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Die soziale Frage

Schmidt-Nummer: S-3671

Online seit: 15th November, 2017

WELCHEN SINN HAT DIE ARBEIT

DES MODERNEN PROLETARIERS?

Öffentlicher Vortrag,

Zürich, 8. März 1919

 

Als der heutige Vortrag angekündigt worden ist, wird mancher vielleicht die Frage gestellt haben: Von welcher Seite kommt dasjenige, was da geredet werden soll? — Und nach der einen oder anderen Erkundung wird man vielleicht die Meinung haben, daß nun auch wieder geredet werden soll von derjenigen Verständigung, welche heute diejenigen so stark herbeisehnen, welche im Laufe längerer Zeiten herbeigeführt haben das heutige kapitalistische Meer der sozialen Verwirrung, indem sie bemerken, daß ihnen das Wasser bis an den Mund reicht und sie nicht mehr imstande sind, in diesem Meere zu schwimmen. Sie suchen nach dem einen oder anderen Rettungskahn; sie werden solche Rettungskähne aus den Voraussetzungen, die sie gewöhnlich machen, aber nicht finden. Denn von einer solchen Verständigung möchte ich Ihnen heute abend nicht sprechen. Mir scheint, daß in der Zeit, in der wir leben, ganz andere Dinge notwendig sind. Denn sehen wir uns an, was eigentlich geworden ist und was sich auslebt in den gegenwärtigen Zuständen, die für manchen, der gerade eine solche Verständigung sucht, so schreckhaft sind.

Dasjenige, was man heute «die soziale Frage» nennt, ist ja keineswegs gestern erst entstanden. Es ist in der Art, in der man heute davon spricht, mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Aber was eigentlich geführt hat zu dieser sozialen Frage, das ist viel, viel älter; es ist dasjenige, was heraufgeführt hat die ganze Entwickelung der neueren Zeit, der letzten Jahrhunderte. Und wenn wir uns anschauen, wozu es die Entwickelung der letzten Jahrhunderte gebracht hat, so können wir das kurz etwa in die folgenden Worte zusammenfassen.

Da war eine Anzahl von Menschen, denjenigen Menschen, die man vielleicht am besten dadurch bezeichnet, daß man sagt, es sind diejenigen, die gelebt haben von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die sich in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung wohlgefühlt haben. Man konnte von diesen Leuten wahrhaftig oft genug hören, wie weit wir es in der Zivilisation gebracht haben. Man konnte hören, was hervorgebracht worden ist dadurch, daß die Menschheit in die Lage gekommen ist, nicht nur über weite Entfernungen einzelner Länder, einzelner Kontinente, sondern über Weltmeere hin sich schnell zu verständigen; wie weit man dadurch gekommen ist, daß sich eine gewisse Bildung ausgebreitet hat, daß die Menschen teilnehmen konnten an dem, was man das geistige Leben nannte und von dem man sich vorstellte, daß es zu einer ganz besonderen Höhe in unserer Zeit gekommen sei.

Nun, ich brauche Ihnen nicht zu schildern, was alles nach dieser Richtung hin geredet worden ist an Lobsprüchen über unsere moderne Zivilisation. Aber diese moderne Zivilisation, sie breitete sich aus über einem Untergrunde. Sie war ohne diesen Untergrund gar nicht denkbar; sie lebte von diesem Untergrund. Und was war in diesem Untergrunde? In diesem Untergrunde waren immer mehr und mehr Menschen von derjenigen Art, die aus ihrem tiefsten seelischen Empfinden den Ruf ertönen lassen mußten: Gibt uns das, was dieses moderne Leben gebracht hat, ein menschenwürdiges Dasein? Wozu hat uns diese moderne Zivilisation verurteilt? — Und so spaltete sich diese moderne Menschheit immer mehr und mehr in zwei Glieder: in die einen, welche sich in einer gewissen Weise wohlfühlten oder wenigstens befriedigt fühlten in dieser modernen Zivilisation, die sich aber nur befriedigt fühlen konnten aus dem Grunde, weil die anderen im Untergrunde ihre Arbeitskraft hingeben mußten für eine gesellschaftliche Ordnung, an welcher sie im Grunde genommen doch keinen Anteil haben konnten.

Mit diesem ganzen Hergang der Sache entwickelte sich allerdings noch etwas anderes. Es entwickelte sich das, daß gerade die Träger der sogenannten Zivilisation nicht mehr die alten patriarchalischen Zustände mit den zahlreichen Analphabeten fortsetzen konnten. Es entwickelte sich das, daß die von dem Kapitalismus getragenen Menschen wenigstens einen Teil des Proletariats, der ihnen diente, gebildet machen mußten. Und aus der Bildung des Proletariats entwickelte sich etwas, was sich jetzt in so schreckhaften, aber für den, der die Geschichte versteht, nur allzu notwendigen Tatsachen zum Ausdrucke bringt: Das entwickelte sich, daß vor allen Dingen eine ganz große Anzahl von Menschen, die eben die Unterlage bilden mußten für diese moderne Zivilisation, nunmehr nachdenken konnten über ihre Lage, daß sie sich nicht mehr instinktiv hinzugeben brauchten, daß sie die Frage in intensivster Art stellen konnten: Haben wir ein menschenwürdiges Dasein? Wie können wir zu einem menschenwürdigen Dasein kommen?

Diejenigen, die bisher die führende Klasse der Menschen waren, haben im Hergange des modernen Wirtschaftslebens dieses Wirtschaftsleben, soweit es ihnen genehm war, in Verbindung gebracht mit dem modernen Staate. Von diesem modernen Staate konnte, wenigstens in einem gewissen Maße, das moderne Proletariat nicht ausgeschlossen werden unter dem Einflüsse der neueren Zeit. Und so kam es, daß das Proletariat auf der einen Seite innerhalb des Wirtschaftslebens aus seiner Lage herausstrebte, ein menschenwürdiges Dasein anstrebte, auf der anderen Seite aber mit Hilfe des modernen Staates sein Recht zu erkämpfen versuchte.

Man kann nicht sagen — die Tatsachen der Gegenwart lehren es — , daß auf beiden Wegen wenig noch erreicht worden ist. Auf dem Wege des gewerkschaftlichen Lebens hat die moderne Arbeitergesellschaft innerhalb des Wirtschaftskreislaufes manches zu erreichen versucht: es waren Brocken von dem, was eigentlich der Inhalt eines menschenwürdigen Daseins innerhalb einer gesunden Wirtschaftsordnung sein muß. Auf dem Wege des staatlichen Lebens ist das erreicht worden. Allein dem weiteren stand entgegen die wirtschaftliche und politische Gewalt der bisher führenden Klasse der Menschheit. Und so kann man sagen, trotzdem manches erreicht worden ist auf diesen beiden Wegen, steht heute das moderne Proletariat nicht weniger vor der Frage: Welchen Sinn hat denn eigentlich meine Arbeit mit Bezug auf dasjenige, was jeder Mensch in der Welt als seine Menschenwürde in Anspruch nehmen muß?

Demjenigen gegenüber, was durch lange Jahrzehnte das Proletariat in den verschiedensten Formen diesem führenden, leitenden Kreise zugerufen hat: So geht es nicht weiter! — demgegenüber wurde kaum irgendein verständnisvolles Wort hörbar. Und diejenigen Worte, die hörbar wurden, die standen eigentlich in einem merkwürdigen Verhältnisse zu dem, was eigentlich aus dem Geiste der Zeit heraus hätte angestrebt werden sollen. Hörten wir es nicht, wie von allen möglichen Seiten — von christlich-sozialer Seite, von bürgerlich-sozialistisch Strebenden — das oder jenes gesprochen wurde, was abhelfen könnte den Gefahren, die man glaubte heraufziehen zu sehen? War es mehr, im Grunde genommen, als salbungsvolle Phrase, die aus den verschiedenen, aus den Überlieferungen kommenden religiösen, sittlichen und so weiter Vorurteilen heraus erwuchsen dieser leitenden, bisher führenden Klasse?

Sie empfanden es nicht, diese führenden Kreise; aber eine andere Seite der Menschheit empfand es. Derjenige, der seine Richtung empfand von etwas ganz anderem als leeren Redensarten, derjenige, der seine Richtung empfand aus dem Bewußtsein der Klasse heraus, die in die besondere soziale Lage gebracht wurde, die Unterlage zu sein für diese moderne Zivilisation. Und so bildete sich, trotzdem ja auf der anderen Seite durch gewerkschaftliches, genossenschaftliches und auch politisches Leben manches geleistet wurde, noch etwas anderes heraus, etwas, was wichtiger noch ist, was eine Arbeit des modernen Proletariats ist, die voll von Keimen für die Zukunft ist, und von der auch die Tatsachen der Gegenwart in reichlichem Maße getragen werden: Das bildete sich heraus, daß, während die bisher führende Klasse ihrer Luxusbildung nachging, die einzig nur genährt und gekräftigt werden konnte von dem Kapitalismus, das Proletariat in den Zeiten, die ihm übrigblieben, in seinen Versammlungen nach einer im wahrsten Sinne des Wortes modernen Bildung ausging, ausging nach einem Geistesleben. Das war es, was die bisher führende Klasse der Menschheit nicht sehen wollte, daß durch Tausende und aber Tausende von Proletarierseelen hindurch eine ganz neue Bildung, eine ganz neue Anschauung über den Menschen sich entwickelte.

Es war in der Natur der Sache begründet, daß diese proletarische Bildung zunächst ausging von der Betrachtung des Wirtschaftslebens. Denn an die Maschine hatte das moderne Leben den Proletarier geschmiedet. In die Fabrik hatte sie ihn gedrängt, in den Kapitalismus hatte sie ihn eingespannt. Da heraus holte er seine Begriffe. Aber diese Begriffe — ich will nur darauf aufmerksam machen, wie intensiv alles dasjenige, was mit dem Marxismus zusammenhängt, verständnisvoll einschlug in die Proletarierseelen diese Bildung war eine solche, die wenig, wahrhaftig recht wenig Widerhall fand bei der leitenden, der bisher führenden Klasse der Menschheit.

Ist es nicht charakteristisch, daß derjenige, der die Dinge kennt, heute sagen muß: Unter den führenden proletarischen Persönlichkeiten, unter denjenigen, die wirklich verstehen mit dem Proletariat, nicht bloß über das Proletariat zu denken, unter denjenigen Persönlichkeiten, die aufgenommen haben, was an wirklich fruchtbarer Bildung über das Wirtschaftsleben heute aufgenommen werden konnte, unter denen lebt wahrhaftig heute eine gründlichere, wenigstens lebensgründlichere Kenntnis desjenigen, was im sozialen Organismus spielt, als selbst unter den Gebildetsten der Gebildeten, selbst unter den über Soziologie nachdenkenden Professoren, Universitätsprofessoren. Denn es ist charakteristisch, daß sich diese Kreise, deren Beruf es sozusagen war, sich mit Soziologie, mit der Nationalökonomie zu befassen, gesträubt haben so lange als möglich gegen alles dasjenige, was hervorging aus dem Verständnis für das moderne Proletariat. Und erst als die Tatsachen drängten, als die Tatsachen gar nichts anderes mehr zuließen, haben sich einige von diesen Bürgerlich-Führenden herbeigelassen, mancherlei marxistische oder ähnliche Begriffe in ihr nationalökonomisches System aufzunehmen.

