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Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken

On-line since: 31st December, 2016

SECHSTER VORTRAG

Dornach, 10. September 1924

Wenn jemand in die alten Mysterien eingeweiht worden ist, so bestand das erste, was er erfahren sollte, darin, daß sein Sinn, seine ganze menschliche Seelenverfassung, hingelenkt wurde auf die Bedeutung des in der Siebenzahl verlaufenden Zyklus der Weltkulturentwickelung. Und wir sehen ja deutlich in der Apokalypse nachwirken dasjenige, was gerade aus dem Einweihungsprinzip der alten Mysterien heraus sich ergibt. Die Apokalypse hat diese Siebenzahl in der mannigfaltigsten Weise sowohl in ihrer Gliederung, in ihrer Komposition, wie auch in ihrem Inhalt. Nun handelt es sich darum, daß ja damals dasjenige, was mit dieser Siebenzahl verbunden worden ist, nicht in äußerlicher Weise mit ihr verbunden wurde, wie man sich das gewöhnlich heute vorstellt, sondern man weihte den Betreffenden ein in das Wirken und Weben der Zahlen überhaupt.

Nun möchte ich Sie hier, meine lieben Freunde, auf etwas aufmerksam machen, was ich auseinandergesetzt habe drüben in ganz anderem Zusammenhang, in dem Kurs über Sprachwissenschaft. Da mußte ich auseinandersetzen, wie ein Erleben im Laute möglich ist, wie aber tatsächlich die Menschheit heute das Erleben im Laute verloren hat. Sie müssen nur sich einmal vor die Seele stellen, wie ja im Laute Elemente des gestaltenden und wesenden Wortes gegeben sind, und wie durch das Erleben dieser Laute der mannigfaltigste, ja der wundervollste Welteninhalt gestaltet werden kann durch die Kombination der etwa 32 Lautelemente. Versetzen Sie sich einmal in eine solche Zeit - und es gab ja Zeiten, wo der Menschheit das noch eine Realität war -, versetzen Sie sich in eine Zeit, welche ganz lebhaft weste in diesen Elementen der Laute und ganz lebhaft empfand das Wunderbare, das darin liegt, aus dem Erleben dieser 32 Lautelemente heraus eine Welt gestalten zu können. Man empfand wirklich in der Sprach-Gestaltung, in der bildenden Gestaltung des Wortes, das Weben eines Geistigen, das man miterlebt im Sprechen. Man erlebte, daß in den Lauten Götter leben.

Wenn Sie diese 32 Laute nehmen, dann werden Sie sich leicht ausrechnen können, daß dabei etwa 24 Laute auf die Konsonanten und etwa sieben auf die Vokale kommen - natürlich sind die Dinge immer approximativ -, und Sie können jetzt im Sinne des Anfanges des Johannes-Evangeliums «Im Urbeginne war das Wort» ein Licht fallen lassen auf jenes Bild, das ja auch als apokalyptisches Bild gedacht werden kann: Das Alpha und das Omega ist umgeben von den sieben Engeln - den Vokalen - und von den 24 Ältesten - den Konsonanten. Und so empfand man auch, daß das Geheimnis des Weltenalls ganz in dem webte und lebte - mit der Bedeutung, die ich schon auseinandergesetzt habe -, was man in der heiligen Sprache des Kultus intonierte. Und man fühlte im Zelebrieren des Kultus die mächtige Anwesenheit desjenigen, was von dem Welteninhalt in diesem symbolischen Bilde war.

Überhaupt muß wiederum von der Menschheit gefühlt werden, wo gerade von der Mysterienweisheit die Götter gesucht worden sind. Sie sind nicht in einem so Fernen, Transzendenten gesucht worden, wie man sich das heute vorstellt. Ihre Verleiblichung hat man in so etwas gesucht wie in den Lauten; und wenn man vom «Weltenwort» gesprochen hat, so hat man eben von demjenigen gesprochen, was wirklich durch die Welt webt und an dem der Mensch mit seiner Sprache teilnimmt.

