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Highlight Words

Erneuerungs-Impulse für Kultur und Wissenschaft

Schmidt-Nummer: S-4783

Online seit: 28th February, 2018

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SECHSTER VORTRAG

 

ANTHROPOSOPHIE UND

THEOLOGIE

 

Berlin, 10. März 1922

 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich bin genötigt, auszugehen von einer Zeitschriftennotiz, die mir eben überreicht worden ist, einer Notiz m der «Christlichen Welt», von der ich — weil ich sie vorher nicht kannte — selbstverständlich nicht dachte, bei meinen heutigen einleitenden Worten auszugehen. In dieser Zeitungsnotiz steht: «Vom 5. bis 12. März findet in Berlin ein anthroposophischer Hochschulkurs statt. ... Der Tag der Theologen ist Freitag, der 10. — Diese Veranstaltung am Freitag ist nun eine unzweideutige Herausforderung Steiners und seiner Anhänger an die Theologen» und so weiter.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, diese heutige Veranstaltung mag alles andere sein; das, was sie jedenfalls nicht ist und wodurch sie, wenn es der Glaube wäre, im allertiefsten Sinne mißverstanden würde, das ist eine Herausforderung an die Theologen. Ich selber bin an dieser Veranstaltung niemals in irgendeiner anderen Weise beteiligt gewesen, als daß ich gefragt worden bin, ob ich durch Vorträge und einleitende Betrachtungen mitwirken wolle an diesem Hochschulkurse, dessen Initiative nicht von mir ausgegangen ist. Ich bin am wenigsten beteiligt an der heutigen Veranstaltung, das heißt, an der Einfügung dieses Programmpunktes in den Hochschulkurs, und ich würde niemals daran gedacht haben, daß dasjenige, was heute hier verhandelt werden soll, aufgefaßt werden könnte als eine «unzweideutige Herausforderung an die heutigen Theologen».

Daher gestatten Sie auch, meine sehr verehrten Anwesenden, damit nicht wieder oder neuerdings alle möglichen Mißverständnisse sich an das knüpfen, was ich hier als ganz wenige einleitende Worte zu sagen haben werde, daß ich mich heute wirklich beschränke auf das Thema: Das Verhältnis der Anthroposophie zur Theologie, und daß ich mit Rücksicht darauf, daß nicht neue Mißverständnisse entstehen, auf einiges verzichte von dem, was von mir hier vorgebracht würde, weil ich sonst neuerdings sehen müßte, wie das verkannt wird, was von mir gewollt wird.

Sehr verehrte Anwesende, es war niemals mein Bestreben — verzeihen Sie, wenn ich durch diese an mich ergangene Herausforderung gezwungen bin, heute ganz kurz in der Einleitung einzelne persönliche Bemerkungen zu machen —, es war eigentlich niemals meine Absicht, irgendwie die Theologie herauszufordern, und von ihrem Ausgangspunkt an hat Anthroposophie, insofern sie ein Arbeitsgebiet darstellt, an dem ich selbst beteiligt bin, niemals irgendwie gesucht, sich innerhalb ihrer Arbeit mit der heutigen Theologie als solcher auseinanderzusetzen. Das ist, insofern es geschehen ist, und es ist ja wirklich von mir so wenig wie möglich geschehen, lediglich dadurch geschehen, daß Angriffe gegen die Anthroposophie von theologischer Seite her allerdings sehr viele erfolgt sind, und daß man sich — nicht so sehr ich als andere — manchmal zur Wehr setzt. Denn Anthroposophie wollte als Arbeitsgebiet durchaus, ich möchte sagen, der Theologie gegenüber neutral bleiben, sie will arbeiten aus dem gegenwärtigen Wissenschaftsgeist heraus.


Man hatte am Ende des vorigen Jahrhunderts eine gewisse wissenschaftliche Richtung, gewisse wissenschaftliche Methoden, eine gewisse wissenschaftliche Gesinnung vor sich, eine Gesinnung und Methode, welche aus Gründen, über die ich schon gesprochen habe, und über die wegen der Kürze der Zeit nicht ausführlich gesprochen werden kann, eine Methode und Gesinnung, die man aus der ganzen geschichtlichen Entwicklung der neueren Zeit insbesondere anwendete auf die naturwissenschaftliche Forschung, und durch die man innerhalb der naturwissenschaftlichen Forschung die größtmöglichsten Triumphe — ich meine das nicht in einem trivialen, sondern in einem tieferen Sinne — für Menschenfortschritt und Menschenwohl errungen hat. Der naturwissenschaftlichen Forschung stand in dieser Zeit die Philosophie, ich möchte sagen etwas ratlos gegenüber. Die Philosophie mußte sich auseinandersetzen mit denjenigen Methoden, welche vor allen Dingen auf die Naturwissenschaft angewendet worden sind, und welche in der Philosophie, in der man es doch mit einem ganz anderen Tatsachengebiet zu tun hat, nicht anwendbar waren.

