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Anthroposophie, Ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfruchte

Schmidt-Nummer: S-4589

Online seit: 15th June, 2013

FÜNFTER VORTRAG

Stuttgart, 2. September 1921

Anthroposophische Geisteswissenschaft will aufsteigen von der Sinnesanschauung zu der Geistesanschauung, und sie will aufsteigen von dem Verstandesgebrauch, wie er sein muß im gewöhnlichen Leben und in der gebräuchlichen Wissenschaft, zu solchen andern Arten von Seelentätigkeiten, durch welche die Erkenntnis in Gebiete geführt werden kann, die sich zwar offenbaren in der gewöhnlichen Sinneswelt, die aber durch die Sinne und durch die Verstandeserkenntnis als solche unmittelbar nicht erkennbar sind. Und solche inneren Seelenbetätigungen leben in dem, was ich in meinen Schriften als Imagination, Inspiration, Intuition bezeichnete. Wenn nun von Imagination geredet wird, so hat man zunächst nicht an irgend etwas Nebulos-Mystisches zu denken, zu dem man kommt, wenn man an die Stelle der klaren, besonnenen Verstandeseinsicht irgend etwas dunkel in der Seele Lebendiges setzt, sondern man hat an etwas zu denken, das ausgeht von einem vollständigen und umfassenden Gebrauche der besonnenen Verstandeserkenntnis, diese aber weiterentwickelt durch Heraufheben von in der Seele verborgenen Kräften zu einer Betätigung der Seele, die nun nicht in den gebräuchlichen Begriffen lebt, sondern zunächst in etwas Bildartigem, das sich aber durchaus im weiteren Verlaufe seiner Betätigung in ebenso klaren Begriffen auszuleben hat wie die Verstandeserkenntnis selbst. Ich habe in meinen Büchern dasjenige geschildert, was der Mensch als innerliche Übungen zu vollbringen hat, um diese für das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft in der Seele verborgen bleibenden Kräfte zu entwickeln und so zur imaginativen Erkenntnis zu kommen. Heute möchte ich diese imaginative Erkenntnis, wie sie sich auf die in jenen Büchern geschilderte Weise ergibt, zunächst mit einigen Strichen charakterisieren.

Diese imaginative Erkenntnis lebt nicht in den abstrakten Begriffen, an die wir im gewöhnlichen logischen Denken gewöhnt sind, aber man hat sich auch nicht zu denken, daß diese Erkenntnis irgend etwas vielleicht bloß Phantasiemäßiges ist. Man hat, wenn man zunächst, was da vorliegt, mehr äußerlich charakterisieren will, sich zu besinnen auf jene Form des Erlebnisses, das der Mensch hat, wenn er aus den Untergründen seiner Organisation Erinnerungsvorstellungen herausholt, oder auch, wenn diese Erinnerungsvorstellungen, angeregt durch dieses oder jenes, aus diesen Untergründen wie von selbst auftauchen. Man fasse also dasjenige genau ins Seelenauge, was eine Erinnerungsvorstellung ist, und man wird damit die Art und Weise gegeben haben, wie auch Imaginationen in der Seele leben. Sie leben mit derselben Intensität, ja mit einer oft weit gesteigerten Intensität gegenüber den Erinnerungsvorstellungen. Aber gerade so, wie die Erinnerungsvorstellungen durch ihr eigenes Auftreten, durch ihren eigenen Inhalt zeigen, wie das Erlebnis war, das der Mensch vielleicht vor Jahren hatte und von dem sie ein Bild sind, so zeigen diese Imaginationen, indem sie in die Seele hereingerufen werden, daß sie zunächst nicht an ein persönliches Erlebnis anknüpfen, wenn sie als wirkliche Erkenntnisimaginationen auftreten, sondern daß sie sich beziehen, obwohl sie genau mit dem Charakter der Erinnerungsvorstellungen auftreten, auf eine nun nicht sinnliche, aber doch durchaus objektive Welt, die innerhalb der Sinneswelt lebt und webt, aber durch die Wahrnehmungsorgane der Sinne sich nicht offenbart.

So könnte man zunächst in einem positiven Sinne das mehr Äußerliche der Erkenntnisimaginationen charakterisieren. In einem negativen Sinne ist zu sagen, was diese Erkenntnisimaginationen nicht sind. Sie sind nicht irgendwie etwas, das einer Vision, einer Halluzination oder dergleichen ähnlich ist. Sie führen im Gegenteil die Seelenverfassung des Menschen nach der entgegengesetzten Richtung, als diejenige ist, in der sie sich bewegt, wenn sie in Visionen, in Halluzinationen und dergleichen verfällt. Erkenntnisimaginationen sind in demselben Sinne gesunde Seelenerlebnisse, in dem Visionen, Halluzinationen und so weiter kranke Seelenerlebnisse sind. Was ist mit Bezug auf den Menschen selber das eigentlich Kennzeichnende des visionären, des halluzinierenden Lebens? Eines der Kennzeichen ist das herabgedämpfte Ich-Gefühl, die herabgedämpfte Besonnenheit auf sich selbst. Wir haben, indem wir uns unserer gesunden Sinnesverfassung und unserem gesunden Erleben der äußeren sinnlichen Wirklichkeit hingeben, eben dasjenige, was wir Besonnenheit auf unser eigenes Ich nennen können. Wir müssen in jedem Augenblick, in dem wir gesund die äußere Welt anschauen, in dem wir gesund uns in die äußere Welt hineinstellen, uns selber in einem gewissen Grade unterscheiden können von demjenigen, was Inhalt unseres Selbstes ist. Übermannt uns dasjenige, was Inhalt unseres Bewußtseins, unseres Selbstes ist, so, daß die notwendige Besonnenheit auf uns selbst herabgelähmt wird, dann treten eben ungesunde Zustände ein, und solche sind auch die des visionären, des halluzinatorischen Lebens. Wer in diesen Dingen ein unbefangenes Urteil sich erwirbt, der weiß, daß ein gewisser Grad der so geschilderten Besonnenheit vorhanden ist, wenn wir im gesunden Sinneserfahren leben, und er weiß, daß unter diesem gesunden Sinneserfahren das visionäre, das halluzinatorische Leben steht. Er wird gar nicht versucht sein, diese Herabstimmungen des Bewußtseins irgendwie hinzunehmen als Offenbarungen einer Welt, die wertvoller ist als die Sinneswelt.

