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Die Erziehungsfrage als soziale Frage

Schmidt-Nummer: S-3799

Online seit: 30th November, 2017

SECHSTER VORTRAG

Dornach, 17, August 1919

Wenn ich Ihnen gestern ausgeführt habe, welches der Weg des menschlichen Intellektes, der menschlichen Intelligenz gegen die Zukunft hin sein wird, so beruht diese Auseinandersetzung auf ganz bestimmten Tatsachen, welche durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis an den Tag gefördert werden können, und von denen wir heute einige anführen wollen. Sie müssen sich, ich möchte sagen, praktisch bewußt sein: Wenn der Mensch vor Ihnen steht, so ist dieser Mensch eben durchaus dasjenige Wesen, von dem wir in der anthroposophischen Geisteswissenschaft sprechen. Das heißt, wir haben zunächst 0x01 graphic
Sie kennen ja diese Dinge aus meiner «Theosophie» — dessen müssen Sie sich immer bewußt sein, ein viergliedriges Wesen vor uns. Wir haben vor uns das Ich, den sogenannten astralischen Leib, den Ätherleib und den physischen Leib. Der Umstand, daß wir diese vier Glieder der menschlichen Wesenheit jedes Mal vor uns haben, wenn sozusagen der Mensch vor uns steht, das bewirkt, daß für das gewöhnliche heutige menschliche Anschauen man eigentlich nicht weiß, was man mit dem Menschen vor sich hat. Man weiß es eigentlich wirklich nicht. Man denkt: das, was man vor sich stehen sieht, den Raum erfüllend, das sei der physische Leib. Allein, was da dran physisch ist, das würde man nicht so sehen, wie man es sieht mit gewöhnlichen Augen, wenn es eben nur als physischer Leib vor uns stünde. Wir sehen dasjenige mit gewöhnlichen Augen, was als physischer Leib vor uns steht, so wie es ist, nur deshalb, weil es durchdrungen ist von Ätherleib, astralischem Leib und Ich. Dasjenige, was physischer Leib ist, das ist, so sonderbar das klingen mag, auch so lange wir leben zwischen der Geburt und dem Tode, Leichnam. Und eigentlich, wenn wir einen menschlichen Leichnam vor uns haben, so haben wir in Wahrheit den physischen Leib des Menschen vor uns. Wenn Sie den Leichnam sehen, dann haben Sie den physischen Menschen, ohne daß er durchdrungen ist von Ätherleib, astralischem Leib und Ich. Er ist von diesen verlassen und zeigt gewissermaßen seine wahre Wesenheit. Sie stellen sich selber daher nicht richtig vor, wenn Sie das, was Sie vermeinen als den physischen Leib des Menschen aufzufassen, glauben mit sich durch den Raum herumzutragen; Sie würden viel richtiger sich selber vorstellen, wenn Sie sich als Leichnam dächten und sich so begreifen würden, daß Ihr Ich, Ihr astralischer Leib, Ihr Ätherleib diesen Leichnam durch den Raum trägt.

Dieses Bewußtsein von der wahren Natur der menschlichen Wesenheit wird für unsere Zeit immer wichtiger und wichtiger. Denn sehen Sie, so wie das heute ist im gegenwärtigen Entwickelungszyklus der Menschheit und schon lange her, so war es nicht immer. Natürlich kann man diese Dinge, die ich jetzt erzähle, nicht durch die äußere physische Wissenschaft konstatieren, aber geisteswissenschaftliche Erkenntnis liefert eben diese Tatsache. Wenn man zurückgeht hinter das achte vorchristliche Jahrhundert, mit dem, wie Sie wissen, der vierte nachatlantische Zeitraum beginnt, dann würde man kommen, wie Sie wiederum wissen, in die ägyptisch-chaldäische Erdenperiode. Ja, da waren die menschlichen Leiber anders beschaffen, als sie heute beschaffen sind. Das, was menschliche Leiber waren, die Ihnen jetzt in den Museen als Mumien gezeigt werden, die waren in ihrer feineren Beschaffenheit wirklich nicht so beschaffen, wie der heutige menschliche Leib ist. Sie waren viel mehr durchsetzt von Pflanzlichkeit, sie waren nicht so vollständig Leichnam wie der heutige menschliche Leib Leichnam ist. Sie waren gewissermaßen als physischer Leib ähnlicher der Pflanzennatur, während der heutige physische Leib des Menschen 0x01 graphic
und schon seit der griechisch-lateinischen Zeit — ähnlicher ist der mineralischen Welt. Würden wir heute durch irgendein kosmisches Wunder dieselben Leiber bekommen, welche die ägyptisch-chaldäische Bevölkerung hatte, so würden wir alle krank sein. Das würde für uns eine Krankheit bedeuten. Wir würden wuchernde Gewebe im Leibe mit herumtragen. Und manche Krankheit besteht einfach darinnen, daß der menschliche Leib atavistisch teilweise zurückgeht in Zustände, welche die normalen waren während der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Es gibt heute geschwürige Bildungen des menschlichen Leibes, welche einfach davon herrühren, daß ein Stück eines Leibes bei dem oder jenem Menschen die Neigung bekommt, so zu werden, wie der ganze Leib bei der ägyptisch-chaldäischen Bevölkerung war.

Nun hängt das, was ich eben gesagt habe, mit der Entwickelung der Menschheit ganz wesentlich zusammen. Wir tragen also als gegenwärtige Menschen einen Leichnam herum. Der Ägypter noch nicht; der Ägypter trug etwas Pflanzenartiges mit sich herum. Davon war eben die Folge, daß seine Erkenntnis eine andere war als unsere Erkenntnis, seine Intelligenz anders wirkte als unsere Intelligenz wirkt, Bedenken Sie jetzt ganz genau: Was eigentlich erkennt denn der Mensch mit dem, was er heute seine Wissenschaft nennt, und worauf er so ungeheuer stolz ist? Nur das Tote! Es wird ja immer in der Wissenschaft betont: Das Leben wird mit der gewöhnlichen Intelligenz nicht begriffen. Zwar glauben diese und jene Forscher, wenn sie chemisch immer weiter und weiter experimentieren, dann werde einmal der Zustand eintreten, daß man durch komplizierte Kombinationen der Atome, Moleküle und deren Wechselkräfte das Wechselspiel des Lebens kennenlernen werde. Dieser Zustand wird niemals eintreten. Man wird auf chemisch-physischem Wege nur das mineralisch Tote begreifen, das heißt, man wird so viel begreifen an dem Lebendigen, als an dem Lebendigen heute Leichnam ist.

