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Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken

On-line since: 31st December, 2016

ERSTER VORTRAG

Dornach, 5. September 1924

Meine lieben Freunde! Wenn ich zunächst in Beantwortung dieser lieben Worte einiges zu sagen habe, so ist es dieses: Es war voll berechtigt, daß Sie im Namen der Priesterschaft diese Worte eben gesprochen haben, und man kann nicht immer sagen, daß das, was aus dem besten Willen heraus von Menschen gesprochen wird, voll berechtigt ist. In diesem Falle konnte es gesagt werden. Es wird das gesagt aus dem Grund, weil zu alle dem, was aus dem inneren spirituellen Impuls, der hier vom Goetheanum aus durch die anthroposophische Bewegung gehen soll, immer etwas hinzugehört, was weit hinausgeht nicht nur über alles theoretische Verstehen, sondern über alles Verstehen überhaupt. Es ist etwas, was sich dem nähert, das man so aussprechen kann: Heute werden für die Menschen die Aufgaben wieder groß. Sie werden groß aus dem Grunde, weil die Kräfte jener Zeiten erschöpft sind, in denen es der Menschheit möglich war, sich mehr oder weniger von den Impulsen der alten Mysterien abzuwenden.

Die Impulse der alten Mysterien haben ja göttliche Substanzen und göttliche Kräfte in voller Realität auf der Erde entfaltet. Die Menschheit mußte sich so entwickeln, daß eine Zeit kam, in der sie sich mehr oder weniger selbst überlassen war, und daß in dieser Zeit die göttlichen Substanzen und Kräfte nicht unmittelbar durch die Menschen auf der Erde wirken konnten. Die Kräfte, die in dieser Zwischenzeit menschlicher Entwickelung durch die Erdenmenschheit gegangen sind, sind erschöpft. Und das ist vielleicht die allerbedeutsamste, wenn auch nicht die höchste, so doch eine wichtige und tief einschneidende okkulte Wahrheit, daß die Kräfte, die ohne die Mysterien innerhalb der Menschheitsevolution wirksam werden durften, erschöpft sind, und daß die Menschheitsevolution nicht weitergeht, wenn nicht wieder Mysterienkräfte in sie einziehen.

Unter dem Einfluß dieser Wahrheit muß es namentlich gefühlt werden, daß heute etwas anderes als nur Verstehen notwendig ist für denjenigen, der in irgendeinem Zweige der anthroposophischen Bewegung aus wirklicher Spiritualität heraus wirken will. Es muß wieder etwas von dem kommen, was ähnlich ist dem Wirken in den alten Mysterien und das man bezeichnet hat mit dem opfernden Hingegebensein des ganzen Menschen, mit dem Aufgehen des ganzen Menschen in seiner Aufgabe.

Würde nicht deutlich zu sehen sein - und es ist eben deutlich zu sehen -, daß innerhalb Ihrer Priesterschaft dieser Impuls in lauterer Innerlichkeit wirkend vorhanden ist, den ganzen Menschen opfernd hinzugeben für die Sache, die Sie als heilig erkannt haben, so würden Ihre Worte nicht die tiefe Wahrheit haben. Aber ich darf Ihnen vor allen den göttlichen Mächten, die unserer Sache leuchtend vorstehen, sagen: Ihre Worte, die Sie ausgesprochen haben von Ihrer Begeisterung und Hingabe an die Sache, sind volle, reine, lautere Wahrheit. Es war deutlich zu sehen, wie diese Priesterschaft als Ganzes von dem edelsten innerlichsten Streben beseelt ist, die Opfer, die heute gebracht werden müssen, mit der inneren Spiritualität des Menschen zur vollen Ausgestaltung zu bringen. Und es darf schon gesagt werden, daß dasjenige, was Sie getan haben, der Anfang ist zu demjenigen, was die göttliche Wesenheit der Welt befriedigen kann. Ich sage Ihnen damit ein gewichtiges Wort.

Gewiß, Sie sind innerhalb Deutschlands geblieben mit Ihrer Wirksamkeit. Aber das ist geschehen aus Gründen, die wahrscheinlich doch in nicht allzu ferner Zeit gewiß überwunden werden. Denn das Interesse an jener religiösen Erneuerung, das in Ihren Herzen geflammt hat, als Sie hier zu mir gekommen sind zur Begründung Ihres priesterlichen Wirkens, ergreift die Seelen auch über weite außerdeutsche Gebiete hin. Und es wird ja nur von der inneren Kraft, die in Ihnen sein kann, abhängen, wie weit die Möglichkeit vorhanden ist, über Deutschland hinauszukommen.