Man war sich, ich möchte sagen theoretisch und erkenntnistheoretisch nicht immer darüber klar, in welchem Sinne man mit den naturwissenschaftlichen Methoden in der Philosophie arbeiten sollte. Man ist dann in der experimentellen Psychologie auf ein gewisses Gebiet verfallen, wo es mehr oder weniger scheinbar oder auch mehr oder weniger richtig geht, aber die Unsicherheit ist im Grunde genommen doch auch da vorhanden. Demgegenüber erarbeitete sich Anthroposophie aus den verschiedensten Untergründen heraus ihre eigene Arbeitsmethode. Sie will auf der einen Seite demjenigen Rechnung tragen, was gerade mit der besonderen Ausbildung der neueren Denk- und Forschungsmethoden in der Naturwissenschaft zu erreichen ist, auf der anderen Seite den menschlichen Bedürfnissen nach einer geistigen Welt und ihrer Erkenntnis. Man stand auf der einen Seite vor der Tatsache, die naturwissenschaftlichen Methoden voll anzuerkennen, und in bezug auf die behandlung des naturwissenschaftlichen Gebietes — ich habe das schon ausgesprochen — bin ich heute selbst noch so Haeckelianer, wie ich es in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen bin; nicht in dem Sinne, als ob die naturwissenschaftlichen Methoden nicht weitergebildet werden müßten und als ob nicht gerade von Seiten der Naturwissenschaft manches gegen das, was Haeckel geschrieben hat, eingewendet werden müßte, aber da kommt man auf ein ganz anderes Diskussionsgebiet, ich meine in der Behandlung der rein natürlichen Welt bin ich heute genauso Haeckelianer wie damals. Es handelt sich mehr darum, was man an der naturwissenschaftlichen betrachtungsart erlebt, namentlich dadurch, daß man sich erzieht in naturwissenschaftlicher Exaktheit, in naturwissenschaftlicher Gesinnung, also um das, was man dadurch Ausbilden kann an Ideen und Begriffen, die man einfach Braucht, wenn man naturwissenschaftlich Arbeiten will. Denn eines Bleibt für alle Weltbetrachtung — ich kann wegen der Kürze der Zeit jetzt den Beweis dafür nicht erbringen — eine Wahrheit: Wenn für die äußere Sinnes Beobachtung der Satz gilt: Es ist nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen ist —, so gilt ganz gewiß auf der anderen Seite der Leibniz’sche Satz: «außer der Verstand selber».

Im Erleben des Verstandes, das heißt in dem Sich-Bewegen der Seele in den Verstandes-Kategorien, in dem Erleben der Ideen, mit denen man die Naturobjekte, die Naturtatsachen untersucht und die man zuletzt zur Formulierung der Naturgesetze braucht, in dem Erleben dieser Ideenwelt liegt etwas, was durchaus über das Erleben von bloß Sinnlichem hinausgeht, so daß man, wenn man als naturwissenschaftlicher Forscher der Naturwissenschaft gegenübersteht, sich sagen muß, wenn man unbefangen genug dazu ist: Alles das, was im Verstande ist, muß aus den Sinnen heraus geschöpft werden, nur der Verstand selbst kann nicht aus den Sinnen heraus geschöpft werden.

Hat man aber einmal lebensvoll dies begriffen, dann gibt es auch kein Hindernis dafür, nun zu betrachten, was innerlich gewissermaßen angeschaut wird in der Verfolgung, die Verstandes-Kategorien weiterzubilden durch einen innerlichen seelisch-geistigen Prozeß, durch einen solchen Prozeß, der innerlich etwas ganz ähnliches ist wie äußere Wachstumsprozesse bei der Pflanze und beim Tier. Man bleibt durchaus mit seiner Gesinnung gerade dem natürlichen Werden treu, wenn man zugibt, daß aus dem Keim, den man in innerlicher Anschauung vor sich hat, man die Wahrheit gewinnt, daß der Verstand selbst nicht aus der Sinneswelt geschöpft werden kann. Man bleibt dem treu, was man erlernt hat an dem natürlichen Dasein, wenn man den Versuch macht, den menschlichen Verstand selbst als einen Keim zu betrachten, der innerlich wachsen kann; und wenn man diesen Versuch wirklich unternimmt, dann ist das übrige eine unmittelbare Folge dessen, was ich m diesen Tagen hier und an anderen Orten geschildert habe von dem Wachsen des menschlichen Intellekts in Imagination, Inspiration und Intuition. Das ist lediglich eine Sache des weiteren Fortschrittes der inneren menschlichen Entwicklung. Dadurch ergibt sich aber eine wirkliche Anschauung der geistigen Welt. Diese Anschauung der geistigen Welt versucht man in der Anthroposophie, so gut es geht, nach dem heutigen Sprachgebrauch in Worte zu kleiden. Man ist natürlich oftmals genötigt, das, was man schaut — ich gebe es ohne weiteres zu —, in ungenügender Weise in Worte zu kleiden, aus dem einfachen Grunde, weil unsere Sprache, wie alle modernen Sprachen, im Laufe der letzten Jahrhunderte angepaßt wurde dem äußeren materiellen Weltanschauen und wir heute einfach die Empfindungen, die wir bei den Worten haben, schon mehr oder weniger an dieser Weltanschauung orientiert haben.

Daher ringt man immer mit den Worten, wenn man in die Notwendigkeit versetzt ist, dasjenige, was durch Imagination, Inspiration, Intuition angeschaut wurde, in Worte einzukleiden, es namentlich so in Worte einzukleiden, daß es nun wirklich nachgeprüft werden kann durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand, denn dies muß wiederum ein Ziel anthroposophischer Forschung sein.

