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Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken

On-line since: 31st December, 2016

VORBESPRECHUNG

vor dem sechzehnten Vortrag

Dornach, 20. September 1924

Rudolf Steiner: Sie haben gewünscht, daß noch etwas besprochen wird vor dem Vortrag.

Johannes Werner Klein spricht. [Der Wortlaut wurde nicht mitgeschrieben.]

Rudolf Steiner: Nicht wahr, ich wollte ja natürlich auf Ihre Frage hin meine Worte genauso formulieren, wie die Frage formuliert war, und Ihre Frage stand schon in organischem Zusammenhang mit dem, was Sie von dem Abbau der physischen und seelischen

Kräfte geschrieben hatten, als eine Art von Begründung oder Beleg für die Alternative, ob Sie entweder mehr extensiv oder mehr intensiv arbeiten sollten. Und ich konnte kaum einen anderen Schluß daraus ziehen als den, daß das Bemerken dieses Abbaus der Kräfte im Sinne der gestellten Frage auch dazu hätte führen können, daß den Winter hindurch weniger extensiv gearbeitet würde und mehr ein Zurückziehen der Priesterschaft auf die innere Arbeit stattfinden sollte. So hatte ich die Frage aufgefaßt, daß diese Alternative vorliegt: Soll es beim extensiven Arbeiten bleiben, wie es inauguriert ist, oder soll man mit Rücksicht auf die physischen und seelischen Kräfte einmal eine Zeitlang mehr innerhalb der Priesterschaft arbeiten? - Ich weiß nicht, ob ich die Frage, so wie sie formuliert war, mißverstanden habe.

Johannes Werner Klein spricht dazu. [Der Wortlaut wurde nicht mitgeschrieben.]

Rudolf Steiner: Also nicht wahr, das lag auch in meiner Antwort, daß die extensive Arbeit vorläufig eine Notwendigkeit ist. Aber das schließt natürlich nicht aus, daß, wenn die Dinge so liegen, wie Sie es darstellen, sich daraus vielleicht eine Notwendigkeit ergeben könnte, über das zu sprechen, was da der Abbau der seelischen Kräfte ist. Der Abbau der physischen Kräfte ist ja nicht anders zu nehmen als eben als eine medizinische Aufgabe. Der Abbau der seelischen Kräfte ist ja natürlich etwas, was unter Umständen schon erörtert werden müßte, in der Art, wie es verstanden wird. Doch, will zunächst noch ein anderer darüber sprechen?

Emil Bock fragt über karmische Zusammenhänge. Danach spricht Friedrich Doldinger. [Die Ausführungen wurden nicht mitgeschrieben.]

