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Highlight Words

Die soziale Frage

Schmidt-Nummer: S-3664

Online seit: 15th November, 2017

DAS SOZIALE WOLLEN

ALS GRUNDLAGE EINER NEUEN

WISSENSCHAFTSORDNUNG

 

Vortrag vor der Zürcher Studentenschaft, SSV

Zürich, 25. Februar 1919

Als Thema für den heutigen Abend ist gewünscht worden «Das soziale Wollen als Grundlage einer neuen Wissenschaftsordnung». Ich weiß nicht, aus welchen Motiven heraus gerade dieses Thema gestellt worden ist, aber als seine Forderung zu mir gelangte, fand ich es außerordentlich glücklich, denn es schlägt in der Tat denjenigen Ton an, der mir notwendig dünkt gerade gegenüber den Tatsachen, welche die soziale Bewegung in die Gegenwart hereingetragen hat, und die ja wahrhaftig eine viel deutlichere Sprache sprechen als alles dasjenige, was vorbereitend diskutiert, verhandelt worden ist über die soziale Frage im Laufe der letzten Jahrzehnte.

Man kann durch lange Zeiten verfolgen diese Entwickelung der sozialen Bewegung in der neueren Zeit, der Gegenwart, und man konnte gerade gegenüber dem sozialen Wollen, das sich immer mehr und mehr nach der einen oder nach der anderen Seite in diesen sozialen oder anderen Wollungen aussprach, bemerken, daß sich etwas hereingeflüchtet, hereingeschlichen hat in dieses soziale Wollen, in die soziale Gesinnung der neueren Zeit, das einem erscheinen kann wie eine Umhüllung eines auf einem ganz anderen Gebiete herrschenden Aberglaubens älterer mittelalterlicher Zeiten, eines Aberglaubens, der einem wiederum vor Augen tritt, wenn man sich vertieft in den zweiten Teil von Goethes «Faust» und dort auf die Szene stößt, wo Goethe seinen Wagner den Homunkulus bereiten läßt, das Menschlein, das auf dem Wege sein möchte, aus einem Homunkulus ein Mensch zu werden. Es beruht der Aberglaube des Mittelalters auch nach der Meinung Goethes darauf, daß man damals aus dem, was nur der theoretische, nur die äußeren Tatsachen nüchtern und trocken zusammenstellende, zusammenfassende menschliche Verstand, der Wesenhaftes ausdenken kann, daß man nach diesem Ausgedachten etwas wirklich Lebendiges formen wollte. Die Unmöglichkeit, aus den Abstraktionen, die abgezogen sind vom äußeren Leben, etwas Lebendiges selbst zu formen, die trat Goethe ganz besonders vor Augen. Dieses Mittelalter aber beherrscht ja nicht gerade das heutige Denken selbst, aber es scheint mir in all den Impulsen, in den Instinkten unserer Zeitgenossen, vieler unserer Zeitgenossen, die sich soziales Wollen zusprechen möchten, eine Metamorphose, möchte ich sagen, manchen Aberglaubens zu herrschen. Man beobachtet die Entwickelung des sozialen Lebens, wie es sich im Laufe der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart herein ergeben hat, man denkt sich aus gewisse Prinzipien, gewisse Grundsätze, nach denen verfahren werden soll, oder, wie man auf manchen Seiten hört, die sich selber verwirklichen wollen, und dann meint man dadurch, mit abstrakten Prinzipien, nach denen der Homunkulus geformt werden sollte, auch das formen zu können, was man den sozialen Organismus nennen kann.

Nach diesem sozialen Organismus nämlich strebt eigentlich, ich darf sagen, das Unbewußte der modernen Menschheit hin. Man braucht sich nur das Folgende klarzumachen, um das zu verstehen. Das soziale Leben der Menschheit ist ja selbstverständlich als solches nichts Neues, es tritt nur in einer anderen Erscheinung in der neueren Zeit auf. Die soziale Struktur des gesellschaftlichen Organismus wurde bis eigentlich in die neuere Zeit herauf aus menschlichen Instinkten, aus dem Unterbewußten der menschlichen Impulse heraus bestimmt. Und das ist das Bedeutsame in den heraufkommenden Kräften der neueren Zeit, daß die Menschheit nicht mehr stehenbleiben kann bei einem bloß instinktiven Wollen, daß sie einfach, durch die Natur der Entwickelung herausgefordert, zu einem bewußten Wollen gerade mit Bezug auf die Gestaltung der sozialen Struktur sich ausrüsten muß. Will man sich aber mit einem bewußten Wollen ausrüsten, so braucht man diesem Wollen zugrundeliegende, wirklichkeitstragende Gedanken, nicht bloß Gedanken, die ganz aus der Wirklichkeit abstrahiert sind, sondern Gedanken, die das eigene Wollen verwandt machen mit den Kräften, die im Naturgeschehen, die im Weltenwalten selber drinnen sind. Man muß gewissermaßen mit seinem eigenen Wollen verwandt werden mit den Schöpferkräften des natürlichen Daseins.

Das ist etwas, was aber weite Kreise der Menschheit erst noch lernen müssen. Sie müssen daran denken lernen, daß man eigentlich so gar nicht verfahren kann, daß man sich denkt: Was soll geschehen, um aus einer sozialen Struktur, die aus einem von vielen als unerträglich empfundenen Leben heraus kommen soll, eine mögliche soziale Struktur hinzustellen. Man kann gar nicht so verfahren. Man kann nichts ausdenken, was gewissermaßen die sozialen Krankheiten sind. Man kann nur seine besten Bestrebungen darauf richten, aus dem Menschen selbst zu finden, wie die in der Gesellschaft zusammenlebenden Menschen ihre gegenseitigen Verhältnisse in gegenseitige Harmonien bringen müssen, um in diesem Wechselleben das zu entfalten, was notwendig ist, um die soziale Struktur herbeizuführen.

Da hat sich mir, wie ich glaube, aus langjährigen Studien der sozialen Frage ergeben, daß man diese Grundfrage, die man gerade durch das abstrakte Denken heute als eine einheitliche betrachtet, daß man diese soziale Frage in drei Gliedern sehen muß, dreigliederig sehen muß, und zwar sehen muß erstens als eine Geistesfrage, zweitens als eine Rechtsfrage und drittens als eine Wirtschaftsfrage. Dasjenige, was im modernen kapitalistischen Wirtschaftsleben heraufgekommen ist, heraufgekommen ist auf Grundlage des Technischen, das sich ausgebildet hat in der neueren Zeit, das hat, wie hypnotisiert, den menschlichen Blick einzig und allein auf dieses Wirtschaftsleben hingelenkt, hat die Aufmerksamkeit ganz davon abgezogen, daß die soziale Frage neben einer Wirtschaftsfrage vor allen Dingen auch eine Geistesfrage ist und eine Rechtsfrage.

Ich werde mir erlauben, zuerst die Geistesfrage zu behandeln, nicht aus dem Grunde, weil vielleicht, wie einige glauben, die Betrachtung des geistigen Lebens mir subjektiv besonders nahe liegt, sondern weil ich allerdings der Meinung bin, daß, wenn auch gerade proletarisch denkende Menschen der heutigen Zeit es ablehnen, im Geistigen etwas zu sehen, was zur Lösung der sozialen Frage etwas beitragen kann, gerade für den wirklichkeitsgemäßen Betrachter dieser sozialen Frage sich das Geistige an erste Stelle stellen muß. Da muß man, um das einzusehen, die Seele des von der modernen sozialen Bewegung berührten Menschen in ihrer wahren Gestalt betrachten. Man muß versuchen zu erkennen, was eigentlich gerade in den sozialistisch orientierten Kreisen an Willensimpulsen lebt. Man muß vor allen Dingen ergründen, woher diese Willensimpulse gekommen sind.

Sehen Sie, als mit Technik und Kapitalismus das neuere Menschheitsleben heraufzog, da gliederte sich immer mehr und mehr der herrschende Teil der Menschheit, die sogenannte herrschende Klasse, von dem ab, was sich in den verschiedensten Gebieten als das Proletariertum herausbildete. Zwischen dem proletarischen Wollen und dem nichtproletarischen Leben herrscht ja heute, das wird der Einsichtige nicht leugnen, eine Kluft, die kaum zu überbrücken ist, wenn man nicht wenigstens den Versuch macht, nicht nur mit den alten Gedanken und alten Willensimpulsen in der sozialen Bewegung tätig zu sein, sondern mit neuen Gedanken und Willensimpulsen. Es hat sich ja im Laufe der Zeit immer mehr und mehr herausgebildet innerhalb des Proletariertums selbst der Glaube — und man kann, so wie die Verhältnisse liegen, diesen Glauben durchaus nicht als einen irgendwie unbegründeten ansehen — , es hat sich der Glaube herausgebildet, daß die sozial benachteiligte Klasse von den sozial bis jetzt herrschenden Klassen nichts zu hoffen habe, wenn sie auf deren guten Willen, deren Ideen und so weiter bauen. Es hat sich, wenn ich so sagen darf, ein tiefes Mißtrauen eingeschlichen zwischen den einzelnen Menschenklassen. Und dieses Mißtrauen hat sich ergeben aus Untergründen, die bisher gar nicht in das Bewußtsein der Menschheit recht hinaufspielen, die im Unterbewußten noch immer vorhanden sind. Es hat sich daraus ergeben, daß die arbeitende Klasse dem Bürgertum, namentlich im Anfange der neueren Zeit, ein letztes großes Vertrauen entgegengebracht hat, und daß sie, nicht in ihrer Überzeugung, aber in ihrem Gefühl von diesem letzten großen Vertrauen getäuscht worden ist. Sehen Sie, man redet heute von proletarischer Weltanschauung. Viele, auch führende Persönlichkeiten, die glauben das proletarische Wollen in ihrem Denken zum Ausdruck zu bringen, die wissen eigentlich nicht, welches der Ursprung ihres ganzen Denkens und Wollens ist. Was an Forderungen, die aus dem Leben selbst kommen, heute in der sozialen Bewegung lebt, das steht eigentlich in einem merkwürdigen Kontraste mit dem, was über diese Forderung, über diese sozialen Lebensimpulse sogar vom Proletariat selbst gedacht wird.

Wenn ich kurz ausdrücken soll, was ich auf diesem Gebiete meine, so muß ich sagen: Es ist proletarische, es ist soziale Kultur also entstanden; aber innerhalb des proletarischen Fühlens, innerhalb der sozialen Kultur und des Lebens herrscht ein Erbgut gerade aus denjenigen Anschauungen und Lebensauffassungen heraus, die sich in dem entscheidenden Augenblicke ihrer geschichtlichen Entwickelung gerade im Bürgertum ergeben haben.