Natürlich kann man nur tiefbewegten Herzens daran denken, wie die Inauguration und Initiation Ihrer Bewegung mit der heiligen Menschenweihehandlung sich vor zwei Jahren hier vollzogen hat, an der Stätte, aus der wir zuerst die Flammen herausschlagen sehen mußten, die dann unser geliebtes Goetheanum zerstört haben. Sie sehen, daß heute an dieser Stätte gerade am tiefsten aufgegraben ist. Aber es ist ja auch tatsächlich durch Ihre schöne Hingabe begonnen worden, dasjenige, was dazumal in dem dann von den Flammen zuerst verzehrten Raum geschehen ist, in eine rechte heilige Erdentat zu verwandeln. Und wenn Sie mit dem heiligen Eifer, der Sie zuerst ergriffen hat, fortfahren werden, so werden die Impulse innerhalb Ihrer Priesterschaft sich in der rechten Weise entwickeln.

Wir werden diesmal, wo Sie wiederum versammelt sind an diesem Orte, in demjenigen Licht und in derjenigen Wärme, die uns aus der Geisteswelt entgegengekommen sind durch die Weihnachtstagung, gewissermaßen als geistige Gegenleistung für die irdischen Verluste, die durch die Flammen bereitet worden sind, wichtige Fragen zu besprechen haben. Wir werden das zu besprechen haben, was wirklich geeignet sein kann, die Impulse Ihrer Seelen weiterzuführen.

Wir werden diesmal versuchen, an uns herantreten zu lassen den tiefen Gehalt der Apokalypse, werden aber von der Betrachtung der Apokalypse ausgehend alles an unserer Seele vorüberziehen lassen, was gerade in diesem Augenblick für Ihre Priesterschaft von besonderer Wichtigkeit ist. Und wir werden gerade durch die Betrachtung der Apokalypse das in den Mittelpunkt unserer ganzen Arbeit hier setzen können, was dem priesterlichen Wirken den Sinn gibt: die Menschenweihehandlung. Und so werden vor uns stehen auf der einen Seite die Menschenweihehandlung und auf der anderen Seite die Apokalypse.

Mit einigen Worten wird es heute schon angedeutet werden, wie wir dies jetzt hier inaugurieren wollen oder wie wir durch diese Arbeit Ihre Priesterbewegung inaugurieren wollen. Und so wollen wir das, was im Laufe der Zeit aus den unmittelbaren Bedürfnissen Ihres Priesterwirkens heraus zu sagen sein wird, was zu bringen sein wird über dieses praktische Priesterwirken, was an Rückblicken auf die Vergangenheit und an Ausblicken in die Zukunft zu leisten sein wird, all das wollen wir aufsparen auf die Zeit, wo es sich an die innere Betrachtung anschließt. Und heute werde ich zunächst vor Ihnen aussprechen, in welcher Art diese unsere Arbeit hier in den nächsten Tagen eingerichtet sein soll.

So begrüße ich Sie zunächst alle aus dem vollsten Herzen heraus im Namen aller der Mächte, die Sie hier vereinigt haben und von denen Sie wissen, daß es die Scharen der Christus nachfolgenden Mächte sind. Sie mögen geben die rechte religiöse Impulsivität, die rechte theologische Einsicht und die rechten Impulse für das Kultuswirken in der Gegenwart, das Sie aus dem tiefsten christlichen Sinne heraus religiös, theologisch, zeremoniell übernehmen möchten. In diesem Sinne wollen wir beisammen sein und aus diesem Sinne soll die Arbeit gestaltet werden, die wir nun zusammen vornehmen.

Wir gehen davon aus, daß wir auf das Große in unserer Zeit hinweisen, auf jenes Große, das bestehen muß in einer ganz neuen Stellung der Menschenseele zu dem, was durch priesterliches Wirken geht. Das, was anwesend ist im priesterlichen Wirken, wenn die Menschenweihehandlung vollzogen wird, ist etwas, was die Menschen immer gesucht haben, solange es eine Menschheit auf Erden gibt. Wollen wir aber durchschauen, in welchem Lichte heute die Menschenweihehandlung dem Priester erscheinen muß, der sie zelebriert und dem Laien, der sie aufnimmt, so müssen wir zunächst einen Blick werfen auf das, was die Menschenweihehandlung im Laufe der Zeiten in der Menschheitsentwickelung auf Erden gewesen ist, was sie ist, und was sie werden muß.

