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Die Mission einzelner Volksseelen

Schmidt-Nummer: S-2258

Online seit: 31st May, 2010

ELFTER VORTRAG

Kristiania, 17. Juni 1910

Bei Beginn dieser unserer letzten Betrachtungen darf ich wahrlich sagen, daß eigentlich noch recht, recht viel zu besprechen wäre, und daß im Grunde genommen das Allerwenigste von dem, was in dieses reiche Thema hereinfallen würde, im Verlaufe dieses Vortragszyklus wirklich hat besprochen werden können. Allein ich darf ja wohl hoffen, daß es nicht zum letzten Male ist, daß wir über ähnliche Themen hier zusammen sprechen, und es muß genügen, wenn gerade über dieses Thema, das in gewisser Beziehung einer weiteren Besprechung in der Gegenwart ohnedies noch einige Schwierigkeiten bietet, nur Andeutungen gegeben worden sind für den Anfang. Dabei ging das wie ein roter Faden durch die letzten Darstellungen hindurch, daß innerhalb der germanisch-nordischen Mythologie oder Götterlehre etwas enthalten ist, was in einer imaginativen Form wunderbar anknüpft an alles, was wir in erkenntnismäßiger Gestalt herausholen können aus der geistigen Forschung unserer Gegenwart. Das ist nun auch einer der Gründe, warum wir hoffen dürfen, daß jener Volksgeist, jener Erzengel, welcher seine erzieherische und führende Tätigkeit über dieses Land hier erstreckt, mit dem, was er als seine Anlagen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, durchdringen wird dasjenige, was moderne Philosophie, moderne Geistesforschung genannt werden kann, und daß von da aus diese moderne Geistesforschung eine im volkstümlichen Sinne gehaltene Befruchtung erlangen wird.

Je weiter wir in die Einzelheiten der germanisch-nordischen Mythologie eindringen würden, desto mehr würden wir sehen, daß wunderbar in den Bildern dieser Mythologie die größten okkulten Wahrheiten zum Ausdrucke kommen, !Wie es wirklich in keiner anderen Mythologie der Fall ist. So erinnern sich vielleicht einige von Ihnen, die meine «Geheimwissenschaft» gelesen oder andere Darstellungen, die ich hier geben durfte, mit angehört haben, daß einmal im Verlaufe der Erdenevolution ein Vorgang stattfand, den wir bezeichnen können als das Herabsteigen jener Seelen der Menschen, die in uralten Zeiten, vor der alten lemurischen Periode, hinaufgestiegen sind zu den einzelnen Planeten unseres Planetensystems, die aus ganz besonderen Gründen hinaufgestiegen sind zu Saturn, Jupiter, Mars, Venus, Merkur, und daß diese während der letzten lemurischen und der ganzen atlantischen Zeit sich zu vereinigen strebten mit dem, was der Menschenleib nach und nach entwickelt und an Anlagen ausgebildet hatte, die möglich geworden waren durch das Hinausgehen des Mondes aus unserer Erde. Da sind sie heruntergestiegen, diese Saturn-, Jupiter-, Mars-, Venus- und Merkurseelen. Das ist ein Vorgang, den man heute noch finden kann in der Akasha-Chronik. Daß im Laufe der atlantischen Zeit die Wasser nebelförmig die Luft der Atlantis durchdrangen, das war ein Zustand, der damals damit zusammenhing, daß eben diese Seelen herunterstiegen, die man mit dem alten Hellsehen der atlantischen Zeit wahrnahm. Immer wieder, wenn neue Wesen geboren wurden in dem dazumal noch plastisch-weichen, biegsamen, bildsamen Leibe, wenn solche sozusagen aus geistigen Höhen herunterstiegen, so betrachtete man das als den äußeren Ausdruck dafür, daß aus der geistigen Umgebung, aus der Atmosphäre, aus dem planetarischen Dasein, Seelen herunterstiegen, um sich mit den auf der Erde entstehenden Leibern zu vereinigen.

Der Vorgang, wie sich gleichsam die Erdenleiber der Befruchtung dessen erschließen, was aus Himmelshöhen herunterstrahlt, dieser Vorgang hat sich erhalten in der Anschauung, die sich hineinverpflanzt hat in die nordisch-germanische Mythologie. Das Bewußtsein davon hat sich so lange erhalten, daß es selbst Tacitus noch bei den südlicheren Germanen fand in der Zeit, da er die Beobachtungen machte, die er in seiner «Germania» beschrieb. Niemand wird die Erzählung verstehen, die Tacitus von der Göttin Nerthus gibt, der nicht weiß, daß es diesen Vorgang einmal gegeben hat. Der Wagen der Göttin Nerthus wird über die Gewässer gefahren. Später hat sich das als Ritual, als Ritus erhalten. In früherer Zeit war es Beobachtung. Dargeboten hat diese Göttin das, was an Menschenleibern dargeboten werden konnte den aus den planetarischen Sphären herunterdringenden Menschenseelen. Das ist der geheimnisvolle Vorgang, der dem Nerthus-Mythus zugrunde liegt, und der in alledem sich erhalten hat, was in den älteren Sagen und Legenden, bei denen auf das Werden des physischen Menschen hingedeutet wird, uns überliefert ist. Njordr, der innerlich verwandt ist mit der Göttin Nerthus, ist das männliche Gegenbild. Der soll uns darstellen die uralte Erinnerung an das Hinuntersteigen der geistig-seelischen Menschen, die einst hinaufgestiegen waren in planetarische Höhen, und die während der atlantischen Zeit wieder heruntergestiegen sind, um sich mit physischen Menschenleibern wiederum zu vereinigen.