Man kann es einfach als eine Art Kriterium auffassen, ob jemand etwas versteht von wahrer anthroposophischer Geisteswissenschaft oder nicht, wie er sich zu diesen Dingen verhält. Wenn jemand den Glauben hat, daß er etwas Wertvolleres über die Welt erfährt durch Visionen und Halluzinationen als durch Sinneswahrnehmung, dann hat er eigentlich kein genügendes Verständnis für anthroposophische Geisteswissenschaft. Die Sinneswahrnehmung bringt uns mit der Außenwelt in ein Verhältnis. Visionäres, halluzinatorisches Leben setzt dieses Verhältnis auf eine niedrigere Stufe der Besonnenheit herab, indem es dasjenige, was schon reinere objektive Welt in der Sinneswahrnehmung ist, in die subjektive Sphäre versetzt, in dasjenige Gebiet des Erlebens, in dem in ungesunder Weise aus dem Organismus selbst sich ein Inhalt herausentwickelt und zum mindesten unsere Sinneswahrnehmung durchsetzt, in Krankheitsfällen sie überhaupt vertreibt und durch Krankhaftes ersetzt. Wenn man dies, was ich jetzt ausgesprochen habe, streng festhält, dann wird man unter allen Umständen die Forderung gegenüber den Erkenntnisimaginationen haben, daß durch sie das Verhältnis, das wir in der Sinneswelt zur objektiven Außenwelt haben, nicht herunter gestimmt, herabgelähmt, sondern hinaufgestimmt und durch ein starkes Leben angeregt werde.

Wenn man sich nun klar darüber ist, daß es die Besonnenheit auf das eigene Selbst, auf das Ich ist, was die Sinneswahrnehmungen heraufhebt über die bloßen visionären und halluzinatorischen, traumhaften Erlebnisse, dann wird man auch verstehen, warum es von dem Geistesforscher als eine Notwendigkeit hingestellt wird, daß behufs der Erkenntnis-imaginationen solche Übungen gemacht werden, die zunächst die innere Intensität des Ich-Gefühls nicht herabstimmen, sondern sie sogar erhöhen, steigern. Damit aber bin ich bei etwas angekommen, das im eminentesten Sinne notwendig ist für die Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse, wie auch bei etwas, das, wenn es nicht mit Beobachtung all derjenigen Gesetzmäßigkeiten vollzogen wird, die ich angedeutet habe in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», sogar in einem gewissen Sinn zwar nicht eine Gefahr für den Organismus, wohl aber zunächst für die seelische, namentlich die moralische Verfassung des Menschen sein kann. Das Ich-Gefühl muß gesteigert werden, die Besonnenheit auf sich selbst muß kraftvoller werden. Damit wird bei Menschen, welche nicht zugleich die von mir oftmals geschilderten Vorkehrungen treffen, um ein solches verstärktes Ich-Gefühl ohne moralische, ohne psychische Einbuße zu ertragen, schon etwas von seelischem — nicht pathologischem — Größenwahn erzeugt.

Das ist überhaupt etwas, was man zunächst — gestatten Sie den Ausdruck — bei «Übern» zu übersinnlichen Erkenntnissen leicht bemerken kann, weil sie hinüberhuschen möchten über die nötigen Vorkehrungsmaßregeln, daß sie nicht bescheidener werden, sondern wirklich in eine Art Größenwahn verfallen. Man muß dies ungeschminkt aussprechen, damit niemand auf den Glauben kommt, derjenige, welcher innerhalb einer wirklichen anthroposophischen Erkenntnis steht, wolle verkennen, daß ein solcher Größenwahn vielfach wirklich unter denen wütet, die sich nun vielleicht aus diesen oder jenen Untergründen heraus zur Anthroposophie bekennen. Das Eigentümliche, das auftritt, wenn in dieser Weise das Selbstgefühl gesteigert wird, ist das Folgende: Man kann dieses Selbstgefühl steigern, man kann es dahin bringen, daß das Ich in einem ganz erheblichen Grade ein stärkeres Existenzgefühl hat als im gewöhnlichen Leben. Wie tritt zunächst diese Steigerung auf?

Für das gewöhnliche Leben und auch für die gewöhnliche Wissenschaft gibt es etwas, was ich das Augenblicksbewußtsein nennen möchte. Man muß sich nur einmal klar sein darüber, was dieses Augenblicksbewußtsein eigentlich ist. Man wird sich klar, wenn man unterscheidet, wie man ein Ereignis erlebt, in dem man unmittelbar in der Gegenwart drinnensteht, das man mit den Sinnen anschaut, das man mit dem Verstände ergreift, von dem man sich also in der Gegenwart Vorstellungen bildet, mit dem man vielleicht auch in der Gegenwart durch die Willenserregungen zusammenhängt. Man werfe einmal einen prüfenden Blick auf das Seelenleben, wenn es in der geschilderten Lage ist, und man vergleiche dann damit, wie dieses Seelenleben innerlich ist, wenn man sich einem Komplex von Erinnerungen hingibt; man sehe hin auf dasjenige, wofür die Erinnerungsvorstellungen Bilder sind. Was man, sagen wir, vor zehn Jahren als Gegenwärtiges erlebt hat, das erlebt sich im gegenwärtigen Augenblick, wenn auch mit schwächerer Intensität, als ein Gegenwartserlebnis. Es erlebt sich auch als Objektives gegenüber dem Augenblicksbewußtsein. Das Augenblicksbewußtsein schaut durch die Erinnerungsvorstellung hin auf dasjenige, was vor zehn Jahren erlebt worden ist. Und man vergleiche den Grad des Erlebnisses, den man dem gegenwärtigen Erlebnis gegenüber hat, mit demjenigen, den man einem vergangenen Erlebnis gegenüber hat. Wie wenig steckt man im Verhältnis zu dem Gegenwartserlebnis mit seiner Vollpersönlichkeit in demjenigen drinnen, das gegenwärtig nur in den Erinnerungsbildern im Bewußtsein anwesend ist!