Diesen entscheidenden Augenblick der neueren geschichtlichen Entwickelung muß der Betrachter dieser Entwickelung doch darinnen sehen, daß sich die neuere wissenschaftliche Denkungsweise entwickelt hat — ich bitte zu beachten, daß ich nicht sage: die Naturwissenschaft, sondern die neuere naturwissenschaftliche Denkungsweise — in einer solchen Art aus alten geistigen Impulsen heraus, daß diese Wissenschaftliche Denkungsart nicht dieselbe Stoßkraft, dieselbe geistige Stoßkraft mitbekommen hat, welche die alten Weltanschauungen hatten.

Die alten Weltanschauungen wurzelten in breiteren menschlichen Impulsen als die moderne wissenschaftliche Denkungsweise. Diese alten Weltanschauungen waren imstande, Impulse in die menschliche Seele hineinzusenden, durch die der Mensch empfindungs- und gefühlsmäßig sich die ihn immer so berührende Frage beantworten konnte: Was bin ich eigentlich als Mensch in der Welt? — Solche Stoßkraft in das Seelenleben hinein ist der neueren wissenschaftlichen Denkungsweise nicht gegeben. Selbstverständlich, aus einer geschichtlichen Notwendigkeit heraus, die aber deshalb nicht minder ein geschichtliches Verhängnis ist, haben sich die alten Weltanschauungen im entscheidenden Augenblick feindlich gestellt der neueren wissenschaftlichen Denkungsweise gegenüber, statt in sie hineinfließen zu lassen in voller Freundschaft mit ihr, was sie für das geistige Leben des Menschen für seine Seele Tragendes hatte. Und so kam folgender Tatbestand.

Die Maschine, die kapitalistische Wirtschaftsordnung, riß eine Anzahl von Menschen aus dem bisherigen Lebenszusammenhang heraus, aus diesem Lebenszusammenhang, in dem diese Menschen bisher gestanden hatten, aus ganz anderen Lebensverhältnissen für ihr Menschheitsempfinden, für die Empfindung ihrer Menschenwürde. Es war ein Zusammenhang zwischen dem, was der Mensch ist und tut. Denken Sie nur einmal an den Zusammenhang, der im alten Handwerk bis zum 13. Jahrhundert ganz deutlich bestand und später auch noch in Resten bestand! Aus diesem Zusammenhange heraus ist eine große Gruppe von Menschen an die Maschine geworfen, in die moderne Wirtschaftsordnung hineingeworfen. Da gibt es kein irgendwie geartetes Verhältnis zu den Produktionsmitteln; da gibt es keine Möglichkeit, irgendeine Wirkung herzustellen zwischen dem Menschen und dem, was er eigentlich tut. Und so ist gerade jene Seite im Menschen, die der moderne Proletarier im Maschinenzeitalter nicht entwickelt, darauf angewiesen, zu fragen: Was bin ich als Mensch wert? Was bin ich als Mensch wert?

Diese Frage ist nicht mehr aus überkommenen, wertlos gewordenen Lebenszusammenhängen heraus zu beantworten, sondern sie ist aus dem eigenen Inneren heraus zu holen, aus demjenigen, was unabhängig ist von den äußeren Lebenszusammenhängen. Und da ergab sich nichts anderes für diese Menschenklasse, als dasjenige, was mit dem Maschinenzeitalter, mit der Wirtschaftsordnung in welthistorischer Gleichzeitigkeit heraufkam: es ergab sich die moderne wissenschaftliche Denkungsweise.

Die alten Klassen waren nicht genötigt, diese wissenschaftliche Denkungsweise zu ihrem Glauben, zu ihrer Lebensauffassung zu machen; sie brauchten sie bloß zu ihrer theoretischen Überzeugung zu machen. Denn dasjenige, was sie ins Leben hineinstellte, das war etwas Überliefertes, das waren Impulse, die aus anderen Zeiten herrührten und die sie erbten aus älteren Zeiten. Der Proletarier allein war es, der aus allem herausgerissen war, der daher auch nicht sich bekennen konnte zu irgendwelcher Lebensauffassung, die mit den alten Lebenszusammenhängen verbunden war, und der gerade durch sein ganzes äußerliches Dasein prädestiniert war, das Neue, das heraufkam, zu seinem Seeleninhalt zu machen. So ist er, so paradox es klingt, so unglaublich es für viele ausschaut, so ist er gerade, dieser Proletarier, der eigentliche, bloß wissenschaftlich orientierte Mensch.

Um die ganze Tragweite dieser Tatsache zu würdigen, muß man nicht nur gelernt haben über die Proletarierbewegung zu denken, man muß durch sein Schicksal in die Möglichkeit versetzt gewesen sein, mit dem Proletarier zu denken, namentlich mit solchen Menschen aus der Proletarierklasse zu denken, die von der oder jener Seite her gerade zu Trägern wurden der proletarischen Bewegung. Da konnte man das Folgende ganz deutlich fühlen, wie es sich heute aus älteren Zeiten gerade ausbreitet in die unmittelbare soziale Gegenwart.

Nicht wahr, Sie können sagen: Ja, die wissenschaftliche Denkungsweise haben doch bürgerliche Kreise in ausgiebigem Maße angenommen. — Aber nehmen Sie selbst intelligente bürgerliche Kreise, denken Sie an solche Menschen, die ganz und gar in ihrem Denken, in ihren Überzeugungen wissenschaftlich orientiert sind: mit ihrem Fühlen, mit ihrer ganzen Lebensempfindung stehen sie doch in Zusammenhängen drinnen, die nicht ganz und gar bestimmt sind durch die Wissenschaftliche Orientierung. Man kann materialistischer Denker der modernen Zeit sein, kann sich aufgeklärt nennen, kann Atheistsein, kann das wirklieh als seine ehrliche Überzeugung bekennen, aber man braucht durchaus nicht sich loszusagen von allen empfindungsgemäßen Resten der alten Lebenszusammenhänge, die doch nicht aus dieser Wissenschaftlichen Orientierung heraus entstanden sind, sondern die entstanden sind in Zeiten, in denen noch geistige Impulse die vorhin skizzierte Stoßkraft hatten.

Ganz anders wirkte die rein wissenschaftliche Orientierung. Ich sage nicht, die Wissenschaften, denn selbstverständlich wirkte diese wissenschaftliche Orientierung auf ganz ungelehrte Proletarier, ungebildete Proletarier; aber ganz anders wirkte sie eben da, wo sie als Lebensanschauung über das Proletariat hingetragen worden ist.

Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel klarmachen. Ich stand vor vielen Jahren gemeinsam an einem Vortragstisch mit der ja jetzt in so tragischer Weise untergegangenen Rosa Luxemburg; sie sprach über das Thema: «Die Wissenschaft und die Arbeiter.» Ich muß immer wieder und wiederum denken, wie sie zündend für eine große Versammlung darauf hinwies, daß eigentlich alle Vorurteile, die mit Bezug auf menschliehe soziale Stellung, menschliche Rangordnung in den alten herrsehenden Klassen sind, zusammenhängen mit den Vorstellungen, die alte geistige Weltanschauungen in sich getragen haben. Dem modernen Proletarier, meinte sie, komme es einzig und allein zu, darauf zu hören, wie der Mensch nicht einen engelhaften, göttlichen Ursprung genommen hat, sondern wie er einstmals ganz unanständig auf Bäumen herumgeklettert sein soll, aus tierischen Untergründen herauf sich entwickelt hat, aus Untergründen, die wahrhaftig, wenn sie in ihrer Entwickelung verfolgt werden, die Überzeugung begründen müssen: Mensch ist gleich Mensch. Und alle früheren Rangunterschiede rühren von irgendwelchen Vorurteilen her. — Man muß da nicht auf die Formulierung sehen, sondern auf die Stoßkraft muß man sehen, wie solche Worte auf die proletarisch gesinnten Seelen wirken.

Hinsehen rein auf den Begriff, habe ich eigentlich gemeint, wenn ich sage: Der Proletarier ist in der neueren Zeit in seiner ganzen Weltanschauung «wissenschaftlich» orientiert. Und diese wissenschaftliche Orientierung füllte seine Seele nicht so aus, daß er in der wünschenswerten Weise empfindungsgemäß, wie er es brauchte, die Frage beantworten konnte: Was bin ich eigentlich in der Welt als Mensch?

Und woher hat der Proletarier diese Weltanschauung bekommen? Woher rührte diese wissenschaftliche Orientierung, die er manchmal in ganz unrichtiger Weise aufzunehmen hat? Sie ist doch eine Wissenschaft. Die hat er genommen aus dem alten Erbgut der bürgerlichen Menschenklasse. Sie ist entstanden aus alter Weltanschauung heraus innerhalb der bürgerlichen Menschenklasse beim Übergange in das neuere Maschinen- und kapitalistische Zeitalter, als da Maschine und Kapitalismus die Menschen überwältigt hat.

Das nächste, was man so oftmals mit der entsprechenden Färbung betonen hört, ist: Innerhalb des Proletariats ist das menschliche Geistesleben zu dem geworden, was als Ideologie empfunden wird. Das hören Sie am alleröftersten, wenn die Untergründe der proletarischen Weltanschauung auseinandergesetzt werden: daß Kunst, Religion, Wissenschaft, Sitte, Recht und so weiter ideologische Spiegelbilder der äußeren materiellen Wirklichkeit sind.

Aber diese Empfindung, daß das alles so ist, daß das geistige Leben ein ideologisches ist, die ist nicht entstanden innerhalb des Proletariats, die hat der Proletarier empfangen als Mitgift vom Bürgertum. Und das letzte Vertrauen, das letzte große Vertrauen, das das Proletariat entgegengebracht hat dem Bürgertum, das bestand darinnen, daß es Nahrung übernommen hat, geistige Nahrung für seine Seele. Es konnte ja, da es entblößt war des Geisteslebens, als es gerufen wurde aus älterem Zusammenhang zur Maschine und hineingestellt wurde in die soziale Struktur, es konnte nur hinaufschauen zu dem, was sich entwickelt hatte als Wissen über den Menschen, über die Welt; es konnte nur hinaufschauen zu dem, was sich aus dem Bürgertum ergeben hat: es übernahm gläubig, dogmatisch, möchte ich sagen, es übernahm Ideologie von dem Bürgertum. In die Überzeugung ist es noch nicht hineingegangen, aber in die Empfindung als die Enttäuschung, die das bieten muß, wenn man das Geistige nicht ansehen kann als etwas, was eine in sich selbst begründete höhere Wirklichkeit enthält, sondern wenn man es ansehen muß nur als Ideologie. In den unterbewußten Empfindungen lebt es bei einer großen Anzahl der Träger der sozialen Bewegung, wird noch nicht gewußt, wird aber deutlich empfunden: Wir haben ein großes Vertrauen entgegengebracht dem Bürgertum; wir haben ein Erbgut angetreten, das uns Seelenheil, das uns tragende Kräfte hätte bringen sollen. Das Bürgertum hat sie uns nicht gebracht; nur die Ideologie hat es uns gebracht, die keine Wirklichkeit enthält, die nicht das Leben tragen kann.