Rudolf Steiner: Was ich allein, ich möchte sagen, als die einzige Schwierigkeit fühle, ist, daß man überhaupt von Schwierigkeiten nach der seelischen Seite hin redet. Man redet nicht von Schwierigkeiten nach der seelischen Seite hin, wenn man überzeugt ist, daß sie nicht da sind. Da müssen wir doch eines nehmen, und das ist dies: Die Art, wie sich seit zwei Jahren, seitdem die erste Menschenweihehandlung stattgefunden hat, die Bewegung für religiöse Erneuerung entwickelt hat, ist doch so, daß sie - wenn man alle Faktoren in Betracht zieht, die für eine solche Entwickelung in Betracht kommen - eigentlich alle wirklich mit Befriedigung erfüllen kann. Natürlich, Mißerfolge oder Hemmungen, die von außen kommen, die auch natürlich daher kommen, daß nicht jeder gleich in der alleridealsten Weise seiner Aufgabe gewachsen sein kann, die gibt es überall. Aber wenn wir absehen von diesen Einzelheiten, die ja vielfach mit der Fortentwickelung der Arbeit selbst überwunden werden können, und die nach dem Hauptzug der Entwickelung der Bewegung für religiöse Erneuerung auch ganz sicher versprechen überwunden zu werden, wenn wir das alles wirklich in Erwägung ziehen, dann müssen wir sagen: In bezug auf die seelischen Hemmungen - wenn wir sie als Hemmungen der Bewegung selber ansehen -, liegt in einem gewissen Sinne eine Illusion vor, denn innerhalb der Bewegung leben sich diese Hemmungen nicht als Hemmungen aus. Es geht ja, trivial gesprochen, ganz gut vorwärts mit der Entwickelung der Bewegung. So muß man sagen: Die Hemmungen, die vorhanden sind, sind mehr oder weniger privater Natur bei den einzelnen Persönlichkeiten. Wenigstens muß man es so ansehen. Sie sind nicht so, daß man von ihnen so sprechen sollte, als könnte irgend etwas in der Bewegung davon beeinflußt werden. Diejenigen Dinge aber, die in der Bewegung selber liegen und die sich vielleicht heute noch als Hemmungen abspielen, das sind einige Punkte, die vielleicht ja doch eine Besprechung notwendig machen. Nur handelt es sich darum, wie man diese Besprechung gestalten will. Vielleicht ist es möglich, daß ich zuerst mit den Lenkern allein über ein paar Punkte spreche, namentlich über einen, bevor eine allgemeine Besprechung stattfindet. Oder vielleicht ist es nicht tunlich, eine Besprechung über den Kreis der Lenker hinaus zu führen, sondern es dann den Lenkern ... zu überlassen, wie sie das in dem Priesterkreis selbst behandeln wollen. Also das sind Fragen, die einfach in der Linie der Entwickelung liegen. Aber seelische Hemmungen, die geeignet wären, als Hemmungen der Bewegung als solcher aufgefaßt zu werden, die brauchen eigentlich nach der ganzen Art der Entwickelung, die die Christengemeinschaft genommen hat, nicht anerkannt zu werden, ich möchte sagen, nicht als Realität, sondern da ist manches Illusionäre da.

Ich muß sagen, wichtig ist heute noch gar nicht das, was in Ihrer Frage gelegen hat, das intensive oder das extensive Element in der Arbeit. Nicht wahr, dasjenige, was in Ihrer Frage liegt, das ist in vieler Beziehung, ich möchte sagen, gar nicht da, vor allem doch durch die Tatsachen, denn das Wesentliche für die Bewegung ist die Intensität im Substantiellen, die Tatsache, daß die Bewegung vorliegt. Und da muß ich sagen, in bezug auf diese Intensität im Substantiellen finde ich, daß die Bewegung essentiell in einer wirklich richtigen Orientierung vorhanden ist und heute den Charakter hat, mit dem Spirituellen zu gehen. Ich könnte ja verschiedenes anführen als äußeren Beleg für die Sache, was sich mir ergeben hat beim Durchschauen Ihres letzten Heftes, wo Sie ja über Punkte der Apokalypse gesprochen haben, wie sie auf die Gegenwart anwendbar ist. Man braucht ja gar nicht darauf einzugehen, inwieweit das zutrifft oder nicht. Darauf kommt es gar nicht an. Aber daß überhaupt die Fragen so aufgeworfen und in dieser Weise behandelt werden, daß man also vom Substantiellen aus schreibt, das sich mit dem Geistigen verbinden kann, das sind Dinge, die zeigen, daß die Bewegung wirklich in der richtigen Bahn läuft.

