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Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken

On-line since: 31st December, 2016

FÜNFZEHNTER VORTRAG

Dornach, 19. September 1924

Wir wollen uns nun vorstellen, meine lieben Freunde, wie in unserer Zeit - natürlich in einem bestimmten Niveau zurückweisend auf frühere Erdenerlebnisse - vorher keimhaft sich andeuten gewaltige spätere Umwälzungen. Wir können uns vorstellen, wie dasjenige, was mit den Wehen und so weiter in der Apokalypse steht, gerade in unsere Zeit so oft hereinspielt, und wie die Bewußtseinsseele damit ergriffen werden kann (Apk. 8,13 / 9,12 / 11,14).

Nun müssen wir uns ja klar sein darüber, daß dasjenige, was ich gestern interpretierend geschildert habe, einen bedeutenden Einfluß auf die Gesamtgestaltung der menschlichen Evolution hat. Wir müssen dabei nur bedenken, daß die Dinge, die sozusagen im geistigen Felde vor sich gehen, weniger von Zeitgenossen und überhaupt wenig in unserer Zeit berücksichtigt werden, daß sie aber, wenn sie heute auch rein als solche geistigen Ereignisse angesehen werden, dennoch ihre weit über das Menschenbewußtsein hinausgehende unermeßlich starke Wirksamkeit haben. Wenn ich zum Beispiel gestern davon gesprochen habe, daß gewisse führende Persönlichkeiten des europäischen Ostens von heute Gedanken hegen, die eigentlich die Kraft darstellen, die in den Wolkenbildungen spielen sollte, so ist das so, daß allerdings das, was heute in den Köpfen der russischen Führer vor sich geht, einmal, wenn es vom Keimhaften immer mehr und mehr in die späteren Wachstumszustände übergehen wird, darstellen wird dasjenige, was dann erscheinen wird als Wolkenereignisse. So daß man sagen kann, daß zum Beispiel die heutigen Umwälzungen in Rußland später einmal darstellen werden mächtige, ich möchte sagen Gewitterrevolutionen, die sich über den Köpfen der Menschen abspielen werden.

Da kommen wir nun auf etwas, was auch zu den Geheimnissen des apokalyptischen Schauens gehört und was wiederum eine Stelle in der Apokalypse aufklären soll. Wir kommen dadurch immer mehr zu einer eigentlichen Interpretation der gewaltigen Visionen der Apokalypse, wir kommen zu dem, was wir uns mit unserem heutigen menschlichen Erleben ganz klarmachen sollten. Wenn wir den kurzen Zeitraum anschauen, in welchem wir heute gewohnt sind, das Leben anzuschauen, ohne dabei durch waghalsige, zumeist törichte Hypothesen zum Anfangszustand oder zum Endzustand der Erde zu gehen, wenn man diesen Zeitraum übersieht, ohne die geistige Beobachtung zu Hilfe zu nehmen, dann kann man sagen: Draußen geht die Natur ihren Gang. Wir sehen, wie kleinere Naturereignisse sich abspielen in den Jahresläufen, wie die größeren Naturereignisse sich abspielen in Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen und so weiter. Aber daneben gehen - ohne daß wir heute gedrängt sind, wegen des kurzen Zeitraumes, den wir überblicken, einen Zusammenhang zu konstruieren -, daneben geht das, was wir als Geschichte bezeichnen, die Ereignisse dreißigjähriger Krieg, Ludwig XIV. und so weiter. Sie folgen einander oder sie gehen gleichzeitig vor sich, und es fühlt sich niemand gedrängt, einen Zusammenhang zwischen den zwei Reihen, den Naturereignissen und den geschichtlichen Ereignissen, zu konstruieren, die man als parallelgehend ansieht.

