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Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Schmidt-Nummer: S-3670

Online seit: 30th April, 2013

SECHSTER VORTRAG

Dornach, 7. März 1919

In dem Vortrag, den Kurt Eisner vor der Basler Studentenschaft vor kurzem gehalten hat, findet sich ein sehr merkwürdiger Satz. Er geht aus von der der heutigen Außenwelt gegenüber wirklich kuriosen Frage, ob denn dasjenige, was man jetzt als den gegenwärtigen Menschheitszustand erleben kann, eine Wirklichkeit ist, oder ob das nicht vielleicht ein bloßer Traum sei, ob nicht das, was die Menschheit jetzt erlebt, eigentlich nur eine Art von geträumter Wirklichkeit sei. Der Satz lautet ja, wie er ihn dort gehalten hat:

«Höre ich nicht, oder sehe ich doch klar, daß tief in unserem Leben jene Sehnsucht lebt und nach Leben drängt, die erkennt, daß unser Leben, wie wir's heute leben müssen, doch nur die deutliche Erfindung irgendeines bösen Geistes ist. Stellen Sie sich vor, verehrte Anwesende, einen großen Denker, der nichts von unserer Zeit wüßte, und der ungefähr vor 2000 Jahren gelebt und geträumt hätte, wie etwa in 2000 Jahren die Welt aussehen würde, er hätte nicht mit blühendster Phantasie wohl eine Welt sich ausdenken können wie die, in der wir zu leben verurteilt sind. Das Bestehende ist doch in Wahrheit die einzige Utopie in der Welt, und das, was wir wollen, was als Sehnsucht in unserem Geiste lebt, ist die tiefste und letzte Wirklichkeit, und alles andere ist schauderbar. Wir verwechseln nur Traum und Wachen. Diesen alten Traum unseres heutigen sozialen Daseins abzuschütteln, ist unsere Aufgabe. Ein Blick in den Krieg: läßt sich eine menschliche Vernunft denken, die dergleichen ersinnen könnte? Wenn dieser Krieg nicht das gewesen ist, was man wirklich nennt, so haben wir vielleicht geträumt und wir wachen nun. Wir sind eine Gesellschaft, in der die Menschen trotz Eisenbahn und trotz Dampf und elektrischen Funken doch nur einen kleinen Teil dieses Sternes erblicken, auf dem wir geboren sind.»

Das ist die Empfindung, der Kurt Eisner kurz vor seinem Tode in Basel Ausdruck gegeben hat. Also die Wirklichkeit nötigt heute den Menschen, sich zu fragen: Träumen wir oder wachen wir? Ist diese

Wirklichkeit überhaupt eine wahre Wirklichkeit? Und es wäre eigentlich ganz gut, wenn die Menschen sich heute in ausgiebigerem Maße diese oder eine ähnliche Frage stellen könnten. Denn vor allen Dingen handelt es sich darum, daß man gegenüber dem, was einen in der äußeren Welt umgibt, in der Lage ist, nun überhaupt die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit zu durchschauen. Wir haben es ja verschiedentlich betonen müssen, daß es heute darauf ankommt, dasjenige, was der Welt nötig ist, was vor allen Dingen unserem sozialen Leben nötig ist, nicht mehr nach den Denkgewohnheiten zu beurteilen, in die man sich im Laufe der letzten Jahrhunderte und bis heute hineingefunden hat. Denn diese Denkgewohnheiten haben eben gerade — wenn man den Zusammenhang wirklich erkennt, so sieht man das — zu der heutigen Katastrophe geführt. Innerhalb dieser Denkgewohnheiten hat man sich oftmals so recht als Praktiker, als Lebenspraktiker empfunden. Und dennoch, man ist ausgegangen von den aller- allerärgsten Abstraktionen und hat versucht, diese Abstraktionen in Wirklichkeit überzuführen. Aber gerade dadurch, daß nun die sozialen Zustände, das Zusammenleben der Menschen zum Ausdruck gebracht hat, was die Menschen aus ihren Denkgewohnheiten haben einfließen lassen in diese Wirklichkeit, dadurch ist diese Wirklichkeit allmählich ein unwirkliches, lebensunfähiges Gebilde geworden, in dem der Mensch heute zwar drinnensteht, und das er für seine Wirklichkeit hält, das aber keine wirklichen Kräfte hat, um lebensmöglich zu sein.

Das sind die Dinge, die man heute nicht scharf genug betonen kann, die sich heute eigentlich jeder, der den Tatsachen mit unbefangenem Blick ins Auge schaut, klar und deutlich sagen müßte. Diese Tatsachen, wenn sie sich auch zunächst in der äußeren, alltäglichen Welt abspielen, führen eine Sprache, die deutlich hinweist darauf, daß die Heilung der Zustände nur aus dem Impulse der geistigen Welt kommen kann. Denn das, was sich der geistigen Welt in den letzten Jahrhunderten entfremdet hat, was gewissermaßen gewirtschaftet hat ohne Rücksicht auf diese geistige Welt, das ist heute in eine Sackgasse hineingekommen, aus der es sich nicht wieder herausfinden wird. Und es ist nur eine Gedankenlosigkeit, wenn heute noch immer geglaubt wird, daß man mit denselben Mitteln weiterwirtschaften könne, mit denen in diese Katastrophe hineingetrieben worden ist. Was haben wir denn eigentlich erlebt? Wir haben erlebt, daß die Menschheit glaubte, einen Zustand herbeigeführt zu haben, der zu bezeichnen sei als Zustand höchster materieller Zivilisation. — Denken wir zurück, wie bequem wir es eigentlich hatten, bevor der August 1914 angebrochen ist. Denken wir, wie wir auf leichteste Weise von Land zu Land kommen konnten, wenn wir gerade innerhalb derjenigen Menschheitsströmung waren, die sich in irgendeiner Weise die äußeren Mittel dazu verschaffen konnte. Denken wir, wie leicht es war, sich bis an die entferntesten Orte der Welt über die Landesgrenzen hinüber telegraphisch, selbst telephonisch zu verständigen. Denken wir an alles dasjenige, was die Menschheit eben die moderne Zivilisation genannt hat. Und denken wir an das, was seit dem August 1914 für Europa aus dieser modernen Zivilisation geworden ist. Bedenken wir die Zustände, in denen wir heute leben. Ja, meine lieben Freunde, es gehört wahrhaftig nicht gerade sehr viel dazu, um einzusehen, daß das eine nicht ohne das andere ist, daß in dem, wie wir lebten — so «bequem», so «zivilisiert» es war bis zum August 1914 —, daß in dem die jetzigen Zustände drinnensteckten, so drinnensteckten, daß ich es dazumal in dem Wiener Vortrag, der vor dem Kriege gehalten ist, als das Wirken einer gesellschaftlichen Krebskrankheit, eines Karzinoms innerhalb der menschlichen Gesellschaft bezeichnet habe. Man muß einen gewissen Wert darauf legen, daß einen die Geisteswissenschaft dazu nötigte —, dazumal, wo es noch so «bequem», wo die Welt noch so «zivilisiert» war, wo alles nach dem Wunsche der Menschen ging, die einen solchen Wunsch entsprechend ihrer sozialen Lage entwickeln konnten —, wenn man die Tatsachen durchblickte, nichts anderes sagen zu können als: wir leben aber doch gewissermaßen nicht in einer gesunden, sondern in einer kranken Gesellschaft. Zur Heilung wurde ja dieser kranken Gesellschaft seit langem angeboten, was anthroposophische Denkungsart ist. Und es wird nichts anderes geben, um zur Heilung zu kommen, als eben einzusehen, daß alles andere mehr oder weniger Kurpfuscherei ist, was nicht zu dieser nach dem wirklichen Geistigen hingewandten Denkweise greifen will. Wir müssen wiederum Wirklichkeit hineingießen in das, was die Menschheit heute träumt. Woher soll sie kommen? Da, wo die Lebenspraktiker ihre Gedanken hernehmen, ist sie nicht vorhanden. Allein da ist Wirklichkeit vorhanden, wo der Geist geschaut wird. Von da müssen auch die Prinzipien, die Impulse geholt werden, die in die Sozietät hineinfließen können. Deshalb muß auf diesen Zusammenhang der Dinge immer hingewiesen werden.