Das wird anders, wenn man zur Erkenntnisimagination aufsteigt, und zwar so, daß man das Erleben willkürlich handhaben kann und nicht überwältigt wird. Es wird so, daß in der Tat das Ich-Erlebnis sich allmählich so verstärkt, daß man für das ganze zurückliegende Leben, an das man sich sonst nur erinnert, ein Ich-Erlebnis hat, als ob man in den vergangenen Ereignissen als unmittelbar Gegenwärtigem wirklich drinnen lebte. Das Augenblicksbewußtsein wird ausgedehnt zu einem im Strom der Zeit verlaufenden Bewußtsein. Das ist die erste Stufe für das Erleben von Erkenntnisimaginationen. Man läßt gewissermaßen sein Ich ausfließen in die Erlebnisse, die man in diesem Erdenleben seit der Geburt gehabt hat. Wenn ich sage, man wird von diesen intensiver gemachten Erlebnissen nicht überwältigt, so meine ich, wer in richtiger Weise zu einer solchen Stufe des Erkennens aufsteigt, der ist in der Lage, dieses Ausfließen des Ichs in die Vergangenheit willkürlich bewirken zu können. Er kann Anfang und Ende des Vorganges voll festsetzen, während er im übrigen eben derselbe, in dem Grade des Alltagsbewußtseins besonnene Mensch bleibt, wie er früher war. Nichts darf von einer Überwältigung eintreten, sondern es muß dasjenige, was der Mensch sich erwirbt, als Fähigkeit einer andern Erkenntnis durchaus so in die Willkür gestellt sein, wie der Gebrauch irgendeines ' Komplexes von Urteilen im gewöhnlichen Leben in die Willkür des Urteilenden gestellt ist; sonst sind diese Dinge nicht auf einem gesunden Boden. Es ist aber eine beträchtliche Intensivierung des Ichs*, wenn das, was sonst im Augenblick lebt, die Stärke seines Erlebens ausdehnt über den ganzen Lebensstrom.

Man wird für die erkennenden Augenblicke, in denen Imaginationserkenntnis Fähigkeit werden soll, in gewissem Sinne ein anderer Mensch dadurch, daß man nun nicht bloß mit einem gewissen Ich-Erfühlen in der Gegenwart lebt, sondern daß man in der Zeit lebt, daß man die Zeit in sein

Erleben vollständig aufgenommen hat, während im gewöhnlichen Erleben nur der gegenwärtige Augenblick subjektiv, der übrige Zeitverlauf einschließlich des eigenen Erlebens seit der Geburt aber eigentlich objektiv ist. Man kann sehen, daß es sich bei einem solchen systematischen Ausbilden von inneren Erkenntnisfähigkeiten um ein Untertauchen in die Objektivität handelt, ja, es ist die erste Art des Untertauchens in die Objektivität, die darin besteht, daß man in den Zeitenverlauf auf dem angedeuteten Gebiete untertaucht.

Indem das Ich in einer solchen Weise sich steigert, gelangt es zu einer Art von Kulmination. Es ist so, daß das Ich übend zunächst sich steigern muß, daß es aber, indem es sich steigert, einen Punkt erreicht, wo die Steigerung durch die eigene Gesetzmäßigkeit der Sache aufhört, indem von einem gewissen Punkte ab das Ich zum Abschwächen ganz von selbst kommt. Nur bis zu einem gewissen Punkte hin kann das Ich in bezug auf sein Inneres sich erfühlend steigern; dann kommt es dazu, dieses Ich-Erfühlen wiederum in absteigender Kurve in einer Abschwächung zu erleben. Das ist so, daß das Ich sich dann von dem eigenen Erleben, das zunächst da war in dem Erleben des Zeitenstromes, hinausbegibt in ein nun nicht in den eigenen Zeitenstrom eingeschlossenes Erleben, sondern in ein Erleben des kosmischen Weltendaseins. Dieses Erleben ist dann ein solches, das zunächst nicht in abstrakten Verstandesbegriffen auftritt, sondern in etwas, was deshalb Imagination genannt werden darf, weil es bildhaft auftritt. Obwohl das Erleben der Art nach genau dasjenige ist, was ich für das Begreifen der Freiheit in meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert habe, so ist doch der Inhalt dieses Erlebens so, daß man in dem Bildhaften, das sich in das Bewußtsein hereinbegibt, nun nicht einen eigenen Inhalt hat, sondern einen Weltinhalt, wie man in der Sinneswahrnehmung einen Weltinhalt hat.

Geistesforschung kann in ganz systematischer Weise jeden einzelnen Schritt, ja jedes Schrittchen angeben, durch welches sie sich bewegt von dem gewöhnlichen Verstandeserkennen zu dem Auftreten des imaginativen Erkennens. Wenn dieses imaginative Erkennen eintritt, ist das allerdings, man darf das schon sagen, ein inneres Schicksalserlebnis. Und damit bin ich an einem Punkte, wo ein Unterschied anzugeben ist zwischen dem Verlauf des übersinnlichen und des gewöhnlichen Erkenntnisstrebens, das man heute als das einzig objektive ansehen möchte. Dieses gewöhnliche Erkenntnisstreben macht man in den meisten Fällen ohne Katastrophen und Peripetien durch. Denn, was während des gewöhnlichen Erkenntnisstrebens durchgemacht wird mit Bezug auf den Vollmenschen, nicht auf den Kopfmenschen, das sind doch Äußerlichkeiten gegenüber dem eigentlichen Erkenntnisvorgange. Man kann als Forscher gewiß eine gewisse Freude und Befriedigung haben, wenn man etwas Neues gefunden hat, aber dasjenige, was man da als Freude empfindet über das Ereignis, über die Erfindung, die Entdeckung, das hängt mit der Methodik der Entdeckung selber höchstens ganz entfernt zusammen. Schließlich haben auch mit dem Erkenntnisverlauf selber die andern katastrophen- oder peripetie-ähnlichen inneren Erlebnisse, welche man bezeichnen muß als Examensschmerzen und dergleichen, nichts zu tun. Solche Dinge kann man im gewöhnlichen Erkenntniserleben haben, aber sie haben mit dem Erkenntnisvorgang als solchem nichts zu tun. Dagegen ist tatsächlich dasjenige, was einen von dem gewöhnlichen Verstandeserkennen in das imaginative Erkennen hineinführt, etwas, das den ganzen, den vollen Menschen mit Erlebnissen durchsetzt, was inneres Schicksal darstellt.