Aus meiner kleinen Schrift «Blut ist ein ganz besonderer Saft» können Sie entnehmen, welche bedeutungsvolle Rolle Völkermischungen und Völkerzusammenhänge in gewissen Zeiten gespielt haben. Nun haben nicht nur Völkermischungen und Völkerzusammenhänge, die ihren Ausdruck in der Blutmischung gefunden haben, sondern auch die geistigen und seelischen Förderungen der Volksgeister eine große Rolle gespielt. Die Anschauung jenes Hinuntersteigens ist am reinsten erhalten auf dem Grunde jener Sagenwelt, welche sich in früherer Zeit in diesen nordischen Gebieten gebildet hat. In den Wanensagen können Sie daher eine älteste Erinnerung an solche Dinge noch finden. Insbesondere war hier im Norden lebendig, in der finnischen Tradition, die Erinnerung an diese Verbindung des Geistig-Seelischen, das aus planetarischen Höhen herunterstieg, mit dem, was aus dem Erdenleib selber hervorgegangen ist und was die nordische Tradition als «Riesenheim» kennt. Was sich aus dem Erdenleib entwickelt hat, das gehört zu Riesenheim. So begreifen wir es, daß der nordisch-germanische Mensch immer den Impuls von dieser Seite her gefühlt hat, daß er fühlte, wie in seiner Seele, die sich nach und nach ausgebildet hat, dieser alte Götterblick arbeitete, der hier noch heimisch war, als die Nebelwasser der Atlantis noch hinüberreichten in diese Gegend in der alten Zeit. Es fühlte der nordisch-germanische Mensch in seiner Seele etwas von der Herkunft eines Gottes, der abstammte direkt von jenen göttlich-geistigen Wesenheiten, jenen Erzengelwesenheiten, die das Zusammenfügen des Seelisch-Geistigen mit dem Irdisch-Physischen leiteten. Freyr, der Gott, und Freya, seine Schwester, die ja hier im Norden einstmals ganz besonders beliebte Gottheiten waren, waren in ihrem Ursprung gedacht und empfunden als diejenigen Engelwesen, welche in die menschliche Seele gegossen haben alles dasjenige, was diese menschliche Seele brauchte, um unmittelbar auf dem physischen Plane fortzuentwickeln die alten, durch das hellseherische Vermögen aufgenommenen Kräfte. Freyr war innerhalb der physisch-sinnlichen Welt, innerhalb der auf die äußeren Sinne beschränkten Welt der Fortsetzer alles dessen, was früher im Hellsehen aufgenommen worden ist. Er war die lebendige Fortsetzung der hellseherisch aufgenommenen Kräfte. Daher mußte er sich verbinden mit dem, was im menschlichen Leibe selber als physisch-leibliche Werkzeuge vorhanden ist für diese Seelenkräfte, die dann in den physischen Plan hineintragen das, was im uralten Hellsehen wahrgenommen wurde. Das spiegelt sich in der Ehe des Freyr mit Gerd, der Riesentochter. Sie ist den physischen Kräften des Erdenwerdens selber entnommen. In diesen Vorstellungen spiegelt sich noch nach das Herabsteigen des Göttlich-Geistigen in das Physische. Ganz wunderbar ist ausgedrückt in dieser Freyrgestalt, wie Freyr sieh dessen bedient, was dem Menschen auf dem physischen Plane möglich macht, auszuleben das, wozu er erzogen ist durch seine vorhergehenden hellseherischen Wahrnehmungen. Bluthuf heißt das Pferd, das dem Freyr zur Verfügung steht, um anzudeuten, daß das Blut das Wesentliche ist, um sein Ich zu entwickeln. Ein merkwürdiges, wunderbares Schiff steht auch dem Freyr zur Verfügung. Ausgebreitet kann es werden ins Unermeßliche, und zusammengefaltet kann es werden, so, daß es in den kleinsten Kasten hineingeht. Was ist nun dieses Wunderschiff? Wenn Freyr die Macht ist, die hineinträgt die hellseherischen Kräfte in die Gebiete, die sich auf dem physischen Plane ausleben, dann muß es das sein, was ihm ganz besonders eigen ist: die Abwechslung zwischen Tagwachen und Nachtschlafen. Und wie die Menschenseele sich während des Schlafens bis zum Wiederaufwachen ausbreitet im Makrokosmos, so breitet sich das Wunderschiff aus und wird dann wieder zusammengefaltet in die Gehirnfalten, um dann während der Tageszeit in dem kleinsten Kasten — dem Menschenschädel — untergebracht zu werden. Das alles finden Sie in einer wunderbaren Weise in dieser nordisch-germanischen Mythologie, in diesen Bildercharakteren.

Diejenigen von Ihnen, die näher eingehen werden auf diese Dinge, werden sich nach und nach überzeugen, daß es keine Phantastik ist, sondern daß es wirklich aus den Schulen der Eingeweihten stammt, was mit diesen Bildern hineinverpflanzt, hineingeimpft worden ist in die Volksseele, in das Volksgemüt. So ist ungeheuer viel geblieben in dem leitenden Erzengel, in dem Volksgeist im Norden, von dem, was alte Erziehung war durch hellseherische Wahrnehmung, von dem, was in einer Seele werden kann, die sozusagen in ihrer Entwickelung auf dem physischen Plane sich anschließt an eine hellseherische Entwickelung.

Wenn das Äußerliche heute auch anders aussieht, der Erzengel des germanischen Nordens hat in sich diese Anlage, und mit dieser Anlage ist er ganz besonders geeignet, dasjenige zu verstehen, was moderne Geisteswissenschaft ist, und es umzuwandeln in dem Sinne, wie es im Sinne volkstümlicher Kraft umgewandelt werden muß. Daher werden Sie auch verstehen, wenn gesagt wird, daß die besten Bedingungen gegeben sind gerade innerhalb des germanisch-nordischen Wesens, um das zu verstehen, was ich nur andeutend sagen konnte in dem hier gehaltenen öffentlichen Vortrage von der Wiederoffenbarung des Christus. Da zeigt uns die Geistesforschung in unserer jetzigen Zeit, daß nachdem das Kali Yuga abgelaufen ist, das fünftausend Jahre gedauert hat — ungefähr von 3100 v. Chr. bis 1899 —, im Menschen sich neue Fähigkeiten heranentwickeln. Sie werden zunächst bei einzelnen, wenigen zum Vorschein kommen, die für diese Fähigkeiten besonders geeignet sind. Da wird zum Beispiel eintreten, daß Menschen aus der naturgemäßen Evolution ihrer Fähigkeiten heraus von dem etwas sehen werden, was heute nur durch die Geisteswissenschaft, nur von der geistigen Forschung aus verkündet wird. Da wird uns erzählt, daß in Zukunft die Menschen, bei denen die Organe des Ätherleibes entwickelt sind, in immer größerer Zahl auftreten und zum Hellsehen kommen werden, zu dem man heute nur durch Schulung kommen kann. Und warum wird es so sein? Was wird der Ätherleib für die Anschauung einiger Menschen haben? Menschen wird es geben, die Eindrücke haben werden, von denen ich einen etwa so schildern möchte. Es wird der Mensch etwas tun in der äußeren Welt, und er wird sich dabei gedrängt fühlen, etwas zu bemerken. Es wird ihm wie eine Art von Traumbild vor die Augen treten, das er zunächst nicht verstehen wird. Hat er aber etwas gehört von Karma, von der Gesetzmäßigkeit im Weltgeschehen, so wird er es nach und nach verstehen lernen, denn es ist das karmische Gegenbild seiner Taten in der Ätherwelt, das er gesehen hat. So bilden sich nach und nach die ersten Elemente künftiger Fähigkeiten.