Ich habe Ihnen in dem Zusammenhange der Vorträge hier öfter auch den Namen Fritz Mauthner genannt. Er hat, indem er das Denken der Gegenwart abgeteilt hat in eine Reihe von Schlagworten, die er alphabetisch angeordnet hat, zwei Bande zusammengebracht, die er ein «Philosophisches Wörterbuch» nennt, in denen aber eigentlich in seiner Art und mit seiner Kritik, die manchmal eine ätzende, laugenhafte ist, das Denken der Gegenwart verzeichnet ist. Darin ist unter anderem auch vom Staate, von der res publica, die Rede. Fritz Mauthner ist aus seinen Anschauungen auch zu einer Art von Antwort gekommen auf die Frage: Was ist eigentlich der Staat? — Und er kommt zu keiner anderen Definition als: Der Staat ist ein notwendiges Übel. — Nicht wahr, seine Notwendigkeit ableugnen können die Leute nicht. Aber einigen Menschen ist doch schon aufgegangen, daß diejenige soziale Struktur, die wir heute den Staat nennen, eben schließlich zu dem geführt hat, in dem wir halt drin leben. Also nennen sie ihn ein notwendiges Übel, denn sein übler Charakter in seiner heutigen Gestalt steht den Leuten vor Augen. Es frägt sich aber nur, wie man zu einer positiven Vorstellung kommt gegenüber dieser negativen.

Nicht wahr, wenn einer etwas verneint, so muß eigentlich auf das Bejahende hingewiesen sein. Nun, wenn jemand sagt: der Staat ist ein notwendiges Übel, so handelt es sich eigentlich darum, auf das Positive hinzuweisen. Es wird ja da der Staat geradezu dargestellt wie das Gegenteil von etwas. Was ist denn also dieses Etwas, wovon er das Gegenteil sein soll? Da ergibt sich für den geisteswissenschaftlichen Zusammenhang etwas sehr Merkwürdiges. Nicht wahr, man versteht ja den Staat nur, wenn man die Rechtsstruktur, die sich im Staate ausbreitet und nach der Besitzverhältnisse, Arbeitsverhältnisse und so weiter geregelt werden, durchschaut und sich fragt: Womit läßt sich diese Rechtsstruktur denn eigentlich vergleichen?

Nun, meine lieben Freunde, Sie haben aus mancherlei Ausführungen aus meinen Büchern und Vorträgen Schilderungen der geistigen Welt kennengelernt, haben da die Beziehungen kennengelernt, die in der geistigen Welt, also in den Zeiten, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, stattfinden. Und die Frage ist: Wie verhalten sich diese Beziehungen, in denen Mensch zu Mensch ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, zu den Rechtsbeziehungen, die innerhalb der staatlichen Gemeinschaft auf dem physischen Plane hergestellt werden? — Sobald man diese Frage verständig aufwirft, bekommt man die Antwort: Das staatliche Gefüge ist das genaue Gegenteil; das staatliche Gefüge mit Bezug auf die menschlichen Beziehungen, die durch den Staat hergestellt werden, ist das genaue Gegenteil von dem, was die menschlichen Beziehungen in der geistigen Welt sind. — Das gibt Ihnen ja, meine lieben Freunde, eine wirkliche Vorstellung von dem Staate. Die Menschen, die nichts von der geistigen Welt kennen, sie können nämlich gar keine Vorstellung von dem Staate gewinnen, weil sie lauter negative Bestimmungen haben zwischen Mensch und Mensch. Die positiven Bestimmungen sind diejenigen, welche sich ergeben, wenn Seele sich zu Seele in Beziehung setzt in der geistigen Welt. Lesen Sie zu diesem Zwecke, der hier angedeutet wird, das Kapitel über die seelische Welt in meiner «Theosophie»; da werden Sie finden, daß eine gewisse Regelung der Beziehungen von Seele zu Seele stattfindet, die sich dann fortsetzt auch in dem, was man das Geisterland nennen kann, und Sie werden sehen, daß diese Beziehungen geregelt sind durch gewisse Kräfte, die von Seele zu Seele gehen, und die man ausdrücken kann durch das Zusammenwirken von Sympathie und Antipathie. Lesen Sie in diesem Kapitel in meiner «Theosophie», wie Sympathie und Antipathie ein gewisses Verhältnis zustande bringen zwischen Seele und Seele in der geistigen Welt, da werden Sie sehen, daß in der geistigen Welt alles auf Innerlichkeit beruht, nämlich auf dem, was von Seele zu Seele wirkt durch die Sympathie- und Antipathiekräfte. Das was da wirkt von Seele zu Seele durch die Antipathiekräfte, das wird zugedeckt durch die Leiblichkeit beim Menschen auf dem physischen Plan; und weil das zugedeckt wird, weil das eigentliche, wesenhafte Verhältnis von Seele zu Seele hier auf dem physischen Plan zugedeckt ist, muß das Äußerlichste gerade auf dem Staatsgebiete hier auf dem physischen Plane stattfinden: das Rechtsverhältnis. Während dasjenige, was geschildert werden muß von der eigentlichen Geisteswelt, die Entfaltung der innerlichsten Kräfte der Seele ist, ist das, was im Staate leben kann, allein das Alleräußerlichste in der Beziehung von Mensch zu Mensch. Und der Staat ist nicht gesund, wenn er ein anderes Verhältnis begründen will, als das alleräußerlichste Rechtsverhältnis. Deshalb muß von dem Staate alles ausgeschaltet werden, was nicht auf dem alleräußerlichsten Rechtsverhältnis zwischen Mensch und Mensch beruht. Und es muß dem eigentlichen Gebiete des Staates gegenüberstehen das geistige Gebiet, die Verwaltung der geistigen Kulturangelegenheiten, und es muß ihm auf der anderen Seite gegenüberstehen das reine Wirtschaften, der dritte Teil des sozialen Organismus. Während der eigentliche Staat das volle Gegenteil der geistigen Welt darstellt, so ist, wie ich Ihnen schon einmal von einem anderen Gesichtspunkte hier angedeutet habe, das geistige Leben eine Art Fortsetzung dessen, was wir in der wirklichen geistigen Welt durchgelebt haben, bevor wir durch die Geburt ins irdische Dasein heruntergestiegen sind. Was wir hier durchleben in Religion, in Schule, in Erziehung, in Kunst, in Wissenschaft und so weiter, neben anderem, was wir entwickeln in dieser Beziehung von Mensch zu Mensch, das ist die irdische Fortsetzung, aber nur als bloßer Abglanz, als bloße Spiegelung desjenigen, was wirkliches geistiges Leben vor der Geburt ist. Und was wir im Wirtschaftsleben haben, was wir in diesem gewöhnlich materiell genannten Leben haben, das ist die Ursache von mancherlei, was wir wiederum zu durchleben haben, wenn wir durch die Todespforte gegangen sind, also im nachtodlichen Leben. Aber der Staat hat keine Beziehung zu dem geistigen Leben. Er ist das volle Gegenteil des geistigen Lebens. Das muß der Mensch, der die Gegenwart verstehen will mit ihren schauderhaften Tatsachen durchschauen lernen. Der gegenwärtige Mensch muß verstehen lernen, wie notwendig es ist, die geistige Wirklichkeit wiederum ins Auge zu fassen, um zu einer Anschauung über die äußere Wirklichkeit zu kommen. Antipathie und Sympathie wirken zusammen in der geistigen Welt. Dasjenige, was in der geistigen Welt uns an Antipathien bleibt, wenn wir durch die Geburt ins irdische Dasein heruntersteigen, das, was noch weiter auszuleben ist wegen der Antipathien, die wir in der geistigen Welt uns erhalten haben, das lebt sich hier als geistige Kultur aus. Wir lernen als Menschen durch die Sprache uns verstehen und gewissermaßen dadurch ein geistiges Band von Mensch zu Mensch zu knüpfen, weil wir durch dieses Verstehen der Sprache gewisse Antipathien überwinden müssen, die uns geblieben sind aus der geistigen Welt. Wir lernen in gewissen Vorstellungen miteinander sprechen, gemeinsame Gedanken zu haben in einer gemeinsamen Kunst, in einem gemeinsamen Religionsbekenntnis, weil wir dadurch gewisse Antipathien überwinden, die wir in der geistigen Welt gegeneinander gehabt haben. Und wir lernen hier im Wirtschaftsleben aufeinander angewiesen sein, füreinander zu arbeiten, miteinander im Wirtschaftsleben Vorteile gegen Vorteile austauschen, weil wir dadurch die Grundlage legen für gewisse Sympathien, welche sich im nachtodlichen Leben zwischen den Seelen entspinnen sollen, zwischen denen nicht schon hier ein Anziehungsband da ist durch das gewöhnliche Karma.