Man braucht nur einen größeren Zeitraum zu überschauen, und man wird sogleich sehen, wie irreführend diese bloße Parallelvorstellung ist. Wenn man nämlich wirklich vom gegenwärtigen Erdenleben zurückschaut in ein früheres Erdenleben - was natürlich heute noch als Theorie aufgefaßt werden muß, solange es nicht in Imaginationen, die der Geistesforscher gibt, begriffen wird -, wenn man dasjenige, was wiederholte Erdenleben sind, in die Realität, in das wirkliche Erleben hereinbringt, dann bekommt man sogleich den Eindruck: Man schaut hinaus auf die Wiese, in den Wald, und bemerkt, wie anders diese Dinge doch sind, als sie waren, als man in der vorigen Inkarnation auf der Erde war. Man merkt das, auch wenn man in einer durchaus ganz verschiedenen Gegend ist. Denn alles auf der Erde verändert sich fortwährend, und wo man auch war, die Pflanzenwelt namentlich, die Tierwelt, sie haben einen ganz anderen Charakter angenommen. Man empfindet das zunächst in dem Augenblick, wo man etwas von der vorigen Inkarnation gewahr wird und dann wieder freimütig in die Natur hinaussieht, man empfindet das als etwas außerordentlich Bestürzendes, Verblüffendes. Man bekommt etwas wie durch ein inneres Gefühl: Es hat sich dasjenige, was man da in der Umgebung sieht, gar nicht aus dem herausgehoben, was zu der Zeit der früheren Inkarnation da war, sondern das Wesentliche ist woanders hergekommen.

Es ist so: Mit der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung sieht man das, was als Natur fortläuft, in einer solchen geraden Linie (es wird an die Tafel gezeichnet). Das wäre das Jahr 1924.

Tafel 10

Diagram 4

Nun stellt man sich ja vor, dasjenige, was da heute auf der Wiese wächst, das sei halt entstanden aus den Samen des vorher Gewachsenen; und zurück bis 1260, 895 und so weiter verfolgt man nun immer Samenhervorgehen aus Samenhervorgehen und stellt sich das in einer geraden Linie vor. Das war aber nicht so. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht: Die Körper, die Sie heute an sich tragen, die haben Sie, von wenigen Einschlüssen abgesehen, nicht vor sieben bis acht Jahren an sich getragen. Manches verhärtet sich im Lauf des Lebens - ich habe das dargestellt im anderen Kurs -, aber jedenfalls haben Sie nichts von dem, was Sie heute in sich tragen, als dreijähriges Kind in sich gehabt. Die ganze physische Materie ist ausgewechselt. Und so ist auch in der Wiese mit allen Blumen nichts von dem, was in früheren Zeiträumen da war, sondern man muß sich vorstellen: Dasjenige, was heute Wiese ist, ist aus geistigen Welten heruntergestiegen; das, was damals Wiese war, ist wiederum aus geistigen Welten herabgestiegen und so fort, und dasjenige, was Wiese war vor Jahrhunderten, ist ganz vergangen. Es vererben sich nicht nur physische Keime fort, sondern es treten fortwährend Geistkeime aus den oberen Regionen an die Stelle dessen, was da war.

Aber dann, wenn man sich sagt, dasjenige, was heute Wiese ist, das war, sagen wir im 13. Jahrhundert nicht Wiese, sondern da war eine andere Wiese, die mittlerweile gestorben ist, dann, wenn man dies zuerst erfaßt hat, bekommt man eine Vorstellung von der Mission des Schnees, man bekommt eine Vorstellung davon, daß er der Träger des fortwährenden Absterbens ist. Schnee erneuert sich jedes Jahr, auch das Eis, und indem in diese ganz elementare Gestaltung, die da in der Dynamik des Schnee- und Eisbildens liegt, fortwährend die Natur hineinstirbt, wird sie von oben fortwährend wieder erneuert.

