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Rudolf Steiner Archive Section Name Rudolf Steiner Archive



Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken

On-line since: 31st December, 2016

SIEBZEHNTER VORTRAG

Dornach, 21. September 1924

Meine lieben Freunde! Außer dem, was wir als Inhaltliches der Apokalypse besprochen haben, ist ja die Apokalypse, so wie sie vor uns steht, auch ein Einweihungsbuch, und zwar durch die Art und Weise, wie sie die Evolution in der Zeit schildert, die aufeinanderfolgenden Stadien, die eben erlebbar sein werden für diejenigen, die Ohren haben zu hören und Augen haben zu sehen, während sie natürlich vorübergehen werden an den ohren- und augenlosen Menschen. Diese verschiedenen Stadien werden uns durch das innere Wesen der Sache so vorgeführt, daß wir die Apokalypse durchaus als Einweihungsbuch ansehen können.

Wir müssen uns ja klar sein darüber, daß beim erkennenden Hineingehen in die Welt - das immer mehr ein Anschauen werden wird - dasjenige verschwindet, was wir zunächst als den Inhalt des Seelenlebens haben und was im wesentlichen eine Art Spiegelbild der äußeren Natur ist. Also die physisch-sinnliche Welt verschwindet beim erkennenden Voranschreiten und allmählich tritt wie aus dem Hintergrund von der anderen Seite her die geistige Welt hervor. Von dieser Art, sich zur geistigen Welt in ein Verhältnis zu setzen, hat nun der Apokalyptiker, wie er deutlich zeigt, eine ganz intensive, richtige Vorstellung, und das hat es ihm möglich gemacht, so sachgemäß die Dinge zu finden in seinen imaginativen Visionen, wie er sie gefunden hat. Denn, meine lieben Freunde, es ist einfach richtig, daß man auf zwei Wegen zur Anschauung der Welt kommen kann. Der eine Weg ist derjenige, wenn man sich einfach im Sinnlich-Physischen ergeht, es nach allen Seiten kennenlernt mit gewisser liebevoller Hingabe an das Sinnlich-Physische. Dann lernt man es immer mehr als das Werk der Götter kennen. Man hat dasjenige vor sich, was man im weitesten Umfange die Natur nennt, wenn man die Natur nicht bloß äußerlich-mechanisch, sondern auch innerlich-geistig betrachtet. Aber man könnte sich vorstellen - und es ist durchaus eine richtige Vorstellung -, daß man denselben Weltinhalt auch auf eine rein geistige Weise, von innen heraus durch die eigene Seele erhält. So daß man durchaus soweit gehen kann, davon zu sprechen, daß derjenige, der genügend innere Kraft hat, sehen kann - auch wenn er gar nichts von historischen Nachrichten hat -, daß an einer bestimmten Stelle des Weltgeschehens irgend etwas geschehen ist, das selbst in einer Naturerscheinung besteht. Man kann durchaus davon sprechen, daß man von innen heraus zu dieser Erkenntnis kommen kann: In irgendeinem Jahre, wo sich für die Menschheit etwas abgespielt hat, haben Erdbeben und so weiter stattgefunden. Diese Empfindung - die ja viele Menschen leise oder laut haben -, daß der Mensch von innen heraus die Welt wirklich in ihren konkreten Einzelheiten kennenlernen kann, ist eine durchaus richtige Empfindung. Nun handelt es sich darum, was eigentlich vorliegt, wenn der Mensch auf diesem Wege der Imagination in die geistige Welt hineinkommt.