Diejenigen Menschen, die sich durch die Geisteswissenschaft anregen lassen, werden nach und nach erleben können — von der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts an — eine Wiedererneuerung desjenigen, was Paulus im ätherischen Hellsehen gesehen hat als ein kommendes Mysterium, als das Mysterium des lebenden Christus. Es wird eine neue Offenbarung des Christus sein, eine Offenbarung wie sie kommen muß, wenn die menschlichen Fähigkeiten in naturgemäßer Weise sich dahin entwickeln, daß der Christus von den Menschen gesehen werden kann in der Welt, in der er seit dem Mysterium von Golgatha immer war und in der er für den Eingeweihten auch zu finden ist. In diese Welt wichst die Menschheit hinein, um vom physischen Plane aus wahrnehmen zu können, was sonst nur in den Mysterienschulen, von höheren Planen aus, gesehen wurde. Trotzdem wird die Mysterienschulung nicht überflüssig. Sie gibt die Dinge noch immer in anderer Art als sie der nichtgeschulten Seele vorliegen. Aber das, was von der Mysterienschulung gegeben wird, wird durch Umwandelung des physischen Menschenleibes das Mysterium des lebenden Christus in einer neuen Weise zeigen, wie es perspektivisch von dem physischen Plan aus gesehen werden kann, wie es im Äther wird gesehen werden können, zuerst von einzelnen Menschen, dann aber von immer mehr und mehr Menschen im Laufe der nächsten dreitausend Jahre. Dasjenige, was Paulus gesehen hat als den lebenden Christus, der in der Ätherwelt zu finden ist seit dem Ereignis von Golgatha, wird von immer mehr Menschen geschaut werden können.

Immer höher werden die Offenbarungen des Christus liegen. Das ist das Mysterium der Entwickelung des Christus. Da die Menschen zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich vollzog, alles von dem physischen Plane aus auffassen sollten, so war es notwendig, daß sie auch auf dem physischen Plan den Christus sehen konnten, daß sie Nachricht von ihm bekommen und sein Walten auf dem physischen Plan bezeugen konnten. Aber die Menschheit ist auf Fortschritt angelegt, auf die Entwickelung höherer Kräfte, und derjenige müßte nichts wissen von dem Fortschritte der Menschheit, der glauben wollte, daß die Offenbarungen des Christus in derselben Weise, wie sie vor 1900 Jahren. nötig war, sich wiederholen wird. Dazumal geschah sie auf dem physischen Plan, weil die Kräfte des Menschen auf den physischen Plan eingestellt waren. Aber die Kräfte des Menschen werden sich entwickeln, und dadurch wird Christus zu den erhöhten menschlichen Kräften im Laufe der nächsten 3000 Jahre immer mehr und mehr sprechen können.

Das, was ich jetzt eben gesagt habe, ist eine Wahrheit, die seit langem einzelnen wenigen Menschen mitgeteilt worden ist aus den esoterischen Schulen heraus, und es ist eine Wahrheit, die insbesondere auf dem Boden der Geisteswissenschaft heute gefunden werden muß aus dem Grunde, weil die Geisteswissenschaft eine Vorschule sein soll für dasjenige, was da kommen wird. Die Menschheit ist jetzt eingestellt auf Freiheit, auf Selbstanerkennung dessen, was sich in ihr bildet, und es könnte geschehen, daß diejenigen Menschen, die als erste Pioniere der Christus-Anschauung sich einstellen werden, als Narren verschrieen werden mit dem, was sie der Menschheit darzubieten haben, und es könnte die Menschheit weiter noch versinken in den Materialismus, als sie dies bis jetzt schon ist, und tottreten das, was eine wunderbarste Offenbarung für die Menschheit werden könnte. Alles, was in Zukunft geschehen kann, ist in gewissem Grade in den Willen der Menschheit gestellt, so daß die Menschen auch verfehlen können, was zu ihrem Heile ist. Das ist außerordentlich wichtig, daß die Geisteswissenschaft eine Vorbereitung ist für dasjenige, was die neue Christus-Offenbarung sein wird.

Der Materialismus kann in zweifacher Weise da einen Fehler machen. Der eine, der wahrscheinlich gemacht werden wird aus den Traditionen des Okzidents heraus, besteht darin, daß es als eine wilde Phantastik, als eine wüste Narretei angesehen werden wird, was die ersten Pioniere der neuen Christus-Offenbarung aus ihrer eigenen Anschauung heraus im zwanzigsten Jahrhundert verkündigen werden. Der Materialismus hat alle Kreise heute ergriffen. Er ist nicht nur im Okzident heimisch, er hat auch den Orient erfaßt; nur in einer anderen Form kommt er da zum Vorschein. Es könnte sein, daß der orientalische Materialismus dahin führen werde, daß die Menschen verkennen das Höhere einer Christus-Offenbarung auf einer höheren Stufe, und daß eintreten wird dasjenige, was hier so oft gesagt wurde und immer wieder gesagt werden wird: daß materialistisches Denken das Erscheinen des Christus in eine materialistische Anschauung umsetzen wird. Es könnte sein, daß man in jener Zeit unter dem Einfluß der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zwar sprechen dürfte davon, daß der Christus sich offenbaren wird, aber gleichzeitig glaubt, daß Christus in einem materiellen Leibe erscheinen wird. Das Ergebnis wäre dann ein anders gefärbter Materialismus. Da würde sich nur fortsetzen, was seit Jahrhunderten gewesen ist.

