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Die Erziehungsfrage als soziale Frage

Schmidt-Nummer: S-3797

Online seit: 30th November, 2017

FÜNFTER VORTRAG

Dornach, 16. August 1919

In die Betrachtungen, die wir jetzt pflegen, gehört ein immer weiteres Eingehen auf die Zeitgeschichte in dem Sinne, wie sich die Weltenkräfte einfügen in die Entwickelungsströmung der Gegenwart und wie sie gestalten die Grundlagen unseres menschlichen Lebens. Sie haben ja aus den gestrigen Auseinandersetzungen gesehen, wie es immer notwendiger und notwendiger wird, die starren, abstrakten Begriffe, die der gegenwärtige Mensch gewohnt ist, zu verwandeln in flüssige, bewegliche, lebendige Begriffe, wenn wir im Leben weiterkommen wollen als Menschheit. Ein besonderes Licht wirft auf alle die in dieser Beziehung in Betracht kommenden Tatsachen die Betrachtung desjenigen, was wir unter den menschlichen Seelenkräften die Intelligenz nennen. Sie wissen ja, der Mensch der Gegenwart ist auf seine Intelligenz ganz besonders stolz. Er betrachtet die Intelligenz gewissermaßen als dasjenige, das er sich im Laufe der Zeit als ein besonders Auszeichnendes errungen hat.

Wenn der Mensch der Gegenwart zurücksieht auf frühere Zeitepochen, sieht, wie die Menschen in früheren Zeitepochen manches sich bildlich vorgestellt haben, wie sie dasjenige, was der Mensch der Gegenwart glaubt jetzt richtig zu erkennen durch seine Intelligenz, durch seine Wissenschaft, wie die Menschen früherer Entwickelungsepochen das durch Mythen, Legenden und dergleichen zu durchdringen versuchten, dann nennt der Mensch der Gegenwart diese frühere Geistes- und Seelenverfassung wohl kindlich. Er blickt dann zurück auf kindliche Stufen der Entwickelung und tut sich so recht etwas darauf zugute, wie er es weit gebracht hat, besonders in der Ausbildung der Intelligenz. Die heutige Auseinandersetzung möge einmal gerade der Eigentümlichkeit der menschlichen Intelligenz gewidmet sein, möge ins Auge fassen diese Seelenkraft, auf die der Mensch der Gegenwart ganz besonders stolz ist, Wenn man gegenwärtig von Intelligenz spricht, dann hat man eben eine Seelenkraft im Auge, die man sich in einer bestimmten Weise vorstellt, und von der man nur denkt, daß sie so sein könne und sein müsse, wie man gewohnt worden ist, sie sich vorzustellen,

Nun, es haben Intelligenz, wenn auch Intelligenz von anderer Form, auch gehabt die Menschen früherer Entwickelungsepochen, und will man die Bedeutung der sogenannten Intelligenz für den Menschen der Gegenwart voll kennenlernen, dann muß man schon die Frage aufwerfen: Wie sah die Intelligenz der Menschen früherer Entwickelungsepochen aus und wie hat sich diese Intelligenz der Menschheit von früheren Zeiten bis in unsere Zeiten herein allmählich verändert?

Wir wollen heute nicht weiter zurückgehen als bis zu derjenigen Zeit, die wir gewohnt worden sind, die dritte nachatlantische Zeitperiode zu nennen, die ägyptisch-chaldäische Zeit, auf die dann gefolgt ist die griechisch-lateinische Zeit, und auf die wiederum gefolgt ist unsere Zeit. Wir wollen betrachten die besondere Eigentümlichkeit der Intelligenz bei den alten Ägyptern, Chaldäern, bei den Griechen und Römern und dann übergehen zu der Betrachtung der besonderen Art von Intelligenz, welche uns Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraumes eigen ist, Sie sehen daraus, daß ich voraussetze, daß das nicht richtig ist — und es ist auch nicht richtig —, wenn man denkt, Intelligenz ist einmal Intelligenz, ist nur auf eine Art möglich; wer unsere Intelligenz hat, ist eben intelligent, wer unsere Intelligenz nicht hat, ist eben unintelligent, Das ist nicht richtig. Die Intelligenz geht Metamorphosen durch, die Intelligenz verwandelt sich. Sie war anders in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, als sie bei uns ist. Die andersartige Intelligenz der ägyptisch-chaldäischen Zeit macht man sich am besten anschaulich, wenn man sich sagt, daß instinktiv durch seine Intelligenz der alte Ägypter, auch der alte Chaldäer die Verwandtschaft fühlte, die Verwandtschaft auffaßte, begriff, seiner eigenen menschlichen Wesenheit mit dem ganzen Kosmos.