So war Anthroposophie einfach ein Arbeitsgebiet, und als solches Arbeitsgebiet wird sie im strengsten Sinne des Wortes von mir aufgefaßt. Diejenigen Menschen, die — es war zunächst ein sehr kleiner Kreis — ein Bedürfnis hatten, etwas zu hören über das, was durch eine solche Forschungsmethode aus der übersinnlichen Welt erkundet werden kann, denen wurde das gesagt und gezeigt, was auf diese Weise gefunden werden kann. Niemand wurde irgendwie herangezwungen an diese Bewegung durch etwas anderes als durch seinen eigenen freien Willen, daran teilzunehmen. Was darüber gesagt wird, daß irgendwie suggestive Mittel oder dergleichen angewendet werden, das ist bei den einen eine bewußte, bei den ändern eine unbewußte Verleumdung dessen, was in der anthroposophischen Bewegung eigentlich gewollt wird. Und es gilt, daß der, welcher mit seinem gesunden Menschenverstand dasjenige nachdenkt, was durch Imagination, Inspiration und Intuition erforscht wird, im höheren Sinne gerade ein freierer Mensch wird, als es die Menschen in der Gegenwart sind. Diese Menschen der Gegenwart laufen zum Beispiel ihren Parteiströmungen nach, lassen sich alles Mögliche suggerieren. Von diesen inneren seelischen Abhängigkeiten gerade muß Anthroposophie die Menschen befreien, weil sie darauf Anspruch macht, daß jeder, der sich in sie einleben will, nicht bloß in dem gewöhnlichen, mehr passiven Denken verharrt, sondern das Denken innerlich beweglich macht, es erkraftet, und durch dieses innerlich erkraftete Denken wird man gerade ein freier Mensch.

Aus Gründen, auf die ich heute nicht eingehen will, kam es, daß von den wissenschaftlich orientierten Menschen, auf die eigentlich bei der Anthroposophie gerade gerechnet war, anfangs nur sehr wenige an die Anthroposophie herankamen. Heute haben wir damit einen gewissen Anfang gemacht. Denjenigen Menschen, welche zuerst in die anthroposophische Bewegung hineinkamen — es waren mehr oder weniger naive Gemüter mit starken seelischen Bedürfnissen —, denen wurde niemals etwas anderes gesagt als das, was in gewissenhafter Weise innerhalb der anthroposophischen Forschung gefunden werden konnte. Und ich freute mich immer, wenn mir Dinge gesagt wurden, wie zum Beispiel von einer heute auch hier anwesenden, sehr verehrten Persönlichkeit: Es ist eigentlich merkwürdig, daß Sie überhaupt einen größeren Zuhörerkreis bekommen, denn Sie vermeiden es eigentlich in der Art zu sprechen, was man sonst populär, allgemein verständlich nennt. Sie sprechen so, daß die Menschen eigentlich immer eine innere Arbeit verrichten müssen beim Zuhören, und das wollen doch heute die Leute nicht, so daß man sich eigentlich wundern muß, daß Sie einen größeren Zuhörerkreis finden. — So ähnlich klangen die Worte, die mir eine heute auch hier sitzende Persönlichkeit vor Jahren sagte, nachdem sie damals eine Reihe von Vorträgen angehört hatte. Nach Popularität bin ich wahrlich niemals gegangen, indem ich Anthroposophie habe vor der Welt zur Geltung bringen wollen.

Nun war es das Eigentümliche, daß zu uns Menschen aus allen Lebenskreisen und auch aus allen Bekenntniskreisen gekommen sind. Und insofern Anthroposophie auf diese Weise einfach durch ihre Arbeit in ein gewisses Verhältnis kam zur religiösen Strömung der Gegenwart, kam sie eigentlich zunächst niemals in irgendeinen Konflikt mit den religiösen Bedürfnissen derjenigen Menschen, die zu ihr kamen: Leute — wie gesagt — aller Lebenskreise. Ich bin zum Beispiel von Katholiken, die sich in unserer Mitte befinden, oftmals gefragt worden, ob es in bezug auf praktische religiöse Übung möglich sei, Katholik zu bleiben, wenn man an der anthroposophischen Bewegung teilnimmt.

