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Erneuerungs-Impulse für Kultur und Wissenschaft

Schmidt-Nummer: S-4790

Online seit: 28th February, 2018

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BERICHT

 

über den anthroposophischen Hochschulkurs in Berlin

Aus dem Mitgliedervortrag in Dornach, 18. März 1922

 

Meine lieben Freunde! Gestatten Sie, daß ich heute einiges über den Verlauf des Berliner Hochschulkurses sage. Der Berliner Hochschulkurs hatte sein Programm in einer besonderen Weise angeordnet. Es sollten dargestellt werden die Beziehungen gewisser Lebens- und Wissenschaftszweige in der Gegenwart zur anthroposophischen Weltanschauung. Der einzelne Tag sollte immer einem besonderen Wissenschafts- oder Lebenszweige in der Hauptsache gewidmet sein. Und die Woche war so eingeteilt, daß begonnen wurde mit dem Sonntag, der der anorganischen Naturwissenschaft gewidmet sein sollte. Der Montag sollte dann gewidmet sein der organischen Naturwissenschaft und der Medizin, der Dienstag der Philosophie, der Mittwoch der Erziehungswissenschaft, der Donnerstag der Volkswirtschaft und der Freitag der Theologie. Der Sonnabend sollte der Sprachwissenschaft gewidmet sein, und dann sollte am Sonntag das Ganze durch die Eurythmievorstellung im Deutschen Theater einen gewissen Abschluß erlangen.

Es war das Programm so gedacht, daß jeder Tag mit einem kurzen Vortrag von mir beginnen sollte. Nur der erste Sonntag konnte nicht so beginnen, da ich damals noch nicht in Berlin sein konnte. So mußte ich am Montag in meinen einführenden Worten sowohl die anorganische wie die organische Naturwissenschaft zusammenfassen. Dann sollte der Tag also einen einheitlichen Charakter tragen. Es fanden anschließend an meine Einführungsworte dann zwei weitere Vorträge am Vormittag statt. Dann fand eine halbstündige Imbiß pause statt, zu der man aber — das war schon angekündigt — in den Räumen der Singakademie keinen Imbiß bekam. Und von l bis 2 Uhr sollte dann eine Diskussion stattfinden. Daran sollte sich dann der letzte Vortrag des Vormittags anschließen von 2 bis 3 Uhr. Es war ein etwas anstrengendes Programm. Am Abend schlössen sich daran Vorträge, die zum Teil m der Philharmonie von mir gehalten wurden, zum Teil von anderen in den Räumen der Berliner Universität; jeden Abend einen Vortrag und bei den ändern Vorträgen, außer meinem, war immer noch nach diesen Vorträgen abends auch eine Art von Aussprache. Es waren die Tage also außerordentlich reichlich besetzt.

Nun, die ganze Gliederung des Programmes darf tatsächlich interessant genannt werden, namentlich durch die Formulierungen, welche die einzelnen Tagesprogramme erfahren hatten. Gewissermaßen hatte jeder Tag einen Gesamttitel, und die Formulierungen dieser Gesamttitel für die Tage sind nun wirklich interessant, denn sie verraten so manches Bedeutungsvolle: Jeder einzelne Tag hatte nämlich in seiner Formulierung etwas Positives, nur der Freitag nicht, der der Theologie gewidmet war. Das ist schon bedeutsam, nicht so sehr aus dem Zeitbewußtsein heraus, sondern aus der Art und Weise, wie man sich zu der Entwicklung des Anthroposophischen auf Seiten derjenigen stellte, die das Programm formuliert haben. Man fühlte sich einfach gedrängt, die anderen Tagesprogramme in positivem Sinne zu formulieren, und wir brauchen uns nur diese Formulierungen anzuschauen, um das Bedeutungsvolle herauszufinden.

Sonntag, den 5. März: «Von lebensfeindlicher Mechanistik zu wahrer Phänomenologie». Es wird also die Hoffnung ausgesprochen in der Formulierung des Programmes, daß man durch Anthroposophie dazu kommen wird, eine Phänomenologie als Grundlage der Naturwissenschaft, der anorganischen Naturwissenschaft zu finden.

Noch positiver ist dann das Programm vom Montag zusammengefaßt: «Wege anthroposophischer Menschenerkenntnis in Biologie und Medizin», und ebenso positiv das Programm vom Dienstag über Philosophie: «Die Begründung der Anthroposophie aus dem philosophischen Bewußtsem der Gegenwart.»

Ebenso positiv das Programm vom Mittwoch: «Von modernen pädagogischen Forderungen zu ihrer Verwirklichung durch Anthroposophie» — also auch hier der Gedanke: Es bestehen solche pädagogischen Forderungen in der Gegenwart, die durch Anthroposophie verwirklicht werden können.

Der Donnerstag, der der Sozialwissenschaft gewidmet war, hatte ja sogar einen sehr verheißungsvollen Titel in der Gesamtformulierung des Programmes, obwohl das, was dann gehalten worden ist, weniger verheißungsvoll war. Der Donnerstag trug sogar den außerordentlich verheißungsvollen Titel, der sehr positiv klingt: «Nationalökonomische Ausblicke».