Über dasjenige, worüber der heutige Mensch nachdenkt durch seine Intelligenz, dachten ja die ägyptisch-chaldäischen Menschen wenig oder gar nicht nach. Denn diese Art von Intelligenz hatten sie nicht. Wenn sie dachten, wenn sie ihre Intelligenz in Fluß brachten, dann lebte in dieser Intelligenz ihr Zusammenhang mit dem Kosmos, Der alte Ägypter, der alte Chaldäer wußte, wie er mit dem oder jenem Tierkreisbilde in Beziehung stand, er wußte, welchen Einfluß auf seine seelische, leibliche Beschaffenheit Mond, Sonne, die anderen Planeten haben. Er wußte, wie auf die menschliche Wesenheit wirkt die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten. Das alles faßte er auf durch seine Intelligenz. Ein völlig inneres Bild bekam er von seiner Verwandtschaft mit dem Kosmos durch seine Intelligenz.

Diese Intelligenz verwandelte sich, als die ägyptisch-chaldäische Periode der Menschheit abgelaufen war im 8. Jahrhundert vor der Begründung des Christentums. Nach und nach wurde da die Intelligenz etwas völlig anderes, als sie in der ägyptisch-chaldäischen Zeit war. In die Intelligenz kam nicht mehr herein vollständig, so wie es vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert der Fall war, das Begreifen des Zusammenhanges mit dem Kosmos, Man wußte noch von diesem Zusammenhang mit dem Kosmos, aber man wußte mehr wie in einer Art von Nachklang, wie in einer Art von Erinnerung an dasjenige, was man früher in dieser Beziehung gewußt hat; dafür aber kam herein in die griechische Intelligenz mehr ein Nachdenken des Menschen über sich selbst, wie er ist weniger in Beziehung auf den Kosmos, wie er ist mehr abgesehen vom Kosmos, als Erdenbewohner. Der Grieche hatte aber ein deutliches Gefühl davon, ein deutliches Empfinden davon, indem er gerade seine Intelligenz anwandte; er begriff alles dasjenige von der irdischen Welt durch diese Intelligenz, was dem Tode unterliegt.

Dieses Gefühl ist wiederum verlorengegangen mit der Entwickelung der Intelligenz seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit dem fünften nachatlantischen Zeitraum. Der Grieche wußte, wenn er Übersinnliches verstehen wollte, da mußte er sich wenden an das Schauen, das mehr oder weniger atavistisch insbesondere in der vorchristlichen Zeit noch vorhanden war. Durch das Nachdenken, durch die Intelligenz wußte er, lernte er nur kennen diejenigen Gesetzmäßigkeiten, diejenigen Regeln, welche zugrunde liegen all dem, was auf der Erde dem Tode unterliegt, was stirbt. Will ich das Lebendige verstehen, muß ich schauen — so sagten sich die Plato-Schüler; indem ich nur nachdenke, begreife ich bloß das Tote.