Wir können das, um was es sich dabei handelt, durchaus im Zusammenhang mit der Apokalypse erörtern, denn in der Apokalypse treten uns die aufeinanderfolgenden verschiedenen Etappen entgegen, in denen der Apokalyptiker etwas sieht, was immer mehr und mehr in die geistige Welt hineinführt. So führt er zunächst vor die Briefe, dann die Siegel, geht dann über zu demjenigen, was sich in der Menschensprache nur ausdrücken läßt durch Hörbares, also zu den Posaunen, und geht dann über zu dem, was ich Ihnen vorgestern charakterisiert habe als die göttliche Liebe, deren Widerpart der göttliche Zorn ist. Wenn wir den Apokalyptiker recht verstehen, so will er sagen: Soweit er dasjenige, was Inhalt der Apokalypse ist, durch Briefe gibt, die ihm inspiriert sind, bezieht sich dieser Inhalt auf die physische Welt; in dem Augenblicke, wo er übergeht zu den Siegeln und die Siegel eröffnet, bezieht sich das, was er mit diesen Siegeln zu sagen hat, auf die astralische, die imaginative Welt, auf das, was man die Seelenwelt nennen kann; wo er übergeht zu den Posaunenklängen, kommen wir in das Geisterland hinein, und indem wir erleben göttliche Liebe und göttlichen Zorn, dem Inhalt der Apokalypse gemäß, kommen wir in das eigentliche Innere des Geisterlandes hinein. Man muß nur bedenken, daß, während der Mensch diesen imaginativen Weg durchmacht, er ja mit seinem Erleben im Grunde genommen in der Welt drinnensteht, so daß sein Erleben Welterleben ist. Das bemerkt er nur nicht in den Anfangsstadien.

Im Verlaufe des Initiiertwerdens erfährt er es immer mehr, daß alles, was an ihm, durch ihn, mit ihm, in ihm geschieht, zu gleicher Zeit Weltgeschehen ist. Er fühlt sich immer mehr und mehr hinausgegossen in den objektiven Weltinhalt. Das läßt der Apokalyptiker sehr deutlich durchblicken. So daß wir also schon sagen können: Der Inhalt der Briefe bezieht sich auf die physische Welt.

Nehmen wir die physische Welt so, wie sie uns zunächst entgegentritt. Diese physische Welt ist ja nur scheinbar das, als was sie uns entgegentritt. Denn diese physische Welt würde uns nicht die Mannigfaltigkeit ihrer Farbennuancen, ihrer Wärmenuancen und alles desjenigen, was von allen Seiten der Weltumgebung auf den Menschen einfließt, so darbieten, wenn wir bei all dem, wie die Welt uns jetzt in diesem gegenwärtigen Zeitalter erscheint, nur an den physischen Inhalt denken und dabei eben übersehen würden, daß dasjenige, was uns physisch erscheint, eigentlich geistig ist. Wenn wir uns in die Seele einer solchen Menschenwesenheit versetzen, wie der Apokalyptiker ist, müssen wir uns, ich möchte sagen, die Seelensprache einer solchen Menschenwesenheit aneignen, und diese Seelensprache muß uns für unseren eigenen persönlichen spirituellen Gebrauch so zu eigen werden, daß man mit einem trivialen Ausdruck sagen kann: sie muß uns in Fleisch und Blut übergehen.

So möchte ich Ihnen solche Teile der inneren Seelensprache eines Initiierten geben, die er exoterisch nach außen nicht immer gebraucht, die aber eigentlich sein Mittel ist, um seine Vorstellungen, sein besonderes Miterleben der geistigen Welt innerlich zu formen. Da ist zum Beispiel dieses: Dämpfe den Blitz und du begreifst die Farbe. - Das ist Initiiertensprache. Was heißt das? Der Initiierte sieht den Blitz in seiner Erscheinung, er sieht dieses aus dem Weltall herauskommende Aufflammen, er betrachtet es als das Aufglimmen des Geistes innerhalb des Weltenraumes, und er denkt diesen Blitz abgedämpft und immer abgedämpfter, also immer milder und milder, und bekommt die Abdämpfung, die milde Ausgestaltung des Farbigen; der Blitz verbreitet sich gewissermaßen und wird zur farbigen Fläche. Das ist die Vorstellung eines Initiierten. Oder der Initiierte sagt: Lasse den Donner leiser werden, immer leiser und leiser und höre sein Modulieren, und das Musikalische ersteht. - Und so sieht der Initiierte dasjenige, was sich gewissermaßen als Sinnenteppich ausbreitet, als die Offenbarung nach der einen Seite hin, und es ist für ihn eine durchaus reale Vorstellung, wenn man so denkt: Man hat den Weltinhalt in seiner kolorierten Mannigfaltigkeit - das, was ich aufzeichne (Tafel 12, links), könnte ebensogut wie es Farbe ist, auch Tö- Tafel 12 nendes sein -, und wie der Weltinhalt an unsere Sinne herantritt, das ist wie der sinnlich-physische Schleier, der sich ausbreitet als unsere Wahrnehmungswelt, in die wir zunächst unsere abstrakten, scheinhaften Gedanken verweben. Hinter alldem sieht der Initiierte - also wenn Sie sich die Tafel (Tafel 12, ganz links) als den Teppich vorstellen, der überall ausgebreitet ist, es ist das, was in der Welt das Tonliche, das Farbige, das Wärmige ist -, hinter diesem Teppich sieht der Initiierte die einfallenden Blitze. Die sind dahinter, und dasjenige, was man ab und zu als wirklichen Blitz sieht, bricht einfach durch diesen Sinnenteppich von rückwärts aus der geistigen Welt durch. In jeder Erscheinung des Blitzes ist ein Hereinstrahlen der geistigen Welt. Und schauen wir uns diesen Blitz an, wie er gemildert und gedämpft ist zum gleichmäßig Farbigen auf der Erde, so haben wir eben die Erde in ihrem Farbenkolorit vor uns.

