen Welt, der Merkursphäre, der hier auf Erden unmoralisch gestimmte Mensch. Der moralisch gestimmte Mensch wird aber das, was man nennen kann ein geselliges Wesen. Er findet dort vor allen Dingen diejenigen Menschen, die ihm auf Erden nahegestanden haben als Seelenwesen.

Davon hängt es ab, ob wir mit jemand zusammen sind; nicht vom Räumlichen, denn wir füllen alle denselben Raum aus, sondern von dem, wie wir gestimmt sind. Einsiedler werden wir, trotzdem wir denselben Raum ausfüllen wie die ändern, und Einsiedler bleiben wir, denn wir finden nicht den Weg zu den ändern, trotzdem wir in demselben Raum sind. Einsiedler werden wir, wenn wir unmoralische Gesinnung hineinbringen; gesellige Wesen werden wir, wenn wir moralische Stimmung hineinbringen. Im Kamaloka, in der Mondensphäre finden wir andere Schwierigkeiten in bezug auf das Gesellige; aber im allgemeinen darf man sich vorstellen, daß auch da der Mensch, je nach Beschaffenheit seiner Seele, ein Einsiedler oder ein geselliges Wesen werden kann. Derjenige, der ein ausgesprochener Egoist war auf der Erde, der eigentlich nur die Befriedigung seiner Begierden und Leidenschaften kennt, wird in der Mondsphäre nicht leicht die Wesen finden können, die ihm auf der Erde nahegestanden haben. Der Mensch aber, der leidenschaftlich, wenn auch nur sinnlich leidenschaftlich noch etwas geliebt hat, was außer ihm steht, der wird immerhin in der Kamalokazeit kein ganz einsames Wesen sein, sondern er wird andere Wesen finden, die ihm nahegestanden haben. Aber im allgemeinen ist es in diesen zwei Sphären nicht möglich, andere Menschenwesen zu finden als solche, die uns schon auf der Erde nahegestanden haben. Die ändern bleiben uns unbekannt. Also die Bedingung sozusagen, daß wir mit anderen Menschen zusammenkommen, ist die, daß wir auf Erden mit ihnen zusammen waren. Ob wir zusammenkommen, das hängt vom Moralischen ab. Aber auch moralische Bestrebungen können uns nicht viel über jenes Gebiet hinaus fördern, das zu jenen Menschen führt, denen wir schon auf Erden nahegestanden haben. Die Beziehungen zu diesen Menschen, die wir da nach dem Tode treffen, haben das Eigentümliche, daß sie nach dem Tode nicht geändert werden können.

Das müssen wir uns so vorstellen: Hier im Leben haben wir jederzeit die Möglichkeit, die Lebensverhältnisse, die Lebensbeziehungen zu ändern. Nehmen wir einmal an: einen Menschen haben wir durch eine gewisse Zeit nicht so geliebt, wie er es verdient hätte. In dem Augenblick, wo wir dieses einsehen, wo wir zur Besinnung kommen, können wir die richtige Liebe eintreten lassen, wenn wir stark genug sind. Diese Möglichkeit fehlt uns nach dem Tode. Wenn wir nach dem Tode einen Menschen antreffen, dem wir auf der Erde zu wenig Liebe oder ungerechtfertigte Liebe entgegengebracht haben, so sehen wir das zwar, wir nehmen die Sache viel genauer wahr als hier auf der Erde; aber wir können nichts daran ändern. Es muß so bleiben. Das eben ist das Eigentümliche, daß die Lebensbeziehungen eine gewisse Konstanz haben. Dadurch, daß sie etwas Bleibendes werden, bildet sich in unserer Seele die Kraft aus, durch welche sich das Karma ordnet. Wenn wir also einen Menschen fünfzehn Jahre lang zu wenig geliebt haben, so sehen wir dies ein; und während wir es durchleben, bilden wir die Kraft aus, wenn wir wieder inkarniert werden auf der Erde, dieses anders zu machen; dadurch bilden wir die Kraft und den Willen zum karmischen Ausgleich aus. Das ist die Technik des Karma. Vor allen Dingen müssen wir uns über eines klar sein. In den ersten Zeiten nach dem Tode, also während der Mondund der Merkurzeit, und auch noch während der nächsten Zeit, die gleich charakterisiert werden soll, da leben wir in der geistigen Welt so, daß unser Leben abhängt von der Art, wie wir hier auf Erden, in der physischen Welt gelebt haben; aber so, daß nicht nur in Betracht kommt unser Bewußtsein, wie wir es auf Erden haben, sondern daß auch in Betracht kommt unser Unterbewußtsein. So wie wir hier auf der Erde leben normal, im Wachzustande, so leben wir in unserem Ich. Unter unserem Ich-Bewußtsein ist das astrale Bewußtsein, das Unterbewußtsein. Und das wirkt zuweilen auf Erden ganz anders, ohne daß der Mensch es weiß, als das Oberbewußtsein, das Ich-Bewußtsein.