Gerade bei Katholiken mußte ich sagen: Selbstverständlich ist es auch möglich, daß man als ganz guter Katholik teilnimmt an dem, was Anthroposophie bietet, denn Anthroposophie ist dazu da, nicht in der Beschränkung auf ein bestimmtes Bekenntnis über die übersinnliche Welt zu reden, sondern einfach auf Grundlage dessen, was in der übersinnlichen Welt erforscht werden kann. So würde es mir am meisten entsprechen, dasjenige, was da aus der übersinnlichen Welt herauskommt, einfach zu den Menschen zu sagen und gar nicht teilzunehmen an irgendeiner Polemik. Denn der, der ehrlich dasjenige sagt, was er erschaut, weiß ja, wodurch Polemiken entstehen und wie unfruchtbar sie eigentlich sind. Mein ursprüngliches Bestreben war einfach, schlicht und ehrlich dasjenige zu sagen, was durch Anthroposophie gefunden werden kann, und keine Rücksicht zu nehmen auf die Polemiken. Solche Dinge gehen ja aber im Leben nicht immer so ab. Doch innerhalb der anthroposophischen Bewegung fanden sich eben die Menschen aller Glaubenskreise zusammen, auch Katholiken, und so mußte ich sagen: Auch der Katholik kann selbstverständlich an der anthroposophischen Bewegung teilnehmen, er wird nur in einem einzigen Punkte in Konflikt kommen mit der praktischen Ausübung der Religion, und das ist die Ohrenbeichte. Nicht aus dem Grunde, weil sie Ohrenbeichte ist, denn das könnte als eine bloße Gewissenssache betrachtet werden. Ich habe genug protestantische Geistliche gefunden, die geradezu gelechzt haben nach einer Art von Ohrenbeichte, um in eine Art intimeres Verhältnis zur Gemeinde zu kommen. Darüber kann man verschiedene Ansichten haben. Aber hier handelt es sich darum, daß die katholische Kirche demjenigen das Altarsakrament verweigert, der nicht vorher die Ohrenbeichte abgelegt hat. Und wegen dieser Verhinderung, praktisch teilzunehmen an dem wichtigsten Sakrament der katholischen Kirche, ist es für den Katholiken außerordentlich schwierig, dann diejenigen Überzeugungen, die er aus der übersinnlichen Welt bekommt, zu vereinigen mit diesem Verhalten, das ein unfreies ist, und das er durch die römisch-katholische Kirchenverfassung dennoch befolgen muß. Die Ohrenbeichte, so wie sie gehandhabt wird, reißt — nicht wegen der Anthroposophie, sondern wegen der römischkatholischen Kirchenverfassung — den Katholiken heraus aus dem freien Verfolgen der übersinnlichen Welt.

Das würde der Katholik vermeiden können, wenn er die Ohrenbeichte vermeiden könnte. Er kann sie nicht vermeiden, weil er sonst des Abendmahles nicht teilhaftig werden könnte. Hier liegt die Schwierigkeit, in die der Katholik kommt. Aber dennoch haben sich viele Katholiken gefunden, die innerhalb der anthroposophischen Bewegung die Bedürfnisse ihrer Seele zu befriedigen versuchen.

Sehr verehrte Anwesende, es war natürlich, daß Menschen aller Bekenntnisse an die Anthroposophie herankamen, es war natürlich, daß einfach aus unserer Zeit heraus ein starkes Bedürfnis danach entstand, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft über das zu reden, was das Christentum betrifft. Nun möchte ich darüber das Folgende sagen: Gerade so wie alle anderen Objekte der Forschung, insofern in diesen Objekten zusammenfließen Übersinnliches und Sinnliches in dieser Welt, gerade so betrachtet Anthroposophie zunächst den Inhalt der Christologie; und ebenso versucht sie mit Hilfe ihrer übersinnlichen Forschung über den Inhalt der Christologie dasjenige zu erforschen und zu geben, was eben mit ihren Methoden erlangt werden kann. Nun ist es schwer, in ein paar Worten etwas zu sagen, was die Stellung der Anthroposophie zur Christologie charakterisieren kann, aber ich möchte das Folgende bemerken. Wir sehen den Menschen zunächst hier im Erdenleben zwischen Geburt und Tod so, daß er mit seinem seelischen und geistigen Leben in dem physischen Leibe sein Dasein hat, daß er an seinen physischen Leib gebunden ist in bezug auf das Anschauen und auf die Verarbeitung dessen, was m seiner Umgebung ist, auch m bezug auf seine Arbeit selbst, in bezug auf sein Willensleben und überhaupt in bezug auf die Art, wie er sich in diese sinnlich-physische Welt hineinstellt. Wenn nun der Mensch den Blick zurücklenkt, den er, aufwachend, selbstverständlich in seine Umgebung wendet, so bekommt er zunächst Anschauungen einfach durch die Sinne seines Leibes, durch den Verstand, der die Erfahrungen dieser Sinne und die Anschauungen über das, was in seiner physischen Umgebung ist, kombiniert.

Da aber der Verstand, der Intellekt sein Urgeistiges, sein selbsteigenes Geistiges in sich trägt, so kann der Mensch — wenn er nur genügend sich auf sich selbst besinnt, wenn er nur ein wenig wegblickt von der Umgebung und in sich selbst blickt —, nicht ableugnen, daß er durch seine eigene Tätigkeit zu einer Zusammenfassung kommt, die zuletzt in einer Vorstellung gipfelt, die nur einen geistigen Inhalt hat, und dieser geistige Inhalt ist — wenn ich mich so ausdrücken darf — die göttliche Vater-Vorstellung. Hier muß anthroposophische Forschung mit ihren Mitteln eingreifen. Ich kann das nur kurz charakterisieren; sie macht ja den ganzen Erkenntnisarbeitsprozeß des Menschen allmählich durchsichtig — das wird ja auch aus den Vorträgen dieses Kurses hervorgehen. Sie will ja auch auf dasjenige hinweisen, was durch den Menschen geschieht, wenn er den Blick zurückzuwenden versucht von der äußeren Welt, um gewissermaßen das anzuschauen, was er selbst getan hat und sich zu fragen: Was hast du da eigentlich getan? Was berechtigt dich denn überhaupt, die äußere Welt [zu einer Vorstellung] zusammenzufassen? Und indem er dieses Erlebnis genügend weit verfolgt, kommt der Mensch — wenn ich wieder das Wort gebrauchen darf — zum göttlichen Vater-Erlebnis. Und wer dieses Kommen zum göttlichen Vater-Erlebnis anthroposophisch durchschaut, der kommt zu einem ganz bestimmten Urteil. Ich bitte, dieses Urteil, das eine Tatsache ist, die ich radikal aussprechen muß, nicht mißzuverstehen.

