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Highlight Words

Aus der Akasha-Forschung. Das Fuenfte Evangelium

Schmidt-Nummer: S-2866

Online seit: 6th November, 2007

Berlin, 6. Januar 1914
Vierter Vortrag

Als ein Wichtiges in der Betrachtung des Christus Jesus-Lebens, wie wir sie jetzt angestellt haben nach dem, was ich das Fünfte Evangelium nennen möchte, muß uns alles erscheinen, was geschehen ist nach jenem Gespräche des Jesus von Nazareth mit der Mutter, von dem ich auch hier eine Darstellung gegeben habe. Ich möchte nun, wie das hoffentlich im intimen Kreise einer solchen Arbeitsgruppe, wie die hiesige ist, geschehen kann, zunächst aufmerksam machen auf das, was unmittelbar nach dem Gespräche des Jesus von Nazareth mit der Mutter geschehen ist, was sich also gewissermaßen zwischen diesem Gespräche und der Johannestaufe im Jordan zugetragen hat. Was ich zu erzählen habe, sind Tatsachen, die sich dem intuitiven Schauen ergeben, und die auch ohne weitere Erklärung einfach angeführt werden sollen, so daß sich jeder über sie die Gedanken machen kann, die er will.

Wir haben gesehen, daß nach dem Leben, das wir in bezug auf einzelnes geschildert haben, welches der Jesus von Nazareth von seinem zwölften bis zum neunundzwanzigsten, dreißigsten Jahre geführt hat, ein Gespräch zwischen ihm und seiner Mutter stattgefunden hat, jener Mutter, die eigentlich seine Stief- oder Ziehmutter und die leibliche Mutter des salomonischen Jesus war, jenes Gespräch, in dem gewissermaßen so intensiv, so energisch in die Worte des Jesus von Nazareth eingeflossen ist das, was sich ihm als Konsequenz, als die Wirkung seines Erlebens ergeben hat: daß mit seinen Worten in die Seele der Stief- oder Ziehmutter eine ungeheure Kraft hinüberging. Es war eine solche Kraft, welche möglich machte, daß die Seele der leiblichen Mutter des nathanischen Jesus von Nazareth aus der geistigen Welt heruntersteigen konnte, in der sie ungefähr seit dem zwölften Jahre des nathanischen Jesus war, und durchdringen, durchgeistigen konnte die Seele der Stief- oder Ziehmutter, so daß diese fortan weiterlebte, durchdrungen mit der Seele der Mutter des nathanischen Jesus. Für den Jesus von Nazareth selbst aber ergab sich, daß mit seinen Worten gleichsam das Ich des Zarathustra fortgegangen war. Was sich jetzt auf den Weg machte zur Johannestaufe im Jordan, das war im Grunde genommen der nathanische Jesus, der die drei Hüllen in der Weise gestaltet hatte, wie es öfter besprochen worden ist, ohne das Ich des Zarathustra, aber mit den Wirkungen dieses Zarathustra-Ichs, so daß tatsächlich alles, was das Zarathustra-Ich in diese dreifache Hülle hineingießen konnte, in dieser dreifachen Hülle auch war.

Sie werden verstehen, daß dieses Wesen, das jetzt als Jesus von Nazareth aus einem, man möchte sagen, unbestimmten kosmischen Drange — für ihn unbestimmten, für den Kosmos sehr bestimmten Drange heraus — zu der Johannestaufe im Jordan ging, nicht in demselben Sinne als Mensch anzusprechen ist wie andere Menschen. Denn das, was dieses Wesen als Ich ausgefüllt hatte seit seinem zwölften Jahre, war das Zarathustra-Ich. Dieses Zarathustra-Ich war jetzt fort. Es lebte nur in den Wirkungen dieses Zarathustra-Ichs weiter.

Als nun dieses Wesen Jesus von Nazareth sich auf den Weg machte zu dem Täufer Johannes, da — so erzählt das Fünfte Evangelium — begegnete der Jesus von Nazareth zunächst zwei Essäern. Zwei Essäer waren es, mit denen er oftmals bei den Gelegenheiten, von denen ich gesprochen habe, Gespräche geführt hatte. Aber da das Ich des Zarathustra aus ihm herausgegangen war, so kannte er die beiden Essäer nicht sogleich. Sie aber erkannten ihn, denn es hatte sich natürlich jenes bedeutungsvolle physiognomische Gepräge, welches diese Wesenheit durch das Innewohnen des Zarathustra bekommen hatte, für den äußeren Anblick nicht geändert. Die beiden Essäer sprachen ihn an mit den Worten: Wohin geht dein Weg? — Der Jesus von Nazareth antwortete: Dahin, wohin noch Seelen eurer Art nicht blikken wollen, wo der Schmerz der Menschheit die Strahlen des vergessenen Lichtes fühlen kann!

