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Die Erziehungsfrage als soziale Frage

Schmidt-Nummer: S-3792

Online seit: 30th November, 2017

ZWEITER VORTRAG

Dornach, 10. August 1919

Will man verstehen, was anthroposophische Geisteswissenschaft als Aufgabe in der Gegenwart und nächsten Zukunft hat, dann muß man, wie wir das vor einiger Zeit und auch gestern wieder gehört haben, in Betracht ziehen, welchen Charakter die Menschheitsentwickelung gerade seit der Mitte des 15. Jahrhunderts angenommen hat, Schließlich hängt ja alles dasjenige, was in der Gegenwart geschieht, davon ab, daß seit der Mitte des 15, Jahrhunderts in der Menschheit der Antrieb lebt, sich als einzelmenschliche Individualität auf die Spitze der Persönlichkeit zu stellen, eine ganze Persönlichkeit zu werden. Solches war nicht möglich, und es war gar nicht die Aufgabe der Menschheit in früheren Epochen unserer nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Will man den großen Umschwung verstehen, in dem wir drinnen stehen, dann muß man solche Dinge noch genauer ins Auge fassen, wie die sind, die ich gestern wieder charakterisiert habe.

Ich sagte Ihnen: Wir haben in unserem Geistesleben noch immer griechische Seelenverfassung. Die Art und Weise, wie wir unsere Gedanken bilden, die Art und Weise, wie wir gewöhnt sind über die Welt zu denken, ist eigentlich ein Nachklang der griechischen Seelenverfassung. Und die Art und Weise, wie wir heute gewöhnt sind das Recht anzuschauen und alles dasjenige, was mit dem Rechte zusammenhängt, das ist ein Nachklang der römischen Seelenverfassung. Unseren Staat sehen wir ja immer noch an als dasjenige Gebilde, das im Grunde das römische Reich war. Und erst wenn man einsehen wird, wie einschlagen muß in diese chaotische Gegenwart die Dreigliederung des sozialen Organismus, wird man klar erkennen und klar wollen können.

Griechische Seelenverfassung, sie ist hauptsächlich ja dadurch bestimmt, daß in Griechenland im eminentesten Sinne das vorhanden war, was bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts tonangebend überhaupt in der geschichtlichen Entwickelung war. Über das griechische Territorium hin war verbreitet eine unterworfene Bevölkerung und die Eroberer, diejenigen, die den Boden für sich in Anspruch nahmen, die aber auch, sich berufend auf ihre Blutsabstammung, die Geistigkeit des alten Griechenland bestimmten. So daß man sich gar nicht zurechtfindet in der Seelenverfassung des alten Griechenland, wenn man nicht das ins Auge faßt, daß dort es als berechtigt angesehen wurde, so zu denken über die sozialen Menschheitszusammenhänge, wie es sich ergab aus der Blutseigentümlichkeit der arischen Erobererbevölkerung. Natürlich ist die Menschheit der neueren Zeit herausgewachsen über dasjenige, was da bei den Griechen zugrunde lag. Bei den Griechen war es einfach selbstverständlich, daß es Menschen zweier Sorten gab, daß es Menschen gab, die gewissermaßen den Merkur anzubeten, und Menschen, die den Zeus anzubeten hatten. Diese zwei Menschenklassen waren streng voneinander geschieden. Aber man dachte über die Welt und ihre Götter so, wie das Eroberervolk durch seine Blutsabstammung denken mußte. Alles war bestimmt durch das, was sich ergeben hat im Zusammenstoßen eines eroberten und eines Eroberervolkes. Wer genauer zusieht auf dasjenige, was heute in unserer sozialen Gegenwart unter den Menschen lebt, der wird eben erkennen, daß wir zwar nach unserem Gefühl, nach dem, was unterbewußt in unseren Seelen lebt, nicht mehr zugeben diesen Aristokratismus der Weltanschauung; aber dieser Aristokratismus der Weltanschauung, er lebt noch in unseren Ideen, in unseren Begriffen, besonders dann, wenn wir durch die höhere Schule herangebildet werden. Die höhere Schule, namentlich das Gymnasium, bildet alles, was zum Unterricht gehört, so aus, wie es nur eine Renaissance, ein Nachklang des Griechentums ist. Und erst recht die Hochschule, mit Ausnahme der technischen, der landwirtschaftlichen Hochschulen, die ja aus dem neueren Leben heraus gebildet werden mußten, die aber in ihrer äußeren Struktur leider nachgebildet worden sind demjenigen, was als Struktur des Hochschulwesens von Griechenland herübergekommen ist. Gerade wenn man hoch schätzt das Griechentum in seiner Zeit und für seine Zeit, dann muß man auf der anderen Seite sich ganz klar darüber sein, daß für unsere Zeit eine Erneuerung des Geisteslebens notwendig ist, daß für unsere Zeit immer unerträglicher werden wird die Führung der Menschheit durch solche Seelen, welche die Konfiguration ihrer Begriffe, die Artung ihrer Begriffe in unserer Gymnasial-Mittelschule erhalten haben. Und natürlich stecken ja in allen führenden Stellen heute noch diejenigen Leute, die ihre Begriffsbildung bekommen haben aus den Mittelschulen, den Gymnasien. Es ist heute schon notwendig, daß man sich bekannt mache damit, daß die Zeit der großen, nicht die Zeit der kleinen Abrechnung da ist, und daß man über solche Dinge sachgemäß denken muß, nicht festhalten kann an alten Denkgewohnheiten.