Und in den griechischen Geheimschulen wurde über diesen Zusammenhang etwas ganz Bestimmtes auseinandergesetzt. Es wurde ungefähr das Folgende in den griechischen Geheimschulen über diesen Tatbestand auseinandergesetzt. Es wurde den Geheimschülern gesagt: Alles ist geistig, auch das scheinbar Materielle hat geistige Vorgänge, geistige Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegend. Dasjenige, was euch erscheint als Irdisch-Materielles, ist im Grunde genommen auch von geistigen Gesetzen beherrscht. Aber es gibt geistige Gesetze, denen gehört ihr insoweit an, als ihr leiblich seid. Insoferne als ihr leiblich seid und durch die Pforte des Todes tretet, wird euer Leib den materiellen Mächten und materiellen Kräften und Stoffen der Erde überliefert. Aber diese materiellen Kräfte und Stoffe der Erde sind nur scheinbar materiell, Auch sie sind geistig, aber sie sind von demjenigen Geistigen durchdrungen, das euch als der Tod erscheint. Begreift ihr durch eure Intelligenz irgendwelche Gesetze, so sind es die Gesetze des Toten, Es sind die Gesetze desjenigen, welches die Gräber enthalten, welche die Leichname aufnehmen. — Das wurde Überzeugung vieler griechischer Geheimschüler, daß die Intelligenz der Menschen nur begreifen kann dasjenige, was die Gräber aufnehmen, welche die Leichname in sich einschließen. Wollt ihr wissen — so sagte der Geheimlehrer zu den Geheimschülern —, in welchem Geistigen ihr lebt, wenn ihr hier auf der Erde lebt, oder wenn ihr mit eurer Seele leibfrei seid zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann müßt ihr das Geschaute als eure Überzeugung aufnehmen, Nehmt ihr nicht das Geschaute als eure Überzeugung auf, entwickelt ihr durch eure Intelligenz Begriffe und Ideen, so begreift ihr nur dasjenige, was Geist ist der Materie, die eure Leiber aufnimmt.

Während der ägyptisch-chaldäische Mensch in seiner Intelligenz empfand und wahrnahm seine Verwandtschaft mit dem ganzen Kosmos, nahm der griechische Mensch wahr durch seine Intelligenz dasjenige, was Grabstätten beherrscht. Auch wir nehmen durch unsere Intelligenz nur dasjenige wahr, was Grabstätten beherrscht, nur sind wir uns dessen nicht bewußt. Wir gehen deshalb — diejenigen, die das lernen sollen — in die Seziersäle, untersuchen den Leichnam und halten die Gesetzmäßigkeit des Leichnams, die wir durch unsere Intelligenz begreifen, für die Gesetzmäßigkeit des Menschen, Es ist aber nur die Gesetzmäßigkeit des Grabes; und dasjenige, was die Intelligenz begreift; ist die Gesetzmäßigkeit des Grabes.

Aber wiederum mit dem Übergange durch die Mitte des 15. Jahrhunderts verändert sich neuerdings die Intelligenz, und wir stehen im Anfange dieser Veränderung, dieser Umwandlung der Intelligenz. Unsere Intelligenz geht einen gewissen Weg; heute sind wir noch sehr stark in einer solchen Entwickelung der Intelligenz darinnen, wie sie die Griechen hatten. Wir begreifen durch unsere Intelligenz dasjenige, was dem Tode unterliegt. Aber auch diese Art von Intelligenz, die das Tote begreift, verwandelt sich. Und in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden wird diese Intelligenz etwas anderes, etwas weit anderes werden. Sie hat heute schon eine gewisse Anlage, unsere Intelligenz. Wir werden als Menschheit einlaufen in eine Entwickelung der Intelligenz so, daß die Intelligenz wird die Neigung haben, nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen und auszudenken nur das Böse.

Das wußten ja die Geheimschüler und wußten namentlich die Eingeweihten seit einer gewissen Zeit, daß die menschliche Intelligenz entgegengeht ihrer Entwickelung nach dem Bösen hin, daß es immer mehr und mehr unmöglich wird, durch die bloße Intelligenz das Gute zu erkennen. Die Menschheit ist heute in diesem Übergange. Wir können sagen: Gerade noch gelingt es den Menschen, wenn sie ihre Intelligenz anstrengen und nicht in sich ganz besonders wilde Instinkte tragen, nach dem Lichte des Guten etwas hinzuschauen. Aber diese menschliche Intelligenz wird immer mehr und mehr die Neigung bekommen, das Böse auszudenken und das Böse dem Menschen einzufügen im Moralischen, das Böse in der Erkenntnis, den Irrtum.

