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Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Schmidt-Nummer: S-3676

Online seit: 30th April, 2013

SIEBENTER VORTRAG

Dornach, 15. März 1919

Wenn Sie jetzt aufmerksam die Zeitentwickelung verfolgen, dann werden Sie finden, daß durch die ganze Menschheit im Grunde genommen ein gewisser Zug geht, der wenig geeignet ist, die Gedanken auf das hinzulenken, was die laut vernehmlichen Tatsachen, die sich in der Welt abspielen, selbst verlangen. Es besteht im allgemeinen eine gewisse Abneigung der Menschen gegen Gedanken, die nicht in altgewohnter Weise laufen. Aber vielleicht niemals lag es so nahe als gerade heute, zu fragen: Wie kommt es, daß die Menschen eigentlich so wenig eingehen wollen auf Gedanken, die sie nicht schon gedacht haben? — Sehen Sie, man erlebt ja heute, ich möchte sagen, durch die ganze Zeitentwickelung gehend, ein Grundphänomen. Ich habe schon öfter aufmerksam darauf gemacht, wie sich dieses Grundphänomen vor Jahren ausgesprochen hat. Man könnte eine nette Sammlung anlegen von Reden europäischer Staatsmänner aus dem Frühling und Frühsommer des Jahres 1914, und man würde in den Ausführungen dieser Reden so ziemlich das gleiche finden, was zum Beispiel in einer Rede des deutschen Reichstages von seiten des Staatssekretärs Jagow dazumal gesagt worden ist. Es lautete ungefähr so: Durch die Bemühungen der europäischen Kabinette ist es gelungen, solche befriedigenden Verhältnisse zwischen den Großmächten Europas herzustellen, daß der Friede für lange Zeiten hinaus in Europa gesichert ist. In verschiedenen Variationen konnte man bei diesen Lebenspraktikern — so nennen sich diese Leute — diese Rede immer wieder und wiederum finden. Das war dazumal. Und wenige Wochen nachher begann jener Weltbrand, der jetzt nur in eine Krisis eingetreten ist. Was erleben wir jetzt anderes innerhalb der Absichten, der Maßnahmen, der so recht der heutigen Zeit angehörigen Menschen? Ich habe in den 1etzten Tagen einiges mitgemacht von der sogenannten Berner «Völkerbunds-Konferenz». Die Leute haben dort auch Verschiedenes geredet. Unter diesem Verschiedenen war im Grunde genommen alles von demselben Kaliber gegenüber dem, was die vorstehenden Ereignisse sind, wie die Reden der europäischen Staatsmänner vom Frühling und Frühsommer des Jahres 1914. Diese Menschen reden in den altgewohnten Gedankengeleisen. Sie reden dasjenige, was sie seit Jahren zu reden gewohnt sind. Sie haben im Grunde genommen wirklich nichts, aber auch gar nichts aufgenommen von den aus den Tiefen des Weltendaseins heraus sprechenden Lehren der letzten viereinhalb Jahre.

Es ist dies eine Tatsache, auf die gerade der Geisteswissenschafter in intensivstem Maße seine Aufmerksamkeit hinlenken sollte; denn über einen großen Teil des europäischen Kontinents geht diese Trostlosigkeit. Trotz der verschiedenen Variationen erscheint es einem doch immer wieder ganz typisch und nur im Extrem ausgedrückt, wenn aus starken, aber für die heutige Zeit verderblichen Untergründen heraus gerade von einer Weltanschauungsströmung geredet wird, die wegen der Gleichgültigkeit, der Interesselosigkeit der europäischen Bevölkerung in der nächsten Zeit große Aussichten haben wird, Eindruck über Eindruck zu machen, Eroberungen über Eroberungen zu machen. Als ich ein ganz kleiner Knabe noch war — es ist jetzt lange her —, da stand in meinen Religionsbüchern sehr dezidiert ausgedrückt das Folgende, um die Knaben zur Erkenntnis hinzuführen, was der Christus Jesus sei. Da stand: Der Christus Jesus war entweder ein Heuchler oder ein Narr — oder er war das, was er selber sagte, der Sohn des lebendigen Gottes. Da man nicht annehmen darf, daß der Christus ein Heuchler gewesen sei, da man auch nicht annehmen darf, daß er ein Narr gewesen sei, so kann nur das eine möglich sein, daß das wahr ist, was er sagte, daß er der Sohn des lebendigen Gottes sei. — Was so Jahrzehnte vor unserer Zeit in meinem damaligen Religionsbuche stand, ich hörte es neulich in einer Rede, die im Anschlüsse an die Berner «Völkerbunds-Konferenz» von dem Grazer Universitätsprofessor Ude in Bern gehalten worden ist! Da konnte man wiederum die Worte hören: Der Jesus war entweder ein Heuchler oder ein Narr, oder er war, was er selber sagte, der Sohn des lebendigen Gottes. «Und da Sie nicht wagen werden» — so rief der Mann in die Menge hinein — «den Christus einen Narren oder einen Heuchler zu nennen, so kann er nur das gewesen sein, was er selber von sich sagte, der Sohn des lebendigen Gottes!» Das wurde alles mit jesuitischem Temperament in die Menge hineingeworfen, und es waren wohl wenige Leute dazumal im Saal, welche die heute einzig und allein bedeutungsvolle Frage gegenüber einer solchen Sache aufwarfen: Ist nicht dieses Sprüchlein durch Jahrhunderte wiederholt worden vor den Gläubigen, und ist nicht trotz dieses Sprüchleins das große Verderben über die Menschheit hereingebrochen? Sollte es heute noch ein Herz und einen Sinn geben, die sich nicht Gedanken darüber machten, wie sinnlos es ist, nach der großen Weltkatastrophe und mitten drinnen die Dinge, die so stark ihre Fruchtlosigkeit bewiesen haben, immer wieder und wiederum in die Menge hineinzuschreien. — Und ich hörte eine andere Rede desselben Grazer Universitätsprofessors über die soziale Frage, und diese Rede war vom Anfange bis zum Ende ohne jeden Hinweis darauf, was eigentlich geschehen soll, was geschehen muß, war lediglich eine Art Verurteilung mancher ja gewiß vorhandener Unsitten, die in der Gegenwart herrschen; allein auch da war nichts gelernt durch die traurigen Ereignisse der letzten viereinhalb Jahre!