Ebenso ist es mit den Zahlen. Wir haben ja heute eine durch und durch abstrakte Vorstellung von den Zahlen, gemessen an einer solchen Vorstellungsart, wie sie noch in der Apokalypse waltet. Nun, sehen Sie, wenn man in die ersten christlichen Jahrhunderte zurückgeht, so findet man, daß damals deshalb ein gewisses Verständnis für so etwas wie die Apokalypse bei manchen Menschen da war, weil das Geheimnis der Zahl noch gefühlt wurde, weil noch erlebt wurde dieses eigentümliche Verhältnis in der Gliederung einer Zahlenreihe. Man hat durchaus nicht in dieser Weise wie heute die Zahlenreihe als ein Aneinanderfügen von Eins zu Eins genommen, sondern man hat erlebt, was da liegt in der Drei, in der Vier, man hat erlebt das geschlossene Wesen der Drei, das offene Wesen der Vier, das mit dem Menschen verwandte Wesen der Fünf. In der Zahl selbst fühlte man so ein Göttliches, wie man in den Buchstaben und Lauten ein Göttliches fand.

Und wenn nun in den alten Mysterien der Mensch soweit war, daß er in dieses Zahlengeheimnis eingeweiht wurde, dann war es seine Verpflichtung, in dem Lauf dieser Zahlengeheimnisse zu denken, zu fühlen, zu empfinden. Denken Sie, was damit gegeben ist. Wir haben in der Musik sieben Töne. Die Oktave, der achte, ist ja wie der erste. Wir haben im Regenbogen sieben Farben. Wir haben auch in anderem in der Natur die Siebenzahl. Denken wir uns, meine lieben Freunde, der Natur fiele es ein, im Regenbogen eine andere Anordnung der Farben zu treffen; es würde das ganze Weltenall durcheinanderfallen. Oder in der Tonskala würde man eine andere Einteilung der Töne machen - die Musik würde unerträglich werden.

Daß es auch im Menschenseelenwesen eine richtige Gesetzmäßigkeit gibt, wie im Lauf der Natur selbst, darauf wurde der Einzuweihende hingewiesen, und daß er nun nach seiner Einweihung nicht mehr willkürlich seine Gedanken hin- und herzuwerfen habe, sondern verpflichtet ist, innerlich in der Zahl zu denken, innerlich zu erleben das Zahlengeheimnis, so wie es in allen Wesen und Vorgängen webt und lebt und so wie in der Natur die Zahl lebt.

Aber die Apokalypse ist ja nun noch in einem Zeitalter verfaßt worden, in dem ein solches Hineinstellen des Menschen in das kosmische Geheimnis der Siebenzahl oder der Zwölf- oder der Vierundzwanzig- oder der Dreizahl eine absolute Gültigkeit hatte. Seit dem Beginn unseres Bewußtseinsseelenzeitalters, also seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, kommt wieder das zur Geltung, was vor dem strikten Gelten der Siebenzahl war, und es kommen allmählich Verschiebungen in der Siebenzahl heraus. Wir sind nicht mehr in der glücklichen Lage, eine Evolution so zu erleben, daß sie genau in der Siebenzahl verläuft. Wir sind schon in demjenigen Entwickelungsstadium der Erde, wo gegenüber den Zahlengeheimnissen eine Unregelmäßigkeit beginnt, so daß für uns die Zahlengeheimnisse eine neue Bedeutung gewonnen haben.

Wenn wir uns erbauen an den Zahlengeheimnissen, wie sie in solch einem Dokument wie der Apokalypse leben, so ist es für uns so, daß wir durch dieses Sicheinleben in einen solchen Stoff wie die. Apokalypse fähig werden, auch dasjenige, was immer mehr und mehr außerhalb der Zahlengeheimnisse verläuft, mit unseren Sinnen aufzufassen. Und so können wir sagen, wir leben uns in einer gewissen Weise heraus aus den Zahlengeheimnissen. Aber wir müssen sie uns aneignen, um sie in den Formen dann zu gebrauchen, wie es nunmehr dem menschlichen Geschehen auf der Erde entspricht und wie sie durch die Priesterschaft auf dem Gebiete des Religiösen zu behandeln sind.