So müssen wir zu verknüpfen verstehen die hiesige irdische Welt mit der geistigen Welt. Und schließlich ist schon die am intensivsten wirkende Ursache unserer heutigen katastrophalen Zeit die Tatsache, daß der Mensch ganz außer Zusammenhang gekommen ist mit der wirklichen geistigen Welt, und daß ihm in einem hohen Grade die geistige Welt eigentlich zu einer Art Phrase geworden ist. Immer mehr und mehr wurde diese geistige Welt zu einer Art Phrase im Laufe der letzten vier Jahrhunderte innerhalb der leitenden Menschenklassen. Und immer mehr und mehr entwickelten sich in dumpfen Instinkten in den weiten Massen des Proletariats die unterbewußten, unbewußten Sehnsüchten nach etwas anderem, als ihm die sogenannte Bildung, Wissenschaft, Kunst, Religion und so weiter der leitenden Kreise bieten kann.

Daran wollen sich die Menschen so schwer gewöhnen, daß wir in bezug auf das Geistesleben nötig haben, nach und nach eine ganz neue Sprache zu verstehen. Die Menschen wollen im Grunde genommen, daß die alten Sprachen weiter geredet werden. Denn es werde schon gehen, so meinen sie, wenn man in der alten Sprache weiterspricht. Da hört man salbungsvolle Propheten in der Gegenwart ihre Anschauungen entwickeln. Ich habe Sie schon einmal auf eine solche Anschauung hier hingewiesen. Es wird da gesagt zum Beispiel von einem, auf den eigentlich viel gegeben wird in der Gegenwart: dieser Weltkrieg hätte gezeigt, daß die Menschen wohl in einer Art äußerer Organisation lebten, daß sie aber einander innerlich nicht nahe gekommen wären. Und so hätte sich innerhalb dieses Weltkrieges wiederum ein Rückfall in die alte Barbarei ergeben. Und dann werden zur Rettung aus dieser Barbarei eigentlich nur gewisse, man könnte sagen, Phrasengefühle entwickelt, die die Menschen darauf verweisen, sich wiederum zu einer Art von innerlichem geistigem Leben zurückzuwenden. Allein, meine lieben Freunde, darauf kommt es heute nicht an, daß man die Menschen ermahnt, sie sollen wieder gut christlich werden, sie sollen wieder lernen, ihre Mitmenschen zu lieben, sie sollen ein innerliches Band von Mensch zu Mensch finden. Heute kommt es viel mehr darauf an, daß eine Kraft des Geistes entwickelt werden könne, welche imstande ist, die äußeren Verhältnisse wirklich zu beherrschen, den äußeren Verhältnissen wirklich eine Struktur zu geben, so daß der soziale Organismus lebensfähig werde. Man kann eigentlich, wenn man ganz ehrlich ist, gar nicht sagen, daß die Menschen der Gegenwart hauptsächlich und in erster Linie daran kranken, daß sie nicht an den Geist glauben. Es sind ja noch genügend viele Menschen in der Gegenwart, die an den Geist glauben, und schließlich hat ja noch jedes Dörfchen seine Kirche, wo, denke ich, viel vom Geiste geredet wird. Und einen gewissen Respekt vor dem Geiste haben sogar diejenigen, die ihn bekämpfen. Ein gewisses Reden vom Geiste liegt den Menschen noch in den Denkgewohnheiten. Der Anzengrubersche Mensch, der da sagt: «So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist», ist gar nicht eine so große Seltenheit, wenn er auch nicht immer diese Worte ausspricht. Nicht darauf kommt es an, daß vom Geiste gesprochen werde, oder auch nicht einmal darauf, daß die Menschen an den Geist glauben, sondern darauf kommt es heute an, daß der Geist wirksam werde in allem materiellen Leben, daß eingesehen werde, daß die Materie nirgends ohne den Geist sein kann.

Von dieser Einsicht ist man aber heute weiter entfernt, als man es je war. Der eine tut vornehm, verachtet das äußere materielle Leben, betrachtet es als ein notwendiges Übel und wendet sich dem innerlichen Leben zu, wird Theosoph vielleicht sogar, damit er neben dem äußseren Leben sein inneres entwickeln könne, denn das äußere Leben ist geistlos, und man muß sich dem inneren, beschaulichen Leben hingeben. Ein anderer geht nicht gerade in dieser — das sozialistische Denken würde sagen — dekadentesten bürgerlichen Vorstellungsweise auf, denn es ist die letzte Ausgeburt der bürgerlichen Vorstellungsweise, die ich eben charakterisiert habe, aber er hat doch den Glauben: auf der einen Seite ist die materielle Wirklichkeit, in der lebt Kapital, menschliche Arbeitskraft, Kredit, Pfandbriefe, Obligationen, Geld überhaupt. Das ist die geistlose Wirklichkeit. Auf der anderen Seite ist dasjenige, was man aus dem innersten Herzen anstreben muß als die eigentliche Geistwirklichkeit.