Es ist dies eigentlich aus dem Grunde ein besseres Beispiel als manche andere, weil unter den Reden, die in Bern gehalten wurden von allen Seiten, die des Grazer Professors Ude weitaus die besten waren; denn sie kamen wenigstens aus einer Weltanschauung heraus, wenn auch aus einer Weltanschauung, die, heute propagiert, gerade gefährlich werden muß. Die anderen entstammten der Ohnmacht, überhaupt sich noch zu irgendeiner Weltanschauung oder Lebensauffassung zu erheben. Immer wieder muß man betonen: die Gedanken der Menschen sind heute stumpf und kurz geworden. Sie sind nicht in der Lage, einzudringen in die Wirklichkeiten. Sie bewegen sich in Illusionen, sie bewegen sich lediglich an der Oberfläche der Dinge. Man kann heute nicht einsehen, was gerade diese Zeit von denjenigen fordert, die ein Wort mitreden wollen bei der so notwendigen Neugestaltung der Dinge.

Meine lieben Freunde, sagen wir uns das immer wieder und wieder: Wir haben durch die letzten vier Jahrhunderte als europäische Menschheit, mit ihrem amerikanischen Nachwuchs, ein Denken heraufgebracht, welches nur geeignet ist, das Leblose, das Tote zu begreifen. Wir haben ein Denken heraufgebracht, welches ganz und gar hingeordnet ist auf das Mathematisch-Technische. Wir sind unfähig geworden, Gedanken zu richten auf dasjenige, was in der Natur lebt. Wir begreifen nur das Tote. Dasjenige, was wir zu sagen wissen in unserer offiziellen Wissenschaft über den Organismus, das gilt bloß für den toten Organismus, das ist bloß an den Leichen gewonnen. Das aber wird heute, wo man sich in dieses Denken eingewöhnt hat, auch auf den sozialen Organismus angewendet. Das heißt aber nichts anderes, als: daß die Menschheit heute in weiten Kreisen unfähig ist, sich überhaupt Gedanken über den lebendigen sozialen Organismus zu machen. Höchstens finden die Menschen heute, daß diese Gedanken schwierig seien. Welche Gedanken finden die Menschen heute leicht? — Diejenigen, die ihnen durch den Katechismus meinetwillen seit Jahrhunderten eingepaukt worden sind, die in ihren ausgefahrenen Geleisen laufen, oder solche, welche die Kinder derjenigen Gedanken sind, die sich nur auf das Tote des lebendigen Organismus beziehen. Aber auf der anderen Seite ist es aber der Gegenwart nötig, den lebendigen sozialen Organismus zu begreifen.