Daß diese Arbeit von dem modernen Proletariat geleistet worden ist, ich möchte sagen, ganz im Verborgenen für die führenden, leitenden Kreise geleistet worden ist, das behaupte ich hier nicht aus einer grauen Theorie heraus; das behaupte ich, weil ich mitansehen konnte, wie diese Arbeit gezimmert worden ist. Ich konnte jahrelang in Berlin Lehrer an jener Arbeiterbildungsschule sein, die Wilhelm Liebknecht, der alte Liebknecht noch begründet hatte. Und teilweise in dieser Schule, teilweise in dem, was sich daran schloß, hatte man einen guten Ausschnitt von alldem, was da gearbeitet worden ist, um eine neue Zeit heraufzuführen aus einem entwickelten proletarischen Menschheitsbewußtsein heraus. Das hätten längst alle diejenigen überlegen sollen, die in oberflächlicher Art diese moderne proletarische Bewegung nur wie eine bloße Lohn- und Brotfrage behandeln, die nicht verstehen, sie zu behandeln als eine Frage des menschenwürdigen Daseins aller Menschen.

Demgegenüber ist es wahrhaftig nicht sehr bedeutsam, wenn heute hingewiesen wird darauf, wie innerhalb der Tatsachenwelt, die sich aus dem sozialen Chaos heraus ergeben hat, Schreckhaftes, zuweilen Grausames geschieht. Derjenige, der die Dinge recht versteht, wie sie sich entwickelt haben, der frägt nicht nach dem Zusammenhange dieser Grausamkeiten oder des Schreckhaften mit der modernen proletarischen Bewegung, sondern der ist sich klar darüber, daß die bisher führenden Klassen es sind, welche das hervorgebracht haben, was heute geschieht.

Der weltgeschichtliche Augenblick, der ist erst eingetreten, indem das Proletariat beginnt, für die weltgeschichtlichen Ereignisse eine Verantwortung zu tragen. Bis in die furchtbare und in vieler Beziehung auch irrsinnige Katastrophe des sogenannten Weltkriegs hinein ist dasjenige verantwortlich, was aus dem Kapitalismus, aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung im Laufe der neueren Zeit und insbesondere der neuesten Zeit sich ergeben hat.

Was sehen wir aber nun im Mittelpunkte all desjenigen stehen, was proletarische Bewegung, was proletarische Sehnsucht, ja, was proletarische Forderung ist? Im Mittelpunkt dessen sehen wir stehen, was der Proletarier empfinden mußte gegenüber dem, was er im Grunde genommen herbeiführt und was durch die moderne Wirtschaftsordnung allein dem sozialen Organismus gegeben werden kann; denn die bisher leitenden Kulturkreise interessierten sich im Grunde genommen beim Proletarier nur für dieses einzige, und dieses einzige ist die Arbeitskraft des Proletariers. Man muß wissen, wie gerade eingeschlagen haben die Betrachtungen Karl Marx' und derjenigen, die in seinen Bahnen gegangen sind, in das moderne Proletariat, aus dem Grunde, weil in diesem modernen Proletariat die Empfindung da war: Vor allen Dingen muß Klarheit geschaffen werden mit Bezug auf die Art und Weise, wie menschliche Arbeitskraft einfließen darf in den sozialen Organismus.

Nun, es ist oftmals gesagt worden und es hat in weitesten Kreisen eingeleuchtet: durch die moderne Wirtschaftsordnung ist die Arbeitskraft geworden zu einer Ware unter anderen Waren. Das ist ja das Eigentümliche des Wirtschaftslebens, daß es besteht in Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsumtion. Aber das ist eingetreten, daß zu einer Ware gemacht wurde die Arbeitskraft des modernen Proletariers.

Von dieser Seite her ist im Grunde genommen innerhalb des Proletariats alles gesagt worden. Nur wird die Frage gewöhnlich doch nur nach einer Seite hin gelenkt, so daß sie nicht völlig in dem Lichte erscheint, durch das man eigentlich Einblicke gewinnt in die Stellung der menschlichen Arbeitskraft im gesunden sozialen Organismus. Da muß eine Frage aufgeworfen werden, die sich allerdings aus der marxistischen Frage ergibt, die aber in einer noch präziseren, in einer noch intensiveren Weise aufgeworfen werden muß. Gefragt werden muß: Kann überhaupt menschliche Arbeitskraft jemals wirkliche Ware sein?

Dadurch wird die Frage auf ein ganz anderes Geleise noch geleitet. Man wird in der Tat fragen: Wie kann gerechtfertigterweise menschliche Arbeitskraft entlohnt werden? Wie kann menschliche Arbeitskraft überhaupt zu ihrem Rechte kommen? Und man kann dabei doch die Voraussetzung haben: es muß schon so sein, daß die menschliche Arbeitskraft Lohn empfängt.

Lohn ist aber in gewissen Zusammenhängen nichts anderes, als lediglich das Kaufgeld für die Ware «Arbeitskraft». Aber Arbeitskraft kann niemals eine Ware sein! Und wo im Wirtschaftsprozeß Arbeitskraft zur Ware gemacht wird, ist dieser Wirtschaftsprozeß Lüge. Denn es wird in die Wirklichkeit etwas hineingeworfen, was niemals ein wahrer Bestandteil dieser Wirklichkeit sein kann. Menschliche Arbeitskraft kann aus dem Grunde keine Ware sein, weil sie den Charakter, den notwendig jede Ware haben muß, nicht haben kann. Im Wirtschaftsprozeß muß jede Ware in die Möglichkeit versetzt sein, an Wert mit einer anderen Ware verglichen zu werden. Die Vergleichbarkeit ist die Grundbedingung für das Ware-Sein von etwas. Menschliche Arbeitskraft aber kann niemals mit irgendeinem Warenprodukte in bezug auf den Wert verglichen werden.

Es wäre eigentlich furchtbar einfach, wenn man nur nicht heute verlernt hätte, einfach zu denken. Man denke nur daran, wenn meinetwillen in einer Familie zehn Leute zusammenarbeiten, jeder seinen Teil arbeitet, wie man den Arbeitsteil eines einzelnen aus diesen zehn vergleichen kann mit den Leistungen, die diese zehn hervorbringen. Man hat gar nicht die Möglichkeit, mit den Warenleistungen die Arbeitskraft zu vergleichen. Die Arbeitskraft steht auf einem ganz anderen Boden des sozialen Beurteilens als die Ware. Das ist es, was vielleicht in der neueren Zeit nicht deutlich ausgesprochen worden ist, was aber lebt in den Empfindungen des modernen Proletariats.

Was lebt in den Forderungen des modernen Proletariats? Das, was lebt in den Empfindungen des modernen Proletariats, das ist tatsächliche Kritik, das ist die weltgeschichtliche Kritik, die einfach in dem Leben des modernen Proletariers liegt und die entgegengeschleudert wird allem, was von den bisher leitenden Kreisen als soziale Ordnung heraufgefördert worden ist. Dieses moderne Proletariat ist nichts anderes als eine weltgeschichtliche Kritik selber. Gerade der Erkenntnis, daß Arbeitskraft niemals Ware sein kann, verdankt die Empfindung, die Grundempfindung ihr Dasein, daß gelebt wird in der neueren Zeit in einer gewaltigen, in einer umfassenden Lebenslüge; denn gekauft wird Arbeitskraft, die ihrem Wesen nach niemals gekauft werden kann.

Daß dem Abhilfe geschaffen werden müsse, davon ist, wie es ja jedem Einsichtigen heute selbstverständlich sein muß, der moderne Proletarier überzeugt. Aber er ist hineingetrieben worden in dasjenige, was nicht er, was die bisher führenden Klassen aus dem sozialen Organismus gemacht haben. Er ist aus allem übrigen herausgestellt worden und nur hineingespannt worden in den Wirtschaftsprozeß. Sollte es da nicht erklärlich sein, daß er nun durch eine bloße Gesundung dieses Wirtschaftsprozesses, des Kreislaufes des Wirtschaftslebens selbst, auch die Gesundung des ganzen sozialen Organismus herbeiführen will? Daraus sind die Ideale entstanden, dergestalt, wie sie als Ideale des modernen Proletariats bisher leben.

Gesagt worden ist: Dadurch, daß der Kapitalismus als privater Kapitalismus durch den privaten Gebrauch der Produktionsmittel die moderne Produktion zu einer Warenproduktion gemacht hat, dadurch sei das moderne Proletariat in die Lage gekommen, die es nur selbst ganz empfinden kann. Dem kann nur abgeholfen werden dadurch, daß zurückgegriffen werde zu dem, was die uralte Idee der Genossenschaft ist, zu jener Genossenschaft, die gewissermaßen von dem Produzieren des einen für den anderen ausgeht und hinarbeitet zur Selbstproduktion, in welcher nicht mehr der eine den anderen übervorteilen kann, aus dem Grunde, weil er dann selbst übervorteilt würde. Und weiter ist gesagt worden: Wie soll diese Genossenschaft, diese große Genossenschaft begründet werden? Da müsse man seine Zuflucht nehmen eben zu dem Rahmen, der sich im Laufe der neueren Zeit herausgebildet hat: zu dem modernen Staate. Den modernen Staat selber müsse man zu einer großen Genossenschaft machen, durch welche gewissermaßen die Warenproduktion übergeführt wird in Produktionen für den Selbstbedarf.

Da ist es gerade, wo man den Punkt ergreifen muß, auf dem man sagen kann: Man findet das Gesunde gerade in dem Geistesleben des modernen Proletariats auf der einen Seite, und man findet zu gleicher Zeit dasjenige, wo dieses Geistesleben des modernen Proletariats entwickelungsfähig ist, wo es von der Stufe, die es bis jetzt beschritten hat, zu einer anderen Stufe noch fortschreiten kann.

Es sollte wahrhaftig von demjenigen, der anderer Meinung ist auf diesem Gebiete, nicht übelgenommen werden, wenn man aus ebenso aufrichtigen und ehrlichen Empfindungen heraus, wie er sie selber hegt, noch nicht gewissermaßen die Vollendung sieht in der gegenwärtigen proletarischen Weltanschauung, sondern wenn man gerade genötigt ist, darauf hinzuweisen, daß diese proletarische Weltanschauung in sich die Keime zu einem Fortschritt trägt, daß dieser Fortschritt aber auch wirklieh angestrebt werden muß. Und er kann angestrebt werden.

Das wird derjenige zugeben, welcher einsieht, was ich bereits — es ist ungefähr achtzehn Jahre her — im Berliner Gewerkschaftshaus als eine Eigentümlichkeit, und dann oftmals wiederum als eine Eigentümlichkeit gerade der modernen Arbeiterbewegung hervorheben mußte und was ich heute noch für absolut richtig halten muß. Ich sagte damals: Für den, der das geschichtliche Leben der Menschheit überblickt und aus diesem geschichtlichen Leben der Menschheit die moderne proletarische Bewegung mit Verständnis, mit innerem Verständnis hat hervorgehen sehen, für den ist es auffällig, daß diese moderne proletarische Bewegung anders als alle anderen Menschheitsbewegungen, die es je gegeben hat, im Grunde genommen auf einem — man mag das grotesk finden, man mag es paradox finden — auf einem geradezu wissenschaftlich orientierten Boden steht.

Tief, tief wahr ist es, was damals nach dieser Richtung hin als einen Grundton, als eine Grundforderung der modernen Arbeiterbewegung der schon fast vergessene Lassalle angeschlagen hat in seiner berühmten Rede über «Die Wissenschaft und die Arbeiter». Nur muß man die Sache noch von einem anderen Gesichtspunkte aus ansehen, als sie heute gewöhnlich angesehen wird: man muß sie ansehen von dem Gesichtspunkte des Lebens. Da kann man sagen: Mit Bezug auf dasjenige, was dem modernen Proletariat zugänglich geworden ist, durch das, was ihm die führenden Klassen geben mußten, wenn sie ihn nicht im Analphabetismus fortbelassen wollten, durch das hat der moderne Proletarier die Möglichkeit erlangt, zu übernehmen, wie ein Erbgut zu übernehmen, was sich in der neueren Zeit herausgebildet hat, aus dem Bestreben der leitenden Kreise zu übernehmen, was sich als wissenschaftliche Weltanschauung herausgebildet hat.