Nehmen wir das nächstliegende Beispiel. Zwei Menschen leben hier in den besten Freundschaftsverhältnissen. Da kommt es häufig vor, der eine bekommt eine gewisse Estimation für die Geisteswissenschaft, der andere, der mit ihm lebt, während ihm vorher die Geisteswissenschaft gleichgültig war, bekommt jetzt einen besonderen Haß darauf. Dieser Haß braucht nicht in der ganzen Seele zu sein, es kann durchaus so sein, daß er nur im Ich-Bewußtsein ist, nicht im astralen Bewußtsein. Im Astralbewußtsein kann der Mensch, der sich immer mehr in den wütenden Haß hineinredet, sie eigentlich lieben und nach ihr verlangen, ohne daß er es weiß. Das ist durchaus möglich. Solche Widersprüche gibt es in der menschlichen Natur. Untersucht man sein Astralbewußtsein, sein Unterbewußtsein, so lebt vielleicht gerade da eine ihm selbst verborgene Sympathie mit der Sache, die er in seinem Oberbewußtsein haßt. Nach dem Tode zeigt sich das besonders bedeutsam; denn nach dem Tode wird der Mensch in dieser Beziehung wahr. Einer, der hier auf Erden sich eingeredet hat, noch so sehr Geisteswissenschaft zu hassen, aber im Unterbewußtsein sie liebt, und der während seines ganzen Lebens abgewiesen hat, was damit zusammenhing, der hat oft die brennendste Liebe nach dieser Geisteswissenschaff. Das kann einen tiefen Schmerz in seinem Kamaloka-Leben bedeuten, daß er nichts weiß und also keine Gedanken der Erinnerung hat. Denn in der ersten Zeit nach dem Tode lebt man vorzugsweise von Erinnerungen. So daß der Mensch nach dem Tode nicht bloß von dem abhängt, was ihn quält oder auch, was ihm Freude macht, von dem, was in seinem Ich-Bewußtsein lebt, sondern daß er auch abhängt von dem, was in seinem Unterbewußtsein sich entwickelt hat. Da wird der Mensch durchaus wahr in dieser Beziehung.

Und hier haben wir einen der Punkte, wo wir sehen können, wie Geisteswissenschaft wirklich berufen ist, wenn sie richtig verstanden wird, in das ganze menschliche Leben fruchtbringend einzugreifen. Sehen Sie, der Mensch, der durch die Pforte des Todes geschritten ist, kann nichts ändern in den Beziehungen zu den Wesen, die um ihn sind, und die ändern auch nicht, die um ihn sind. Da ist Unveränderlichkeit der Verhältnisse eingetreten. Aber wo noch Veränderlichkeit eintreten kann, das ist auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen den Gestorbenen und den noch Lebenden. Die Lebenden, die noch hier sind auf dem physischen Plan, sind sozusagen, wenn sie in irgendeiner Weise zusammengehangen haben, also beide, sie und der jetzt Verstorbene, hier gewesen sind, die Lebenden sind die einzigen, die etwas lindern können den Schmerz, die etwas stillen können die Qual derjenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Und fruchtbar hat sich in einer großen Anzahl von Fällen erwiesen, was man nennen kann gerade für diesen Fall: das Vorlesen den Toten. Es hat sich wirklich das bewährt: da ist jemand gestorben; hier im Leben hat er sich aus irgendeinem Grunde, aus dem, der genannt worden ist, oder aus anderen Gründen, nicht mit Geisteswissenschaft befaßt. Derjenige, der zurückgeblieben ist, kann aus der Geisteswissenschaft heraus wissen, daß der Verstorbene ein brennendes Interesse für Geisteswissenschaft haben kann. Wenn der Zurückgebliebene nun Gedanken innerlich durchnimmt mit ihm, als wenn der Tote ihm gegenüberstehen würde, mit dem Gedanken, als ob der Tote vor ihm stehen würde, so ist das für den Toten eine große Wohltat. Wir können tatsächlich dem Toten vorlesen. Das überbrückt sozusagen die Kluft, die besteht zwischen den Lebenden und den Toten. Bedenken Sie, wenn die zwei Welten, die durch die materialistische Gesinnung der Menschen so geschieden sind — die Welt des physischen Planes und die spirituelle Welt, die der Mensch durchläuft zwischen Tod und neuer Geburt —, bedenken Sie, wie dies unmittelbar ins Leben eingreift, wenn diese zwei Welten zusammengeführt werden! Wenn Geisteswissenschaft nicht Theorie bleibt, sondern unmittelbarer Lebensimpuls wird, also das, was Geisteswissenschaft eben sein soll, dann gibt es keine Trennung, sondern unmittelbare Kommunikation. Das Vorlesen den Toten ist einer von den Fällen, in denen wir in unmittelbare Beziehung zu den Toten treten können, in denen wir ihnen helfen können. Derjenige, der Geisteswissenschaft gemieden hat, bleibt immer in der Qual, nach ihr zu verlangen, wenn wir ihm hier nicht helfen. Aber wir können ihm auch von hier helfen, wenn er überhaupt ein solches Verlangen hat. So kann der Lebendige dem Toten helfen.