Man kann viel streiten, ob Ideologie wirklich das ist, was der Grundcharakter des Geisteslebens ist, oder nicht. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, daß dieses Geistesleben heute von einem großen Teile der Menschheit als Ideologie empfunden wird, und daß, wenn man das Leben als Ideologie empfindet, die Seele verödet wird, leer bleibt, die geistige Schwungkraft gelähmt wird, und das entsteht, was heute entstanden ist: Die Entblößung des sozialen Wollens von dem Glauben, daß irgendwo etwas Geistiges sich entwickeln könnte, irgendwo ein Mittelpunkt auftreten könnte, ein wirklicher Mittelpunkt, aus dem unserer Weltanschauung oder dergleichen das Heil kommen könnte, auch mit Bezug auf die wünschenswerte Gestaltung der sozialen Bewegung. Ich möchte sagen, als ein Negatives ist das Geistesleben hineingetragen in die Entwickelung der modernen proletarischen Menschheit vor allen Dingen; und ein Positives fordern die Sehnsüchte dieser Menschheit. Ein Seelentragendes fordern sie, und ein die Seele Verzehrendes ist ihnen als Erbgut gegeben worden.

Das ist etwas, was so weht und still rinnt durch unsere ganze gegenwärtige soziale Bewegung, was man nicht mit Begriffen erfaßt, was aber die Gestaltung des einen der Glieder — wir werden drei kennenlernen — der sozialen Bewegung, der gegenwärtigen sozialen Bewegung ausmacht. Und sobald man einsieht, daß dies so ist, dann frägt man sich auch sachgemäß: Woher ist es gekommen und wie kann ihm abgeholfen werden? Statt daß das Wollen weiterhin gelähmt ist, dieses soziale Wollen, wie kann es befeuert werden, wie kann es durchkraftet werden? Diese Frage muß man sich vorlegen.

Nun trat ein Ereignis ein, als das moderne Geistesleben an den entscheidenden Punkt kam, den ich schon angedeutet habe. Die herrschenden Klassen von damals, die waren durch ihre ganzen Lebensverhältnisse mit dem verbunden, was wir heute Staat nennen. Es ist von einzelnen Menschen oftmals betont worden — ich kann das alles heute der Kürze der Zeit wegen nicht anführen, inwiefern es richtig ist es ist oft betont worden, daß der moderne Mensch glaube, das, was er heute Staat nennt, hätte eigentlich so immer bestanden. Das ist aber durchaus nicht richtig. Das, was wir heute Staat nennen, was zum Beispiel im Hegeltum geradezu wie der Ausdruck des Göttlichen selbst erscheint, das ist im Grunde nur ein Produkt des Denkens der letzten vier bis fünf Jahrhunderte. Die sozialen Organismen früherer Zeiten waren ganz anders.

Nehmen Sie nur eine einzige Tatsache, nehmen Sie die jüngst noch aufgetretene Tatsache, daß sich aus den freien Lehranstalten, freien höheren Lehranstalten früherer Zeiten, die ganz auf sich selbst gebaut waren gegenüber dem Staate, lauter Staatsanstalten herausgebildet haben, daß gewissermaßen der Staat zum Verwahrer des Geistesgutes der Menschheit geworden ist. Daß er das geworden ist, das ist ein bürgerliches Interesse im Beginne der neueren Zeit. Der Staat war es, der dem Bürger an die Seele heranwuchs, dem er mit all seinen Bedürfnissen verbunden war. Und aus diesem Impuls heraus erwuchs das Verhältnis, das neuere Verhältnis zwischen dem Geistesgut der Menschheit und zwischen dem Staate, erwuchs das, daß dieser Staat Verwahrer dieses Geistesgutes der Menschheit wurde, und daß er verlangte von denjenigen, die zu diesem Verwahrer kommen sollten, daß sie ihr Leben für ihn eigentlich einrichteten.

Wenn man etwas tiefer hineinblickt in das innere Gefüge des menschlichen Geistesgutes, dann kommt man darauf, daß nicht etwa bloß die äußere Verwaltung dieses Geistesgutes, die Gesetzgebung über Universitäten staatlich geworden ist, über Schulen, Volksschulen staatlich geworden ist, sondern staatlich ist auch der Inhalt dieses Geistesgutes geworden.

Gewiß, die Mathematik trägt nicht einen staatlichen Charakter; aber andere Zweige unseres Geistesgutes haben ihr Gepräge, haben das Zusammenwachsen dieses Geistesgutes mit staatlichen Interessen in der neueren Zeit erhalten. Und dieses Zusammenwachsen ist nicht ohne Anteil an dem Werden zur Ideologie von Seiten des Geistesgutes. Dieses Geistesgut kann nur seine eigene innere Wirklichkeit recht bewahren, in sich tragen, wenn es sich selbst, unter seine eigenen Kräfte gestellt, verwalten kann, wenn es aus seiner unmittelbaren Initiative heraus dem Staat gibt, was des Staates ist, wenn es aber vom Staate nicht die Forderungen zu empfangen hat.

Gewiß, es wird heute noch viele geben, die in dem, was ich eben ausgesprochen habe, keine fundamentale soziale Tatsache sehen. Man wird aber sehen, daß erst dann wiederum der in der Wirklichkeit waltende Geist der Menschheit das Rechte geben kann, wenn dieser Geist von der äußeren staatlichen Organisation getrennt, auf sich selbst gestellt ist. Ich weiß, was man für Einwände dagegen machen kann, aber darauf kommt es nicht an; sondern allein darauf kommt es an, daß der Geist, um recht gedeihen zu können, fordert, daß er immerfort hervorgehen kann aus der unmittelbaren freien Initiative der menschlichen Persönlichkeit.

So kommt man auf die wahre Gestalt des einen Gliedes der modernen sozialen Frage heran, daß man das geistige Leben recht betrachtet und die Notwendigkeit einsieht, daß dasjenige, was in die Struktur des Staates hineinstößt, allmählich aus diesem Staat wiederum herausgebracht wird, so daß es seine eigene innere Tragkraft entfalten kann und dann wiederum zurückwirken kann, gerade weil es befreit ist, weil es sich selbständig neben den anderen Gliedern der sozialen Struktur entwikkelt, und gerade dadurch richtig auf diese soziale Struktur wirken kann. Soll man über das Praktische in diesem ersten Gliede der sozialen Fragen reden, so muß man sagen: Die Tendenz der Entwickelung muß auf Entstaatlichung des geistigen Lebens im weitesten Umfange gehen. Und sogar ein Glied dieses geistigen Lebens muß entstaatlicht werden, demgegenüber es heute wahrscheinlich höchst paradox erscheint, daß man so über dasselbe reden kann: das Verhältnis, in das eine richtende Persönlichkeit eintritt zu den Menschen, die mit dem Strafgesetz oder irgendwie mit dem Privatrecht zu tun haben, das ist ein so menschliches — man hat in gewissen psychologisch orientierten Kreisen heute das auch eingesehen, aber die Sache von einer ganz verkehrten Seite angefaßt ein so persönliches, daß das Richten unmittelbar auch zu demjenigen gehört, was zum Internen des Geisteslebens gerechnet werden muß. So daß ich sowohl dasjenige, was als religiöse Überzeugung in der Menschheit geltend ist, alles künstlerische Leben, aber auch alles auf Privatrecht und Strafrecht Bezügliche zu dem rechnen muß, bei dem die Tendenz sich zu entwickeln hat nach Entstaatlichung.

Warum sollte derjenige, der von radikalen Maßregeln hört, gleich an eine gewaltsame Revolution denken? Auch in sozialistischen Kreisen der neueren Zeit denkt man ja allmählich nicht daran. Ich denke mir auch nicht, daß von heute auf morgen alles entstaatlicht werden kann; aber ich denke mir, daß in das soziale Wollen der Menschheit das eingehen kann, daß die einzelnen Maßnahmen, die zu treffen sind gegenüber dem oder jenem — und daß muß ja selbst täglich da oder dort geschehen hinorientiert werden nach einem solchen allmählichen Loslösen des geistigen Lebens vom Staatlichen. Sie werden ganz konkret sich vorstellen können, was damit eigentlich gemeint ist.

Den Staat müssen wir als etwas betrachten, was dem in der neueren Zeit immer mehr und mehr sich zur herrschenden Klasse ausbildenden Bürgertum besonders an die Seele gewachsen ist. Dieses Bürgertum hat nun in diesen Staat hineingetragen nicht nur das geistige Leben, sondern auch dasjenige, was sozusagen innerhalb der neueren menschheitlichen Entwickelung wie überwältigt hat den ganzen sozialen Organismus: nämlich das wirtschaftliche Leben. Dieses wirtschaftliche Leben hineintragen in das Staatsleben hat damit begonnen, daß man gerade Verkehrsinteressen, Post, Eisenbahn und so weiter verstaatlicht hat. Daraus ist ein gewisser Aberglaube gegenüber dem Staat, gegenüber derStaatlich orientierten menschlichen Gemeinschaft entstanden. Und der letzte Rest dieses Glaubens ist der Glaube der sozialistisch orientierten Menschen: daß eigentlich das Heil nur zu sehen ist in der gemeinsamen Verwaltung des gesamten Wirtschaftslebens. Auch das ist also als ein Erbgut übernommen worden von der bürgerlichen Denk- und Anschauungsweise.

Nun ist das Geistesleben auf die eine Seite gestellt, das Wirtschaftsleben auf die andere Seite gestellt; mitten drinnen steht der Staat.

Sie können sich fragen: Was soll denn nun eigentlich dem Staat verbleiben? — denn wir werden gleich nachher sehen, daß auch das wirtschaftliche Leben die Konfundierung mit dem eigentlichen Staatsleben nicht verträgt. Wir kommen zu einer klaren Ansicht über diese Frage vielleicht dadurch, daß wir uns vor Augen halten, was eigentlich an dem sich herausbildenden modernen Staat die bürgerlichen Klassen gefunden haben. Sie haben in diesem Staat gefunden den Hort ihrer Rechte.