Worauf es ankommt, das ist dieses, daß aber nun der moderne Proletarier in ganz anderer Weise reagieren mußte auf diese wissenschaftliche Weltanschauung als alle anderen Kreise, sogar diejenigen, welche unmittelbar diese Weltanschauung ausgebildet hatten. Man kann innerhalb der leitenden und bisher führenden Kreise ein sehr aufgeklärter Mensch sein, ein Mensch, dessen innerste Überzeugung hervorquillt aus den Resultaten, aus den Ergebnissen der modernen Wissenschaft, man kann meinetwillen ein Naturforscher wie Vogt, ein naturwissenschaftlich populärer Forscher wie Büchner sein, dennoch steht man der wissenschaftlich orientierten Weltanschauung anders gegenüber als der moderne Proletarier.

Derjenige, der aus den leitenden Kreisen und ihren Vorurteilen, namentlich ihrem Vorgefühl und ihrer Vorempfindung heraus, sich theoretisch bekennt zu der modernen Bildung über den Menschen und über die Natur, der bleibt deshalb doch stecken innerhalb einer Gesellschaftsordnung, die sich streng abschließt von dem modernen Proletariat, und deren Struktur, deren ganze Organisation nicht herrührt von dem, was moderne Wissenschaft erzählt, sondern herrührt von demjenigen, was vor dieser modernen Wissenschaft die Menschengemüter an religiösen, an rechtlichen und sonstigen Vorstellungen über die Menschenwürde erfüllt hat. Das konnte ich einmal, ich möchte sagen, im unmittelbaren Erlebnis empfinden.

Es war in dem Augenblicke, als ich, zusammen mit der jüngst tragisch untergegangenen Rosa Luxemburg in Spandau stand vor einer Arbeiterversammlung, vor der wir beide sprachen über den modernen Arbeiter und die moderne Wissenschaft. Da mußte man sehen, wie dasjenige, was diese moderne Wissenschaft in die moderne Proletarierseele hineingießen kann, ganz anders wirkt auf den Proletarier als selbst auf den Überzeugtesten der bisher leitenden Menschenklasse, als Rosa Luxemburg den Leuten klarmachte: Da ist nichts, was hinweist auf einen engelgleichen Ursprung der Menschen, nichts, was hinweist auf die hohen Ausgangspunkte, von denen die bürgerliche Weltanschauung noch gern erzählen möchte; da ist von dieser modernen bürgerlichen Weltanschauung selbst behauptet, wie der Mensch als Klettertier einmal begonnen hat, wie er sich hinaufentwickelt hat aus diesen Zuständen. Wer das überdenkt — so sprach dazumal die für ihre Sache begeisterte Arbeiterführerin — wer das durchdenkt, der kann nicht in den Vorurteilen, die die heutigen führenden Kreise haben, verharren in den Vorurteilen von Rangunterschieden, von der Möglichkeit, so abzustufen zwischen den Menschen, die alle einen solchen gleichen Ursprung haben, wie man das innerhalb der führenden Kreise heute tut. — Das schlug anders ein, als bei den Leuten der führenden Kreise. Und das ergänzte dasjenige, was verständnisvoll als Wirtschaftswissenschaft der moderne Proletarier aufnahm.

Dasjenige, was da in die Seelen aufgenommen worden ist, das ist einer Fortentwickelung fähig, und von dieser Fortentwickelung möchte ich Ihnen heute einiges erzählen.

Derjenige, der alles das überblickt, was in Betracht kommt für die Frage gerade: Wie ist die Arbeitskraft des modernen Proletariers zu dem Sinn einer Ware gekommen? — der sieht sich nach und nach gedrängt, seine Beobachtungen über das Wirtschaftsleben zu dem Punkte zu führen, wo er sich sagen muß: Gerade dadurch, daß der moderne Arbeiter hineingespannt worden ist in dieses bloße Wirtschaftsleben, dadurch ist innerhalb des Wirtschaftslebens auch die Arbeitskraft des modernen Proletariers zur Ware geworden. In dieser Richtung haben wir nur die Fortsetzung dessen, was im Altertum die Sklavenfrage war. Da war der ganze Mensch Ware. Heute ist geblieben von diesem ganzen Menschen nur noch die Arbeitskraft. Aber dieser Arbeitskraft muß der ganze Mensch folgen.

In den Empfindungen der modernen Proletarierseele liegt es, daß das in Zukunft nicht so sein dürfe, daß das der letzte Rest der alten Barbarenzeit ist, der überwunden werden muß. Überwunden aber wird dies nicht anders werden können, als wenn man nun mit derselben klaren Geisteskraft, mit der das moderne Proletariat die Wirtschafts- und die Menschennatur ergriffen hat, damit auch die Wissenschaft von dem gesunden sozialen Organismus ergreift. Und von dieser Wissenschaft lassen Sie mich Ihnen einige Worte sagen.

Da tritt vor allen Dingen das deutlich auf: Man muß sich fragen: Was macht denn innerhalb des Kreislaufes des modernen Wirtschaftslebens die Arbeitskraft des modernen Proletariers zur Ware? Das macht die wirtschaftliche Gewalt des Kapitalistischen.

In diesem Worte von der Gewalt des Kapitalistischen liegt schon eine Hinweisung auf die gesunde Antwort. Denn: wem ist Gewalt diametral entgegengesetzt? Gewalt ist diametral entgegengesetzt dem Rechte. Das aber weist darauf hin, daß eine Gesundung mit Bezug auf die Verwertung der menschlichen Arbeitskraft im sozialen Organismus nur dann eintreten kann, wenn die Arbeitskraft herausgehoben wird, wenn überhaupt die Frage nach der Arbeitskraft herausgehoben wird aus dem Wirtschaftsprozeß und wenn sie wird zu einer reinen und lauteren Rechtsfrage.

Damit aber kommen wir dazu, des breiteren nachzudenken, ob denn ein tieferer Unterschied ist zwischen Wirtschaftsfrage und Rechtsfrage. Dieser Unterschied besteht; nur ist man heute noch nicht geneigt, diesen Unterschied tiefgehend genug zu nehmen. Man ist nicht geneigt, tiefgehend genug zu nehmen, was auf der einen Seite die wirksamen Kräfte in allem Wirtschaftsleben sein müssen und auf der anderen Seite die wirksamen Kräfte sein müssen in dem eigentlichen Rechtsleben.

Was wirkt im Wirtschaftsprozesse? Im Wirtschaftsprozesse wirkt das menschliche Bedürfnis, wirkt die Möglichkeit der Befriedigung dieses menschlichen Bedürfnisses durch die Produktion. Beides ist gegründet auf die Naturgrundlage; das menschliche Bedürfen auf die Naturgrundläge des Menschen, die Produktion auf die klimatischen, geographischen und sonstigen Naturgrundlagen. Dieses Wirtschaftsleben hat unter dem Einflüsse der modernen Arbeitsteilung eben geführt zu dem, was der moderne Warenaustausch ist und sein muß, jener Warenaustausch, in dem sich nach dem Bedürfnisse der Menschen die Waren gegenseitig bewerten, und nach ihrer gegenseitigen Bewertung — ich kann das nicht im einzelnen beschreiben, es würde zu lange dauern — auf dem Markte erscheinen und auf dem Markte in den Kreislauf des Wirtschaftsprozesses einziehen.

Innerhalb dieses Kreislaufes des Wirtschaftslebens kann sich als in einem abgeschlossenen Kreislauf nicht zu gleicher Zeit das Rechtsleben entwickeln. Die menschliche Natur läßt ebensowenig zu, daß sich im sozialen Organismus innerhalb des Wirtschaftslebens selbst das Rechtsleben entwickelt, wie sie zuläßt, daß im menschlichen, im natürlichen Menschenorganismus nur ein einziges, in sich zentralisiertes System da ist. Ich will wahrhaftig heute abend nicht spielen mit irgendwelchen Vergleichen aus der Naturwissenschaft; allein ich glaube, daß gerade da ein Punkt ist, wo auch die Naturwissenschaft über dasjenige hinausgehen muß, zu dem sie heute gekommen ist. Ich habe in meinem letzten Buche: «Von Seelenrätseln» hingewiesen, worauf es da ankommt, was Naturwissenschaft heute nicht ordentlich erkannt hat: daß im gesunden menschlichen Organismus drei Systeme vorhanden sind, daß das Sinnes-Nervensystem vorhanden ist, das als Träger des Seelenlebens da ist, das Atmungs- und Herzsystem als Träger des rhythmischen Lebens, das Stoffwechselsystem als Träger des Stoffwechsels, und daß das Ganze den menschlichen Organismus ausmacht. Aber jedes System ist für sich zentralisiert; jedes hat seinen eigenen Ausgang nach der Außenwelt. In diesem Menschenorganismus wird Ordnung und Harmonie dadurch hervorgerufen, daß diese drei Systeme nicht wüst durcheinanderwirken, sondern nebeneinander sich entfalten, und dadurch gerade recht die Kraft des einen in das andere hineinfließen kann.

So muß im gesunden sozialen Organismus eine solche Dreigliederung eintreten. Man muß einsehen, daß, wenn der Mensch im Wirtschaftsorganismus sich betätigt, er dann innerhalb dieses Wirtschaftsprozesses bloß wirtschaften muß. Dann handelt es sich darum, daß die Verwaltung, die Gesetzgebung dieses Wirtschaftsprozesses darauf ausgeht, die gegenseitige Bewertung der Ware in der wirtschaftlichen Wirklichkeit auf den Weg zu bringen, in der zweckmäßigsten Weise die Warenzirkulation einzuleiten, die Warenproduktion einzuleiten, die Warenkonsumtion einzuleiten. Aus diesem bloßen Wirtschaftsprozesse muß aber herausgeholt werden alles dasjenige, was sich nun bezieht nicht auf die Befriedigung des Bedürfnisses des einen Menschen mit dem anderen, sondern was sich bezieht auf das Verhältnis eines jeden Menschen zu jedem anderen Menschen. Dasjenige, worinnen alle Menschen gleich sein müssen, ist etwas radikal Verschiedenes von demjenigen, was sich im Wirtschaftsleben allein entwickeln kann. Daher ist notwendig zur Gesundung des sozialen Organismus, daß herausgeholt werde aus dem bloßen Wirtschaftsleben das Rechtsleben, das eigentliche Rechtsleben. Dieser Entwickelung hat eben gerade die neuere Zeit entgegengestrebt.

Die bisher führenden Klassen — was haben sie getan? Auf denjenigen Gebieten, auf denen es ihnen bequem war, auf denen es ihnen für ihre Interessen richtig erschien, da haben sie die alte Verschmelzung, die ja schon gewiß auf vielen Gebieten bestanden hat zwischen dem Wirtschaftsleben und dem politischen Staatsleben, weiter durchgeführt. Und so sehen wir, daß in dieser neueren Zeit, gerade unter dem Einflüsse der leitenden Kreise der Menschheit, heraufkommt die sogenannte Verstaatlichung für gewisse Wirtschaftszweige. Post-, Telegraphenwesen und ähnliches zu verstaatlichen ist ja gefunden worden als im modernen Fortschritt gelegen und von diesem modernen Fortschritt verlangt.