In gewisser Weise ist es wiederum auch möglich, daß der Tote für den Lebenden vernehmlich wird, obwohl die Lebenden heute wenig tun, um mit den Toten in Verbindung zu kommen. Aber da wird Geisteswissenschaft unmittelbar eingreifen in das menschliche Leben, wird ein wirkliches Lebenselixir werden. Wenn man begreifen will, wie die Toten auf die Lebenden wirken können, müssen wir vielleicht von folgender Betrachtung ausgehen.

Was weiß der Mensch überhaupt von der Welt? Außerordentlich wenig wissen wir, wenn wir hier auf dem physischen Plane in bloßem Wachzustande die Dinge betrachten. Der Mensch weiß dasjenige, was sich vor seinen Sinnen abspielt und was er aus dem, was sich da abspielt, mit seinem Verstande machen kann. Alles übrige weiß er nicht. Meistens glaubt er, daß sich sonst nichts ergeben könnte, als was er durch die physischen Sinne beobachten kann. Aber es gibt sehr vieles, was nicht geschieht und doch außerordentlich bedeutsam ist. Was heißt das?

Wir wollen einmal annehmen, wir seien gewöhnt, jeden Tag um acht Uhr morgens in unser Geschäft zu gehen. Einmal aber verspäten wir uns gerade um fünf Minuten. Es geschieht weiter nichts, als daß wir um fünf Minuten zu spät kommen. Aber wir könnten vielleicht bei genauer Erwägung, wenn wir alle Verhältnisse ins Auge fassen, dazu kommen, zu erfahren, daß just an dem Tage, wenn wir zur rechten Zeit gegangen wären, wir hätten überfahren werden müssen; das heißt, wenn wir zur rechten Zeit ausgegangen wären, würden wir nicht mehr leben. Oder, was auch möglich ist, was vorgekommen ist, daß jemand durch einen Freund abgehalten worden ist, eine Reise auf der Titanic zu machen. Er kann sagen: Wäre er damals gefahren, so wäre er zugrunde gegangen! Daß das karmisch so bedingt war, ist eine andere Sache. Aber denken Sie einmal, wenn Sie das Leben so betrachten, wieviel Sie vom Leben wissen. Wenn nichts von dem geschehen ist, was hätte geschehen können, so wissen Sie es nur nicht. Die unendlichen Möglichkeiten, die da bestehen in der Welt der Wirklichkeiten, die beachtet der Mensch nicht. Sie können sagen: Das ist gewiß nicht bedeutsam! Für die äußeren Verhältnisse ist es nicht bedeutsam; bedeutsamer ist es, daß wir nicht zugrunde gegangen sind. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß wir hätten wissen können: die Wahrscheinlichkeit war groß, daß wir hätten zugrunde gehen können, wenn wir zum Beispiel einen von einer Katastrophe betroffenen Zug nicht versäumt hätten. Man könnte sich alle möglichen Fälle aufzählen, die aber im kleinen immer wieder vorkommen. Gewiß, für den äußeren Lauf der Dinge brauchen wir nur zu wissen, was wir beobachten können. Aber nehmen wir an, wir wissen genau, daß etwas hätte geschehen können, wenn wir den Zug nicht versäumt hätten. Dann macht ein solches Erlebnis einen Eindruck auf unser Gemüt, und wir sagen: Wie bin ich da bewahrt worden durch ein gütiges Geschick auf sonderbare Weise! Denken Sie sich alle diese Dinge, die der Möglichkeit nach an den Menschen herantreten. Unendlich viel reicher wäre das Seelenleben — und wie reich wäre es, wenn der Mensch das alles wissen könnte, während er jetzt nur das armselige Leben des Geschehenen ins Auge faßt —, wenn er alles das wissen könnte, was so hereinspielt in das Leben, ohne daß es wirklich geschieht.

Es ist, wie wenn Sie den Blick hinwenden auf das Getreidefeld und da die Ähren betrachten, die vielen Weizenkörner, von denen diejenigen, die wieder ausgesät werden, eine verhältnismäßig geringe Anzahl ausmachen, unzählige aber werden keine neuen Halme mit Ähren, sondern gehen einen anderen Weg. Das, was möglich ist mit uns, verhält sich zu dem, was wirklich wird, so wie die vielen Weizenkörner, die nicht wieder zu Ähren werden, zu denen, die Ähren werden. Es ist so in Wirklichkeit; denn das, was im Leben möglich ist, ist ungeheuer reich. Und diejenigen Momente, wo besonders wichtige Dinge in der Welt des Möglichen mit uns vorgehen, das sind die günstigen Momente, wo die Toten uns nahetreten können. Nehmen wir an, daß jemand fünf Minuten zu früh weggeht und dadurch vor dem Zutodefallen bewahrt geblieben ist in dem Moment, wo er von einem Unglück erreicht worden wäre oder auch von etwas Freudigem erreicht wird, das uns auf diese Weise entgangen ist. In diesem Moment ist es, wo hereinwehen kann in das Leben wie in einem Traumbilde dasjenige, was die Toten uns selber mitteilen. Aber der Mensch lebt grob. Er kümmert sich nur um das Grobe, nicht um die Feinheiten des Lebens, die in dieses Leben hereinspielen und vorgehen. In dieser Beziehung wird durch die Geisteswissenschaft das Gefühl und die Empfindung verfeinert. Dann wird der Mensch diejenigen in das Leben hereinragen fühlen, die da tot sind, und er wird Zusammenhang haben mit ihnen. Die Kluft zwischen Lebendigen und Toten wird überbrückt werden durch die Geisteswissenschaft, die wirklich ein Lebenselixier wird.