Blicken wir nun auf das hin, was eigentlich Rechte sind. Ich denke dabei nicht nur an das Strafrecht, ich denke dabei auch nicht an Privatrechte, insofern sie sich nicht auf das Verhältnis von Persönlichkeit zu Persönlichkeit beziehen, sondern ich denke an das öffentliche Recht. Zum öffentlichen Recht gehören zum Beispiel auch die Verhandlungen über die Besitzverhältnisse. Denn was ist schließlich Eigentum? Eigentum ist nur der Ausdruck für die Berechtigung, daß man irgend etwas als Persönlichkeit allein besitzt und bearbeiten darf. Das Eigentum wurzelte in einem Rechte. Alles dasjenige, das wir eigentlich vielfach als äußere Sache betrachten, das wurzelt in seinem Verhältnis zum Menschen in Rechten. Solche Rechte hatte sich in der neueren Zeit, die unserer modernen Staatsauffassung vorangingen, das Bürgertum und was mit ihm verwandt war, schon früher erworben; solche Rechte fand es am besten beschützt, wenn es hereinnahm alles dasjenige, was sich auf solche Rechte beziehen konnte, in das Staatsleben selbst.

Und so entstand die Tendenz, das Wirtschaftsleben immer mehr und mehr hereinzuziehen in das Staatsleben. Das Staatsleben durchdringt die Struktur des Wirtschaftslebens mit einer Summe von Rechten. Nun, diese Rechte sollen dem Staatsleben auch keineswegs in der Entwickelung der Zukunft genommen werden. Aber das soziale Wollen muß sich gerade dahin ausbilden, genau zu unterscheiden zwischen alledem, was Rechtsleben ist, was eigentliches Geistesleben ist, und was Wirtschaftsleben ist.

Die moderne soziale Bewegung macht dies ganz besonders dadurch anschaulich, daß die herrschenden Kreise etwas nicht hereingenommen haben in das Rechtsleben ihres modernen Staates. Während sie vieles aus dem Wirtschaftsleben herausgenommen haben, aus dem bloßen isolierten Wirtschaftsleben herausgenommen und in die Rechtsstruktur des Staates eingegliedert haben, haben sie eines nicht in die Rechtsstruktur des Staates eingegliedert: und das ist die Arbeitskraft des proletarischen Arbeiters. Diese Arbeitskraft des proletarischen Arbeiters ist drinnen-gelassen worden in der Zirkulation des Wirtschaftsprozesses.

Das ist es, was zutiefst eingeschlagen hat in das Gemüt des modernen Proletariers, daß ihm durch den Marxismus und seine Nachfolger klargemacht werden konnte: Es gibt immer einen Arbeitsmarkt, wie es einen Warenmarkt gibt. Und wie auf dem Warenmarkt Waren angeboten werden und nach ihnen Nachfrage ist, so bringst du deine Arbeitskraft — das einzige, was du besitzest — auf den Arbeitsmarkt, und sie gilt nur als Ware. Sie wird gekauft wie Ware; sie steht in dem modernen Wirtschaftsprozeß wie eine Ware drinnen.

Damit kommen wir auf die wahre Gestalt der zweiten modernen sozialen Forderung. Diese drückt sich darinnen aus, daß aus einem gewissen Unterbewußtsein seiner Menschenwürde heraus der moderne Proletarier es unerträglich fand, daß seine Arbeitskraft als Ware auf dem Warenmarkt gekauft und verkauft wird.

Gewiß, die Theorie der sozialistischen Denker sagt: So ist es gekommen durch die objektiven Gesetze des Wirtschaftslebens selbst; die haben die Arbeitskraft auf den Markt hingestellt eben wie andere Waren. Das ist im Bewußtsein, vielleicht im Bewußtsein des Proletariers selbst. Aber im Unterbewußtsein waltet etwas ganz anderes. Im Unterbewußtsein waltet eine Fortsetzung der alten Sklaverei, der alten Leibeigenschaftsfrage. Da sieht man in diesem Unterbewußtsein nur, daß während der Sklavenzeit der ganze Mensch als Ware auf dem Arbeitsmarkt war und als Ware gekauft und verkauft werden konnte, daß dann etwas weniger von dem Menschen in der Leibeigenschaft es war, und daß jetzt noch geblieben ist die Arbeitskraft des Arbeiters. Damit gibt er sich aber auch ganz an den Wirtschaftsprozeß hin. Das empfindet er als unmöglich, als unwürdig.

Daraus entsteht diese zweite soziale Forderung der neueren Zeit: Die Arbeitskraft zu entkleiden des Warencharakters.

Ich weiß, daß heute noch viele, sehr viele Menschen denken: Wie soll das gemacht werden? Wie soll denn anders überhaupt ein Wirtschaftsleben eingerichtet werden als dadurch, daß man die Arbeitstätigkeit, die Arbeitskraft entlohnt? — Damit aber kauft man sie schon! Aber man braucht ja auch nur dem entgegenhalten, daß schließlich auch Plato und Aristoteles durchaus es selbstverständlich fanden, es für selbstverständlich hielten, daß Sklaven da sein müssen. So muß man es schon verzeihen den modernen Denkern, daß sie es für notwendig halten, daß die Arbeitskraft zu Markte getragen werden muß.

Man kann sich nicht immer denken, was vielleicht schon in allernächster Zeit eine Wirklichkeit ist. Aber fragen muß man heute: Wodurch kann die Arbeitskraft des Charakters der Ware entkleidet werden? Das kann dadurch allein geschehen, daß sie heraufgehoben wird in das Gebiet des reinen Rechtsstaates, desjenigen Staates, aus dem ausgeschieden wird das geistige Leben auf der einen Seite, wie früher charakterisiert, und ausgeschieden wird auf der anderen Seite alles dasjenige, was im vorher charakterisierten Sinne zum Wirtschaftsprozeß gehört. Gliedern wir den ganzen sozialen Organismus oder denken wir ihn uns gegliedert in diese drei Glieder: in das selbständige Geistesleben, in das Rechtsleben und in das Wirtschaftsleben, dann haben wir statt des Homunkulus im Gebiete des Wirtschaftslebens den wirklichen Homo im Gebiete des Wirtschaftslebens, dann haben wir unser geistiges Auge gestellt auf den wirklich lebensfähigen, nicht den aus chemischen Agenzien zusammengesetzten sozialen Organismus.

Ich will wahrhaftig hier nicht Analogiespiel treiben zwischen Biologie und Soziologie — das liegt mir fern, ganz fern — , will weder in die Fehler des Schäjfle noch des Meray in seiner «Weltmutation» fallen; das alles will ich nicht, darauf kommt es nicht an. Aber es kommt darauf an, zu sehen, so wie im einzelnen menschlichen natürlichen Organismus drei selbständig nebeneinander herrschende Systeme tätig sind — ich habe dies im wissenschaftlichen Bereich in meinem letzten Buche «Von Seelenrätseln» wenigstens skizzenhaft ausgeführt so müssen auch im sozialen Organismus drei selbständig anzuwendende Systemeherrschen: das geistige System, das richterliche System, dann das System des öffentlichen Rechtes — wie gesagt, Privatrecht und Strafrecht ist ausgeschlössen und das eigentliche Wirtschaftssystem.

Dann aber, wenn man zwischen dem Geistesleben und dem Wirtschaftsieben das regulierende Staatsleben hat, das regulierende Rechtsieben, dann hat man etwas so Lebensfähiges eingegliedert in den sozialen Organismus, wie man in den natürlichen menschlichen Organismus eingegliedert findet als ein relativ selbständiges System das Zirkulationssystem, das Lungen-Herzsystem, zwischen das Kopfsystem und das Verdauungssystem. Dann aber, wenn es auf eigenem Boden ganz und gar herausgestaltet ist aus dem bloßen Wirtschaftsleben — denken wir an eine Verwaltung, eine demokratische Verwaltung auf diesem Boden des Rechtslebens wenn jeder in der gleichen Weise seine Rechte in Anspruch zu nehmen hat, die das Verhältnis von Mensch zu Mensch allein auf diesem Boden regeln, dann wird die Eingliederung der Arbeitskraft in den Wirtschaftsprozeß zu etwas ganz anderem, als es jetzt der Fall ist.

Sie sehen, ich gebe Ihnen nicht an irgendein Prinzip, irgendeine Theorie: so kann man es machen, wenn man die Arbeitskraft des Warencharakters entkleiden will — , sondern ich sage Ihnen: Wie müssen sich die Menschen zunächst stellen, den sozialen Organismus gliedern, damit durch ihre Tätigkeit, durch ihr Denken, durch ihr Wollen dasjenige entsteht, was als sozialer Organismus lebensfähig ist. — Ich will kein allgemeines Heilmittel angeben, sondern ich will nur erzählen, wie die Menschheit im sozialen Organismus gegliedert sein müsse, damit aus ihrem gesunden sozialen Wollen heraus fortdauernd sich ergibt, was den sozialen Organismus lebensfähig macht. Ich will sozusagen an die Stelle des theoretischen Denkens ein mit der Wirklichkeit innig verwandtes und vertrautes Denken setzen. Was wird entstehen, wenn, ganz abgesehen vom Wirtschaftsleben, auf einem für sich bestehenden Boden, der nach seinen eigenen Kräften relativ selbständig sich verwaltet und regiert, wenn auf diesem Boden über Arbeitsrecht so rein aus den menschlichen Untergründen heraus verhandelt wird und daraus Gesetze gegeben werden? Dann wird etwas daraus entstehen, was ähnlich in den Wirtschaftsprozeß hineinwirkt wie jetzt die Naturgrundlagen dieses Wirtschaftsprozesses. Diese Naturgrundlagen des Wirtschaftsprozesses, wir sehen sie ja, wenn wir den Wirtschaftsprozeß wirklich studieren, klar und deutlich vor uns. Sie regeln den Wirtschaftsprozeß so, daß sich ihre Regelung dem, was der Mensch selber tun kann zu diesem Wirtschaftsprozeß, entzieht. Nicht wahr, man braucht nur Auffälliges zu beobachten.