Die beiden Essäer verstanden seine Rede nicht. Als sie merkten, daß er sie nicht erkannte, da sprachen sie zu ihm: Jesus von Nazareth, kennst du uns denn nicht? — Er aber antwortete: Ihr seid wie verirrte Lämmer; ich aber werde der Hirte sein müssen, dem ihr entlaufen seid. Wenn ihr mich recht erkennet, werdet ihr mir bald von neuem entlaufen. Es ist so lange her, daß ihr von mir entflohen seid! — Die Essäer wußten nicht, was sie von ihm halten sollten, denn sie wußten nicht, wie es möglich wäre, daß aus einer Menschenseele solche Worte kommen konnten. Und unbestimmt schauten sie ihn an. Er aber sprach weiter: Was seid ihr für Seelen, wo ist eure Welt? Warum umhüllt ihr euch mit täuschenden Hüllen? Warum brennt in eurem Innern ein Feuer, das in meines Vaters Hause nicht entfacht ist? Ihr habt des Versuchers Mal an euch; er hat mit seinem Feuer eure Wolle glänzend und gleißend gemacht. Die Haare dieser Wolle stechen meinen Blick. Ihr verirrten Lämmer, der Versucher hat eure Seelen mit Hochmut durchtränkt; ihr traft ihn auf eurer Flucht.

Als Jesus von Nazareth das gesagt hatte, sprach einer der Essäer: Haben wir nicht dem Versucher die Türe gewiesen? Er hat kein Teil mehr an uns. — Und Jesus von Nazareth sprach: Wohl wieset ihr dem Versucher die Türe, doch er lief hin und kam zu den anderen Menschen. So grinst er euch aus den Seelen der anderen Menschen von allen Seiten an! Glaubt ihr denn, ihr hättet euch dadurch erhöhen können, daß ihr die anderen erniedrigt habt? Ihr kommt euch hoch vor, aber nicht deshalb, weil ihr hochgekommen seid, sondern weil ihr die anderen erniedrigt habt. So sind sie niedriger. Ihr seid geblieben, wo ihr wäret. Nur deshalb kommt ihr euch so hoch über den anderen vor. — Da erschraken die Essäer. In diesem Augenblick aber verschwand der Jesus von Nazareth vor ihren Augen. Sie konnten ihn nicht mehr sehen.

Nachdem ihre Augen für eine kurze Weile wie getrübt waren, fühlten sie den Drang, in die Ferne zu schauen. Und in der Ferne schauten sie etwas wie eine Fata Morgana. Diese zeigte ihnen, ins Riesenhafte vergrößert, das Antlitz dessen, der eben vor ihnen gestanden. Und dann hörten sie wie aus der Fata Morgana zu ihnen gesprochen die Worte, furchtbar ihre Seelen durchdringend: Eitel ist euer Streben, weil leer ist euer Herz, da ihr euch erfüllt habt mit dem Geiste, der den Stolz in der Hülle der Demut täuschend birgt! — Und als sie eine Weile wie betäubt von diesem Gesicht und diesen Worten gestanden hatten, verschwand die Fata Morgana. Aber auch der Jesus von Nazareth stand nicht mehr vor ihnen. Sie blickten sich um. Da war er schon weitergegangen, und fern von ihnen sahen sie ihn. Und die beiden Essäer gingen nach Hause und sagten keinem etwas, was sie gesehen hatten, sondern schwiegen die ganze übrige Zeit bis zu ihrem Tode.

Ich will diese Tatsachen darstellen und rein für sich geben, wie sie sich aus dem heraus, was wir die Akasha-Chronik nennen, finden lassen, und jeder kann sich dabei denken, was er mag. Es ist dieses gerade jetzt wichtig, weil dieses Fünfte Evangelium vielleicht doch immer mehr ausführlich kommen mag, und weil durch jede theoretische Interpretation das, was es geben will, nur gestört werden könnte.