Diesen falschen Materialismus haben sich immer wieder die Menschen zunutze gemacht, und zwar so, daß sich einzelne Menschen für den wiedererschienenen Christus ausgaben. Der letzte bedeutendere Fall eines derartigen falschen Christus war im siebzehnten Jahrhundert, wo ein Mann namens Sabbatai Zewi aus Smyrna als der wiedererschienene Christus auftrat. Er hat großes Aufsehen gemacht. Zu ihm sind hingepilgert nicht nur die Menschen, die in der unmittelbaren Umgebung waren, sondern Leute aus Ungarn, Polen, Deutschland, Frankreich, Italien und Nordafrika. überall wurde in Sabbatai Zewi die physische Inkarnation eines Messias gesehen. Ich möchte nicht die Menschheitstragik erzählen, die sich an die Persönlichkeit des Sabbatai Zewi knüpft. Im siebzehnten Jahrhundert war diese Tragik allerdings nicht besonders groß. Der Mensch war damals noch nicht so sehr unter den freien Willen gesteift; aber er konnte durch seine Erkenntnis, die ein spirituelles Empfinden war, erkennen, was die Wahrheit ist. Das Unglück wäre aber groß im zwanzigsten Jahrhundert, wenn unter dem Drucke des Materialismus die Lehre, daß Christus sich offenbaren wird, eine materialistische Ausdeutung erfahren würde in der Weise, als ob Christus im physischen Leibe wiederkommen könnte. Damit würde die Menschheit nur beweisen, daß sie keine Anschauung und keine Einsicht gewonnen hat bezüglich des wirklichen Fortschrittes der menschlichen Entwickelung zu höheren geistigen Kräften. Falsche Messiasse werden ganz gewiß auftreten, und sie werden aus dem Materialismus unserer Zeit ebenso Zuspruch erhalten, wie Sabbatai Zewi im siebzehnten Jahrhundert. Es wird eine Probe, eine harte Prüfung sein für die geistig Vorbereiteten, zu erkennen, wo die Wahrheit liegt, ob sich in die spirituellen Theorien wirklich auch spirituelles lebensvolles Empfinden hineinlebt, oder ob in diesen spirituellen Theorien nur ein versteckter Materialismus lebt. Das wird die Probe sein auf die Fortentwickelung der Geisteswissenschaft, ob Menschen genug durch diese Geisteswissenschaft entwickelt sein werden, welche einsehen können, daß sie den Geist im Geiste zu schauen haben, daß sie hinaufzuschauen haben in die ätherische Welt, hinaufzuschauen auf eine Neuoffenbarung des Christus, oder ob sie auf dem physischen Plane stehen bleiben und eine Offenbarung im physischen Leibe, die sich auf den Christus bezieht, sehen wollen. Diese Prüfung wird unsere Bewegung noch bestehen müssen. Wir können aber sagen, daß nirgends besser der Boden vorbereitet ist, gerade auf diesem Gebiete die Wahrheit zu erkennen, als da, wo die germanisch-nordische Mythologie ersprossen ist.

In dem, was uns als Götterdämmerung überliefert ist, ist eine bedeutsame Zukunftsvision enthalten, und damit komme ich auf ein Kapitel, von dem ich sozusagen schon den Ausgangspunkt angedeutet habe. Ich habe Ihnen gesagt, daß innerhalb einer Volksgemeinschaft, die das, was hellseherische Vergangenheit ist, erst so kurze Zeit hinter sich hat, auch ein hellseherischer Sinn in dem leitenden Volksgeiste entwickelt ist, um das, was uns hellseherisch erblüht, wieder zu verstehen. Wenn nun eine Menschheit gerade auf dem Boden die neue Zeit mit neuen menschlichen Fähigkeiten erlebt, wo die germanisch-nordische Mythologie erblühte, da soll sie verstehen, daß dasjenige, was altes Hellsehen war, eine andere Gestalt erfahren muß, nachdem der Mensch durchgegangen ist durch die Erstwickelung des physischen Planes. Da hat eine Weile geschwiegen das, was aus dem alten Hellsehen heraus gesprochen hat; da hat eine Weile hinter dem Menschen gestanden, sich dem menschlichen Blicke entzogen die Welt des Odin und Thor, des Baldur und Hödur, des Freyr und der Freya. Aber hervorkommen wird sie wieder in einer Zeit, wo andere Kräfte mittlerweile an der menschlichen Seele gearbeitet haben. Wenn diese menschliche Seele mit dem neuen Hellsehen, das mit ätherischem Hellsehen beginnt, hineinschauen wird in die neue Welt, dann wird sie sehen, daß sie sich nicht halten kann an die alten Formen der die Seele erziehenden Kräfte. Würde sie sich daran halten können, dann würden auch all die Gegenkräfte hervortreten gegen die Kraft, die in alten Zeiten hat erziehen sollen die menschlichen Kräfte zu einer gewissen Höhe. Odin und Thor werden wieder dastehen vor dem Blicke der Menschheit, jetzt aber so, daß die menschliche Seele eine neue Entwickelung durchgemacht haben wird. Der menschlichen Seele wird alles erscheinen, was die Gegenkräfte des Odin und Thor sind. Alles, was sich als Gegenkraft entwickelt hat, wird in einem gewaltigen Tableau wieder sichtbar werden. Aber nicht vorwärtskommen würde die menschliche Seele, nicht wehren gegen Schädliches würde sie sich können, wenn sie sich nur den Kräften unterwerfen würde, welche im alten Hellsehen gesehen worden sind. Thor hat einst den Menschen das Ich gegeben. Das Ich hat sich erzogen auf dem physischen Plane, hat sich herausentwickelt aus dem, was Loki, die luziferische Gewalt, im Astralleibe zurückgelassen hatte, aus der Midgardschlange. Das, was einst Thor geben konnte, und worüber die menschliche Seele hinauswächst, das steht im Kampfe mit dem, was aus der Midgardschlange kommt. Das tritt uns in der nordischen Mythologie als der mit der Midgardschlange kämpfende Thor entgegen. Gegenseitig halten sie sich das Gleichgewicht, das heißt sie töten einander. Ebenso waltet Odin gegen den Fenriswolf, wobei dieser den Odin vernichtet. Dasjenige, was eine Weile die menschliche Seelenkraft gebildet hat, Freyr, das muß unterliegen demjenigen, was dem auf dem physischen Plan mittlerweile herangezogenen Ich aus den Erdenkräften selber heraus gegeben worden ist. Freyr unterliegt dem Flammenschwert des aus der Erde entsprossenen Surtur.