Nehmen Sie nur einmal — ich will radikal deutliche Beispiele anführen — die Tatsache, daß in gewissen Gegenden, die allerdings den unsrigen entfernt liegen, die Banane ein außerordentlich bedeutsamer Artikel ist. Aber die Arbeit, die man hat, um die Banane hinzubringen an den Ort, wo sie konsumiert werden kann, ist außerordentlich gering an ihrem Ausgangspunkt, sagen wir im Vergleich zu der, die notwendig in unseren natürlich europäischen Gegenden ist, um den Weizen von seinem Ausgangsort bis zu seinem Konsumort zu bringen. Diese Arbeit, die die Banane konsumfähig macht im Verhältnis zu dem Weizen, verhält sich so ungefähr wie eins zu hundert, oder das Verhältnis ist sogar ein noch größeres als eins zu hundert. Also hundertmal größere Arbeit, als man für die Banane braucht, ist notwendig für die Konsumtion von Weizen. Und so könnten wir auch innerhalb des Wirtschaftsgebietes die großen Unterschiede anführen, welche in bezug auf die Regelung des Wirtschaftslebens bestehen. Diese sind unabhängig von dem, was der Mensch selbst hinzubringt: die liegen in der Ergiebigkeit des Bodens, in anderen Verhältnissen noch, und dergleichen; die stellen sich hinein in das Wirtschaftsleben wie ein konstanter Faktor, wie ein vom wirtschaftenden Menschen unabhängiger Faktor. Das stellt sich von der einen Seite aus her.

Denken Sie sich nun das Arbeits-Rechtsleben ganz abgesondert auf der anderen Seite von dem Wirtschaftsleben, dann wird sich, wenn nicht mehr wirtschaftliche Interessen in die Festsetzung der Arbeitszeit, in die Verwendung der Arbeitskraft selbständig hineinspielen in den rein menschlichen Verkehr zwischen Mensch und Mensch, etwas bilden, unabhängig vom Wirtschaftsleben, das von der anderen Seite ebenso hineinspielt in dieses Wirtschaftsleben, wie von jener Seite hineinspielen die von der Naturgrundlage gegebenen Faktoren.

Man muß sich in der Preisbildung, man muß sich in dem, was die Ware Wert hat am Warenmarkt, nach dem richten, wie die Naturfaktoren wirken. Man wird sich in der Zukunft, wenn der soziale Organismus lebensfähig sein soll, auch danach zu richten haben, wie produziert werden muß, wie die Warenzirkulation verlaufen muß. Wenn nicht diese Warenzirkulation bestimmt Entlohnung, Arbeitszeit, Arbeitsrecht überhaupt, sondern wenn unabhängig von der Warenzirkulation, von dem Warenmarkt, auf dem Gebiete des staatlichen Rechtslebens, bloß aus den menschlichen Bedürfnissen, bloß aus rein menschlichen Gesichtspunkten heraus die Arbeitszeit festgesetzt werden wird, dann wird es so sein, daß einfach eine Ware so viel kostet, als das Notwendige kostet zu ihrer Aufbringung der Zeit, die für eine bestimmte Arbeit notwendig ist, die aber geregelt ist durch ein von dem Wirtschaftsleben unabhängiges Leben, während zum Beispiel das Wirtschaftsleben heute von sich aus regelt das Arbeitsverhältnis, so daß nach den Preisen der Ware sich vielfach im volkswirtschaftlichen Prozeß regeln muß Arbeitszeit, Arbeitsverhältnis. Das Umgekehrte wird eintreten bei einer richtigen Gliederung des sozialen Organismus.

Man kann heute diese Verhältnisse erst andeuten. Sie sehen aber, sie entspringen aus einem sozialen Wollen, welches ganz verschieden ist von dem, das uns heute in eine so traurige Lage im Weltgeschehen hineinversetzt hat; sie entspringen aus dem sozialen Wollen, das nicht in einer gewissen gemeinnützigen Weise aus dem menschlichen Denken alles herausspinnen wird, herausspinnen, wie man es muß, damit dies oder jenes in der richtigen Weise vor sich geht, sondern sie entspringen aus einem Denken, das so mit der Wirklichkeit verwandt ist, daß es nicht zutage tritt, wenn die Menschen in diesem oder jenem Verhältnis so oder so im sozialen Organismus gegliedert sein werden. Dann werden sie, weil sie dann gesund gegliedert sind im sozialen Organismus, das Rechte festsetzen, dann werden sie in der rechten Weise wirken.

Man muß nur erlebt haben, wie die anderen Sozialwollenden im wirklichen Leben drinnen die Verhältnisse bestimmten, eben in dem schon jetzt untergegangenen Osterreich. Ein Staat war es, aber im Staate lebte nicht bloß das Rechtsleben, im Staate lebte sogar in ganz ausgesprochener Weise das von den Interessen der einzelnen menschlichen Kreise entsprungene Wirtschaftsleben. Denken Sie doch nur einmal, wie das alte österreichische Parlament war bis in das Ende der neunziger Jahre!

Und aus dem, was in diesem Parlament vertreten war, gingen doch die Verhältnisse hervor, diebis in die Weltkriegskatastrophe hineinspielten, aus diesem Parlament, das aus vier Kurien bestand: der Handelskammer, der Großgrundbesitzer, aus der Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte, und der Kurie der festeingefahrenen Wirtschaftskreise. Diese Wirtschaftskreise waren nicht auf dem Boden eines Wirtschaftsparlaments vertreten, sondern ihre Interessen bestimmten das Staatswesen, also die öffentlichen Rechte wurden nach ihren Interessen bestimmt. Geradeso wie es unmöglich ist, daß eine konfessionelle Gesinnungspartei, wie es im letzten deutschen Reichstag war, entsteht, und aus den Definitionen, Institutionen heraus das Rechtsleben des Staates beeinflußt, ebensowenig ist ein sozialer Organismus lebensfähig, der so gestimmt ist, daß wirtschaftliche Interessenkreise das Rechtsleben bestimmen. Abgesondert muß dieses Rechtsleben sich entwickeln, heraus nur aus dem, was das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch meinetwillen in ganz demokratischer Weise betrifft. Dann wird durch dieses Rechtsleben in entsprechender Weise der dreigliederige Organismus auf der einen Seite das Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite durch die Naturgrundlage dieses Wirtschaftsleben regeln.

Und innerhalb dieses Wirtschaftslebens, das nun wiederum Vertreter der verschiedensten Seiten dastehen hat, werden rein wirtschaftliche Faktoren und Interessen nötig sein. Man wird den sozialen Organismus haben, in dem — wenn ich mich jetzt nach den Gewohnheiten der Zeit ausdrücken darf — nun drei Klassen, drei Gebiete sind, jedes mit eigener Gesetzgebung und eigener Verwaltung. Sie stehen zueinander, ich möchte sagen, als souveräne Staaten, wenn sie sich auch durchdringen; sie rechnen miteinander. Das mag kompliziert sein, das mag dem Menschen unbequem sein; aber es ist das Gesunde, ist dasjenige, was einzig und allein den sozialen Organismus für die Zukunft lebensfähig machen wird. Denn das Wirtschaftsleben selbst wird aus seinen Faktoren heraus nur dann bestimmt werden können, wenn auf seinem Boden einzig und allein Wirtschaftsinteressen tätig erscheinen, die nur bestimmt werden können durch das im Wirtschaftsleben notwendige Verhältnis zwischen Produktion und Konsumtion. Dieses Verhältniszwischen Produktion und Konsumtion kann sich aber im Wirtschaftsleben nur ergeben auf assoziativer Grundlage, auf assoziativer Grundlage, wie es hätte werden können im Gewerkschafts-, Genossenschaftszusammenhang. Aber heute tragen Gewerkschafts-, Genossenschaftszusammenhänge durchaus noch den Charakter, daß sie gerade herausgewachsen sind aus dem Staatsleben. Sie müssen hineinwachsen in das Wirtschaftsleben, müssen bloß dem wirtschaftlichen Leben dienende Körperschaften werden. Dann entwickelt sich der soziale Organismus in einer gesunden Weise.

Ich weiß, daß dasjenige, was ich gesagt habe, manchem außerordentlich radikal erscheint. Aber ob radikal oder nicht, darauf kommt es nicht an; sondern es kommt darauf an, daß der soziale Organismus lebensfähig werde, daß die Menschen, indem sie den Anfang machen von dem alten instinktiven sozialen Leben zu dem bewußten sozialen Leben, sich durchdringen mit Impulsen, die aus der Einsicht entspringen, wie man drinnensteht im ganzen sozialen Organismus. Man ist heute ein ungebildeter Mensch, wenn man das Einmaleins nicht kann; man ist heute ein ungebildeter Mensch, wenn man irgend etwas anderes, was zur Bildung nun einmal gehört, nicht weiß; aber man ist kein ungebildeter Mensch, wenn man kein soziales Bewußtsein hat, oder wenn man mit schlafender Seele im sozialen Organismus drinnensteht. Das ist etwas, was in der Zukunft gründlich anders werden muß! Es wird anders werden, wenn das Urteil entstehen wird, daß es einfach zur allerelementarsten Schulbildung gehört, sich mit sozialem Wollen auszurüsten, wie man sich mit der Kenntnis des Einmaleins ausrüstet. Heute muß jeder wissen, wieviel dreimal drei ist. In Zukunft wird es auch nicht schwieriger erscheinen, zu wissen, wie sich Kapitalzins zur Grundrente verhält, wenn ich etwas aus dem heutigen Leben heraus wähle. Es soll gar nicht schwieriger sein in Zukunft, als zu wissen, daß dreimal drei neun ist. Aber dieses Wissen wird eine Grundlage geben für ein gesundes Drinnenstehen im sozialen Organismus, das heißt für ein gesünderes soziales Leben. Und dieses gesunde soziale Leben muß angestrebt werden.

Es bereitet sich vor im gesunden Menschheitsbewußtsein dasjenige, was ich gesagt habe. Man muß nur einen Spürsinn haben für das, was sich vorbereitet und was in unserem gegenwärtigen neueren Leben nach Offenbarung und nach Gestaltung ringt.

Denken Sie zurück an die drei großen Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Derjenige, der verfolgt, was diese Ideen in den Köpfen der Menschen im Laufe der Zeit für Schicksale durchgemacht haben, der weiß, wie oftmals die Menschen logisch gerungen haben mit dem Widerspruch, der besteht zwischen der Freiheit auf der einen Seite, die auf die einzelne persönliche Initiative hinweist, und der Gleichheit auf der anderen Seite, die realisiert werden soll in der Zentralisierung des staatlich orientierten sozialen Organismus. Das geht doch nicht. Aber die Sucht nach dieser Konfundierung ist entstanden in der neueren Zeit. Daß der Kapitalismus von heute noch nicht die Konzeption fassen konnte nach dem dreigliederigen sozialen Organismus, das ist entstanden aus der Idee des ganz zentralisierten Staates heraus.