Der Sonnabend, der der Sprachwissenschaft gewidmet war, trug den Titel: «Von der toten Sprachwissenschaft zur lebendigen Sprachwissenschaft».

Sie sehen also, überall liegt diesen Titelformulierungen zugrunde: Man will hinweisen auf den Weg, der aus dem Gegenwärtigen hineinführt in die anthroposophische Gestaltung des betreffenden geistigen Weges. Man hat eine Vorstellung davon, wie die einzelnen Disziplinen ihren Ausgangspunkt nehmen von den gegebenen wissenschaftlichen Formulierungen der Gegenwart und hineinlaufen in gewisse andere Erkenntnisse, welche durch Anthroposophie gegeben werden sollen; überall also absolut konkretes Vorstellen über mögliche Wege. Nur — wie gesagt — der Donnerstag trägt den außerordentlich verheißungsvollen Titel: «Ausblicke», sogar «Nationalökonomische Ausblicke», was eine abstrakte Formulierung ist, was aber in der Abstraktheit gerade hinweist darauf, daß man — ich möchte sagen — nicht gehen, sondern springen möchte.

Wenn wir dann den Freitag uns ansehen in der allgemeinen Formulierung des Tagesprogrammes, so lautet dieses so: «Der Untergang der Religion in der gegenwärtigen Theologie und die Neubegründung durch Anthroposophie». — Also hier wird zuerst ganz negativ formuliert: Der Untergang der Religion in der gegenwärtigen Theologie und die Neubegründung durch Anthroposophie. — Es wird also nur hingewiesen, auch noch in negativer Weise, daß es etwas gibt wie Anthroposophie, und daß dadurch Theologie und Religion eine Erneuerung erfahren können. Es wird in diesem Titel nicht in so konkreter Weise gezeigt, wie der Weg aus den gegenwärtigen Wirrnissen heraus in die anthroposophische Gestaltung hineinführen kann.

Wenn Sie nun das zum Beispiel mit der Formulierung am Sonntag vergleichen: «Von lebensfeindlicher Mechanistik zu wahrer Phänomenologie», so haben Sie hier sogar schon in dem Worte «Phänomenologie» eine ganz konkrete Bezeichnung für das, was werden soll. Ebenso haben Sie in dem Worte: «Menschenerkenntnis» vom Montag auf etwas durchaus Konkretes hingewiesen. Bei der Philosophie haben Sie auf das philosophische Bewußtsein in der Gegenwart, also auch auf etwas Konkretes hingewiesen, bei der Erziehungswissenschaft auf die pädagogischen Forderungen der Gegenwart, und bei der Sprachwissenschaft wird gesagt: «Von der toten Sprachwissenschaft zur lebendigen Sprachwissenschaft», also auch eine ms Konkrete gehende Formulierung.

Nun, es ist das außerordentlich bezeichnend, daß dieser Hochschulkursus, der im wesentlichen sowohl innerlich wie äußerlich in der Freitags-Veranstaltung gegipfelt hat, und der im Grunde genommen — insbesondere die Empfindung konnte das ergeben — einen theologischen Charakter hatte, daß dieser Hochschulkurs, der ja auch sonst außerordentlich gut besucht war, am Freitag, am theologischen Tag, einen solchen Besuch hatte, daß es «brechend voll», übervoll war, und es ist außerordentlich bezeichnend, daß dieser Kursus gerade in der Tagesformulierung für das theologische Programm etwas Negatives hatte. Natürlich gingen diese Formulierungen aus dem hervor, was eben einmal vorliegt, und man versuchte in einer durchaus ehrlichen und aufrichtigen Weise, diese Formulierungen so zu geben, wie sie eben auf der einen Seite aus dem Bewußtsein der Gegenwart hervorgehen können, und auf der ändern Seite aus einer Vorstellung darüber, was aus diesem Bewußtsein der Gegenwart durch Anthroposophie werden kann.

Gehen wir dann die einzelnen Tage durch, so treffen wir natürlich auf Dinge, die uns zum größten Teil bekannt sind. Sonntag: Von lebensfeindlicher Mechanistik zu wahrer Phänomenologie. — Da handelt es sich also darum, daß darauf hingewiesen wird, wie alles Spekulieren über Atomistik, über eine mechanistische Auffassung der leblosen Natur überwunden werden soll, und wie man zu einem reinen Betrachten dessen, was in den Phänomenen, in den Erscheinungen vorliegt, kommen soll, wie diese Erscheinungen selber für sich sprechen sollen, wie sie selber ihre Theorie liefern sollen. Also es ist in dieser Formulierung zum Ausdrucke gebracht, daß man Goetheanismus treiben will in der Naturwissenschaft.

Es ist dann in der organischen Naturwissenschaft zum Ausdrucke gebracht, daß man den gesamten Umfang der organischen Naturwissenschaft auf Menschenerkenntnis bauen müsse, daß man also notwendig hat, nicht so zerstückelt die Natur in ihren Reichen zu betrachten, wie man das gegenwärtig tut, sondern daß man vor allen Dingen darauf auszugehen hätte, den Menschen kennenzulernen, und daß man vom Menschen aus die anderen Reiche der Natur zu erforschen hätte.