In gerade entgegengesetzter Richtung muß derjenige denken, der nun nicht auf die Interessen der bisher führenden Kreise sieht, sondern der frägt: Welches sind die Grundlagen eines gesunden sozialen Organismus? — Der muß anstreben, daß immer mehr und mehr gelöst werde aus dem bloßen Wirtschaftsleben das Leben des eigentlich politischen Staates, desjenigen Staates, der zu sorgen hat für Recht und für Ordnung; der zu sorgen hat vor allen Dingen aber dafür, daß von diesem Gebiete aus in das Wirtschaftsleben das entsprechende Rechtsleben hineinfließt. Derjenige unterscheidet im menschlichen Leben nicht richtig, der kein Auge, kein geistiges Auge dafür hat, wie radikal verschieden Wirtschaftsleben und das Leben des eigentlichen politischen Staates ist.

Sehen wir einmal die Dinge an, wie sie sich heute entwickelt haben. Gewisse Menschen sprechen aus dem heutigen sozialen Zustand heraus so, sie sagen, innerhalb dieses sozialen Zustandes haben wir als erstes:

Tausch von Waren gegen Waren. — Gut, das muß sein im Wirtschaftsleben. Davon ist ja gerade eben gesprochen worden. Dann haben wir als zweites, sagen sie und sie sehen das als berechtigt an: Tausch von Waren, beziehungsweise des Repräsentanten von Ware, des Geldes, gegen Arbeitskraft. Und als drittes: Tausch von Waren gegen Rechte.

Was ist das letztere? Über das zweite habe ich ja schon gesprochen. Nun, wir brauchen nur hinzusehen auf das Grundbesitzerverhältnis in der modernen Wirtschaftsordnung, und uns wird sogleich klar werden, was klar sein sollte auf diesem Gebiete für die Zukunft. Wie man sonst auch über das Besitzverhältnis in bezug auf Grund und Boden denken mag — alles andere hat für den realen Vorgang im sozialen Organismus nicht eigentlich eine Bedeutung; eine Bedeutung hat lediglich das, daß der Besitzer von Grund und Boden das Recht hat, ein Stück Grund und Boden allein zu benützen und bei dieser Benützung sein persönliches Interesse geltend zu machen.

Das hat nicht das geringste in seinem Ursprunge mit dem Wirtschaftsprozesse als solchem zu tun. Mit dem Wirtschaftsprozesse hat einzig und allein — dagegen kann nur eine verkehrte Nationalökonomie etwas einwenden — dasjenige zu tun, was auf dem Grund und Boden als Ware oder mit Warenwert erzeugt wird. Benützung des Grund und Bodens beruht auf einem Rechte.

Dieses Recht allerdings verwandelt sich innerhalb der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung, namentlich durch die Verquickung des Kapitalismus mit den Grundrenten, wiederum in eine Gewalt. Und so haben wir auf der einen Seite die Gewalt, welche ausschließt von solchen Rechten; auf der anderen Seite jene wirtschaftliche Gewalt, welche die menschliche Arbeitskraft zwingen kann, zur Ware zu werden.

Von beiden Seiten her wird nichts anderes, als eine Lebenslüge verwirklicht, wenn nicht angestrebt wird — angestrebt wird aus wirklicher sozialer Einsicht heraus — die Gliederung des sozialen Organismus in einen Wirtschaftsorganismus und in einen Organismus des im engeren Sinne politischen Staates.

Der Wirtschaftsorganismus wird begründet werden müssen auf assoziativer Grundlage, aus den Bedürfnissen der Konsumtion in ihrem Verhältnisse zur Produktion. Aus den verschiedenen Interessen der mannigfaltigsten Berufskreise werden die mannigfaltigsten Genossenschaften — man könnte sie mit einem alten Wort auch Bruderschaften der Menschheit nennen — entwickelt werden müssen, in denen verwaltet werden die Bedürfnisse und ihre Befriedigung.

Was sich innerhalb dieser Assoziationsgrundlage des wirtschaftlichen Organismus herausbildet, das wird immer zu tun haben mit der Befriedigung des einen Kreises von Menschen durch einen anderen Kreis. Auf diesem Gebiete wird maßgebend sein müssen die sachverständige Verwertung erstens der Naturgrundlage, dann aber auch die sachverständige Ausgestaltung der Warenproduktion,-zirkulation und -konsumtion. Da wird geltend sein müssen das menschliche Bedürfnis, das menschliche Interesse.

Dem wird immer gegenüberstehen als etwas radikal Verschiedenes dasjenige, worinnen Mensch und Mensch wesentlich gleich sich gegenüberstehen, wo sie gleich sein müssen, wie man mit einem heute schon trivial gewordenen Worte sagt: Wo sie gleich sein müssen vor jenem Gesetze, das sie sich als gleiche Menschen selber geben.

Auf assoziativer Grundlage wird beruhen müssen der Kreislauf des Wirtschaftsprozesses; auf rein demokratischer Grundlage, auf dem Prinzip der Gleichheit aller Menschen in ihrem Verhältnis zueinander wird ruhen müssen im engeren Sinne die eigentliche politische Organisation. Aus dieser politischen Organisation wird entspringen etwas ganz anderes als die wirtschaftliche Gewalt, welche die Arbeitskraft zur Ware macht. Aus dem vom Wirtschaftsleben getrennten politischen Leben wird entspringen das wahre Arbeitsrecht, wo einzig und allein nach dem, was über Arbeitskraft zwischen Mensch und Mensch als Menschen verhandelt werden kann, Maß und Arbeit und anderes über die Arbeitskraft festgesetzt werden kann.

Wie man auch glauben mag, daß die Dinge in der neueren Zeit schon etwas besser geworden seien: dasjenige, worauf es fundamental ankommt, ist nicht besser geworden. Durch die Art, wie die Arbeitskraft des Proletariers im Wirtschaftsprozesse drinnensteht, wird der Preis der zur Ware gemachten Arbeitskraft von den Preisen der anderen Wirtschaftsprodukte, von den Warenpreisen abhängen. Das sieht jeder, der wirklich tiefer hineinschaut in den Wirtschaftsprozeß. Anders wird die Sache sein, wenn unabhängig von dem Gesetze des Wirtschaftslebens und seiner Verwaltung, aus dem politischen Staate heraus, aus der rein demokratischen Verwaltung und Gesetzgebung des politischen Staates heraus ein Arbeitsrecht existieren wird. Was wird dann eintreten?

Dann wird eintreten, daß dasjenige, was der Mensch durch seine Arbeitskraft dem sozialen Organismus leistet, in einem ebenso lebendigen, durch sich bestimmten Verhältnis steht wie heute die Naturgrundlagen. Man kann innerhalb gewisser Grenzen die technische Fruchtbarmachung des Bodens und dergleichen etwas verschieben, die festen Grenzen der Naturgrundlage etwas verschieben; allein diese Naturgrundlagen bestimmen das Wirtschaftsleben dennoch in ausgiebigstem Maße von der einen Seite her. Ebenso wie von dieser Seite her das Wirtschaftsleben von außerhalb bestimmt wird, so muß von der anderen Seite her das Wirtschaftsleben von außen bestimmt werden, indem es nicht mehr die Arbeitskraft von sich abhängig macht, sondern die aus rein menschlichen Untergründen heraus bestimmte Arbeitskraft dem Wirtschaftsleben dargeboten werden kann. Dann macht die Arbeit den Preis der Ware, dann bestimmt nicht mehr die Ware den Preis der Arbeit!

Dann kann nur höchstens das eintreten, daß, wenn aus irgendwelchem Grunde die Arbeitskraft nicht genügend geleistet werden kann, das Wirtschaftsleben verarmt. Dem muß aber abgeholfen werden dadurch, daß auf rechtlichem Boden die Abhilfe gesucht wird, und nicht aus dem bloßen Wirtschaftsleben.

Zugrunde liegt beim Wirtschaftsleben nur dasjenige, was nach Angebot und Nachfrage frägt. Mit dem Arbeitsrecht, das gestellt wird auf die Grundlage des selbständigen politischen Staates, werden aber notwendig auch alle übrigen Rechte auf diese selben Grundlagen gestellt werden. Kurz, man wird — ich kann das nur andeuten wegen der Kürze der Zeit — notwendigerweise sehen müssen gerade in der Auseinanderschälung der beiden Gebiete: des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens, das Ideal eines gesunden sozialen Organismus in der Zukunft.

Und als drittes muß sich angliedern diesem selbständigen Wirtschaftsleben, diesem selbständigen Rechtsleben dasjenige, was man das geistige Leben der Menschheit nennen kann.

Darinnen wird man, indem man von dieser wahren Fortsetzung der proletarischen Weltanschauung spricht, am meisten auf Widerstand stoßen. Denn es ist in die menschlichen Denkgewohnheiten auf diesem Gebiete, mehr noch gerade als in anderes, eingegangen die Meinung, daß nur durch das Aufsaugen des gesamten geistigen Lebens vom Staate das Heil der Menschheit abhängen könne; und man durchschaut noch nicht, wie die Abhängigkeit, in die das geistige Leben vom Staate gekommen ist gerade in der neueren Zeit, aus dem hervorgegangen ist, was man nennen kann das Interesse der bisher führenden Kreise an dem Staate, der eben diese führenden Kreise so recht befriedigt hat. Diese führenden Kreise, sie haben ihre Interessen in diesem Staate befriedigt gefunden; sie haben dasjenige, was sie geistiges Leben nennen, immer mehr und mehr von diesem Staate aufsaugen lassen. W'ie der politische Staat durch Zwangssteuergesetze genötigt ist, dasjenige herbeizuschaffen, was die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze begründen kann, und wie der Staat genötigt ist, durch die Zwangssteuer seine Bedürfnisse zu befriedigen, so muß auf der anderen Seite das geistige Leben wirklich emanzipiert werden von den beiden anderen Gebieten des sozialen Organismus.

Gerade was man auf diesem Gebiete angestrebt hat: die Verquickung des Geisteslebens mit dem Staats- und Wirtschaftsleben, das ist es, was zum Unheil der neueren Zeit ausgeschlagen hat. Denn dasjenige, was im Geistigen leben soll, das kann sich nur entwickeln, wenn es im Lichte der wahren Freiheit sich entwickeln kann. Alles dasjenige, was nicht im Lichte der wahren Freiheit sich entwickeln kann, das verkümmert und lähmt das wirkliche Geistesleben und bringt es außerdem auch auf Abwege, die man in der neueren gesellschaftlichen Ordnung nur leider allzugut bemerken kann. Was aber notwendig ist auf diesem Gebiete, ist: zu durchschauen, welcher innere Zusammenhang besteht zwischen dem Geistesleben im engsten Sinne, und dem religiösen Leben, dem wissenschaftlichen Leben, dem künstlerischen Leben, dem Leben in einer gewissen Sittlichkeit, welcher Zusammenhang ist zwischen diesem Leben und alledem, was überhaupt hervorgeht aus den individuellen menschliehen Fähigkeiten und Geschicklichkeiten.

Daher muß jetzt, wo über diese Dinge hier in ernstem Sinne gesprochen wird, in ernstem Sinne eines gesunden sozialen Organismus gesprochen wird, gesprochen werden so, daß unter das geistige Leben gezählt wird alles dasjenige, was überhaupt mit der Entfaltung, der Entwickelung der individuellen Fähigkeiten etwas zu tun hat, alles dasjenige, was damit zu tun hat, vom Schulwesen angefangen bis hinauf zum Universitätswesen, bis hinein in das künstlerische, bis in das sittliche Leben, ja, bis auf diejenigen Geisteszweige, die die Grundlage des praktischen, auch des Wirtschaftslebens ausmachen. Auf allen diesen Gebieten muß angestrebt werden Emanzipation des geistigen Lebens. So daß dieses geistige Leben gestellt werden kann in die freie Initiative desjenigen, der die individuellen Fähigkeiten des Menschen hat, und daß dieses freie Geistesleben nur da sein kann dann in entsprechender Weise im gesunden sozialen Organismus, wenn es auch in seiner Geltung beruht auf der freien Anerkennung, auf dem freien Verständnisse derjenigen, die es entgegenzunehmen nötig haben. Das heißt, es darf in Zukunft nicht mehr irgendwie aus der Summe desjenigen, was man in der Tasche hat oder im Geldschrank, oder aus der Bürokratie des Staates heraus das Geistesleben verwaltet werden.