Aber was im Menschen intelligent ist und erkennt, das ist trotzdem dieser physische Leib, das heißt der Leichnam. Was tut denn eigentlich dieser Leichnam, den wir mit uns herumtragen? Er bringt es am weitesten in der mathematischen, geometrischen Erkenntnis. Da ist alles durchsichtig; dann wird es immer undurchsichtiger, je weiter man sich vom Mathematisch-Geometrischen entfernt. Das rührt davon her, daß der menschliche Leichnam der wirkliche Erkenner für uns heute ist, und daß das Tote nur das Tote erkennen kann, Was Ätherleib ist, was astralischer Leib ist, was Ich ist, das erkennt heute im Menschen nicht, das bleibt sozusagen im Dunkel stehen. Würde der Ätherleib ebenso erkennen können, wie der physische Leib das Tote erkennt, so würde der Ätherleib das Lebende der Pflanzenwelt zunächst erkennen. Das war aber das eigentümliche, daß im pflanzlich-lebendigen Leib der Ägypter diese Ägypter die Pflanzenwelt in einer ganz anderen Weise erkannten als der gegenwärtige Mensch. Und manche instinktive Erkenntnis aus der Pflanzenwelt, sie ist noch zurückzuführen auf die ägyptische Einsicht in dasjenige, was aus einem instinktiven Erkenntnisbewußtsein heraus der ägyptischen Kultur einverleibt worden ist. Selbst dasjenige, was heute in der Botanik für die Medizin gewußt wird, beruht vielfach noch auf Traditionen der alten ägyptischen Weisheit. Deshalb kommt es so oft dem Laienurteile dilettantisch vor, daß man sich gar zu gerne beruft auf irgendwelches Ägyptische, wenn man eine ja nicht sehr wertvolle Erkenntnis heute den Menschen vermitteln will, Sie wissen ja, wie sich manche gar nicht auf richtigem Fundamente ruhende sogenannte Logen «ägyptische Logen» nennen. Das rührt aber nur davon her, weil in diesen Kreisen noch Traditionen leben von der Weisheit, die durch den ägyptischen Leib zu erlangen war. Sehen Sie, man kann sagen: Mit dem allmählichen Eintritt der Menschen in die griechischlateinische Zeit ist der lebendige menschliche Pflanzenleib abgestorben, denn schon im Griechentum war der lebendige Pflanzenleib abgestorben, oder starb wenigstens allmählich ab. Wir tragen schon einen sehr stark toten Leib in uns, und insbesondere ist dieses Totsein für das menschliche Haupt richtig — wie ich Ihnen ja von einem anderen Gesichtspunkte auseinandergesetzt habe, daß das menschliche Haupt überhaupt für die Wissenschaft der Eingeweihten als Leichnam, als Totes, als fortwährend Sterbendes wahrgenommen wird. Dessen wird sich immer mehr und mehr bewußt werden die Menschheit: daß sie eigentlich nur mit dem Leichnam erkennt und deshalb das Tote erkennt.

Ebenso intensiv wird entstehen, je weiter wir der Zukunft entgegengehen, die Sehnsucht, wiederum das Lebendige zu erkennen. Aber man wird dieses Lebendige nicht durch die gewöhnliche Intelligenz, die an den Leichnam gebunden ist, erkennen. Es wird mancherlei notwendig sein, damit der Mensch, der verloren hat die Möglichkeit, auf lebendige Art in die Welt einzudringen, wiederum in solcher Weise in die Welt kommt. Man muß heute schon wissen, was der Mensch eigentlich alles verloren hat. Als der Mensch herüberkam aus der atlantischen Zeit in die nachatlantische Zeit, da konnte man manches nicht, was man heute kann. Sehen Sie, Sie können, jeder einzelne, wenn Sie sich meinen, seit einer gewissen Zeit in Ihrer Kindheit zu sich Ich sagen. Sie sagen dieses Ich recht respektlos. Dieses Ich wurde in der Menschheitsentwickelung nicht immer so respektlos gesagt. Es gab ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung, wenn die auch schon zum Teil verglommen waren selbst in der ägyptischen Zeit — es gab ältere Zeiten, da wurde für das, was das Ich ausdrückte, ein Name gebraucht, der, ausgesprochen, den Menschen betäubte. Daher vermied man, diesen Namen auszusprechen. Hätte die erste Bevölkerung gleich nach der atlantischen Katastrophe es erlebt, daß der bei ihnen geltende und nur den Eingeweihten bekannte Name für das Ich ausgesprochen worden wäre, die ganze Versammlung würde betäubt worden sein, würde umgefallen sein, so stark hätte der Name für das Ich gewirkt. Ein Nachklang dieser Tatsache ist noch vorhanden in der alten Hebräerzeit, wo man spricht von dem unaussprechlichen Namen des Gottes in der Seele, der ja nur ausgesprochen werden durfte von Eingeweihten oder aber vor der Gemeinde eurythmisiert wurde. Der unaussprechliche Name des Gottes, er hat seinen Ursprung in dem, was ich Ihnen eben erzählt habe. Allmählich ist dies immer mehr verlorengegangen. Dafür lähmten sich ab die tiefen Wirkungen, die von solchen Dingen ausgingen. In der ersten nachatlantischen Zeit: tiefe Wirkung von dem Ich; in der zweiten nachatlantischen Zeit: tiefe Wirkung von dem astralischen Leib; in der dritten nachatlantischen Zeit: tiefe Wirkung von dem Ätherleibe, aber nun schon eine erträgliche Wirkung, eine Wirkung, die — wie ich Ihnen gestern auseinandergesetzt habe — den Menschen in Zusammenhang bringt, in Verwandtschaft bringt mit dem Kosmos. Jetzt können wir das Ich, wir können alles Mögliche aussprechen, aber die Dinge wirken nicht mehr auf uns, weil wir dasjenige, was wir von der Welt erfassen, mit unserem Leichnam erfassen. Das heißt, wir erfassen von der Welt das Tote, Mineralische. Aber wir müssen uns 0x01 graphic
wiederum aufschwingen, zurückzukehren in jene Regionen, in denen wir das Lebendige erfassen. Und während der griechisch-lateinische Zeitraum vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis in die Mitte des 15. nachchristlichen Jahrhunderts vorzugsweise darauf angelegt war, immer mehr tote Erkenntnis für den Leichnam zu schaffen, geht bei uns jetzt die Intelligenz den Weg, von dem ich gestern gesprochen habe. Daher müssen wir uns aber stemmen gegen die bloße Intelligenz. Wir müssen zu der Intelligenz anderes hinzufügen.