Die nächste Sphäre, also die nächste Zeit nach dem Tode ist die sogenannte Venus-Sphäre. In dieser Venus-Sphäre werden wir Einsiedler, wenn wir hier unreligiös gestimmt waren. Gesellige Wesen werden wir durch religiöse Stimmung, die wir mitbringen. Je nachdem wir in der Lage waren zu fühlen hier in der physischen Welt unsere Hingabe an den heiligen Geist, finden wir alle diejenigen, die die gleiche Stimmung dem Geist-Göttlichen gegenüber haben. In dieser Venus-Sphäre sind die Menschen gruppiert nach Religionsund Weltanschauungs-Verhältnissen. Hier auf Erden ist es noch so, daß sowohl religiöses Streben als auch religiöses Erleben den Ausschlag geben. In der Venus-Sphäre ist die Gruppierung lediglich nach Religionsund Weltanschauungs-Bekenntnissen. Diejenigen, welche die gleiche Weltanschauung haben, sind in großen, mächtigen Gemeinden in der Venus-Sphäre; sie sind nicht Einsiedler. Einsiedler sind diejenigen, die gar keine religiösen Empfindungen und Impulse entwickeln können. Also diejenigen, die wir in unserer Zeit Monisten, Materialisten nennen, werden nicht zu geselligen, sondern zu einsamen Wesen werden; jeder wird wie in einem eigenen Käfige die Zeit in der Venus-Sphäre zubringen, und ein Monistenbund ist in dieser Sphäre ganz unmöglich, weil durch das, was das monistische Glaubensbekenntnis ist, der Mensch zur Einsamkeit verurteilt wird. Das ist eine Tatsache, nicht etwa nur Ausgedachtes, daß jeder in einen eigenen Käfig gesperrt ist. Das ist dazu da, um die Seele zu erziehen für die Wirklichkeit gegenüber der Phantasterei des Monismus, die sie sich hier angeeignet hat. Im ganzen kann man sagen: Zusammenkommen kann man mit denjenigen, die mit uns gleicher Weltanschauung, gleichen Glaubens sind. Schwer verständlich sind uns andere Bekenntnisse in der VenusSphäre.

Dann kommt die Sonnensphäre. Das ist die nächstfolgende Zeit. In der Sonnensphäre kann uns nur noch dasjenige helfen, was die verschiedenen Bekenntnisse ausgleicht, was die Brücke bilden kann von einem Religionsbekenntnis zum ändern. Nun ja, in bezug auf dieses Brückebilden von einem Bekenntnis zum ändern haben die Menschen so ihre eigenen Anschauungen und können nicht leicht begreifen, wie man finden kann ein wirkliches Verständnis auch des anders Denkenden und anders Fühlenden. Theoretisch ist ja dieses Verständnis vielfach gefordert worden; wenn die Forderung aber praktisch werden soll, da wird die Sache gleich anders.

Dann kann man die Erfahrung machen, daß mancher, der der Hindu-Religion angehört, zwar von dem gemeinsamen Wesenskern aller Religionen redet, aber er meint mit gemeinsamem Wesenskern nur das, was in der Hinduoder Buddha-Religion enthalten ist. Die Bekenner reden von der Hinduund der Buddha-Religion in besonderen Egoismen, und wenn sie davon reden, sind sie im Gruppenegoismus befangen. — Man könnte da eine schöne Legende vom Gruppenegoismus einfügen, die sich bei den Esten findet.

Die Esten haben eine sehr schöne Legende über die Entstehung der Sprachen: Gott wollte den Menschen die Sprache gewähren durch das Feuer. Da soll ein großes Feuer angemacht worden sein, und durch das eigentümliche Tönen des Feuers, dem die Menschen zuhören sollten, und durch das, was sie da als Laute hören würden, sollte die Sprache werden. So rief die Gottheit die Völker der Erde zusammen, auf daß die Völker ihre Sprachen lernen könnten. Aber bevor die ändern hergerufen wurden, nahm Gott die Esten vor, und ihnen lehrte er die göttlich-geistige Sprache, also eine höhere Sprache. Dann kamen erst die ändern heran, und die durften dem Feuer zuhören, und da sie hörten, wie das Feuer brannte, da lernten sie die Töne verstehen. Die einzelnen Völker, die die Esten besonders gern hatten, die kamen zuerst, als das Feuer noch ziemlich stark brannte. Als das Feuer schon ziemlich gegen das Ende ging, kamen die Deutschen, denn die Esten lieben die Deutschen nicht besonders. Und da konnte man hören aus dem schon zerprasselnden Feuer: «Deitsch, peitsch, deitsch, peitsch.» Dann kamen die Lappen, die die Esten gar nicht lieben, und da hörte man nur noch: «Lappen latschen.» Und da hier das Feuer nur bloß noch Asche war, brachten die Lappen die allerschlechteste Sprache heraus, weil die Esten mit den Lappen in Todfeindschaft lebten. So sieht man, wie die Esten alles, was sie an Gruppenegoismus haben, da zum Ausdruck bringen.