Alle diese Einzelheiten, die in der Götterdämmerung hingestellt sind, werden dem entsprechen, was in einer neuen, in die Zukunft wirklich hineinweisenden Äthervision vor der Menschheit stehen wird. Zurückbleiben wird der Fenriswolf. Oh, darin, daß dieser Fenriswolf zurückbleibt im Kampfe gegen Odin, verbirgt sich eine tiefe, tiefe Wahrheit. Es wird in der nächsten Zukunft der Menschheit nichts so sehr gefährlich werden, als wenn der Hang, beim alten, nicht durch neue Kräfte entwickelten Hellsehen zu bleiben, die Menschen dazu verführen könnte, stehen zu bleiben bei dem, was das alte, astrale Hellsehen in Urzeiten geben konnte, nämlich solche Seelenbilder wie der Fenriswolf. Es wäre wieder eine harte Prüfung für dasjenige, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft erwachsen muß, wenn etwa auch auf diesem Boden der Hang entstehen würde zu allerlei ungeklärtem, chaotischern Hellsehen, die Neigung, nicht das von Vernunft und Wissenschaft durchleuchtete Hellsehen höher zu schätzen, sondern das alte, chaotische, dem dieser Vorzug abgeht.

Mit furchtbarer Gewalt würden sich rächen solche Überbleibsel alten Hellsehens, die mit allerlei chaotischen Bildern die Anschauungen der Menschen verwirren könnten. Einern solchen Hellsehen könnte nicht mit demjenigen begegnet werden, was selber aus alter Hellseherkraft entstand, sondern nur mit dem, was während des Kali Yuga als gesunde Kraft zu einem neuen Hellsehen herangebildet worden ist. Nicht dasjenige, was an Kraft der alte Erzengel Odin gegeben hat, nicht die alten hellseherischen Kräfte können retten; da muß etwas weit anderes kommen. Dieses andere aber kennt die germanisch-nordische Mythologie. Von dem weiß sie, daß es vorhanden ist. Sie weiß, daß die Äthergestalt lebt, in der sich inkarnieren soll dasjenige, was wir wiedersehen sollen als ätherische Christusgestalt. Und dieser erst wird es gelingen, auszutreiben, was an ungeklärter hellseherischer Kraft die Menschheit verwirren wird, wenn Odin nicht vernichtet den Fenriswolf, der nichts anderes repräsentiert als die zurückgebliebene Hellseherkraft. Widar, der sich schweigend verhalten hat während der ganzen Zeit, der wird den Fenriswolf überwinden. Das sagt uns auch die Götterdämmerung.

Wer Widar in seiner Bedeutung erkennt und ihn in seiner Seele fühlt, der wird finden, daß im zwanzigsten Jahrhundert den Menschen wieder die Fähigkeit gegeben werden kann, den Christus zu schauen. Der Widar wird wieder vor ihm stehen, der uns allen gemeinschaftlich ist in Nord- und Mittel-Europa. Er wurde geheim gehalten in den Mysterien und Geheimschulen als ein Gott, der erst in Zukunft seine Mission erhalten wird. Selbst von seinem Bilde wird nur unbestimmt gesprochen. Das mag hervorgehen daraus, daß ein Bild in der Nähe von Köln gefunden worden ist, von dem man nicht weiß, wen es darstellt, das aber nichts anderes bedeutet als ein Bildnis von Widar.

Durch das Kali Yuga hindurch wurden die Kräfte erworben, die die neuen Menschen befähigen sollen, die neue Christus-Offenbarung zu schauen. Diejenigen, welche berufen sind, aus den Zeichen der Zeit heraus zu deuten das, was da kommen muß, wissen, daß die neue Geistesforschung wieder aufrichten wird die Kraft Widars, der alles dasjenige aus den Gemütern der Menschen vertreiben wird, was als Überbleibsel chaotischer alter Hellseherkräfte verwirrend wirken könnte, und der das neu sich heranentwickelnde Hellehen in der menschlichen Brust, in der menschlichen Seele wachrufen wird.

So sehen wir, indem uns aus der Götterdämmerung herausglänzt die wundersame Gestalt des Widar, daß uns sozusagen eine Hoffnung für die Zukunft aus der germanisch-nordischen Mythologie entgegenleuchtet. Indem wir uns verwandt fühlen gerade mit der Gestalt des Widar, den wir nun in seiner tieferen Wesenheit erfassen wollen, hoffen wir, daß dasjenige, was der Grundnerv und die lebendige Essenz alles geisteswissenschaftlichen Wesens sein muß, sich aus jenen Kräften, welche der Erzengel der germanisch-nordischen Welt zu der modernen Zeitentwickelung hinzubringen kann, wird ergeben können. Ein Teil erst von einem größeren Ganzen ist für den fünften nachatlantischen Kulturzeitraum an Menschheits- und Geistesentwickelung geleistet worden, ein anderer Teil muß noch geleistet werden. Am meisten werden zu dieser Leistung beizutragen haben diejenigen aus der Summe der nordisch-germanischen Völker heraus, die in sich fühlen, daß sie elementare, frische Völkerkraft in sich haben. Aber es wird das gewissermaßen in die Seelen der Menschen gelegt werden. Sie werden sich selbst entschließen müssen, zu arbeiten. Im zwanzigsten Jahrhundert kann man irren, weil es in gewisser Weise in die Freiheit der Menschen gestellt sein muß, was erreicht werden soll, weil es nicht unter Zwang gesetzt sein darf. Daher handelt es sich darum, ein richtiges Verständnis dessen zu haben, was kommen soll. So sehen Sie, daß, wenn aus unserer heutigen Geisteswissenschaft heraus-spricht die Erkenntnis des Christus-Wesens, und wenn wir anknüpfen an die wahre Erkenntnis dieses Christus-Wesens, das wir aus europäischen Volkssubstanzen selber heraussuchen, wenn wir daran knüpfen unsere Zukunftshoffnungen, so beruht das wirklich nicht auf irgendeiner Vorliebe oder irgendeiner Temperamentsanlage.