Das war mit einer der Gründe, warum die Eingeweihten sich die Männer der Sorge nannten, weil in der Tat, wenn man in dieser Einseitigkeit, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, die Entwickelung der Menschheit betrachtet, so macht sie Sorge; Sorge gerade wegen der Entwickelung der Intelligenz. Es ist schließlich gar nicht umsonst, daß die Intelligenz dem gegenwärtigen Menschen so viel Stolz und Hochmut einflößen kann. Das ist, möchte ich sagen, der Vorgeschmack für das Böse -Werden der Intelligenz im fünften nachatlantischen Zeitraum, an dessen Anfang wir stehen. Und würde der Mensch nichts anderes ausbilden als seine Intelligenz, dann würde er auf der Erde ein böses Wesen werden. Wir dürfen nicht rechnen, wenn wir mit der Zukunft der Menschheit rechnen und diese Zukunft uns als heilsam denken wollen, wir dürfen nicht rechnen auf die einseitige Ausbildung der Intelligenz. Diese Intelligenz war noch in der ägyptisch-chaldäischen Zeit etwas Gutes, diese Intelligenz ist dann dasjenige geworden, was seine Verwandtschaft eingegangen hat mit den Kräften des Todes. Diese Intelligenz wird eine Verwandtschaft eingehen mit den Kräften des Irrtums, der Täuschung und des Bösen.

Das ist etwas, worüber sich die Menschheit eigentlich keiner Illusion hingeben sollte. Die Menschheit sollte unbefangen damit rechnen, daß sie sich zu schützen hat gegen die einseitige Entwickelung der Intelligenz. Und nicht umsonst wird gerade durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein anderes hinzukommen, hinzukommen die Aufnahme desjenigen, was durch ein erneuertes Schauen aus der geistigen Welt heraus gewonnen werden kann, was nicht durch Intelligenz begriffen werden kann, sondern nur begriffen werden kann, wenn man eingeht auf dasjenige, was die Wissenschaft der Einweihung holt aus den geistigen Welten heraus durch Schauung.

Aber ein Objektives ist dazu notwendig, Und hier tritt man vor ein tiefes Geheimnis gerade der christlich-esoterischen Entwickelung, Wäre das Mysterium von Golgatha nicht im Laufe der Erdenentwickelung geschehen, dann wäre es unvermeidlich, daß die Menschen nach und nach durch ihre Intelligenz böse und in den Irrtum verfallende Wesen werden müßten. Sie wissen ja, mit dem Mysterium von Golgatha ist nicht nur eine Lehre, eine Theorie, eine Weltanschauung, eine Religion in die Entwickelung der Menschheit eingeflossen, sondern mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas Tatsächliches geschehen. In dem Menschen Jesus von Nazareth hat gewohnt das außerirdische Wesen, der Christus. Dadurch, daß der Christus in dem Jesus von Nazareth gewohnt hat, der Jesus von Nazareth gestorben ist, ist das Christus -Wesen übergegangen in die irdische Entwickelung, da ist das Christus-Wesen darinnen. Wir müssen uns nur bewußt sein, daß das eine objektive Tatsache ist, daß das eine Tatsache ist, die mit dem, was wir subjektiv erkennen, was wir subjektiv empfinden, als solches nichts zu tun hat. Wir müssen es erkennen um unseres Erkennens willen. Wir müssen es aufnehmen in unser Ethos, um dieses unseres Ethos willen. Aber der Christus ist ausgeflossen in die Menschheitsentwickelung, da ist er seitdem darinnen was man die Auferstehung nennt — und er ist vor allen Dingen in unseren eigenen Seelenkräften. Fassen Sie nur einmal diese Tatsache in ihrer ganzen Tiefe auf!