Man kommt zu dem Urteil, daß einfach der vollgesunde Mensch — derjenige Mensch, der in seinem physischen Leibe voll gesund ist — zu diesem göttlichen Vater-Erlebnis kommt —, das heißt, daß derjenige, der zu diesem göttlichen Vater-Erlebnis nicht kommt, irgendwo etwas von Degenerationserscheinungen, wenn auch noch so verborgener Art, in sich trägt. Mit anderen Worten, man kommt durch anthroposophische Forschung darauf, zu sagen: Nicht zum göttlichen Vater-Erlebnis zu kommen, bedeutet beim Menschen eine Krankheit. Das ist natürlich radikal gesprochen, weil die Krankheit eben durchaus nicht mit den gewöhnlichen physischen Mitteln gesehen werden kann, weil sie — wenn ich so sagen darf —, in den Feinheiten der menschlichen Organisation liegt. Aber tatsächlich ergibt sich für den, der anthroposophisch forschen kann: Atheismus ist Krankheit.

Was ich gestern gesagt habe über das Ausbilden des Urteils, das richtig oder falsch, gesund oder krank sein kann, das setzt hier ganz besonders ein. Wenn der Mensch diesen Weg allein verfolgt, kommt er zunächst nur zu dem göttlichen Vater-Erlebnis. Wenn er aber dann den Weg weiter verfolgt, wenn er gewahr wird, welcher Mangel in seiner Seele lebt, wenn er nur zu diesem Vater-Erlebnis kommt, wenn er gewahr wird, daß im Grunde genommen einfach in der Beschränkung der modernen Menschheit auf den Intellektualismus auch eine Art Beschränkung auf dieses göttliche Vater-Erlebnis liegt, dann muß der Mensch darauf kommen, weiterzubringen von diesem göttlichen Vater-Erlebnis aus. Hier können uns äußere Beobachtungen sehr gut unterstützen. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß gerade in westlichen Ländern, wo die naturwissenschaftliche Gesinnung gewissermaßen bis zum Maximum ihrer Intensität gekommen ist, und wo man diese naturwissenschaftliche Gesinnung nicht hineinreden lassen will in das Gebiet des Übersinnlichen, das der Religion bewahrt bleiben soll, daß gerade in diesen religiösen Bewegungen der westlichen Länder dasjenige, was der Geist des Alten Testamentes ist, besonders erfolgreich auch in unserer neueren Zeit wiederum eingegriffen hat. Und wir sehen den Westen, wenn er auch äußerlich das Christentum annimmt und predigt, dieses durchaus im Geiste des Alten Testamentes tun; wir sehen ihn in einem gewissen Sinne den Christus umprägen in den Vatergott und nicht wahrnehmen die Differenz zwischen dem Vatergott und dem Christus.

Im Osten dagegen, wo für das Menschengemüt die Trennung zwischen der Religion und der Wissenschaft nicht so vorhanden ist wie im Westen, im Osten, wo diese Brücke für die Menschenseele mehr oder weniger als elementares inneres Seelenerlebnis vorhanden ist — wir finden es zum Beispiel noch in den Ausführungen des großen Philosophen Wladimir Solowjew —, dort sehen wir, wie das Christus-Erlebnis als ein selbständiges Erlebnis unmittelbar vorhanden ist neben dem Vater-Erlebnis.

Und auf diese Art kommt man dazu, sich zu sagen: Zwar kann der vollständig gesunde Mensch nicht Atheist sein, wenn er das, was ihm die äußere Welt gibt, zusammenfaßt in der Spitze der Gottes-Vorstellung, der er einen geistigen Inhalt geben muß; er bleibt aber zunächst bei der Vater-Vorstellung. Man kommt mit dieser Vater-Vorstellung aber nicht hinaus über die Zusammenfassung der äußeren Naturereignisse, sie versagt sofort, wenn man damit nun die eigene menschliche Entwicklung verfolgen will; man steht dann gewissermaßen verlassen da. Vertieft man sich in diese menschliche innere Entwicklung von diesem Punkt aus, an dem man angekommen ist, wenn man die äußere Welt in seine Seele aufgenommen hat — verfolgt man die innere Entwicklung, dann wird man, wenn man sie nur unbefangen verfolgt, zu dem Christus-Erlebnis kommen, das zunächst als ein unbestimmtes inneres Erlebnis da ist. Dieses Erlebnis aber verfolgt wieder erkennend Anthroposophie. Der Mensch kommt, einfach durch ehrliches Anschauen der Menschheitsentwicklung auf der Erde dazu, das Mysterium von Golgatha, das historische Mysterium von Golgatha, nun selber ins Auge zu fassen. Er kommt dazu durch das innerliche Ausbilden geistiger Organe, [sie führen ihn zu] Imagination, Inspiration und Intuition. Wenn man mit Hilfe dieser Forschungsmittel den Weg verfolgt, den die Menschheitsentwicklung vom Altertum bis zum Mysterium von Golgatha genommen hat, so findet man, daß gerade in den Religionsvorstellungen überall — und nicht nur in der alttestamentlichen Religionsvorstellung, sondern in allen Religionsvorstellungen — lebte eine Hinneigung zu dem kommenden Christus-Geist.