Es ist manchmal gesagt worden, daß man nennen könne wie man wolle dasjenige, was man als erstes Wesen in der Menschheitsevolution bezeichnen kann. Niemals wird derjenige, der das Christus-Wesen erkennt, sich darauf versteifen, daß der Name des Christus bleibt. Aber, wenn wir den Christus-Impuls im richtigen Sinne verstehen, so werden wir auch nicht so sprechen, daß wir sagen: Ein Wesen lebt in der Menschheitsevolution, in der Menschheit des Westens und Ostens, und das muß so sein, daß es den Sympathien der Menschheit für diese oder jene Wahrheit entspricht. — Das ist nicht okkultistisch. Okkultistisch ist es, daß in dem Augenblicke, wo man erkennen würde, daß dieses Wesen getauft werden müßte auf den Namen des Buddha, dies rückhaltlos getan wird, ganz gleich, ob es einem sympathisch oder antipathisch ist. Nicht auf Sympathie oder Antipathie kommt es also an, sondern auf die Wahrheit der Tatsachen.

In dem Augenblicke, wo uns die Tatsachen anders belehren würden, wären wir bereit, anders zu handeln. Einzig und allein die Tatsachen müssen maßgebend sein. Wir wollen keinen Orientalismus und keinen Okzidentalismus hineintragen in das, was wir als eigentliches Lebensblut unserer Geisteswissenschaft ansehen, und wenn wir herausfinden sollten in der nordisch-germanischen Erzengelwelt dasjenige, was einen befruchtenden Keim abgeben kann für die wahrhafte Geisteswissenschaft, so wird es etwas sein, was nicht gegeben wird auf diesem Boden für ein einzelnes Volk oder einen einzelnen Stamm, sondern was der gesamten Menschheit gegeben wird. Das, was der gesamten Menschheit gegeben wird, gegeben werden muß, kann zwar an diesem oder jenem Orte entspringen, gegeben werden muß es aber der gesamten Menschheit. Wir kennen nicht einen Unterschied zwischen Orient und Okzident; wir nehmen mit inniger Liebe dasjenige auf, was wir als das überwältigend Große der uralten Kultur der heiligen Rishis in ihrer wahren Gestalt kennen; wir nehmen mit Liebe auf die persische Kultur, nehmen mit Liebe auf dasjenige, was wir als ägyptisch-chaldäische und griechisch-lateinische Kulturen kennen; wir nehmen auch mit ebensolcher Objektivität auf, was uns aus dem europäischen Boden erwachsen ist. Nur die Notwendigkeit der Tatsachen zwingt uns, die Angaben so zu machen, wie sie gemacht werden.

Indem wir alles empfangen von der gesamten Menschheit, alles, was jede Religion beizutragen hat zum Kulturprozeß der Menschheit, aufnehmen in das, was wir heute erkennen, was wir heute Gemeingut der Menschheit nennen, indem wir das mehr und mehr tun, sind wir gerade im Sinne des Christus-Prinzips tätig. Da es fortentwickelungsfähig ist, so müssen wir das überwinden, was es in den ersten Jahrhunderten und Jahrtausenden durchmachen mußte, wo das Christus-Prinzip in den unvollkommensten Anfängen begriffen war. Wir sehen nicht in diese Vergangenheit, lassen uns auch nicht von ihr belehren. Uns liegt nichts an dieser Überlieferung, uns liegt in der Hauptsache an dem, was aus der geistigen Welt heraus erforscht werden kann. Deshalb sehen wir das Wichtigste des Christus-Prinzips nicht in dem, was war — und wenn es noch so oft betont wird, aus der Tradition heraus —, sondern in dem, was da kommen wird. Wir berufen uns nicht so sehr auf das, was historisch überliefert wird, sondern suchen zu wissen das, was da kommen wird. Das ist der Schwerpunkt des Christus-Impulses, der in den Anfang-des christlichen Zeitalters fällt, und wir geben nicht viel auf das Äußerlich-Historische. Nachdem das Christentum die Kinderkrankheiten durchgemacht hat, wird es sich weiter entwickeln. Es ist auch in fremde Länder gegangen und wollte die Menschen zu dem bekehren, was man in den einzelnen christlichen Dogmen eines Zeitalters gehabt hat. Vor unserer Seele steht aber ein Christentum, von dem wir wissen, daß Christus in allen Zeiten wirksam war, und daß wir Christus finden werden an allen Orten, wohin wir kommen, daß das Christus-Prinzip das allergeisteswissenschaftlichste Prinzip ist. Und wenn der Buddhismus nur als Buddhisten gelten läßt diejenigen, welche auf Buddha schwören, dann wird das Christentum dasjenige sein, das auf keinen Propheten schwört, weil es nicht unter dem Eindruck eines völkischen Religionsstifters steht, sondern den Menschheitsgott anerkennt.

Derjenige, der das Christentum kennt, weiß, daß es sich dabei um ein Mysterium handelt, das auf Golgatha auf dem physischen Plane zur Anschauung gekommen ist. Die Anschauung dieses Mysteriums ist es, die uns in der Richtung führt, die ich geschildert habe. Man kann auch wissen, daß das geistige Leben zur Zeit des Mysteriums von Golgatha ein solches war, daß dieses Mysterium gerade so in jener Zeit erlebt werden mußte, wie es erlebt worden ist von der Menschheit. Wir lassen uns keine Dogmen aufdrängen, auch nicht die Dogmen der christlichen Vergangenheit, und wenn uns aufgedrängt werden sollte ein Dogma von der einen oder anderen Seite, dann würden wir es im Sinne des wahrhaft verstandenen ChristusPrinzipes zurückweisen. Mögen noch so viele Menschen kommen und den geschichtlichen Christus in ein konfessionelles Bekenntnis zwängen, oder mögen sie falsch nennen das, was wir als Zukunfts-Christus schauen, wir lassen uns nicht beirren dadurch, wenn uns von ihnen gesagt wird: So oder so muß der Christus sein, — auch wenn es von denen gesagt wird, die verstehen sollten, wer der Christus ist. Ebensowenig darf die Christus-Wesenheit gedrückt und beengt werden aus den orientalischen Traditionen heraus, ebensowenig eine Färbung erhalten durch die Dogmen des orientalischen Dogmatismus. Frei und unabhängig von jeder Tradition und jeder Autorität will das vor die Menschheit hintreten, was aus den Quellen des Okkultismus heraus gerade über diese Zukunftsevolution zu sagen ist.