So ähnlich sind die meisten Völker, wenn sie davon sprechen, daß sie zu dem Wesenskern in den verschiedenen Religionsgemeinschaften vordringen wollen. Und da muß tatsächlich gesagt werden, daß in dieser Beziehung das Christentum unbedingt anders ist als die ändern Bekenntnisse. Wenn es zum Beispiel im Abendlande geradeso wäre wie in der Hindu-Religion, so würde der alte Wotan als Nationalgott immer noch herrschend sein. Aber das Abendland hat nicht einen herrschenden Gott genommen, der innerhalb des Abendlandes zu finden war, sondern einen, der außerhalb zu finden ist. Das ist ein wesentlicher Unterschied gegenüber dem Hinduismus und dem Buddhismus. So ist in vieler Beziehung das abendländische Christentum nicht durchsetzt von religiösem Egoismus, es ist religiös viel selbstloser als die morgenländischen Religionen. Deshalb ist die richtige Erkenntnis und Empfindung des ChristusImpulses auch dasjenige, was den Menschen in ein richtiges Verhältnis bringt zu den Mitmenschen, gleichgültig welches innere Bekenntnisleben sie haben.

In der Sonnensphäre zwischen Tod und neuer Geburt heißt es wirklich, das Verständnis dessen zu haben, was uns ermöglicht, nicht nur mit Menschen des gleichen Bekenntnisses, sondern mit allen Menschen sozusagen in ein Verhältnis zu kommen, weil dieses Christentum niemals, wenn wir es so weit fassen, daß wir es mit der alttestamentlichen Religion zusammenhängend betrachten, Einseitigkeit lehrt. Auf eines ist aufmerksam gemacht worden, was im höchsten Grade bedeutsam und notwendig ist zu erkennen: Es wird Ihnen erinnerlich sein, daß eines der schönsten Worte des Neuen Testamentes, das der Christus sagt, an das Alte Testament erinnert, das Wort: «Ihr seid Götter.» Christus weist die Menschen darauf hin, daß in jedem Menscheninnern ein göttlicher Kern lebt, ein Gott: Ihr seid alle Götter. Ihr kommt Göttern gleich. — Eine hohe Lehre des Christus ist es, den Menschen hinzuweisen auf seine göttliche Natur, darauf, daß er sein kann wie Gott. Du kannst sein wie Gott, eine wunderbare, groß und tief zum Herzen gehende Lehre des Christus! Ein anderes Wesen hat dieselben Worte vorgetragen, und es gehört zum Christus-Bekenntnis, daß ein anderes Wesen dasselbe vorgebracht hat. Luzifer, im Beginn des Alten Testamentes, trat an den Menschen heran, und die Versuchung besteht darin, daß er den Ausgangspunkt nimmt von den Worten: «Ihr werdet sein wie Gott.» Das gleiche Wort sagt Luzifer am Ausgangspunkt der Versuchung im Paradies, und wiederum sagt es der Christus Jesus, ganz dasselbe Wort! Wir berühren hier einen der tiefsten, bedeutungsvollsten Punkte des Christus-Bekenntnisses, den Punkt, wo sozusagen mit dem Finger darauf hingedeutet wird, daß es nicht bloß auf den Inhalt irgendwelcher Worte ankommt, sondern daß es darauf ankommt, welches Wesen im Weltenzusammenhang irgendein Wort ausspricht. Deshalb mußte auch im letzten Mysterienspiel gezeigt werden: Es kann dieselben Sätze Luzifer sagen, und sie sind etwas ganz anderes, als wenn Ahriman sie sagt, und etwas anderes, wenn Christus sie sagt. Da berühren wir ein tiefes Geheimnis des Weltendaseins, und es ist wichtig, daß wir uns ein Verständnis aneignen für dasjenige, was gerade durch dieses «Ihr seid Götter», «Ihr werdet sein wie Gott» das eine Mal aus dem Munde des Christus, das andere Mal aus dem Munde des Luzifer ausgesprochen ist.

Das muß durchaus in Betracht gezogen werden, daß wir zwischen Tod und neuer Geburt auch eben einmal in der Sonnensphäre leben werden und in dieser Sonnensphäre ein ganz gründliches Verständnis des Christus-Impulses nötig haben. Dieses müssen wir von der Erde mitbringen; denn der Christus ist einmal auf der Sonne gewesen, aber er ist, wie wir gehört haben, von der Sonne heruntergekommen und hat sich jetzt mit der Erde vereinigt. Mithin müssen wir ihn hinauftragen bis in die Sonnenzeit und dann können wir mit dem Christus-Impuls ein geselliges Wesen sein, können ihn in der Sonnensphäre verstehen.