Und da ist es charakteristisch, daß wir richtig den Weg zurückmachen müssen, daß wir jetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum in gewisser Beziehung das Pflanzliche erkennen, im sechsten das Tierische, im siebenten dann erst das wahrhaft Menschliche. Also es wird eine Aufgabe der Menschheit, gerade über das bloße Erkennen des Mineralischen hinauszugehen und das Pflanzliche zu erkennen.

Und jetzt, nachdem Sie dieses einsehen aus einem tieferen Zusammenhang heraus, bedenken Sie, welches der charakteristische Mensch ist für dieses Suchen der Pflanzenerkenntnis. Das ist Goethe. Denn indem er entgegen aller äußeren Wissenschaft vom Toten herangegangen ist an das Lebendige, an die Metamorphose, an das Werden der Pflanzen, war er der Mann des fünften nachatlantischen Zeitraums in seinen elementarischen Anfängen. Wenn Sie daher die kleine Abhandlung von Goethe aus dem Jahre 1790 lesen: «Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären», so finden Sie gerade in dieser Abhandlung, wie Goethe allmählich versucht, die Pflanze werdend zu erfassen, nicht als Totes, Abgeschlossenes, sondern als Werdendes von Blatt zu Blatt. Da sehen Sie den Aufgang jener Erkenntnis, die gerade in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum gesucht werden sollte.

Es ist also im Goetheanismus der Grundton angegeben für dasjenige, was gesucht werden soll durch diesen fünften nachatlantischen Zeitraum. Es wird gewissermaßen die Wissenschaft im Goetheschen Sinne aufwachen müssen, vom Toten zum Lebendigen herüberzugehen. Das ist ja gemeint, wenn ich immer wieder und wiederum sage, wir sollen uns aneignen, aus den toten abstrakten Begriffen herauszukommen, in die lebendigen konkreten Begriffe hinein. Und das, was ich vorgestern und gestern gesagt habe, ist im Grunde genommen der Weg in diese lebendigen konkreten Begriffe hinein.

Nun wird das Hineinkommen in diese Begriffe, in diese Vorstellungen nicht möglich sein, wenn wir uns nicht dazu bequemen, dasjenige, was wir unsere Weltanschauung und Lebensauffassung nennen, als eine Einheit auszubilden. Wir sind heute durch die besondere Konfiguration unserer Kultur genötigt, gewissermaßen unorganisch nebeneinander herlaufen zu lassen die verschiedenen Strömungen unserer Weltanschauung. Denken Sie nur einmal, wie unorganisch nebeneinander herlaufen oftmals die religiösen Weltanschauungen eines Menschen und die naturwissenschaftliche Weltanschauung, Mancher Mensch hat die eine und die andere; aber er schlägt keine Brücke. Ja, er hat eine gewisse Scheu davor, eine gewisse Angst davor, eine Brücke zu schlagen. Und das müssen wir uns schon klar machen: so kann es nicht bleiben.

Nun habe ich Sie auf eines aufmerksam gemacht während dieses meines Aufenthaltes, darauf, wie egoistisch eigentlich der Mensch heutzutage seine Weltanschauung gestaltet. Ich habe Sie auf die Tatsache hingeführt, daß den Menschen eigentlich heute vorzugsweise interessiert das Leben der Seele nach dem Tode. Aus reinem Egoismus heraus interessiert ihn dieses Leben der Seele nach dem Tode. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir übergehen müssen zu dem Interesse des Lebens der Seele von der Geburt an, insofern dieses eine Fortsetzung ist des Lebens vor der Geburt oder vor der Empfängnis, Würden wir mit derselben Sehnsucht, mit demselben Hang und derselben Neigung die Entwickelung des Kindes betrachten, wie es hereinwächst in die Welt als Fortsetzung des vorgeburtlichen geistig-seelischen Daseins, so würde unsere Welterkenntnis einen viel unegoistischeren Charakter annehmen, als sie heute hat. Aber dieser egoistische Charakter unserer Weltanschauung hängt zusammen mit manchem anderen. Und hier komme ich auf einen Punkt, wo die Menschen der Gegenwart sich über den wirklichen Tatbestand, der zugrunde liegt, immer klarer und klarer werden müssen. In dem Zeitraume bis zu unserer Zeit hat sich einmal im Menschen vorzugsweise das Egoistische entwickelt; das Ego hat durchdrungen die Weltanschauung, das Ego hat auch durchdrungen den Willen. Darüber sollten wir uns keiner Täuschung hingeben. Und vor allem sind egoistisch geworden die Religionsbekenntnisse. Daß die Religionsbekenntnisse egoistisch geworden sind, können Sie ja schon an den Äußerlichkeiten erkennen. Denken Sie sich nur, wie die heutigen Prediger angewiesen sind, mit dem Egoismus der Menschen zu rechnen. Je mehr sie schließlich mit dem Egoismus der Menschen rechnen, den Menschen Versprechungen machen können für das Leben der Seele nach dem Tode, desto mehr erreichen sie ihren Zweck, Viel Interesse für andere Dinge ist ja im Grunde genommen in der heutigen Menschheit kaum vorhanden, Und wenig interessieren sich die Menschen für jenes geistige Weben und Leben, das sich so wunderbar nach der Geburt, beziehungsweise nach der Empfängnis, mit der Seele, die vorher in der geistigen Welt war, ankündigt.