Aber zu dem, was die Menschenweihehandlung heute ist, wenn sie zelebriert wird, muß von einer anderen Seite her kommen das Durchdrungensein mit dem wahren Inhalt dessen, was Johannes, der durch Christus selbst Eingeweihte, der christlichen Nachwelt hat geben wollen mit der Apokalypse. Es gehört im Grunde genommen beides zusammen: rechter Sinn im Zelebrieren der Menschenweihehandlung und rechter Sinn im innerlichen Sichdurchdringen mit der Substanz der Apokalypse.

Sehen wir jetzt ab von der besonderen Gestalt, welche nun einmal die Apokalypse des Johannes für den Christen hat. Bezeichnen wir alles dasjenige als «Apokalypse», was als okkulte Wahrheit gegeben wird, um der Menschheit den rechten priesterlichen Impuls für ihre Fortentwickelung zu verleihen. Da fällt vieles unter den Begriff der Apokalypse, was eben konzentriert zusammengefaßt ist in der Apokalypse des Johannes und das gestimmt ist auf den Christus. Immer war, indem man gestrebt hat nach einer Apokalypse, ein Verständnis dafür vorhanden, daß der tiefe volle Sinn für die Aufnahme des Apokalyptischen in dem Darinnenstehen in der Menschenweihehandlung gegeben sein muß.

Es wird uns vieles anschaulich werden können, wenn wir zunächst uns sagen: Es gab einst Mysterien, die ich nennen will die alten Mysterien. Wir wollen uns jetzt in dieser Einleitung nicht mit Zeitangaben aufhalten, sondern nur die vier aufeinanderfolgenden Stadien der Mysterien charakterisieren. Es gab alte Mysterien, es gab halbalte Mysterien, es gab ein halbneues Mysterienwesen, und wir stehen jetzt am Ausgangspunkt eines neuen Mysterienwesens. Vier Stadien haben wir damit vor uns, vier Stadien in der Entwickelung der menschlichen Auffassung für Apokalypse und Menschenweihehandlung.

Wenn wir hinschauen auf die alten Mysterien, die in der ersten Morgendämmerung menschlicher Entwickelung auf der Erde unter den Menschen bestanden, die alles, was heilig, wahr und schön war, unter die Menschen zu bringen hatten, dann können wir sagen: Das Wesentliche der alten Mysterien war dieses, daß in ihnen die Götter von ihren Göttersitzen zu den Menschen heruntergestiegen sind, und daß die Menschen in priesterlicher Würde innerhalb der Mysterien unmittelbar von Wesen zu Wesen mit den Göttern verkehrt haben. So wie heute Mensch und Mensch verkehren miteinander, Wesen mit Wesen, so verkehrten in jenen alten Zeiten in den Mysterien die Götter mit den Menschen und die Menschen mit den Göttern.

Aber so wie es Naturgesetze gibt, die für die Zeit gelten, so gibt es urewige Gesetze, die aber die menschliche Freiheit durchaus nicht beeinträchtigen; und unter diesen urewigen Gesetzen sind auch solche, welche sich auf den Verkehr der Götter mit den Menschen beziehen. Diese urewigen Gesetze kamen namentlich damals in Betracht, als in den heiligen Mysterien der menschlichen Urzeit die Götter selbst mit den Menschen verkehrten, und als alles, was menschliche Unterweisung war, sich abspielte zwischen den göttlichen Lehrern und den Menschen selbst. Als das, was sich im Kultus abspielte, so vor sich ging, daß unter den Zelebrierenden mitten drin auch die übersinnlich kraftenden Götter waren, da vollzog man in jenen alten Mysterien dasjenige, was der Menschenweihehandlung immer den Sinn gegeben hat: die Transsubstantiation. Was aber war in den alten Mysterien die Transsubstantiation?