Gehen wir von einer konkreten Sache aus. Das sozialistische Denken der Gegenwart richtet sich in weitem Umfange — ich habe Ihnen das nach allen Seiten hin charakterisiert — gegen den Kapitalismus. Es fordert der Sozialismus die Vergesellschaftung des gesamten Privatkapitals an Produktionsmitteln. Über diese Sozialisierung wurde ja schon in reichlichem Maße in der, man nennt sie, glaube ich, «Nationalversammlung», in Weimar geredet. Die Art und Weise, wie heute über den Kapitalismus geredet wird, stammt so recht aus dem toten Denken der letzten Jahrhunderte, welches groß geworden ist innerhalb der rein naturwissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung. Was liegt denn da eigentlich vor? — Es liegt vor, meine lieben Freunde, daß im Grunde genommen der Kapitalismus zu einem furchtbaren Bedrücker der großen Menschenmasse geworden ist; es liegt vor, daß man wenig wird einwenden können gegen all das, was von seiten der proletarischen Menschenbevölkerung gegen das Bedrückende des Kapitalismus in geistiger, in rechtlicher, in wirtschaftlicher Beziehung gesagt worden ist und weiterhin gesagt wird. Aber welche Konsequenz ziehen sozialistisch gestimmte Denker aus dieser ja unleugbaren Tatsache? — Sie ziehen die Konsequenz: Also muß der Kapitalismus abgeschafft werden, er ist ja ein Bedrücker, er ist etwas Furchtbares, er hat sich als eine Geißel der neueren Menschheit erwiesen, er muß abgeschafft werden. Was erscheint begreiflicher, was erscheint fruchtbarer für gewöhnliche Agitationen — die sich jetzt aber in furchtbaren Tatsachen durch Europa ausleben — als diese Forderung nach der Abschaffung des Kapitalismus. Für denjenigen, der sich nicht an das tote Denken der letzten vier Jahrhunderte allein wendet, sondern der in der Lage ist, sich zu wenden an das lebendige Denken, das wir vor allen Dingen für unsere Geisteswissenschaft brauchen, für den ist diese Rede, man müsse den Kapitalismus abschaffen, weil er ein Bedrücker, eine Geißel ist, geradeso logisch, geradeso durch die Tatsachenlogik begründet, wie wenn jemand sagen würde: Wir atmen fortwährend Sauerstoff ein und die tötende Kohlensäure aus, der Sauerstoff verwandelt sich in uns ja doch in Kohlensäure, warum atmen wir ihn denn erst ein? Er wird ja in uns doch zum todbringenden Gift. Zweifellos wird der Sauerstoff in uns zum todbringenden Gift, aber um des Lebens willen müssen wir ihn einatmen, denn der Lebensprozeß des menschlichen und tierischen Leibes ist nicht denkbar ohne die Sauerstoffatmung. Ebensowenig ist ein soziales Leben denkbar ohne die fortwährende Bildung von Kapital, namentlich ohne die fortwährende Bildung heute von produzierten Produktionsmitteln, und das ist ja im Grunde genommen, in Wirklichkeit das Kapital. Es gibt keinen sozialen Organismus, der nicht angewiesen wäre auf die Mitarbeiterschaft der individuellen menschlichen Fähigkeiten. Würde im weitesten Umkreise begriffen, was der soziale Organismus für Forderungen hat, so würde der Arbeiter sagen: Es handelt sich darum, daß ich Vertrauen habe zu dem Leiter der Unternehmungen; denn ohne daß er die Unternehmungen leitet, kann ich ja meine Arbeit nicht leisten, das ist ja ganz selbstverständlich. Aber wenn es Leiter von Unternehmen gibt, so ist die notwendige Folge, daß sich Kapital ansammelt. Es gibt keine Möglichkeit, der Ansammlung von Kapital zu entgehen. Frägt also ein in einer gewissen Weise es gut meinendes, aber falsch orientiertes sozialistisches Denken danach: Wie vernichtet man den Kapitalismus? — so ist diese Frage gleichbedeutend mit der: Wie vernichtet man den sozialen Organismus überhaupt, wie treiben wir in den Tod des sozialen Lebens hinein?

Es ist ganz zweifellos für jeden, der die Dinge durchschauen kann, daß bei der allervernünftigsten sozialen Ordnung sich Kapitalien ansammeln, und es ist ebenso zweifellos, daß man nicht darüber nachdenken kann: wie verhindert man die Ansammlung von Kapitalien, wie verhindert man sie im Keime? Wie macht man es, daß keine Kapitalien sich ansammeln? — Aber sehen Sie, diese Gegenüberstellung, die ist den Menschen heute zu schwer. An solche Gedanken möchten die Menschen heute nicht heran. Sie möchten alles leicht haben gerade mit Bezug auf das Denken. Aber die Zeit gestattet nicht, daß wir es uns gerade mit Bezug auf das Denken heute leicht machen. Was nämlich immer vergessen wird, das ist, daß alles Lebendige im Werden ist, daß zum Begreifen alles Lebendigen die Zeit mitgehört, daß das Lebendige einmal so, einmal so ist. Es ist nicht schwierig bei einiger Bedachtsamkeit sich klarzumachen, daß zum Begreifen des Lebendigen in seiner Konkretheit die Zeit gehört. Denn der menschliche Organismus ist ein Lebendiges. Nehmen Sie den menschlichen Organismus — ich will sagen, Ihren Organismus — in der Zeit um halb zwei Uhr herum; Sie sind ja alle fleißige Leute, die nicht lange in der Kantine bleiben, und wenn Sie aus der Kantine kommen und eben gegessen haben, so sind Sie, wenigstens wäre es wünschenswert normal, dann voll gesättigt, Sie haben keinen Hunger. Ihr Organismus ist ganz gewiß ein konkreter, menschlicher Organismus. Sie definieren ihn, indem Sie ihn in seiner Konkretheit um dreiviertel zwei Uhr am Nachmittag nehmen, wenn Sie eben aus der Kantine kommen: ein menschlicher Organismus ist ein Lebewesen, das keinen Hunger hat. Aber um halb ein Uhr, wenn Sie zur Kantine gehen, ist es anders, da haben Sie alle Hunger. Da könnten Sie wiederum definieren: ein menschlicher Organismus ist das, was Hunger hat. — Was da vorliegt, ist, daß Sie das Konkrete, Lebendige in zwei verschiedenen Zeitpunkten anschauen, und daß das, was in zwei verschiedenen Zeitpunkten notwendig ist für das Gedeihen dieses Organismus, gerade entgegengesetzte Zustände sind, daß im Organismus etwas herbeigeführt werden muß, was so verarbeitet wird, daß sein Gegenteil eintritt. So ist es im natürlichen Lebendigen, so ist es aber auch im sozialen Lebendigen, meine lieben Freunde. Man kann im sozialen Lebendigen niemals verhindern, daß als Begleitereignis, als selbstverständliches Begleitereignis des Arbeitens der individuellen menschlichen Fähigkeiten Kapital entstehe, daß das Eigentum, das private Eigentum an Produktionsmitteln sich herausbilde. Wenn jemand sich einem Produktionszweige leitend widmet, und er auch ganz gerecht die erzeugten Produkte teilt mit dem handwerklich Mitarbeitenden, es würde der soziale Organismus gar nicht bestehen können, wenn nicht als Begleiterscheinung Kapital auftreten würde, Kapital, was der einzelne besitzt, ebenso wie er das besitzt, was er für seinen eigenen Gebrauch benötigt, was er so produziert, daß er es eintauschen will für seinen eigenen Gebrauch.