Und so könnte vieles angeführt werden über die Erfolge, die Sie haben; ich meine wirkliche, intensive, nach der Intensität gehende innere Erfolge. Ich möchte das so formulieren: Es ist doch ein Erfolg, daß es überhaupt möglich ist, in einer so ernsten Weise, wie das aufgefaßt werden muß, was von dieser Gemeinschaft ausgeht, über alle solche Punkte zu sprechen, und wenn man weiß, daß die Zeitschrift schon eine Auflage von 6000 hat. Ja, nicht wahr, Sie müssen doch auch das Positive in Rechnung ziehen; das ist doch ein starkes positives Ergebnis. Wenn ich alles nehme, was in dieser Richtung liegt, sage ich mir: was ist heute religiös möglich geworden, in einer ganz anderen Weise, als das vorher möglich war. Wo ist denn vorher die Möglichkeit gewesen vor 6000 Menschen - Leser sind natürlich mehr da -, wo ist vorher die Möglichkeit gewesen, in einer Zeitschrift über solche Dinge überhaupt zu sprechen? Es ist die Möglichkeit gewesen bei Sektierern, großen oder kleinen Sekten, die im Grunde genommen nicht ernstgenommen werden; und wiederum, wenn in der modernen Theologie, die ganz auf der Höhe der Zeit sein will, über diese Dinge gesprochen wurde, wurden sie in einem ungläubigen, rationalisierenden Sinne behandelt. Aber auch der Ton, in dem hier in Ihrer Zeitschrift über die Apokalypse gesprochen wird das ist doch eine Errungenschaft, daß das in einer Zeitschrift, die eine Auflage von 6000 hat, getan werden kann. Solche Dinge muß man als das Positive in Rechnung stellen. Ganz objektiv möchte ich das werten. Da kann man nicht davon sprechen, daß die Bewegung in ihrer eigenen Entwickelung irgend etwas von Hemmungen zeigt, die heute als Hemmungen aufzufassen wären. Ebenso müssen Sie bedenken, wie ungeheuer stark der Kultus wirkt bei allen Gelegenheiten, wo er stattfindet. Stellen wir uns also vor, daß dies in derselben Weise fortgeht, wie es bis jetzt gegangen ist, so wird die Bewegung nach zehn Jahren wirklich der Menschheit dasjenige sein können, was sie ihr sein soll. Deshalb, wenn mit Ihrer Frage gemeint war, ob der bisherige Kurs einfach fortgeführt werden soll oder nicht - etwas anderes konnte ich aus Ihrer Frage nicht herauslesen -, so kann ich nur sagen: Es liegt nicht der geringste Grund vor, daran zu denken, in irgendeiner anderen Weise die Dinge zu imputieren, als es bisher geschehen ist. Das ist dasjenige, was ich meine in bezug auf die Bewegung für religiöse Erneuerung.

Es liegt nun aber dies vor, daß in mancher Beziehung die einzelnen nicht auf der Höhe der Bewegung waren. Verzeihen Sie, daß ich bis zu diesem Grade deutlich werde. Darüber sollte man nicht unzufrieden, sondern höchst befriedigt sein, denn das bietet alle Garantie, daß der einzelne in die Bewegung immer mehr hineinwachsen wird, die eine solche geistige Substanz hat. Das alles ist doch etwas, was die Seelen stärken kann. Und wenn Sie dazu noch dies nehmen, das doch auch etwas ist, daß mit Ihnen zusammen zum Beispiel jetzt die Apokalypse nach den verschiedensten Seiten hin enthüllt wird, so müßte das auch wieder als etwas Positives genommen werden. Mir scheint, daß viel Illusionäres darin liegt, daß man die privaten seelischen Hemmungen, die da sind, auf die Bewegung überträgt. Denn das, was sich von Ihnen auf die Bewegung überträgt, wird durch das Persönliche gemacht, und das ist etwas, was nach und nach ganz sicher wieder heraus kommt. So möchte ich die Sache ansehen. Ich weiß nicht, ob das in der Tendenz Ihrer Fragestellung liegt.