Was dann die Philosophie betrifft, so handelte es sich am Dienstag darum zu zeigen, wie das philosophische Bewußtsein an einer Art von Ende angekommen ist. Es ist interessant, diese Formulierung im Zusammenhang zu denken zum Beispiel mit dem Hegeltum. Hegel hat ja bereits in seiner Philosophie im Beginne des 19. Jahrhunderts gesagt, daß alle Philosophie der Gegenwart ein Ende sei, und daß man im Grunde genommen in der Philosophie nur auf den Hergang zurückblicken kann, daß aber eine Weiterentwicklung nicht möglich sei. Nun sollte eben an diesem Dienstag gezeigt werden, wie aus dem Ende der Philosophie ein Anfang, ein neuer Anfang hervorgehen kann, wenn man diesen Anfang in anthroposophischem Sinne gestaltet.

In der Erziehungswissenschaft wollte man darauf hindeuten, daß eigentlich alle wirklich denkenden Menschen der Gegenwart gewisse pädagogische Forderungen aufstellen, die aber nicht zu erfüllen sind mit dem, was man gegenwärtig an Pädagogik entwickelt, daß also diese Forderungen, die im Grunde genommen alle denkenden Menschen aufstellen, nur zu erfüllen sind durch Anthroposophie.

In der Sprachwissenschaft sollte gezeigt werden, wie die Sprache selber als lebendiger Organismus im Zusammenhange mit dem Menschen erfaßt werden soll, nicht bloß aus den toten Urkunden heraus, wie das bei der gegenwärtigen Sprachwissenschaft der Fall ist.

Von der Sozialwissenschaft ist ja nur zu sagen, daß in einer außerordentlich lichtvollen Weise Emil Leinhas aus seinen tüchtigen Kenntnissen heraus über das Geldproblem der Gegenwart ganz Bedeutendes gesagt hat; aber es läßt sich ja über das Geldproblem der Gegenwart, wie Sie wohl selbst manchmal fühlen werden, nicht gerade außerordentlich viel Positives sagen. Das werden Sie schon hier in der Schweiz fühlen, in dem beinahe höchstvalutigen Lande; daß sich aber nicht viel Positives über das Geldproblem sagen läßt, wenn Sie über die Grenze hinüberkommen, das werden Sie ja glauben. Also das ist schon so, daß da nicht sehr viel Positives gesagt werden konnte. Solches Positive haben dann auch die nächsten beiden Vorträge nicht gebracht, und es hat ja gerade dieser nationalökonomische Tag gezeigt, wie im Grunde genommen die Pflege des Nationalökonomischen innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung etwas ist, was eigentlich durch und durch versagt. Denn wir haben im Grunde genommen es nicht dazu bringen können, trotzdem immer wieder und wiederum die Notwendigkeit gerade auf diesem Gebiete betont wurde, daß in der Wirtschaftswissenschaft von Seiten derjenigen, die im Wirtschaftsleben selber drinnenstehen, auch wirklich Zukunftssicheres vorgebracht worden wäre, namentlich solches nicht, das den so außerordentlich schwierigen Anforderungen der Gegenwart genügen würde. Und so war für diesen Tag der Titel «Nationalökonomische Ausblicke» im Grunde genommen etwas wie ein tanzendes Versprechen; aber was dann der Tag gebracht hat, das war ein mehr oder weniger hinkendes Nachbewegen zu diesem tanzenden Versprechen.

Was nun die Theologie betrifft: Ebenso interessant, wie die allgemeine Formulierung des Tagesprogrammes war, ebenso interessant waren auch die drei Titel der Vorträge, die auf meine einführenden Vorträge folgten. Der erste Titel, der Titel des Vortrages von Lizentiat Bock hieß: «Der Untergang der Religion im Psychologismus», der Titel des Vortrages von Dr. Rittelmeyer hieß: «Der Untergang der Theologie im Irrationalismus», und der dritte Vortrag, gehalten von Dr. Geyer, hieß: «Der Untergang der Theologie im Historismus». Wir haben also dreifach den Untergang der Theologie beziehungsweise der Religion in diesen Tagen geschildert bekommen.

Es hatte ja in einem gewissen Sinne die Lage der Zeit es von selbst ergeben, daß Theologen sprachen, die aus ihren besonderen Denk und Empfindungserlebnissen heraus darlegten, wie sie innerhalb ihrer Theologie heute an einen toten Punkt kommen. Es war im Grunde genommen überall die Tendenz vorhanden bei den Theologen, zu zeigen, wie sie innerhalb dessen, was ihnen die Theologie darbietet in der Gegenwart, an einen toten Punkt kommen.