Eine Folge davon ist die Art, wie der Mensch heute überhaupt über das Göttliche in verschiedenen Religionsbekenntnissen denkt. Daß wir einen Gott als den Höchsten vorstellen, das will ja noch nichts Besonderes sagen. In dieser Beziehung kommt es darauf an, daß wir durchaus alle Täuschungen hinwegräumen. Die meisten Menschen, die heute «Gott» sagen, was meinen sie denn eigentlich? Ich habe das auch schon einmal hier erwähnt. Welche Art Wesenheit ist das, was sie meinen, wenn sie von Gott sprechen? Ein Angelos ist es, ein Engel, ihr eigener Engel, den nennen sie Gott! Es ist nichts anderes! Die Menschen ahnen gerade noch, daß ein schützender Geist ihr eigenes Leben verfolgt, zu dem sehen sie auf, das nennen sie ihren Gott. Wenn sie es auch nicht Engel nennen, wenn sie es auch Gott nennen, sie meinen nur den Engel. Und das ist im Grunde genommen der Egoismus des religiösen Bekenntnisses, daß man mit der Gottes-Idee nicht über den Engel hinauf kommt. Der Grund davon ist die Einengung der Interessen, die durch den Egoismus bewirkt ist. Diese Einengung der Interessen, wir sehen sie ja ganz deutlich hervortreten heute in unserem öffentlichen Leben.

Wonach fragen die Menschen heute viel? Fragen sie viel nach den allgemeinen Schicksalen der Menschheit? Oh, es ist in einem gewissen Sinne recht traurig, heute zu reden zu einer Menschheit über allgemeine Menschenschicksale. Man hat auch gar keinen Begriff davon, wie es sich in dieser Beziehung schon in verhältnismäßig kurzen Zeiten geändert hat. Sehen Sie, man kann heute zu den Menschen sagen: Der Waffenkrieg, welcher in den letzten vier bis fünf Jahren die Erde überzogen hat, wird gefolgt sein von dem mächtigsten Geisteskampfe, der über die Erde hingeht, in dieser Gestalt früher nicht hingegangen ist, der davon herkommt, daß das Abendland Maja oder Ideologie nennt, was das Morgenland die Wirklichkeit nennt, und daß das Morgenland Wirklichkeit nennt, was das Abendland Ideologie nennt. Man kann heute die Menschheit aufmerksam machen auf dieses Schwerwiegende, und sie hat nicht einmal ein Bewußtsein davon, daß, wenn ein Gleiches vor nur hundert Jahren gesagt worden wäre, so würde dieses Gleiche vor hundert Jahren die Seelen so ergriffen haben, daß sie nicht wieder losgekommen wären davon!

Diese Änderung der Menschheit, dieses Gleichgültigwerden der Menschheit gegenüber den großen Schicksalen des Daseins, das ist die auffälligste Erscheinung. Es prallt ja alles ab von der Menschheit heute. Die umfassendsten, einschneidendsten, intensivsten Tatsachen nimmt man auf wie eine Sensation. Sie wirken nicht erschütternd genug. Und das rührt nur davon her, weil der immer stärker und stärker werdende intelligente Egoismus die Interessen der Menschen einengt. Daher können die Menschen heute noch so gut Demokratien haben, Parlamente haben — wenn sie schon zusammenkommen in den Parlamenten, die Schicksale der Menschheit wehen nicht durch diese Parlamente, denn die Leute, die zumeist in die Parlamente gewählt werden, werden nicht durchweht von dem Schicksal der Menschheit. Es wehen die egoistischen Interessen. Jeder hat sein eigenes egoistisches Interesse. Äußerliche schematische Ähnlichkeiten in den Interessen, wie sie oftmals durch den Beruf hervorgerufen werden, lassen die Menschen sich gruppieren. Und wenn die Gruppen genügend groß sind, lassen sie sie zu Majoritäten werden. Und dann gehen nicht Menschenschicksale durch die Parlamente oder durch die Menschenvertretungen durch, sondern nur der Egoismus, multipliziert mit so und so vielen Personen. Weil das nur in den Menschen lebt, was den Egoismus betrifft, daher ist selbst das religiöse Bekenntnis in die Sphäre des Egoismus gerückt. Das religiöse Bekenntnis wird die notwendige Auffrischung erfahren, wenn die Interessen der Menschen weiter werden, wenn sie so werden, daß der Mensch wiederum über sein persönliches Schicksal zu dem Menschheitsschicksal aufblicken kann, wenn der Mensch wiederum ergriffen wird, ganz stark ergriffen wird, wenn man ihm sagt: im Westen erblüht eine andere Kultur als im Osten, und in der Mitte wiederum eine andere Kultur als an den beiden Polen im Westen und im Osten; wenn man ihm sagt: im Westen werden die großen Ziele der Menschheit gesucht — wenn sie schon gesucht werden — dadurch, daß man an mediale Menschen sich wendet und diese Menschen in eine Art von Trance bringt, sie dadurch gewissermaßen bewußt unterirdisch in Verbindung bringt mit den geistigen Welten, und dann sich von ihnen auf medialem Wege große historische Ziele sagen läßt. Das könnte man in Europa den Menschen so oft sagen — sie werden es nicht glauben, daß es wirklich Gesellschaften in amerikanisch-englischen Ländern gibt, in denen man versucht, medial veranlagte Menschen in eine Art von Trance zu bringen, um dann durch geschickt an sie gestellte Fragen herauszubekommen, welches die großen Schicksalsziele der Menschheit sind. Man glaubt es einem nicht, daß der Morgenländer ebenfalls über diese großen Schicksalsziele der Menschheit — jetzt nicht auf medialem Wege, sondern auf mystischem Wege — Kunde erhält. Das ist heute fast mit Händen zu greifen, denn überall sind die schönen Reden des Rabindranath Tagore zu haben, in denen man lesen kann, wie ein Morgenländer über Ziele der Menschheit im Großen denkt. Diese Reden werden zwar gelesen wie das Feuilleton von einem beliebigen Zeilenschinder, denn man unterscheidet heute wenig Zeilenschinder von Menschen mit großer Spiritualität, wie des Rabindranath Tagore. Man wird sich nicht bewußt, daß nebeneinander leben, ich möchte sagen, verschiedene Rassensubstantialitäten. Was für Mitteleuropa gilt, es ist ja von mir seit vielen Jahren in öffentlichen Vorträgen gesagt worden. Als das wurde es eben nicht genommen, als das es hätte genommen werden sollen.