So ist es durchaus in unserer Zeit. Aber es ist das auch ein Zustand, der nicht ganz bleibend ist. Wir werden gleich davon sprechen. Vorher möchte ich erst noch das folgende sagen: Indem man dies entdeckt, wenn man hinausschaut auf die Wiese - es hat darauf keinen Einfluß, ob man in einer Gegend vorher inkarniert war - und so ihr Hervorgehen über Schnee und Eis aus überirdischen Regionen merkt, weiß man: An der Wiese hast du mitgebaut in der Zeit von deiner letzten Inkarnation bis heute. Das, was du da selber in der jetzigen Inkarnation um dich hast, auch in der Natur, daran hast du mitgebaut. - Das merkt man zunächst; und nachher wird man gewahr, wie auch das nur ein vorübergehender Zustand ist. Die Naturgelehrten meinen immer, wenn sie irgend so etwas entdecken, was da draußen vor sich geht, das seien alles bleibende Zustände. Das ist aber im Grunde genommen Unsinn. Es bleibt nichts in Wirklichkeit. Es ist in Wirklichkeit so, daß die Dinge bis in die Naturgesetzlichkeit hinein sich verändern. Daher sind auch die Naturgelehrten in unserer Zeit dazu gekommen, nur die allerabstraktesten Naturgesetze als die bleibenden anzuschauen. «Jede Wirkung hat eine Ursache», «Materie ist konstant»; solche Allgemeinheiten, die eigentlich gar nichts besagen, die werden dann als die ewigen Naturgesetze angesehen.

Und so ist auch dieser Zustand, der uns die Erde im Wandel zeigt - im Grünenden des die Feuchtigkeit in Wärme auflösenden Sommers, im Welkenden des die Feuchtigkeit in Eis und Schnee verfestigenden Winters -, er ist etwas, was nicht immer da war und was nicht immer da sein wird. Es wird vielmehr ein Zustand eintreten, in dem etwas da sein wird, was jetzt gar nicht da ist. Sehen Sie, wir haben heute den wechselnden Zustand - ich möchte das ganz fest hinstellen und würde gerne haben, daß Sie das auch fest erfassen -, wir haben heute den wechselnden Zustand (es wird an die Tafel geschrieben):

Tafel 10

1. Sommer, auflösend durch Wärme das Wässerige, 2. Winter, verhärtend durch Kälte das Wässerige zu Eis und Schnee.

Zwischen diesen beiden haben wir nun als einen hin- und herpendelnden Zustand den Herbst und den Frühling. Das wird allmählich sich ausgleichen. Es wird nicht mehr so entschieden Sommer sein, wo das Wässrige ganz aufgelöst wird, und nicht mehr so entschieden Winter, wo das Wässrige ganz zu Eis und Schnee verhärtet sein wird, sondern es wird ein Zwischenzustand eintreten, wo das Wässrige eine andere Konsistenz haben wird, eine wesentlich dickere als im Sommer, die nicht einfach in eine andere übergehen wird, sondern die bleiben wird. Eis und Schnee werden dann nicht so aussehen wie heute, sondern sie werden aussehen wie eine spiegelnde Masse, die durchsichtig ist, eine durchsichtige spiegelnde Masse, die Sommer und Winter bleibt. Wir haben da das Gläserne Meer, dessen Eintreten vom Apokalyptiker in der Apokalypse geschildert wird (Apk. 15,2).

Wir haben hingewiesen auf eine Naturerscheinung, die wir erfassen aus dem Anschauen der Naturereignisse, wir haben sie in die Zeit hereingestellt; und sehen Sie, da wir nun auch wissen, daß dasjenige, was um uns herum gemacht wird, eigentlich von uns herrührt, daß wir dabei mitarbeiten, wie wir an der Wiese mitarbeiten, auf die uns unser Karma in den Inkarnationen stellt, so müssen wir das auch ausdehnen können auf die große Umgestaltung der Erde. Es ist richtig, der Mensch wird durch dasjenige, was er an Intellektualität durchlebt im Bewußtseinsseelenzeitalter, immer mehr und mehr gerade durch seine innere Dynamik beitragen, das gläserne Meer zu erzeugen, so daß die Menschheit in ihrem Zusammenwirken an den großen Ereignissen der Zukunft beteiligt sein wird. Da haben Sie nicht nur einen bloßen Parallelismus, da haben Sie ein einheitliches Wirken desjenigen, was sich im Menschen abspielt und desjenigen, was sich draußen in der Natur abspielt.