Solch inneres Schicksal erlebt man insbesondere dann, wenn mit Bezug auf irgendeinen Punkt dieser Erkenntnisentwickelung das eintritt, daß, nachdem man zuerst mehr innerliche Erlebnisse hatte, die noch mit dem Menschen zusammenhängen, diese Erlebnisse sich hinausversetzen in das Durchschauen von Geheimnissen des Kosmos. Wenn ich ein Beispiel anführen sollte, das zu gleicher Zeit ein wenig, figürlich gesprochen, in das Laboratorium des Geistesforschers hineinführt, so möchte ich folgendes sagen. Es ist jetzt ziemlich lange her, da hatte ich einen inneren Erwägungsund Urteilsprozeß durchgemacht, der sich namentlich damit beschäftigte: Wie steht das seelische Erleben bei demjenigen, der genötigt ist, durch seine Lebensimpulse Materialist zu werden, wie steht es bei demjenigen, der durch seine Lebensimpulse genötigt ist, Idealist oder Spiritualist zu werden — ich meine das Wort «spirituell» jetzt im Sinne des deutschen philosophischen Sprachgebrauchs —, oder wie verhalten sich überhaupt solche an der Welt erworbene Seelenverfassungen zueinander? Ich versuchte objektiv drinnenzustehen in dem seelischen Erleben, das den Materialisten, den Naturalisten ausfüllt, und wiederum in dem seelischen Erleben, das den Idealisten, den Spiritualisten ausfüllt; ich versuchte gewissermaßen hineinzuschlüpfen in die Seelenverfassungen, die in dieser Weise sich des Menschen bemächtigen können. Nur auf diese Art lernt man eigentlich die Welt des Seelischen in ihrem Inneren verstehen, daß man mit dem Materialisten freiwillig, wenn auch probeweise, Materialist sein kann, daß man auf der andern Seite Idealist oder Spiritualist in ebendemselben Sinne probeweise sein kann. Man bekommt ein neues Verhältnis dadurch zu der Art und Weise, wie der Mensch logisch dasjenige zusammenfaßt, was dann Inhalt seiner Weltanschauung wird.

Ich erwähne dieses aber jetzt nur in methodischer Beziehung. Wer in ehrlicher, innerlich aufrichtiger Weise so etwas durchmacht, wie ich es jetzt geschildert habe, der erlebt schon an diesen besonderen Seelenverfassungen schicksalsmäßige Dinge, denn man sieht dann in ganz anderer Weise ein, warum Menschen zum Materialismus oder zum Spiritualismus gedrängt werden können. Man hört auf, im gewöhnlichen Sinne kritisch gestachelt zu werden, eben nur von seinem eigenen Gesichtspunkt aus die andern abzukanzeln. Das führt das seelische Erleben in ein anderes Niveau hinein; es wird umgeartet. Wenn man das dann längere Zeit durchmacht, so merkt man, daß in solchen Meditationen, die aber das seelische Leben ergreifen, etwas liegt, das einen realen Seelenprozeß darstellt und das sich gerade hinbewegt zur Entwickelung der Fähigkeiten für objektive Erkenntnisimaginationen. Denn dadurch, daß sich gewissermaßen meine Seele so präpariert hatte, wie ich geschildert habe, dadurch artete sich die Seele so, daß vor ihr plötzlich stand das Verständnis dafür, anschauend zu erleben, wie in dem sonst nur sinnlich-mechanistisch angeschauten Gang der Sonne durch den Tierkreis ein lebendiger, ein kosmisch-organischer Vorgang liegt. Was sonst nur in einem kosmisch-mechanischen Bilde angeschaut werden kann, das wurde imaginativ inhaltsvoll. Etwas Neues sah ich in dem Kosmos. Gerade bei einem solchen Sich-Erweitern des Bewußtseins über den Kosmos erfährt man schicksalsmäßig, was es heißt, sein Ich erst verstärkt zu haben, indem man kraftvoller gewisse Verstandesoperationen durchgeführt hat, und dann von einer gewissen Kulmination an dieses Ich nun in die Welt ausfließen zu fühlen, so daß man mit diesem Ich nun drinnensteht in der Welt. Das ist ein Erlebnis, das im Erkenntnisvorgang selbst etwas Schicksalsmäßiges anzeigt, das einen Erkenntnisvorgang hervorruft, der in der Tat den ganzen Menschen ergreift; und dieses Zusammenhängen mit dem ganzen Menschen, während eigentlich der gewöhnliche Erkenntnisvorgang nur mit dem Kopfmenschen zusammenhängt, das ist das unterscheidende Merkmal. Ich wollte auf diese Weise nur aufmerksam darauf machen, wie nicht in irgendeiner verschwommenen Mystik dasjenige dargestellt werden soll, was zu den Erkenntnisimaginationen führt, sondern wie dieser Vorgang mit derselben Exaktheit geschildert werden kann wie das Auflösen irgendeines mathematischen Problems. Und was auf solchen Wegen an Fähigkeiten für Erkenntnisimaginationen erworben wird, das ist so in der Seele präsent, wie mathematisch-geometrische Gebilde mit aller Klarheit und Durchsichtigkeit in der Seele präsent sind. Man hat nicht einen Seeleninhalt, dem man sich nur in verborgenem, innerem Erleben nebulos hingibt, sondern einen so durchsichtigen und mit der Aufrechterhaltung seines eigenen Wirklichkeitswertes verbundenen, wie das bei dem mathematischen Seeleninhalt der Fall ist.