Dann kann man einfach durch Anschauung erkennen lernen, wie dieser Christus-Geist in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha nicht mit der Erde vereinigt war. Verfolgen wir alles, was in den Mysterien gesucht worden ist, was in den populären [vorchristlichen] Religionen war, so sehen wir, wie die Vorstellungen, die sie sich von den Göttern machten, überall zuletzt doch zusammenschmolzen zu dem, was die Christus-Vorstellung ist. Wir sehen, wie sich die Gemüter der Menschen über die Erde hinaus zu dem Überirdischen erhoben, wenn sie zu ihren Göttern ihre Seelen wandten. Und wir sehen, wie im Ausgangspunkte der irdischen Menschheitsentwicklung einfach durch die menschliche Organisation dem Menschen mehr gegeben war als das, was er durch seine Sinne und durch seinen Verstand in der Umgebung seines Erdendaseins wahrnehmen konnte. Es kam in die menschliche Seele das hinein — am stärksten in uralten Zeiten, dann immer weniger und weniger —, was ich instinktives Schauen nennen möchte, traumartiges Schauen, Anschauen einer geistigen — nichtirdischen — Welt, der der Mensch sich angehörig fühlte. In dem Augenblicke, wo der Mensch durch die Mysterien oder durch die populären Religionen dazu gebracht worden ist, hinauf gehoben zu werden mit seiner Seele zu dem, was er als Außerirdisches schauen konnte und mit dem er sich selbst einig wußte in seinem tiefst inneren Wesen, in diesem Augenblicke hatte der Mensch erlebt im Innern seine Wiedergeburt.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn wir vom anthroposophischen Gesichtspunkt die Menschheitsentwicklung bis zum Mysterium von Golgatha verfolgen, zeigt sich, daß gerade diese Fähigkeiten, die da im Inneren des Menschen saßen, eigentlich immer geringer und geringer wurden und nicht mehr da waren in dem Augenblick, wo das Mysterium von Golgatha auf der Erde eintrat. Gewiß, Reste blieben immer da, weil die Entwicklung nicht so sprunghaft vor sich geht. Einzelne Menschen bewahrten sich, wenn auch vielleicht ein ungenaues Schauen, so aber doch ein instinktives Bewußtsein von dem, was einmal geschaut worden ist; das kann man verfolgen bis in die Kunst hinein. Dann kam auf die Erde das Mysterium von Golgatha. Und in dem Mysterium von Golgatha sieht Anthroposophie eben das Einströmen desjenigen Geistes, der vorher nur im Außerirdischen gesucht werden konnte, in einen Menschenleib: das Einströmen des Christus in den Menschenleib des Jesus. Wie das im einzelnen vorgestellt werden kann, darüber kann man nur mit denjenigen diskutieren, die sich positiv auf die Forschung auf diesem Gebiete einlassen. Da zeigt Anthroposophie, wie von jener Zeit an, von dem Mysterium von Golgatha an, eine andere Zeit auf der Erde eingetreten ist, die Zeit, von der alle alten religiösen Bekenntnisse [gesprochen haben]. Und der Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der Christus, den Paulus geschaut hat auf dem Wege nach Damaskus, der Christus ist dann innerhalb der Erde bei der Menschheit geblieben. Das wollen die Worte sagen: Ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt. — Er lebt unter uns, er kann wiedergefunden werden. Das Paulus-Ereignis kann mit gewisser Vorbereitung immer wieder und wieder erneuert werden. Dann aber, wenn in dieser Weise der Weg zu dem Christus gesucht wird, erlebt der Mensch, indem er auf seine eigene innere Entwicklung schaut, eben den seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde wandelnden Christus durch Anschauung; dann findet er in innerlichem Erleben den Christus so, wie er durch Erleben der äußeren Welt, wenn er nicht krankhaft atheistisch ist, den Vatergott findet.

So kann ich nur ganz flüchtig, skizzenhaft andeuten, wie Anthroposophie durch wirkliche Forschung zu dem Christus-Ereignis als zu einer objektiven Tatsache kommt. In allen möglichen Einzelheiten versucht Anthroposophie das Christus-Ereignis hinzustellen als die wichtigste Tatsache des Erdenlebens der Menschheit, als dasjenige, was objektiv geschehen ist. Daher ist auch der ganze Geist, in dem das Christus-Ereignis in der Anthroposophie dargestellt wird, so, daß dieses Ereignis einfach als Tatsache hingenommen werden kann. Und wir hatten gerade innerhalb der anthroposophischen Bewegung erlebt, daß zum Beispiel Bekenner des Judentums im echtesten, wahrsten und ehrlichsten Sinne sich fanden zur Anerkennung des Mysteriums von Golgatha. Damit aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ist vielleicht gerade durch die anthroposophische Bewegung schon das vorausgenommen, was überhaupt in der zukünftigen Entwicklung der Menschheit eintreten muß: daß, indem man unmittelbar hinweist auf das, was geschaut werden kann im Mysterium von Golgatha, der Weg zum Christentum wiedergefunden werden kann.