Blicken Sie hin auf den Unterschied des Menschen, der gelebt hat vor dem Mysterium von Golgatha, und des Menschen, der lebt nach dem Mysterium von Golgatha. Gewiß, es sind immer dieselben Menschen, denn die Seelen gehen ja durch die wiederholten Erdenleben. Aber indem wir den Menschen als Erdenmenschen betrachten, müssen wir diesen Unterschied machen zwischen dem Menschen, der vor dem Mysterium von Golgatha gelebt hat, und dem Menschen, der nach dem Mysterium von Golgatha lebt,

Sehen Sie, wenn man zu einem allgemeinen Gottes-Begriffe kommt, so ist dieser allgemeine Gottes-Begriff nicht der Christus-Begriff, Den allgemeinen Gottes-Begriff kann man bekommen, wenn man die Natur in ihren Erscheinungen verfolgt, wenn man das menschliche physische Wesen, so weit es äußerlich zu betrachten ist, verfolgt. Die Christus-Wesenheit ist so, daß man ihr nur nahekommt, wenn man im Lauf des irdischen Lebens etwas in sich selber entdeckt. Den allgemeinen Gottes-Begriff kann man finden, indem man einfach sich sagt, man ist aus den Kräften der Welt zum Dasein gekommen, Den Christus-Begriff muß man finden in sich, indem man weiter kommt, als die Natur einen kommen läßt. Findet man, wenn man in der Welt lebt, nicht den Gottes-Begriff, dann ist dieses Nichtfinden des Gottes-Begriffes eine Art von Krankheit. Ein gesunder Mensch ist niemals wirklich atheistisch. Man muß in irgendeiner Weise leiblich oder seelisch krank sein, Diese Krankheit äußert sich oftmals eben durch nichts anderes, als daß man Atheist ist.

Christus nicht zu erkennen, ist nicht eine Krankheit, sondern ein Unglück, ist ein Versäumnis des Lebens. Dadurch, daß man sich besinnt auf das Geborenwerden aus der Natur und ihren Kräften heraus, kann man, wenn man mit gesunder Seele dieses Geborenwerden verfolgt, zum Gottes-Begriff kommen. Dadurch, daß man im Laufe des Lebens etwas erlebt wie eine Wiedergeburt, kann man zum Christus-Begriff kommen. Die Geburt führt zu Gott, die Wiedergeburt zu Christus. Zu dieser Wiedergeburt, durch welche der Christus als Wesenheit im Menschen gefunden werden kann, konnte der Mensch vor dem Mysterium von Golgatha nicht kommen. Und das ist der Unterschied, auf den ich Sie bitte Ihr Augenmerk zu richten: daß der Mensch vor dem Mysterium von Golgatha, weil der Christus noch nicht ausgeflossen war mit seiner Wesenheit in die Menschheit, nicht zu dieser Wiedergeburt kommen konnte, nicht erkennen konnte, daß in ihm der Christus lebt. Nach dem Mysterium von Golgatha kann das der Mensch. Er kann den Funken des Christus in sich selber finden, wenn er sich anstrengt durch sein Leben.

Und in dieser Wiedergeburt, in diesem Finden des Christus-Funkens in sich, in diesem aufrichtigen und ehrlichen Sich-sagen-Können: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», liegt die Möglichkeit, den Intellekt nicht in Täuschung und in das Böse verfallen zu lassen. Und das ist im esoterisch-christlichen Sinne der höhere Begriff der Erlösung. Wir müssen unsere Intelligenz ausbilden, denn wir können ja nicht unintelligent werden; aber wir stehen, indem wir anstreben unsere Intelligenz auszubilden, vor der Versuchung, dem Irrtum und dem Bösen zu verfallen. Wir können der Versuchung, dem Irrtum und dem Bösen zu verfallen, nur entgehen, wenn wir uns aneignen die Empfindung von dem, was das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwickelung hineingebracht hat.