Ich habe damit zunächst in einer etwas äußerlichen Weise geschildert, wie in der Seele das imaginative Leben Platz greift, das dann auf die ebenfalls weiter zu schildernde Weise zu Erkenntnissen der übersinnlichen Welt führt. Ich möchte aber nie aus dem Auge verlieren, zu zeigen, daß mit dem Erringen, mit dem Erstreben solcher übersinnlicher Erkenntnisarten nicht irgend etwas gegeben ist, was ganz willkürlich in unserer heutigen Zeit in die Kultur- und Zivilisationsentwickelung der Menschheit sich hereinstellen will, sondern was aus dem Gange dieser Zeit selber mit einer gewissen Notwendigkeit folgt. Was heute nur in aller Bewußtheit, so wie ich es geschildert habe, als imaginative Erkenntnis errungen werden kann, was sich dann auch in Begriffen aussprechen kann, wenn es den Umweg durch das Bildwesen genommen hat, das ist in früheren Entwickelungsepochen der Menschheit auf mehr instinktive Art angestrebt worden. Der Gang der Entwickelung der Menschheit war so, daß ältere Zeiten ihre Erkenntnisse nicht durch jene logisch-empirischen Erwägungen empfangen haben, die wir seit der Mitte des 15. Jahrhunderts als die unseres rechten Weges anerkennen, sondern daß in älteren Zeiten eine Art instinktiven Strebens nach Imaginationen und auch ein Erreichen solcher Imaginationen vorhanden war.

Diese Imaginationen hat man zur Zeit dieses instinktiven Geistschauens nicht bis zum Begriffe bringen können. Daß man sich in Begriffen so aussprechen kann, wie wir das heute wissenschaftlich gewöhnt sind aus dem begrifflichen Bearbeiten der unorganischen Welt, das ist erst ein Ergebnis des Galilei- und Kopernikus-Zeitalters. Früher hat man sich nicht in Begriffen in dieser Weise auszudrücken vermocht. Die griechischen Begriffe sind etwas wesentlich anderes gewesen. Man hat sich in Bildern ausgedrückt, in Bildern, die durch Linien oder auch wohl durch Farbenzusammenstellungen zustande gekommen sind. Ich möchte nur nebenbei erwähnen, daß Erkenntnisse in früheren Epochen der Menschheitsentwickelung nicht so allgemein, ich möchte sagen, demokratisch behandelt wurden, wie heute das Wissen, die Erkenntnis behandelt wird, sondern daß sich die Erkennenden abschlössen in kleinere Gruppen, die man gewöhnt worden ist, Geheimgesellschaften und dergleichen zu nennen, wovon heute noch die Spuren, allerdings nur mißverständliche Spuren, in allerlei Orden und ähnlichen Gruppen vorhanden sind. Die Erkennenden haben sich in kleine Gruppen abgeschlossen. Diejenigen Menschen, die sie in diese Gruppen eingelassen haben, haben sie sorgfältig vorbereitet, so daß sie gefahrlos für ihr moralisches Leben zu diesen Erkenntnissen, die man für notwendig hielt, kommen konnten. Und es wurde in gewissen, sagen wir symbolischen, bildhaften Darstellungen dasjenige gelehrt, was man in instinktiven Imaginationen erleben konnte. Solche Bilder bildeten den Lehrinhalt der alten Weisheitsschulen, so wie heute unsere Bücher unseren Lehrinhalt bilden, aber diese Lehrmittel bestanden eben durchaus in Bildern, die aus dem Inneren des Menschen hervorgeholt waren.

Ich möchte, um Ihnen nicht im Unbestimmten etwas vorzureden, an etwas ganz Bestimmtes, an ein einzelnes Bild erinnern: Da trat immer wiederum ein Bild auf, das gebraucht wurde für die imaginative Erkenntnis des Erkenntnisvorgangs beim Menschen selber. Man schilderte den Erkenntnisvorgang nicht so wie heute die Erkenntnistheoretiker. Man schaute ihn in einer Art instinktiven Hellsehens an, und das, was man da anschaute, charakterisierte man dadurch, daß man das Bild der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, zeichnete. Ein wesentliches Charakteristikon des Erkennens war in diesem Bilde zu sehen. Aber dieses Bild, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe, ist eigentlich nur dasjenige, was dann mehr oder weniger in populäre Darstellungen übergegangen ist. Die eigentlichen symbolischen Bilder haben sie, die Erkennenden, aus einem gewissen Machtdrang heraus, damit sie allein die Wissenden sein konnten, die andern die Unwissenden sein sollten, in den Gruppen sorgfältig geheimgehalten. Das Bild, das eigentlich gemeint ist mit dem Exoterischen der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ist ein solches, in dem die Schlange so gemalt wird, daß sie sich nicht nur in den Schwanz beißt, sondern gewissermaßen den eigenen Schwanz verschlingt. Immer so weit dieses Schwanzende in den Mund hineingeht, vergeistigt es sich. Und es erscheint dann etwas, das man, wenn man die Schlange mit einer dichteren Farbe aufzeichnet, mit einer dünneren Farbe wie eine Art Aura der Schlange hinzuzumalen hätte. Man bekommt dadurch ein kompliziertes Gebilde, das aber, wenn man es mit einfachen Worten charakterisieren will, mit den Worten charakterisiert werden muß, die heute morgen Dr. Unger in seinem Vortrage gebraucht hat, indem er sich fortwährend für dieses Wort eigentlich entschuldigte. Man muß sich schon für vieles, was im höchsten Grade heute berechtigt ist, wenn man es aus der Geisteswissenschaft heraus sagt, gewissermaßen entschuldigen. Unger gebrauchte mehrmals das Wort «umstülpen». Man denke, man habe eine elastische Kugel und man bohrte oben an einer Stelle hinein, so daß man die Kugel so in sich stülpt, daß dann dasjenige, was zuerst nach oben geragt hat, nun nach unten hin gepreßt ist, so daß man also eine Art Schüsselchen oder Teller aus der Kugel bekommt, und man denke jetzt daran, daß man nun nicht nur bis zum unteren Boden der Kugel umstülpt, sondern noch über diesen hinaus, gleichsam ihn durchdringend, daß aber auf der andern Seite die Kugelsubstanz in einer andern Konsistenz herauskommt, so daß sich die Kugel nun, nachdem man sie durchstoßen hat, von außen wie mit einem Lichte umsäumt, das aber aus dem umgestülpten Teil selber entstanden ist. Das ist eine Figur, die man nicht so einfach hinmalen kann, welche aber auf eine einfachere Weise das wiedergibt, was symbolisch angedeutet werden sollte mit dem, was in solchen Geheimgesellschaften für den Erkenntnisvorgang hingemalt worden ist, um die Anschauung dieses Erkenntnisvorganges anzuregen bei denjenigen, die durch diese Anschauung lernen sollten.