Ja, jetzt werden Sie auch noch ein anderes zu begreifen vermögen, das ist das folgende, über das wir uns klar sein müssen: Wenn wir hineinkommen in dasjenige Göttliche, das im Gleichgewichtszustande, in dem sich immer wiederholenden Gleichgewichtszustande zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen ist, und wenn wir dies in seiner tiefsten Wesenheit erfassen, so kommen wir darauf, daß überall - wenn wir richtig schauen -, wo nicht Einfluß Luzifers und wo nicht Einfluß Ahrimans ist, eben das ist, was von dieser fortschreitenden göttlichen Geistigkeit kommt, die mit der Menschheitsevolution verbunden ist. Wenn wir in den Reichen, in die fortwährend Luziferisches hereinflutet und in die fortwährend Ahrimanisches hereinflutet, auf das den Gleichgewichtszustand haltende Göttliche sehen, so finden wir als die Grundkraft von all dem, was da fortströmt, den Menschen sowohl äußerlich bildend, wie innerlich durchseelend und durchgeistigend: lautere Liebe. Diese Grundkraft ist lautere Liebe. Das Weltenall besteht seiner inneren Substanz und Wesenheit nach, insofern es das All des Menschen ist, aus lauterer Liebe, es ist nichts anderes als lautere Liebe. Wir finden innerhalb des dem Menschen zugeordneten Göttlichen nichts anderes als lautere Liebe. Aber diese Liebe ist eben ein Innerliches, sie kann innerlich von Seelen erlebt werden. Sie würde niemals zur äußeren Erscheinung kommen, wenn sie sich nicht zunächst ihren Körper bildete aus dem Elemente, dem ätherischen Elemente des Lichtes. Und wenn wir richtig okkultistisch die Welt anschauen, so kommen wir einfach dazu, uns zu sagen: Das Grundwesen der Welt ist als Licht äußerlich erscheinende innere Liebewesenheit.

Es ist das nicht eine Glaubensüberzeugung dessen, der in diese Dinge hineinschaut, sondern es ist eine ganz objektiv gewonnene Erkenntnis: Das Weltall, insofern der Mensch darin wurzelt, ist durch das Licht äußerlich zur Erscheinung gelangende innerlich wesentliche Liebe. Wesentlich, weil wir es zu tun haben mit all den Wesenheiten der höheren Hierarchien, die von dieser Liebe getragen werden und die diese Liebe innerlich erleben, was aber, wenn wir eine abstrakte Idee anwenden wollen, als Licht erscheint. Der äußere Schein der Wesen ist Liebe, und der äußere Schein von Liebe ist Licht. Das ist es, was man in allen Mysterien immer wieder und wieder betont hat, was nicht bloße Glaubensüberzeugung, sondern was die wirklich gewonnene Erkenntnis jedes wahrhaften Okkultisten ist.

Nun aber ist es so, daß dieses eine Strömung ist im Weltenall, eine Strömung, die allerdings uns als Menschen im wesentlichen angeht, aber eben eine Strömung. Wir können uns gut vorstellen das Zeitalter des Materialismus seit dem 15., 16., 17. Jahrhundert, auch die Kulmination des Materialismus während der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts -, wir können uns gut vorstellen die Ausgestaltung des Materialismus nachher mit allem, was die Menschen denken und tun, mit all den furchtbar zerstörenden Kräften, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Menschheit wüten, obwohl dies von vielen noch gar nicht einmal richtig bemerkt wird. Und über all dem webt die im Lichte sich entfaltende göttliche Liebe.