Tafel 12

Schauen wir zum Himmel und nach den Sternen, so haben wir in den Sternen Punkte, die uns ebenfalls erscheinen wie aus dem Geistigen herauskommend, nur in dauernd lebender Offenbarung des Blitzenden. Aber in alldem sieht ja der Initiierte die äußere Offenbarung desjenigen, was dahinter ist, und er sagt sich: Eigentlich mußt du sehen - und er sieht es auch, wenn seine Seele immer aktiver und aktiver wird - die rote Rose. Sie beginnt ihr Rot nach oben und unten wie in leisen Blitzen zu verspritzen, und während das Vordere sich abstumpft, greift nach rückwärts das Rot ein in die Sphäre der Seraphim, ebenso wie alles Tonliche eingreift in die Sphäre der Cherubim, und wie alles, was wir tasten, eingreift in die Sphäre der Throne. Und wenn man die Natur um sich sieht, hat man eigentlich in der physischen Welt alles als Illusion vor sich, denn in Wahrheit sind es die abgedämpften Werke der Seraphim, Cherubim und Throne. Schauen wir, meine lieben Freunde, in die farbige Welt, so wie sie erscheint, so ist sie nur die gleichmäßig abgetönte Blitzwirkung der Seraphim. Das ist eigentlich dasjenige, was in uralten Zeiten der Maja-Charakter der sinnlich-physischen Welt genannt worden ist, daß man nicht weiß, daß da in Wirklichkeit überall Seraphim, Cherubim, Throne da sind.

Nun gehen wir etwas weiter in der Initiation. Gehen wir über zu dem, wo der Apokalyptiker den Hauptwert auf das SiegelEröffnen legt. Ja, was geschieht denn da? Da löst sich ab das Farbige der Welt, das Wärmeartige löst sich ab, und immer mehr und mehr treten Wirkungen auf, die geistig sind und die schon ähnlich werden den wahren Gestalten des Blitzartigen, die sich formen. Statt das Zickzack-Hervorbrechen der Blitze zu sehen, sehen wir beim Durchbrechen durch den Sinnesteppich dasjenige, was dahinter ist als geistige Welt; wir sehen dahinter sanftverlaufende Blitze. Wir wissen, daß darin zunächst diejenigen Wesen leben, die die Diener sind der Seraphim, der Cherubim und der Throne. Ähnlich ist es mit dem Tonlichen, ähnlich ist es mit dem Wärmehaften, ähnlich ist es mit dem Faßbaren, Tastbaren. Und so, wie dasjenige verlöscht, was ja zunächst uns als der irdische Sinnenteppich erscheint und dahinter diese Welt von solchen blitzartigen Gebilden erscheint und solche in sich geschlossene Figuren aus dem Astralfeuer bildet und sich immer mehr und mehr erweitert, in demselben Maße beginnen die Sterne herunterzustrahlen; so daß wir so wie Fäden des Lichtes dasjenige verfolgen, was sie sind, und es mischen sich in die Dinge, die elementar wirken, Sternenfäden, Sternenstrahlungen, Lichter hinein. Es verbindet sich das Irdische mit dem Himmlischen, und wir wissen, wir kommen in den ersten Zustand der zweiten Welt hinein, wo alles noch naturhaft leuchtend ist, wo wir nur ahnen, daß dahinter Wesenheiten sind. Wir gewahren höchstens Elementarwesenhaftes, aber wir sehen in diesen Elementarwesenheiten gewissermaßen die Wirkungsorgane von starken, bedeutsamen, erhabenen Wesenheiten. Wir kommen sozusagen in den ersten Bezirk der Kyriotetes, Dynameis, Exusiai. Die sind gleichsam noch dahinter, aber sie treten herein in diese Wesenheiten, und wir kommen, indem wir weiter auf dem Initiationswege kommen, allmählich dazu, daß diese Wesen Kyriotetes, Dynameis, Exusiai sich allmählich immer mehr in ihrer eigenen Wesenheit enthüllen. Das ist verknüpft damit, daß die weltentönende Sphärenharmonie hereintritt, aber die einzelnen Töne dieser Weltenharmonie, die jetzt erklingen und die sich eigentlich nur in großen Zeiträumen zu Harmonien und zu Melodien zusammensetzen, die sich auch in der Zeit nur zu Harmonien bilden, wenn die Zeit eine Einheit wird, die führt der Apokalyptiker als Posaunenklänge an, so daß wir in den Tönen der Posaunen das reine Leben der zweiten Hierarchie haben, während die erste Hierarchie in ganz großer Mächtigkeit dem eigentlichen Sinnenerleben zugrundeliegt.