Ich will damit aber nur hinweisen, daß man sich bewußt werden kann von etwas, das hinausragt über das egoistische Menschengeschick, das zusammenhängt mit dem Geschick von Menschengruppen, so daß man in konkreter Weise differenziert über die Erde hin. Erhebt man den Seelenblick zu einem solchen Erfassen und Begreifen von Menschenschicksalen im Erdenraume, interessiert man sich intensiv für dies über das persönliche Geschick Hinausgehende, dann stimmt man die Seele, etwas Höheres, Wirklicheres zu begreifen als den bloßen Engel: nämlich den Erzengel, Gedanken, was das Erzengelwesen bedeutet, kommen einem gar nicht, wenn man nur in den Regionen bleibt, die den egoistischen Menschen angehen. Wenn nur in den Regionen des egoistischen Menschen gepredigt wird, dann können die Prediger noch so viel vom Göttlichen reden, sie reden nur von dem Engel. Denn daß man es anders nennt, das ist ja nur eine Unwahrheit, das macht die Sache nicht zu dem, was sie ist. Erst wenn man beginnt, sich zu interessieren für des Menschen Geschick im Raume, dann beginnt die Seele in die Stimmung zu kommen, zum Erzengelwesen sich zu erheben.

Und gehen Sie jetzt über zu noch etwas anderem. Spüren Sie in uns das, was ich in diesen Vorträgen angedeutet habe von den aufeinanderfolgenden Impulsen der Menschheitsentwickelung! Spüren Sie, daß ein großer Teil unserer führenden Menschen ausgebildet werden in den Jahren, in denen die Menschenseele einer gewissen Biegsamkeit zugänglich ist, in den Gymnasien; in den Gymnasien, die nicht herausgeboren sind aus unserer Gegenwartskultur, sondern die, so wie sie sind, noch immer herausgeboren sind aus der Vergangenheitskultur der griechisch-römischen, der griechisch-lateinischen Zeit. Sehen Sie, wenn diese Griechen und Lateiner dasselbe getan hätten wie wir, dann hätten sie ägyptisch-chaldäische Gymnasien eingerichtet. Das haben sie nicht getan. Sie haben ihren Lehrstoff vom unmittelbaren Leben genommen. Wir nehmen ihn vom vorhergehenden Zeitraume, bilden danach die Menschen aus. Das hat eine große Bedeutung für die Menschen; aber wir haben diese Bedeutung nicht erkannt. Hätten wir diese Bedeutung erkannt, dann würde es innerhalb der Frauenbewegung einen Ton geben, den es nicht gegeben hat, dann hätte es innerhalb der Frauenbewegung den Ton gegeben, der so geklungen hätte: Die Männerwelt wird, gerade wenn sie ausgebildet werden soll zur besonderen Handhabung der Intelligenz, in die antiquierten Schulen geschickt. Daher wird ihr Gehirn verhärtet. Uns Frauen ist das gute Geschick zugewachsen, daß man uns in die Gymnasien nicht hat hineingelassen. Wir wollen unsere Intelligenz auf eine ursprüngliche Note stellen, wir wollen zeigen, was man für die Gegenwart entwickeln kann, wenn man nicht abgestumpft wird in seiner Jugend durch die griechisch-lateinische Gymnasialbildung,

Diese Note hat es nicht gegeben, Im Gegenteil, manche Note hat dahin geklungen Die Männer sind untergekrochen unter die griechisch-lateinische Gymnasialbildung, kriechen wir Frauen auch hinein. Werden wir auch Gymnasiasten.

So wenig hat Verständnis Platz gegriffen in bezug auf dasjenige, was not tut. Wir sollen wissen, daß wir in unserer Gegenwart nicht für diese Gegenwart erzogen werden, sondern erzogen werden für griechisch-lateinische Kultur. Die steckt daher in unserem Leben drinnen. Man muß sie spüren. Man muß spüren, was in der Gegenwart an griechisch-lateinischer Kultur gerade bei den führenden Menschen, bei der sogenannten Intelligenz, bei den Intellektuellen waltet; das ist die eine Schicht, die bei uns ist. Sie tragen wir eigentlich in unserer ganzen geistigen Bildung in uns. Wir lesen keine Zeitung, ohne daß nicht griechisch-lateinische Bildung drinnen ist, denn wir schreiben eigentlich in griechisch-lateinischer Form, auch wenn wir in unseren Landessprachen schreiben.

Und in bezug auf unsere Rechtsanschauung, da leben wir, wie ich schon ausgeführt habe, im Römertum drinnen wiederum etwas Antiquiertes. Da lebt im Recht das Römertum drinnen. Es führen ja manchmal die alten Landesrechte ihren Streit gegen das römische Recht, aber sie kommen nicht auf. Und das muß man wieder fühlen, ivvie in dem, was der Mensch Recht und Unrecht nennt im öffentlichen Leben, eine verglommene Zeit drinnen lebt.