Und wenn man sich dann besinnt, was in positiver Weise vorgebracht worden ist, so könnte man zusammenfassend das, was an diesem Freitag gesagt worden ist, so formulieren: Die theologische Betrachtung der Religion — so meinte wohl Lizentiat Bock — kommt dazu, nur auf das seelische Erlebnis zu sehen, das man als religiöses Erlebnis, vielleicht als Gotteserlebnis bezeichnen kann. Man findet, daß der Mensch unter den verschiedenen inneren Erlebnissen der Seele auch das religiöse Erlebnis hat, das Erlebnis, das in gewisser Beziehung hinweist auf ein Göttliches, daß man aber, wenn man unbefangen ist, sagen muß: Ja, da hat man eben nur ein subjektives Erlebnis. Man hat etwas rein Psychologisches. Man kann durchaus keine Gewähr finden dafür, daß diesem Erlebnis auch irgendetwas in der objektiven Welt entspricht. Es ist in der modernen Theologie das subjektive Gotteserlebnis nicht so, daß es zu einer wirklichen Annahme des Gottes führen kann, geschweige denn zu einer Anschauung über das Wesen des Göttlichen in der Welt. Es erstickt gewissermaßen das religiöse Element in dem Bewußtsein des Menschen in der psychologischen Tatsache: Ja, wir bedürfen eines religiösen Leben; aber es ist nichts da, was die Gewißheit liefern kann, daß diesem Bedürfnis auch irgendwie Befriedigung geschaffen werde. Die psychologische Tatsache ist da, daß der Mensch Religion braucht, aber die Gegenwart weiß dieser Religion keinen Inhalt zu geben. — Das wäre etwa das Ergebnis des ersten Vortrages von Lizentiat Bock.

Dr. Rittelmeyer stellte dann dar, wie die Theologie überdrüssig geworden ist des Rationalismus, wie sie dazu gekommen ist, nicht mehr das Wesen des Göttlichen in der Welt der Gedanken formulieren zu wollen, daß sie nicht mehr sagen wolle, das oder jenes sei Inhalt des Göttlichen, das die Welt durchwebt und durchlebt. Der Gedanke sollte ausgeschaltet werden aus dem Theologischen. Das Rationelle, das aus der Vernunft Stammende, sollte wegkommen, und das Irrationale, das, was den Gedanken ausschließt, das sollte Inhalt der Theologie werden. So daß man also eigentlich zu nichts anderem kommt in der Theologie, als zu den alleräußersten Abstraktionen. Man getraut sich nicht zu sagen: Die Gotteswesenheit kann man durch diesen oder jenen Gedanken erfassen. Man getraut sich nur zu sagen: Die Gotteswesenheit ist das Unbedingte, das Absolute. Einen ganz unbestimmten Begriff pfählt man hin, das Irrationale, etwas, was keine Vernunft erfassen kann.

Nicht wahr, auf jedem anderen Gebiete des Lebens wäre es sonderbar, wenn man so negativ charakterisierte. Wenn zum Beispiel jemand fragt: Wer ist der Vorstand des Goetheanums? —, und man antworten würde: Der Vorstand ist derjenige, der Vorstand von keiner anderen Institution ist —, dann würde man keine Auskunft darüber bekommen, wer nun eigentlich der Vorstand des Goetheanums ist. So bekommt man natürlich auch keine Auskunft über das Göttliche, wenn man sagt: Die Ratio des göttlichen Wesens besteht darin, daß der Gott das Irrationale ist, dasjenige, was keine Vernunft erfassen kann. — Es ist alles nur Negation. Daran knüpfte dann Rittelmeyer einiges, was diese gegenwärtigen Irrationalisten zu sagen haben, so zum Beispiel, wie der Mensch sich innerlich verhält, wenn er zu diesem nur auf irrationale Weise zu erfassenden Gott sich erheben will. Wie erlebt er das, dieses Erheben? Er erlebt es schweigend. Das ist nicht etwa das Schweigen des mystischen Erlebens, das sehr positiv sein kann, sondern das ist das Nichtssagen, das Aufhören, auch innerlich in Gedanken zu sich selber zu sprechen. Es wurde dann noch des weiteren ausgeführt, wie dieses Schweigen im Kultus Platz greift. Es ist aus der absoluten Ohnmacht heraus, irgendwie überhaupt etwas zu formulieren, daß man die Zuflucht zu dem Schweigen nimmt.

Dann war es ja interessant, wie zwei Herren sprachen, ein Privatdozent und ein Pfarrer, die nun diesen Irrationalismus ihrerseits verteidigten, um besonders zu zeigen, daß der Irrationalismus wirklich etwas Herrschendes in der Gegenwart ist. Da mußte man zum Beispiel von dem Privatdozenten hören: Ja, das wäre ganz richtig; es wäre zum Beispiel Unsinn zu sagen, aus der Natur könne man weniger den Gott finden als aus dem Geiste. Die Natur stehe nicht ferner dem Gotte als der Geist. Geisteserkenntnis liefere nicht mehr als Naturerkenntnis für den Gott, denn der Gott sei eben das Unbedingte, das überall durchbricht. — Dies wurde sehr häufig wiederholt, daß der Gott das Unbedingte sei, das überall durchbricht.

«Theologie!» — der Faust würde nicht nur einmal, sondern dreimal «leider» gesagt haben! Der Faust müßte umgedichtet werden: «Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei, Medizin und leider, leider, leider auch Theologie studiert ...» —, wenn man so etwas immer wieder hören muß: Der Gott ist das Unbedingte, das überall durchbricht. Da stellt man sich also das Überall vor und dann bricht's durch, bricht heraus — aber eben das Unbestimmte bricht überall durch!