Faßt man heute dasjenige, was schon in diesem Wollen, das sich in den drei Idealen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zum Ausdrucke bringt, auf, so faßt man es heute leicht so auf, daß man es betrachtet von dem Gesichtspunkte des dreigliederig geordneten sozialen Organismus. Dann findet man als erstes Glied das geistige Leben. Es muß sich ganz durchdringen von dem Prinzip, dem Impuls der Freiheit. Da muß alles gestellt sein auf die freie Initiative des Menschen, und kann es auch, wird am fruchtbarsten wirken, wenn es so gestellt ist. In bezug auf den Rechtsstaat, in bezug auf das zwischen dem geistigen und dem wirtschaftlichen Leben regulierende Staatswesen, das eigentlich politische System, ist dasjenige, was alles durchdringen muß, die Gleichheit von Mensch und Mensch. Und in bezug auf das Wirtschaftsleben kann einzig und allein gelten die Brüderlichkeit, das soziale Miterleben des ganzen äußeren und inneren Lebens des einen Menschen durch den anderen.

Im sozialen Organismus kann innerhalb des Wirtschaftslebens nur herrschen das Interesse. Dieses Interesse aber, das bringt eine ganz bestimmte Eigenschaft des wirtschaftlichen Organgliedes hervor. Worauf deutet eigentlich im Grunde genommen alles, worauf läuft alles hinaus im Wirtschaftsleben? Es läuft alles darauf hinaus im Wirtschaftsleben, daß in der besten, zweckmäßigsten Weise, was der Wirtschaftsprozeß erzeugt, auch verbraucht werden kann. Ich rede vom Verbrauchen im engeren Sinne, aus dem das Geistige dann ausgeschlossen ist. Verbraucht werden kann zum Beispiel Arbeitskraft, menschliche Arbeitskraft. Das fühlt aber der moderne Mensch: bloß verbraucht darf seine Arbeitskraft nicht werden. Er muß ebenso, wie er ein Interesse erwirbt durch seine Arbeitskraft, bei der geistigen Produktion auch ein Interesse erwerben durch seine Ruhe, durch seine ruhevolle Aufnahmefähigkeit des Geistigen. Der Mensch wird im Wirtschaftsleben verbraucht. Er muß sich fortwährend aus diesem Wirtschaftsleben herausreißen durch die anderen beiden Glieder des gesunden sozialen Organismus, wenn er innerhalb des Wirtschaftslebens nicht verbraucht werden soll.

Die soziale Frage ist nicht so da im modernen Leben, wie sie jetzt entstanden ist und vielleicht gelöst werden kann, und dann eben gelöst ist. Nein, die soziale Frage ist als etwas da, was in das moderne Leben eingetreten ist und nicht mehr aus diesem Leben in aller Menschenzukunft herauskommen wird. Eine soziale Frage wird es im Hinblick auf die Zukunft immer mehr geben. Aber diese soziale Frage wird auch nicht auf einmal, nicht durch diese oder jene Maßnahme, sondern durch das fortdauernde Wollen der Menschen gelöst werden, indem immerzu dasjenige, was der Wirtschaftsprozeß vom Menschen verbraucht, reguliert wird durch das Rechtsleben vom rein politischen Standpunkt aus, und immerzu das Verbrauchte wiederum durch die geistige Produktion ausgeglichen werden kann durch den selbständigen geistigen Organismus.

Wer gesehen hat, wie sich in den letzten Jahrzehnten die soziale Frage entwickelt hat — es ist ja verhältnismäßig noch nicht so lange her, daß die soziale Frage sich zu ihrer gegenwärtigen Gestaltung vorbereitet hat — , wer aufmerksam und mit innigem Anteil beobachtet hat, wie sich diese soziale Frage aus ihren Anfängen heraus entwickelt hat, der kann gerade mit Bezug auf soziales Wollen und seinen richtunggebenden Impuls für die zukünftige Gestaltung des Menschenlebens zu Gedanken kommen, die man vielleicht durch das Folgende charakterisieren kann.

Die soziale Frage sahen viele Menschen, auch viele recht aufgeklärte Menschen vor Jahrzehnten noch überhaupt nicht als etwas Existierendes an. Ich habe noch in meiner Jugend einen österreichischen Minister kennengelernt, der hinübersah über die böhmisch-deutsche Grenze und den grotesken Ausspruch getan hat: Die soziale Frage hört bei Bodenbach auf! — Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie die ersten sozialdemokratischen Bergleute mit einer großen Gruppe an der Wohnung meiner Eltern vorbeigezogen sind und zu ihrer Versammlung gezogen sind. Ich habe dann beobachtet, wie das soziale Wollen entstanden ist, nicht als Denken über die soziale Bewegung, sondern durch das Miterleben dieser sozialen Bewegung. Da mußte ich mir sagen: Vieles mußte durchgemacht werden, viele Irrtümer auch mußten durchgemacht werden! Und selbst bei sozialistisch orientierten Denkern der neueren Zeit sind diese Irrtümer recht zahlreich gewesen. Es scheint gerade auf diesem Gebiete, daß die Menschen durch die Köpfe, die sie entwickeln, dies nicht erleben. Der Irrtum ist zu einer furchtbaren Breite gekommen.

Aus einem Geiste, der sich mir aus solchen Beobachtungen heraus ergeben hat, habe ich versucht, heute Abend über das soziale Wollen zu Ihnen zu sprechen. Sie haben mich dazu eingeladen als Mitglieder einer Menschengemeinschaft, die hinschaut auf dasjenige, was das soziale Wollen zum Menschenheil in der Zukunft bringen soll.

Diejenigen, die als ältere Leute, wie zum Beispiel ich, immer durch Jahrzehnte zu solchen Menschen sprechen, die blicken zuweilen auch zurück auf dasjenige, was alles durchwandelt werden mußte, um zu dem Heutigen zu kommen. Dann aber bekommen sie durch manches, was durchwandelt werden mußte, doch auch die Überzeugung, daß der Irrtum nicht fruchtlos war, daß, selbst wenn heute die Tatsachen eine traurige, oftmals eine erschreckende Sprache sprechen, die Menschen doch stark genug sein werden, den Ausweg zu finden aus demjenigen, was als unerträglich von einem großen Teile der Menschheit heute empfunden wird.

In diesem Sinne bitte ich Sie, aufzunehmen dasjenige, was ich mir erlaubte, am heutigen Abend zu Ihnen zu sprechen. Denn die Tatsachen sprechen auf manchem Gebiet eine deutliche Sprache. Und sie sprechen auch das deutliche Wort: Je mehr Menschen unter jenen, die heute noch jung sind, wahrhaftiges, lebensfähiges soziales Wollen aufnehmen, desto lebensfähiger wird der tüchtige, menschliche soziale Organismus sein.

Wer sich zum Wort zu melden wünscht, der möge es tun. Herr Dr. Boos, der heute vor einer Woche ungefähr einen Vortrag gehalten hat, hat sich bereit erklärt, die Diskussion zu führen.

 

Ein Redner meldet sich zum Wort (Stenogramm unvollständig).

 

Dr. Steiner: Dasjenige, was Sie geltend gemacht haben, das bekommt seine Form dadurch, daß Sie übersehen haben, was eintreten muß durch die Gliederung zu relativer Selbständigkeit des Rechtsstaates auf der einen Seite, und des Wirtschaftslebens auf der anderen Seite. Die Arbeitsorganisationen, die zum Teil Produktionsgesellschaften, oder Konsumtionsgesellschaften, oder auch Verbindungen zwischen beiden sein werden, die haben es überhaupt nur zu tun mit Wirtschaftsfaktoren, die innerhalb des Wirtschaftslebens selbst spielen.

Die Regelung des Arbeitsrechtes, die fällt dem relativ selbständigen Staate zu. Dort wird nicht anders entschieden als auf demokratischer Basis, sagte ich, alles dasjenige, was da betrifft das Verhältnis von Mensch zu Mensch. Deshalb erwähnte ich auch bei dem Boden dieses rein demokratischen Staates, daß das ein Verbindungsglied zwischen den beiden anderen Faktoren ist; auf diesem Boden herrscht Gleichheit der Menschen vor dem Gesetze. Da werden aufhören die bloßen Wünsche einzelner wirtschaftlicher Organisationen, weil sie sich in dem demokratischen Rechtsleben ausgleichen müssen mit den Interessen anderer Kreise. — Also das ist gerade das, was bewirkt werden soll; dem soll eben abgeholfen werden, was Sie als einen Schaden empfinden, der ganz gewiß entstehen würde, wenn zum Beispiel die Arbeitszeit selbst festgesetzt würde innerhalb der Organisation des Wirtschaftslebens. Die Organisationen des Wirtschaftslebens haben es nur zu tun mit dem Wirtschaftsleben selbst: die Regelung im Sinne des Arbeitsrechtes also. Aber die Feststellung der Arbeitszeit, die unterliegt nurmehr der Staatskörperschaft, die es zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch.

Wir dürfen nicht vergessen, welch große Veränderungen von Mensch zu Mensch dadurch auftreten werden, daß einseitige Interessen sich abschleifen werden. Selbstverständlich, ganz vollkommen wird natürlich nichts auf der Welt sein; aber einseitige Interessen werden sich abschleifen im demokratischen Staatsgebilde, das die Gleichheit des Menschen vor dem Menschen zu seiner Grundlage hat.

Denken wir nur daran, daß wenn zum Beispiel eine gewisse Wirtschaftsorganisation ein Interesse hat, eine bestimmte kurze Zeit zu arbeiten, so wird sie sich bequemen müssen, dieses Interesse auszugleichen mit den Interessen derjenigen Menschen, die leiden würden unter dieser kurzen Arbeitszeit. Aber wenn man gar nicht denkt an irgendwelche unterbewußte Kräfte, so wird sich — geradeso wie sich im Naturorganismus wenigstens annähernd ergibt, immer annähernd natürlich, daß immer gleichviel Männer und gleichviel Frauen da sind, was aber doch natürlich nicht ein striktes Naturgesetz sein darf oder werden kann-, so wird sich auch ergeben, daß, wenn in der richtigen Weise die einzelnen Faktoren des sozialen Organismus zusammenwirken, nicht ein Unzuträgliches dadurch entstehen wird, daß einzelne kleine Interessen werden entwickeln können, die für andere in weitestem Maße schädlich sind.