Aber ebensowenig wie man das Essen verbieten kann — weil man, wenn man gegessen hat, doch wieder hungrig wird —, wie man nachdenken kann, ob man eigentlich nicht essen soll, ebensowenig kann man darüber nachdenken, wie sich überhaupt kein Kapital bilde in irgendeinem Zeitpunkt, sondern man kann nur darüber nachdenken, wie dieses Kapital sich wiederum verwandeln muß in einem anderen Zeitpunkte, was aus ihm werden muß. Sie können nicht, ohne den sozialen Organismus in seiner Lebensfähigkeit zu untergraben, die Kapitalbildung verhindern wollen, Sie können nur wollen, daß das, was sich als Kapital bildet, nichts Schädliches werde innerhalb des gesunden sozialen Organismus.

Dieses, was in solcher Art gefordert werden muß für die Gesundung des sozialen Organismus, ist nur im dreigliedrigen sozialen Organismus möglich. Denn nur im dreigliedrigen sozialen Organismus kann ebenso wie im menschlichen natürlichen Organismus das eine Glied im entgegengesetzten Sinne arbeiten, als das andere Glied. Es liegt im individuellen Interesse, daß ein Glied ist im sozialen Organismus, in dem die individuellen menschlichen Fähigkeiten zum Ausdrucke kommen; aber es liegt in jedermanns Interesse, daß diese individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht im Laufe der Zeit zum Schaden des Organismus sich umgestalten. Innerhalb des wirtschaftlichen Kreislaufes wird sich immer Kapital bilden. Lassen Sie es im wirtschaftlichen Kreislauf drinnen, so führt es zu unbegrenzter Besitzanhäufung. Sie können nicht als ein Wirtschaftliches belassen, was durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten als Kapital sich ansammelt — Sie müssen es überleiten in die Rechtssphäre. Denn in dem Augenblicke, wo der Mensch für das von ihm allein oder in Gemeinschaft Erzeugte mehr erwirbt, als er verbraucht, in dem Augenblicke also, wo er Kapital ansammelt, in dem Augenblicke ist sein Besitz wahrhaftig ebensowenig eine Ware, wie die menschliche Arbeitskraft eine Ware ist. Besitz ist ein Recht. Denn Besitz ist nichts anderes, als das ausschließliche Recht, eine Sache — sagen wir, Grund und Boden oder ein Haus oder dergleichen — mit Hinwegweisung aller anderen zu benützen, über irgendeine Sache zu verfügen mit Hinwegweisung aller anderen. Alle anderen Definitionen des Besitzes sind unfruchtbar für das Verstehen des sozialen Organismus. Das heißt, in dem Augenblicke, wo der Mensch Besitz erwirbt, ist der Besitz etwas, was innerhalb des rein politischen Staates, innerhalb des Rechtsstaates zu verwalten ist. Aber der Staat darf das nicht erwerben, sonst würde er selbst Wirtschafter. Er hat es nur überzuleiten in den geistigen Organismus, wo die individuellen Fähigkeiten der Menschen verwaltet werden. Heute wird ein solcher Prozeß nur vollzogen mit den Gütern, die die «schofelsten» für die heutige Zeit sind. Für diese schofelsten Güter gilt das allerdings, was ich jetzt ausgeführt habe. Für die wertvollen Güter gilt es nicht. — Wenn heute einer etwas geistig produziert — sagen wir, ein sehr bedeutendes Gedicht, ein bedeutendes Werk als Schriftsteller, als Künstler —, so kann er ja für dreißig Jahre nach seinem Tode das Erträgnis seinen Nachkommen vererben. Dann geht die Sache als freies Gut nicht auf seine Nachkommen über, sondern auf die allgemeine Menschheit. Man kann dreißig Jahre nach dem Tode einen Schriftsteller in beliebiger Weise nachdrucken. Das entspringt einem ganz gesunden Gedanken; dem Gedanken, daß der Mensch auch das, was er in seinen individuellen Fähigkeiten hat, der Sozietät verdankt. Geradeso wenig wie man auf einer einsamen Insel sprechen lernen kann, wie man sprechen nur im Zusammenhang mit den Menschen lernen kann, so hat man seine individuellen Fähigkeiten auch nur innerhalb der Sozietät — gewiß auf Grundlage desjenigen, was im Karma liegt, aber das muß entwickelt werden durch die Sozietät. Man schuldet es in einer gewissen Weise der Sozietät. Es muß wiederum an die Sozietät zurückfallen und man hat es nur eine Zeitlang zu verwalten, weil es für den sozialen Organismus besser ist, wenn man es verwaltet: Man kennt das, was man hervorgebracht hat, selber am besten, man kann es daher zunächst auch am besten verwalten. Diese schofelsten Güter für die heutige Menschheit, nämlich die geistigen, die werden also in einer gewissen Weise unter Berücksichtigung des Zeitbegriffes sozial taxiert.