Es ist durchaus die Frage, ob es nicht doch eine tiefe Bedeutung hat, was in dem Buche von Friedrich Nietzsches Freund Overbeck enthalten ist, daß ja die moderne Theologie gar nicht mehr christlich sei. Würde darin einige Berechtigung liegen, so dürfte man vielleicht doch mit einem gewissen Recht sagen: Anthroposophie ist geeignet, in lebendiger Weise den Menschen hinzuführen zu dem Christus-Erlebnis. Sie stellt die Zeit, in welcher das Christus-Ereignis stattgefunden hat, so dar, daß von den alten instinktiven Anschauungen bei einzelnen Menschen noch so viel vorhanden war, daß der geistige Untergrund, ich möchte sagen, die geistige Substanzialität des Mysteriums von Golgatha geschaut und in den ersten christlichen Jahrhunderten anerkannt werden konnte. Wir sehen dann, wie das immer weniger und weniger wird, wir sehen es völlig verglimmen bei einer solchen Erscheinung wie Scotus Erigena, wir sehen immer mehr und mehr sich ausbilden die mittelalterliche Theologie, wo man versuchte, sich auseinanderzusetzen mit dem, was die moderne Menschheit ausbilden mußte, mit dem Intellekt, der, wenn er unmittelbar sich selbst überlassen ist und sich innerlich nicht weiter entwickelt, nicht herankommen kann an die übersinnlichen Welten. Sie spaltete dasjenige, was in die Menschenseele hineinkommen wollte, gewissermaßen auf in das, was der Mensch durch den Intellekt erkennen kann, und in das Unerkennbare, zu dem der Mensch nicht selbst gelangen kann, sondern nur durch eine Offenbarung.

Aus diesen Untergründen heraus kann man die ganze mittelalterliche Theologie begreifen, besonders die thomistische Theologie, die von dem Katholizismus als die allein maßgebende erachtet wurde. Davon wird heute manches gesagt werden können. Worum es der Anthroposophie zu tun war und ist, das ist nichts anderes, als in einfacher und schlichter Weise auszusprechen, was für die geistige Anschauung da ist.

Und wie Anthroposophie zu dem Satz kommt, der Atheismus ist eigentlich verborgene Krankheit, so kommt sie zu dem zweiten Satze: Den Christus nicht zu finden, zu dem Christus keine Beziehung zu finden, ist für den Menschen ein Schicksal, ein Schicksalsunglück! Atheismus ist eine Krankheit, den Christus nicht zu finden ist ein Schicksalsunglück; denn man kann ihn finden im innerlichen Erleben. Dann aber stellt er sich dar als diejenige Wesenheit, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Man kann durch innerliches Erleben allein zu dem Christus kommen, man braucht nicht anthroposophische Forschung, um ein religiöser Mensch im christlichen Sinne zu sein. Dann aber, wenn man zu dem Christus kommt, dann wird man ein Glied der geistigen Welt und man kann wirklich von einer Auferstehung der menschlichen Wesenheit in der geistigen Welt sprechen, von einer Erweiterung des Seelenwesens in dem Erleben der geistigen Welt, und man kann davon sprechen, daß derjenige Mensch, der den Christus nicht findet, in einer gewissen Weise in bezug auf seine Weltanschauung beschränkt ist. Atheismus ist eine Krankheit! Nicht zum Christus kommen ist ein Schicksal, nicht zum Geiste kommen ist eine seelische Beschränktheit!

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, Anthroposophie hat es aus solchen Untergründen heraus im Grunde genommen nur mit Religion zu tun, [nicht mit Theologie], und mit Religion nur insofern, als die Menschen, die religiöse Bedürfnisse haben und diese in den gegenwärtigen Bekenntnissen nicht befriedigen können, an die Anthroposophie herankommen. Anthroposophie will nur das tun, was innerhalb der heutigen Zeitbedürfnisse notwendig ist, und was die anderen nicht tun. Welche Gesinnung dem zugrunde liegt — ich muß das immer wieder charakterisieren —, können Sie aus folgendem entnehmen.