Indem ich dies voraussetze, darf ich jetzt über gewisse Erscheinungen doch noch so sprechen, als ob sie durchaus in Zahlengeheimnissen verliefen, denn in einem gewissen Sinne dürfte ja das Weltgeschehen langsam erst aus den Zahlengeheimnissen herauskommen und in eine freilich nicht in der Zahl verlaufende Art des Weltgeschehens hineinkommen. Das war die Art des Denkens in den alten Mysterien: große Zyklen zu sehen, die in der Siebenzahl verlaufen, und andere, kleinere und kleinste Zyklen zu sehen.

So haben wir in den sieben Gemeinden, die gleichzeitig als konkrete wirkliche Bildungen auf der Erde vorhanden waren, den Fortbestand der alten Kulturen und das Eintreten der neuen Kulturperioden gesehen, aber auf der anderen Seite haben wir auch einen kleineren Zyklus, den man in einer gewissen Weise verstehen lernt durch die Apokalypse. Wie dieser kleinere Zyklus ist, meine lieben Freunde, das wollen wir jetzt bedenken.

Wenn wir zurückblicken auf die Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat auf der Erde, so treffen wir gegenüber der geistigen Entwickelung der Menschen auch auf die Erzengelherrschaft des Oriphiel, desjenigen Erzengels, der vorzugsweise von den Saturnkräften seine Impulse erhält (Tafel 4).

Tafel 4

Wir kommen dann in ein Zeitalter hinein, das als regierenden Erzengel Anael hat, dann in das Zeitalter des Zachariel, dann in das Zeitalter des Raphael, dann des Samael, des Gabriel und in das jetzige, das Zeitalter des Michael. Wir haben ein erstes, ein zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes und siebentes Zeitalter, so daß wir in bezug auf diesen kleineren Zyklus innerhalb unseres fünften großen Zyklus im siebenten Zeitalter sind. Wir leben in dem Zeitalter, von dem man, wenn man mit heutigen Formen schreiben wollte, sagen müßte: Wir leben in dem Zeitalter Fünf/Sieben, im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, dem fünften großen Zyklus der Menschheitsentwickelung, und in bezug auf eine andere Gliederung - die Epochen der Erzengelherrschaften -, die sich mit dieser durchkreuzt, leben wir im siebenten Zyklus.

Ein siebenter Zyklus, meine lieben Freunde, bedeutet einen Endzustand. Dem jetzigen ging voran der sechste Zyklus, der Gabriel-Zyklus. In einem sechsten Zyklus entscheidet sich immer sehr viel; das Ende wird vorbereitet. Aber der letzte Zyklus, der vorherging, wirkt in diesen sechsten Zyklus noch hinein. Der Michael-Zyklus begann etwa 1879, der Gabriel-Zyklus etwa 1471. Vorher war der Zyklus des Samael, jenes Erzengels, welcher seine Impulse vom Mars empfängt; es war der fünfte Zyklus.

Zu dem Zeitpunkt, in dem das fünfte nachatlantische Zeitalter beginnt, ist eben der Erzengel des fünften kleineren Zyklus an der Regierung. Er leitet aber schon durch drei bis vier Jahrhunderte vorher den Beginn dieses fünften nachatlantischen Zyklus während des fünften Erzengel-Zyklus ein. Es fällt also der kleine Zyklus mit dem Beginn des großen Zyklus zusammen. Das heißt aber nichts Geringeres als: Die großen Zyklen werden bewirkt von Geistern der mittleren Hierarchie. Die dritte Hierarchie, zu der auch die Erzengel gehören, sind die dienenden Glieder der höheren Hierarchien. Das Gesetz der Zahl wirkt also so, daß beim Beginn des fünften Zyklus der fünfte Erzengel in seiner Haupttätigkeitszeit zusammenfällt mit den wiederum in der Fünfzahl stehenden höheren Wesen aus einer höheren Hierarchie.