Als nun der Jesus von Nazareth auf diesem Wege zum Jordan hin, auf den er getrieben worden war, eine Weile weiterging, begegnete er einer Persönlichkeit, von der man sagen kann: in ihrer Seele war tiefste Verzweiflung. Ein Verzweifelter kam ihm in den Weg. Und der Jesus von Nazareth sagte: Wozu hat deine Seele dich geführt? Ich habe dich vor Äonen gesehen, da warst du ganz anders. — Da sprach der Verzweifelte: Ich war in hohen Würden; ich bin im Leben hoch gestiegen. Viele, viele Ämter habe ich durchlaufen in der menschlichen Rangordnung, und schnell ging es. Da sagte ich mir oftmals, wenn ich sah, wie die anderen in ihren Würden zurückblieben, und ich hochstieg: Was für ein seltener Mensch bist du doch; deine hohen Tugenden erheben dich über alle anderen Menschen! Ich war im Glück und genoß voll dieses Glück. — So sagte der Verzweifelte. Dann fuhr er fort: Dann kam mir einmal schlafend etwas vor wie ein Traum. Im Traume war es, wie wenn eine Frage an mich gestellt würde, und dann wußte ich gleich, daß ich mich im Traume selber schämte vor dieser Frage. Denn die Frage, die da an mich gestellt wurde, war die: Wer hat dich groß gemacht? — Und ein Wesen stand vor mir im Traume, das sagte: Ich habe dich erhöht, doch du bist dafür mein! — Und ich schämte mich; denn ich glaubte, nur meinen eigenen Verdiensten und meinen Talenten die Erhöhung zu verdanken. Und jetzt trat mir — ich fühlte, wie ich mich im Traume schämte — ein anderes Wesen entgegen, das sagte, daß ich kein Verdienst hätte an meiner Erhöhung. Da mußte ich im Traume vor Scham die Flucht ergreifen. Ich ließ alle meine Ämter und Würden hinter mir und irre herum, suchend und nicht wissend, was ich suche. — So sprach der Verzweifelte. Und als er noch so sprach, stand das Wesen wieder vor ihm, zwischen ihm und dem Jesus von Nazareth, und deckte mit seiner Gestalt die Gestalt des Jesus von Nazareth zu. Und es hatte der Verzweifelte ein Gefühl, daß dieses Wesen etwas mit dem Luziferwesen zu tun habe. Und während das Wesen noch vor ihm stehenblieb, entschwand der Jesus von Nazareth, und dann verschwand auch das Wesen. Dann sah aber der Verzweifelte bereits in einiger Entfernung, daß Jesus von Nazareth vorübergegangen war, und er zog seines Weges irrend weiter.

Als Jesus von Nazareth weiterging, traf er einen Aussätzigen. Auf die Frage des Jesus von Nazareth: Wozu hat der Weg deiner Seele dich geführt? Ich habe dich vor Äonen gesehen, doch da warst du anders — , sagte der Aussätzige: Mich haben die Menschen verstoßen, verstoßen wegen meiner Krankheit! Kein Mensch wollte mit mir etwas zu tun haben, und ich wußte nicht, wie ich für die Notdurft meines Lebens sorgen sollte. Da irrte ich in meinem Leide herum und kam einmal in einen Wald. Etwas, was ich in der Ferne sah wie ein leuchtender Baum, zog mich an. Und ich konnte nicht anders, als wie getrieben zu diesem leuchtenden Baume hinzugehen. Da war es, wie wenn aus diesem Lichtschimmer des Baumes etwas herauskäme wie ein Totengerippe. Und ich wußte: der Tod selber stand vor mir. Der Tod sagte: Ich bin du! Ich zehre an dir. — Da fürchtete ich mich. Der Tod aber sprach: Warum fürchtest du dich? Hast du mich nicht immer geliebt? — Und ich wußte doch, daß ich ihn nie geliebt hatte. Und während er so zu mir sprach: Warum fürchtest du dich? Hast du mich nicht geliebt? — verwandelte er sich in einen schönen Erzengel. Dann verschwand er, und ich verfiel in einen tiefen Schlaf. Erst am Morgen wachte ich wieder auf und fand mich an dem Baume schlafend. Von da ab wurde mein Aussatz immer schlimmer. — Und als er das erzählt hatte, stand das, was er an dem Baume gesehen hatte, zwischen ihm und dem Jesus von Nazareth und verwandelte sich in ein Wesen, von dem er wußte: Ahriman oder etwas Ahrimanisches stand vor ihm. Und während er es noch anschaute, verschwand das Wesen, und auch der Jesus von Nazareth verschwand. Jesus war schon eine Weile weitergegangen. Und der Aussätzige mußte weiterziehen.