Es ist schon so, daß der Mensch in dem Christus-Bewußtsein, in dem Vereinigtsein mit dem Christus findet die Möglichkeit, dem Bösen, dem Irrtum zu entrinnen. Der ägyptisch-chaldäische Mensch brauchte die Wiedergeburt in Christo nicht, weil er noch die Verwandtschaft mit dem Kosmos durch seine naturgemäße Intelligenz fühlte. Der Grieche hatte im Grunde genommen den Ernst des Todes vor sich, wenn er seiner Intelligenz sich hingab. Jetzt lebt die Menschheit im Beginne eines Zeitalters, wo die Intelligenz böse werden würde, wenn die menschliche Seelenwesenheit sich nicht mit der Christus-Kraft durchdringen würde. Denken Sie einmal, das ist eine sehr ernste Sache. Das bezeugt, wie man nehmen muß gewisse Dinge, die sich in unserer Zeit ankündigen, wie man daran denken muß, daß in unserer Zeit die Menschen die Anlage bekommen zum Bösen, gerade weil sie einer höheren Ausbildung ihrer Intelligenz entgegengehen. Es wäre natürlich eine völlig falsche Spekulation, zu glauben, daß man etwa die Intelligenz unterdrücken soll. Die Intelligenz darf nicht unterdrückt werden, aber es gehört für den Einsichtigen in der Zukunft ein gewisser Mut dazu, der Intelligenz sich hinzugeben, weil die Intelligenz die Versuchung bringt zum Bösen und zum Irrtum und weil wir in der Durchdringung der Intelligenz mit dem Christus-Prinzip finden müssen die Möglichkeit, diese Intelligenz umzuwandeln. Ganz und gar ahrimanisch würde die Intelligenz der Menschen, wenn das Christus-Prinzip die Seelen der Menschen nicht durchdränge.

Sie wissen ja, wie vieles da ist, in der Entwickelung der Menschheit ersichtlich ist, besonders in der Gegenwart, von dem, was für den Einsichtsvollen schon zeigt, daß die Dinge sich so ankündigen, wie ich sie eben charakterisiert habe. Man denke nur, was das dritte von den Entwickelungsgliedern, die durch den Materialismus der Menschheit drohen, über die Menschen heute schon bringt. Sehen Sie, wenn Sie bedenken, mit wie viel Grausamkeiten die heutige Kulturentwickelung durchsetzt ist, die sich kaum vergleichen lassen mit den Grausamkeiten barbarischer Zeitalter, dann werden Sie kaum zweifeln können, daß sich die Morgenröte für den Abstieg der Intelligenz deutlich ankündigt. Man sollte nicht in oberflächlicher Weise die sogenannten Kulturerscheinungen unseres Zeitalters betrachten, man sollte wahrhaftig nicht daran zweifeln, daß die Menschen der Gegenwart sich aufraffen müssen zu einem wirklichen Erfassen des Christus-Impulses, wenn sie einer heilsamen Entwickelung entgegengehen wollen. Es ist zweierlei heute schon stark zu bemerken: Menschen, die sehr intelligent sind und die einen deutlichen Hang zum Bösen haben; und es ist auf der anderen Seite zu bemerken, wie viele Menschen unbewußt diesen Hang zum Bösen dadurch unterdrücken, nicht bekämpfen, daß sie ihre Intelligenz schlafen lassen. Schläfrigkeit der Seele oder aber bei wachen Seelen ein starker Hang zum Bösen und zum Irrtum, das ist in der Gegenwart durchaus zu bemerken.

Und nun erinnern Sie sich einmal, wie ich vor meiner letzten Abreise an einem Abend hier auseinandersetzte, wie anders die Kinder seit fünf bis sechs bis sieben, acht Jahren geboren werden heute, mit einem, man möchte sagen, melancholischen Anflug über den Gesichtern, der deutlich zu bemerken ist für denjenigen, der so etwas bemerken kann. Und ich habe gesagt: Das rührt davon her, daß die Seelen heute nicht gern heruntergehen in die von Materialismus erfüllte Welt. Man könnte sagen: Die Seelen haben vor ihrer Geburt eine gewisse Furcht und Angst in die Welt einzutreten, in der die Intelligenz den Hang, die Neigung zum Bösen hat und in absteigender Entwickelung begriffen ist.