Aber, meine lieben Freunde, nehmen Sie einmal ganz reines Wasser, absolut kristallreines Wasser, und nehmen Sie einen schmutzigen Schwamm, einen Schwamm, der innerlich Schmutz enthält. Bringen Sie ihn in dieses kristallklare, kristallreine Wasser, tauchen Sie ihn ein, drücken Sie ihn zusammen, lassen Sie das Wasser wieder herausfließen - es ist schmutzig, trübe. Sie haben durch den schmutzigen Schwamm das kristallklare Wasser aufsaugen lassen, haben es wieder herausgepreßt, und es ist schmutziges Wasser geworden. Was kann das reine kristallklare Wasser dafür, daß es als schmutziges Wasser herausfließt, wenn man den Schwamm auspreßt? Was kann die im reinen Lichte quellende göttliche Liebe dafür, daß sie aufgenommen wird vom Zeitalter des Materialismus wie das klare Wasser von dem mit Unreinlichkeit durchsetzten Schwamm, und dadurch in der nächsten Erscheinung etwas ganz anderes wird? - So können wir das Bild sehen: Kristallklares Wasser, aufgesogen von einem schmutzigen Schwamm, wird trübes, untrinkbares Wasser. Die göttliche, im Lichte erscheinende Liebe, aufgesogen im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung von all den Ingredienzien des Bösen, die in der Zeit der Bewußtseinsseelenentwickelung latent oder offenbar in der Menschheit wüten, wird der göttliche Zorn.

Das ist das Geheimnis des nächsten Zeitalters, daß durch dasjenige, was in der Menschheit geschieht, die göttliche Liebe erscheinen wird in der Form des göttlichen Zornes - des göttlichen Zornes, der schützen wird vor allen materiellen Gestaltungen, die entstehen infolge des materialistischen Bewußtseinsseelenzeitalters, der schützen wird dadurch, daß er diese Gestaltungen untergehen läßt, vor dem weiteren schädigenden Wirken. Ausgehend von dem, was dem Apokalyptiker erscheint, spricht er von der Ausgießung der Zornesschalen im nächsten Zeitalter (Apk. 16,1 ff.). Das ist dasjenige, was in den Mysterien ausgesprochen wurde in einem Satze, der furchtbar erschütternd auf den angehenden Initiaten wirkte: In der Sphäre der menschlichen Illusion tritt die göttliche Liebe in der Form des göttlichen Zornes in die Erscheinung.

Ein viele Jahrtausende alter, durch die Mysterien gehender Satz, der in prophetischer Weise in den Visionen Johannis lebt, indem in der Apokalypse dasjenige geschildert wird, was vorangeht, wodurch die göttliche Liebe getrübt wird, und was dann geschehen muß als die nötige Erfüllung des Vorangehenden: die Ausgießung des göttlichen Zornes in dem Zeitalter, in dem, in viel stärkerem Grade als im unsrigen, das was Menschen tun, Einfluß haben wird auf das Naturgeschehen. Denn der Parallelismus, der die Menschen zu der Illusion treibt, als ob die Natur und der menschliche Geist und die menschliche Seele nebeneinanderliefen, dieser Parallelismus herrscht nur in den mittleren Zeiten der Evolution und bringt da diese Illusion hervor. Sogar in den Anfangsund Endzuständen der kleineren Evolutionen, zum Beispiel der Evolution von der atlantischen Katastrophe bis zum Krieg aller gegen alle, herrschte immer ein großer Einfluß auf die Naturereignisse durch das, was im Menschen vorgeht. Deshalb ist es keine Fabel, daß, als sich ein großer Teil der Menschheit in den letzten Phasen der atlantischen Entwickelung in großem Maßstabe mit schwarzer Magie befaßte, dasjenige, was die Menschen da verbrachen in ihrem Befassen mit schwarzer Magie, sich in der atlantischen Katastrophe in Naturerscheinungen erfüllte.