Nur im Wirtschaftlichen leben wir eigentlich in der Gegenwart. Es will viel sagen, daß wir nur im Wirtschaftlichen in der Gegenwart leben. Daher wird sich wohl etwas sehr modifizieren, Wenn ich das in Parenthese einfügen darf: Von manchen Frauen werden natürlich die Begriffe der Gegenwart aufbewahrt — nur zum Kochen, das heißt zum Wirtschaften, und damit sind sie die eigentlichen Wesen der Gegenwart; das andere ist etwas Antiquiertes, das wir in die Gegenwart hereintragen. Ich sage nicht, daß dies als etwas besonders Wünschenswertes hingestellt werden soll; aber das andere ist jedenfalls nicht das Wünschenswerteste, daß man nun von der Gegenwart eben auch durch die Frauenseelen zurückgeht in antiquierte Kulturen, Wir haben eben, indem wir auf dasjenige schauen, was in unserer Kulturumwelt lebt, nicht nur das, was im Raume wirkt, sondern es wirken auch alte Zeiten herein. Und eignet man sich dafür eine Empfindung an, so wirkt nicht nur die Vergangenheit herein, es wirkt auch schon die Zukunft herein. Ja, es ist unsere Sache, daß die Zukunft hereinwirke. Denn würde nicht in jedem Menschen doch, für das Bewußtsein recht untergeordnet, eine Art Rebell gegen das Griechentum der Bildung und das Römertum des Rechtes sein, und würde da nicht Zukunft hereinleuchten, wir wären traurige Kerle, eigentlich recht traurige Kerle.

Neben dem Raume müssen wir also für das, was in unserer Kultur lebt, auch die Zeit in Betracht ziehen: dasjenige, was an Zeitgeschichte von alters her und von der Zukunft in unsere Gegenwart hereinragt. Wir müssen uns klar sein, daß wir, indem wir als Menschen der Gegenwart leben, hereinspielend haben in diese unsere Menschenseele Vergangenheit und Zukunft. Wie wir hereinspielen haben, indem wir Europäer sind — wie schon erwähnt —, Amerika, England, Asien, China, Indien, den Osten und den Westen, weil das die beiden Pole sind, so haben wir in uns Griechenland, Rom und die Zukunft. Und indem wir uns bequemen, das letztere ins Auge zu fassen, indem wir uns bewußt werden, wie Vergangenes, Werdendes, Entstehendes in unserer Seele lebt, geht in dieser Seele wieder eine andere Stimmung auf über das über den Egoismus hinausgehende Menschenschicksal, eine andere Stimmung als durch die bloße Raumbetrachtung. Und wenn wir diese Seelenstimmung entwickeln, dann erst entwickeln wir die Möglichkeit, Begriffe zu bilden über die Sphäre der Zeitgeister, der Archai. Das heißt, wir kommen zu dem dritten Göttlichen in der Hierarchienreihe. Es ist gut, wenn sich der Mensch zunächst darauf einläßt, diese drei Hierarchien durch die Mittel, die ich eben jetzt angeführt habe, in Begriffen, in Ideen sich vorzuführen. Denn die Formgeister, die dann kommen, sind unendlich viel schwieriger zu erfassen. Aber es genügt schon für den gegenwärtigen Menschen, wenn er den Versuch macht, über den Egoismus hinaus in die Sphäre des Unegoistischen zu dringen, und immer wieder und wiederum zu dringen, sich damit zu beschäftigen, was ich jetzt charakterisiert habe! Insbesondere sollte — das muß ich nun wiederum besonders sagen — in der Lehrerbildung dieses vorkommen, was ich jetzt auseinandergesetzt habe. Der Lehrer sollte nicht losgelassen werden zu unterrichten und zu erziehen, ohne daß er einen Begriff bekommt von dem Egoismus, welcher aufstrebt zu dem nächsten Gotte, das heißt zum Engel, ohne daß er aber auch einen Begriff bekommt von den unegoistischen, schicksalbestimmenden Mächten, die im Raume über der Erde nebeneinander sind, von den Erzengelwesen, und ohne daß er einen Begriff bekommt von dem, wie in unsere Kultur hereinragen Vergangenes und Zukünftiges, römisches Rechtswesen, griechische Geistessubstanz und der unbestimmte Rebell der Zukunft, der uns rettet.

Aber die Menschheit ist gegenwärtig wenig geneigt, auf diese Dinge einzugehen. Vor einiger Zeit habe ich in Vorträgen immer wieder und wiederum betont, daß es zu den sozialen Aufgaben gehört, unsere Bildungsmittel für die Zeit, die der Mensch heute in Gymnasien zubringt, aus der Gegenwart zu nehmen, es so zu machen, wie es schließlich die Griechen selber gemacht haben: daß sie ihre Bildungsstoffe aus der Gegenwart genommen haben.

Es sind — wenigstens der Zeit nach — an demselben Orte, wo ich über diese Frage immer wieder und wiederum als einer wichtigen sozialen Frage gesprochen habe — bald nachher, ich will nicht einen Kausalzusammenhang konstruieren, aber das ist ja auch gleichgültig, von symptomatischer Bedeutung ist die Sache — in allen Zeitungen des betreffenden Ortes in Massen Annoncen erschienen, worinnen für das gegenwärtige Gymnasium Propaganda gemacht wird. Ich hielt die Vorträge, in denen ich die Gymnasialbildung so charakterisierte, wie ich es Ihnen jetzt charakterisiert habe in den Zeitungen erschienen überall Annoncen: was das Deutschtum der Gymnasialbildung seiner Jugend verdankt zur «Stärkung des nationalen Bewußtseins», «der nationalen Kraft» und so weiter, ein paar Wochen vor dem Versailler Frieden! Unterschrieben waren diese Annoncen von allen möglichen dortigen lokalen Größen aus den Schulen, aus dem Unterrichtswesen. Es ist eben so, daß immer zurückprallt dasjenige, was man heute aus den wirklich sachlichen Untergründen der Menschheitsentwickelung darzulegen hat. Die Menschen lassen es zurückprallen — es berührt die Tiefen der Seele nicht.

Darauf beruht aber die Schwierigkeit des Wirkens in der sozialen Frage. Denn mit jenen Oberflächlichkeiten, mit denen man gewöhnlich heute der sozialen Frage beikommen will, wird man ihr nie und nimmer beikommen. Die soziale Frage ist eine tief bedeutsame Frage, eine Frage, der man nicht beikommt, wenn man nicht in die Tiefe des Menschen- und Weltwesens hineinschauen will. Gerade an dem Umstande, daß es so ist, könnte man ja ersehen, wie notwendig gewisse Aufstellungen sind, die gerade die Dreigliederung des sozialen Organismus macht.