Sie wissen ja, daß dann dasjenige, was im Griechentum aus dem Blute heraus sich gebildet hat, im Römertum abstrakt geworden ist. Das habe ich hier schon einmal erwähnt. Während das griechische Sozialwesen — das man ja nicht ein Staatswesen nennen kann — ganz herausgegangen ist, heraus sich gebildet hat aus der Blutsbürtigkeit, ging dieses aus dem Blute stammende auf das Römertum ja nicht mehr über. Auf das Römertum ging über der Drang, noch so zu gliedern, wie man in Griechenland gegliedert hat; aber man fühlte die Ursache zu dieser Gliederung nicht mehr im Blute. Und während es keinem Griechen der älteren Zeit in den Sinn gekommen wäre, daran zu zweifeln, daß es Menschen «niederer» Sorte, Menschen des eroberten Volkes gibt und Menschen «höherer» Sorte, Arier, war das bei den Römern nicht so. Man trug schließlich innerhalb des römischen Imperiums stark in sich das Bewußtsein, daß die Gliederung des sozialen Wesens übertragen worden ist durch Macht, durch Gewalt. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, daß ja schließlich die Römer ihren Ursprung zurückverfolgten bis zu jener Sammlung der Räuber in der Nähe von Rom, die man zusammenberufen hat, um als Räuberbande Rom zu begründen; daß man auch nicht von zarter Muttermilch den Gründer Roms säugen ließ, sondern, wie Sie wissen, im Walde von einem Tiere säugen ließ, von einer Wölfin.

Das alles sind Dinge, die im römischen Wesen so aufgenommen worden sind, und die dazu geführt haben, daß man in Rom mehr aus abstrakten Begriffen alles gegliedert hat, was soziale Gliederung war. Daher ist von römischer Seelenverfassung ausgegangen dasjenige, was uns in bezug auf die Rechts- und Staatsbegriffe geblieben ist.

Sehen Sie, bei solch einer Geschichte muß ich mich immer erinnern an einen alten Freund. Ich lernte ihn kennen, als er schon ziemlich alt geworden war. Er hatte nämlich in der Jugend, mit 18 Jahren, ein Mädchen lieb gewonnen, hatte sich sozusagen im stillen mit ihm verlobt, aber sie hatten beide nichts, konnten nicht heiraten, und so warteten sie, blieben einander treu. Er war 18 Jahre alt, als er sich verlobte, und als er daran denken konnte, sich zu verheiraten, da war er 64 Jahre alt, denn da hatte er sich erst soviel erworben, daß er glauben konnte, jetzt könne er solch einen Schritt wagen. Da ging er denn in seinen Heimatort zurück, es war in der Nähe von Salzburg, und wollte dort die vor so langer Zeit Auserkorene heiraten. Aber siehe da, die Kirche mit dem Pfarrhaus war abgebrannt, und der Taufschein war nicht mehr zu kriegen. Es war nirgends eingetragen, wo der Mann getauft worden war, und so glaubte man ihm nicht, daß er einmal geboren worden ist. Ich weiß mich noch lebhaft zu erinnern, wie sein Brief kam. Ich wohnte dazumal in der Nähe von Wiener-Neustadt, da kam sein Brief, und da sagte er in diesem Brief — er war in Wiener-Neustadt damals beschäftigt gewesen, aber er war in seinen Heimatort in die Nähe von Salzburg gereist —, da sagte er in diesem Brief: Ja, ich glaube doch, daß es ganz evident ist, daß ich geboren worden bin, weil ich nun einmal da bin; aber die Leute, die glauben nicht, daß ich geboren bin, weil kein Taufschein da ist!

Ich hatte auch einmal ein Gespräch mit einem Advokaten, der sagte: Ja, bei einem Prozeß ist es uns gar nicht so sehr wichtig, ob der Mensch vorhanden ist oder nicht, wir brauchen nur den Geburtsschein.

Sehen Sie, an diese Geschichten muß man sich immer wieder erinnern, denn so grotesk treten sie einem natürlich da oder dort einmal entgegen. Aber auch die Stimmung, die in diesen Geschichten lebt, zeigt schließlich, daß auf römisches Wesen noch unser ganzes öffentliches Leben gebaut worden war, in einem Gebiete mehr, in dem anderen Gebiete weniger. Nicht wahr, man ist Bürger in der Welt heute doch nicht dadurch, daß man Mensch geworden ist und als Mensch dasteht, sondern man ist Bürger in der Welt dadurch, daß man als Bürger da oder dort anerkannt und eingeschrieben ist. Diese Dinge, die sind alle zurückzuführen auf römisches Wesen. Die Blutsbürtigkeit ist übergegangen in die Registratur.

Dies führt dazu, daß ja heute, wo diese Dinge in der Dekadenz, im Verfall sind, viele Menschen überhaupt nicht mehr wert zu sein glauben desjenigen, was sie als Mensch wert sind, sondern glauben etwas wert zu sein dadurch, daß sie in irgendeiner Beamtenhierarchie eingereiht sind, diesen oder jenen Beamtenrang haben. Man ist viel lieber etwas Unpersönliches aus den römischen Rechtsbegriffen heraus als eine Persönlichkeit. Nun ist in der Menschheit seit dem 15. Jahrhundert unbewußt, unterbewußt das Streben, alles auf die Spitze der Persönlichkeit zu bauen. Dies bezeugt uns, daß mit Bezug auf unser Geistesleben und mit Bezug auf unser Rechtsleben die Zeiten alt geworden sind, daß wir in bezug auf beide eine Erneuerung brauchen, eine wirkliche Erneuerung brauchen. Es hängt das zusammen, was da als Erneuerung sich in Menschenseelen geltend machen soll, mit vielen tieferen Impulsen der Menschheitsentwickelung überhaupt.

Führen Sie noch einmal vor Ihre Seele, daß seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die neuere Menschheitsentwickelung in bezug auf die Erkenntnis besonders erfüllt worden ist mit der naturwissenschaftlichen Denkweise, und zwar hauptsächlich mit jener naturwissenschaftlichen Denkweise, die auf abstrakte Naturgesetze gebaut ist, die gebaut ist auf die sinnliche Anschauung und auf die Gedanken, die man sich über diese sinnliche Anschauung macht. Etwas anderes Till man nicht gelten lassen als dasjenige, was aus der sinnlichen Anschauung kommt und dasjenige, was man sich an Gedanken über diese sinnliche Anschauung macht. Nun habe ich Sie gestern — ich habe es ja auch vor meinem letzten Weggehen hier erwähnt — wieder aufmerksam darauf gemacht, daß es heute schon genügend viele Leute gibt, welche der rechtmäßigen Auffassung sind, daß mit einer solchen Naturanschauung, wie wir sie in der eben beschriebenen Weise uns aneignen, man nur zu einem Gespensterbild von der Natur kommt. Das, was der Naturforscher als Bild von der Welt sich macht, ist ein Gespenst von der Welt, ist nicht die wirkliche Welt. So daß wir sagen müssen: Die Menschheit ist seit der Mitte des 15, Jahrhunderts in der Lage, ein gespenstisches Bild von der Welt sich zu machen mit Bezug auf ihre eine Hälfte. Dahinter steckt aber für die Wissenschaft der Einweihung etwas sehr Tiefes, und dieses müssen wir uns auch einmal vor die Seele führen.