Und weiter gelangen wir dazu, aus dieser Welt, in der, ich möchte sagen, alle Sinneswirkungen flutend und grandios und majestätisch geworden sind und damit sich nicht nur über die Dinge und Vorgänge der physischen Welt hinlagern, sondern der eigentliche Ausdruck des Wesenhaften sind, das in der zweiten Hierarchie in den Elementarwesen wirkt -, wir gelangen immer mehr dazu, aus dieser Welt in eine dritte Region hineinzukommen, wo wir gar nichts Naturhaftes mehr, auch nicht in Elementarisches aufgelöstes Naturhaftes mehr wahrnehmen, sondern wo wir alles, was wir wahrnehmen wollen, geistig wahrnehmen müssen. Wir kommen hinein in einen Bezirk der geistigen Welt, von dem wir in der folgenden Weise sprechen müssen; wir müssen uns sagen: Indem wir dasjenige durchgemacht haben, was wie die sich auflösenden, aber zu gleicher Zeit in Formen sich gestaltenden Sinneswahrnehmungen der Erde ist, die ergriffen werden von der sich erweiternden Sinneswahrnehmung der Sterne, sind wir dazu gelangt, wie in letzten Residuen der Sinneswahrnehmung alles, was in Kyriotetes, Exusiai, Dynameis im Weltenall wirkt, so zu erkennen, daß diese Wesenheiten wie innerlich gebunden sind an die wahre Substantialität der Sterne. Die Sternenwelt hat sich uns in die Wesenheiten der Hierarchien verwandelt. Wir leben, statt daß wir im Sinnenscheine aufblicken zu den Sternen, in der Welt der Hierarchien. Da sind die Hierarchien noch durchtränkt mit dem, was ich nennen möchte verspritzte und aufgelöste Sinneserkenntnis. Jetzt gelangen wir in den dritten Bezirk, wo wir nicht mehr sinnlich alles Irdische wahrnehmen, wo wir das SeelischÜbersinnliche wahrnehmen müssen ohne den Einschlag des Sinnlichen; wir gelangen in den Bezirk der eigentlichen geistigen Welt und lernen sie zuerst kennen in Angeloi, Archangeloi, Archai. Diese Wesenheiten kann man in ihrer Geistigkeit erkennen, und man muß wissen, wenn man ihnen als Maler und dergleichen Gestalt gibt, daß sie diese sinnliche Gestalt nur dadurch haben, daß sie in die seelisch-geistigen Elemente eingewoben sind, in die Wesenheit der höheren Hierarchien. Wir müssen wissen, wenn wir ihnen zum Beispiel Flügel malen, daß diese Flügel von den Wesenheiten der zweiten Hierarchie sind, die ihnen ihre Substantialität leihen, daß sie aber ein Haupt von der ersten Hierarchie erhalten, die ihnen diese Gestaltung und deren Inhalt leihen. Wir müssen uns nur durchaus bewußt sein, daß wir das, was innerhalb der dritten Hierarchie ist - Angeloi, Archangeloi, Archai -, nur im Geiste erblicken können.