Dasjenige, was meiner sozialen Denkweise zugrunde liegt, das unterscheidet sich von vielen anderen sozialen Denkweisen dadurch, daß diese letzteren mehr abstrakt sind. Logisch kann man immer das eine von dem anderen sehr gut ableiten; es folgt manches Logische aus dem anderen. Entscheidend in solchen Fragen kann aber eigentlich nur die Lebenserfahrung sein. Natürlich kann ich nicht logisch beweisen — das kann kein Mensch — , daß nicht in einem solchen zukünftigen Organismus einmal eine Diskrepanz der Interessen eintreten kann; aber anzunehmen ist, daß, wenn die Kräfte sich innerhalb ihres eigenen Kreises, der ihnen angemessen ist, entwickeln können, dann eine humane Entwickelung eintreten wird. Ich meine, wenn Sie das gerade betrachten, was ich vorlegen möchte, die Festsetzung der Arbeitszeit aus dem bloßen Wirtschaftsprozeß heraus in den Rechtskreis des Staates, daß dann diese Schäden nicht werden entstehen können im praktischen Gebiete. Das ist es, was ich dazu zu sagen habe.

 

Ein weiterer Redner äußert sich (Stenogramm unvollständig).

 

Dr. Steiner: Ich möchte zu der Ausführung des verehrten Vorredners folgendes bemerken: Selbstverständlich leidet ja gewissermaßen jeder Vortrag daran, daß man nicht in einem einzelnen Vortrage alles sagen kann, und ich weiß nicht, aus welchen Auslassungen meines Vortrages der verehrte Vorredner die Schlußfolgerung gezogen hat, daß ich keine Stellungnahme hätte zu der modernen Arbeiterpsyche, daß ich die moderne Arbeiterbewegung nicht berücksichtigen würde und dergleichen. Jeder tut das selbstverständlich nach seiner Art. Ich war jahrelang zum Beispiel Lehrer auf den verschiedenen Gebieten einer Arbeiterbildungsschule, habe mit den Arbeitern in Gewerkschaften und auch in politischen Organisationen Redeübungen getrieben. Ich darf heute das berechtigte Bewußtsein haben, daß eine ganz zahlreiche Menge von Arbeitern, die heute in Deutschland ihre Reden halten, das Reden dazu in meinen Redeübungen gelernt haben. Bei diesen Redeübungen wurden alle möglichen Fragen besprochen, und Fragen, die nun wahrhaftig nicht ferne standen den allerintimsten Eigentümlichkeiten der Arbeiterpsyche. Also ich weiß nicht — ich hatte natürlich keine Veranlassung, auch diese besondere praktische Seite meines sozialen Wirkens und Wollens ins helle Licht zu stellen, aber ich kann auch nicht recht verstehen, aus welchen Auslassungen meiner Rede hervorgegangen sein soll, daß ich der praktischen Arbeiterbewegung so absolut fernstehen sollte.

Gewiß, es ist ein Selbstverständliches, daß innerhalb der modernen sozialen Bewegung gerade die Arbeiter selbst berücksichtigt werden. Aber bedenken Sie nur, daß ich den ganzen Abend immer betont habe, wie es aussieht eigentlich gerade innerhalb des Proletariats. Ich habe ja von dem Proletariat als solchem gesprochen. Sie haben bemerken können, wenn Sie gut zugehört haben, wie gerade das in meinen Vortrag hereinspielte, was ich glaube, praktisch auseinandergesetzt zu haben, was praktisch gerade in der proletarischen Arbeiterschaft von heute lebt.

Was nun den Vorwurf betrifft, daß ich vielleicht zu einseitig dargestellt habe die, wie mir scheinen will, fundamental bedeutsame Tatsache, daß die bürgerliche Denkweise übernommen worden ist von der Arbeiterschaft, von namentlich den Führern der Arbeiterschaft, so beruht dieser Ausspruch, den ich getan habe und den ich ja auch nur von einzelnen Seiten her selbstverständlich beleuchtet habe, wirklich auf einem genaueren Studium gerade der Arbeiterpsyche und der ganzen modernen Arbeiterbewegung.

Ich möchte Sie dabei zum Beispiel auf folgendes aufmerksam machen: Ein mir auch persönlich bekannter russischer Schriftsteller hat jüngst auf eine sehr eigentümliche Weise darauf hingewiesen, daß die Philosophie, die Jünger hat, gerade hier in Zürich eine große Rolle gespielt hat: die Philosophie des Avenarius, die doch ihrerseits gewiß aus rein bürgerlichem Untergrund erwachsen ist. Ich kann mir wenigstens nicht vorstellen, daß Avenarius daran gedacht hat, daß seine Philosophie in der Arbeiterbewegung in Rußland diejenige Rolle spielt, die sie heute spielt. Soviel ich weiß, ist sehr stark hier vertreten, gerade in Zürich, von Adler namentlich, die aus der Naturwissenschaft entnommene philosophische Überzeugung von Mach. Diese beiden philosophischen Richtungen sind gewissermaßen die Amtsphilosophien des Bolschewismus, des radikalsten Sozialismus. Der russische Schriftsteller Berdjajev sagt das in einem Aufsatz — er ist enthalten in der Übersetzung eines sehr interessanten Buches über «Rußlands politische Seele» — , und in diesem Aufsatz hat Berdjajev in sehr deutlicher Weise gerade diese politische Seele herausgearbeitet. Und so könnte man Ihnen zahlreiche Beispiele anführen; ich könnte Ihnen zahlreiche Beispiele anführen, die ähnlich wären dem, das ich Ihnen vorhin entnommen habe aus der Rede der verstorbenen Rosa Luxemburg, die Ihnen beweisen würden, daß eben das letzte bedeutende und gerade in die Arbeiterbewegung tief eingreifende Erbstück aus dem bürgerlichen Leben die bürgerliche Denkweise ist, die wissenschaftlich orientiert ist. Die Möglichkeit, das geistige Leben überhaupt zur Ideologie zu machen, ist bürgerlichen Ursprungs. Das Bürgertum, wenn man solche Kategorien gebrauchen darf, hat zuerst die wissenschaftlich orientierte Denkweise auf dem Gebiete des Naturerkennens zur Ideologie gemacht. Sie hat es nicht innerhalb ihrer Klasse auf das eigentlich wissenschaftliche Denken übertragen. Diese letztere Konsequenz hat dann das proletarische Denken gezogen. Gewiß, das proletarische Denken hat andere Konsequenzen gezogen; aber es hat eben Konsequenzen gezogen aus den Grundlagen, die heute deutlich zu erkennen sind als innerhalb der bürgerlichen wissenschaftlichen Vorstellungsart wurzelnd, und nur etwas weiter fortgebildet. Das sollte eben in seiner Wichtigkeit nicht verkannt werden.

Denn derjenige, der tiefer drinnensteht auch in der Gesamtheit, der tieferes Interesse entwickelt hat für den Anteil, den die moderne Arbeiterpsyche an der modernen Arbeiterbewegung hat, der wartet, ich möchte sagen, mit einer gewissen Sorge auf der einen Seite, aber auch mit einer gewissen inneren Befriedigung auf der anderen Seite auf den Moment, wo das innerhalb der modernen sozialistischen Bewegung zum Vorschein kommen wird. Man wird eines Tages bemerken, zum Bewußtsein heraufbringen, was jetzt noch im Unterbewußten ruht, man wird eines Tages bemerken: Aha, das haben wir noch in unserem Seelenoberdenken — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — , in unserem seelischen Oberdenken; das muß heraus. Wir haben die Sehnsucht, unsere ganze Menschenwürde wissenschaftlich zu orientieren; das hat uns die bürgerliche Erblinie der Wissenschaft bis jetzt nicht möglich gemacht. Wir müssen ein anderes Geistesleben suchen.

Ich glaube allerdings, daß dann, wenn dieser Moment eingetreten sein wird, wenn die ganze, volle Sehnsucht des vielleicht von einer gewissen Seite her einzig modernen Menschen, nämlich des proletarischen Menschen herauskommt — wenn es auch in der modernen Zeit noch nicht zum vollen Ausdruck gekommen ist — , wenn diese Sehnsucht des modernen Proletariers nach einer völligen Ausbildung der wissenschaftlichen Denkweise zur Weltanschauung, mit der Kraft der alten Religionen, wenn das eingetreten sein wird, wenn er nicht mehr, weil er darauf gekommen ist, daß er nicht mehr Ware sein soll, die Konsequenz der bürgerlichen Denkweise ziehen wird, dann wird der Moment eingetreten sein, wo man überhaupt erst wird davon reden können, daß fruchtbares Organisieren des sozialen Wollens da ist.

In dem bloßen Sozialismus und in seiner Beziehung, die der verehrte Herr Vorredner hervorgehoben hat, zu der Philosophie des Bergson, glaube ich, daß man nicht so dogmatisch sich stellen darf. Ich will ja selbstverständlich nicht über solche philosophischen Fragen heute diskutieren. Der Herr Vorredner sagte, daß Bergson ein typischer Vertreter und Repräsentant der bürgerlichsten Denkweise ist. Dann würde der Sozialismus aus der Philosophie des Bergson gerade eben recht bürgerliehe Untergründe herausgenommen haben! Man kann heute zum Beispiel nachweisen, daß Bergsons Philosophie ihrem Inhalte nach von ganz unermeßbar vielen «Schopenhauerianismen» durchzogen ist, daß Bergson viel mehr beeinflußt ist von Schopenhauer, als Sie nur irgend denken.

Nun, wollte man eine solche Sache ausführlich erörtern, so müßte man eben wirklich recht ausführlich sein können. Ich kann das heute nicht; aber ich erwähne Ihnen nur, daß es auch einen innerhalb der proletarischen Welt sich als Denker fühlenden Menschen gibt, wie zum Beispiel Mehring, Franz Mehring, der also in vielem in Wirklichkeit ähnlich ist dem Bergson; der hat Schopenhauer gerade als den Repräsentanten des bürgerlichsten Spießertums in der Philosophie charakterisiert!

Über diese Dinge kann man verschiedener Ansicht sein, und ich glaube nicht, daß man über diese Dinge so dogmatisieren darf. Man kann ja die Ansicht haben, daß Bergson der fortgeschrittenste Philosoph ist und irrationale Elemente drinnen hat in seiner Philosophie. Aber man möchte fragen: Was hat denn irrationales Element mit der sozialen Frage zu tun? — Irrational kann doch geradesogut ein Proletarier sein wie ein Bürgerlicher, Ich kann nicht recht einsehen, was das ganze Irrationale damit zu tun hat. Da muß man schon die dogmatische Voraussetzung machen: Bergson ist absolut derjenige, der der moderne Philosoph ist; wenn also die Proletarier richtig denken sollen, so müssen sie Bergsonianer werden, nicht wahr. Das ging durch die ganze Frage.