In den alten Mysterien war die Transsubstantiation dasjenige, was die Götter betrachteten als das letzte, durch das sie mit den Menschen in Beziehung traten. Die Zeremonien wurden bestimmt nach den urewigen Gesetzen, von denen ich sprach. Aus gewissen Konstellationen der Sterne, die man in der wahren alten Astrologie kennenlernte und dem Zusammenfallen dieser Konstellationen mit den Verhältnissen, die die Menschen bestimmen können, wurde der Weg gebahnt von den Göttern zu den Menschen und von den Menschen zu den Göttern.

Ihr könnt wahrnehmen, wenn Ihr die Zeitrechnungen alter Zeiten überschaut: Es gab verschiedene Zeitrechnungen, solche zum Beispiel, in denen 354 und andere, in denen 365 Tage angenommen wurden. In diese Zeitrechnungen wurden Schalttage oder Schaltwochen eingesetzt, um das auszugleichen, was in der menschlichen Berechnung nicht übereinstimmte mit dem, was der wahre Gang des Kosmos ist. Nie stimmte das, was die Menschen berechnen konnten, mit dem wahren Gang des Kosmos überein. Es blieb immer irgendwo ein kleiner Rest übrig. Das nun, was ein solcher kleiner Rest war, wo die menschliche Zeitberechnung nicht übereinstimmte mit dem kosmischen Weltengang, das faßten die Priester der alten Mysterien ganz besonders ins Auge. Sie bestimmten diese gewissen Zeiten, wo dieses Nicht-Zusammenfallen besonders auffällig war, indem sie das Jahr einteilten in Monate und Wochen, wobei ihnen nach den Mondenmonaten eine gewisse Anzahl Tage übrigblieb bis zum Beginn des nächsten Jahres.

Gerade auf diese Zeiten hinzuschauen, wo die Menschen, indem sie solche Tage oder Wochen einschalteten, damit sozusagen ausdrückten das Nicht-Zusammenfallen menschlicher Berechnung mit dem Gang des Kosmos, und wo die Priester diese Zeiten als heilige Wochen ansahen, dazu ist alle Veranlassung für den, der sich in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinfinden will. In solchen heiligen Wochen, die so recht auffällig machten, daß das Denken der Götter anders ist als das der Menschen, in solchen Zeiten, in denen diese Differenz anschaulich wird, kann aber, wenn das Herz der Götter und das Herz der Menschen zusammenstimmen, der Weg gefunden werden von den Göttern zu den Menschen und von den Menschen zu den Göttern.

Das war etwas, was die Menschen innerhalb der alten Astrologie beobachteten und was sie in der richtigen Weise durchschauen ließ, wann die Götter in die Mysterien kamen. Es gab am Ende eines jeden Jahres oder am Ende eines Mondenzyklus von achtzehn Jahren oder am Ende von anderen Perioden immer heilige Zeiten, welche die Differenz, die Grenze zwischen menschlicher Intelligenz und göttlicher Intelligenz bezeichneten, und in denen die Priester der Mysterien erkennen konnten, daß die Götter den Weg zu ihnen, und die Menschen den Weg zu den Göttern finden konnten.

Solche Zeiten waren es auch, in denen jene alten Priester die Sonnen- und Mondenwirksamkeit festzuhalten suchten in den Substanzen, mit denen sie die Menschenweihehandlung zelebrierten, um das, was sie in den heiligen Zeiten empfangen hatten, auszudehnen über alle übrigen Zeiten des Jahres, in denen sie zu zelebrieren hatten. So bewahrten sie auch das, was die Götter aus den Erdensubstanzen und -kräften in den heiligen Zeiten gemacht hatten. Sie behielten das Wasser jener Zeiten, das Merkurische, um in der übrigen Zeit des Jahres damit die Menschenweihehandlung so zu zelebrieren, daß sie die Transsubstantiation in der Weise enthielt, wie es von den Göttern selbst getan worden war bei jenen Menschenweihehandlungen, die in den «toten Zeiten», wie man es nannte, die aber eben die heiligen Zeiten waren, sich vollzogen hatten.