Sehen Sie, an der sinnlichen Anschauung als solcher kann man nicht herumkorrigieren; selbst ob man sie als Maja oder sonst etwas ansieht, ist im Grunde genommen für eine tiefere Weltanschauung gleichgültig. An der sinnlichen Anschauung selbst kann man nicht herumkorrigieren; sie ist das, was sie ist. Eine rote Blume ist eine rote Blume; ganz gleichgültig, ob wir sie als Maja oder als eine Wirklichkeit ansehen, sie ist das, was sie ist. Und so ist die ganze sinnliche Anschauung das, was sie ist, Die Diskussion beginnt erst in dem Augenblicke, wo wir uns Gedanken über diese sinnliche Anschauung machen, wo wir diese sinnliche Anschauung als dies oder jenes anschauen, als dies oder jenes interpretieren. Da beginnt erst die Schwierigkeit, Und warum beginnt da die Schwierigkeit? Sie beginnt aus dem Grunde, weil die Begriffe, die wir uns seit dem 15. Jahrhundert als Menschen bilden müssen, andere Begriffe sind als die früheren Menschheitsbegriffe. Das betrachtet man in der heutigen Geschichte, die eine «fable convenue» ist, wie ich öfter gesagt habe, durchaus nicht im richtigen Sinne. Wer die Möglichkeit hat, einzugehen auf die Menschheitsbegriffe vor der Mitte des 15. Jahrhunderts, der weiß, daß diese Menschheitsbegriffe voller innerer Bildlichkeit waren, daß diese Begriffe eigentlich Imaginationen waren. Die Abstraktheit der Begriffe, sie ist erst so vorhanden, wie sie jetzt ist, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.

Warum haben wir uns als Menschheit so entwickelt, daß wir seit der Mitte des 15. Jahrhunderts diese abstrakten Begriffe haben, auf die wir heute so stolz sind, in denen wir uns immer wieder und wieder bewegen? Warum entwickeln wir als ganze Menschheit diese abstrakten Begriffe? Sehen Sie, diese abstrakten Begriffe, die wir als ganze Menschheit uns bilden, die haben das Eigentümliche, daß sie auf die sinnliche Welt zwar angewendet werden von uns, aber eigentlich für diese sinnliche Welt gar nicht taugen. Sie taugen nichts für die sinnliche Welt, Ich habe das in meinen «Rätseln der Philosophie» in einer solchen Weise ausgesprochen, daß ich damals sagte: Wie der Mensch sich Erkenntnisbegriffe bildet über die Außenwelt, das ist eine Seitenströmung seiner Seelenentwickelung. Geradeso, wie wenn man sich ein Samenkorn, sagen wir, in der Erde denkt, das ist ja eigentlich von der Natur dazu bestimmt, wiederum Pflanze zu werden; viele Samenkörner aber vermahlen wir zu Mehl und essen sie als Brot. Aber das ist doch nicht im Samenkorn vorausbestimmt! Das ist eine Seitenentwickelung, wenn wir fragen: Enthält das Samenkorn diejenigen chemischen Bestandteile, die wir zum Aufbau unseres Leibes brauchen? Es liegt nicht in der Natur, im Wesen des Samenkorns, des Weizens, des Roggens, uns zu nähren, sondern aus Korn neuen Weizen oder Roggen hervorzubringen. So liegt es nicht in unserer Natur, durch unsere Begriffe, die wir uns seit dem 15. Jahrhundert aneignen, die Außenwelt aufzufassen, sondern etwas anderes soll uns aus diesen Begriffen werden, wenn wir uns richtig in ihr Wesen hineinbegeben. Diese Begriffe, welche die Menschen heute seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickeln, die sind nämlich die Schattenbilder desjenigen, was wir, bevor wir heruntergestiegen sind aus der geistigen Welt durch die Empfängnis, in der geistigen Welt erlebt haben. So daß Sie sich vorstellen können — ich habe schon öfter auf solche Dinge aufmerksam gemacht (es wird gezeichnet): da ist die Geburt oder Empfängnis, das Menschenleben geht so: wenn Sie sich das vorstellen, so sind eigentlich unsere Begriffe, unsere Begriffskräfte, die in uns sind, die Nachklänge desjenigen, was wir erleben vor unserer Geburt oder Empfängnis (siehe Zeichnung). Und wir mißbrauchen eigentlich unser Begriffssystem, indem wir es anwenden auf die äußere Sinneswelt.


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Tafel 2


Sehen Sie, das liegt der Goetheschen Naturauffassung zugrunde. Goethe will nicht Naturgesetze durch Begriffe ausdrücken; er will Urphänomene, das heißt zusammengestellte äußere Anschauungen, weil er ein Gefühl dafür hat, daß unser Begriffsvermögen nicht unmittelbar angewendet werden kann auf die äußere Natur. Unser Begriffsvermögen müssen wir als reines Denken ausbilden. Und bilden wir es als reines Denken aus, dann weist es uns auf unser vorgeburtliches geistiges Dasein. Wir haben eigentlich unser heutiges eigentümliches Denken dazu, um unsere geistige Wesenheit, bevor wir mit einem physischen Leib umkleidet worden sind, in diesem reinen Denken zu erreichen. Und ehe die Menschheit nicht begreift, daß sie ihr Denken hat, um sich als Geist zu begreifen, eher ist noch nicht eigentlich die Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraumes in die Menschenseelen eingezogen. Unsere Naturwissenschaft wurde gewissermaßen in unser Menschheitsschicksal hineinverdrängt, damit wir bei der reinen Natur bleiben, nicht über sie spekulieren, sondern nur unsere Begriffe so verwenden, daß wir sie anschauen in der richtigen Weise, dann aber unsere Begriffe ausbilden, um zu schauen, wie wir als Geist waren, bevor wir durch Empfängnis und Geburt mit einem physischen Leib umkleidet worden sind. Die Menschen glauben heute noch, daß sie mit ihrem Begriffsvermögen bloß die äußere sinnliche Anschauung klassifizieren sollen und so weiter; sie werden erst recht tun, wenn sie die Gedanken, welche sie haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, anwenden auf die geistige Welt, in der sie waren, bevor sie mit einem physischen Leib umkleidet worden sind.