Nun, man könnte noch viele Variationen über diese eigentümliche Auffassung des Verhältnisses von materiellem Leben zu geistigem Leben, wie es in der Gegenwart herrscht, anführen, denn die Menschen haben schon im allgemeinen das Gefühl, wenn man zum Geist geht, muß man sich eigentlich von der äußeren materiellen Wirklichkeit abkehren. Schließlich hängt ja damit auch zusammen, daß wir in der Gegenwart so viele gebrochene Existenzen, so viele Menschen haben, die mit dem äußeren Leben unzufrieden sind. Meine lieben Freunde, ich rede wahrhaftig nicht pro domo, denn ich bin eigentlich nur durch mein Karma gerade zu dem gemacht worden, als was ich wirke. Und wäre ich durch mein Karma zu etwas anderem gemacht worden, so würde ich das auch zu verstehen wissen. Ich rede nicht pro domo. Aber trotzdem darf ich sagen: es gibt nichts Uninteressantes im Leben, wenn nur ein gesunder sozialer Organismus da ist, in welchen der Mensch in der richtigen Weise gerade seinem Karma gemäß hineingestellt ist. Im Grunde genommen hat kein Mensch in der Welt Veranlassung dazu, irgendeine Strömung in der Welt als minderwertiger zu betrachten als eine andere. Aber herbeigeführt werden muß die Gesundung des sozialen Organismus, so daß der letzte Arbeiter ebenso mit einem geistigen Leben zusammenhängt, wie derjenige, der nun zufällig im geistigen Leben sich selbst beschäftigen kann. Denn das ist der größte Schaden in dem sozialen Leben der Gegenwart, daß es abgeschlossene Kreise gibt, innerhalb welcher sich besondere Interessen entwickeln, die den anderen eigentlich nicht zugänglich sind. Fühlen Sie doch nur, wie sich in der neueren Zeit immer mehr und mehr herausgebildet hat das Abgeschlossensein in Religion, in Kunst und in allem anderen innerhalb der bürgerlichen Kreise, und wie außerhalb dieses Abgeschlossenen die proletarischen Kreise stehen, denen man ja «Volksveranstaltungen» macht, «Volkshäuser» begründet, «Volkskunst» gibt und so weiter. Aber was man damit gibt, ist ja aus den Empfindungen der bürgerlichen Klasse heraus entstanden. Wenn es der Proletarier empfangen soll, so empfängt er es durch eine Lebenslüge; denn nur dasjenige kann ja gemeinsames Geistesleben sein, was aus gemeinsamem Erleben hervorgegangen ist. Das ist kein gemeinsames Erleben, wenn der eine im Tag acht Stunden — Sie sehen, ich nehme sogar den Achtstundentag schon als verwirklicht an acht Stunden an der Maschine steht, und der andere die Möglichkeit hat, ein soziales Leben innerhalb einer gewissen Klasse auszubauen, und dann nach den acht Stunden dem, der an der Maschine steht, das so wie Brocken hinwirft, was aber seiner innersten Struktur, seinem innersten Gefüge nach eigentlich nur verstanden werden kann von dem, der den bisher leitenden Klassen angehört.

Innerhalb der leitenden Kreise hat man heute die Möglichkeit, aus gewissen Bildungsgrundlagen, Erziehungsgrundlagen heraus doch dem Menschen — sagen wir, um ein konkretes Beispiel zu wählen — über die Sixtinische Madonna zu sprechen. Ja, meine lieben Freunde, ich habe Arbeiter herumgeführt in Galerien, ich habe sehen können, welch eine Lüge es ist, dem heutigen Proletarier irgend etwas vorzuführen, was, sagen wir ähnlich ist den Empfindungen, die der heutige Bürgerliche gegenüber der Sixtinischen Madonna haben kann. Das ist ja nicht möglich. Versucht man es doch, so setzt man nichts anderes als eine Lebenslüge in Szene, denn es gibt ja kein gemeinsames Leben zwischen den Klassen. Und wo kein gemeinsames Leben zwischen den Klassen da ist, kann man auch nicht in einer Sprache sprechen, die beide wirklich verstehen. Die bisher leitenden Kreise haben das Schicksal gehabt, durch die bisherige Menschheitsentwickelung auch zum Beispiel in der Kunst etwas zu bekommen, was in ihren Lebensempfindungen wurzeln kann. Durch die Art und Weise, wie bisher die Menschheit gelebt hat, ist so etwas wie die Sixtinische Madonna eine Gabe für die leitenden Kreise geworden. Für die nichtleitenden Kreise ist sie zunächst unverständlich. Da muß erst die Sprache gesucht werden, die beiden gemeinschaftlich sein kann, das heißt, es muß erst angestrebt werden, ein wirklich allgemein-menschliches Bildungsleben zu finden. Und von diesem allgemein-menschlichen Bildungswesen sind unsere Schulen, unsere Universitäten weit entfernt.

Damit wird es nicht getan sein, daß verwirklicht werde, was man so oft anstrebt: die allgemeine Volksschule. In einer allgemeinen Volksschule wird man ganz anderes lehren müssen, nämlich so, wie es nur von dem als ein Glied des gesunden sozialen Organismus abgegliederten freien Geistesleben herkommen kann. Man wird ganz anders lehren müssen, als man heute lehrt. Denn im tiefsten Innern versteht ja der Proletarier nicht, was heute in der Volksschule gelehrt wird.

Nun werden Sie einen Widerspruch finden in dem, was ich rede. Den können Sie auch mit Recht finden. Sie können sagen: Ja, aber in der Volksschule sind ja noch alle gleich, warum sollte das Proletarierkind weniger verstehen von dem, was gelehrt wird, als das bürgerliche Kind? — Das bürgerliche Kind versteht nämlich in Wirklichkeit auch nichts; denn unser ganzes Volksschulwesen ist so ungesund, daß eigentlich alles das nicht verstanden wird, was in der Volksschule gelehrt wird. Und nur einige, nämlich den leitenden Kreisen Angehörige, die das Geld haben, um auf höhere Schulen hinaufzukommen, bei denen werfen dann diese höheren Schulen einen Schatten zurück auf die Volksschule, und dadurch versteht man etwas von dem, was man früher gelernt hat. Und diejenigen, die keine Gelegenheit haben, Schatten zurückzuwerfen auf das, was man früher gelernt hat, die haben eben gar keine Möglichkeit, überhaupt die Schulbildung, die heute als eine geträumte Wirklichkeit unter uns lebt, irgendwie aufzunehmen.

Das ist es, was man sich als den Ernst der Zeit, als den Ernst der Situation vor Augen halten sollte. Und ist es denn nicht mit Händen zu greifen, daß nur ein neues Geistesleben dem Abhilfe schaffen kann? Denn versuchen Sie doch nur einmal, auf dem einen oder auf dem anderen Gebiete ehrlich zu sein. Nehmen Sie zum Beispiel dasjenige, was im Verlaufe der letzten Jahrzehnte sich abgespielt hat auf dem Gebiete der Kunst und des Verständnisses der Kunst. Ja, versuchen Sie einmal, sich geistig vor Augen zu führen, wie über Kunst geredet worden ist: was Künstler gesagt haben, wie gemalt, wie gebildhauert werden muß und dergleichen, was Kritiker dann als ihre Auffassung gegenüber diesen Malern und Bildhauern geltend gemacht haben. Verfolgen Sie das alles, und versuchen Sie es einmal klarzumachen dem Proletarier, der acht Stunden an der Maschine steht, und der das Ganze nun auch anhören soll. Das ist Quark für ihn, ist überhaupt nichts für ihn. Nur das ist real, daß er ein Leben sieht, das die anderen untereinander treiben, von dem er in antisozialer Weise ausgeschlossen ist, von dem er daher auch nicht die Vorstellung gewinnen kann, daß es zu einem menschenwürdigen Dasein gehört; von dem er nur die Vorstellung gewinnen kann: das ist alles Luxus.