Und so werden viele Dinge, die jetzt geschehen, in Naturerscheinungen sich erfüllen. Da wird es nur eines davon sein, daß die russische Revolution, die eben auch viele okkulte Ursachen hatte, vom Himmel herunter in Stürmen von Donner und Blitz, die ganze Sommer hindurch dauern werden, sich ergießen wird über die Köpfe der Menschen, und daß anderes, was in unserer Zeit angesammelt wird als Weltenelement in Trübung der göttlichen Liebe, erscheinen wird in denjenigen Naturerscheinungen, die wir gar nicht anders zu deuten vermögen werden, denn als Verwandlung der göttlichen Liebe in göttlichen Zorn, durch die Illusionen der Menschen.

Der Satz ist schon so ausgesprochen worden, wie ich ihn vorhin ausgesprochen habe. Aber das, was da der göttliche Zorn ausgießt über die Menschen, das ist in Wahrheit immer noch eine Offenbarung der göttlichen Liebe. Denn würde in diesem Zeitalter die göttliche Liebe sich der Schwachheit der Menschen scheinbar erbarmen, so wäre es eben kein wirkliches Erbarmen. Es würde über alles hinweggesehen, was als notwendige Folge der menschlichen Gedanken und Taten geschehen ist; es würde dies das Liebloseste sein, denn dann würde die Menschheit verderben. Einzig und allein durch die Ausgießung des göttlichen Zornes, der aber nur die Metamorphose der göttlichen Liebe ist, kann das, was die Menschheit bewirkt hat an schädigenden Dingen, hinweggeschafft werden, was sonst unsagbar schädigend wirken würde auf die weitere Entwickelung der Menschheit. Der in den Schriften geschriebene Satz ist so alt, daß er in Europa sehr häufig noch in orientalischer Form ausgesprochen wird, indem man sagt: In der Region der Maya tritt die göttliche Liebe als der göttliche Zorn zutage.

Sehen Sie, da haben Sie wieder ein neues Beispiel, wo man an der Apokalypse sieht, wie gründlich sie aus den in der Welt waltenden wesenhaften Ingredienzien herausgeholt ist. Je tiefer man in sie eindringt, desto mehr findet man alles in dieser Apokalypse, was nun wirklich in eminentestem Sinne zeigt, daß man sich auf die Apokalypse verlassen kann - wenn ich mich trivial ausdrükken soll. Sie ist im Grunde dasjenige, was dem Priester die Erkenntnis dessen gibt, was geschieht im menschlichen Weltenlauf. Sie war ursprünglich der Priesterschaft gegeben als das eigentlich Esoterische des Christentums, neben dem anderen, das exoterisch war.

Es werden nun die am Vortage schriftlich eingereichten Fragen besprochen [siehe Seite 196f.]:

Rudolf Steiner: Ja, also ich habe das Brevier persönlich niemandem gegeben, sondern nur damals im Kurs. Wir müssen unterscheiden zwischen jenen Versammlungen, die wir gehalten haben noch im Goetheanum, und den späteren. Die eine war im Herbst 1921 im großen Saal des Goetheanums, bei der eine große Anzahl von solchen Persönlichkeiten war, von denen gedacht werden konnte, daß sie sich interessierten für die Bewegung für christliche Erneuerung. Dann haben wir im September 1922 die engeren Versammlungen gehabt, vor denen Sie sagten, daß Sie mit gründlicher Vorbereitung kommen, und die dann dazu geführt haben, daß die Bewegung wirklich inauguriert worden ist und die erste Weihehandlung vollzogen worden ist. Das sind zwei Etappen. Bei der zweiten Versammlung gibt es keine Persönlichkeiten, die dann abgefallen wären, da sind ja damals alle wirklich eingekleidet und als berechtigte Priester erklärt worden. Bei dieser im strengsten Sinn den Ausgangspunkt des Priesterwirkens bildenden Versammlung, da gibt es kein Abfallen mehr. Bei der ersten Versammlung aber waren solche Persönlichkeiten, die dann nicht nur nicht Priester geworden sind, sondern von denen Sie gesagt haben, daß sie sich sogar feindlich stellen, richtig feindlich?