So ist der Mensch des fünften nachatlantischen Zeitraumes selber gezwungen auf das Geistige, Vorgeburtliche hin, und so ist der Mensch noch durch etwas anderes in eine eigentümliche Situation versetzt, die er ausbilden muß, die er weiterbringen muß. Parallel geht ja der naturwissenschaftlichen Gespensteranschauung der Industrialismus. Ich habe auch darauf schon gestern aufmerksam gemacht. Und das Hauptsächlichste des Industrialismus ist, daß die Maschine, der Träger des Industrialismus, geistig durchsichtig ist. Es bleibt nichts unverständlich. Ich habe Sie gestern darauf aufmerksam gemacht, wie am Mineral selbst noch etwas undurchsichtig bleibt; die Maschine ist ja ganz durchsichtig. Das aber hat zur Folge, daß der menschliche Wille, der sich auf die Maschine richtet, sich in Wahrheit nicht auf eine Realität richtet, nicht auf eine Wirklichkeit richtet. Die Maschine ist im Grunde genommen ein Schimäre für die umfassende Weltwirklichkeit. Und der Industrialismus bringt in unser Leben etwas hinein, was den Willen der Menschen sinnlos macht in einem höheren Sinne, Es wird ein tiefer Einschlag sein, wenn einmal voll hineingetragen wird in die neuere Menschheit die Überzeugung, daß die Maschine und alles, was in ihrem Gefolge als Industrialismus ist, den menschlichen Willen sinnlos macht. Wir sind heute schon auf dem Höhepunkt der Maschinenwirksamkeit angekommen, denn ein Viertel von dem, was heute auf der Erde hervorgebracht wird, wird nicht durch Menschenwillen hervorgebracht, sondern durch Maschinenkraft — ein Viertel davon! Das bedeutet etwas Außerordentliches, Der menschliche Wille lebt nicht mehr mit Sinn hier auf der Erde.

Sehen Sie, wenn Sie so etwas wie zum Beispiel die Reden von Rabindranath Tagore lesen, dann müßten Sie eigentlich in diesen Reden etwas verspüren, was dem Europäer, wenn er den gewöhnlichen Europäer-Verstand, den gewöhnlichen Europäer-Intellekt anwendet, unverständlich bleibt, Es herrscht ein anderer Grundton in dem, was heute der gebildete Asiate sagt, weil dem gebildeten Asiaten einfach dieses Angepaßtsein des europäischen Geistes an die Maschine etwas ganz Unverständliches ist, etwas Sinnloses ist. Für den Orientalen ist das Wirken durch die Maschine, durch den Industrialismus, etwas Sinnloses. Und etwas ebenso Sinnloses ist für den Orientalen ob man es nun in Europa glaubt oder nicht — die im Maschinenzeitalter geborene europäische Politik. Auch damit verbindet der Orientale keinen Sinn. Da kommt es durchaus zum Ausdrucke, wenn der gebildete Orientale spricht, daß für ihn dieses eine Viertel des Geschehens — es wird ja nicht im Oriente von den alten orientalisch gebildeten Menschen, sondern eigentlich nur von den okzidentalischen Menschen und ihren Nachahmern, den Japanern und so weiter getan —, dieses eine Viertel der Arbeit der Menschen der Gegenwart als sinnlose Arbeit empfunden wird, weil der Orientale, der noch viel atavistisches Anschauungsvermögen hat, weiß, daß alles dasjenige, was der Mensch in die Maschine hineinsteckt als Arbeit, eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit hat. Wenn der Mensch sein Pferd, das an den Pflug gespannt ist, durch die Ackerfurche fahren läßt und er mit dem Pferde arbeitet, so hat diese Arbeit mit dem Pferde, worinnen noch Naturkraft mitarbeitet, einen Sinn über die unmittelbare Gegenwart hinaus, es hat diese Arbeit einen kosmischen Sinn. Wenn die Wespe ihr Haus baut, so hat dieser Wespenbau einen kosmischen Sinn. Wenn der Mensch das Feuer anzündet, indem er den Feuerstein schlägt, den Funken heraussprühen läßt, damit den Zündschwamm entzündet und dann das Feuer anzündet, steht er mit der Natur im Zusammenhange: es hat einen kosmischen Sinn. Durch den modernen Industrialismus sind wir aus diesem kosmischen Sinn herausgekommen. Da lebt kein kosmischer Sinn mehr, wenn wir unsere elektrischen Lichter anzünden! Da ist der kosmische Sinn heraußen. Und wenn Sie in eine moderne Fabrik hineingehen, die ganz maschinell gestaltet ist, dann ist das ein Loch im Kosmos, hat keine Bedeutung für die kosmische Entwickelung. Wenn Sie in den Wald gehen, Holz sammeln, dann hat das eine kosmische Bedeutung über die Erdenentwickelung hinaus. Wenn Sie eine moderne Fabrik anschauen mit allem, was sie enthält, so hat das keine Bedeutung über die Erdenbildung hinaus. Da hinein wird der menschliche Wille versetzt, ohne daß das einen kosmischen Sinn hat. Bedenken Sie, was das heißt. Das heißt: wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eine Erkenntnis zu entwickeln, die gespenstisch ist, die nicht an die Wirklichkeit herankommt. Wir führen immer mehr und mehr von jener Tätigkeit aus, zu der wir uns der Maschine bedienen; immer mehr und mehr vollführen wir aus der industriellen Tätigkeit heraus, und das, was wir an Willen hineinstecken in diese industrielle Tätigkeit, ist für die Weltentwickelung sinnlos.