Nun nehmen Sie das im Konkreten, meine lieben Freunde! Es ist nicht als ob ich die Dinge verurteile, ich will nur charakterisieren. Und die Dinge sind alle zu verstehen. Aber bedenken Sie, was diese gute bürgerliche Gesellschaftsordnung, die sich bis zum Jahre 1914 so bequem entwickelt hat, für Blüten getrieben hat. Ich habe es noch erlebt in den achtziger Jahren, wo zum Beispiel die Wiener Jünglinge alle nachgemacht haben dasjenige, was damals, von Paris ausgehend, als neue Kunstrichtung galt. Diese Jünglinge haben Verse über Verse gemacht, haben alles mögliche dazu getan, um möglichst dunkle Ringe um die Augen zu haben, sind sinnend auf der Straße herumgegangen, haben die Vorzüge der Décadence gepriesen, haben erklärt, daß sie überhaupt nur in einem Zimmer schlafen wollen, in dem der Duft der Tuberose alles durchströmt. Und dann hat man aus diesen Untergründen heraus besprochen, wie nun ein Vers wirklich gestaltet sein muß. Ich will das nicht verurteilen, was da zum Ausdruck gekommen ist; es ist da eben auch eine Seite der Menschheit zum Ausdruck gekommen, es ist ein extremer Fall. Aber zum Schlüsse hat man es eben so getrieben, daß nur etwas herausgekommen ist, was einem großen Teil der neueren Menschheit nicht anders erscheinen konnte als ein luxuriöses Geistesgetriebe; was diesem Teil der Menschheit jedenfalls nicht als eine Notwendigkeit zu einem menschenwürdigen Dasein erscheinen konnte. Und schließlich hängt doch im Leben alles ab von dem, was in den Menschenseelen pulsiert, von der Art wie die Menschenseelen in dem Leben drinnen sich bewegen können. Es war schon ein soziales Karzinom, das in furchtbarer Weise zum Ausbruche gekommen ist.

Aus diesen Dingen muß gesehen werden, daß nun die Tatsachen soweit gediehen sind, daß wir eben nicht mit den alten Vorstellungen weiter reden dürfen, daß wir eine neue Sprache lernen müssen. Und ist es da nicht mit Händen zu greifen, meine lieben Freunde, daß nun etwas Allgemein-Menschliches angestrebt werden muß. Es wird nicht gleich verstanden werden, inwiefern es etwas Allgemein-Menschliches ist; aber mit unserem Bau wurde eben etwas Allgemein-Menschliches angestrebt. Da sollte nichts drinnen sein, was nur den Bürgerlichen interessieren oder wovon der Proletarier nichts verstehen kann. Wenn auch gerade höchste geistige Anforderungen gestellt werden, so ist das, was angestrebt worden ist, ganz allgemein menschlich; gewiß ist vieles daran unvollkommen und das Bürgerliche strömt einem ja aus mancherlei noch zu; aber im Ganzen, in der Hauptsache — ich meine selbstverständlich jetzt nicht die Menschen — ist das, was in der Sache angestrebt worden ist, ganz allgemein menschlich; es ist, wenn es auch aus dem Geistigen herausgeholte Formen sind, etwas, was jeder Mensch verstehen kann.

Von dem Lebensgesichtspunkte aus kann es verstanden werden. Gewiß, man muß heute noch in verschiedener Weise zu dem einen oder zu dem anderen reden, weil die Menschen von verschiedenen Lebensgesichtspunkten her kommen. Aber möglich ist es, auch dem allereinfachsten, primitivsten Gemüte heute dasjenige beizubringen, was aus unseren Formen und den sonstigen Dingen unseres Baues sprechen soll. Und so müßte auf jedem Lebensgebiete nun wirklich der Versuch gemacht werden, herauszukommen aus dem Alten und eine neue Sprache zu sprechen, einzusehen, wie es eben gerade die alten Vorstellungsarten waren, die uns in diese Katastrophe hineingeführt haben.

Sehen Sie, da wird heute gesagt: man schaue sich das moderne sozialistische Streben an — es jagt ja heute manchen Leuten einen rechten Schrecken ein — und vergleiche dieses sozialistische Streben zum Beispiel mit dem Geiste der Bergpredigt, wo die Mühseligen und Beladenen nicht durch den Klassenkampf, sondern durch die Liebe eine neue Weltordnung heraufführen wollten. Ich führe Ihnen nicht ausgedachte Redensarten an, sondern nur solche Dinge, die heute von sehr bekannten Moralpaukern gepredigt werden, und die in den letzten Wochen unzählige Male gesagt worden sind. Die Dinge sind alle aus dem Leben herausgegriffen. Sie hätten es erst vor ein paar Tagen in Bern hören können, wie jemand wiederum gesagt hat: man kehre zurück zu dem reinen Geiste des Christentums, zu dem Geiste der Bergpredigt; der stecke nicht im modernen Klassenkampf. Leider, so wurde gesagt, sei der christliche Geist bisher nur im Privatleben geltend gewesen; er müsse einziehen in das Leben der Staaten. Das Leben, das äußere öffentliche Leben müsse durchchristet werden. Da kommen dann die Menschen und sagen: Das ist mal vom Geiste gesprochen; da wird endlich gesagt, wie der Weg sein muß, damit sich die moderne Menschheit loslöst von dem unseligen Materialismus und sich wiederum zurückwendet zu dem Geiste der Liebe. — Aber, meine lieben Freunde, die Tatsache liegt nur vor, daß die Leute durch fast zweitausend Jahre so geredet haben und das nichts geholfen hat, und daß sie endlich merken konnten, daß heute eine andere Sprache notwendig ist.

Man merkt aber heute noch oftmals gar nicht, worin der Unterschied liegt zwischen den zwei Sprachen. Man merkt noch gar nicht, daß es etwa radikal anderes ist, jenes Geistesleben zu vertreten, das unmittelbar eingreifen will in die materiellste Wirklichkeit, weil es überzeugt davon ist, daß Materie nur als Materie, also als etwas Verächtliches genommen, überhaupt keine Wirklichkeit ist, denn in aller Wirklichkeit lebt ja Geist. Und wo scheinbar nur Materie lebt, da sieht man den Geist einfach nicht. Daher muß man sich auch klar darüber sein, daß es heute drängt, solchen Geist zu entwickeln, der eben die Wirklichkeit meistert, der in das materielle Leben eben untertauchen kann, der nicht nur zu sagen versteht: vertieft euch im Innern, ihr werdet den Gott im Innern finden, ihr werdet den Quell der Liebe in euch entwickeln können, ihr werdet den Weg dann finden von der heutigen sozialen Ordnung zu einer solchen, in welcher der Mensch innerlich dem Menschen nahe steht! Nein, es handelt sich heute darum, solchen Geist, solche Sprache, solche Christen zu finden, die nicht bloß von ethischen Dingen und von religiösen Dingen reden, sondern die so stark im Geiste sind, daß der Geist die alleralltäglichsten Dinge zu umfassen imstande ist, daß vom Geiste aus gesagt werden kann, was nun geschehen soll, um den Weg heraus zu finden, den heilenden Weg aus den Verheerungen des Kapitalismus, aus den Bedrückungen der menschlichen Arbeitskraft und so weiter.