Friedrich Rittelmeyer: Zum Beispiel der Jugendpastor Bruno Meyer.

Werner Klein spricht von der Verbreitung des Breviers. Es fehle die klare Kontrolle, wo es überall hingekommen ist.

Rudolf Steiner: Und es gibt keine Möglichkeit, einen Überblick zu haben über die Persönlichkeiten, die damals im Herbst 1921 da waren?

Ein Teilnehmer: Doch, die gibt es.

Rudolf Steiner: Andere Persönlichkeiten haben das Brevier wohl nicht bekommen?

Friedrich Doldinger: Aber die haben es weitergegeben.

Die Teilnehmer bitten, gegebenenfalls eine Vormeditation zu geben.

Rudolf Steiner: An eine Vormeditation müßte zuletzt gedacht werden. Ich möchte, bevor ich über diese Sache spreche, die andere von Ihnen gestellte Frage berühren, die mir im Zusammenhang damit wichtig zu sein scheint, das ist die Frage [aus dem Zettel vorlesend: Frage von Johannes Werner Klein], ob man gut daran tut, weiterhin den Schwerpunkt auf das extensive Element zu legen, oder ob es im Interesse der besseren Vorbereitung auf die zukünftigen Aufgaben besser ist, den Schwerpunkt auf die intensive Vertiefung der eigenen Persönlichkeit zu legen. Man kann vielleicht nicht so ohne weiteres den Zusammenhang zwischen den beiden Fragen sehen, aber er ist da.

Unter allen Umständen müßte die Möglichkeit gesucht werden, im jetzigen Stadium des Wirkens der Priesterschaft noch nicht einzuhalten mit der extensiven Arbeit, wie Sie sie nennen. Es kann verstanden werden, wie sehr das Bedürfnis nach einer inneren Vertiefung dringend ist, und es kann auch verstanden werden, wieviele Sorgen eben dasjenige, was hier mit dem Satz zusammengefaßt wird «Abbau der physischen und seelischen Kräfte», manchem im Kreise seit Herbst 1922 bereitete. Es kann das alles verstanden werden. Aber Sie dürfen nicht vergessen, meine lieben Freunde, daß diejenigen Dinge, die im ganzen Ernste aus der spirituellen Welt getan werden können, bis zu einem gewissen Punkte auch getan werden müssen in bezug auf das Extensive. Vorher haben wir keine Berechtigung, uns auf uns selbst zurückzuziehen, bevor wir nicht diesen Punkt erreicht haben.

Mit mehreren unserer Bewegungen haben wir da ganz furchtbare Schläge erlebt, wie Sie wissen; ich habe ja in diesem Sinne vieles in den vergangenen Jahren zu erleben gehabt. Als die Hochschulbewegung begründet worden ist, sagte ich zu denjenigen, die sie begründeten, die ihr ihren Ausgangspunkt verschafften: Ja gut, wenn ihr so etwas macht, dann müßt ihr aber wissen, daß man so etwas nur machen darf, wenn man aushält mit seinen Kräften, gleichviel ob man Erfolg oder Mißerfolg hat, es ist notwendig, daß man aushält bis zu einem gewissen Punkt in der Verfolgung des geraden Weges. Das ist dann nicht geschehen, daher der starke Rückschlag, der uns gerade von der Hochschulbewegung kommt, denn es hat uns eigentlich wenig so sehr geschadet wie die in sich, das heißt in den Seelen zerbrochene Hochschulbewegung, die vollständig im Sand verlaufen ist. An ihre Stelle ist so etwas wie eine Verinnerlichung von jugendlichen Seelen getreten, das, was eben heute da ist. Aber die Hochschulbewegung ist eigentlich ganz zersplittert.

Das ist natürlich nicht etwas, was sich mit Ihrer Bewegung vergleichen läßt, aber das eine gilt auch hier: Wir müssen, wenn wir eine Bewegung inaugurieren, die unmittelbar aus der geistigen Welt ihren Urimpuls hat, ganz absehen von Erfolg oder Mißerfolg, ganz absehen von dem, was wird, und nicht in uns selbst beschließen: wir ändern den Kurs.