Nach diesen drei Erlebnissen kam der Jesus von Nazareth zu der Johannestaufe im Jordan. Noch einmal will ich hier erwähnen, daß, als die Johannestaufe sich vollzogen hatte, dasjenige eintrat, was auch in den anderen Evangelien beschrieben ist, und was man als die Versuchung bezeichnet. Diese Versuchung hat sich so vollzogen, daß der Christus Jesus nicht nur dem einen Wesen gegenüberstand, sondern daß die Versuchung gleichsam in drei Etappen verlief.

Zuerst stand der Christus Jesus einem Wesen gegenüber, das ihm jetzt nahe war, weil er es gesehen hatte, als der Verzweifelte an ihn herangetreten war, und das er dadurch gerade als Luzifer empfinden konnte. Das ist ein sehr bedeutsamer Zusammenhang. Und dann fand durch Luzifer jene Versuchung statt, die ja mit den Worten ausgesprochen ist: Ich gebe dir alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, wenn du mich als deinen Herrn anerkennst! — Die Luziferversuchung wurde abgeschlagen.

Die zweite Attacke bestand darin, daß Luzifer wiederkam, aber mit ihm das Wesen, das zwischen dem Jesus von Nazareth und dem Aussätzigen gestanden hatte, und das er deshalb als Ahriman erfühlte. Und stattfand jetzt die Versuchung, die in den anderen Evangelien in die Worte gekleidet ist: Stürze dich hinab, es wird dir nichts geschehen, wenn du der Sohn Gottes bist. — Auch diese Versuchung, die so stattfand, daß Luzifer durch Ahriman und Ahriman durch Luzifer paralysiert werden konnte, wurde abgeschlagen.

Nur die dritte Versuchung, die durch Ahriman allein geschah, um den Christus Jesus zu versuchen, daß die Steine zu Brot gemacht werden könnten, nur diese Versuchung wurde dazumal nicht völlig abgeschlagen. Und diese Tatsache, daß Ahriman nicht völlig besiegt wurde, sie führte dann dazu, daß die Dinge den Verlauf nahmen, den sie eben genommen haben. Dadurch konnte dann Ahriman durch den Judas wirken; dadurch konnte es überhaupt geschehen, daß alle späteren Ereignisse eingetreten sind in der Weise, wie wir es noch hören werden.

Sie sehen, es hat sich hier eine Akasha-Intuition ergeben über den Moment, den wir als einen unendlich wichtigen in der ganzen Christus Jesus-Entwickelung und damit in der Entwickelung der Erde ansehen müssen. Gleichsam als ob noch einmal vorüberziehen sollte die Art, wie die Erdentwickelung verbunden ist mit dem luziferischen und ahrimanischen Element, so traten die Ereignisse auf zwischen dem Gespräch des Jesus von Nazareth mit der Ziehmutter und der Johannestaufe im Jordan. Derjenige, welcher der nathanische Jesus war und in dem durch achtzehn Jahre das Ich des Zarathustra gewirkt hatte, war durch die geschilderten Ereignisse vorbereitet, die Christus-Wesenheit in sich aufzunehmen. Und damit stehen wir an dem Punkt, von dem so außerordentlich wichtig ist, daß er in der richtigen Weise vor unsere Seele tritt, wenn wir die Menschheitsentwickelung der Erde entsprechend verstehen wollen. Darum versuchte ich auch verschiedenes zusammenzutragen, wie es sich aus der okkulten Forschung ergibt, was in diesem Sinne unsere Menschheitsentwickelung auf der Erde begreiflich machen kann.

Es wird sich vielleicht auch einmal die Möglichkeit bieten, hier über die Dinge zu sprechen, die jetzt in dem Leipziger Vortragszyklus besprochen sind, wo ich versuchte, eine Linie zu ziehen von dem Christus-Ereignis zu dem Parzival-Ereignis hin. Heute will ich darüber nur einige Andeutungen machen im Zusammenhange mit den Tatsachen des Fünften Evangeliums, die ich dann bei unserer nächsten Zusammenkunft weiter besprechen möchte. Ich möchte darauf aufmerksam machen, wie durch die verschiedensten Dinge der Menschheitsentwickelung — Dinge, die dieser Menschheitsentwickelung gleichsam eingeprägt sind, damit diese Menschheitsentwickelung ein wenig den Gang der Ereignisse verstehen sollte — , wie der ganze Sinn und Verlauf dieser Menschheitsentwickelung zum Ausdruck kommt, wenn man diese Dinge nur versteht und im richtigen Lichte sieht. Nicht auf das möchte ich eingehen, was ich in Leipzig auseinandergesetzt habe über den Zusammenhang der Parzival-Idee mit der Christus-Entwickelung; aber auf etwas, was dort alle Auseinandersetzungen durchdrungen hat, möchte ich eingehen.