Aber man muß sich ein Organ erwerben für dasjenige, was in unserer Zeit notwendig ist. Auf geistigem Gebiete wird es schwer sein, dieses Organ zu erwerben; denn — ich habe es Ihnen schon einmal, glaube ich, auch hier angedeutet: die vom Staate allmählich aufgesogene geistige Bildung im Unterrichtswesen, die hat wirklich herausdestilliert aus den Menschen das Aktive, das tätige Streben, die hat den Menschen zum hingebungsvollen Gliede in der Staatsstruktur gemacht. Ich sagte es ja, wie ich glaube, auch hier: Wie lebt denn eigentlich eine große Anzahl von Menschen? Ausnahmen selbstverständlich immer abgerechnet. Na, bis so zum sechsten Jahre darf der Mensch ungehindert leben, weil da die Menschheit dem Staate noch zu schmutzig ist. Den Aufgaben möchte er sich nicht hingeben, der Staat, denen man sich hingeben muß in den ersten Kinderjahren; da überläßt man von seiten des Staates noch den Menschen den außerstaatlichen Mächten. Dann aber wird der Mensch in Anspruch genommen, wird so dressiert, daß er für die Staatswirtschaft geeignet wird, daß er hineinpaßt in die Schablone, daß er aufhört, Mensch zu sein und das nun wird, was die Abstempelung des Staates gibt. Dann wird er etwas dem Staate. Er strebt danach, denn es wird ihm eingebläut; er bekommt ja nun nicht bloß seine Verpflegung vom Staate während er arbeitet, sondern noch über die Arbeit hinaus bis zum Tode in Form der Pension. Denn was für ein Ideal ist heute für viele Menschen eine pensionsberechtigte Stellung! Dazu verfügen dann die Religionsbekenntnisse die Pensionierung über den Tod hinaus. Die Seele wird pensionsberechtigt; ohne daß sie etwas dazu tun soll, bekommt sie die ewige Seligkeit durch das Wirken der Kirche selber, Die sorgt dafür! Das ist allerdings unbequem, nun zu hören, daß das Heil im freien geistigen Streben liegt, das unabhängig vom Staate sein muß; daß der Staat nur ein Rechtsstaat sein soll. Ja, Pensionsberechtigung wird es ja im Rechtsstaate nicht geben! Das ist schon ein Grund für viele, ihn abzulehnen, Man merkt das immer wieder und wiederum.

Und mit Bezug auf das intimste Geistesleben, das religiöse Leben, wird allerdings die Weltanschauung der Zukunft von dem Menschen verlangen, daß er seine Unsterblichkeit sich erarbeitet, daß er seine Seele tätig sein läßt, damit sie in Tätigkeit das Göttliche, den Christus-Impuls in sich aufnimmt.

Viele, viele Briefe habe ich in meinem Leben bekommen, immer wieder von kirchlichen Leuten, die sagen, die Anthroposophie, oder wie sie es dann schon nennen, ist ja im Grunde eine schöne Sache, aber sie widerspricht dem einfachen, schlichten christlichen Bekenntnisse, daß Christus die Seele erlöst hat, daß man in Christus selig werden kann, ohne daß die Seele etwas dazu tut. Der «schlichte Glaube des Seligwerdens durch den Christus», davon können sie nicht lassen. Die Menschen glauben, wenn sie so etwas sagen oder schreiben, besonders fromm zu sein. Egoistisch sind sie, grundegoistisch sind sie, nichts tun möchten sie in der Seele und das Göttliche dafür sorgen lassen, daß es die Seele hübsch pensionierend hinausträgt durch die Pforte des Todes.

Das ist nicht so bequem in jener Weltanschauung, in der das Religiöse geschaffen werden muß gegen die Zukunft hin. Da muß man begreifen, daß man sich das Innehaben des Göttlichen in der Seele erarbeiten muß. Da wird man nicht sich bloß passiv hingeben können an die Kirchen, welche einem versprechen, die Seelen hinüberzutragen — es ist ja jetzt abgekommen, was einmal Anstoß gegeben hat — für Geld, obwohl im geheimen das noch immer eine Rolle spielt, auch beim Seligwerden. Aber dieser Übergang zum innerlich Tätigsein, dieses Leben im Hinblicke auf die Welt, zu der man sich hinzurechnen muß, das ist dasjenige, was die Menschheit notwendig hat und was sie noch nicht sehr liebt.

Um uns ein Gefühl für das, was auf diesem Gebiete notwendig ist, anzueignen, müssen eben solche Dinge vor unsere Seele hintreten, wie ich sie heute wieder erwähnt habe: diese Metamorphose der Menschheit seit dem alten Ägyptertum, wo sogar der Körper noch mehr pflanzlicher Natur war, so daß, wenn er zurückverfällt in der Gegenwart, er krank wird, Geschwürbildungen partiell jetzt entwickelt und so weiter, und daß wir einen Leichnam herumtragen, der eigentlich erkennt. Durch diese Dinge eignet man sich an ein Gefühl, eine Empfindung für dasjenige, was der Menschheit notwendig ist: wirklich in der Richtung vorwärtszukommen, wie man gegenwärtig in der sozialen Frage vorwärtskommen muß. Wir dürfen es uns nicht mehr gestatten, so etwas wie die soziale Frage nur In möglichster Einfachheit zu betrachten.