Diese Figuren wurden, wie gesagt, aus einem gewissen Machtbewußtsein heraus sehr geheimgehalten. Man bekam sie nur, wenn man innerlich die Anschauung eines Weltenprozesses erlebte. Es gab keinen andern Weg, um einen Sinn zu bekommen für das innerliche Erleben und Verstehen solcher Figuren. Wenn ich mich eines Ausdrucks bedienen darf, der gegenüber dem Vorgang etwas trivial ist, so muß ich sagen: Durch Aufsteigen innerer Geistinhalte bekam man etwas, wofür man, wie in etwas Selbstverständlichem, einen solchen symbolischen Ausdruck versuchte. Es waren das fixierte instinktive Imaginationen.

Nun tauchten diejenigen neueren Forschungen in der Naturwissenschaft auf, die in gewissem Sinne einen Zusammenfasser in Haeckel fanden. Haeckel dachte über das, worüber er überhaupt forschte, in einem gewissen zusammenfassenden, man kann sogar sagen großartigen Sinne nach. Und er hatte aus Untergründen, die ich gestern charakterisiert habe, ein Bedürfnis, das, was er am tierischen Lebewesen erforschte, zu zeichnen, namentlich dasjenige, was mit dem Werden der ganzen tierischen Organisation zusammenhängt. Wenn Sie Haeckels Schriften aufschlagen und wenn Sie die Zeichnungen betrachten — andere haben sie ja auch gemacht, aber Haeckel hat sie eben, ich möchte sagen, zum Grundkern seines ganzen Denkens gemacht —, die Haeckel über die ersten Stadien des Embryonallebens gemacht hat, über diejenigen Stadien, durch die er zeigen wollte, wie die Ontogenie eines Wesens ein verkürztes Werden gegenüber der Phylogenie ist, dann werden Sie Zeichnungen finden, die, wenn Sie kennen würden dasjenige, was als instinktive Imaginationen alte Weise aufgezeichnet haben, an diese Imaginationen erinnern.

Haeckel hat den Anfangsvorgang der Embryonalentwickelung studiert, den man die Gastrulation nennt, das Herausbilden des Keimbechers, wo tatsächlich die Zellenanordnung so geschieht, wie wenn man eben eine Kugel einstülpte; und er hat in der Phantasie konstruiert die Gasträa, ein hypothetisches Wesen, welches einmal eine solche Gestaltung gehabt hat in der Stammesentwickelung, die sich in diesem Frühstadium der Embryonalentwickelung, im Gastrulastadium, wiederholt. Mit andern Worten: was Haeckel da zeichnete, das sollte sein, obwohl es nur an der sinnlichen Außenwelt gewonnen worden ist, eine treue Wiedergabe, höchstens etwas phantasiemäßig ausgestaltet und in die Hypothese eingekleidet, eine Wiedergabe solcher Vorgänge, die sich in der Welt abspielen, die wir mit unseren Sinnen überschauen.

Ich deute Ihnen damit etwas an, was vielleicht manchen Menschen der Gegenwart höchst gleichgültig ist, was aber derjenige, der ehrlich im Erkenntnisleben drinnensteht, als ein im allereminentesten Sinne hervorragendes Kulturfaktum ansehen muß. Haeckel zeichnet die Außenwelt ab und kommt zu den Anfängen jener symbolischen Figuren, die in einer gewissen Vorzeit als die esoterischsten galten, die heute zwar da und dort bewahrt werden, aber sehr verborgen gehalten werden. Man betrachtet es geradezu als Verrat innerhalb gewisser machtdürstiger Gruppen, wenn davon gesprochen wird. Diese Figuren waren ehedem hervorgeholt aus inneren Erlebnissen; sie waren die aufgezeichneten instinktiven Imaginationen. Das heißt nichts Geringeres als: Wir sind mit der Naturforschung auf einem Punkte angekommen — indem sie heraufrückt in das Erkennen der Vorgänge in der tierischen Organisation —, wo die Naturforschung zeichnen muß als Wiedergabe äußerer Vorgänge so, wie man einstmals gezeichnet hat aus dem in der Seele frei aufsteigenden imaginativen Leben, das durch eine Intensivierung des Inneren sich kosmische Erkenntnisse verschaffte. Inneres Erleben wurde in Symbole gegossen, die — und es werden noch ganz andere im Verlaufe der weiteren Naturforschung gefunden werden — ganz und gar ähneln denjenigen, die nunmehr im Abzeichnen der äußeren Welt gewonnen werden. Ein kulturhistorisches Faktum allerersten Ranges!