Es liegt einmal die Sache so, daß die Menschen mit ihrem Empfinden wahrnehmen, was hemmend, was krankmachend ist im sozialen Organismus, daß sie aber nicht bis zu den Grundlagen sehen. Daß heute das Geld viel Schäden hervorruft, sieht man ja im Kleinen und im Großen. Im Kleinen, in seiner nächsten Nähe sieht es mancher, der es nicht hat, das Geld. Es ist eben die Zeit gekommen, wo die alte Gelassenheit aufgehört hat, die sich noch ein wenig über die Dinge hinweggesetzt hat mit dem Sprichwort: Der eine hat das Portemonnaie, der andere hat das Geld; es ist die Zeit gekommen, wo man solche Dinge, die in diesem Sprichworte leben, nicht mehr wahr haben will. Daß manche Schäden des Geldwesens vorhanden sind, merken die Leute, wenn sie auch jetzt selten noch über die Grenze kommen — nicht wahr, es ist ja tiefer Friede eingetreten, aber die Leute können jetzt weniger über die Grenze, als sie während des Krieges gekonnt haben — sie merken: da draußen, da bedeutet eine Mark so und so viel, hier bedeutet sie so wenig. An die Geldfrage schließt sich die Währungsfrage, die Valutafrage an. Also die Leute merken im Kleinen und im Großen, daß mit dem Gelde irgend etwas los ist, was schon mit den gewöhnlichsten Menschenzuständen zusammenhängt. Sie denken nach, wie man den Schäden, die heute eingetreten sind, abhelfen könnte. Aber die Leute merken nicht, daß es heute notwendig geworden ist, von den gewöhnlichen äußeren Gedanken, die sich an die Verhältnisse selbst anschließen, zu den Urgedanken vorzudringen.

Allen menschlichen Einrichtungen liegen gewisse Urgedanken zugründe. Und führt das menschliche Leben dazu, daß sich die Einrichtungen nach und nach von diesen Urgedanken entfernen können, so ziehen sich diese Urgedanken zurück in das menschliche Innere und werden Empfindungen, werden Instinkte, die sich dann in einer Weise äußern, in der man die Urgedanken nicht gleich erkennt. Was heute als soziale Forderungen auftritt, ist die Reaktion der Urgedanken auf die heutigen menschlichen Verhältnisse. Und die Menschen, die sich ihre Gedanken bloß nach den heutigen Verhältnissen bilden, sind die ärgsten Schwarmgeister. Denn all die proletarischen Forderungen sind nichts anderes als maskierte Empfindungen, die in den Urgedanken wurzeln. Und zu solchen Urgedanken gehört die Trennung des geistigen Lebens, des politischen Staatslebens und des wirtschaftlichen Lebens, wie es hier vertreten worden ist. Danach streben eigentlich die Instinkte hin. Und nicht eher werden sie ruhen, bis nicht wenigstens die Richtung nach diesen Urgedanken wiederum genommen wird in der Zeit, in der wir in dieser schweren Krisis leben, da wir uns so weit von den Urgedanken entfernt haben.

Alles andere wird Quacksalberei sein, auch mit Bezug auf die alleräußerlichsten, materiellsten Fragen. Denn heute frägt mancher sogar von Lehrkanzeln herab: Was ist denn eigentlich Geld? — Uber diese Frage wird ungeheuer viel diskutiert: Ist Geld eine Ware oder ist Geld ein bloßes Wertzeichen? Der eine ist der Meinung, daß das Geld auch eine Ware unter anderen Waren ist, die auf dem Wirtschaftsmarkte ausgetauscht werden; daß man nur eine bequeme Ware gewählt hat, damit man über gewisse sonstige Konflikte des heutigen Wirtschaftslebens hinwegkommt. Denn denken Sie einmal, Sie seien Tischler. Es gäbe kein Geld und Sie seien Tischler. Sie müssen essen, Sie müssen Gemüse haben, Käse haben, Butter haben; aber Sie sind Tischler, Sie verfertigen Tische und Stühle. Nun müssen Sie sich mit Ihren Tischen und Stühlen, wenn es kein Geld gibt, irgendwo auf den Markt begeben und müssen versuchen, einen Stuhl zum Beispiel loszukriegen, damit Ihnen der eine für den Stuhl eine nötige Menge von Nahrungsmitteln gibt. Einen Tisch müssen Sie loskriegen, damit Ihnen ein anderer einen Anzug gibt. Denken Sie sich nur, was das heißen würde! — Aber eigentlich tut man doch nichts anderes als dieses. Es ist nur maskiert dadurch, daß eine allgemein gangbare Ware, das Geld, da ist, in das man alles übrige eintauschen kann, und daß dann die anderen Waren warten können, bis die Menschen sie brauchen.

Nun aber scheint es so, als ob das Geld nur eine Zwischenware wäre. Daher sind manche Nationalökonomen der Ansicht: das Geld ist eine Ware. Wenn aber Papiergeld vorhanden ist, so ist es eben nur als Ersatz für die Ware da. Denn die Ware, auf die es ankommt, das ist eigentlich das Gold; und die Staaten seien schon einmal genötigt worden, die Goldwährung einzuführen, da der führende Wirtschaftsstaat der Gegenwart, England, das Gold als alleinige Wertware, Ausgleichsware gewählt hat und die anderen Staaten folgen müßten. Es ist nun eben so, daß diese Mittelware da ist, und der Tischler nicht mit seinen Stühlen zu Markte zu gehen braucht, sondern demjenigen verkauft, der sie gerade will, Geld dafür bekommt und sich dafür sein Gemüse und seinen Käse kaufen kann.

Ja aber, sagen die anderen, darin besteht gar nicht das Wesen des Geldes, denn das sei ganz gleichgültig — und die Praxis hat das auch bis zu einem gewissen Grade gezeigt —, ob man nun das Stückchen Gold, das im Vergleich mit anderen Waren so und so viel Wert ist, wirklich hat, oder ob es gar nicht da ist, sondern nur irgendein Ersatzmittel, auf dem der Stempel ist, daß es so und so viel gilt. Unser modernes Papiergeld ist ja etwas, was einen solchen Stempel trägt: es gilt so und so viel. Und es gibt heute durchaus Nationalökonomen, die betrachten es als etwas höchst Unnötiges, daß für das Papiergeld in den Banken der entsprechende Goldwert liegt. Es gibt ja auch, wie Sie vielleicht wissen, einzelne Staaten, die bloße Papierwährung haben, die keinen Goldschatz für die Papierwährung haben. Die können auch damit in einer gewissen Weise unter den heutigen Verhältnissen Wirtschaft treiben.