Wütend sollen einige kapitalistisch aussehende Zuhörer neulich in Bern geworden sein bei meinem Vortrage — so wurde mir berichtet —, als ich sagte: Warum sollte denn zum Beispiel ein Gesetz unmöglich sein, das den Kapitalbesitzer verpflichtete, so und so viele Jahre nach seinem Tode sein Kapital zur freien Verwaltung einer Korporation, der geistigen Organisation, des geistigen Teiles des sozialen Organismus zuzuweisen? Gewiß, man kann sich verschiedene Arten, ein konkretes Recht festzusetzen, ausdenken. Aber wenn heute die Menschen zurückkommen wollten auf das, was in der alten hebräischen Zeit rechtens war: nach einer bestimmten Zeit die Güterverteilung neu vorzunehmen — so würden die Menschen das heute als etwas Unerhörtes ansehen. Aber was ist die Folge davon, daß die Menschen das für etwas Unerhörtes ansehen? Die Folge davon ist, daß diese Menschheit in den letzten viereinhalb Jahren zehn Millionen Menschen getötet hat, achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln gemacht hat und sich anschickt, weiteres nach dieser Richtung zu tun. — Besonnenheit in solchen Dingen, das ist es denn doch, um was es sich heute vor allen Dingen handelt, meine lieben Freunde. Es ist tatsächlich nichts Unbedeutendes, wenn verlangt wird, daß zum Begreifen des sozialen Organismus der Zeitbegriff herangezogen wird. Man denkt ja den sozialen Organismus ganz zeitlos, wenn man sagt: das oder jenes soll schon im Entstehungszustand, im Status nascens, mit dem Kapital geschehen. Man muß das Kapital entstehen lassen, man muß es auch eine Weile verwaltet sein lassen von denen, welche es haben entstehen lassen; man muß aber wieder die Möglichkeit haben, durch einen gesund, das heißt dreigliedrig funktionierenden sozialen Organismus, es in die wirkliche Allgemeinheit der Menschen übergehen zu lassen.

Sie können nicht sagen: warum sollte denn nicht ein eingliedriger sozialer Organismus das alles auch können. Das glauben nämlich heute noch die Menschen, daß der das auch kann. Es ist aber doch recht schlecht mit der Menschenpsyche gerechnet, wenn man dieses glaubt. Bedenken Sie nur, was es bedeutet — denn man muß mit der menschlichen Seele rechnen —, wenn vor einen Richter ein nah oder ein entfernter Verwandter gestellt wird. Er hat seine besonderen Gefühle als naher oder entfernter Verwandter, aber wenn er zu richten hat, wird er nicht nach diesem Gefühl richten, sondern nach dem Gesetze selbstverständlich. Er wird aus einer anderen Quelle heraus urteilen. Das in umfassender Weise psychologisch durchdacht gibt Ihnen Ausblicke auf die Notwendigkeit, daß die Menschen das, was im sozialen Organismus zusammenfließt, aus drei verschiedenen Richtungen her beurteilen, von drei Quellen her verwalten. Unsere Zeit fordert es nun einmal, daß man sich auf solche Dinge einläßt. Denn unsere Zeit ist die Zeit des Bewußtseinszeitalters. Und dieses Bewußtseinszeitalter will konkrete Ideen für den Menschen als Richtimpulse seines Handelns haben.