So stehen wir denn in der Menschheitsentwickelung mit Bezug auf die Erkenntnis heute an einem Punkte, wo empirische Außenbeobachtung des Tierischen uns aufdrängt dasjenige, was einmal im intimsten Inneren der Seele gefunden wurde. Exoterik liefert heute einen Inhalt, der einmal zu der tiefsten Esoterik gehört hat. Haeckel kam in einer ganz naiven Weise zu diesen Dingen. Viel interessanter ist der Vorgang noch, wenn wir ihn beobachten in demjenigen Geiste, der weniger naiv dazugekommen ist, der so, wie ich es gestern charakterisiert habe, die Stufen seines Erkenntniserlebens mit einer gewissen Besonnenheit durchlief, wenn wir ihn bei Goethe beobachten. Goethe zeichnete in den neunziger Jahren vor Schiller seine Urpflanze auf, eine symbolische Pflanze. Er zeichnete mit wenig Strichen dasjenige hin, was er glaubte, daß es wiedergeben könne die Pflanze, die eben metamorphosisch sich in allen Pflanzenformen zeigt. Schiller sagte: Das ist keine Empirie, das ist eine Idee. — Goethe sagte darauf: Dann sehe ich meine Ideen mit Augen. — Goethe war sich bewußt, daß er etwas Objektives, etwas, das er aus der Pflanzenwelt abgesehen hat, hingezeichnet habe. Warum konnte Goethe das? Wie der innere Prozeß war, durch den Goethe getrieben wurde, in einer solchen Weise das Pflanzenleben anzuschauen, daß er zu seiner Metamorphosenanschauung kam, das habe ich in meinen Schriften über Goethe des öfteren geschildert.

Seither ist, wohl in Anlehnung an dasjenige, was da als der Goethesche Erkenntnisweg dargestellt worden ist, jetzt auch schon vor vielen Jahren in Berlin von einem jüngeren Mann, der dazumal viel bei mir ein- und ausging, eine Dissertation erschienen über den Einfluß von Swedenborg auf Goethe. Diese Dissertation gehört zu den hervorragenderen literarischen Erscheinungen der neuen Zeit. Solche Dinge verschwinden nur in dem Wust von Dissertationen, die sonst auftauchen und die nicht gelesen werden. Diese Dissertation über Goethes Naturphilosophie im Verhältnis zu Swedenborg zeigt, wie Goethe gerade dadurch, daß er sich als junger Mann in Swedenborgs Seelenverfassung hineingelebt hat, zu gewissen Begriffsformen kam, die ihn dann mehr oder weniger unbewußt leiteten zu seinen morphologischen Imaginationen über die Pflanzenwelt. Es ist höchst interessant, von diesem Gesichtspunkt aus das Verhältnis Goethes zu Swedenborg ins Auge zu fassen.

Bei Swedenborg liegt die Sache so, daß er durchaus eine wissenschaftliche Persönlichkeit auf der Höhe seiner Zeit war. Er hat bis zu seinem vierzigsten Jahr Begriffsformulierungen ausgebildet, durch die er gemäß dem wissenschaftlichen Standpunkt seiner Zeit in echt naturwissenschaftlichem Sinne so vorgehen konnte, daß jetzt seine noch nicht gedruckten wissenschaftlichen Manuskripte durch eine Gelehrtengesellschaft als etwas höchst Wertvolles herausgegeben werden. Swedenborg war bis zu seinem vierzigsten Jahre ein tonangebender, repräsentativer naturforschender Gelehrter seiner Zeit. Er war es aus dem Grund, weil in ihm synthetisierende Ideen gelebt haben, durch die er größere Zusammenhänge des Naturgeschehens konstatieren konnte. Dann wurde er in einer gewissen Weise krank, und in einen kranken Organismus hinein ergossen sich diejenigen Begriffsformationen, die er früher für das Naturerkennen ausgebildet hatte. Was gewisse mystische Naturen an Swedenborg verehren, das ist dessen vorherige wissenschaftliche Seelenverfassung in ihrer Erkrankungsmetamorphose.

So wie Swedenborg kann gesundes geistiges Anschauen die geistigen Welten nicht sehen, nicht in diesen Personifikationen, in diesen ganz und gar aus der eigenen Konstitution hervorgeholten Bildern, die mit einigen Änderungen eigentlich dem irdischen Leben voll gleichen, wenn man diesem nur eine gewisse Schwere nimmt. Ich will nicht weiter eingehen auf dasjenige, was Swedenborgs Erkrankung zugrunde liegt, will aber, damit ich nicht mißverstanden werde, aufmerksam darauf machen, daß allerdings dasjenige, was Swedenborg als Seher geleistet hat, immerhin dadurch auch von höchstem Interesse sein kann, weil sich in dies hinein etwas ergossen hat, was aus einer großen, umfassenden, wissenschaftlich denkenden Seele gekommen ist. Von demjenigen nun, was bei Swedenborg in dieser Art begrifflicher Synthese auftauchte, wurde Goethe im höchsten Sinne schon als junger Mann angeregt, und er bildete für seine Morphologie, für die charakteristisch-wissenschaftliche Durchdringung des Pflanzenwesens dasjenige gesund aus, was Swedenborg als krankhaftes Sehen ausgebildet hat. Dieses Verhältnis von Goethe zu Swedenborg ist im höchsten Grade interessant, weil hier ein Weg gegangen worden ist, den der eine nach der kranken, der andere im intensivsten Sinne nach der gesunden Richtung hin gegangen ist. Und diejenigen Begriffsformulierungen, zu denen da Goethe gekommen ist in bezug auf das plastische Erfassen der Pflanzenwelt, sie liegen schon auf dem Wege zu solchen Zeichnungen, zu solchen «Malereien» möchte ich sagen, den Begriff des Malens weit fassend, wie sie dann Haeckel genötigt war, für die organische Welt der Tiere anzuwenden. Goethe geht nur besonnener vor. Er ist ja so besonnen, daß er den Swedenborgianismus nur mitmacht, soweit er gesund ist. Aber auch Goethe segelt hinein in das Erbilden der äußeren Welt in solchen Bildern, welche früher, als die menschliche Erkenntnis innerlichere Wege genommen hat, aus dem Inneren aufgestiegen oder heraufgeholt worden sind. Schon zu Goethes Zeit war eben, wenigstens für Goethe und diejenigen, die ihn verstanden, die Entwickelung des Erkenntnislebens so weit gekommen, daß man genötigt war, in der äußeren Welt dieselbe Bildlichkeit zu suchen, die früher gefunden worden war in einem instinktiven Imaginationsleben.