Nicht allein dadurch, daß dieses Geistesleben verwaltet worden ist vom Staate, hat es einen gewissen Charakter angenommen in bezug auf die Persönlichkeiten, die drinnenstehen, in bezug auf die Persönlichkeiten, die es verwalten, sondern dieses geistige Leben, wie wir es heute haben, wie es mit Recht der moderne Proletarier als eine Ideologie empfindet, dieses geistige Leben, das ist doch zu einem Spiegelbilde desjenigen geworden, was sich an Interessen, an Bedürfnissen der führenden, leitenden Kreise für und durch den modernen Staat, den sie sich selbst ihrer eigenen Bequemlichkeit nach gebildet haben, nach diesem Bedürfnisse herausgestaltet hat. Ist es im letzten Grunde richtig, daß alles geistige Leben nur ein Spiegelbild gewissermaßen, nur ein Überbau des wirtschaftlichen oder des staatlichen Lebens ist? Das moderne geistige Leben der führenden Kreise ist nur ein solcher Überbau. Gewiß, Chemie, Mathematik, sie werden nicht leicht ihrem Inhalte nach den Charakter annehmen können, der sich aus den Interessen der führenden Kreise ergibt. Allein schon der Umfang, in dem sie betrieben werden, aber namentlich das Licht, das von den anderen Zweigen des Geisteslebens auf sie fällt, das ist bestimmt durch die Tatsache, daß mit den Interessen der leitenden, der bisher leitenden Kreise der Menschen die Interessen des modernen Staatslebens und damit die Interessen des modernen Geisteslebens im Staate zusammenwachsen.

Ja, dieses moderne Geistesleben, es ist gerade auf den wichtigsten Gebieten, da, wo es eingreifen soll in Menschenseelen, wenn es sich seinen Platz bestimmen soll in der sozialen Ordnung, ein Spielball des Wirtschaftslebens und des politischen Lebens geworden. Man kann es sehen an der Art, wie bis in diese furchtbare kriegerische Katastrophe herein diejenigen Träger des geistigen Lebens, die auf dem Umwege des Kapitalismus verbunden waren mit dem modernen Staatsleben, im Grunde genommen gerade auf den wichtigsten Lebensgebieten des Geistes dasjenige hervorgebracht haben, was in den Dienst des modernen Staates hat gestellt werden können.

Man könnte da nicht hundertfach, sondern tausend- und abertausendfach die Beweise finden. Sie brauchen nur das eine zu bedenken: Nehmen Sie die deutschen Geschichtsprofessoren, die Träger der geschichtlichen Wissenschaft. Versuchen Sie sich ein Bild zu machen von alledem, was sie produziert haben mit Bezug auf die Geschichte der Hohenzollern, und fragen Sie sich, ob nun jetzt nach diesem weltgeschichtlichen Ereignisse die Geschichte der Hohenzollern ebenso aussehen wird, wie sie vorher ausgesehen hat? Daran kann man ersehen, wie das geistige Leben durch die Verhältnisse ein bloßes Spiel geworden ist desjenigen, von dem es eben nicht frei gewesen ist.

Frei werden muß das Geistesleben von den beiden anderen Gebieten. Dann aber kann das Geistesleben in seine ihm eigene Gesetzgebung und Verwaltung aufnehmen dasjenige — so sonderbar es klingt und so überraschend es für manchen sein wird, es muß gesagt werden was heute einzig und allein aus den kapitalistischen Vorurteilen hervorgehen kann: dann kann das Geistesleben der Überwinder des bloßen wirtschaftlichen proletarischen Interesses wirklich werden. Denn das geistige Leben ist ein einheitliches. Das geistige Leben geht von dem höchsten Zweige des Geisteslebens herunter bis in jene Verzweigungen, die dadurch entstehen, daß irgend jemand aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus irgendeine Unternehmung zu leiten hat. So wie er sie heute leitete, so leitete er sie aus dem Wirtschaftsleben heraus unter der Wirkung der Gewalt, der wirtschaftlichen Gewalt. So wie er sie zu leiten hat im gesunden sozialen Organismus, so ist das aus dem Geistesleben heraus. Das Geistesleben hat im gesunden sozialen Organismus seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung in bezug auf die höchsten Zweige dieses geistigen Lebens, aber auch mit Bezug auf alles dasjenige, was geistig in den Wirtschaftsprozeß gerade dann hineinwirken wird, wenn das geistige Leben als solches selbständig ist.

Dann wird auftreten in diesem Wirtschaftsprozeß in der richtigen Weise der Einfluß des emanzipierten, des selbständigen Geisteslebens. Dann wird dasjenige, was eben durch das Kapital geleistet werden wird, nicht mehr im Sinne des modernen Kapitalismus geleistet werden können. Dann wird es geleistet werden können allein nach den Impulsen, die das geistige Leben selber gibt.

Nur, man muß sich von diesen Impulsen die richtigen Vorstellungen machen. Wie wird zum Beispiel ein Betrieb unter diesen Impulsen eigentlich ausschauen?

Wer das Geistesleben in seinem Fundament kennt — ich weiß das ganz gut — , der wird mir nicht widersprechen, wenn ich die folgende Schilderung gebe von einem Betrieb, der seine Impulse nicht von der wirtschaftlichen Gewalt, sondern von der Gewalt des Geisteslebens erhält: Da wird derjenige durch das freie Verständnis der mit ihm Mitarbeitenden in die Lage versetzt werden, aus einem gewissen Kapitalfonds heraus dasjenige zu unternehmen, was nun nicht zu seinem Nutzen, sondern wegen des sozialen Verständnisses, das er sich im richtigen Geistesleben angeeignet haben wird, unternommen wird. Dann wird in einem solchen Betriebe gegenüberstehen derjenige, der durch das freie Verständnis seiner Mitarbeiter bis zum letzten Arbeiter herunter, durch das freie Verständnis an seinen Posten gestellt ist, dann wird, weil dann ein Verhältnis des freien Verständnisses eintreten wird zwischen diesem Leiter eines Betriebes und denjenigen, die arbeiten, sich ganz notwendig dasjenige herausbilden, was da macht, daß neben den Arbeitsstunden eingeführt wird innerhalb eines jeden Betriebes und innerhalb der Genossenschaften von Betrieben, die Möglichkeit eines freien Aussprechens über die ganze Art, wie der Wirtschaftsprozeß im sozialen Gesamtorganismus drinnensteht. Dann wird unter dem Einflüsse eines solchen Geisteslebens derjenige, der an der Stelle stehen wird, wo heute der kapitalistische Unternehmer steht, sich zu offenbaren haben in bezug auf alles dasjenige, was seine Ware hineinstellt in den gesamten Gesellschaftsprozeß der Menschheit. Dann wird jeder einzelne einsehen, welchen Weg das Produkt nimmt, zu dem er seine Arbeit beisteuert, das Produkt des handwerklichen Arbeiters und desjenigen, der diese handarbeitliche Arbeit durch seine besonderen individuellen Fähigkeiten zu leiten hat. Dann wird allein aber auch dasjenige eintreten können, was dem Arbeiter die Möglichkeit gibt, einen wirklichen Arbeitsvertrag zu schließen. Denn ein wirklicher Arbeitsvertrag kann nicht geschlossen werden, wenn er geschlossen wird auf Grundlage der Voraussetzung, daß Arbeitskraft Ware ist. Ein wahrer Arbeitsvertrag darf gar nicht auf diesen Grundlagen aufgebaut werden; sondern einzig und allein kann ein wirklicher Arbeitsvertrag nur aufgebaut werden auf der Grundlage, daß die Arbeit, die notwendig ist zur Herstellung eines Produktes, auf Grundlage des Rechtes geleistet wird, daß aber mit Bezug auf das Wirtschaftliche das gehörige Zusammenarbeiten zwischen handwerklichem und geistigem Arbeiter entsteht, daß mit Bezug auf das Wirtschaftliche jener Teilungsvorgang zwischen dem handwerklich und geistig Arbeitenden stattfinden muß, der allein aus der freien Einsicht auch des handwerklichen Arbeiters hervorgehen kann, weil dieser handwerklich Arbeitende dann wissen wird aus dem geistigen Zusammenleben mit dem Leitenden, in welchem Grade seine Arbeit dadurch, daß die Leitung da ist, zu seinem eigenen Vorteil einfließt in den sozialen Organismus.

Nur in einem solchen Zusammenarbeiten hört die Möglichkeit auf, daß die Unternehmungen, die auf Kapitalgrundlage gebaut werden müssen, auf den Vorteil, auf den egoistischen Vorteil aufgebaut werden. Dann allein, wenn in dieser Weise der soziale Organismus gesundet, dann allein kann das heutige Profitinteresse ersetzt werden durch das rein sachliche Interesse. Und heraufziehen wird in einem größeren Umfange, als das in früheren Zeiten der Fall war, wiederum der Zusammenhang zwischen dem Menschen und seiner Arbeit.

Sehen wir uns heute diesen Zusammenhang zwischen dem Menschen und seiner Arbeit an. Da ist auf der einen Seite der Unternehmer, der da leistet dasjenige, was er auch als Arbeit ansieht, aber er macht sich so schnell als möglich weg von dieser Arbeit. Er drückt das sogar dadurch aus, daß er, wenn er sich weggedrückt hat von seiner Arbeit, er das Reden über diese Arbeit als «Fachsimpelei» bezeichnet. Er macht sich weg, und er sucht durch allerlei anderes dann zu dem zu kommen, was er als Mensch anstrebt. Gerade durch ein solches Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit drückt sich aus, wie wenig der Mensch mit seiner Arbeit verwachsen ist.

Das aber ist ein ungesundes Verhältnis. Das ist ein ungesundes Verhältnis, welches das andere nach sich ziehen mußte, daß, indem das moderne Proletariat hinweggerissen ist von dem Boden des alten Handwerkes, wo der Mensch mit seinem Beruf verwachsen war, aus seinem Berufe seine Ehre, seine Menschenwürde gezogen hat, und wo er hingestellt worden ist zu der Maschine, eingespannt worden ist in der Fabrik; da wird in ihm jenes Ungesunde erzeugt, daß er kein Verhältnis gewinnen kann zu seiner Arbeit.

Aber derjenige, der das Geistesleben in seiner wahren Grundlage erkennt, der weiß, daß solch ein ungesundes Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Arbeit nur eben unter ungesunden Voraussetzungen auch entstehen kann. Es gibt nichts in einem gesunden Geistesleben, das frei ist vom politischen und frei ist vom Wirtschaftsleben und auf diese nur zurückwirkt, es gibt nichts innerhalb eines solchen Geisteslebens, das nicht unmittelbar interessant ist, und was, wenn es nur richtig gehandhabt wird, den Menschen knüpft an seine Arbeit, weil er weiß: dasjenige, was er arbeitet, wird ein Glied in dem Kreislauf des sozialen Organismus. Das ist nicht etwas, was nur beurteilt werden darf als so, daß es nicht anders sein könne, daß der Mensch auch Uninteressantes tun müsse. Nein, das muß so beurteilt werden, daß gerade jene Grundlage des Geisteslebens aufgesucht wird, welche einzig und allein Interesse, Zusammenhang des Menschen mit seiner Arbeit und Interesse für diese Arbeit auf allen Gebieten, bei jeglicher Arbeit hervorrufen kann.