Dazu muß ich allerdings darauf aufmerksam machen, daß wir uns erinnern: Wie steht Parzival vor uns, der einige Jahrhunderte, nachdem das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, gleichsam eine wichtige Stufe bildet für das Fortwirken des Christus-Ereignisses in einer Seele?

Parzival ist der Sohn eines abenteuernden Ritters und seiner Mutter Herzeleide. Der Ritter ist schon weggezogen, bevor Parzival geboren wurde. Die Mutter erleidet Schmerzen und Qualen schon vor der Geburt. Sie will ihren Sohn vor alledem bewahren, womit er in Berührung kommen kann etwa durch Rittertugend und dadurch, daß er im Ritterdienste seine Kräfte entfaltet. Sie zieht ihn so auf, daß er nichts von allem erfährt, was in der äußeren Welt vorkommt, was dem Menschen durch die Einflüsse der äußeren Welt gegeben werden kann. In der Einsamkeit der Natur, nur eben diesen Eindrücken der Natur überlassen, soll Parzival heranwachsen. Nichts wissen soll er von dem, was unter den Rittern und den anderen Menschen vorgeht. Es wird auch gesagt, daß er nichts weiß von dem, was in der äußeren Welt über diese oder jene religiösen Vorstellungen gesagt wird. Einzig und allein das erfährt er von der Mutter, daß es einen Gott gibt, daß ein Gott hinter allem steht. Er will Gott dienen. Aber mehr weiß er nicht, als daß er Gott dienen kann. Alles andere wird ihm vorenthalten. Aber der Drang zum Rittertum ist so stark, daß er dazu getrieben wird, die Mutter eines Tages zu verlassen und hinauszuziehen, um das kennenzulernen, wonach es ihn treibt. Und dann wird er nach mancherlei Irrfahrten nach der Burg des Heiligen Grals geführt.

Was er dort erlebt, ist uns am besten — das heißt am besten entsprechend dem, was wir aus der geisteswissenschaftlichen Urkunde heraus gewinnen können — bei Chrestien de Troyes geschildert, der auch eine Quelle war für Wolfram von Eschenbach. Wir erfahren, daß Parzival einst auf seinen Wanderungen in eine waldige Gegend kam, am Meeresrande, wo zwei Männer fischten. Und auf die Frage, die er ihnen stellte, wiesen sie ihn nach der Burg des Fischerkönigs. Er kam an die Burg, trat ein, und es wurde ihm der Anblick, daß er einen Mann fand, krank und schwach, der auf einem Ruhebette lag. Dieser gab ihm ein Schwert, das Schwert seiner Nichte. Und der Anblick bot sich ihm weiter, daß ein Knappe hereintrat mit einer Lanze, von der Blut heruntertroff, bis zu den Händen des Knappen. Dann trat herein eine Jungfrau mit einer goldenen Schale, aus der ein solches Licht leuchtete, das alle anderen Lichter des Saales überstrahlte. Dann wurde ein Mahl aufgetragen. Bei jedem Gange wurde diese Schale vorübergetragen und in das Nebenzimmer gebracht. Und der dort liegende Vater des Fischerkönigs wurde durch das, was in dieser Schale war, gestärkt.

Das alles war dem Parzival wunderbar vorgekommen, allein er hatte früher auf seinen Wanderungen durch einen Ritter den Rat erhalten, nicht viel zu fragen. Daher fragte er auch jetzt nicht nach dem, was er sah; er wollte erst am nächsten Morgen fragen. Aber als er aufwachte, da war das ganze Schloß leer. Er rief, niemand kam. Er glaubte, die Ritter seien auf die Jagd gezogen und wollte ihnen folgen. Auf dem Schloßhofe fand er sein Pferd gesattelt. Er ritt hinaus, mußte aber schnell über die Zugbrücke reiten; das Pferd hatte einen Sprung machen müssen, weil die Zugbrücke gleich hinter ihm heraufgezogen wurde. Aber nichts fand er von den Rittern.