Das, was ich jetzt auseinandersetze, meine lieben Freunde, hat eine ungeheuer große historische Bedeutung, weil Sie, wenn Sie Schriften aus alter Zeit übernehmen, die sozusagen intim von diesen geistigen Welten handeln, diese überhaupt nicht lesen können, ohne sich des Umstandes bewußt zu sein, daß durch das Hineinleben in die geistige Welt wir zunächst gewissermaßen die niedrigste Hierarchie auf geistige Art wahrnehmen, während wir die höheren Hierarchien noch mit den Ingredienzien der Sinneswelt wahrnehmen. Und Sie müssen sich bewußt sein, daß die alte Initiationsweisheit, die das durchaus ganz richtig so geschildert hat, wie ich es jetzt schildere, allmählich in den Zeiten der Dekadenz des Spirituellen in allerlei Mißverständnisse hineingekommen ist. So finden wir bei den mehr weltlich gearteten Initiierten des Mittelalters die Sache immer so geschildert, daß der Erde nahestehen als die niedrigsten Hierarchien die Seraphim, Cherubim, Throne, und daß man aufsteigt durch Dynameis, Kyriotetes, Exusiai zu den Engeln, Erzengeln und Urkräften. Sehen Sie sich nur einmal mittelalterliche Bücher an, die illustriert sind, so werden Sie sich nicht auskennen und werden fragen, warum die Engel über den Seraphim sitzen. Das ist, weil man diese Vorgänge nicht mehr genau intim kannte und nicht mehr ganz organisch sich vorstellte. Der Irrtum entstand namentlich, als die ursprünglich ganz reine Lehre schon während der Zeit der jüdisch-babylonischen Gefangenschaft in der vorchristlichen Zeit durch die Berührung der Juden mit den Babyloniern sich verunreinigt hat an den Symbolen der Babylonier, und durch die Kabbala, durch die mittelalterliche jüdische Mystik, hat dieser Irrtum von der Rangordnung der geistigen Hierarchien sich weiter ausgebreitet. Wenn man überhaupt die Entwickelung der Vorstellungen über das Geistige im menschlichen Entwickelungsgang verstehen will, muß man mit solchen Sachen bekannt sein, und es ist hier der richtige Ort, im Zusammenhang mit dem Verständlichmachen der Apokalypse diese Dinge zu besprechen.

So kommen wir hinaus in die geistige Welt. Die ersten Wesenheiten, die uns im wirklich Geistigen entgegentreten, sind eigentlich die der dritten Hierarchie. Der Apokalyptiker zeigt, wie er intim vertraut ist mit alledem, denn immer mehr ist sein Bestreben ein solches, daß er für alles, was er nun schildert, Engel erscheinen läßt, die die Erscheinungen tragen. Das ganz Phänomenale ist, daß Erdgebiete etwas widerspiegeln können, was die Engel als Boten der höheren Hierarchien hereintragen, und namentlich kommen wir mit diesem Engelerscheinen hinein in das Gebiet, wo wir wirklich erblicken, wie da durchaus die göttliche Liebe waltet als die eigentliche Ingredienz der Welt, zu der wir Menschen gehören. Denn zunächst gewahren wir, wie die gewissermaßen normalen Angeloi, Archangeloi, Archai etwas sind wie die Verleiblichung der höheren Hierarchien. So wie wir, wenn wir Hände, Arme, Füße, Beine und den übrigen Leib des Menschen anschauen, die Empfindung haben: Das ist der Leib des Seelisch-Geistigen -, so bekommt man, indem man aufsteigt in die Welt der dritten Hierarchie, den Eindruck: Das sind Engel, aber sie sind wie Glieder, eigentlich wie die Leiblichkeit der höheren göttlichen Geister; sie sind geistig-seelische Leiblichkeit. So daß man empfindet, meine lieben Freunde, man ist in reiner Geistigkeit, aber mit dieser Geistigkeit in der Leiblichkeit Gottes. Das ist das, zu dem man aufsteigt.