Viele Menschen fordern heute, man solle sich nicht an den Verstand und das abstrakte Denken halten, denn sie kennen nur das abstrakte Denken, sondern man solle aus dem Gemüte heraus urteilen, man solle sich vor allen Dingen in den Grundsätzen, welche das Leben von Mensch zu Mensch betreffen, an einen gewissen Glauben halten, denn das Denken sei doch nur für die eigentlichen Dinge der Wissenschaft. — Das ist aus dem Grunde eine bedenkliche Rede, weil gerade in unserer Zeit die Menschen gerade für das allerabstrakteste Denken intensiv veranlagt sind. Die Menschen wollen ja nur die geradlinigsten Begriffe festhalten. Und wenn sie sie einmal festgehalten haben, so kleben sie mit ungeheuerer Zähigkeit׳ an diesen geradlinigen Begriffen. Dieses abstrakte Denken ist vorzugsweise das Denken, das zu seinem Organe nur den menschlichen Kopf hat, das am meisten an das physische Organ, an den menschlichen Kopf gebundene Denken. Früher, zur Zeit des atavistischen Hellsehens kam in dieses Denken von der übrigen menschlichen Organisation ein nach dem Geiste gerichtetes Denken hinein. Diese Zeit des atavistischen Hellsehens ist vorüber. Bewußt müssen sich die Menschen nunmehr zu Imaginationen aufschwingen, bewußt das spirituelle Leben erfassen. Denn ohne auf das spirituelle Leben einzugehen, bleiben heute die Gedanken der Menschen leer. Woher rührt das?

Sie wissen ja aus den Auseinandersetzungen, die wir in der letzten Zeit gepflogen haben, daß das, was heute Kopf ist bei jedem Menschen, eigentlich der übrige Organismus, außer dem Kopfe, aus der früheren Inkarnation ist. Ich habe Ihnen das öfter auseinandergesetzt. Die Formationskräfte des Kopfes, natürlich nicht die physische Substanz, aber die Formationskräfte des menschlichen Hauptes, die ja auch in ihrer Rundung dem Kosmos gleichgebildet sind, gehen hinüber in den Kosmos. Was an Kräften unser Leben durchdauert zwischen Tod und neuer Geburt und in der nächsten Inkarnation zum Kopfe wird — dem sich dann aus dem Leibe der Mutter, befruchtet vom Vater, der übrige Organismus angliedert —, das ist der übrige Leib der vorhergehenden Inkarnation. Den Kopf verlieren wir in bezug auf seine Kräfte, indem wir durch den Tod gehen; den übrigen Leib in bezug auf seine Kräfte wandeln wir um zu unserem Haupte, zu unserem Kopf in der nächsten Inkarnation. Die große Masse der heutigen Menschen war in der vorigen Inkarnation so auf die Erde hingestellt, daß sie Verächter waren — wie man es damals meinte, im rechten christlichen Sinne —, Verächter des irdischen Jammertales. Diese Verachtung ist ein Gefühl. Das ist an den übrigen Organismus, nicht an den Kopf gebunden. Aber indem diese Menschen sich heute reinkarnieren, wird dasjenige, was in der vorigen Inkarnation ein scheinbar sehr erhabenes christliches Gefühl war, indem es nunmehr das Organ des Kopfes ausbildet und reinkarniert, in sein Gegenteil umgewandelt, es wird zur Sehnsucht nach der Materie, zur Sehnsucht nach dem materiellen Leben. Die heutigen Menschen sind angelangt an einem Wendepunkt der Entwickelung, von dem man sagen muß: in ihr Haupt ist möglichst wenig hineingekommen aus der früheren Inkarnation. Und gerade deshalb muß etwas Neues in die Menschen hinein, etwas, was jetzige Offenbarung ist, was jetzt aus der geistigen Welt den Menschen neu geoffenbart wird. Heute ist es nicht möglich, sich bloß auf die Evangelien zu berufen. Heute ist es notwendig, auf dasjenige hinzuhören, was heute der Menschheit an Geistigem gesagt wird. Teilnehmen an dem toten Denken, das nicht den lebendigen Organismus begreifen kann, tut zum Beispiel auch die katholische Kirche. Nicht müde wurden gerade die Redner dieser katholischen Kirche jetzt auch wiederum in Bern in dem Bekenntnis zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes. Aber, meine lieben Freunde, was nützt es, sich zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes zu bekennen, wenn man diesen Christus nur erfaßt mit einem toten Denken, das heißt, wenn er in den eigenen Gedanken zum toten Ideal wird? Wir haben heute nicht nötig, uns zu berufen auf Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, sondern wir haben nötig, uns zu berufen auf Christus, den lebendigen Sohn des Gottes. Das heißt auf den Christus, der jetzt lebendig wirkt, indem er neue Offenbarungen der Menschheit zukommen läßt.

In diesem Sinne will gerade Geisteswissenschaft dasjenige, was jetzt herein will als neue Offenbarung unmittelbar aus den spirituellen Welten, zum Impuls allen Denkens machen. Das aber würde den Menschen Gedanken geben, die in die Wirklichkeit untertauchen können. Diese Gedanken würden allerdings in vieler Beziehung entgegengesetzt sein denjenigen, die heute die Menschen beherrschen. Sehen Sie, meine lieben Freunde, an die kühnsten Gedanken, die der Wirklichkeit möglichst fremd sind, möchten sich die Menschen heute halten. Und haben sie einen solchen Gedanken, dann klammern sie sich wunderbar daran, merken nicht, welche Wirklichkeiten walten und den Gedanken unter Umständen modifizieren. Ich will Ihnen ein eklatantes Beispiel vorführen.