Aber es ist uns ja bekannt, worauf es ankommt: daß Parzival nicht gefragt hat. Trotzdem das Wunderbarste vor seine Seele getreten ist, hat er zu fragen versäumt. Und er muß es immer wieder hören, daß es mit dem, was zu seiner Sendung gehört, etwas zu tun hat, daß er hätte fragen müssen, daß gewissermaßen seine Mission zusammengehangen hat mit dem Fragen nach dem Wunderbaren, das ihm entgegengetreten ist. Er hat nicht gefragt! Erkennen ließ man ihn, daß er eine Art Unheil dadurch herbeigeführt hat, daß er nicht gefragt hat.

Wie steht hier Parzival vor uns? So steht er vor uns, daß wir uns sagen: In ihm haben wir eine Persönlichkeit, die abseits erzogen worden ist von der Kultur der äußeren Welt, die nichts hat wissen sollen von der Kultur der äußeren Welt, die zu den Wundern des Heiligen Grals hat geführt werden sollen, damit sie nach diesen Wundern fragt, aber fragt mit jungfräulicher, nicht durch die übrige Kultur beeinflußter Seele. Warum sollte sie so fragen? Ich habe öfters darauf hingewiesen, daß das, was durch den Einfluß des Christus-Impulses gewirkt worden war, als eine Tat gewirkt worden war, daß die Menschen nicht gleich haben verstehen können, was gewirkt worden ist. So haben wir auf der einen Seite das, was dadurch, daß der Christus in die Erdenaura eingeflossen ist, fortlaufend gewirkt worden war, was auch die Menschen darüber gedacht und gestritten und ersonnen haben in den mannigfaltigen theologischen Dogmen. Denn der Christus-Impuls hat weitergewirkt! Und die Gestaltung des Abendlandes geschah durch den Einfluß dieses Christus-Impulses, der gleichsam in den Untergründen auf die Menschenseelen und in den Untergründen des ganzen geschichtlichen Werdens wirkte. Hätte er nur durch das wirken können, was die Menschen verstanden haben und worüber sie gezankt haben, so hätte er wenig in der Menschheitsentwickelung wirken können. Jetzt sehen wir zur Parzival-Zeit einen wichtigen Moment herbeikommen, wo der Christus-Impuls wieder um eine Stufe weiter wirken soll.

Daher soll Parzival nicht einer von denjenigen sein, die gewissermaßen gelernt haben, was einst auf Golgatha hingeopfert worden ist, was nachher die Apostelväter, die Kirchenlehrer und die anderen verschiedenen theologischen Strömungen gelehrt haben. Er sollte nicht wissen, wie sich die Ritter mit ihren Tugenden in den Dienst des Christus gestellt haben. Er sollte einzig und allein mit dem Christus-Impuls in den Untergründen seiner Seele in Zusammenhang kommen, in den er nach Maßgabe seiner Zeit hat kommen können. Getrübt hätte es diesen Zusammenhang nur, wenn er das aufgenommen hätte, was die Menschen über den Christus gelehrt oder gelernt hatten. Nicht was die Menschen taten oder sagten, sondern was die Seele erlebt, wenn sie nur dem hingegeben ist, was übersinnlich geschah im Fortwirken des Christus-Impulses. So sollte es bei Parzival sein. Äußere Lehre gehört immer auch der sinnlichen Welt an. Aber der Christus-Impuls hat übersinnlich gewirkt und sollte übersinnlich in die Seele des Parzival hineinwirken. Zu nichts anderem sollte seine Seele getrieben werden, als zu fragen dort, wo ihm die Bedeutsamkeit des Christus-Impulses entgegentreten konnte: am Heiligen Gral. Fragen sollte er! Fragen sollte er, nicht angestiftet durch das, was die Ritter glaubten in dem Christus verehren zu müssen, oder durch das, was die Theologen glaubten in dem Christus verehren zu müssen; sondern einzig und allein durch die jungfräuliche, aber im Sinne ihrer Zeitepoche lebende Seele sollte er angeregt werden, zu fragen, was der Heilige Gral enthüllen könnte, und was eben das Christus-Ereignis sein konnte. Er sollte fragen! Halten wir dieses Wort fest.