Und nun muß man sich mit einer solchen Vorstellung befassen. Das ist etwas, was jeder tun muß, der wirklich den Okkultismus kennenlernen will, wie er dem Geistesleben zugrundeliegt. Sehen Sie sich einen Menschen auf Erden an in seiner physischen Leiblichkeit, meine lieben Freunde, und Sie werden sich unmöglich die Organisation denken können im bloßen Aufbau, also bloß in dem, was im Menschen als Sprossendes, Sprießendes im Aufbau vor sich geht. Sie müssen sich vielmehr Abbauprozesse in den Organismus hineindenken, die zu Aussonderungen führen. Dieser Abbau, der die Leiblichkeit in einem fortwährenden Zerstörungsprozeß zeigt, ist aber dazu bestimmt - weil er Abbau im Physischen ist -, das Geistige aufzunehmen, so daß der Geist dann in den physischen Abbauprozessen leben kann. Es lebt ja im menschlichen Organismus das Geistige nicht in den Aufbauprozessen. Wenn der Mensch wächst, wenn die physischen Vorgänge, die physischen Prozesse im Steigen sind, wird das Geistige unterdrückt, nicht gefördert. Es ist eine ganz alberne Vorstellung der Materialisten, daß sie denken, der Mensch brauche in seinem Gehirn nur das sprießende, sprossende Leben zu läutern, und die Fortsetzung der Lebensvorgänge verfeinere, verwandle sich da, und das bedeute Denken. Das Gehirn, wo es bloße Fortsetzung der Verdauungsvorgänge darstellen würde, würde nur dumpfes, pflanzenhaftes inneres Erleben haben. Nur indem abgebaut wird, indem das Gehirn fortwährend zerfällt, sozusagen durchlöchert wird von den physischen Vorgängen, tritt das Geistige in das Gehirn ein. Das Geistige findet eben auf dem Wege des Abbaues seine Bahn, um schaffend in das Physische einzugreifen. Und es werden die Abbauprozesse nun aufgenommen vom Physischen. Wir sehen, daß in das Wachstum ein Zurückhalten, ein Hemmen des Wachstums hineingebaut wird.

Es ist, ich möchte sagen, eine unglaublich interessante Erscheinung, das im einzelnen zu beobachten. Wenn man zum Beispiel den geistigen Blick hinwendet auf eine solche Erscheinung wie diese, so kann man sehen, wie da in einem elenden Dorfe heruntersteigt die Fichtesche Individualität in den irdischen Leib, wie sie sich hineinverkörpert in den physischen Leib, man sieht da, wie der Knabe heranwächst, man sieht, wie sich Stück für Stück in sein Wachstum hineinmischen Hemmungen des Wachstums, etwas zu stark gegenüber dem Normalen; es ist nicht viel, es ist außerordentlich wenig, aber es ist so. Da wächst dieser Knabe Fichte heran, wird immer größer und größer, aber er könnte schneller wachsen, wenn nicht fortwährend etwas ganz Winziges dieses Wachstum zurückhielte. In diesem Zurückhalten des Wachstums Fichtes - bei ihm war es so, daß er auf Lebenszeit klein blieb -, da entwickelte sich eben diese besondere Art seiner philosophischen Anlage. Da tritt das Geistige in Wirksamkeit innerhalb des Physischen. So daß man in dem Abbau etwas sehen muß, was einen nicht nur antipathisch berührt, sondern etwas, was einen sympathisch berührt, worüber man sich tröstet, etwas, was durchaus mit Liebe betrachtet werden kann, weil außer dem wachsenden, sprossenden Leben auch das da sein muß, was Hemmungen darstellt.