Es ist verhältnismäßig lange her, daß von diesen Dingen geredet wurde, aber immerhin ist davon länger geredet worden in der Welt, als man gewöhnlich denkt. In solchen Stätten wie zum Beispiel der Schule von Chartres ist schon im 12. Jahrhundert von diesen Geheimnissen gesprochen worden. Damals gab es noch eine apokalyptische Sprache. Diese ist immer so, daß das Weltenall sozusagen in der Perspektive, im Aspekt der Zahl gesehen wird.

Wenn Plato sagt: Gott mathematisiert, Gott geometrisiert -, so ist mit diesem göttlichen Geometrisieren oder Mathematisieren nicht unser bißchen abstrakte Geometrie oder Mathematik gemeint, sondern jenes tiefe Erleben, das die Alten gehabt haben den Formen und den Zahlen gegenüber. Und es wird ja heute verspottet von dem Materialismus, aber es ist überall sichtbar, daß auch im organischen Leben das Gesetz der Zahl Sieben waltet. Man verfolge nur einmal in bezug auf die Zeit des Werdens das Auskriechen von Schmetterlingen und Larven oder die Entwickelung gewisser Krankheiten - überall wird man das Gesetz der Sieben waltend finden. Daß die Zahl etwas aus der Natur der Dinge Folgendes sei, das wurde den Eingeweihten klargemacht, und dadurch wurden sie hingewiesen darauf, zu sehen, wie die Dinge im Weltzusammenhange liegen.

Denn wie merkt man auf, meine lieben Freunde, wenn man sich sagen muß: Der in der Zahl Fünf stehende Erzengel beginnt die Zeit seiner Herrschaft im fünften nachatlantischen Zeitraum mit aus den Marskräften herauskommenden Kräften. Wird ein Zeitalter mit Marskräften begonnen - das wird ja schon in der trivialen Vorstellung angedeutet -, so liegt etwas Kriegerisches darin.

Wenn wir auf die aufeinanderfolgenden Kulturperioden sehen, so sind sie abgeteilt durch bedeutsame Ereignisse. Und wenn wir zurückblicken auf das bedeutsame Ereignis, das den vorigen, den atlantischen Zeitraum von dem jetzigen, dem nachatlantischen Zeitraum trennt, der als der fünfte Zeitraum in seiner fünften Kulturperiode steht, so haben wir als Grenze zwischen beiden die als «Sintflut» bekannte Eiszeitperiode, den Untergang der alten Atlantis, und das Aufsteigen neuer Weltteile. Wir leben in der fünften nachatlantischen Periode, eine sechste und eine siebente werden folgen. Die Katastrophe, die uns trennt von der nächsten großen Periode, die kommen wird - nach der fünften die sechste und siebente Periode -, die wird dann nicht bloß ein so äußerliches Naturereignis sein, wie die Eiszeit eines war und wie alles das war, was durch die Erzählungen von der Sintflut angedeutet ist, sondern es wird sich die Scheidung der fünften von der sechsten Periode mehr zeigen auf dem moralischen Felde, Ein Krieg aller gegen alle, auf den ich schon öfter hingedeutet habe, wird als eine moralische Katastrophe die fünfte von der sechsten großen Erdperiode trennen, allerdings verbunden mit Naturereignissen, aber die Naturereignisse werden mehr zurücktreten.

Die fünfte Kulturperiode wurde eingeleitet von dem, was vom Mars kommt durch Samael, den Streitgeist, indem Streitelemente aus der geistigen Welt heruntergeholt wurden. Und im Beginn des Bewußtseinsseelenzeitalters sehen wir auch in unserem kleineren Zyklus, wie unser fünftes Zeitalter in sich etwas enthält von der Vorbedeutung, der prophetischen Vorbedeutung dessen, womit das große Zeitalter abschließen wird, nachdem auf den fünften der sechste und siebente Kulturzeitraum gefolgt sein werden.