Da wird sich zeigen, daß, wenn das emanzipierte freie Geistesleben aus geistigen Impulsen heraus bis in die einzelnsten Verzweigungen hinein das staatliche und das Wirtschaftsleben in seinen Verwaltern versorgt, daß dann allein dasjenige eintreten kann, was ein wirkliches, sachliches Interesse an allem wird und nicht ein bloßes kaufmännisches, nicht ein bloß äußeres Wirtschafts- und Vorteilsverhältnis begründet.

Allerdings muß einem solchen Geistesleben die Grundlage geschaffen werden. Diese Grundlage kann nur geschaffen werden, wenn alles Schulwesen in die Verwaltung des geistigen Lebens selbst gestellt wird, wenn der unterste Lehrer nicht mehr zu fragen hat: Was verlangt der politische Staat von mir? — , sondern wenn er hinaufzuschauen hat zu denjenigen, zu denen er Vertrauen hat, wenn er hinschaut zu dem das Geistesleben nach ihren eigenen Grundsätzen verwaltenden Gebiete des sozialen Organismus.

So wirkt in vieler Beziehung dasjenige, wovon ich glaube, daß es sich naturgemäß ergibt. Gerade aus einer wahren Fortsetzung der proletarischen Weltanschauung wirkt es den Denkgewohnheiten entgegen. Denn während man es als Erbgut übernommen hat gerade von der bürgerlichen Wissenschaft: Geistesleben, Staat, Wirtschaftsleben miteinander zu verschmelzen, handelt es sich darum, daß zur Gesundung des sozialen Organismus angestrebt werden muß die Verselbständigung der angeführten drei Gebiete. Nur dadurch, daß gewissermaßen jedes dieser Gebiete — wenn ich mich jetzt gangbarer Ausdrücke bedienen darf — sein eigenes Parlament und seine eigene Verwaltung hat, die zueinander stehen wie die Regierungen souveräner Staaten, nur durch Delegationen miteinander verhandeln, nur ihre gemeinsamen Bedürfnisse im Verkehre austauschen, dann allein kann der soziale Organismus gesunden. Und die Frage ist heute die Grundfrage, die aus allen Tatsachen hervorgeht: Wie kann der soziale Organismus gesunden? Das ist mit Händen zu greifen: er ist krank, dieser soziale Organismus!

Diejenigen, die aus ihrem Klassenbewußtsein heraus die berechtigte Forderung aufstellen müssen, daß dieser soziale Organismus gesunde, die haben gerade nötig, die proletarische Weltanschauung zu verfolgen auf ihre fruchtbaren Keime hin und sie in entsprechender Weise weiterzubilden.

Ich gebe zu, daß es zunächst manchem gegen dasjenige sprechen kann, was er als das Richtige heute anschaut, wenn gesagt wird: Es muß die Richtung genommen werden nach dieser sozialen Dreigliederung, dieser Dreigliederung des sozialen Organismus. — Aber so sehr dies den Denkgewohnheiten von manchem in der Gegenwart widerspricht, die Wirklichkeit darf sich nicht nach unserer Bequemlichkeit richten, nicht nach dem, was die glauben, die sich bisher für Lebenspraktiker gehalten haben. Die Wirklichkeit muß sich nach dem richten, was man aus einem ehrlichen, gesunden Wahrheitssinn heraus für das Richtige erkennen kann.

Das, was ich auseinandergesetzt habe, bezieht sich nicht auf irgendein Wolkenkuckucksheim. Oh, die Zeiten sind da, wo mancher, der sich, weil er nur das Einfache überschauen konnte und danach sich seine Denkgewohnheiten bildete, der sich dadurch für einen Lebenspraktiker hielt, wird zugeben müssen, daß die verpönten, so sehr verpönten Idealisten, die aus Entwickelungsnotwendigkeiten der Menschheit heraus denken, die wahren Lebenspraktiker sind. Dasjenige, was ich Ihnen angegeben habe, ist nicht ein Wolkenkuckucksheim; es ist entnommen gerade aus dem, was die unmittelbarsten, alltäglichsten Lebensbedürfnisse der Menschheit sind.

Ich kann natürlich nicht auf alle einzelnen Gebiete mich einlassen; ich will zum Schlüsse ein einziges Gebiet berühren, ein Gebiet, an dem sich, wenn ich es auch nur flüchtig berühren kann, zeigen wird, wie dasjenige, was ich scheinbar von dem Urgedanken des sozialen Lebens hergeleitet habe, in das Allerärgste eingreift. Was ist im Leben das Allerärgste? Das Allerallerärgste ist, daß wir etwas, was wir Geld nennen, in unserer Tasche haben müssen. Aber Sie wissen auch, was an diesem Gelde hängt. Sie wissen, wie dieses Geld eingreift in alles Leben. Wenn man die Entwickelung des gesunden sozialen Organismus ins Auge faßt: welchem Gliede kommt denn die Verwaltung des Geldes zu? Diese Verwaltung des Geldes hat bisher aus gewissen Entwickelungskräften, die sehr alt sind, der Staat besorgt. Das Geld aber ist ebenso wahr in einem gesunden Organismus Ware, wie die Arbeitskraft nicht Ware ist. Und alles Ungesunde, das von der Seite des Geldes aus eingreift in den sozialen Organismus, besteht darinnen, daß das Geld des Warencharakters dadurch entkleidet wird, daß es heute mehr beruht auf der Abstempelung von irgendeiner Marke durch den politischen Staat, als auf dem, worauf es ja noch, weil es da nicht anders geht im internationalen Verkehr, beruhen muß: auf seinem Warenwert. Die Nationalökonomen haben heute einen komischen Streit, einen Streit, der auf den Einsichtigen wirklich komisch wirkt. Sie fragen, ob das Geld eine Ware ist, nur eine beliebte Ware, für die man immer andere Waren eintauschen kann, während man sonst, wenn man zum Beispiel gerade das Unglück hat, nur Tische und Stühle zu fabrizieren, umherziehen müßte mit Tischen und Stühlen und warten, ob einer einem dafür Gemüse gibt, kann man, indem man zuerst Tische und Stühle für Geld eintauscht, für die Ware Geld Dinge bekommen, die einem gerade recht sind, nach denen man gerade Bedarf hat. Während die einen sagen: Dieses Geld ist eine Ware oder wenigstens der Repräsentant der Ware, für das da sein muß, auch wenn es Papiergeld ist, der entsprechende Gegenwert in Waren, sagen die anderen: Das Geld ist überhaupt nur dasjenige, was entsteht, indem der Staat durch ein Gesetz eine gewisse Marke abstempelt. Und nun forschen sie nach, diese nationalökonomischen Gelehrten, sie forschen nach: Was ist das Richtige? Ist das Geld Ware, oder etwas, was durch eine bloße Abstempelung entsteht? Ist es eine bloße Anweisung auf die Ware?

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach diese: daß das Geld weder das eine noch das andere ist, sondern heute beides ist. Das eine ist es dadurch, daß der Staat eben gewisse Marken abstempelt; das andere ist, daß im internationalen Verkehre oder in gewisser Beziehung auch im nationalen Verkehre das Geld nur als Ware in der Warenzirkulation mitzirkulieren kann.

Der gesunde soziale Organismus wird das Geld jedes Rechtscharakters entkleiden; er wird es derjenigen Verwaltung und Gesetzgebung zuweisen, durch seinen eigenen, natürlichen Prozeß, auch die Hineinstellung des Geldes, Prägung des Geldes, Wertbestimmung des Geldes innerhalb des Wirtschaftskreislaufes, diesem selben Parlament, dieser selben Verwaltung, die den übrigen Wirtschaftsorganismus verwaltet.

Erst dann kann, wenn so etwas eintritt, dasjenige, was vom modernen Proletariat erstrebt werden muß, auf eine gesunde Basis gestellt werden. Jenes merkwürdige Verhältnis, das da besteht zwischen dem Arbeitslohn und der Warennatur, dieses Verhältnis, es beruht ebenfalls eigentlich auf einer Lebenslüge. Während auf der einen Seite der Arbeiter glaubt, durch seine Forderung nach höherem Lohn, wenn er diese befriedigt erhält, dann gesündere Lebensverhältnisse zu erlangen, steigt immer auf der anderen Seite der Preis der Waren, solange nicht emanzipiert wird der Wirtschaftskreislauf von dem Rechtskreislauf des politischen Staates. Diese Dinge werden alle erst auf eine gesunde Basis gestellt werden können, wenn diese Dreigliederung eintreten wird.

Ebenso wird man, wenn man die notwendige Selbständigkeit des Geisteslebens einsehen wird, einsehen, daß keine Notwendigkeit besteht, die kapitalistischen Betriebe als solche hervorzurufen, sondern die Art und Weise, wie im Laufe der neueren Zeit das Kapital verwaltet worden ist, wie es verwendet worden ist dadurch, daß es allein im Wirtschaftsprozeß drinnensteht, das ist es, was das Kapital in seiner Wirksamkeit zu den Schäden gebracht hat, mit denen soviel Elend verknüpft ist.

Man wird einsehen müssen: Solange nicht der Arbeitsvertrag auf die Teilung desjenigen sich bezieht, was gemeinsam der Handarbeiter mit dem Geistesarbeiter hervorbringt, sondern solange sich der Arbeitsvertrag auf die Entlohnung der Arbeit bezieht, so lange ist es unmöglich, daß dies auf eine gesunde Basis gestellt wird.

Einzig und allein dadurch, daß dem Geistesleben seine gesunde Wirklichkeit gegeben wird, wird aufgedeckt werden in jedem Falle, in dem es notwendig ist in dem Verhältnis zwischen Arbeiter und geistigem Lenker, daß da, wo der Arbeiter übervorteilt ist, er nicht durch die Wirtschaft bloß übervorteilt ist, sondern dadurch übervorteilt ist, daß derjenige, der der Unternehmer ist, seine individuellen Eigenschaften, seine geistigen Eigenschaften in einer nicht richtigen Weise, in einer nicht rechtlichen, in einer nicht menschenwürdigen Weise verwertet. Der Arbeiter wird nicht durch das Wirtschaftsleben ausgebeutet, der Arbeiter wird durch jene Lebenslüge ausgebeutet, die dadurch entsteht, daß im heutigen gesellschaftlichen Organismus die individuellen Fähigkeiten gerade verwendet werden können zur Übervorteilung des Arbeiters, weil sie innerhalb des Wirtschaftsprozesses nicht gesehen werden können von beiden Seiten; innerhalb des gesunden Geisteslebens werden sie von beiden Seiten gesehen und kontrolliert werden.

Wie gesagt, ich kann es gut einsehen, daß dasjenige, was ich hier angeführt habe gerade zur Gesundung des sozialen Organismus, heute auch noch manchem Proletariergemüte widerstreben kann. Ich kann es einsehen. Ich habe seit Jahren unter Arbeitern, mit Arbeitern über diese Dinge gesprochen. Ich habe ja nicht nur einzelne Zweige des Unterrichts innerhalb der Arbeiterbildungsschule verwaltet, ich habe mit den Arbeitern auch Redeübungen getrieben. In den Übungen, die zur Redeübung getrieben wurden, wurde mancherlei auch von Seiten der Arbeiter vorgebracht in dieser Gemeinschaft, was so recht zeigte, welche besondere Färbung, welche besondere Artung die Forderungen des modernen Proletariats haben. Da bekommt man schon die Fähigkeit, nicht nur so, wie die Angehörigen der heutigen leitenden Kreise oder der bisher leitenden Kreise es tun, nur über den Proletarier denken — nein, man erlangt die Fähigkeit, mit dem Proletarier zu denken. Das ist es, was ich Ihnen heute sagen wollte: mit dem Proletarier zu denken, nicht nur über ihn zu denken!