Es wird ja wirklich manches noch recht schwierig werden. Was den Abbau der physischen Kräfte betrifft, so handelt es sich natürlich darum, daß da die Mittel und Wege gesucht werden müssen, diesen physischen Kräften wiederum aufzuhelfen, daß aber diejenigen unter Ihnen, die vom Abbau der seelischen Kräfte sprechen, zunächst einmal sehr stark mit sich nach dieser Richtung zu Rate gehen sollten, bei sich selber die Frage zu beantworten: Inwiefern kann mir dasjenige, was aus dem lebendigen Quell dieser religiösen, vom Christus-Impuls durchdrungenen Bewegung fließt, inwiefern kann mir das jederzeit die seelischen Kräfte auf der Höhe erhalten?

Die seelischen Kräfte, meine lieben Freunde, sie müssen durch dasjenige auf der Höhe erhalten werden können, was durch Kultus und Lehre fließt. Für die physischen Kräfte muß man die physische Gesundung suchen. Aber die seelischen Kräfte - man kann geradezu sagen, daß es eine Art Erprobung dieser Priesterbewegung wäre, ob man imstande ist, aus der Situation dieser Priesterbewegung das herauszuziehen, was die seelischen Kräfte auch dann auf der Höhe erhält, wenn die physischen Kräfte noch so sehr abgebaut werden. Mut, innere Intensität für die konkrete Arbeit, klares Verfolgen der priesterlichen Ziele, damit verbundenes sicheres Stehen auf dem göttlich-menschlichen Boden, der die Seele fest trägt im Weltenall, das dürfen wir nicht verlieren. Denn sonst würde das ein Beweis dafür sein, daß gerade das, was das Stärkste sein muß, nicht stark genug wäre. Das ist auch etwas, was nicht richtig ist. Es ist stark genug. Daher ist der Abbau der seelischen Kräfte etwas, was mit irgendeiner Art von Illusion verbunden ist, zumeist damit, daß von ganz anderen Seiten her Ursachen von Depressionen kommen, die da die hellen Strahlen verdunkeln, die von dieser religiösen Bewegung selbst ausgehen und die jeden Abbau der seelischen Kräfte verhindern. Sehen Sie nur nach, Sie werden überall die seelischen Kräfte finden, wenn man auch meinen könnte, daß sie abgebaut seien; sie sind abgebaut durch irgend etwas, was von außen hereinspielt, was man zu stark gelten läßt in bezug auf diese seelischen Kräfte und demgegenüber man zu wenig den geistigen Quell selber aufruft. Aber das kann anders werden, wenn man sich der hohen Mission dieses Priesterberufes im vollsten Umfang bewußt wird.

Nun, sehen Sie, wenn ich dies sage, so meine ich allerdings, daß dies schon die Voraussetzung dazu ist, daß wir überhaupt daran denken können, etwas zu tun, um das Brevier, das also gefährdet ist, zu seiner ursprünglichen Wirksamkeit zu bringen. Jedenfalls die zwei Dinge, meine lieben Freunde, müssen zusammenkommen, wenn sich, und das kann ja bis morgen geschehen, herausstellen sollte, daß Ihr klar werdet über die Frage - und zwar nur in bezug auf die seelischen Kräfte, denn für die physischen Kräfte haben wir ja klinisch-therapeutische Unternehmungen -, wie Ihr das, was in bezug auf die seelischen Kräfte gilt, aus Euren eigenen Erwägungen heraus von allen Illusionen befreit, so daß der Bewegung die Schwungkraft bleibt, mit der sie anfangs da war. Dann läßt sich weiter sprechen, was wir, auch wenn es nicht möglich sein sollte, alle Breviere zurückzubekommen, zur Wiedergutmachung desjenigen, was am Brevier geschädigt ist, unternehmen können. Darüber können wir morgen weiter sprechen.


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