Nun, der letzte Vortrag war dann der von Dr. Geyer. Der behandelte den Untergang der Theologie im Historismus. Geyer suchte zu zeigen, wie die Theologie allmählich dazu gekommen ist, nichts mehr selber Schöpferisches zu haben, sondern nur zu betrachten, was schon gewesen ist, also immer die Geschichte zu studieren, was schon gewesen ist, um dadurch zu einem Inhalt zu kommen. Das aber führt natürlich dazu, daß man höchstens sagen kann: In der Vergangenheit haben die Menschen ein religiöses Bewußtsein gehabt, aber heute haben sie nur noch die Möglichkeit, diese verschiedenen Stufen des religiösen Bewußtseins in der Vergangenheit zu betrachten, und irgend etwas, was sie noch behalten wollen, sich zu wählen. — Nur, zum Unglück, indem sie dann die Wahl treffen, bleibt ihnen nichts übrig von all dem, was ihnen von den verschiedenen Epochen der Vergangenheit da serviert wird.

Ich selber habe dieses Tagesprogramm dadurch eingeleitet, daß ich bemerkt habe, daß Anthroposophie durchaus nicht religionsbildend auftreten will, daß sie eine Erkenntnis übersinnlicher Welten sein will, und wenn Theologie eben von ihr befruchtet werden will, so mag sie das tun. Anthroposophie wird natürlich sagen, was über die übersinnlichen Welten zu sagen ist, und sie kann ihrerseits warten, was die Theologen für sich aus dieser Anthroposophie brauchen können.

Es ist für denjenigen, der die Gesamtsituation der Gegenwart zu überschauen vermag, gerade an diesem Tage ein, aber natürlich aus den Verhältnissen hervorgehender Mangel sehr stark hervorgetreten. Wenn ein vollständiges Erschöpfen des Tagesthemas hätte erfolgen können, so wie das bei den anderen Tagesthemen ja versucht worden ist — und mit Ausnahme der Sozialwissenschaft bis zu einem gewissen Grade auch erreicht wurde —, dann hätte natürlich auch noch ein katholischer Theologe sprechen müssen. Denn alle diese Vorträge, die gehalten worden sind, sind lediglich aus dem protestantischen Bewußtsein heraus gesprochen worden. Ein katholischer Theologe wäre ja in einer ganz anderen Lage gewesen als diese drei protestantischen Theologen. Ein katholischer Theologe hat nicht nur eine historisch überbrachte, sondern eine historisch überbrachte und ewig gültige Theologie, eine Theologie, die in der Gegenwart unbedingt so lebendig erfaßt werden muß, wie sie erfaßt worden ist, sagen wir im 3., 2. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechung. Gewiß, die Konzilien und im 19. Jahrhundert dann der unfehlbar gewordene Papst haben ja manches hinzugefügt. Das sind aber einzelne Dogmen, das sind Hinzufügungen. Aber das ganze Wesen der katholischen Theologie ist etwas, was erstens von der Zeitentwicklung nicht abhängt, und was in sich durch seine eigene Erkenntnisart einen perennierenden, einen immerwährenden Charakter tragen soll. Es würde, wenn ein mehr fortschrittlicher Mann über katholische Theologie gesprochen haben würde, vielleicht das Ringen eines solchen katholischen Denkers wie dem Kardinal Newman eine außerordentlich interessante Auseinandersetzung haben erfahren können. Wenn ein weniger fortgeschrittener katholischer Theologe gesprochen hätte, würde er eben das Wesen der ewigen Heilslehre, also eine katholische Theologie dargestellt haben. Dann würden Fragen von ungeheurer Bedeutung aufgetaucht sein, zum Beispiel jene Frage: Was ist nun eigentlich in der katholischen Theologie für den heutigen Menschen gegeben?

In der katholischen Theologie ist ja ohne Zweifel, so wie sie heute auftritt, für das Gegenwartsbewußtsein nichts Lebendes. Aber sie war einmal etwas Lebendes. Ihr Inhalt beruht ja durchaus auf dem Ereignis alter geisteswissenschaftlicher, wenn auch atavistischer Erkenntnisse. Was in der katholischen Theologie enthalten ist, sagen wir über das Faktum der Schöpfung, über die Erlösung, über den Inhalt der Trinität, über alle diese Dinge, das sind ja reale Begriffe, das ist etwas, was Inhalt hat; nur ein Inhalt, den das moderne Bewußtsein nicht mehr erfassen kann, sondern ihn in abstrakte, unverständliche Dogmatik kleidet, oder auch gar nicht kleidet, sondern als unverständliche, trockene Dogmatik hinnimmt.

Es war ja insbesondere die Entwicklung der katholischen Theologie im 19. Jahrhundert so, daß nicht mehr erkannt wurde, was in den Dogmeninhalten enthalten ist. Dafür lag gerade bei diesem Hochschulkurs in Berlin ein interessantes Erlebnis vor.

Ich hatte am Freitag in meiner Einleitung aus dem unmittelbaren Erleben heraus folgendes gesagt, was Sie ja schon kennen, ich hatte gesagt: Wer das erlebt, was in unserer Naturumgebung ist und in dem, was an diese Naturumgebung sich anschließt, kommt, wenn er nicht irgendwie innerlich verkrüppelt ist, zum Bewußtsein des Vater-Gottes. Derjenige, der dann während seines Lebens das Ungenügende des Vatergott-Erlebnisses erkennt und eine Art innerer Wiedergeburt erlebt, der kommt zu dem Erleben des Gott-Sohnes, des Sohnes Gottes. Und auf dieselbe Weise kommt man dann durch ein Weiterschreiten zu dem Geist-Erlebnis.