Meinem Wollen nach gedacht, ist es so — das möchte ich, daß Sie das verstanden haben — , daß man vielleicht mit Bezug auf den Inhalt der Meinungen da oder dort voneinander abweichen könne, daß es aber zunächst im heutigen weltgeschichtlichen Augenblicke nicht darauf ankommt, ob man in der einen oder in der anderen Meinung abweicht, sondern ob man zusammenstimmt in jener ehrlichen Forderung, die sein muß die Forderung des modernen Proletariats. Allein dadurch, daß man sich zu dieser Übereinstimmung bequemt, zu der Übereinstimmung in dem ehrlichen Wollen, einzig und allein dadurch können die Keime gefunden werden, die in der proletarischen Weltanschauung zur Weiterbildung liegen. Denn der Zeitpunkt ist vorüber, wo bloß diskutiert werden kann; der Zeitpunkt ist vorüber, wo Leute, die nur ihrem Interesse dienen wollen, von Verständigung sprechen durften. Der Zeitpunkt ist gekommen, wo die jahrzehntelangen, bloß aus den Unterströmungen hervorgehenden Forderungen des modernen Proletariers auf den weitgeschichtlichen Plan treten, wo sie wirklich zu dem allerwichtigsten, allerbedeutungsvollsten Ereignis der neueren Zeit werden.

Was aus dem Chaos des modernen Wirtschaftskrieges, des modernen Weltkrieges sich herausgebildet hat, was lange Zeit, ja was vielleicht für die Zukunft immer mehr die Zukunft erfüllen wird, das wird die soziale Frage sein. Nicht eine unwirkliche, nicht eine theoretische Lösung oder den Versuch einer solchen wollte ich Ihnen heute vorführen; auf das wollte ich aufmerksam machen, daß nun einmal die Zeit angebrochen ist, wo die soziale Frage da ist, wo die Menschen in ihrem sozialen Zusammenwirken so gegliedert werden müssen in Staats-, Wirtschafts- und geistige Organe, daß aus dieser gesunden Gliederung eine fortdauernde Lösung der sozialen Frage hervorgehen kann.

Diese soziale Frage wird nicht von heute auf morgen gelöst werden, nachdem sie einmal da ist; sondern weil sie immer da sein wird, wie das Leben seine Konflikte immer neu erzeugt, so wird immerzu auch jene Gliederung der Menschheit da sein müssen, welche nach der Lösung der im sozialen Leben aufgehenden Konflikte in ehrlicher Weise strebt. Ob man versuchen wird, in weitesten Kreisen darauf aufmerksam zu werden, daß in einer solchen Fortentwickelung der proletarischen Weltanschauung die Gesundung in die Zukunft hinein liegen wird, davon wird es abhängen, wohin der Ausgangspunkt der modernen proletarischen Bewegung führen wird. Und er muß eigentlich dahin führen, aus all den berechtigten Forderungen der Lohnfrage, der Brotfrage heraus sich zu erheben zu jener mächtigen, weltgeschichtlichen Umwälzung, die aus dem Bewußtsein des modernen Arbeiters heraus übergehen wird in das allgemeine Menschheitsbewußtsein, die aus der Würde, aus der empfindungsgemäßen Würde des modernen Proletariers heraus begründen wird die wahre Menschenwürde für alle Menschen, die die anderen bisher nicht begründen konnten.

 

In der sich anschließenden Diskussion äußerten sich mehrere Redner. Den Abschluß bildete das folgende Schlußwort Rudolf Steiners:

 

Rudolf Steiner: Ja, ich muß zunächst einmal mit Bezug auf den verehrten ersten Einredner etwas wie eine prinzipielle Bemerkung machen. Man ist sehr häufig, wenn man redet, in der Lage, sagen zu müssen, daß man eigentlich nicht recht versteht, warum Dinge, wie sie von dem ersten Redner gesagt worden sind, just in der Form gesagt werden müssen, als wenn es eine Widerlegung dessen wäre, was man selbst gesagt hat. Der erste Redner hat so gesprochen, als wenn er in die Notwendigkeit versetzt wäre, mich gewissermaßen in allen Stücken — wenn er auch manches anerkannt hat, so wenigstens in bezug auf die ganze Haltung — eigentlich bekämpfen zu müssen. Ich bin nicht in der Lage, ihn bekämpfen zu müssen, sondern ich muß sagen, daß ich eigentlich meine, daß derjenige, der mir recht zugehört hat, gar nicht soviel haben wird gegen dasjenige, was der erste Redner gesagt hat. Ich bin in der Lage, in vielem mehr anerkennen zu können, auch in bezug auf das Inhaltliche, das, was er ausgesprochen hat, als er dasjenige irgendwie ins Auge zu fassen scheint, was ich eigentlich gewollt habe.

Nun, eines scheint mir wichtig zu sein in den Einzelheiten. Es ist merkwürdig, daß der erste Herr Redner glaubte, hervorheben zu müssen, daß dasjenige, was ich gesagt habe, entstanden sei dadurch, daß ich nur mit Arbeitern gesprochen habe, nicht mit Arbeitern mitgewirkt habe. Ja, nun, natürlich kann jeder nur auf seinem Gebiet wirken; aber die Art und Weise, wie ich mit Arbeitern zusammengewirkt habe, war schon so, daß man nicht sagen kann, daß es bloß mit Arbeitern gesprochen war. Ich glaube auch, daß derjenige, der vielleicht mehr eingeht auf das, was auch den heutigen Vortrag durchsetzte, auf das ganze Wollen es begreiflich finden wird, daß ich jahrelang nicht so angesprochen worden bin, obwohl ich es begreife, daß ich heute so angesprochen werde. Ich bin nicht immer so angesprochen worden, allein das glaube ich, aus dem einfachen Grunde, weil dazumal die Arbeiter schon gefühlt haben, daß dasjenige, was ich zu sagen habe, nicht heraus gesprochen ist aus dem bloßen Reden mit den Arbeitern.

Wenn es mir möglich geworden ist, in einer solchen Weise zu reden, wie ich auch heute wieder reden mußte, so ist das wahrhaftig nichts Angelerntes. Denn, werfen wir einmal die Frage auf: Wer darf sich denn eigentlich zu den Proletariern rechnen? Derjenige der mit den Proletariern, zu den Proletariern reden darf dadurch, daß er durch sein Schicksal und durch eigene Kraft sich dazu durchgerungen hat, so zu reden, wie ich es heute aber auch nur als freier Redner kann. Denn in den Kreisen, mit denen mir vorgeworfen worden ist, Gemeinschaft zu haben, ja, da bin ich vielleicht schon genau ebenso, vielleicht noch viel übler behandelt worden, als ich heute abend hier behandelt worden bin. Es ist doch etwas anderes, wenn man sich, wie ich, ja auch entsprechend durchgerungen hat; ich werde es auch weiter in dem kurzen Leben, das mir noch zur Verfügung steht. Ich habe mich aber jahrelang durchgerungen dadurch, daß ich mit den Proletariern gesprochen, mit den Proletariern gearbeitet, mit dem Proletariat mitgehungert habe. Ich habe nicht «Postbeamte gefragt, wieviel sie haben, um dabei verhungern zu können», sondern ich habe selbst mithungern müssen. Denn diejenige Familie, aus der ich herausgewachsen bin, war in einer viel übleren Lage, als vielleicht jene «Postbeamten» alle, die man heute fragen kann. Ich habe nicht allein gelernt, den Proletarier zu verstehen dadurch, daß ich über ihn denken lernte, sondern ich habe gelernt, den Proletarier dadurch zu verstehen, daß ich selber mit ihnen, mit den Proletariern gelebt habe, daß ich herausgewachsen bin aus dem Proletariat, mit dem Proletariat auch hungern lernte und mußte. Aus diesen Untergründen heraus spürte man schon dazumal, als ich jahrelang mit Arbeitern zusammenarbeiten konnte, daß ich nicht aus der Theorie, sondern aus einer ganz gehörigen Praxis heraus zu sprechen in der Lage bin. Ich glaube, das kann auch eine Grundlage dazu abgeben, ob man ein gewisses Recht hat, zu Proletariern zu sprechen oder nicht.

Das ist es, was ich zu der einen Sache sagen möchte.

Dann bezog sich ein großer Teil dessen, was der erste Redner vorgebracht hat, ja eigentlich gar nicht auf mich, es bezog sich auf die Intellektuellen. Ja, da hat bereits der Vorsitzende gesagt: Wenn irgendeiner davon reden kann, daß er mit Schmutz beworfen worden ist, von den Intellektuellen mit Schmutz beworfen worden ist, dann darf ich es. Denn wahrhaft, wenn Sie nachgehen würden der Art und Weise, wie ich mit Schmutz beworfen worden bin, und namentlich der Art und Weise, wie dieser Schmutz ausschaut, dann würden Sie mich wahrscheinlich um den Umgang, wie ich ihn genossen habe mit den Intellektuellen, nicht beneiden.

Das ist eine persönliche Bemerkung; es sind überhaupt dies persönliche Bemerkungen. Aber dasjenige, was mir erwidert worden ist, geht ja auch im Grunde auf das Persönliche, und deshalb mußte schon diese Bemerkung gemacht werden.

Nun, ein großer Teil bezog sich selbstverständlich überhaupt nicht auf mich, bezog sich auf die Studentenschaft. In bezug auf das letztere: Glauben Sie, daß ich es durchaus nicht verkenne, daß ein großer Teil der heutigen Studentenschaft von dem Vorwurf mit Recht getroffen wird, daß nun sein Ideal das des untersten Lohnarbeiters nicht erreicht! Da könnte man selbstverständlich über dieses Kapitel sehr viel reden. Aber gerade der moderne Arbeiter sollte auf der anderen Seite verstehen, daß schließlich so, wie aus den Verhältnissen heraus die anderen Menschenklassen sich gebildet haben, so schließlich auch der moderne Student sich aus den Verhältnissen heraus gebildet hat. Wer unbefangen vergleichen kann das Streben innerhalb der modernen Studentenschaft, als Streben, mit demjenigen, was zum Beispiel innerhalb der Studentenschaft angetroffen worden ist, als ich selbst — es ist lange her — unter dieser Studentenschaft noch war, der wird sagen, daß allerdings mit Bezug auf die Gründlichkeit, in der gerade in den Niedergangserscheinungen des Bürgertums die moderne Professorenschaft drinnensteckte, von der die Studentenschaft selbstverständlich abhängig sein muß — mit Bezug auf dasjenige, was da als Beispiel voranleuchtete der modernen Studentenschaft, kann man doch für alle die Blüten, die immerhin gerade in der modernen Studentenschaft aufgehen nach dem Besseren hin, auch eine gewisse Befriedigung haben. Es werden ganz gewiß — wenn auch die Sache heute so ausschaut, als ob die Studentenschaft den Arbeitern in den Rücken fällt — gerade aus der Studentenschaft Mitarbeiter für die sozialen Ideale, ich glaube sogar in sehr reicher Zahl, hervorgehen. Der Student hat heute mancherlei zu überwinden. Man muß nicht vergessen, wie eisern die Klammern sind, mit denen man festgehalten ist. Ich habe gerade in letzter Zeit mannigfaltige Gelegenheit gehabt, auch mit jungen Studenten über Dinge zu sprechen, die vielleicht deren unmittelbaren Ideal ferner liegen, aber die naheliegen demjenigen, was sich als ein gesundes Geistesleben im allgemeinen aus dem kranken Geistesleben heute herausentwickeln muß. Ich weiß, welche Empfänglichkeit in der Jugend für eine Erneuerung des Geisteslebens ist. Ich weiß aber auch, wie groß die Versuchung ist, wenn man die Begeisterung der Jugend hinter sich hat, die das Diplom erreicht hat und notwendig hat, innerhalb der modernen bürgerlichen Gesellschaft eine Stelle zu suchen, wie nahe da die Versuchung liegt, dann wiederum hinein zu versumpfen in das Philistertum, in das Spießertum.