Denn zweifellos ist es, daß auf den verschiedenste^ Gebieten im modernen Leben Tendenzen aufgetreten sind, die sich nach dem hin richten, was ich heute charakterisiert habe. Es wäre doch nun wirklich traurig um das menschliche Leben bestellt, wenn es immer gerade, möchte ich sagen, überzwerch gehen würde, wenn es immer in der entgegengesetzten Richtung von dem Rechten sich entwickeln würde! Nicht wahr, das kann natürlich nicht der Fall sein. Ich sagte selbst, daß zum Beispiel auf dem Gebiete des Gerichtswesens von einigen ganz psychologisch orientierten Menschen gewisse Dinge angefacht sind. Solche Beispiele könnte man natürlich unzählige anführen. Aber es ist auch eine Ableitung der Diskussion auf Nebengeleise, wenn man nicht eingeht auf dasjenige, was geltend gemacht worden ist, sondern eine Lieblingsmeinung vorbringt. Gewiß, man kann ja sehr sympathisieren mit manchem, was heute als doch mehr auf geschichtliche Perioden hindeutende Prinzipien in bezug auf Impulse gesagt worden ist; aber ohne mehr auf das letztere einzugehen — wollte man auf alle diese Dinge eingehen, müßte ich Sie aber sehr lange hier aufhalten also ohne mehr auf das letzte einzugehen, möchte ich sagen: Sehr viele Menschen sind heute noch innerlich obstinat, wenn man von dieser Dreigliederung spricht, von der ich heute gesprochen habe. Sie sagen dann: Es kann doch nicht drei verschiedene Glieder geben, die nach verschiedenen Prinzipien gelenkt und geleitet werden.

Aber ich habe nicht von drei verschiedenen Gliedern gesprochen, die nach drei verschiedenen Prinzipien gelenkt würden, sondern von einer Dreigliederung des sozialen Organismus habe ich gesprochen! Bedenken Sie nur, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus in unserer Zeit ihrer ganzen Denkweise nach ebenso entsprechend gefunden werden muß nach und nach, wie zum Beispiel die uralten Gliederungen, die Sie bei Plato auch finden und die damals berechtigt waren. Mir hat einmal jemand hinterher nach meinem Vortrag gesagt: Also haben wir doch wiederum einen Hinweis auf die alten Gliederungen Platos: Nährstand, Wehrstand, Lehrstand! — Das, was ich gesagt habe, ist das Gegenteil der Gliederung in Nähr-, Wehr- und Lehrstand; denn es werden nicht die Menschen in Stände gegliedert, sondern es wird eine Gliederung versucht des sozialen Organismus. Wir Menschen sollen gerade nicht abgeteilt werden! Es kann ganz gut derselbe Mensch tätig sein in dem geistigen Glied, oder tätig sein im rechtlichen und sogar in dem wirtschaftlichen Gliede. Der Mensch ist gerade dadurch emanzipiert von irgendwelcher Einseitigkeit in irgendeinem der Glieder des sozialen Organismus. Es handelt sich also nicht darum, daß die Menschen in solche selbständigen Klassen abgeteilt werden sollen, wenn man den gesunden sozialen Organismus entwickelt, sondern daß der soziale Organismus selber nach seinen Gesetzen geordnet wird. Das ist der durchgreifende Unterschied. Früher hat man Menschen gegliedert. Nun soll, der Denkweise unserer Zeit entsprechend, der soziale Organismus selbst gegliedert werden, damit der Mensch hinschauen kann auf das jenige, worin er drinnen lebt, um je nach seinen Bedürfnissen, nach seinen Verhältnissen und Fähigkeiten in dem einen oder in dem anderen Gliede tätig sein zu können. Es wird zum Beispiel ganz gut möglich sein, daß in der Zukunft ein Mensch, der im Wirtschaftsleben tätig ist, zu gleicher Zeit Abgeordneter ist auf dem Gebiet des rein politischen Staates. Er wird aber dann ganz selbstverständlich seine wirtschaftlichen Interessen in einer anderen Weise geltend machen müssen, als er geltend machen kann dasjenige, was allein in Betracht kommt auf dem Gebiete des Rechtsstaates. Diese drei Glieder werden selber sorgen für die Abgrenzung ihrer Territorien. Es wird nicht alles durcheinanderkonfundiert werden, daß sich das eine in das andere hineinmischt.

Es wird auf viel bessere Weise erreicht, wenn die Dinge getrennt werden. Es sind ja natürlich dieselben menschlichen Anlagen, die in dem einen und anderen Gliede entscheiden. Aber so wie es in der menschlichen natürlichen Organisation — trotzdem ich kein Analogiespiel treiben will, möchte ich dies erwähnen — drei in sich zentralisierte Teile hat: das Nerven-Sinnessystem, das Lungen-Atmungssystem und das Stoffwechselsystem, so hat der gesunde soziale Organismus drei Glieder. Das ist etwas, was heute noch zu den gewöhnlichen Denkgewohnheiten nicht gehört, von dem ich aber glaube, daß es sich in die Denkgewohnheiten der Menschen hineinfinden wird, und daß man es doch nicht weniger gründlich, meine ich, nehmen muß, als man es nimmt, wenn man nur gewissermaßen seine Lieblingsmeinung auseinandersetzt.

Dr. Roman Boos: Darf ich mir noch gestatten, die Frage an den Herrn Referenten zu richten in bezug auf das, was eben auf strafrechtlichem Gebiet gefragt worden ist? Nun, wenn von der Freiheit der Richter gesprochen worden ist, ob damit auch ein Verstoß gegen den Satz gemeint ist, daß keine Strafe ohne Gesetz ausgesprochen werden soll — wie mir scheint, ist das so gemeint, daß das Strafgesetz als solches doch nicht aus dem Gebiet des freien Geisteslebens heraus gegeben werden soll, sondern aus der politischen Instanz, daß die Frage wahrscheinlich ein Mißverständnis enthält bei dem Herrn Dr. Weiß, der gemeint hat, es werde ein Verstoß gegen das Prinzip gefordert, daß keiner zu einer Strafe verurteilt werden kann, der nicht ein bestimmtes Gesetz übertreten hat. — Darf ich vielleicht noch bitten, sich dazu zu äußern?

Dr. Steiner: Nicht wahr, in dieser Frage berühren sich ja selbstverständlich das System des öffentlichen Rechts mit dem System der praktischen Gerichtsbarkeit. Was ich betont habe, ist die Trennung des praktischen Richtens. Deshalb habe ich den Ausdruck «Richten» gebraucht, ausdrücklich des praktischen Richtens von dem allgemeinen öffentlichen Rechtsleben, das ich bei dem gesunden sozialen Organismus im politischen Staat zentralisiert so denken muß, daß der gesunde soziale Organismus in seinem öffentlichen Rechtsleben dafür sorgen muß, daß entsprechend nach einem von ihm bestimmten Gesetze verfahren werden muß. Daß nicht in der willkürlichsten Weise gerichtet werden kann, das ist ganz selbstverständlich. Aber ich habe nicht an solche Dinge gedacht, die abstrakt sind und die in ihrer Abstraktheit mehr oder weniger selbstverständlich sind. Ich habe auch heute nicht über, sagen wir, den Wirkungsbereich des Rechtes zu sprechen gehabt, sondern ich habe über den sozialen Organismus und über soziales Wollen zu sprechen gehabt. Und da bitte ich Sie, im Sinne des Themas das Folgende zu bedenken.

Sehen Sie, ich habe eine fast ebensolange Zeit meines Lebens in Österreich zugebracht wie in Deutschland. Ich habe das österreichische Leben gründlich kennenlernen können; Sie dürfen mir glauben, daß es nicht eine abrupte Behauptung ist, wenn ich sage, daß vieles von dem, was im österreichischen sogenannten Staate in letzter Zeit geschehen ist, zusammenhängt mit Ereignissen, die sich gerade in den siebziger, achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als tiefe Mißverhältnisse ergeben haben. Vergessen Sie nicht, daß in einem solchen Staate wie Österreichauf anderen Gebieten würde sich das nicht in so radikaler Weise charakterisieren lassen, aber vorhanden ist es in dieser oder jener Form auch besonders weil in Österreich durcheinandergeschoben sind die verschiedenen Sprachgebiete, Sie es zum Beispiel erleben konnten, daß ein Deutscher, weil er gerade zufällig in irgendeinen Gerichtssprengel hineingehörte, in dem ein tschechischer Richter amtierte, der nicht Deutsch konnte, daß er abgeurteilt wurde von einem tschechischen Richter in einer Sprache, die er nicht verstand. Er wußte nicht, was über ihn geurteilt wurde und was geschah mit ihm; er merkte nur, daß man ihn abführte. Ebenso war es umgekehrt der Fall, wenn ein deutscher Richter, der nicht Tschechisch verstand, einen Tschechen aburteilte, der kein Deutsch verstand. Was ich meine, ist die individuelle Gestaltung, die freie Gestaltung des Verhältnisses des zu Verurteilenden zum Richter.

Also ein solcher Staat wie Österreich hätte hiervon einen großen Erfolg zu erwarten. Aber dieser Impuls hätte erfordert, daß immer, für vielleicht fünf oder zehn Jahre — die Verhältnisse verschieben sich fortwährend jedenfalls von dem zu Verurteilenden oder zu Richtenden sein Richter hätte gewählt werden können, in freier Wahl des Richters.

 

(Lücke im Stenogramm)

 

Das ist einfach ein Gegenstand gar nicht des geistigen Lebens, sondern es ist von vornherein ein Gegenstand des Lebens im Rechtsstaat; dafür, daß also nur nach einem Gesetze gerichtet wird, welches bestanden hat, als die Tat begangen worden ist, wird das zweite, das staatliche Gesetz, als zu seiner Kompetenz rechnend, schon sorgen; es wird schon für jeden Fall seine Konsequenzen ziehen, selbstverständlich.

Aber die Frage ist eine ganz andere; wenn Sie die Dinge genauer nehmen, so werden Sie sehen, daß alle Lösungen dieser Fälle sehr, sehr konsequent sich ergeben. Ich konnte Ihnen ja heute nur die allerersten Voraussetzungen sagen; ich müßte sonst nicht nur die ganze Nacht, sondern auch noch am morgigen Tage weiter reden.

 



Zuletzt aktualisiert: 16-Aug-2019
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