Ein anderer sollte nicht fragen. Er ist ja bekannt genug, der nicht fragen sollte: der Jüngling zu Sais sollte nicht fragen. Denn sein Verhängnis war es, daß er fragen mußte, daß er tat, was er nicht tun sollte, daß er haben wollte, daß das Bild der Isis enthüllt werden sollte. Der Parzival der vor dem Mysterium von Golgatha liegenden Zeit, das ist der Jüngling zu Sais. Aber in jener Zeit wurde ihm gesagt: Hüte dich, daß deiner Seele unvorbereitet enthüllt werden sollte, was hinter dem Schleier ist! — Der Jüngling zu Sais nach dem Mysterium von Golgatha ist Parzival. Und er sollte nicht besonders vorbereitet werden, er soll mit jungfräulicher Seele zum Heiligen Gral hingeführt werden. Er versäumt das Wichtigste, da er das nicht tut, was dem Jüngling zu Sais verwehrt war, da er nicht fragt, nicht sucht nach der Enthüllung des Geheimnisses für seine Seele. So ändern sich die Zeiten im Laufe der Menschheitsentwickelung!

Wir wissen es ja — zunächst müssen wir solche Dinge abstrakt andeuten, wir werden darüber aber noch ausführlicher sprechen können — , daß es sich handelt um das, was sich in der Isis enthüllen sollte. Wir stellen uns vor das Bild der alten Isis mit dem Horusknaben, das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen Isis und Horus, dem Sohne der Isis und des Osiris. Aber das ist abstrakt gesprochen. Dahinter liegt natürlich ein großes Geheimnis. Der Jüngling zu Sais war nicht reif, um dieses Geheimnis zu erfahren. Als Parzival, nachdem er auf der Gralsburg nach den Wundern des Heiligen Grals zu fragen versäumt hatte, fortreitet, da gehört zu den ersten, die ihm begegnen, ein Weib, eine Braut, die da trauert um ihren eben gestorbenen Bräutigam, den sie im Schöße hält: Richtig das Bild der trauernden Mutter mit dem Sohne, das später so oftmals als Pietä-Motiv gedient hat! Das ist die erste Hinweisung darauf, was Parzival erfahren hätte, wenn er nach den Wundern des Heiligen Grals gefragt hätte. Er hätte in der neuen Form jenen Zusammenhang erfahren, der besteht zwischen Isis und Horus, zwischen der Mutter und dem Menschensohne. Und er hätte fragen sollen!

Daran sehen wir, wie tief uns solche Hinweise andeuten, was für ein Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit geschieht: Was nicht geschehen darf in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha — nach dem Mysterium von Golgatha soll es geschehen, denn die Menschheit ist eben in der Zwischenzeit vorwärts geschritten. Die Seele der Menschheit ist gewissermaßen eine andere geworden.

Wie gesagt, über alle diese Dinge wollen wir später weiter sprechen; ich will sie hier nur andeuten. Aber alle diese Dinge haben doch für uns nur den entsprechenden Wert, wenn wir sie für uns fruchtbar machen, recht fruchtbar machen. Und was uns aus dem für uns wirklich durch das Bild des Jünglings zu Sais bereicherten Parzival-Geheimnis fließen kann, das ist, daß wir im rechten Sinne, wie es unserer Zeit auch entspricht, fragen lernen. Denn in diesem Fragenlernen liegt die aufsteigende Strömung der Menschheitsentwickelung.

Wir haben notwendigerweise nach dem Mysterium von Golgatha zwei Strömungen der Menschheitsentwickelung: die eine, die den Impuls des Christus in sich trägt und in die spirituellen Höhen allmählich aufwärts führt; die andere, welche gleichsam ein Fortgehen des Niederstieges ist und in das materielle Leben, in den Materialismus hineinführt. In der Gegenwart gehen diese beiden Strömungen so durcheinander, daß allerdings weitaus der größte Teil unserer Kultur von der materialistischen Strömung durchsetzt ist; so daß der Mensch heute vorurteilslos und unbefangen auf alles hinblicken muß, was uns die Geisteswissenschaft über den Christus-Impuls sagen kann, und was damit zusammenhängt, damit er einsehen kann, daß die Seele zu der notwendig immer materialistischer werdenden Außenwelt jenen inneren Fortgang im Sinne der Spiritualität braucht. Dazu aber müssen wir gerade von solchen Dingen etwas lernen, wie das erwähnte ist: Wir müssen lernen zu fragen.