Das ist auch etwas, wovon ein Bewußtsein entwickelt werden muß bei denjenigen Menschen, die für die Menschenzukunft Erzieher und Unterrichter werden. Die Kinder sind heute anders, als sie waren vor Jahrzehnten. Das ergibt sich schon einer oberflächlichen Betrachtung sehr deutlich. Man muß sie anders erziehen und anders unterrichten, als man sie vor Jahrzehnten unterrichtet hat. Man muß mit dem Bewußtsein unterrichten, daß man eigentlich bei jedem Kinde eine Rettung zu vollziehen hat, daß man jedes Kind dahin bringen muß, im Lauf des Lebens den Christus-Impuls in sich zu finden, eine Wiedergeburt in sich zu finden.

Solche Dinge, sie lebt man da, wo man sie zum Beispiel nötig hat als Lehrer, als Erzieher, nicht aus, wenn man sie einfach nur theoretisch kennt; sie lebt man nur aus, man führt sie nur ein in die Erziehung, in das Unterrichten, wenn man in der Seele stark erfaßt ist von diesen Dingen. Von der Lehrerschaft insbesondere muß es gefordert werden, daß sie in ihrer Seele stark erfaßt wird von diesem Sorgenvollen für die Menschheit, welche Versuchung der Intellekt mit sich bringt! Der Stolz, den die gegenwärtige Menschheit auf den Intellekt entwickelt, dieser Stolz, er könnte sich schwer rächen an der Menschheit, wenn er nicht durch dasjenige abgelähmt würde, was ich eben auseinandergesetzt habe, wenn er nicht abgelähmt würde durch ein starkes, energisches Bewußtsein: das Beste in mir als Mensch dieser und der folgenden Inkarnationen ist, was ich in mir als den Christus-Impuls finde,

Nun muß man sich klar sein darüber, daß dieser Christus-Impuls nicht sein darf die Dogmatik irgendeiner Religionsgemeinschaft, Die Religionsgemeinschaften haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in ihrer Entwickelung mehr beigetragen, den Christus-Impuls von der Menschheit zu entfernen, als ihn der Menschheit nahe zu bringen. Die Religionsgemeinschaften machen den Menschen allerlei vor; aber indem sie ihnen dies oder jenes vormachen, bringen sie sie dem Christus-Impuls nicht nahe. Notwendig ist, daß der Mensch fühlt, daß alles dasjenige, was sich ihm eröffnen und offenbaren kann in seinem Innern nach dem Mysterium von Golgatha hin, zusammenhängt mit dem, was für die Erde durch das Mysterium von Golgatha geworden ist. Empfindet man den Sinn der Erde in dem Mysterium von Golgatha, kann man sich aufraffen dazu, sich zu sagen: Die Entwickelung der Erde wäre sinnlos, wenn die Menschen durch ihre Intelligenz dem Bösen, dem Irrtum verfallen würden. Empfindet man so den Sinn des Mysteriums von Golgatha, dann empfindet man als sinnlos die Erdenentwickelung ohne das Mysterium von Golgatha.

Damit muß man sich stark, sehr stark durchdringen, wenn man heute und in der Zukunft etwas tun will, um den Menschen zu erziehen, den Menschen zu unterrichten, Diese großen Gesichtspunkte müssen eingenommen werden. Aber Sie wissen auch, wie weit die Menschen der Gegenwart entfernt sind davon, diese großen Gesichtspunkte einzunehmen; daher ist nichts notwendiger, als immer wieder und wiederum nicht nur zu verweisen auf die Wichtigkeit geisteswissenschaftlicher Lehre, sondern zu verweisen auf den Ernst, der sich unserer Seele bemächtigen soll dadurch, daß wir die entsprechenden Tatsachen in der Entwickelung der Menschheit durch die Geisteswissenschaft kennenlernen, Denn nicht allein unser Wissen, unser ganzes Leben soll einen Impuls bekommen durch dasjenige, was Geisteswissenschaft ist; ohne daß man diesen Ernst fühlt, ist man nicht wirklicher Geisteswissenschafter.