Auf dem Boden des instinktiven Imaginationslebens kann man gegenüber dem Fortschritt der Menschheitsentwickelung nicht stehenbleiben. So bewußt, wie ich es im Anfange der heutigen Betrachtung geschildert habe, muß das Imaginationsleben gesucht werden. Dann aber ergibt sich das Folgende. Wir kommen mit unserer Verstandeserkenntnis so weit, daß wir die unorganische Außenwelt nach Maß, Zahl und Gewicht begreifen, wiedergeben können, daß wir zu konstruktiven Begriffen über diese Welt kommen, die in Maß, Zahl und Gewicht lebt. Wenn wir heraufsteigen ins Pflanzliche, heraufsteigen ins Tierische, da reichen wir gerade aus dem Grunde, weil die naturwissenschaftliche Anschauung in unserem Zeitalter einen gewissen Fortschritt erreicht hat, nicht aus mit diesen Verstandeserwägungen. Wir brauchen eine andere Art der Darstellung, und wenn der Mensch die unorganische Natur vor sich hat, dann geht er zu seinem begreifenden Verstände und verinnerlicht sich diese unlebendige Natur, kommt zu einem Wissen, zu einer Erkenntnis dieser in Maß, Zahl und Gewicht lebenden Natur.

Wenn der Mensch aber nun die Pflanzenwelt, die tierische Welt so vor sich hat, wie er heute schon die unorganische Natur vor sich hat und wie frühere Zeitalter mit der instinktiven Imagination diese nicht vor sich hatten, dann ist er genötigt, nun nicht das Pflanzen-, das Tierwesen zu begreifen mit einem inneren Seelenerfassen, das nur im Verstandesbegriff lebt, sondern dann zeigt sich, daß Goethe mehr bewußt, Haeckel ganz naiv und unbewußt, in Darstellungen hineinkommen, die an frühere instinktive Imaginationen erinnern. Das aber weist darauf hin, daß wir gerade deswegen, weil wir im Naturbeobachten allmählich so weit gekommen sind, dann, wenn wir aufrücken vom Mineral zur Pflanze, vom Tier zum Menschen, zum Erkennen der Welt überhaupt, höhere Erkenntnisstufen anwenden müssen, daß wir aufrücken müssen vom gewöhnlichen begreifenden Verstände zu der Imagination, Inspiration und Intuition. Das weitere soll sich aus den folgenden Betrachtungen ergeben. Das aber wird zeigen, daß es noch ganz andere gesunde Gebiete gibt als diejenigen, die oftmals aufgezählt werden, um zu der durch Haeckel mit einer gewissen Färbung behandelten Naturwissenschaft der neueren Zeit ein Verhältnis zu gewinnen. Dieses Verhältnis muß ein lebendiges sein. Man muß gerade auf diese Naturforschung eingehen, um zu zeigen, wie sich durch ihre eigene Entwickelung die Notwendigkeit ergibt, zum imaginativen Leben in voller Bewußtheit hinzukommen. Und in dem Folgenden wird einfach durch die objektive Darstellung der Erkenntnisquellen der Anthroposophie sich zeigen, daß es sich beim Ausbilden dieser anthroposophischen Weltanschauung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert für mich wirklich darum handeln konnte, zu zeigen, wie von demjenigen, was Haeckel ganz naiv nur für die äußere Natur andeutend hingestellt hat, zu einer wirklichen Geist-Erkenntnis geschritten werden muß.

Dazumal lag dieses vor, daß Haeckel eine solche Naturerkenntnis entwickelte, von der eigentlich nur die Bilder, die er hinmalte, eine Bedeutung hatten. In diesen Bildern entwickelte er allerlei Begriffe. Diese Begriffe entnahm er seinem Zeitalter. Ich habe es oftmals gesagt, wenn ich damals über Haeckel Vortrage gehalten habe: Man nehme selbst von dem vielverpönten Buche «Die Welträtsel» die ersten Seiten, wo positiv, konstruktiv dargestellt wird dasjenige, was in der tierischen Natur lebt, und man reiße die Polemik der letzten Seiten weg, den größten Teil des Buches, dann bleibt noch immer ein wertvolles Buch für denjenigen übrig, der sich hineinfinden will in die Art, wie man die organische Natur heute anschauen muß. Aber die Begriffe, die Haeckel nun herausnimmt von alldem und die eben in dem Teil des Buches stehen, von dem ich sagte, daß man ihn wegreißen soll, diese Begriffe sind entlehnt aus der allgemeinen Begriffswelt der neueren Zeit. Die Begriffe aber sind allmählich tot geworden für das Gebiet der organischen Natur.

Haeckel arbeitete mit lebendigen Anschauungen, aber mit toten Begriffen. Das mußte ich oft bei Vorträgen über den Haeckelismus bemerken, und so schrieb ich meine Schrift «Haeckel und seine Gegner». Sie ging aus von der Empfindung, daß Haeckel zwar tote Begriffe, die man nicht brauchen kann, für seine Anschauungen hat, daß aber seine Gegner auch seine Anschauungen wieder mit ihren toten Begriffen bekämpften. Daher konnte es sich schon damals um nichts anderes handeln, als es sich mit Bezug auf die Naturforschung für die Geisteswissenschaft auch heute handeln muß: man soll der Naturforschung von Seiten der Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung nicht kritisierend begegnen mit toten Begriffen, aber man soll ihre Anschauungen, die sie durch den Fortschritt der naturforschenden Methoden gewonnen hat, weiterführen zu lebendigen Begriffen; man soll dasjenige, was in der Naturforschung auftritt, nicht bekämpfen durch den toten Geist, sondern fortführen zum lebendigen Geist.




Zuletzt aktualisiert: 08-Oct-2018
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