Da dachte nun ein protestantischer Privatdozent, Lizentiat Tillich: Aha, da ist ja die Trinität, die muß man konstruieren —, und er nannte das eine Konstruktion: Er merkte also gar nichts davon, daß da Erlebnisse zugrunde liegen. Das war ihm ganz fremd. Nun, so fremd sind auch jene Erlebnisse dem modernen Bewußtsein des 19. Jahrhunderts geworden, die den katholischen Dogmen zugrunde liegen.

Diese katholischen Dogmen gehen natürlich ursprünglich zurück auf geistige Realitäten, aber man versteht nichts mehr davon. Es sind leere Begriffe geworden. Nun sollte man aber im 19. Jahrhundert wenigstens wiederum dazu kommen, ein wenig äußerlich beleben zu können, was in der katholischen Theologie lebt. Sie wissen ja wohl, daß dieser Drang, wenigstens ein bißchen wieder verstehen zu können, was in der katholischen Theologie lebt, ganz besonders unter dem Pontifikat Leos XIII. aufgekommen ist. Daher dazumal die katholische Verordnung, die römische Verordnung für alle katholischen Theologen, zurückzukehren zum Studium der Thomistischen Philosophie, der Philosophie des Thomas von Aquino, weil die ganze spätere Philosophie nicht mehr brauchbar ist, um so etwas zu erfassen, wie es in den katholischen Dogmen liegt. Alle auf die Thomistik folgende Philosophie ist eigentlich nur brauchbar, um das natürliche Dasein zu verstehen, um der Naturwissenschaft eine Grundlage zu geben, nicht aber um die geistigen Tatsachen zu verstehen, von denen man allerdings auch auf katholischer Seite nichts weiß, aber die doch in den katholischen Dogmen in einer Zeit formuliert worden sind, als man noch von diesen geistigen Tatsachen wußte. Um diese geistigen Tatsachen zu verstehen, dazu taugt alle spätere nach-thomistische Philosophie nichts mehr. Als man daher das Bedürfnis empfand, wiederum etwas von dem zu verstehen, was in den katholischen Dogmen liegt, forderte man die Erneuerung des Studiums der Thomistik, was ja heute das eigentliche philosophische Bestreben innerhalb des römischen Katholizismus ist. Dem liegen durchaus historische Realitäten zugrunde. Und wenn man vergleicht, was eigentlich notwendig ist, um wiederum ins Geistige hineinzukommen, so sieht man schon ein, daß natürlich auch die Thomistik nicht genügt, um wieder zu beleben, was in den alten, in Rom erstarrten Dogmen enthalten ist. Man muß da zu einer ganz anderen Betrachtung kommen.

Bitte, erinnern Sie sich nur an die für einen gegenwärtigen Literatur-Historiker so gänzlich verdrehte Anschauung, die ich hier, bevor ich von Dornach abgereist bin, in den letzten Vorträgen vorgebracht habe, wo ich mit Hinweggehen über alles, was Raum und Zeit ist, Ihnen dargestellt habe, wie Hamlet ein Schüler von Faust ist, wie Hamlet zehn Jahre lang zu Füßen des Faust gesessen hat; in jenen zehn Jahren, wo Faust seine Schüler an der Nase herumführte, und wie Hamlet einer von denen war, die damals grade und krumm und kreuz und quer an der Nase herumgeführt worden sind. Solche Zusammenhänge sind natürlich einem gegenwärtigen Literatur-Historiker ein Greuel. Aber man kann ja heute fast nichts Erhebliches sagen auf geistigem Gebiete, was den offiziellen Vertretern der Wissenschaft nicht ein Greuel wäre. Es ist heute ja geradezu das Stigma der wirklichen Wahrheit, daß sie den öffentlichen Vertretern der Wissenschaft ein Greuel ist.

Nun, wenn Sie das schon für ein so profanes Gebiet nehmen, dann werden Sie sehen, was wirklich notwendig ist, um wiederum zu jener Beweglichkeit des Geistes zu kommen, die eine Grundlage liefern kann für das Erfassen dessen, was in den Dogmen bewahrt ist. Wie man zurückgehen muß zu einer ganz anderen Seelenverfassung, um in die Art hineinzukommen, wie man in solchen Dogmen lebte, das zeigt ja gerade der Entwicklungsgang des Kardinals Newman.

Es ist ja vielleicht heute in Berlin selbstverständlich, daß man bei einem solchen Hochschulkurs nur von protestantischem Standpunkte aus redet und den katholischen Standpunkt unberücksichtigt läßt. Aber ein Bild dessen, was da eigentlich heute waltet, bekommt man natürlich nicht, wenn man nicht auch den katholischen Standpunkt irgendwie zu erörtern in der Lage ist, insbesondere heute nicht, wo wir wieder notwendig haben, mit unserem Blicke über die ganze Welt hinzuschauen.