Wenn man nun gewahr wird, wie diese Angeloi-, Archangeloi-, Archai-Welt eigentlich die Leiblichkeit des göttlichen Geistes ist und man da dieses Weben und Leben und Treiben und Tun und Arbeiten von Angeloi, Archangeloi und Archai schaut, wie da die Welt gewoben wird, wie der einzelne Mensch versorgt wird in seinem Seelischen von seinem Angelos, wie verschiedene Menschengruppen von den Archangeloi und Weltenströme des Geschehens von Zeitalter zu Zeitalter weitergeschoben werden durch die Archai, wenn man dieses ganze Weben dieses wunderbaren Gewandes, das da gewoben wird - das so schön ausgedrückt ist in der Proserpina-Sage, der Persephone-Sage Griechenlands -, wenn man dieses ganze Gewand der Welt nimmt, dann flutet darinnen wie das rote Blut im Körper die göttliche Liebe. Aber es gestaltet sich als notwendige Beigabe die Strömung des göttlichen Zornes, der sich immer aus alle dem bildet, was Hemmungen im Weltgeschehen sind, bewirkt durch wirklich moralisch empfindende Wesenheiten, die sich erst mit ihrem Moralischen mit dem Weltengange in Einklang setzen müssen, und wir sehen gewissermaßen in der göttlichen Liebe die göttliche Leiblichkeit in ihrem Sprießen und Sprossen, wir sehen in dem Zusammenhang mit den schwachen Geschöpfen, die aber doch die Wege kennzeichnen, in denen die Götter die Welt leiten wollen, wir sehen in dem, was von schwachen Geschöpfen ausgeht: Diesen Geistleib des göttlichen Geistes durchsetzt etwas wie die Absonderungsprodukte im menschlichen physischen Leibe; dasjenige, was sich im Menschen absondert in Drüsen, sondert sich da ab. Es erscheinen die Absonderungszentren wie die göttlichen Zornesschalen, die eingewoben sind in den Weltengang. Wir erkennen den Zusammenhang gerade innerhalb dieser drei Welten zwischen göttlicher Liebe und göttlichem Zorn, und wir bekommen innerlich die Ehrfurcht gebietende Vorstellung: Ja, was geschieht denn, indem die Zornesschalen sich ausgießen? Da denken die göttlich-geistigen Wesenheiten, wie sie unter den angeregten Untaten der schwachen Geschöpfe, wie sie gegen die Hemmungen den fortlaufenden Weltengang weiterbringen, und wie sie diese Hemmungen umformen in Vehikel des vorwärtsdringenden, geist-erfüllten Geschehens, damit der Mensch in seinem Abbauwesen die Möglichkeit ergreift, nicht bloß physisch vegetierend, sondern geistig-seelisch im Leibe vorzudringen. Das alles stellt der Apokalyptiker ganz den Wegen der Initiation gemäß vor. Es ist ein großartiges Hineinleben in den Weltengang durch die Apokalypse, bis in die konkreten physischen Ereignisse hinein, wie wir gestern und schon vorher gesehen haben. Es ist zu gleicher Zeit ein grandioses Hineinleben in die Wege der Einweihung, der Initiation.

Wenn man so die Apokalypse betrachtet, dann wird sie erst etwas, was uns in gewisser Beziehung sehend macht für den Weltengang, so daß wir hineinschauen in dasjenige, was wir von der Zukunft brauchen und es in unsere Vorstellungen aufnehmen können. Sie wird aber weiter auch ein Meditationsbuch; sie ist in einer wunderbaren Weise als Meditationsbuch zu gebrauchen, sie ist in dieser Beziehung ganz großartig. Wenn Sie in der Apokalypse an eine Stelle kommen, die Ihnen zunächst für das Vorstellen, für das Erfassen etwas Paradoxes bietet, so hören Sie ja auf zu denken und beginnen Sie zu meditieren, denn das ist immer auch eine Stelle, wo Sie spiritueller werden können, indem Sie das, was Sie intellektuell nicht mehr erfassen können, innerlich aufnehmen und verarbeiten. Wenn also zum Beispiel ein Satz auftritt, wo vom Erscheinen einer bösen Drüse die Rede ist (Apk. 16, 2), dann sagt natürlich der Intellektualist: Drüsen können nur bei Menschen und Tieren sein. Was soll das? Das ist so ein poetisches Bild. - Man geht rasch darüber hinweg. Aber es ist nicht so. Der Apokalyptiker gebraucht das Wort Drüse, weil er weiß, daß das Reale im Mikrokosmos auch die Berechtigung hat, vorgestellt zu werden im Makrokosmos. Sie werden schon darauf kommen, wie das Drüsenhafte, das mit den Absonderungen zu tun hat, hinüberführt zu den Funktionen des göttlichen Zornes. So führen gerade die scheinbaren Paradoxa der Apokalypse dazu, das, was der heutige Mensch ja so gewöhnt ist, das bloß intellektuelle Verlaufen seines Seelenlebens, übergehen zu lassen in spirituelles Verlaufen.