So wollten die Menschen in jenen alten Mysterien, zu den Zeiten, in denen die kosmische Sprache galt unter den Menschen, nicht die menschliche Sprache, sich in Verbindung setzen mit den Göttern, die dann herunterstiegen in die Mysterien und die jedesmal neu heiligten, was die Menschenweihehandlung war, die aber jedesmal auch den Menschen, die diese Menschenweihehandlung vollzogen oder an ihr teilnahmen, zurückließen Verständnis für das Apokalyptische. So wurden die großen Wahrheiten gelehrt in jenen alten Zeiten, als das Darinnenstehen in der Menschenweihehandlung bedeutete das Durchdrungenwerden mit der Substanz des Apokalyptischen. Menschenweihehandlung ist der Erkenntnisweg, Apokalypse ist das Objekt der heiligen Erkenntnis.

Wir kommen dann zu den halbalten Mysterien, zu den Mysterien, von denen wenigstens ein kleiner Abglanz noch in das Geschichtliche heraufgeht, während von den Mysterien, die ich Ihnen als die alten charakterisiert habe, nichts mehr in das Geschichtliche heraufkommt, sondern nur erforscht werden kann durch die okkulte Wissenschaft. Es war das schon die Zeit, in der die Götter sich zurückzogen von den Menschen und nicht mehr in ihrer eigenen Wesenheit herunterstiegen in die Mysterien, wo sie aber noch ihre Kräfte heruntersandten. Es war die Zeit, in der die Menschenweihehandlung durch die Transsubstantiation jenen Glanz des Göttlichen erhalten sollte, der immer über der Menschenweihehandlung zu strahlen hat.

Die Transsubstantiation wurde jetzt nicht mehr so vollzogen, daß aus dem astrologischen Verfolgen der kosmischen Vorgänge hergenommen wurde, was an Substanzen und Kräften einfließen sollte in das Zelebrieren der Transsubstantiation, sondern es wurde das Geheimnis auf eine andere Weise gesucht. Es wurde namentlich das innere Wesen desjenigen aufgesucht, was man in der alten Alchimie noch genannt hat: die Fermente. Das, was ein be-stimmtes Alter erreicht hat und in bezug auf sein substantielles Dasein unverändert hindurchgegangen ist durch die verschiedenen Stadien, in denen es die Umwandlung anderer Substanzen bewirkt hat, das ist ein Ferment. Wir brauchen uns, wenn wir einen trivialen Vergleich wählen wollen, nur zu erinnern, wie man Brot backt; es geschieht nach demselben Prinzip. Man bewahrt von dem alten Teig ein kleines Teil auf und gibt es als Ferment dem neuen Teig zu. Wir stellen uns vor, wie in den Zeiten der halbalten Mysterien uraltes Substantielles, das durch die Umwandlung anderer Substanzen durch die Zeiten hindurch seine eigene innere Substanz bewahrt hat, aufbewahrt wurde in heiligen Gefäßen, die in den Mysterien selber etwas uralt Heiliges, etwas Ehrwürdiges waren.

Es wurden den heiligen Gefäßen die Substanzen als Fermente entnommen, mit denen die Transsubstantiation in der alten, noch heiligen Alchimie vollzogen worden ist. In diesen Zeiten wußte man: Der Priester, der eingeweiht war, versteht die Verwandlung, die Transsubstantiation durch die in den Substanzen bewahrten Kräfte, er wußte, daß sie in den heiligen Kristallgefäßen mit Sonnenglanz erstrahlten. Das, was man darin suchte und wozu man sie brauchte, das war, daß man darin das Erkenntnisorgan bei den Zelebrierenden sah für die Aufnahme desjenigen, was das Apokalyptische ist.

Es gab in der Zeit dieser halbalten Mysterien jene Erscheinung: Der Priester wurde erprobt in dem Augenblick, wo er vor die heilige Stätte hintrat und die alten Fermente anfingen, die Substanzen in den heiligen Kristallgefäßen so zu verwandeln, daß er in dem Kristallgefäß sehen konnte, wie die Substanzen Sonnenglanz verbreiteten. Das Gefäß, in dem eine kleine Sonne war, war eine Monstranz. Es war ein Sanktissimum, das heute nur nachgebildet werden kann. In dem Moment, in dem er das Sonnenglänzen des Sanktissimums sah, war er innerlich Priester geworden.

Tafel 1

Zu den Tafelzeichnungen siehe Seiten 271ff. und 331. 25

Heute sieht in der katholischen Kirche ein jeglicher das Sanktissimum, der in die Kirche hineingeht, weil es nur ein Symbol ist für das, was es einmal war. Einmal aber war es so, daß nur der jenige wirklich Priester war, der das Sanktissimum sah, wenn er in den aufbewahrten Substanzen ein Sonnenglänzen sah. In diesem Augenblick war seine Erkenntnis aufgeschlossen für das Apokalyptische.