Sehen Sie, darüber müssen wir ja heute hinauskommen, nur Kirchturms-Wissenschaft, Kirchturms-Weltanschauung zu reden. — Kirchturms-Pohtik kennen Sie, aber es gibt auch etwas wie Kirchturms-Weltanschauung. Sie tritt einem stark entgegen, wenn man so etwas sieht wie zum Beispiel an dem Freitag Abend, wo der Dr. Theberat über das Thema vorgetragen hat: «Atomistische und wirklichkeitsgemäße Betrachtung chemischer Prozesse». Das heißt, Dr. Theberat, der ja nun in unserem Forschungsinstitut in Stuttgart angestellt ist, versuchte zu zeigen, wie Atomistik verlassen werden muß und wie man eben die Phänomenologie auch in die Chemie hineintragen muß. Da trat dann in der Debatte Dr. Kurt Grelling auf. Ich will jetzt nicht über Dr. Kurt Grelling sprechen, der ja so ungefähr nach dem Rezepte auftritt: Ja, da wird in der Anthroposophie allerlei gesagt, aber das ist mir alles noch nicht wahrscheinlich. Sicher aber ist doch, daß 2 + 2 = 4 ist, und man muß sich doch an das halten, was sicher ist: 2 + 2 = 4; das ist sicher. — Das hat er ja schon im vorigen Sommer im Stuttgarter Kursus geltend gemacht und hat dann sogar zwei Universitätslehrer zu Hilfe gezogen, um dieses, daß 2 + 2 = 4 ist, an einem besonderen Abend geltend zu machen.

Dem konnte man natürlich nicht widersprechen. Ich meine, ich will damit nur symbolisch andeuten, was er sagte, denn 2 + 2 ist ja wirklich 4. Ich konnte nicht widersprechen. Ich konnte nicht einmal widersprechen, als er am letzten Freitag, ganz aus dem Zusammenhang herausgerissen, sagte, ich hätte in Stuttgart ja zugegeben, daß 2 + 2 = 4 ist. Gewiß, ich kann das nicht in Abrede stellen. Ich meine jetzt nicht gerade 2 + 2 = 4, sondern Dinge, die im ganzen Zusammenhang ebenso wertvoll sind, die er damals vorgebracht hat. Er sagte dann: Ja, über die Frage, die da vorgebracht wurde, über Phänomenologie, kann nicht vom Standpunkte der Naturwissenschaft entschieden werden, sondern nur vom Standpunkte der Philosophie aus.

Nun, ich will nicht sagen, daß das gerade bloß «Göttingisch» ist, aber mindestens ist es heute nicht irgendwie weltmännisch wissenschaftlich gedacht, denn mit einem solchen Satze, daß etwas nicht naturwissenschaftlich, sondern nur philosophisch entschieden werden könne, würde man zum Beispiel in England überhaupt keinen Sinn verbinden können, weil dieser Unterschied etwas ist, was eben Kirchturms-Weltanschauung ist. Diese Formulierung, die kennt man nur innerhalb gewisser mitteleuropäischer Kreise.

Jedenfalls ist es schon so, daß wir heute, wenn von solchen Fragen die Rede ist, einen weiteren Gesichtskreis brauchen. Man kann zum Beispiel unmöglich immer weiter von Mitte, West und Ost sprechen. In den Formulierungen des Programms zum Wiener Kongreß ist ja fortwährend von West und Ost und Mitte die Rede, was ich nicht tadle. Ich finde es ja recht großgeistig, wenn von West und Ost und Mitte die Rede ist — aber ich meine, man muß dann auch seine Begriffe etwas erweitern; sie müssen dann wirklich auch diese Gebiete umspannen. Man kann natürlich nicht von einem eingeschränkten Standpunkte aus die Welt umfassen.

So fehlte natürlich [in Berlin bei den Vorträgen über Religion und Theologie] etwas, zum Beispiel in bezug auf die westliche Entwicklung des religiösen Lebens, weil man das Katholische ganz ausgelassen hat, denn dieses westliche religiöse Leben hat gar nichts in sich von dem, was man berührt, wenn man bloß von der evangelischen Theologie spricht. Man kam auch gar nicht darauf zu reden, wie etwa der Puritanismus in England oder die Hochkirche in England oder dergleichen sich entwickelt haben.

Also das alles bringe ich nicht als eine Kritik vor, denn selbstverständlich waren die Dinge, die vorgebracht worden sind, ausgezeichnet. Aber ich möchte doch im engeren anthroposophischen Kreise über das sprechen, was in Anknüpfung an die ganzen Vorgänge eben hätte gesagt werden müssen. Und da würde man eben gezeigt haben müssen, wie das gegenwärtige Denken eben gar nicht in der Lage ist, an das heranzukommen, was einmal Quell für den theologischen Inhalt war. Aber es war so, daß in Berlin keine Brücke zu sehen war zwischen dem, was moderne evangelische Theologie ist, und dem, was nun aus Anthroposophie kommen soll zur Belebung des religiösen Bewußtseins. Es waren immer nur Hinweise, daß das von der Anthroposophie kommen soll; aber wie es sich gestalten soll, davon war eigentlich im Grunde genommen nicht die Rede.