Aber wir müssen unterscheiden lernen, und das lernen wir jetzt nur durch die Anthroposophie, zwischen Christus und Luzifer. Denn dasjenige, was wir von der Erde mitbringen in unserm Christus-Verständnis, das führt uns allerdings bis zur Sonne hinauf und ist innerhalb der Sonnensphäre sozusagen ein Führer von Menschenseele zu Menschenseele ohne Unterschied von Glaube und Bekenntnis; aber ein anderes Wesen begegnet uns in der Sonnensphäre, das dieselben Worte spricht, die im Grunde genommen denselben Inhalt haben: Luzifer ist dieses Wesen. Und dieses Verständnis müssen wir erworben haben für den Unterschied zwischen Christus und Luzifer, denn Luzifer muß uns nun begleiten durch die weiteren Sphären zwischen Tod und neuer Geburt.

Sehen Sie, so durchleben wir eine Mond-, Merkur-, Venusund Sonnensphäre. In jeder dieser Sphären erreichen wir zunächst dasjenige, was wir in bezug auf die innere Kraft mit uns gebracht haben. In der Mondsphäre die Affekte: Triebe, Leidenschaften, sinnliche Liebe verbinden uns mit dieser Sphäre. In der Merkursphäre erreicht uns alles, was wir an moralischen Unvollkommenheiten haben, in der Venus-Sphäre, was wir an religiösen Unvollkommenheiten haben, in der Sonnensphäre, was uns trennt von all dem, was «menschlich» heißt.

Jetzt also gehen wir in die ändern Sphären, die der Okkultist als die Mars-, die Jupiter-, die Saturnsphäre kennt. Da ist Luzifer unser Führer, da treten wir ein in eine Welt, die uns mit neuen Kräften befruchtet. So wie wir hier die Erde unter uns haben, so haben wir da den Kosmos innerhalb der Sonne unter uns. Wir wachsen hinein in die göttlich-geistigen Welten, und während wir hineinwachsen in diese göttlich-geistigen Welten, müssen wir dasjenige im Gedächtnis behalten, was wir mitgebracht haben von dem ChristusImpuls. Den können wir nur auf der Erde erwerben, und je stärker wir ihn erworben haben, desto weiter können wir ihn hinaustragen in den Kosmos. Da tritt dann Luzifer an uns heran. Der führt uns in die Welt, in die wir hinaus müssen, damit wir für eine neue Inkarnation vorbereitet werden. Und dasjenige, was wir nicht entbehren können, damit Luzifer uns nicht gefährlich werde, das ist das Verständnis des Christus-Impulses, dasjenige, was wir gehört haben von Christus während der Erdenzeit. Der Luzifer kommt schon an uns heran in der Zeit zwischen Tod und Geburt, aber den Christus müssen wir aufgenommen haben während der Erdenzeit. Dann wachsen wir hinein in die ändern Sphären, die außerhalb der Sonne sind. Wir werden immer größer und größer sozusagen, wir haben unter uns die Sonne und über uns den ganzen großen, mächtigen Sternenhimmel. In den großen Weltenraum hinein wachsen wir, in den Kosmos hinaus bis zu gewissen Grenzen. Und während wir hinauswachsen, wirken die kosmischen Kräfte aus allen Sternen auf uns. Wir nehmen aus der ganzen mächtigen Sternenwelt die Kräfte auf in unser mächtig ausgedehntes Wesen.

Bis zu einer Grenze kommen wir. Dann ziehen wir uns wiederum zusammen und treten wieder in dasjenige ein, was wir durchgemacht haben. Wir kommen durch die Sonnen-, Venus-, Merkur-, Mondensphäre, bis wir wiederum der Erde nahe kommen, und bis dasjenige, was in den Weltenraum hinausgetragen war, sich wiederum zusammenzieht zu einem Keim, der in einer Menschenmutter zu einem neuen Menschen sich bildet. Das geschieht dann wiederum, wenn der Mensch sich hinausgedehnt hat in die fernen Weltenräume und da aufgenommen hat die kosmischen Kräfte.

Das ist das Geheimnis vom Menschensein nach dem Tode, zwischen Tod und neuer Geburt. Nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen war, ist er von dem kleinen Raum der Erde ausgehend immer größer und größer geworden, ist bis zur Mond-, Merkur-, Venus-, Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturnsphäre hinausgewachsen. Da sind wir in den Weltenraum hinausgewachsen; gleichsam eine Riesenkugel werden wir als Geisteswesen. Dann, nachdem wir als Seele aufgenommen haben die Kräfte des Universums, der Sterne, ziehen wir uns wieder zusammen, und dann haben wir die Kräfte der Sternenwelt in uns. Da haben wir eine Erklärung der Geistesforschung dafür, daß in dieser unserer zusammengepreßten Gehirnmasse ein Abdruck des ganzen Sternenhimmels zu finden ist. Tatsächlich birgt unser Gehirn ein bedeutungsvolles Geheimnis.