Wenn man diejenigen Stimmen vernimmt, die herrühren von Menschen an der Scheide des 14. zum 15. Jahrhundert, die noch etwas wußten von den geheimen Vorgängen, die hinter den offenbaren stehen, dann, meine lieben Freunde, finden wir schon in dieser Zeit, gerade in dieser Zeit der Marsregierung des Samael, Hinweise auf das Ende unseres großen Zeitalters, wenn sie auch nur in kleinen Andeutungen bestehen. Wenn man so die Zahl in Zusammenhang bringt mit dem, was geschieht, dann kommt man in das apokalyptische Denken hinein, dann lernt man gewissermaßen apokalyptisch das Weltall lesen, und man wird überall finden, daß sich einem unzählige Geheimnisse enthüllen, wenn man in dieser Art apokalyptisch die Welt betrachten lernt.

Nun bedenken wir, wie unser Zeitalter in dem kleinen Michael-Zyklus steht und in dem fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, im fünften großen Erdenzeitalter. Wir wollen untersuchen, was das bedeutet. Wir leben im fünften großen Erdenzeitalter, in der nachatlantischen Periode. Dieses fünfte Zeitalter ist dasjenige, das den Menschen in einem gewissen starken Sinne losgelöst hat von der göttlichen Welt. Die atlantischen Menschen waren durchaus noch so, daß sie sich Gott-durchdrungen fühlten, eigentlich nicht als einzelne Menschen sich fühlten, sondern wie in einer Umkleidung der Gottheit. Die Gottheit ist da, nicht der einzelne Mensch; so fühlte sich der atlantische Mensch.

Unser Zeitalter ist im wesentlichen dazu da, den Menschen auf sich selbst zu stellen, ihn abzulösen von der Gottheit, und das ist ja durch vier Kulturperioden hindurch geschehen, langsam und allmählich. Das begann langsam in der altindischen Kulturperiode, die man wirklich noch nachfühlen konnte in den Mysterien von Ephesus. In der altindischen Kulturperiode fühlte sich der Mensch noch fast ganz darin in der Gottheit. Stark löste er sich los in der Zeit gegen die urpersische Periode hin. Verhältnismäßig weit ist er losgelöst in der dritten Periode, so daß er den Tod schon empfand als sich von der Ferne annähernd. In der griechisch-lateinischen Kulturperiode wird der Tod so weit empfunden, daß aus dieser Zeit das bekannte Wort herrührt: «Lieber ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten.»

Jetzt, wo die fünfte nachatlantische Kulturperiode - wie ich gestern sagte - dazu ausersehen ist, den Tod wie einen Begleiter allmählich mehr und mehr neben sich zu haben, werden wir moralische Kraft brauchen, um diese immerwährende Gegenwart des Todes zu ertragen. Da ist es wichtig für uns, daß gerade in unserer unmittelbaren Gegenwart zusammenfallen dieses Zeitalter, wo die Bewußtseinsseele und damit die ständige Begleitung des Menschen durch den Tod hereinbricht, und die Zeit der Herrschaft des Michael, jener Erzengelherrschaft, die in gewissem Sinne eine Art Ende, eine Art Vollkommenheitsziel bedeutet, aber Dekadenz und Vollkommenheit zugleich.

Michael, jener Geist, der in der Sonne lebte, der der wichtigste Diener des Christus-Geistes in der Sonne war, der erlebte zur Zeit des Mysteriums von Golgatha dieses von der anderen Seite her. Die Menschheit auf der Erde hat das Mysterium von Golgatha so erlebt, daß sie den Christus ankommen sah. Michael und die Seinen, die damals noch in der Sonne waren, haben es so erlebt, daß sie Abschied nehmen mußten von dem Christus.

Nun, meine lieben Freunde, man muß schon auf seine Seele wirken lassen die beiden Pole dieses alles überragenden kosmischen Ereignisses: das Hosianna auf der Erde, die Ankunft des Christus auf der Erde, und den Abschied von den.Scharen des Michael oben auf der Sonne. Das gehört zusammen.