Dann dürfen Sie nicht davor zurückschrecken, in bezug auf diese Sache sich zu sagen: Wie können wir es dahin bringen, daß der Rest von evangelisch-protestantischer Theologie, der noch in uns ist, aus unserer Seele herauskommt? - Der muß eigentlich ganz und gar heraus, weil das eben ein Extrem vorstellt, ebenso wie nach der anderen Seite die katholische Praktizierung ein Extrem ist. Die katholische Kirche sagt: Was geht uns der einzelne Priester an, der hat überhaupt keine Bedeutung, der einzelne Priester; sondern das, was in Betracht kommt, ist das Substantielle, das durch die Kirche vorliegt. - Der einzelne Priester, sobald er die Stola trägt, ist eben der Repräsentant der Kirche, und niemals habe ich gesehen, daß die maßgebenden Persönlichkeiten in der katholischen Kirche irgendwie unglücklich sind über Depressionen einzelner Priester oder über noch viel andere Dinge, als es Depressionen sind. Sie sind nie unglücklich darüber, weil sie rechnen auf die geistige Führung, die allerdings heute sehr anfechtbar ist, aber die ja doch zum Geistigen hingeht. Aber der Protestantismus hat sich dadurch, daß er alles auf die Persönlichkeit gestellt hat, aus dem Geist mehr oder weniger herausgelöst. Das war das andere Extrem, und das muß eben noch aus den Gemütern heraus. Es muß wirklich auf die Realität des spirituellen Lebens gesehen werden, denn diese Realität ist eben einfach da; und wenn der einzelne weiß: Was auch mit mir selbst sein kann, was auch da brodelt und dünstet in meiner eigenen Seele - der objektive Gang des spirituellen Lebens ist da. - Wenn man es von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, daß ja in den Seelen begreiflicherweise noch etwas evangelisch-protestantisch-theologisches Bewußtsein ist, schon aus dem Studium, aus der Erziehung und so weiter heraus, dann werden Sie natürlich innerlich geheilt werden können von den Schwierigkeiten, die sich ergeben mit bezug auf die Bewegung. Ich meine nicht, mit Bezug auf die einzelnen Seelen mit ihrem privaten Fühlen, das gehört auf einen ganz anderen Platz. Das ist auch im Katholizismus so da; natürlich wird der Betreffende immer zu einem anderen kommen, sich Rat holen können und so weiter, aber die Kirche steht als geschlossene Einheit den Laien und Gläubigen gegenüber. Nur liegt bei der katholischen Kirche natürlich das vor, daß sie allmählich in eine ahrimanisch spirituelle Führung gekommen ist, was man ja wirklich belegen kann, daß es so ist.

Es gab am Anfang des Jahrhunderts eine Enzyklika des damaligen Papstes gegen den Modernismus. Sie wissen, daß solche Dinge so geschrieben sind, daß es immer heißt: Wir verwehren oder wir verbieten das und jenes -, und dann werden die positiven

Behauptungen hingestellt. So ist der Syllabus der sechziger Jahre geschrieben und so ist auch die Modernistenbulle geschrieben. Bei der Prüfung, die ich anstellte, stellte sich heraus, daß das, was damals päpstliche Enzyklika war, tatsächlich eine geistige Offenbarung war, nur war bei dem Offenbaren in die Schrift überall dort, wo eine positive Behauptung war in der geistigen Urschrift, eine negative Behauptung hineingekommen, so daß die Bulle das genaue Gegenteil von dem sagte, was geistig geoffenbart wurde. Daraus ist zu sehen, daß die katholische Kirche überall ihre spirituellen Inspirationen durch Ahriman gefälscht erhält. Aber das hindert nicht, daß eben doch Spirituelles da ist. Dieses Spirituelle ist in dieser Christengemeinschaft im eminentesten Sinne in derjenigen Richtung da, die der heutigen Entwickelungsetappe der Menschheit entspricht. Die Christengemeinschaft ist auf geistigem Boden von geistigen Wesenheiten gestiftet in Wirklichkeit. Das ist das, was, wenn es in vollem Ernste genommen wird, alle Schwächezustände der Seelen heilen kann. Wir werden noch über manches sprechen.



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