Und noch ein Geheimnis liegt hierin: der Mensch hat sich also zusammengezogen, hat sich inkarniert in einem physischen Leibe, in den er durch ein Elternpaar gekommen ist. So weit ist der Mensch gelangt, denn da hat er eingeschrieben, während er sich ausgedehnt hat im Weltenraum, alles dasjenige, was seine Eigenschaften waren. Wenn wir auf der Erde stehen und in den Sternenhimmel hinausblicken, so sind da nicht bloß Sterne, sondern da sind unsere Eigenschaften aus den früheren Inkarnationen. Wenn wir zum Beispiel in früheren Inkarnationen ehrgeizig waren, so steht dieser Ehrgeiz in der Sternenwelt geschrieben. Er ist eingeschrieben in der AkashaChronik, und wenn Sie hier auf Erden an einem bestimmten Punkte stehen, kommt der Ehrgeiz mit dem betreffenden Planeten in dieser oder jener Lage zu Ihnen; er macht seinen Einfluß geltend. Und das ist deren Moral, daß die Astrologen nicht bloß Sterne und Stern-Wirkungen sehen, sondern daß sie sagen: Da steht Ihre Eitelkeit, Ihr Ehrgeiz, Ihr Unmoralisches, Ihre Trägheit; und da wirkt jetzt etwas, was Sie in die Sterne eingeschrieben haben, in gewisser Weise aus der Sternenwelt wieder herunter und bedingt Ihr Schicksal. Darum schreiben wir dasjenige, was in unserer Seele ist, ein in den großen Raum, und da wirkt es von dem Räume auf uns zurück, während wir hier auf Erden sind, während wir hier auf Erden wandeln zwischen Geburt und Tod. Diese Dinge gehen uns ungeheuer nahe, wenn wir sie wirklich verstehen, und sie erklären uns so manches.

Sehen Sie, ich habe mich im Leben viel mit Homer beschäftigt, aber als ich gerade im letzten Spätsommer die Aufgabe hatte, diese Verhältnisse zwischen Tod und Neugeburt zu untersuchen und auf den Standpunkt kam, daß unveränderlich bleiben die Verhältnisse von einem Tod zur nächsten Geburt, da mußte ich mir bei einer Stelle sagen: die Griechen nennen ihn den Blinden, weil er ein großer Seher war. Er sagt: das Leben nach dem Tode geschehe an dem Orte, wo es keine Veränderung gibt. Ein wunderbar treffendes Wort. Man lernt dieses Wort erst verstehen, wenn man es aus den okkulten Geheimnissen heraus tut. Und je weiter man in diesem innern Ringen vorwärtskommt, desto mehr wird es klar, daß die antiken Dichter die allergrößten Seher waren und in ihre Werke manches hineingeheimnißt haben, zu dessen Verständnis vieles notwendig ist.

Da will ich einer Sache Erwähnung tun, die mir im Frühherbst passiert ist und die recht bezeichnend ist. Ich wehrte mich anfangs dagegen, weil sie ganz überraschend ist. Aber es ist einer jener Fälle, wo die Objektivität siegt.

In Florenz gibt es ein Grabmal von Michelangelo für Lorenzo und Giuliano Medici. Da sind diese beiden Brüder abgebildet und dabei sind vier allegorische Figuren. Diese Figuren sind sehr bekannt. Aber daß da etwas nicht ganz stimmte mit dieser Gruppe, das hat sich mir gleich ergeben, als ich sie das erste Mal sah. Es war mir gleich klar, daß der, der als Giuliano beschrieben ist, der Lorenzo ist und umgekehrt. Es ist offenbar: man hat sie, da die Figuren abgenommen werden können, bei irgendeiner Gelegenheit verwechselt und das nicht beachtet. Daher beschreibt man als Giuliano den Lorenzo und umgekehrt. Aber worauf es jetzt hier ankommt, das sind die vier allegorischen Figuren.

Wenn man ausgeht von der Betrachtung der Figur der «Nacht», dieser wunderbaren «Nacht», ja, solange man bei der Meinung bleibt, man habe es mit einer Allegorie zu tun, kommt man nicht zurecht. Wenn man aber das, was man über den menschlichen Ätherleib weiß, in seiner vollen Tätigkeit sich so vorstellt, daß man fragt: Wenn der Astralleib und das Ich frei sind und der Ätherleib die ihm am allermeisten entsprechende Geste suchen würde, was würde für eine Geste herauskommen? —, so erhält man die Antwort: Eine solche Geste würde da herauskommen, wie Michelangelo sie der «Nacht» gegeben hat. Wirklich, diese Nacht ist so gebildet, daß sie den wunderbarsten Ausdruck gibt für den freien, unabhängigen Ätherleib, der sich in der Physiognomie des physischen Leibes ausdrückt, wenn Astralleib und Ich außerhalb sind. Diese Figur ist nicht eine Allegorie, sondern tatsächlich der Mensch, geschildert im Zusammenhang mit physischem und Ätherleib, wenn Astralleib und Ich heraus sind. Da versteht man die Figur in dieser Haltung, die der historisch treueste Ausdruck des Ätherleibes in seiner Lebendigkeit ist.