Schon vor vielen Jahren hielt ich einmal in einer süddeutschen Stadt — damals war sie eine deutsche Stadt, heute ist sie es nicht mehr — einen Vortrag über «Bibel und Weisheit». Bei diesem Vortrag waren auch zwei katholische Priester anwesend. Nach dem Vortrag kamen die beiden zu mir und sagten: Wir haben eigentlich gar nichts in Ihrem Vortrage gefunden, was vom katholischen Standpunkte aus angefochten werden könnte. — Ich sagte: Wenn ich nur immer so glücklich sein könnte! — Darauf sagten die beiden: Ja, aber eines ist uns aufgefallen; es ist nicht, was Sie sagen, sondern es ist die Art und Weise, wie Sie es vorbringen, und da müssen wir sagen: Sie reden zu Menschen, die in einer gewissen Beziehung vorbereitet sind. Sie reden zu einer Art von Gemeinde, welche eine bestimmte Bildung hat; wir aber reden für alle Menschen. — Ich sagte: Hochwürden, es kommt nicht darauf an, daß wir das nach unserem subjektiven Empfinden entscheiden, sondern darauf, daß wir uns als Menschen einleben mit unserer Arbeit in die Zeitenentwicklung, daß wir uns nicht einbilden, wir reden für alle Menschen, sondern daß wir uns eine solche Frage beantworten nach dem, was objektiv in der Menschheitsentwicklung lebt. So, wie ich mir einbilden kann, ich rede für alle Menschen — und mich darin sehr irren kann —, so könnten Sie sich das einbilden. Für den Enthusiasmus ist es sehr gut, wenn man diese Einbildung hat. Aber fragen wir einmal: Kommen noch alle Menschen, die heute ein Bedürfnis haben, über den Christus etwas zu hören, zu Ihnen in die Kirche? — Da konnten die beiden nicht Ja sagen, denn natürlich wußten Sie, daß eine Menge Menschen, die auch den Weg zum Christus suchten, nicht zu ihnen in die Kirche kamen. Da sagte ich: Sehen Sie, für die, die nicht zu Ihnen kommen, und doch den Weg zum Christus suchen, für diese rede ich. — Das heißt, sich seine Aufgaben aus der Zeitentwicklung heraus stellen, und nicht sich einbilden, man rede für alle Menschen, sondern sich zu fragen: Sind Gemüter da, die in einer besonderen Art dieses oder jenes entgegennehmen wollen?

Mit einer anderen Gesinnung wandte sich Anthroposophie auch niemals an irgendein religiöses Bekenntnis. Wenn wir auch in der Waldorfschule dazu gelangt sind, gerade die Praxis unseres Unterrichtes aus der Anthroposophie heraus zu gestalten, so haben wir doch ganz davon abgesehen, aus der Waldorfschule eine solche Schule zu machen, durch die die Anthroposophie in die Gemüter der Kinder hineingepfropft würde. Mit Bezug auf den Religionsunterricht lassen wir die katholischen Kinder unterrichten von einem katholischen Pfarrer und die evangelischen von einem evangelischen Pfarrer. Nur für die Dissidentenkinder ist eine Art freier Religionsunterricht eingerichtet worden, aber durchaus in christlichem Sinn. Da bringen wir aber nicht abstrakte Anthroposophie vor — auch keine konkrete Anthroposophie, wie sie an die Erwachsenen herangebracht werden kann —, sondern da versuchen wir mit aller Mühe, dasjenige an die Kinder heranzubringen, was ihrer realen Entwicklungsstufe entspricht; das muß aber alles nach Inhalt und Methode erst gesucht und gefunden werden. Durch den von uns eingerichteten freien Religionsunterricht haben wir erreicht, daß nun auch diejenigen Kinder, die sonst gar keinen Religionsunterricht hätten, wieder an das Christentum herangebracht werden, und sie kommen in Scharen, um an dieser Art des christlichen Religionsunterrichtes teilzunehmen. Aber niemals haben wir eine irgendwie religiös geartete Propaganda getrieben innerhalb der anthroposophischen Bewegung und am wenigsten wurde von der Anthroposophie aus irgend etwas unternommen gegen die einzelnen theologischen Systeme. Denn, was in dieser Beziehung der Anthroposophie allein obliegen kann, das ist, die einzelnen theologischen Systeme in ihrer Differenzierung begreiflich zu machen, und nicht, sie zu bekämpfen. Darin habe ich immer meine Aufgabe gesehen, wenn ich vor den Menschen gesprochen habe, die zur Anthroposophie gekommen sind: begreiflich zu machen, warum der Katholizismus Katholizismus, der Protestantismus Protestantismus, das Judentum Judentum und der Buddhismus Buddhismus geworden ist, und wie in ihnen allen — ich glaube, das ist eine christliche Vorstellung — dasjenige Wesen lebt, das durch sein Schicksal der wirkliche Christ in seiner Seele zu erleben in der Lage ist.

So hätte also gar nicht, wenn nicht von anderer Seite die Angriffe gekommen wären, ein Streit zu entstehen brauchen zwischen der Anthroposophie und der Theologie, und auch heute spreche ich diese Worte nur, weil das gewünscht wurde von denjenigen, die diesen heutigen Theologentag veranstalten. Was sich aber Anthroposophie allein zur Aufgabe macht, ist die Verkündigung von anthroposophischen Forschungsergebnissen über die übersinnliche Welt. Deshalb war ich auch immer zurückhaltend besonders gegenüber den von theologischer Seite herrührenden Angriffen. Denn Anthroposophie will nicht als Kämpfer auf den Plan treten, sondern sie will die von der Zeit geforderten berechtigten menschlichen Seelenbedürfnisse befriedigen. Und alle, die in diesem Sinne mit der Anthroposophie zusammenwirken wollen zur Befriedigung dieser berechtigten, aus den Untergründen der Seele an die Oberfläche drängenden menschlichen Seelenbedürfnisse, alle, die in diesem Sinne mit ihr arbeiten wollen, sind ihr willkommen!


 

 




Zuletzt aktualisiert: 05-Oct-2019
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