Jedenfalls sehen Sie daraus — und wir müssen ja auf unserem Gebiete diese Sache auf die Basis eines rein menschlichen Standpunktes stellen —, daß es heute gescheite Menschen gibt, die das Geld als eine Ware betrachten; und andere gescheite Menschen, die es als eine bloße Abstempelung, als bloße Marke betrachten. Was ist es denn nun eigentlich? — Unter den heutigen Verhältnissen ist es beides. Darauf kommt es eben an, daß man einsieht, daß es unter den heutigen Verhältnissen beides ist, daß heute auf der einen Seite namentlich im internationalen Verkehr in vielfacher Weise das Geld nur den Charakter einer Ware hat, denn das andere sind alles Überschreibungen von Guthaben. Was wirklich als Deckung gilt im Ernste, das sind eigentlich die Goldwarenaustausche, die von Staat zu Staat gepflegt werden. Und alles übrige beruht nur darauf, daß man das Vertrauen hat: wenn so und so viel Papier oder Wechsel oder so etwas von einem Staat zum andern geliefert wird, so hat derjenige, der diesen Wechsel, dieses Papier liefert, wirklich auch den Goldbestand; daß also die Ware da ist, die Ware Gold, die dann behandelt wird wie eine andere Ware. Nicht wahr, Sie geben einem Kaufmann Kredit, gleichgültig ob er Gold hat oder Fische oder irgend etwas anderes, wenn er nur eine Deckung durch irgend etwas Reales hat. Also es ist namentlich im internationalen Verkehr das Geld Ware.

Aber der Staat hat sich hineingemischt. Der Staat hat das Geld allmählich zu etwas bloß Taxiertem, zu etwas bloß Abgestempeltem gemacht. Das eine wirkt mit dem anderen zusammen, und die Schäden, die da sind, rühren lediglich davon her. Die einzig mögliche Heilung besteht darin, daß Sie die ganze Verwaltung des Geldes dahin abschieben, was wir als das dritte Glied des gesunden sozialen Organismus betrachtet haben: die gesamte Geldverwaltung abschieben in den Wirtschaftsorganismus, loslösen alle Geldverwaltung vom Staatsorganismus — dann wird das Geld Ware und wird auf dem Warenmarkte seinen Warenwert haben müssen. Es würde nicht mehr jene kuriose Abhängigkeit stattfinden, die heute besteht und die ein merkwürdiges Verhältnis darstellt zwischen Währung und Lohn. Das Kuriose ist heute, daß die Währung sinkt, wenn der Lohn steigt, und der Arbeiter oftmals gar nichts hat, wenn man ihm noch so viel Lohn gibt, weil er sich für diesen Lohn nichts anderes kaufen kann, als er sich früher kaufen konnte um seinen viel geringeren Lohn. Wenn die Löhne sich steigern und zugleich die Lebensmittelpreise steigen, das heißt, die Währung eine ganz andere wird, dann helfen alle übrigen Verhältnisse nichts. Dem kann nur Abhilfe geschaffen werden, wenn Sie die Verwaltung auch dieses Wirtschaftsgutes, des Geldes, loslösen vom politischen Staate und wenn das Geld, das da ist, um eben Vergleiche des einen mit dem andern hervorzurufen, auch von dem dritten, von dem Wirtschaftsgliede des gesunden sozialen Organismus verwaltet werden kann.

So lösen sich wirklich mit der Grundlösung in die Dreigliedrigkeit die Spezialprobleme in einer gesunden Weise mit. Deshalb muß heute zu den Urgedanken zurückgehen, wer überhaupt daran denken will, für den sozialen Organismus gesunde Gedanken zu entwickeln. Heute fragen die Verwalter der Staaten: Was sollen wir gegenüber der in das Chaos hineingekommenen Währung tun? — Die einzige Antwort, die ihnen gegeben werden muß, ist diese: Um Gotteswillen laßt die Hände davon, insofern ihr Verwalter des politischen Staates seid und tretet die Verwaltung von Währung und Geld an den Wirtschaftsorganismus ab. Da können einzig und allein die gesunden Grundlagen geschaffen werden für diese Angelegenheiten. Man muß wirklich zurückgehen können auf das, was heute die Dinge gesund macht. Wir hatten ja vor der Kriegskatastrophe die sonderbare Tatsache — weil von Staat zu Staat ein Zustand da war, auf den die politischen Taxationen, die innerstaatlich galten, keinen Einfluß hatten —, daß von Staat zu Staat Verhältnisse wirkten, die sich notwendig zum Beispiel im Wirtschaftsleben durch das Wirtschaftsleben selbst ergaben. Von Staat zu Staat, also international wirkten sie. Innerhalb der einzelnen Staaten wirkten sie nicht, weil da der Staat seine Struktur über das Wirtschaftsleben ausdehnte. Das brachte die Konflikte hervor, die nur aus der Welt geschafft werden können, wenn wir die Dreigliedrigkeit wirklich anstreben. Dann werden jederzeit die Tatsachen des einen Gliedes in der sozialen Organisation die Tatsachen des anderen Gliedes korrigieren, wenn diese korrigiert werden sollen. Es ist gar nicht anders möglich, als heute zu den Urgedanken zurückzugehen — zu dieser praktischen Trinität: Geistesleben, Wirtschaftsleben, Staatsleben. Denn nur die Menschen, die in eine solche gesellschaftliche

Organisation hineingestellt sein werden, werden die Fragen, die heute zu lösen sind, von dem einen oder von dem andern Gesichtspunkte her lösen können. Nur wenn in dem einen Gliede gewirtschaftet wird, in dem andern demokratisch Recht gesprochen, respektive Recht festgesetzt wird, in dem dritten alle geistigen Verhältnisse geordnet werden, nur dann kann eine Gesundung des sozialen Organismus herbeigeführt werden. Aber geradeso wie im menschlichen Organismus die drei Glieder zusammenwirken: das Kopf system mit dem Herz-Lungensystem, mit dem Stoffwechselsystem, so wirken natürlich auch im gesunden sozialen Organismus die drei Glieder zusammen. Das eine wirkt in das andere hinüber. So wie Sie eine Magenindisposition im Kopfe verspüren, einfach weil der Kopf vom Magen nicht ordentlich versorgt wird, obwohl die drei Systeme getrennt sind, so wirkt auch im sozialen Organismus, wenn er ganz gesund ist, das eine Glied, sagen wir das Wirtschaftsglied hinüber in das Rechtsglied, in das geistige Glied. Gerade dann wirken sie in der richtigen Weise zusammen, wenn sie in sich relativ selbständig sind. Aber dieses richtige Zusammenwirken ohne Indisposition stellt sich eben nur dann heraus, wenn die drei Glieder selbständig sind und jedes nach seinen Gesetzen verwaltet wird.