Und wenn man davon ausgeht, dann bekommt man in der «Tag»Figur das groteske Urteil: Wenn das Ich am stärksten tätig ist, wenn es am wenigsten vom Astral-, Ätherund physischen Leibe beeinflußt ist, kommt diese eigentümliche Wendung, diese Geste heraus, die Michelangelo der «Tag»-Figur gegeben hat. Wenn der Astralleib für sich tätig ist, ohne von physischem, Ätherleib und Ich abhängig zu sein, dann kommt die Geste der «Morgen»-Figur heraus, und für den physischen Leib, der unabhängig von den ändern drei Gliedern sich betätigt, kommt die Geste der «Abenddämmerung» heraus.

Ich sträubte mich lange gegen diese Erkenntnis, ich hielt sie im Anfang für toll; aber je mehr man darauf eingeht, desto mehr zwingt einen das, was man sieht in dieser in die Steine hineingegossenen Schrift, zur Erkenntnis dieser Wahrheit. Nicht als ob Michelangelo dies gewußt hätte; aber in sein intuitives Schaffen drang es herein. Da versteht man auch, was die Legende bedeutet, die erzählt, daß, wenn Michelangelo allein in seiner Werkstatt war, die Figur der «Nacht» Leben bekam, so daß sie herumging. Es ist eben eine besondere Illustration zu der Tatsache, daß man es mit dem Ätherleib zu tun hat. Überall herein wirkt das Spirituelle, sowohl in der Menschheitsentwickelung als auch in der Kunst und so fort. Man lernt das Sinnliche wirklich erst verstehen, wenn man die Art versteht, wie das Spirituelle in die sinnliche Wirklichkeit hereinwirkt.

Es gibt einen Ausspruch von Kant, der sehr schön ist. Kant sagt: Zwei Dinge sind es, die ganz besonderen Eindruck auf mich gemacht haben: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. — Es macht ganz besonderen Eindruck, wenn man nun darauf kommt, daß beides dasselbe ist. Denn zwischen Tod und Geburt sind wir ausgegossen über den Sternenraum und nehmen seine Kräfte in uns herein, und wenn wir im physischen Leibe sind, dann sind diese Kräfte, die wir aufgenommen haben, in uns als unsere moralischen Impulse wirksam. Wenn wir da stehen und den Sternenhimmel betrachten, können wir sagen: Was da draußen an Kräften lebt und webt im Weltenraum, darin leben und weben wir in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Und das ist jetzt das richtunggebende Gesetz unseres moralischen Lebens. So sind der Sternenhimmel draußen und das moralische Gesetz in uns ein und dieselbe Wirklichkeit, nur zwei Seiten dieser Wirklichkeit. Den gestirnten Himmel durchleben wir zwischen Tod und neuer Geburt, das moralische Gesetz zwischen Geburt und Tod.

Wenn wir dies erfassen, dann wird Geisteswissenschaft unmittelbar zur Andacht, wie zu einem gewaltigen Gebet; denn was ist ein Gebet anderes als dasjenige, was unsere Seele mit dem GöttlichGeistigen, das die Welt durchwebt, verbindet.

Dieses Gebet ist das, was ein Gebet heute sein kann. Wir müssen es uns erobern, indem wir die Sinnenwelt durchleben. Indem wir dieses bewußt anstreben, wird ganz von selbst das, was wir wissen können, zu einem Gebet. Da wird spirituelle Erkenntnis unmittelbar Gefühl und Erlebnis und Empfindung. Und das soll sie werden.

Dann mag sie noch so sehr mit Begriffen und Ideen arbeiten: Ideen und Begriffe werden zuletzt gebetsartige reine Empfindungen, reines Fühlen. Das aber ist es, was unsere Zeit braucht. Unsere Zeit braucht das unmittelbare Herausleben aus der Betrachtung zum Erleben des Kosmos, da wo die Betrachtung selber wie ein Gebet wird. Während die Betrachtung der äußeren physischen Welt immer trockener, immer gelehrtenhafter wird, immer abstrakter wird, wird die Betrachtung des geistigen Lebens immer herzlicher gestimmt, immer tiefer, wird geradezu immer gebetartiger, und das nicht durch eine einseitige Sentimentalität, sondern durch ihre eigene Natur. Dann wird der Mensch nicht bloß aus abstrakten Ideen heraus wissen, er habe das Göttliche, was den Weltenraum durchwebt und durchlebt, in sich; sondern er wird wissen, indem er weiterschreitet in der Erkenntnis, daß er es wirklich erlebt hat in dem Leben zwischen dem letzten Tod und der neuen Geburt. Er wird wissen: was er da durchlebt hat, das hat er jetzt in sich als die Reichtümer seines Lebens.

Das sind solche Betrachtungen, die gerade zusammenhängen mit erst neuerdings gemachten Forschungen, die uns aber unsere eigene Entwickelung verständlich machen können. Dann wird sich Geisteswissenschaft einmal zu einem wirklich geistig-spirituellen Lebenssaft umwandeln können. Von diesen Dingen soll in Zukunft noch öfter gesprochen werden.




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