Dann kamen diejenigen Mysterien, deren Abglanz die Messe der neueren Zeit ist. Denn auf eine sehr komplizierte Art sind aus den halbneuen Mysterien die katholische Messe, die armenische Messe und andere Messen zur Entwickelung gekommen. Trotzdem sie sich veräußerlicht haben, tragen diese Messen noch das volle Initiationsprinzip in sich. In diesen halbneuen Mysterien trat an die Stelle der Anwesenheit der Götter in den alten Mysterien und an die Stelle der von den Göttern ausgesandten Kräfte in den halb alten Mysterien dasjenige, was der Mensch wahrnehmen kann, wenn innerlich in ihm wach wird das Wort, das magische Wort, das Wort, in dem Innerlichkeit ertönt, das Wort, das bis zur tiefsten Erkenntnis der innerlichen Wesenheit des Lautes geht. Denn in der Zeit der halbneuen Mysterien stand der Menschensprache gegenüber die Kultussprache, jene Kultussprache, von der in den einzelnen Religionsbekenntnissen noch letzte Reste vorhanden sind, in der alles beruht auf Rhythmus, auf innerlichem Verständnis des Lautes und auf Verständnis für das innere Eindringen des Lautes aus Priestermund in Menschenherzen. Das magische Wort, das das Kultwort ist, gesprochen an heiliger Stätte, war der erste Weg hinauf zu den Göttern, zunächst zu den göttlichen Kräften.

Also:

  • Erste Menschheitszeit - alte Mysterien - die Götter steigen herab.

  • Zweite Menschheitszeit - halbalte Mysterien - die Götter schicken ihre Kräfte herab.

  • Dritte Menschheitszeit - halbneue Mysterien - der Mensch erlernt die magische Sprache und beginnt hinaufzusteigen in dem Intonieren der magischen Sprache zu den Kräften der Götterwelt.

Das war der Sinn alles dessen, was intoniert wurde innerhalb der Menschenweihehandlung in dem dritten Zeitalter der Mysterien. Und das war in jener Zeit, in welcher innerhalb der Mysterien als zeitgemäßer religiöser Kultus das Kabiren-Element lebte.

Denn beteiligt sind die Kabirendienste, die Kabirenopfer, die in Samothrake gefeiert wurden, an alle dem, was in den halbneuen Mysterien das Zeremonielle ist und an allem, was dazugehört zu dem priesterlichen Zeremonial. Wir stellen vor unsere Seele den Kabirenaltar von Samothrake.

Die Kabiren, die daraufstanden als äußere Denkmäler, waren Opferkrüge, in denen jetzt nicht Fermentsubstanzen waren, sondern Substanzen, welche die menschliche Erkenntnis finden konnte, wenn sie in das innere Spirituelle der Substanz eindringen konnte. Solche Substanzen, die in den Opferkrügen darin waren, Opfersubstanzen, wurden entzündet, der Rauch stieg in die Höhe, und die magische Sprache wirkte so, daß in dem aufsteigenden Rauch erschien die Imagination dessen, was das Wort intonierte.

So wurde äußerlich sichtbar im Opferrauch der Weg hinauf zu den göttlichen Kräften. Im Opferrauch wußten sich die Priester in der Atmosphäre, durch die die Transsubstantiation vollzogen wurde.* Das war das dritte Stadium in der Entwickelung der Mysterien und desjenigen, was in der Menschenweihehandlung für den Menschen enthalten ist.

Diese ersten Stadien sind zwar in die Dekadenz gekommen, doch ist noch heute manches Äußerliche davon erhalten. Begonnen hat nun eine neue Zeit der Mysterien, eine neue Zeit für die Menschenweihehandlung und für das Verständnis des Apokalyptischen, in dem Augenblick, wo Sie drüben in dem abgebrannten Goetheanum inauguriert haben die neue Priesterschaft der Bewegung für eine christliche Erneuerung. Das, was nun Euer Herz durchströmen muß, um die Menschenweihehandlung in dem vierten Stadium der Mysterien richtig zu vollziehen, damit wollen wir morgen beginnen.

* Siehe Hinweis.




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