Aber Michael erlebte eine große Metamorphose gerade in unserem Zeitalter. Sein Regierungsbeginn bedeutet ein Dem-Christus-Nachziehen auf die Erde herunter und wird in der Zukunft bedeuten ein Voranschreiten vor den Taten des Christus auf Erden. Man wird wiederum verstehen lernen, was es heißt: Michael geht vor dem Herrn her. Wie im Alten Testament - vor Oriphiel war ja auch eine Michaelzeit - die Eingeweihten Asiens drüben davon gesprochen haben, daß Michael vor Jahwe einhergeht, wie das Antlitz als vorderster Teil eines Menschen vor ihm hergeht, so sprachen sie von Michael als dem Antlitz Jahwes, und so müssen wir lernen von Michael zu sprechen als von dem Antlitz Christi. Aber es ist ein anderes Zeitalter. Gewisse Dinge müssen zur höchsten Vollkommenheit kommen. Ja, wir müssen in einer gewissen Weise lernen, etwas fruchtbar zu machen, was bisher noch nicht fruchtbar sein konnte.

Nehmen wir einmal die sieben Gemeinden in der Apokalypse. Wenn wir sie zuteilen - was wir auch können - den Herrschaftszeiten der Erzengel, und wenn wir den ersten Zeitraum nehmen, der dem Christus-Ereignis und der Entstehung des Christentums parallel ging und der noch andauerte, als die Apokalypse verfaßt wurde, dann wird er uns repräsentiert durch die Gemeinde von Ephesus. Wir können auch nach der Apokalypse in dieser Gemeinde von Ephesus diejenige sehen, die in erster Liebe mit dem Christentum verbunden war. Das alles ist aber aus dem Geheimnis der Zahl heraus zu verstehen.

Wir finden darauffolgend das Zeitalter des Anael, der seine Kräfte aus der Venus zieht. In diesem Zeitalter finden wir die großen Liebestaten, die für die Ausbreitung des Christentums geschahen, unzählige Liebestaten, namentlich diejenigen, die noch in den Spuren der irischen Mönche leben, die das Christentum verbreiteten in Europa. Aber wir finden auch im übrigen Leben des Christentums die Liebe als das Präponderierende unter dieser Herrschaft des Anael.

Es folgt die Herrschaft des Zachariel, der seine Kräfte aus dem Jupiter zieht, Weisheitskräfte vorzugsweise, Kräfte, welche aber in diesem Zeitalter wenig verstanden werden konnten. Und statt einer eigentlichen Jupiterherrschaft beginnt schon damals die Erzengelherrschaft sich mehr in den Hintergrund zu ziehen. Die Menschheit ist gewissermaßen nicht mehr heranreichend bis zu der Region des Jupiter und verleugnet den Jupitergeist. Das bedeutsame, von der Entwickelung der Menschheit zunächst viel hinwegnehmende Konzil von Konstantinopel, das achte, das die Trichotomie ausgeschaltet hat, fällt in diese Zeit.

Dann kommt das Zeitalter, in dem etwas tätig ist, was in der äußeren Geschichte wenig beachtet wird. Die Menschheit ist, als das Zeitalter des Zachariel vorbei ist, im Grunde genommen krank an der Seele. Die Menschheit ist recht krank, und Krankheitsstoffe verbreiten sich von Ost nach West, furchtbare Krankheitsstoffe, die dem Christentum gefährlich werden, weil sie vom Materialismus herrühren, denn er ist es ja, der sich hereindrängte in das Christentum; und weil ja die Periode der Jupiterweisheit abgeschlossen ist, war es möglich, daß der Materialismus innerhalb der christlichen Kultur sich geltend machen konnte.

Aber hinter all dem steht etwas Merkwürdiges, das auf der Erde nur als Projektion vorhanden ist. Hinter all dem, was wie etwas Krankes zurückgelassen ist, steht etwas Merkwürdiges in dem Zeitalter, das auf Zachariel folgt seit dem 10., 11. Jahrhundert, dem Zeitalter des Raphael, des Arztes unter den Erzengeln. Es war das Zeitalter, in dem hinter den Kulissen der Weltgeschichte geheilt wurde, nicht offenbar im Äußeren, aber viel im Innern; viel wurde namentlich geheilt in bezug auf die Rettung gewisser moralischer Qualitäten, die damals daran waren zugrundezugehen. Gegenüber dem, was durch den Mohammedanismus an Krankheitsstoffen nach Europa gebracht worden ist, wurde dasjenige heraufgerufen, was in einer anderen Form, durchdrungen von dem christlichen Prinzip, vom Orient kommen mußte. Man muß hinter den Kreuzzügen den Willen suchen - und im Prinzip liegt da die Ursache der Kreuzzüge -, die Menschheit zu heilen, zu heilen von dem Materialismus, der sowohl vom Mohammedanismus wie vom römischen Katholizismus drohte. Und Raphael, der Arzt unter den Erzengeln, ist im Grunde genommen der Inspirator derjenigen, die zuerst die Menschheit präpariert haben, jenen Orient zu suchen, nach dem ja die Kreuzzüge sich richteten.