Wunderbar erscheint es mir, wie die Menschen sich auf diesem Boden verstehen können. Immer und immer wieder ist mir in diesen Tagen von den hierher gereisten Nicht-Norden gesagt worden, wie sie sich gegenüber den Persönlichkeiten des skandinavischen Nordens so frei gefühlt haben. Viele haben das ausgesprochen. Ein Beweis dafür, wie wir uns, vielleicht noch für manche unbewußt, in dem tiefsten Wesen der Geistes-Erkenntnis verstehen können, wie wir uns namentlich in dem verstehen werden, was ich schon bei dem letzten «Theosophischen Kongreß» in Budapest hervorhob, und was ich wiederholte während unserer eigenen Generalversammlung in Berlin, wo wir die große Freude hatten, auch Freunde aus dem Norden bei uns zu sehen. Schlecht wäre es für die Geisteswissenschaft, wenn derjenige, der noch nicht in das geistige Gebiet hineinschauen kann, auf blinden Glauben hin annehmen müßte dasjenige, was gesagt wird. Ich bitte Sie und habe Sie gebeten in Berlin, nichts auf Autorität und Glauben hinzunehmen, was ich jemals gesagt habe oder sagen werde. Es gibt, auch bevor der Mensch die hellseherische Stufe erreicht, die Möglichkeit, dasjenige zu prüfen, was aus hellseherischer Beobachtung heraus gewonnen wird. Was ich je gesagt habe über Zarathustra und Jesus von Nazareth, über Herrnes und Moses, über Oclin und Thor, über den Christus Jesus selber, ich bitte Sie nicht, es zu glauben und meine Worte auf Autorität hin anzunehmen. Ich bitte Sie, sich abzugewöhnen das Autoritätsprinzip; denn von Übel würde das Autoritätsprinzip für uns werden.

Ich weiß aber ganz gewiß, wenn Sie anfangen, nachzudenken mit unbefangenem Wahrheitssinn, wenn Sie sagen: Das wird uns gesagt; prüfen wir die uns zugänglichen Urkunden, die Religions- und mythologischen Dokumente, prüfen wir, was uns sagt jegliche Naturwissenschaft, — so werden Sie die Richtigkeit des Gesagten einsehen. Nehmen Sie alles zu Hilfe, und je mehr Sie zu Hilfe nehmen können, desto besser. Ich bin unbesorgt. Was aus den Quellen des Rosenkreuzertums heraus gesagt wird, Sie können es prüfen mit allen Mitteln. Prüfen Sie mit der materialistischen Kritik an den Evangelien, was ich über den Christus Jesus gesagt habe, prüfen Sie, was ich über Geschichte gesagt habe, an allen Quellen, die Ihnen zugänglich sind, prüfen Sie so genau als möglich mit den Mitteln, die Ihnen für den äußerlich-physischen Plan zu Gebote stehen! Ich bin überzeugt, je genauer Sie prüfen, um so mehr werden Sie das, was aus den Quellen des Rosenkreuzermysteriums heraus gesagt wird, der Wahrheit entsprechend finden. Darauf rechne ich, daß die Mitteilungen, welche aus dem Rosenkreuzertum heraus gemacht werden, nicht geglaubt, sondern geprüft werden, nicht oberflächlich, mit den oberflächlichen Methoden der gegenwärtigen Wissenschaft, sondern immer gewissenhafter und gewissenhafter. Nehmen Sie alles, was die neueste Naturwissenschaft mit ihren neuesten Methoden Ihnen bieten kann, nehmen Sie alles, was die historischen oder religiösen Forschungen ergeben haben — ich bin unbesorgt. Je mehr Sie prüfen, desto mehr werden Sie bewahrheitet finden, was aus dieser Quelle heraus gesagt worden ist. Sie sollen nichts auf die Autorität hin annehmen. Das sind die besten Schüler der Geist-Erkenntnis, die das, was gesagt wird, zunächst als Anregung empfangen und es dann in den Dienst des Lebens stellen, um es am Leben zu prüfen. Denn auch im Leben, auf jeder Stufe des Lebens, werden Sie prüfen können das, was aus den Quellen des Rosenkreuzertums heraus gesagt wird. Fern liegt es der Gesinnung, die dieser Darstellung zugrunde liegt, ein Dogma hinzustellen und zu sagen: Dies oder jenes ist so und so und muß geglaubt werden. Prüfen Sie das an dem, was Ihnen jetzt schon an seelisch markigen und gesunden Menschen entgegentreten kann, und Sie werden das selbst bewahrheitet finden, was wie ein prophetischer Hinweis auf die zukünftige Christus-Offenbarung gesagt worden ist. Sie brauchen nur die Augen aufzumachen und unbefangen zu prüfen. Keine Anforderung an den Autoritätsglauben wird gestellt. Das ist eine Art Grundstimmung, die wie ein roter Faden alles geistige Empfangen durchdringen sollte.