Die große Frage tritt vor das Menschengemüt hin: Hat der Umstand, daß es so ist, daß unsere Erkenntnisse gespenstisch, unser Wille sinnlos ist in großem Ausmaße, hat das für die Gesamtheit der Menschheitsentwickelung doch einen Sinn? Ja, es hat einen Sinn, es hat einen bedeutungsvollen Sinn. Es hat den Sinn, daß wir als Menschheit dadurch angehalten werden sollen, über die gespenstische Erkenntnis hinaus zu der Wirklichkeitserkenntnis zu dringen, zu jener Wirklichkeitserkenntnis, die nicht bei der Naturanschauung stehen bleibt, sondern in das Geistige hineindringt, das hinter der Natur ist. Solange die Menschen mit ihren Begriffen zugleich den Geist bekommen haben, konnten sie sich gehen lassen, brauchten sie sich nicht anzustrengen, den Geist von sich aus zu erobern. Da den Menschen nur Begriffe geblieben sind in der neueren Zeit, die den Geist nicht enthalten, aber die Anlagen dazu enthalten sich zum Geiste hinaufzuarbeiten, wie ich gesagt habe, so ist im Menschen der Antrieb vorhanden, aus der abstrakten Erkenntnis in die reale Geist-Erkenntnis hineinzudringen. Und seit wir den Industrialismus haben mit seiner Sinnlosigkeit, müssen wir einen anderen Sinn für den menschlichen Willen suchen. Und den können wir nur suchen, wenn wir uns aufschwingen zu einer solchen Weltanschauung, die dasjenige, was sinnlos ist — nennen wir es Industrialismus —, zum Sinn bringt, indem wir den Sinn aus dem Geistigen heraus nehmen, indem wir uns sagen: Wir suchen uns Aufgaben, die aus dem Geiste stammen. Früher brauchte man sich nicht, weil das Wollen seine Impulse aus dem Geistigen durch Instinkt nehmen konnte, früher brauchte man sich nicht besonders aufzuschwingen, um aus dem Geiste heraus zu wollen. Heute ist es notwendig, daß man sich besonders anstrenge, aus dem Geiste heraus zu wollen. Und wir müssen entgegenstellen dem sinnlosen industriellen Wollen ein sinnerfülltes Aus-dem-Geiste-heraus-Wollen.

Gestern habe ich Ihnen ein Beispiel angeführt in der Art, wie wir erziehen sollen. Wir sollen erkennen, daß bis zum 7. Jahr der Mensch, weil er ja seinen physischen Leib besonders entwickelt, ein Nachahmer ist; wir sollen das zur Grundlage der Erziehung machen. Wir sollen vom 7. bis 14. Jahr wissen, daß wir den Menschen zu entwickeln haben unter dem Prinzip der Autorität, und wir sollen diese Geist-Erkenntnis, die wir gewinnen, wenn wir wissen, wie der Ätherleib vom 7. bis 14. Jahr sich entwickelt, wir sollen diese Geist-Erkenntnis zum Impuls des Erziehungswesens machen. Und wir sollen wissen, wie der astralische Leib vom 14. bis 21. Jahr sich entwickelt, und wir sollen diese Erkenntnis zum Impuls des Erziehungswesens machen. Dann, erst dann wollen wir aus dem Geiste heraus.

Bis in die Mitte des 15, Jahrhunderts haben die Menschen instinktiv aus dem Geiste heraus gewollt. Wir wollen im Grunde ganz uns hineinarbeiten im äußerlichen Leben in das Maschinelle, in den Mechanismus — sogar in der Politik, die allmählich die Staaten zu Maschinen gemacht hat. Wir müssen zurückstreben zu einem geistdurchseelten Wollen. Dazu müssen wir aber aufnehmen die Idee der Geisteswissenschaft, müssen zum Beispiel anfangen beim Erziehen so, daß wir zugrunde legen dasjenige, was wir aus der Erkenntnis der geistigen Welt heraus wissen, daß wir so erziehen, wie es uns anthroposophische Geisteswissenschaft angibt. Durch dieses stärkere, bewußtere Betonen des Wollens aus dem Geiste heraus setzen wir ein Gegenbild gegen das sinnlose Wollen des Industrialismus.