Sehen Sie, das ist eben das außerordentlich Schwierige in der Gegenwart, und das müssen Sie sich klarmachen, dieses Schwierige, daß die Menschen mit ein paar abstrakten Sätzen über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens aufgeklärt sein möchten. Wenn so etwas wie «Die Kernpunkte der sozialen Frage» mehr enthält als einige abstrakte Sätze, wenn es enthält die Ergebnisse einer Lebensbeobachtung, dann sagen die Leute, das verstehen sie nicht. Das erscheint ihnen sogar verworren. Aber das ist das Unglück der Gegenwart, daß die Menschen nicht eingehen wollen auf dasjenige, auf was sie gerade eingehen sollten. Denn nicht wahr, abstrakte Sätze, die ganz durchsichtig sind, die beziehen sich ja auf das Tote; das Soziale soll aber das Lebendige sein. Da müssen biegsame Anschauungen, biegsame Sätze, biegsame Formen in Anwendung sein. Deshalb ist es schon notwendig, daß wir nicht nur nachdenken, wie ich schon öfter gesagt habe, über die Umwandlung einzelner Einrichtungen, sondern daß wir uns dazu bequemen, wirklich umzudenken und umzulernen mit Bezug auf das innerste Gefüge unseres Denkens und unseres Sinnens.

Das ist dasjenige, was ich Ihnen, da ich ja heute wiederum für ein paar Wochen von Ihnen Abschied nehme, vortragend zurücklassen möchte — jetzt, wo wir im Zeichen des Zusammenwirkens unserer anthroposophischen und sozialen Bewegung uns fühlen müssen. Ich möchte, daß wirklich immer mehr und mehr verstehend durchdrungen werde, wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in die Seelen der Menschen einfließen muß, wenn im Sozialen irgend etwas erreicht werden soll. Und da möchte ich Ihnen eines ans Herz legen, was ich in verschiedenen Formen ja schon immer wiederholt habe: Es handelt sich wirklich darum, dasjenige, was wir in anthroposophischer Erkenntnis uns aneignen können, als wahre Richtschnur für das Wirken und Streben der Gegenwart anzuerkennen, den Mut zu haben, mit dem Anthroposophischen durchdringen zu wollen. Es ist ja dies das Schlimmste, daß die Menschen der Gegenwart so wenig den Mut haben, mit etwas, was not tut, wirklich durchdringen zu wollen, Sie lassen ihre besten Willenskräfte gewissermaßen zerbrechen; sie wollen nicht sie durchbringen, so notwendig dieses wäre.

Lernen Sie es mutvoll zu vertreten, daß diejenigen Menschen, die diesen Bau, den Repräsentanten unseres geistigen Strebens, mit Interesse betrachten, wohl von Ihnen aufgenommen werden; freuen Sie sich über jeden einzelnen, der nur ein bißchen Verständnis zeigt, kommen Sie ihm entgegen, aber bauen Sie gar nichts darauf, als daß Sie es entsprechend zurückweisen, wenn die Menschen mit bösem Willen oder mit dem, was heute noch häufiger ist, Unverstand der Sache entgegenkommen. Um den Mut handelt es sich, diese Dinge durchzubringen. Wir wollen uns so betrachten, daß wir da sind als das kleine Häuflein, das durch sein Schicksal bestimmt ist, dasjenige zu wissen und dasjenige der Welt mitzuteilen, was ihr heute am allernötigsten ist. Mögen uns die Leute auslachen und mögen sie sagen, daß es eine Anmaßung ist das zu glauben; wahr ist es ja doch. Und dieses «wahr ist es ja doch» sich zu sagen, aber ernsthaftig, so daß es die ganze Seele erfüllt, dazu gehört eben ein innerer Mut, den wir haben müssen. Der durchdringe uns als die anthroposophische Substanz, Dann werden wir das machen, was wir machen sollen, jeder an seinem Platze. Das möchte ich heute noch ausgesprochen haben.

Es ist so, daß wir schon, ich möchte sagen herbeisehnen möchten jeden Tag, der uns näher bringt dem Wirken — das ja jetzt außerdem sehr erschwert ist — durch diesen Bau für die Welt. Das ist ja schließlich das einzige, dieser Bau, was mit den großen Schicksalen der Menschen auch in den Formen rechnet. Und es ist erfreulich, daß diesem Bau jetzt schon Aufmerksamkeit zugewendet wird. Aber ein Weiteres ist für ein gedeihliches Fortwirken in der sozialen Frage noch notwendig. Das ist, daß gerade durch so etwas wie diesen Bau, in seinen stärkeren Formen, als heute andere architektonische Formen sind, gewirkt werde auf die geistige Aufbesserung der Menschheitskräfte; daß die Menschen wieder mehr zugänglich werden für dasjenige, wovon man möchte, daß die Menschen es wissen, damit es sie erhebt, nicht nur bis zum Engelhaften: bis zum Erzengelhaften, zum Zeitgeistmäßigen.

Mit diesen Worten möchte ich mich eben wiederum für ein paar Wochen von Ihnen verabschieden. Ich hoffe, daß wir in ein paar Wochen diese Betrachtungen fortsetzen können und daß wir gerade während dieser Zeiten einer regen Wirksamkeit auch für unseren Bau selbst entgegengehen. Denn, meine lieben Freunde, es wird mit Recht betont von allen Seiten in der Welt draußen: Arbeitslust, Arbeitsbereitwilligkeit ist bei den Menschen wiederum notwendig, Die wird nicht kommen, wenn die Menschen nicht überzeugt werden von großen Zielen. Ich glaube, daß wenn die Menschen überzeugt werden können davon, daß sie durch die Dreigliederung des sozialen Organismus ein menschenwürdiges Dasein erlangen, dann fangen sie auch wiederum an zu arbeiten. Sonst streiken sie fort. Denn die Menschen gebrauchen einen solchen Antrieb, der sie in tiefster Seele ergreift in unserer gegenwärtigen Zeit. Das auf dem Gebiet der physischen Arbeit.

Aber auch nicht anders als dadurch, daß wir zeigen, wie unsere Arbeit wenigstens an einem Objekte fruchtbar wird und hinausstrahlt in die Welt, werden wir den Antrieb geben können der Menschheit geistig zu überwinden dasjenige, was bloß tot ist in unserer Zeit. Überlegen wir uns das, meine lieben Freunde, bis zu dem Zeitpunkte, wo wir hier wiederum zusammen sprechen werden. Auf Wiedersehen!




Zuletzt aktualisiert: 17-Apr-2019
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