Wie ragt zum Beispiel das Geistesleben in das Wirtschaftsleben mit seinem Wirken hinein? Was ist denn im Wirtschaftsleben vom Geist eigentlich so recht wirtschaftlich vorhanden? Wissen Sie, was da ist? — Das ist nämlich gerade das Kapital. Das Kapital ist der Geist des Wirtschaftslebens. Und ein großer Teil der Schäden unserer heutigen Zeit beruht darauf, daß die Kapitalverwaltung, die Kapitalfruktifizierung dem Geistesleben entzogen ist. Darum handelt es sich gerade, daß das Verhältnis, sagen wir, des körperlich Arbeitenden zu dem mit Hilfe des Kapitals Organisierenden, ebenso behandelt werden kann im gesunden sozialen Organismus als ein bloßes, auf gegenseitigem Verständnis ruhendes Vertrauensverhältnis, wie zum Beispiel die Wahl der freien Schule. Im gesunden sozialen Organismus kann gar nicht jene Abschließung zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter weiter bestehen. Heute steht der Arbeiter an der Maschine und weiß nichts, als was an der Maschine vorgeht. Daher treibt er natürlich seine Allotria außerhalb der Fabrik. Und der Unternehmer wiederum hat sein eigenes Leben — ich habe es Ihnen vorhin geschildert wie es sich herausgebildet hat, daß die Jünglinge mit tiefen Rändern unter den Augen herumliefen und Tuberosen am Bette hatten, wenn sie schliefen. Der Unternehmer führt das losgelöste Geistesleben — losgelöst eben für andere, nicht für ihn. Aber ein gewisses Geistesleben muß vordringen, das nicht körperlich Arbeitende und geistig Arbeitende trennt — dann ist der Kapitalismus auf eine soziale Grundlage gestellt, allerdings nicht wie die Schwarmgeister der Gegenwart meinen, sondern dadurch, daß nun wirklich eine Möglichkeit geschaffen werde, daß jeder einzelne Arbeiter in einem Geisteszusammenhang steht mit all denen, die seine Arbeit organisieren und wiederum das Produkt seiner Arbeit in den sozialen Organismus oder sogar in die ganze Welt überleiten.

Es muß als eine Notwendigkeit angesehen werden, daß ebenso wie an der Maschine gearbeitet wird, ebenso regelmäßig in Besprechungsstunden zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter die geschäftlichen Verhältnisse besprochen werden, so daß der Arbeiter fortdauernd ganz genau den Überblick hat über dasjenige, was geschieht — das ist es, was für die Zukunft angestrebt werden muß — und daß der Unternehmer wiederum jederzeit genötigt ist, sich völlig zu decouvrieren vor dem Arbeiter und mit ihm alle Einzelheiten zu besprechen, so daß ein gemeinsames Geistesleben die Fabrik, die Unternehmung umschließt. Darauf kommt es an. Denn ist es erst möglich, daß sich jenes Verhältnis herausstellt, auf Grund dessen der Arbeiter sich sagt: Ja, der ist ja ebenso notwendig wie ich, denn was soll meine Arbeit im gesellschaftlichen Organismus, wenn der nicht da ist? Der stellt meine Arbeit an den richtigen Platz. — Aber der Unternehmer wird auch genötigt sein, diese Arbeit wirklich an den richtigen Platz zu stellen und ihm das seinige zukommen zu lassen, denn alles wird durchschaubar sein.

Da sehen Sie, meine lieben Freunde, wie in das Wirken des Kapitalismus hinein das geistige Leben spielen muß. Und alles andere ist heute eine bloße Rederei, eine bloße Schwarmgeisterei. Ein gesundes Verhältnis zwischen der Arbeit und dem Kapital kann nicht in sozialistisch-bürokratischer Weise herbeigeführt werden, sondern lediglich dadurch, daß durch ein gemeinsames Geistesleben derjenige, der die individuellen Fähigkeiten dazu hat, auf diesem Gebiete, also kapitalistisch, auch wirklich produzieren kann, seine individuellen Fähigkeiten für den gesunden sozialen Organismus fruktifizieren kann und ihm freies Verständnis entgegenkommen wird von demjenigen, der körperlich arbeiten wird. Verständnis wird entstehen können für die Initiative der individuellen Fähigkeiten, die im freien Geistesleben von vornherein sozialisiert sind, die nur heute antisozial wirken, weil wir in unnatürlichen Verhältnissen drinnen sind. Auf der freien Initiative der individuellen Fähigkeiten und auf dem freien Verständnis, das den Leistungen der individuellen Fähigkeiten entgegenkommt, muß die Sozialisierung beruhen; eine andere gibt es nicht. Alles andere ist Kurpfuscherei. Schon aus den Symptomen, die sich im sozialen Organismus zeigen, könnte man die Wahrheit dessen entnehmen, was ich gesagt habe.

Meine lieben Freunde, bedenken Sie, daß es in der Welt zwei Dinge gibt, über deren Wert man im alleralltäglichsten Leben der verschiedensten Ansichten sein kann und ist. Das eine ist ein Stück Brot, das andere ist die Behauptung einer Weltanschauung. Von einem Stück Brot wird jeder behaupten, daß es wahrhaftig dem Menschen entspricht, wenn er Hunger hat; da diskutiert man nicht darüber, sondern man will das Brot haben. Um ein Stück einer Weltanschauung, da wird heute viel gestritten; das findet der eine wahr, der andere falsch. Und wenn sie noch so wahr ist, kann sie sich nicht Geltung verschaffen. Uber den Geist kann man streiten; über die Dinge des Wirtschaftslebens kann man nicht streiten. Worauf beruht denn das? — Das beruht nur darauf, daß der Geist wirklich zu einer Ideologie geworden ist, daß er nicht als eine Wirklichkeit wirkt, sondern nur als ein Anhängsel zum Wirtschaftsleben und zum Staatsleben wirkt. Wird er auf sich selber gestellt, ist er dadurch genötigt, seine eigene Wirklichkeit der Welt darzubieten und sich zu offenbaren, dann wird Wirklichkeit aus ihm sprühen. Allerdings wird er dann auch nicht bloß in die müßigen Redereien und Phrasen der Moralpauker hineingehen, nicht bloß in die Reden derjenigen hineingehen, die den

Leuten erzählen, ihr sollt gut christlich sein und so weiter, und allerlei Tugenden aufstellen, die aber vor der äußeren materiellen Wirklichkeit stehenbleiben, weil sie nur das als Geist achten, was eben frei ist von der materiellen Wirklichkeit. Die Brücke muß geschlagen werden von dieser abstrakten Form des Geistes zu dem Geiste, der ja nun wirklich auch Geist 1st: der zum Beispiel im Kapital wirkt, denn das Kapital organisiert die Arbeit. Aber diese Organisierung muß dann tatsächlich von der geistigen Verwaltung ausgehen.

So haben Sie auf der einen Seite das Praktische, daß die Geldverwaltung dem Wirtschaftsleben überlassen werden muß, auf der andern Seite, daß die Organisierung der Arbeit durch das Kapital dem Geistesleben unterstellt wird. Da sehen Sie das Zusammenwirken von Dingen, die äußerlich eines sind; denn natürlich wird das Kapital in der Fabrik in Geld repräsentiert. Aber das Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, dieses ganze Vertrauensverhältnis, die Tatsache namentlich, daß an einer bestimmten Stelle ein Arbeitgeber steht, das wird von der geistigen Welt heraus organisiert. Was aber eine bestimmte Ware wert ist im Vergleiche zum Geld, das wird vom Wirtschaftsleben aus organisiert; und die Dinge fließen zusammen, wie im menschlichen Organismus die Ergebnisse der drei Systeme zusammenfließen, damit der Organismus gesund ist.

So können Sie in die konkreten Dinge hineingehen, in die Dinge des alleralltäglichsten Lebens, und Sie werden sehen, daß dasjenige, auf was hier aufmerksam gemacht wird, wirklich Urgedanken sind, aber reale Urgedanken, die der Gesundung des sozialen Organismus zugrunde liegen müssen.




Zuletzt aktualisiert: 07-Jan-2019
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