Und ich bitte Sie, auf diese besondere Offenbarung aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen heraus gründlich zu achten: daß die menschliche Intelligenz, sich selbst überlassen, der Bahn des Ahrimanischen entgegenwandelt, daß sie stark für das Gute nur werden kann durch die Aufnahme des wahren Christus-Impulses. Ich glaube, daß wer den vollen Ernst dieser Wahrheit in sich aufnimmt, auch diesen Ernst hineintragen wird in das Verhältnis, das er in sich ausbildet zu den verschiedenen Weltanschauungen und Weltanschauungsströmungen der Gegenwart. Denn da ist viel, sehr viel zu tun.

Nicht wahr: Leute, die jetzt von verschiedenen Gegenden des Ostens von Europa kommen, erzählen zu ihrem besonderen Entsetzen von einer Tatsache, die nicht gerade für das Fortgeschrittensein auf dem Wege nach einer besonderen Zivilisation zeugt. Das, was ich meine, ist das Vorhandensein, das Erstehen der sogenannten «Flintenweiber». Es ist das eine besondere Klasse von Menschen, die sich im Osten von Europa ausbilden, Frauen der europäischen Bevölkerung des Ostens, die verwendet werden in den gegenwärtigen revolutionären Bewegungen, wo ja immer derjenige, der nicht gerade der regierenden Partei angehört, in den Kerker oder ins Gefängnis überliefert. wird oder getötet wird nach einiger Zeit — wo der eben immer in Lebensgefahr ist. Ausersehen in gewissen Gegenden des Ostens sind dazu besonders jüngere Frauen, die ausgerüstet werden mit den vom Kriege übriggebliebenen Flinten und die das Amt haben, die Leute zu erschießen, die gerade die Gegner der nach oben gekommenen Regierung sind. Diese Flintenweiber sind angetan mit den gestohlenen Gewändern, in Putz und Tand, und haben ihre Freude daran, die Flinte zu tragen und die Leute zu erschießen und finden es mit der gegenwärtigen Menschlichkeit vereinbar, damit zu renommieren, wie sie sich aneignen, allmählich aneignen eine feine Empfindung dafür, wie das Blut von jungen Menschen spritzt, wie das Blut von älteren Menschen aussieht. Nicht wahr, wir sind schon angekommen bei ganz besonderen Gestaltungen unserer gegenwärtigen Zivilisation! Und das Institut der Flintenweiber ist ja immerhin eine Errungenschaft der Gegenwart.

Man muß auf solche Erscheinungen hinweisen. Sie sind da, um gewissermaßen die Reverse, die andere Seite des Ernstes unserer Zeit ins Auge zu fassen. Gewiß, man braucht nicht diese abscheulichen Auswüchse unserer sogenannten fortgeschrittenen Kultur zu kennen, um diesen Ernst, dem man sich hingeben soll in der Gegenwart, wirklich zu empfinden. Aus der Erkenntnis der Entwickelung der Menschheit selber soll uns dieser Ernst aufgehen. Man möchte wünschen, daß der Schlaf, der allmählich ergriffen hat die Menschheit der Gegenwart, in eine Erweckung hineingeht, Diese würdigste Erweckung, die kann nur sein das Ergriffenwerden von dem Ernst der Aufgabe, die obliegt den Menschen der Gegenwart, und der Hinweis auf die Gefahren des einseitig sich selbst überlassenen, ins Ahrimanische hineinsteuernden Intellektes. Das soll der Impuls sein, der uns durchtränkt mit diesem Ernste.




Zuletzt aktualisiert: 16-Aug-2019
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