Das sind Dinge, die Ihnen vielleicht ein Bild geben werden von jenem Ringen auf anthroposophischem Boden, das sich gerade in Berlin jetzt in der schönsten Weise zum Ausdruck gebracht hat. Es zeigte sich ja gerade in Berlin auch an der Teilnahme der verschiedenen Kreise — die Vorträge waren außerordentlich stark besucht, auch die Vormittagsvorträge —, daß durchaus etwas in der anthroposophischen Bewegung lebt, was stark und intensiv an das Gegenwartsbewußtsein heranschlägt.


Und es wurde von unserer Seite aus ja auch manchmal nicht gespart in der Schärfe der Ausdrücke, die charakteristisch sein sollten für das, was ist. Ich erinnere mich zum Beispiel mit einer gewissen inneren Freude daran, wie am Sonnabend dann Dr. Schubert sprach, der innerhalb des Rahmens «Anthroposophie und Sprachwissenschaft» auch seinerseits zeigen wollte, wie die Sprachwissenschaft im politischen Leben der Völker und Rassen eine Rolle spielte, und wie er dann in der Debatte temperamentvoll darauf hinweisen wollte, was heute die Sprachwissenschaft ist, und was sie werden muß durch die Anthroposophie. Es war temperamentvoll, als er dann sagte: Ja, er sei doch in Berlin gewesen, er habe bei den verschiedensten Lehrern Sprachwissenschaft studiert, und dann kam er an die Anthroposophie, um diese Sprachwissenschaft zu beleben; und da ging ihm erst ein Licht auf, da fand er, was die gegenwärtige Sprachwissenschaft eigentlich ist: ein Misthaufen. — Und da schlug er auf den Tisch. Also es war nicht gespart worden an temperamentvollen Ausdrücken, um die Gegenwart zu charakterisieren. Die Gegner haben ja auch nicht gerade — ja, temperamentvoll kann ich eigentlich nicht sagen — nun, so sage ich gar nichts!

Die Abendveranstaltungen waren dann so, daß man versuchte, ein Bild von den anthroposophischen Inhalten zu geben. Es war namentlich diesmal sehr bedeutungsvoll, daß sowohl von Dr. Stein wie von Dr. Schwebsch, zwei Lehrern der Waldorfschule, anschauliche Bilder des pädagogischen Wirkens in der Waldorfschule gegeben wurden. Ich möchte sagen, so zwischen den Zeilen konnte man ja manches Merkwürdige erleben.

Der ganze Kursus schloß dann am Sonntag. Ich hatte dann nachher am Sonntag noch den Schluß-Abendvortrag zu halten, und die Vormittagsveranstaltungen schlössen mit einer vor einem vollbesetzten Hause gehaltenen Eurythmievorstellung im Deutschen Theater, die einen außerordentlich starken Erfolg hatte.

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß, wenn Ihnen irgendwelche Zeitungsblätter in die Hand kommen sollten, Sie das Gegenteil von dem lesen werden, was da gewesen ist. Aber ein Herr, der zum Beispiel einen Artikel in einem Berliner Blatte geschrieben hat, den manche für einen Artikel pro Anthroposophie ansehen — ich will mich darüber nicht äußern! —, der hat dann bei einem ändern großen Blatte angefragt, ob er nun auch einen Artikel über diesen Hochschulkurs schreiben darf. Man fragte: Pro oder Kontra? Da sagte er, weil er meinte, daß sein Artikel Pro ist: Pro. Da sagte man: Nein, wir nehmen nur Kontra. — Also man kümmert sich nicht darum, was irgend jemand schreibt, sondern man kauft nur Kontra! Also Sie werden natürlich keine Vorstellung bekommen von dem, was da gewesen ist, wenn Sie andere Berichte bekommen von außen her.

Schade ist es, daß außer dieser im Deutschen Theater erfolgten Eurythmie-Vorstellung nicht auch noch — außer den kurzen Eurythmie-Vorstellungen am Donnerstag und Sonntag — mehr Eurythmie gepflegt worden ist, denn es hätte vielleicht das nach dem Muster des Stuttgarter anthroposophischen Kongresses dazu führen können, daß unter der Last dieser vollbesetzten Tage die verehrten Anwesenden doch nicht gar so schwer zu tragen gehabt hätten. Denn ich kann mir schon vorstellen, daß es recht hart war! Nehmen Sie zum Beispiel irgendeinen der Tage, so einen Durchschnittstag, wo nicht außerdem noch Sitzungen für eine Anzahl von Leuten gehalten worden sind, da hat derjenige, der alles mitgemacht hat, fünf Vorträge und eine Diskussion gehört. Das ist für einen heutigen Menschen etwas viel, an einem Tage fünf Vorträge und eine Diskussion. Es waren eigentlich sogar zwei Diskussionen an einem normalen Tage. Also man hatte Gelegenheit, von 9 Uhr bis 3 Uhr und dann wiederum von 8 Uhr bis etwa 10 1/2 Uhr abends in einem fort in solchen Gedanken zu leben. Dem wäre natürlich viel besser gedient gewesen, wenn zwischendurch, wie es in Stuttgart der Fall war, launige Eurythmie Vorführungen hätten stattfinden können. — Nun, im Ganzen ist das Ergebnis ein außerordentlich Bedeutsames.


 

 




Zuletzt aktualisiert: 16-Aug-2019
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