Also, ans Herz legen möchte ich Ihnen: Es ist nicht wahrhaft theosophisch, etwas als Dogma anzunehmen, weil es dieser oder jener gesagt hat; wahrhaft theosophisch ist es, sich anregen zu lassen aus der Geisteswissenschaft und das Empfangene im Leben zu prüfen. Da wird hinwegschwinden das, was eine wahrhaft theosophische Anschauung von irgendeiner Seite her färben könnte. Nicht orientalische, nicht okzidentalische Nuancen dürfen unsere Anschauungen färben. Der, welcher im rosenkreuzerischen Sinne spricht, kennt nicht Orientalismus und nicht Okzidentalismus; für ihn sind beide gleich sympathisch. Er stellt allein aus der inneren Natur der Tatsachen die Wahrheit dar. Das ist dasjenige, was wir ins Auge fassen müssen, insbesondere ins Auge fassen müssen in einem so wichtigen Moment, wo wir hingewiesen haben auf den Volksgeist, der waltet in all den nördlichen Gebieten. In ihnen lebt der germanisch-nordisch-mythologische Geist, wenn er auch heute noch unter der Oberfläche lebt, und er lebt viel weiter verbreitet in Europa, als man denkt. Wenn ein nördlicher Völkerstreit entstehen könnte, so könnte er nicht darin bestehen, daß ein Volksteil dem anderen streitig macht dasjenige, was zu geben ist, sondern daß ein jedes Volk Selbsterkenntnis übt und sich frägt: Was ist das Beste, was ich geben kann? Dann wird schon auf den gemeinsamen Altar fließen das, was zum Gesamtfortschritt, zur Gesamtwohlfahrt der Menschheit führt. Die Quellen dessen, was wir bringen können, liegen im Individuellen. Der germanisch-nordische Erzengel wird der gesamten Menschheitskultur der Zukunft gerade das bringen, wozu er veranlagt ist durch die mitbekommenen Anlagen, welche wir annähernd charakterisiert haben. Er ist aber insbesondere befähigt, zu bewirken, daß das, was in der ersten Hälfte der fünften nachatlantischen Kulturzeit noch nicht gegeben werden konnte, sich in der zweiten Hälfte noch abspielen kann, nämlich das, was als geistiges Element, prophetisch keimhaft, in der slawischen Philosopie und Volksempfindung gezeigt werden konnte. Solange sich das im Vorbereitungsstadium befindet, muß die erste Hälfte der fünften nachatlantischen Kulturperiode zurückgelegt werden. Zunächst konnte da nur erreicht werden eine fein sublimierte geistige Anschauung als Philosophie. Von den Volkskräften muß diese dann erfaßt und durchdrungen werden, damit sie allgemeines Menschheitsgut werden kann, damit sie verständlich werden kann auf den weiten Terrains unseres Erdenlebens. Versuchen Sie es einmal, ob wir uns auf diesem Gebiete verstehen können; dann wird dieses sonst etwas gefährliche Thema doch nicht böse Früchte getragen haben, wenn wir alles, was hier zusammengekommen ist aus Nord-, Süd- und Ost-, West- und Mitteleuropa, so empfinden, daß es wichtig ist innerhalb der gesamten Menschheit; wenn wir fühlen, daß die großen Völker sowohl als die kleinen Volkssplitter ihre Mission haben und beizutragen haben ihren Teil für das Ganze. Zuweilen haben kleine Volkssplitter, weil sie alte oder neue Seelenmotive bewahren sollen, Allerwichtigstes beizutragen. So kann, selbst wenn wir auch diese gefährliche Frage zum Gegenstand der Darstellung machen, nichts anderes dabei herauskommen als die Grundempfindung einer Seelengemeinschaft aller derjenigen, die vereinigt sind im Zeichen geisteswissenschaftlichen Denkens und Fühlens und der geisteswissenschaftlichen Ideale.

Nur dann, wenn wir noch aus unseren Sympathien und Antipathien heraus empfinden würden, wenn wir undeutlich den Kern unserer Weltbewegung erfaßt hätten, könnten Mißverständnisse entstehen aus dem, was gesagt worden ist. Haben wir aber das erfaßt, was als Geist in diesen Vorträgen waltet, dann können auch die Dinge, die uns da entgegengetreten sind, dazu verhelfen, daß wir den festen Entschluß und das hohe Ideal fassen, dasjenige beizutragen zu dem gemeinsamen Ziele — jeder auf seinem Standpunkte und auf seinem Boden —, was in unserer Mission liegt. Wir können das am besten mit dein, was aus unserem Selbst, aus dem entspringt, wozu wir veranlagt sind. Wir dienen der gesamten Menschheit am besten, wenn wir das in uns besonders Veranlagte entwickeln, um es der gesamten Menschheit einzuverleiben als ein Opfer, das wir dem fortschreitenden Kulturstrom bringen. Das müssen wir verstehen lernen. Verstehen müssen wir lernen, daß es schlimm wäre, wenn die Geisteswissenschaft nicht beitragen würde zur Entwickelung von Mensch, Engel und Erzengel, sondern beitragen würde zur Überwindung einer Volksgesinnung durch die andere. Nicht dazu ist die Geisteswissenschaft da, dazu zu verhelfen, daß sich das, was als religiöses Bekenntnis irgendwo auf der Erde herrscht, ein anderes Gebiet erobern kann. Würde jemals der Okzident durch den Orient erobert werden oder umgekehrt, so entspräche das durchaus nicht der geisteswissenschaftlichen Gesinnung. Allein das entspricht ihr, wenn wir unser Bestes, rein Menschliches für die gesamte Menschheit hingeben. Und wenn wir ganz in uns selber leben, aber nicht für uns, sondern für alle Menschen, so ist das wahrhafte geisteswissenschaftliche Toleranz. Das sind Worte, die ich anschließen mußte an unser bedenkliches Thema.

Durch die Geisteswissenschaft — das werden wir immer mehr einsehen — wird alle Menschen-Zersplitterung aufhören. Deshalb ist gerade jetzt die richtige Zeit, die Volksseelen kennen zu lernen, weil die Geisteswissenschaft da ist, die uns dazu bringt, die Volksseelen nicht einander gegenüber zu stellen in Opposition, sondern sie aufzurufen zu harmonischem Zusammenwirken. Je besser wir das verstehen, desto bessere Schüler der Geist-Erkenntnis werden wir sein. Dahin sollen die Darstellungen, die wir gegeben haben, zunächst ausklingen. Ausklingen muß ja doch zuletzt das, was wir an Erkenntnissen sammeln, in unserem Empfinden, Fühlen und Denken und in unserem geisteswissenschaftlichen Ideal. je mehr wir dieses leben, desto bessere Schüler der Geisterkenntnis sind wir. Ich habe erlebt, daß manche 'von denen, die mit heraufgezogen sind nach dem Norden, den besten Eindruck erhalten haben, was bei ihnen dadurch zum Ausdruck kam, daß sich ihnen das Wort auf die Lippen drängte: «Wie gern ich hier im Norden bin!»

Und wenn wir mit den Worten des schweigsamen Asen Widar sprechen wollen: Wenn hohe Kräfte in der Menschheit in Zukunft erwacht sein werden, die wir ganz gewiß vor unseren Augen sehen werden, dann wird er der tätige, der aktive Freund des Zusammenarbeitens, des Zusammen-Fleißigseins sein, in dessen Sinne wir alle zusammengewesen sind. Lassen Sie uns in diesem Sinne nach einigen Tagen des Beisammenseins wieder räumlich scheiden, uns aber im Geiste in diesem Sinne immer beisammen sein. Woher wir auch als Schüler der Geist-Erkenntnis kommen, von weit oder nah, mögen wir uns stets in Harmonie zusammenfinden, auch wenn wir uns einmal bei einem Thema fragen, was die Individualitäten dieser oder jener Erdengebiete sind. Wir wissen, daß das nur einzelne Opferflammen sind, die nicht auseinander züngeln, sondern zusammenschlagen werden zu dem gewaltigen Opferfeuer, das zum Wohle der Menschheit zusammenschlagen muß durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die uns so sehr am Herzen liegt und tief in unserer Seele wurzelt.




Zuletzt aktualisiert: 07-Jan-2019
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