So ist uns der Industrialismus mit all seinem Menschen- und Seelenverödenden gegeben, damit wir in dieser Ode uns aufraffen dazu, aus dem Geiste heraus zu wollen. Und wir können am besten anfangen, in der Erziehung aus dem Geiste heraus zu wollen, wenn wir so erziehen, wie aus dem Geiste und seiner Erkenntnis heraus erzogen werden soll. Vieles muß in der heutigen Zeit umgedacht werden. Dazu bedarf es aber eines sorgfältig und intim ausgebildeten inneren Wahrheitsgefühls. Wir müssen heute uns klar sein darüber, daß inneres Wahrheitsgefühl auch da, wo wir noch nicht gewohnt sind es anzuwenden, allmählich angewendet werden muß. Sehen Sie, ich glaube, es könnte heute mancher erstaunt sein, wenn man ihm sagt: Du hast recht, wenn du Raffael wegen seiner Bilder besonders verehrst; wenn du aber verlangst, die Leute sollen heute so malen wie Raffael, dann hast du unrecht. Denn nur derjenige hat ein Recht, Raffael zu bewundern, der weiß, daß der heute ein schlechter Maler ist, der so malt, wie Raffael gemalt hat: denn er malt dann nicht so, wie es aus den Impulsen unserer Zeit heraus sein muß. Man empfindet nicht mit der Zeit mit, wenn man diese Dinge nicht so empfindet, daß man die Aufgaben einer bestimmten Zeit jeweilig durch und durch empfindet. Es ist notwendig, daß man in unserer Zeit ein intimes, ein ganz intimes Wahrheitsgefühl nach dieser Richtung hin sich aneignet. Aber die gegenwärtige Menschheit geht auch in dieser Beziehung durch das Entgegengesetzte durch; denn man hat den Eindruck, daß überall und überall das Wahrheitsgefühl ein Leck bekommen hat, nicht funktioniert, und daß man zurückschreckt heute davor, das Richtige richtig, das Falsche falsch zu nennen, daß man zurückschreckt davor, die Lüge wiederum als Lüge zu kennzeichnen. In dieser Beziehung kann man ja heute das Allerentsetzlichste erfahren, und die Menschen sind gleichgültig über solch Entsetzliches, das man erfahren kann! Aber darum handelt es sich, daß man zum Beispiel so wahr empfindet, daß man weiß: Raffaelsche Malerei gehört nicht mehr in die Gegenwart herein, muß angeschaut werden als etwas Vergangenes — und auch als etwas Vergangenes bewundert werden. Das ist in unserer Zeit ganz besonders notwendig, daß wir auf solche Dinge achten, wo aus den tiefsten Tiefen der Seele heraus der Impuls, wahr zu sein, uns einmal überkommt. Ich muß oftmals an eine schöne Stelle in Herman Grimms Lebensbeschreibung des Michelangelo denken, wo Herman Grimm über Michelangelos «Jüngstes Gericht» spricht. Wo er zugleich darüber spricht, wieviele solcher Bilder «Jüngstes Gericht» gemalt worden sind in jener Zeit, wo er spricht davon, wie in jener Zeit die Menschen voll in Wirklichkeit erlebt haben die Wahrheit desjenigen, was da an die Wand gemalt worden ist, Die Menschen lebten in diesen Bildern vom «Jüngsten Gerichte» als in einer Wahrheit. Man sollte eigentlich ein solches Bild wie Michelangelos «Jüngstes Gericht» gar nicht anschauen heute, ohne sich bewußt zu sein, daß wir ja nicht so empfinden wie diejenigen Menschen, für die Michelangelo dieses «Jüngste Gericht» gemalt hat, daß wir dieses Empfinden verloren haben, daß wir höchstens uns sagen: Das ist ein Bild von irgend etwas, an das wir aber nicht mehr als an eine unmittelbare Wirklichkeit glauben,

Bedenken Sie doch nur, der Mensch, der das heutige Bewußtsein hat und nicht meint, daß nun wirklich die Engel herunterkommen oder die Teufel so wirtschaften wie auf dem Bilde des Michelangelo, dieser Mensch steht doch anders vor diesem Bilde, als der Mensch jener Zeit, für die Michelangelo gemalt hat, der diese Bilder als Realitäten schaute und vor sich hatte. Gerade dann aber, wenn man sich klar ist, daß dasjenige, was der heutige Mensch vor dem «Jüngsten Gericht» des Michelangelo empfindet, etwas Graues, etwas Abstraktes ist, gerade dann wird man innerlich aufgerufen, nachzufühlen das ganze lebendige Weben in den Bildern, die auf dieser Wand des «Jüngsten Gerichtes» sind. Dann wird man aufgerufen, sich zu fragen: Wie kamen denn die Menschen eines Zeitalters — Michelangelo malte allerdings nach dem Abfluten des vierten nachatlantischen Zeitraumes, aber er malte aus dem Geiste dieses vierten nachatlantischen Zeitraums heraus, stand an der Grenzscheide der beiden Zeiträume, ich habe das einmal in den Kunstvorträgen auseinandergesetzt wie kamen die Menschen dazu, solches Gewaltige in Imaginationen, in Bildern zu schauen? Diese Frage, sie tritt einem wirklich in aller Größe entgegen, gerade wenn man sich bewußt ist, wie grau dasjenige, wie unlebendig das ist, was der heutige Mensch vor solch einem Bilde von Michelangelo empfindet. Und dann muß man sich nach der Ursache fragen: Woher kommt es, daß die Menschenseelen damals das Erdenende so anschauen konnten? Woher kam der Aufbau dieser Bilder?

Der Grund, der liegt in folgendem. In der ersten Zeit des Christentums, seit jener Zeit, da das Mysterium von Golgatha eingeschlagen hat in die Erdenentwickelung, der Erdenentwickelung ihren Sinn gegeben hat, da mußte zunächst zurücktreten manches, was in der alten Weise vorhanden war, was später von der Menschheit wieder erobert werden sollte. Zu diesem gehört die Anschauung von den wiederholten Erdenleben. Wenn wir uns graphisch darstellen dieses Leben (es wird gezeichnet), so verfließt das menschliche Gesamtleben so: Erdenleben, Leben in der geistigen Welt; Erdenleben, Leben in der geistigen Welt und so weiter. Daß das menschliche Gesamtleben so verfließt, das war ja Inhalt der atavistisch instinktiven Weltanschauung der alten Zeiten. Das Christentum mußte zunächst anderes im Menschen anregen als dasjenige, was man in dieser alten Weisheit geschaut hat. Welcher Mittel hat sich das Christentum zunächst bedient? Es hat das menschliche Leben nur bis zu diesem Zeitpunkt hinauf (siehe Zeichnung: Kreuz) in das menschliche Bewußtsein hineingeführt: das gegenwärtige Erdenleben. — Das vorhergehende Leben bis zum letzten Tode hin, der Mensch aber auch vor der Geburt, vor der Empfängnis: nur ein Gedanke der Gottheit, nicht eine menschliche Individualität, ein Gedanke der Gottheit. Vor dem Menschen die geistige Welt, aus der er als ein Gedanke der Gottheit hervorgeht, als eigentlicher Mensch erst beginnend mit der Geburt, Dann reihte man daran das Leben nach dem Tode. Man hat gewissermaßen in der ersten Zeit der Entwickelung des Christentums «verlegt» das Hinaufschauen: da Leben zwischen Tod und neuer Geburt, Erdenleben, dann wieder Leben zwischen Tod und neuer Geburt, Erdenleben und so weiter; man hat das menschliche Empfinden eingeschränkt, nur hinzuschauen auf die Ursprünge des Menschen, und dann auf das Leben nach dem Tode. Das aber hat auf der anderen Seite das Gleichgewicht gegeben, die Bilder erzeugt von dem «Jüngsten Gericht». Diese Bilder von dem «Jüngsten Gericht» entstanden dadurch, daß das Christentum zuerst die Präexistenzlehre, die Lehre von dem geistigen Existieren vor der Empfängnis und vor der Geburt, aus dem menschlichen Empfinden herausgetrieben hat. Heute strömt wiederum aus den Untergründen des Menschlich-Seelischen das Bedürfnis herauf, die wiederholten Erdenleben zu erkennen. Daher verblassen die Bilder, die nur das eine Erdenleben ins Auge fassen und vorher und nachher die geistige Welt. Es ist das intensivste Bedürfnis vorhanden, die christliche Weltanschauung, wie sie in den ersten Zeiten war, zu erweitern. Das Mysterium von Golgatha hat nicht nur für diejenigen gewirkt, die ein Erdenleben annehmen, sondern das Mysterium von Golgatha ist auch gültig für diejenigen, die von den wiederholten Erdenleben wissen. Dieser Erweiterung bedarf es in der Gegenwart. Und so müssen wir uns klar sein, daß wir in diesem Zeitpunkt drinnen stehen, wo wir benützen sollen die Gespensterhaftigkeit der gewöhnlichen Begriffserkenntnis, die Sinnlosigkeit des durch Industrialismus ausgelösten Wollens zu dem Aufschwung nach geistiger Erkenntnis und nach geistdurchsetztem Wollen, wie ich es geschildert habe; auf der anderen Seite aber auch um das religiöse Bewußtsein zu erweitern über die wiederholten Erdenleben hinaus.