Da aber, meine lieben Freunde, stehen wir ja in dem vierten kleineren Zyklus innerhalb des eben ablaufenden vierten nachatlantischen Zeitalters, innerhalb des vierten größeren, des griechisch-lateinischen Zeitalters. Aber dieser vierte größere Zeitraum war ja ausersehen, in sich das Mysterium von Golgatha zu beschließen. Der vierte kleinere Zyklus, der Raphael-Zyklus, ist intim verwandt mit der ganzen Grundstruktur des vierten größeren. Denn wir sehen, wie der Erzengel Raphael, indem er die Menschen inspiriert zu den Kreuzzügen, zu der gewaltigen Entfaltung ihres Blickes nach dem Orient hinüber, um das Mysterium Christi im Orient zu finden, wie Raphael die Impulse Christi besorgt, wie also gewissermaßen eine Atmosphäre spiritueller Art schwebt über dem Erdboden, über allem Geschehen. Diejenigen, die damals nur ein wenig hinter die Kulissen des äußeren Geschehens schauen konnten, waren eigentlich nur durch ein Spinnwebchen von der unmittelbar anstoßenden geistigen Welt getrennt, so wie auch wir nur durch ein Spinnwebchen getrennt waren davon, als im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Michael auf Erden sichtbar wirksam wurde.

Es lebten damals in jenem Raphael-Zeitalter hervorragende Geister, zu denen zum Beispiel Joachim von Floris und Alanus ab Insulis gehörten. Sie sahen hinein in dieses Wirken Raphaels, in dieses hinter den Kulissen des äußeren Geschehens vor sich gehende Heilen der Menschheit. Das war der Hintergrund für das Zeitalter des substantiell kranken Geistigen, was auch dadurch bezeugt wird, daß in diesem Zeitalter ganz besonders damit angefangen wurde, das Lukas-Evangelium, das Evangelium der Heilung, zu verstehen. So findet man, wenn man die Zeit nach dem Geheimnis der Zahl anschaut, Gewichtiges zum Verständnis der Bedeutung der Ereignisse.

Es folgte das Samael-Zeitalter, das aus dem Mars seine Grundimpulse empfängt. Streit-Kräfte beginnen, sie werden der Menschheit eingeimpft. Die Fünf gerät in Opposition zur Vier. Das ist immer das Eigentümliche beim Übergang von der Vier zur Fünf, daß die Fünf immer in Opposition gegen die Vier kommt. Gehen wir in die alten Mysterien zurück, in denen durch lange Zeit hindurch die Schüler, die Adepten, eingeweiht wurden in das Geheimnis der Zahlen, so finden wir da in einer gewissen Zeit, wie diese Schüler mit einer tiefen Überzeugung aus ihrem Unterricht herausgehen, einer Überzeugung, die sie in die Worte kleideten: Nun kenne ich die Zahl des Bösen, das ist die Zahl Fünf. - Überall, wo im Weltenall nach dem Zahlengeheimnis die Zahl Fünf waltet, hat man es mit der Welt des Bösen zu tun; sie lehnt sich auf gegen die Vier, und es folgen große Entscheidungen, die dahin gehen, entweder im Guten oder im Bösen zur Sechs hinaufzukommen.

Doch inwiefern eben das immer mehr in Konkretes hineinführt, in die Weisheit des Herzens und der Menschenseele, davon morgen weiter. Ich wollte Ihnen zeigen, wie man an dem Faden der Zahl hineinkommen kann in das Betrachten der Ereignisse.




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