In Bern drüben redeten, wie die Staatsmänner vom Frühling und Frühsommer 1914 von dem Weltfrieden geredet haben, so jetzt die verschiedenen, wie man sagt «international» denkenden Menschen von dem kommenden Völkerbund. Sie wissen, der Gedanke des Völkerbundes ist entstanden aus dem Kopfe Woodrow Wilsons heraus. In jener Rede vom Januar 1917 hat Wilson diesen Gedanken vom

Völkerbund geäußert. Er hat ihn hingestellt als das, was erstrebt werden müsse, damit die Menschen in der Zukunft nicht wiederum zu so furchtbaren, grauenvollen Katastrophen kommen wie diejenigen, in die die Menschen der Gegenwart hineingetrieben worden sind. Er hat das Streben nach diesem Völkerbund als etwas absolut Notwendiges bezeichnet. Er hat zu gleicher Zeit gesagt, und das ist das Wichtige: Die Verwirklichung dieses Völkerbundes ist an eine bestimmte Voraussetzung geknüpft; ohne daß diese Voraussetzung erfüllt werde, könne von der Begründung eines solchen Völkerbundes überhaupt nicht gesprochen werden. Die notwendige Voraussetzung zur Begründung eines solchen Völkerbundes ist aber, daß dieser Krieg ausgehe ohne den Sieg der einen Partei über die andere. Denn niemals könne in einer Welt ein Völkerbund verwirklicht werden, wenn auf der einen Seite ein entscheidender Sieg, auf der anderen Seite eine entscheidende Niederlage sei.

Nun, das ist die Voraussetzung, ohne die Wilson nicht vom Völkerbund sprechen wollte. Dasjenige, was sich erfüllt hat, ist das genaue Gegenteil von dem, was Wilson als die Voraussetzung zum Völkerbund bezeichnet hat. Dennoch werden die Menschen den Völkerbund heute so, wie Wilson im Januar 1917 über ihn als eine Hypothese gesprochen hat, begründen. Das heißt eben gerade in seinem Denken der Wirklichkeit ganz fernstehen, sich anklammern an einen Gedanken und gar nicht die Möglichkeit haben, mit diesem Gedanken in die Wirklichkeit unterzutauchen, die Wirklichkeit zu erfassen, einzubeschließen in seine Gedanken diese Wirklichkeit. Das aber ist das Allernotwendigste für die Gegenwart. Den Leuten fällt gar nicht ein, daß sie nicht bei ihren Gedanken stehenbleiben dürfen, sondern daß sie vor allen Dingen heute nötig haben, von diesen Gedanken aus in die Wirklichkeit hineinzuschauen.

Ein Beispiel von einem gutmeinenden Menschen konnte man jetzt wiederum in Bern erleben an dem Pazifisten Schücking. Sehen Sie, die Leute redeten von dem Völkerbund mit all seinen Einrichtungen. Kurioserweise fielen sogar die Worte, daß man, wie die einzelnen Staaten Parlamente haben, so einen Überstaat und Uberparlamente anstreben müsse. Schücking sagte zum Beispiel: Ja, da werde eingewendet, daß die verschiedenen Staaten doch Individualitäten seien und sich nicht so einer einheitlichen, zentralistischen, überstaatlichen Leitung fügen werden. Dem widerspreche doch zum Beispiel, was die Nationalversammlung in Weimar tue. Da seien gerade die kleinen Territorialfürstentümer auch Individualitäten, aber es sei doch ein Sinn dafür vorhanden, das Ganze zusammenzufassen. — Es ist ein naheliegender Gedanke, man könnte sagen, ein selbstverständlicher Gedanke für die Abstraktlinge, denn was könnte richtiger sein als das, was man im Kleinen kann mit den vielen kleinen Fürstentümern — sie nämlich zusammenzufassen durch die Nationalversammlung —, nun auch im Großen mit dem Überstaat machen zu können! Wer aber real, konkret denkt, wer gleich mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit geht, der sagt: Wodurch ist das möglich geworden in Weimar? — Durch die deutsche Revolution! Sonst wäre gar keine Rede gewesen, daß das möglich geworden wäre. Also: laßt erst eine Weltrevolution kommen, dann wird ein Uberparlament nach dem Muster der Weimarer Nationalversammlung möglich sein! Das ist der reale Gedanke, der überall an die Wirklichkeiten anknüpft, der sich nicht trennt von der Wirklichkeit, der sich krank fühlen würde, wenn er nicht an die Wirklichkeit anknüpfen würde.