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Tafel 2


Die ganze volle Wichtigkeit dieser Erweiterung des menschlichen Bewußtsein in der Gegenwart, die sollte sich der Mensch der Gegenwart ganz tief, tief in die Seele schreiben. Denn davon hängt es im Grunde genommen ab, ob er wirklich versteht, in der Gegenwart zu leben und die Zukunft in richtigem Sinne vorzubereiten. Im Grunde genommen kann ja jeder auf dem Platze, auf dem er im Leben steht, die Anwendung dieser Sache machen. Und schließlich wird schon eine äußere Erkenntnis die Menschen dazu bringen, nach etwas zu verlangen, was gegenwärtig in den unterbewußten Tiefen des Seelenlebens sehr spielt, was aber schwer in das volle Bewußtsein heraufklingt und herauftönt. Sehen Sie, das Auffälligste im Leben der Gegenwart ist ja, daß heute so viele zerrissene Menschenseelen herumgehen, Menschenseelen, die eigentlich problematisch sind, die nicht voll mit dem Leben etwas anzufangen wissen, die immer wieder und wiederum fragen: Was soll gerade ich tun, was meint das Leben gerade mit mir? — die das oder jenes angreifen und doch nicht zu ihrer Befriedigung. Immer mehr und mehr werden der Menschen, die so problematische Naturen sind, Woher kommt das? Das kommt davon, daß dies schon ein Mangel in unserem Erziehungswesen ist. Wir bilden heute unsere Kinder so aus, daß wir nicht diejenigen Kräfte in ihnen erwecken, welche den Menschen stark für das Leben machen: Das, was den Menschen stark macht dadurch, daß er ein Nachahmer ist bis zum 7. Jahre, was ihn stark macht dadurch, daß er einer würdigen Autorität folgt bis zum 14. Jahre; daß er die Liebe in der richtigen Weise bis zum 21. Jahre entwickelt kriegt, denn später kann man es nicht mehr entwickeln. Das, was dem Menschen fehlt dadurch, daß die Kräfte, die in bestimmten jugendlichen Lebensjahren entwickelt werden müssen, nicht erweckt werden, das macht ihn zur problematischen Natur. Das muß man nur wissen!

Deshalb mußte ich gestern sagen: Will man wirklich eine soziale Gestaltung der Zukunft, so muß man wollen diese Sache gerade durch die Erziehung des Menschen vorbereiten. Dazu ist notwendig, daß man nun wirklich in diesen Dingen nicht mit kleinen, sondern mit großen Posten rechnet. Allmählich ist unser Erziehungswesen so geworden, als ob wir gerade schreiten wollten zu dem, was ich gestern charakterisierte als Mechanisierung des Geistes, Vegetarisierung der Seele, Animalisierung der Leiber.

Wir dürfen nicht zu dem schreiten. Wir müssen die Kräfte, die in der menschlichen Kinderseele entwickelt werden können, stark entwickeln, damit der Mensch sie später holen kann aus der Entwickelung seiner Kindheit heraus. Heute schaut er in die Kindheit zurück, fühlt sich in die Kindheit zurück, kann nicht herausholen aus seiner Kindheit etwas, weil eben nichts entwickelt worden ist. Aber unsere Erziehungsgrundsätze müssen sich gründlich ändern, wenn wir in diesem Punkt gerade das Richtige treffen wollen! Wir müssen vor allen Dingen auf vieles sehr aufmerksam hinhorchen, was in der Gegenwart als ganz besonders gepriesen wird, als besonders Heilsames gepriesen wird.

So haben wir nötig, daß, ohne daß der Bogen überspannt wird, nicht durch Anstrengung, sondern durch Ökonomie der Erziehung, Konzentration bei den Kindern erreicht werden soll. Dies können wir in der Weise, wie es der heutige Mensch braucht, nur erreichen, wenn wir etwas abschaffen, was heute noch sehr beliebt ist: wenn wir den verfluchten Stundenplan in den Schulen abschaffen, dieses Mordmittel für eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Kräfte. Man denke nur einmal nach, was es heißt: von 7—8 Rechnen, von 8—9 Sprachlehre, von 9—10 Geographie, von 10—11 Geschichte! Alles dasjenige, was von 7—8 die Seele durchwogt hat, wird ausgelöscht von 8—9 und so weiter. In diesen Dingen ist es heute notwendig, den Sachen auf den Grund zu gehen. Wir dürfen überhaupt nicht mehr daran denken, daß Lehrfächer da sind, damit «Lehrfächer» gelehrt werden; sondern wir müssen uns klar sein: im Menschen vom 7. bis 14. Jahre müssen entwickelt werden in der richtigen Weise Denken, Fühlen und Wollen. Geographie, Rechnen, alles muß so verwendet werden, daß in der richtigen Weise Denken, Fühlen, Wollen entwickelt werden.