Und da kommen wir an den Punkt, wo es so notwendig ist, gerade bei priesterlichem Wirken, die Dinge klar und richtig zutreffend zu sehen. Die Menschen fühlen, daß das heutige Zeitalter die Seele ganz verintellektualisiert, deshalb bilden sich diese Reaktionen: sie möchten auch Gemüt und Gefühl haben, sie ersehnen es auf allen Gebieten. Sehen Sie nur, wie die religiösen Bekenntnisse aufmucken gegenüber dem allgemeinen Intellektualismus. Sie wollen nicht mehr in intellektuellen Formen die Heilswahrheiten gepredigt haben, sie wollen sie aus dem Gefühl, aus dem Irrationalen heraus gestaltet haben. Es liegt dem gewiß eine berechtigte Sehnsucht zugrunde, aber wenn es nur in diesen Bahnen verläuft, führt es eben doch dazu, mit dem bloßen Fühlenwollen des religiösen Inhaltes das Religiöse überhaupt zu verlieren.

So ist es auch in der Pädagogik, die ja einen ganz merkwürdigen Gang durchgemacht hat, den die Priesterschaft wohl beachten sollte. Die Pädagogik ist ja von dem Instinktleben ausgegangen, sie hat am besten da gewirkt, wo man überhaupt nicht pädagogisch gedacht hat, sondern dasjenige gemacht hat, was der Instinkt eingegeben hat. Man hat in alter Zeit nicht Pädagogik getrieben, sondern gemacht, was der Instinkt eingegeben hat. Erst seit man das instinktive Erziehen verlernt hat, redet man viel von Pädagogik, und unser vieles Reden davon ist das Zeugnis, daß wir die schlechtesten Pädagogen der ganzen Entwicklung sind. Die Menschen fangen dann an, am meisten von einer Sache zu reden, wenn sie sie nicht mehr haben. So fing man auch an, über die Transsubstantiation zu reden, als man sie und ihr Geheimnis nicht mehr verstand. Wenn man die oft vorzüglichen intellektuellen Diskussionsinhalte einer Zeitströmung ins Auge fassen will, muß man bei dem, was sich da ausdrückt, fragen: Was fehlt eigentlichen diesen Menschen? In der Zeit, in der die Arbeiterfrage besonders stark diskutiert wurde, bedeutete diese Diskussion, daß man möglichst wenig von dieser Frage verstand in Wirklichkeit. Das geht natürlich viel weiter in der Zeit, in der in die Menschheit die Schrift gekommen ist und immer mehr ihr Gebrauch sich umgewandelt hat in den Druck. Es war das Zeitalter, in dem die Menschen immer weniger die göttliche Schrift verstanden, die aus Sternen, Sonne und Wind spricht.

Als die Teilnehmer der alten Artusrunde noch lesen konnten im aufsprudelnden Meer, im an die Felsen des Landes heranspritzenden Wogengetriebe, im Vermischen desjenigen, was in den aufsprühenden Wogen sich verbindet mit den lichtgesättigten Luftwellen, in dieser Zeit, in der das alles abgelesen werden konnte wie eine deutliche Schrift, war nicht das geringste Bedürfnis da, irgendeine fixierbare Schrift zu Hilfe zu nehmen. Es ist im Grunde genommen so, daß man überall von dem Glanze des Sichtbaren auf das Abglimmen des Unsichtbaren, des Spirituellen schließen muß, um dann, wenn in der Zeit das Spirituelle besonders an die Oberfläche tritt, wahrzunehmen, wie die sinnlich-physische äußere Symbolik zurücktritt.

Das ist es, was uns eben darauf aufmerksam macht, daß wir nicht mit einer Verleugnung des Intellektualismus reagieren sollen, mit einem dunklen, nebulosen Gemütsleben, sondern daß wir dieses Gemütsleben dadurch erhöhen, wenn wir das Intellektuelle immer mehr in die Metamorphose des Spirituellen einlaufen lassen. Dann werden wir finden, daß sich unser Gemütsleben mit dem Geistgehalt der Offenbarungen, die objektiv sind, nicht mehr subjektiv, wirklich veredeln kann.




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