Wir kommen natürlich nicht von heute auf morgen zu einer endgültigen Lösung desjenigen, was wir erhoffen und ersehnen. Aber das müßte doch erkannt werden, daß überall dort, wo eine solche Sehnsucht, ein solches verständiges Ersehnen desjenigen, was mit Recht der moderne Proletarier fordert, Platz greift, man es nicht niederdrücken sollte dadurch, daß man in einer gewissen fanatischen, dogmatischen Weise das eine mit dem anderen zusammenwirft. Ich glaube doch, daß dieses Dogmatische wenigstens bis zu einem gewissen Grade — wenn auch im modernen Kampfe die Mittel nicht allzu glimpflich gewählt werden können — weichen müßte der Gesinnung, von der ich in meinem Vortrage gesprochen habe: daß es weniger ankommen sollte auf die Verschiedenheit der Gedanken, sondern auf die Gleichheit des ehrlichen Wollens.

Nun, fragen Sie einmal, wie viele von denjenigen, von denen Sie sagen, daß sie einem in den Rücken fallen, abhängig von den Verhältnissen sind, in die der moderne Student hineingestellt ist, und fragen Sie auf der anderen Seite aber auch, wieviel ehrliches Wollen gerade in der heutigen Jugend sich geltend macht. Pflegen Sie es lieber, statt daß Sie es dadurch, daß Sie ins Dogmatische fallen, geradezu lähmen.

 

Nun, was dann der zweite Redner zunächst vorgebracht hat, da kann ich ja sagen: Ich bin einverstanden mit dem Rufe, der da links gefallen ist, daß ja im Grunde genommen das nicht so sehr verschieden ist von demjenigen, was ich selber gesagt habe; und ich versteife mich nicht so sehr darauf, daß die Dinge gerade so gesagt werden, wie ich sie gesagt habe. Wenn irgend etwas, sagen wir, heute zur Besserung helfen kann, so bin ich erfreut darüber. Und ich will deshalb auch nicht mit etwas anderem so scharf ins Gericht gehen, was vom zweiten Redner gesagt worden ist; ich möchte nur aber etwas richtigstellen, was immerhin darauf hinweisen kann, daß dieser Redner doch die Sache nicht so ganz genau genommen hat. Er hat zum Beispiel meinen Hinweis darauf, daß ich jahrelang in der Arbeiterbildungsschule gelehrt habe in Berlin, dahin verdächtigt, daß er sagte: Das wird wohl nur ein liberaler Bildungsverein gewesen sein. — Ich habe ausdrücklich gesagt, es war die von dem alten Liebknecht, von Wilhelm Liebknecht begründete Arbeiterbildungsschule! Nun glaube ich nicht, daß Sie zuschieben dem alten Liebknecht, daß er einen x-beliebigen Bildungsverein für die Arbeiterschaft begründete, wie ihn die Arbeiterschaft in der damaligen Zeit auch gar nicht entgegengenommen hätte. Die Zuhörer waren nicht Menschen aus den «gewöhnlichen bürgerlichen Liberalen», sondern lediglich Arbeiter, lediglich aus den Kreisen der Proletarier und durch die Bank organisierte Sozialdemokraten!

So glaube ich, daß auch manche andere von mir gesprochenen Worte gerade von diesem Herrn Redner nicht in der richtigen Weise aufgefaßt worden sind, wie ich es eigentlich gewollt habe, und wie man es doch auch auffassen kann, wenn man nicht von vornherein mit einem Vorurteil nicht nur dann kommt, wenn der andere eine andere Meinung hat, sondern sogar, wenn er das, was man selber meint, nur in einer etwas anderen Form ausspricht, weil er glaubt, daß es eben notwendig ist, daß heute in diesem weltgeschichtlichen Augenblick die Dinge umfassender genommen werden müssen, und weil er glaubt, daß nicht jeder heute ein Praktiker genannt werden könnte, der nur nach dem Allernächsten urteilt, sondern derjenige der wahre Praktiker ist, der größere Verhältnisse überschaut.

 

Was die Auffassung der Frage des «Aufrufes» betrifft, wo darauf hingewiesen worden ist, daß das fast wörtlich übereinstimme mit dem, was ich Ihnen heute Abend gesagt habe — Sie werden sich nicht wundern darüber, da Sie ja gehört haben, daß der «Aufruf» von mir selber verfaßt worden ist, und Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich, wenn ich da oder dort etwas spreche, wenn ich also etwa spreche zu Bürgerlichen, daß das anders lauten soll als das, was ich hier sage vom Podium aus.

 

Einwurf: Entweder überall gleich, oder ...

 

Das sage ich ja gerade: Ich sage: in dem «Aufruf» steht dasselbe, was ich hier gesagt habe. In jenem «Aufruf» steht nirgendwo etwas anderes, als was ich hier gesagt habe.

Mir kommt es darauf an, daß dasjenige, was ich sage, in meinem Sinne die Wahrheit ist, und ich werde die Wahrheit an jedem Orte sagen, wo es mir gestattet ist, die Wahrheit zu sagen. Ich spreche nur die Wahrheit aus, darauf kommt es mir an. Das ist es, was ich in dieser Beziehung zu sagen habe. Ich werde niemanden ausschließen von irgend etwas, wenn er es mit seiner Überzeugung vereinen kann und zu dem Ja sagt, was ich selber sage. Denn ich glaube, dadurch kommen wir allein auf einen grünen Zweig, daß wir die Wahrheit aussprechen, unbekümmert darüber, welchen Eindruck sie auf die Menschen macht, ob sie unterschreiben oder nicht. Das ist es, was ich dazu sagen wollte.

Und dann möchte ich nur noch zum Schlusse das eine bemerken, das sich bezieht auf das, was der nächste Redner gesagt hat: Ich hätte nichts über die Kampfesweise gesagt. — Aber aus meinen Worten konnten Sie überall entnehmen, wie ich über diese Kampfesweise eigentlich denke. Ich glaube es genugsam angedeutet zu haben, daß es nicht meine Meinung ist, daß es heute auf eine oberflächliche Verständigung, oder wie die schönen Dinge alle heißen, ankommen kann. Heute sind wir eingerückt in ein Tatsachenstadium, wo in der Tat nichts anderes möglich ist, als daß wir nicht bloß zu leeren Anschauungen kommen, wie die Dinge gewandelt werden müssen, sondern dadurch, daß wir zur Anschauung kommen, welche neuen Gedanken wirklich möglich sind, in die Seelen der Menschen hineinzubringen. Denn die alten Gedanken haben eben gezeigt, was für eine soziale Ordnung sie zustande bringen können, und diesen alten Gedanken ist damit der Beweis geliefert, daß sie unbrauchbar sind. Deshalb glaube ich, daß es sich zunächst, zu allernächst, für das allernächst Praktische darauf ankommt, daß diejenigen, die ehrliches soziales Wollen haben, sich vor allen Dingen einmal verständigen über dasjenige, was geschehen kann.

Wir stehen heute in der Schweiz — ich weiß nicht, ob man da sagen soll «Gott sei Dank» oder «leider» — noch in Verhältnissen drinnen, die nicht so sind, wie in mittel- und osteuropäischen Verhältnissen es ist. Mittel- und Osteuropa steht ja in Verhältnissen drinnen, die wirklich nur bewältigt werden können durch Anknüpfen an die Urgedanken des sozialen Organismus. Und wenn da nicht der Versuch gemacht wird, daß zunächst unter dem Proletariat selber die fundamentalen Fragen besprochen werden, wie nun aus diesem Chaos heraus durch die einfachsten Organisationen, die aber alle den Charakter tragen müssen, meiner Ansicht nach, jener Dreigliederung des sozialen Organismus — wenn nicht unter dem Proletariate selbst die Gesundung dadurch herbeigeführt wird, daß Organisationen neu geschaffen werden, nach neuen Gedanken, so sehe ich überhaupt zunächst für Jahrzehnte hinaus kein Heil.

Beginnen wird man müssen zunächst vor allen Dingen mit dem, was Ihnen vielleicht als unwesentlicher Punkt erscheint: Zuerst müssen wir einsehen, daß wir nicht nur gegenüberstehen bürgerlichen Einrichtungen, bürgerlichen Zuständen, sondern daß wir gegenüberstehen einer bürgerlichen Wissenschaft.

Das habe ich im Berliner Gewerkschaftshaus vor sechzehn Jahren gesagt, und das wurde selbst innerhalb des Proletariats richtig verstanden. Das Proletariat hat noch die Aufgabe, dasjenige, was in seinem Denken von bürgerlicher Wissenschaft ist, zunächst auszutreiben, und nicht im Sinne der bürgerlichen Wissenschaft irgendwelche Einrichtungen zu treffen, sondern im Sinne gerade jener Art neuer Gedanken, die vielleicht nur von dem Proletariat eben gefunden werden können, weil das Proletariat emanzipiert ist von allen übrigen menschlichen Zusammenhängen, in denen leider die bürgerlichen Menschen drinnenstehen.

Daher handelt es sich heute vor allen Dingen darum, daß das, was Ihnen vielleicht als das Unwesentlichste erscheint, die Emanzipation des geistigen Lebens, die Freiheitsentwickelung des geistigen Lebens, durchgeführt werde. Kommen wir dazu, ein wirklich freies Geistesleben zu haben, kommen wir dazu, daß nicht mehr eine Wissenschaft, die dem Kapitalismus tributpflichtig ist, den Ton angeben kann, bis in die Kreise des Proletariats hinein den Ton angeben kann, dann erst gehen wir einer Gesundung entgegen. Nicht eine Verengerung im bürgerlichen Sinne, nicht eine Verengerung will ich, sondern gerade eine Erweiterung der proletarischen Aufgaben.

Und ich habe den festen Glauben — mögen Menschen, die von dem Gesichtspunkte aus, den ich ganz gut verstehen kann, reden, wie der zweite Redner, noch soviel dagegen einwenden, daß man nicht versteht Satz für Satz, was ich gesagt habe — , ich habe den festen Glauben, den ich mir durch ein langes Leben unter dem Proletariat erworben habe, daß dasjenige, was ich gesagt habe, zunächst nicht von den anderen Klassen, sondern gerade vom Proletariat verstanden werden wird. Und es muß leider gewartet werden, bis es vom Proletariat verstanden werden wird. Ich glaube aber, da wird es verstanden werden können.

Und in diesem Gedanken, möchte ich sagen, kann ich auch mit einer gewissen Zufriedenheit zurückblicken auf dasjenige, was heute abend von mir erreicht werden wollte. Ich habe Sie wahrhaftig nicht bis ins Wort hinein in allen Einzelheiten überzeugen wollen. Dazu achte ich zu sehr Ihre freie Persönlichkeit; dazu achte ich zu sehr eines jeden freies Einverständnis. Aber ich habe den Glauben, daß unter Ihnen viele sind, die noch anders denken werden über dasjenige, was ich gesagt habe, als Sie schon heute gedacht haben. Und dieser Glaube ist es eben, wovon ich annehme, daß er dazugehört zur Gesundung des sozialen Organismus.


 



Zuletzt aktualisiert: 05-Oct-2019
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