Viel spricht man in der heutigen Pädagogik davon, man soll die Individualitäten entwickeln, man soll der Natur ablauschen, welche Fähigkeiten man entwickeln soll. Alles Phrasen! — weil diese Dinge nur einen Sinn bekommen können, wenn man die Sache aus der Geisteswissenschaft heraus bespricht; sonst bleibt es Phrase. Es wird daher in der Zukunft notwendig sein, daß man sich sagt: Für ein bestimmtes Lebensalter ist zum Beispiel vor allen Dingen notwendig, etwas Rechnen beizubringen. Dazu muß man zwei, drei Monate verwenden, um an den Vormittagen Rechnen beizubringen. Nicht einen Stundenplan, der alles durcheinander enthält, sondern der Rechnen eine Zeitlang treibt — dann weitergehen. Und genau die Dinge so einstellen, daß sie eingestellt sind auf das, was die Menschennatur in einem bestimmten Zeitpunkt verlangt!

Sie sehen, welche Aufgaben eine in die Zukunft hin arbeitende Pädagogik eigentlich hat. In diesen Dingen liegen die positiven Probleme, die heute den Menschen gestellt werden, die über das soziale Werden ernsthaftig nachdenken. Davon ist noch wenig Verständnis vorhanden. In Stuttgart soll nun, sich anschließend an unsere bisherige soziale Tätigkeit, eine Schule, so weit man sie innerhalb des heutigen Schulsystems haben kann, aufgebaut werden. Herr Molt hat beschlossen, für die Kinder seiner Fabrik, der Waldorf-Astoria-Fabrik, eine solche Schule zu begründen; andere Kinder werden sich anschließen können, aber natürlich zunächst nur eine begrenzte Zahl. Man wird selbstverständlich zu rechnen haben heute noch mit den Lehrzielen, die der sogenannte Staat stellt. Man wird die Kinder bis zu diesem Jahr da und dorthin bringen müssen, man wird also Kompromisse schließen müssen, aber man wird schon hineinmischen können in dasjenige, was der Staat nun einmal schon verlangt, weil der nun nach sozialistischen Anschauungen der ganz besonders gescheite Götze ist — man wird hineinmischen müssen in das, was von dieser Seite gefordert wird, dasjenige, was die wirkliche Menschennatur verlangt. Das muß aber vor allen Dingen einmal erkannt werden. Wer denkt denn heute daran, daß der Stundenplan der Mord ist der wirklichen Erziehung des Menschen? Es gibt Leute, die denken in dieser Richtung so, daß man sagen möchte: Die Welt steht auf dem Kopf, und man muß sie wieder auf die Beine stellen; denn es gibt heute Leute, die möchten die Stunden noch abkürzen, halbstündig die Gegenstände lehren und aufeinanderfolgen lassen. Das betrachten heute manche als ein Ideal. Man soll sich nur vorstellen, was das für ein ungeheures Kaleidoskop gibt, hintereinander: Religion, Rechnen, Geographie, Zeichnen, Singen! Da drinnen — im Kopfe — schaut es dann aus, wie wenn die Steine in einem Kaleidoskop durcheinandergeworfen sind; nur für die Außenwelt «schaut es nach was aus», denn es ist da nicht der geringste Zusammenhang. Man will es eben durchaus nicht glauben, daß es heute notwendig ist, ins Große zu denken, nicht ins Kleine zu denken, große Gesichtspunkte, umfassende Gesichtspunkte zu haben. Man erlebt ja heute immer wieder und wiederum, daß die Leute nun sich endlich bequemt haben, zu sagen: Ja, Revolution muß sein! Selbst ein großer Teil der Spießer glaubt heute schon an die Revolution. Ich weiß nicht, ob es gerade hier so ist, aber es gibt weite Gegenden, wo selbst ein großer Teil der Spießer an die Notwendigkeit der Revolution glaubt. Aber wenn man ihnen dann mit solchen Sachen kommt, wie sie zum Beispiel in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» über die Dreigliederung stehen, sagen sie: Das verstehen wir nicht, das ist kompliziert. — Schon der Lichtenberg hat zwar gesagt: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenkommen und es klingt hohl, muß nicht immer gerade die Schuld an dem Buch liegen. Aber, nicht wahr, diese Dinge glauben die Leute heute nicht, weil nicht immer die Selbsterkenntnis dasjenige ist, was in den Seelen am meisten erzeugt wird. Doch man erlebt es ja auch, daß selbst schon über weite Gegenden hin die Spießer an die Revolution glauben. Aber dann sagen sie: Na ja, auf so große Sachen, auf solche Gedanken, da kann man sich nicht einlassen, du mußt uns sagen — ja, wie das Schuhemachen sozialisiert werden soll, wie die Apotheken sozialisiert werden sollen, wie das und das sozialisiert wird; du sollst uns sagen, wie im revolutionierten Staate ich meine Gewürze verkaufen werde.

Man merkt dann allmählich, was die Leute eigentlich meinen mit einer solchen Sache. Sie meinen also, es müsse revolutioniert werden — damit sind sie schon ganz einverstanden — aber so, daß alles beim alten bleibt, so daß nichts sich eigentlich verändert. Wie können wir die Welt drunter und drüber machen?, sagt mancher, aber daß sich ja nichts verändert! Und diejenigen, die in dieser Beziehung am merkwürdigsten sind, das sind gerade die sogenannten Intellektuellen. Ja, da kann man ganz besonders merkwürdige Erfahrungen machen. Eine Erfahrung die man immer wieder machen mußte, war, daß man zu hören bekam: Ja, drei Glieder — Universitäten autonom, das Geistesleben soll sich selbst verwalten —, wovon werden wir dann leben? Wer wird uns unsere Gehälter bezahlen, wenn uns der Staat nicht mehr unsere Gehälter bezahlt?

Aber diesen Dingen muß heute ins Auge geschaut werden. Es ist doch notwendig, daß man nicht immer wieder und wiederum über diese Dinge hinweggeht. Gerade auf dem Gebiet des Geisteslebens muß Wandel geschaffen werden.




Zuletzt aktualisiert: 17-Apr-2019
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