Es ist so schwer, meine lieben Freunde, den Leuten heute klarzumachen, daß eben ein neues Denken notwendig ist, ein ganz neues, wirklichkeitsfreundliches Denken, und daß die Gesundung unserer Zustände von der menschlichen Neigung für dieses wirklichkeitsbefreundete Denken abhängt. Aber in die Wirklichkeit untertauchen kann kein Denken, das nichts wissen will von der geistigen Welt, denn in aller Wirklichkeit lebt eben die geistige Welt. Und wenn man nichts wissen will von der geistigen Welt, dann kann man heute schon am allerwenigsten in die Wirklichkeit untertauchen, und in der Zukunft wird man es erst recht nicht können. Daher ist schon mit eine Hauptfrage für die Gesundung der heutigen Welt die Hinwendung der Menschheit zur geisteswissenschaftlichen Erkenntnis. Das muß natürlich doch die Grundlage bilden — und das könnte die Grundlage bilden, kann leicht die Grundlage bilden. Sagen Sie nicht immer die oberflächlichen, geschwätzigen Worte, es sei schwer, diese Geisteswissenschaft in die Wirklichkeit überzuführen, weil die Menschen Geisteswissenschaft nicht annehmen wollen. Schaffen Sie die Staatliche Oberaufsicht über Universitäten, Gymnasien, Volksschulen ab — und in zehn Jahren ist an die Stelle der heutigen, Menschenseelen ertötenden und verderbenden Wissenschaft die Geisteswissenschaft getreten, wenigstens in ihren notwendigen, elementaren Grundlagen! Denn was heute aus dem emanzipierten Drittel des gesunden sozialen Organismus, aus der geistigen Organisation heraus erwachsen kann, das wird anders ausschauen als dasjenige, was überwacht worden ist von jenem Staate, der nur seine Geistlichen ausbilden wollte, das heißt nur eine Staatstheologie duldete, oder der nur seine Juristen ausbilden wollte, daher eben nur seine Staatsjuristen gelten ließ; von der Medizin gar nicht zu reden, wo es blödsinnig und lächerlich ist, daß eine andere Medizin gelten soll drüben und herüben über die Grenzen von Staat zu Staat, daß nicht dasselbe Wissen heilsam sein soll für die Menschen hier und dort und so weiter.

Ich habe Ihnen öfter betont, für das sozialistische Denken ist alles geistige Leben eine Ideologie. Welches ist denn der tiefere Grund, daß alles geistige Leben für das sozialistische Denken der proletarischen Masse heute eine Ideologie ist? — Weil ja alles Wissen getragen werden soll von einem Äußeren, von dem politischen Staate, weil es nur der Schatten des politischen Staates ist! Es ist ja eine Ideologie. Denn soll das geistige Leben nicht Ideologie sein, so muß es aus seinen eigenen Kräften fortwährend seine Wirklichkeit beweisen, das heißt, es muß eben emanzipiert, auf sich selbst gestellt sein. Das geistige Leben hat seine Wirklichkeit fortwährend zu beweisen, darf nicht eine äußere Stütze haben. Nur ein solches geistiges Leben, das keine äußere Stütze hat, das sich lediglich auf die menschlichen Fähigkeiten gestellt sieht, das sich lediglich aus sich selbst verwaltet, wird in gesunder Weise auch seine Zweigströmungen in den Kapitalismus hineinsenden. Denn die Verwaltung durch Kapitalismus ist auch keine andere als die durch menschliche Fähigkeiten. Machen Sie das geistige Leben an seinem Ursprünge gesund, so wird das geistige Leben auch da gesund, wo es in den Kapitalismus einmündet und das Wirtschaftsleben zu leiten hat.

So hängen die Dinge zusammen, und mit diesem Zusammenhang muß man sich bekanntmachen. Meiden muß man, meine lieben Freunde, all das Denken der heutigen Abstraktlinge, das wirklichkeitsfremde Denken, das einem auf Schritt und Tritt überall entgegenkommt und das unsere heutigen Zustände hervorgerufen hat, von dem unsere heutigen Zustände die Folge sind. Man sieht es heute nur noch nicht ein.

Heute fragen die Menschen: Wie muß der Überstaat sein? — und sie denken nach, wie der bisherige Staat war; was er getan hat, das soll auch der Überstaat tun. Aber liegt es nicht viel näher, zu fragen, was dieser Staat unterlassen soll? Nachdem die Staaten zur europäischen Katastrophe geführt haben, liegt es viel näher, zu fragen, was sie unterlassen sollen. Unterlassen sollen sie, sich einzumischen in das geistige Leben, unterlassen sollen sie, Wirtschafter zu sein. Beschränken sollen sie sich auf das bloße politische Gebiet. Heute kann man nicht fragen: Wie wird ein Völkerbund begründet? — und sich zum Muster für dieses Begründen nehmen, was die Staaten getan haben oder tun sollen, sondern es ist besser und heute zeitgemäßer zu fragen, was die Staaten unterlassen sollen.

Wenig noch sind die Menschen geneigt, auf diese Dinge wirklich einzugehen. Aber das Schicksal der Menschheit unserer Zeit wird davon abhängen, ob man auf diese Dinge eingeht. Ich habe Ihnen heute, ich möchte sagen, einleitungsweise über diese Dinge gesprochen. Ich werde morgen darüber weitersprechen.




Zuletzt aktualisiert: 16-Aug-2019
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