In der spirituellen Strömung müssen wir lernen zu fragen. In der materialistischen Strömung führt aber die Menschen alles ab vom Fragen. Wir wollen diese zwei Dinge nur nebeneinander hinstellen, um zu zeigen, wie die eine und wie die andere Strömung ist. In der einen haben wir diejenigen Menschen, die im Materialismus drinnenstehen. Das können durchaus solche sein, die an diesen oder jenen spirituellen Dogmen festhalten, die mit Worten, mit Theorien die spirituelle Welt anerkennen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß wir mit dem Ganzen unserer Seele in die spirituelle Strömung hineinkommen. Von den Menschen, die in der materialistischen Strömung drinnenstehen, kann man sagen: sie sind keine «Frager». Sie sind wirklich keine Frager, denn sie wissen schon alles. Das ist das Charakteristikon der materialistischen Kultur, daß diese Menschen alles wissen, daß sie nicht fragen wollen. Sogar die jüngsten Menschen wissen heute alles und fragen nicht. Man hält das für Freiheit und für eine Erhöhung des persönlichen Wertes, wenn man überall ein eigenes Urteil fällen kann. Man merkt nur nicht, wie dieses persönliche Urteil reift. Wir wachsen herein in die Welt. Mit den ersten Worten der Kindheit nehmen wir dieses oder jenes auf. Dann wachsen wir heran, nehmen mehr und mehr auf, merken nicht, wie wir die Dinge aufnehmen. Wir sind durch unser Karma so und so geartet. Dadurch gefällt uns dieses oder jenes mehr oder weniger gut. Wir wachsen heran und erreichen mit unserem Urteil das für manche Kritiker schon durchaus respektable Alter von fünfundzwanzig Jahren, und wir fühlen uns reif in unserem Urteil, weil wir glauben, daß es aus unserer eigenen Seele kommt. Wer aber in die Seelen hineinblicken kann, der weiß, daß dahinter nichts steckt als das auf die eigene Seele konzentrierte äußere Leben, in das wir gerade hineingestellt sind. Wir können damit auch in Konflikt kommen, wenn wir glauben, dies oder jenes bringe uns unser eigenes Urteil bei. Indem wir glauben, unabhängig zu sein, werden wir nur um so sklavischer abhängig von unserem eigenen Inneren. Wir urteilen, aber wir verlernen vollständig, zu fragen. Fragen lernen wir nur, wenn wir jenes Gleichmaß der Seele in uns auszubilden vermögen, das sich Ehrfurcht und Ehrerbietung bewahren kann vor den heiligen Gebieten des Lebens, wenn wir imstande sind, in unserer Seele so etwas zu haben, das immer den Drang hat, sich auch durch das eigene Urteil nicht zu engagieren gegenüber dem, was aus den heiligen Gebieten des Lebens an uns herandringen soll. Fragen lernen wir nur, wenn wir uns versetzen können in eine erwartungsvolle Stimmung, so daß durch dieses oder jenes Ereignis sich uns dieses oder jenes im Leben offenbaren mag, wenn wir warten können, wenn wir eine gewisse Scheu tragen, das eigene Urteil anzuwenden gegenüber dem gerade, was mit Heiligkeit aus den heiligen Gebieten des Daseins herausströmen soll, wenn wir nicht urteilen, sondern fragen, und nicht nur etwa Menschen fragen, die uns etwas sagen können, sondern vor allem die geistige Welt fragen, der wir nicht unser Urteilen entgegenhalten, sondern unsere Frage, unsere Frage schon in der Stimmung, in der Gesinnung.

Versuchen Sie sich durch Meditation so recht klar zu werden, welcher Unterschied besteht zwischen dem Entgegenhalten von Urteilen und dem Entgegenhalten von Fragen gegenüber den geistigen Gebieten des Lebens. Das muß man innerlich erfahren, daß ein radikaler Unterschied zwischen den beiden besteht. Mit diesem Unterschiede hängt etwas zusammen, das durch unsere ganze Zeit geht und das wir in unserer spirituellen Geistesströmung ganz besonders wohl beachten sollen. Denn diese spirituelle Geistesströmung wird nur gedeihen können, wenn wir den Unterschied zwischen Fragen und Urteilen verstehen lernen. Gewiß müssen wir urteilen in bezug auf die äußeren Verhältnisse des Lebens. Daher habe ich auch nicht gesagt, wir sollen überall unser Urteilen einschränken; sondern über das, was die tieferen Geheimnisse der Welt sind, sollen wir die erwartungsvolle Fragestimmung kennenlernen. Fortgehen wird unsere spirituelle Bewegung durch alles, wodurch diese Fragestimmung in einem größeren Teile der Menschheit anerkannt und gefördert wird; gehemmt wird unsere spirituelle Bewegung durch alles, was an leichtfertigem Urteilen sich dieser Strömung entgegensetzt. Und wenn wir in rechten Feieraugenblicken unseres Lebens uns zu überlegen versuchen, was wir aus einer solchen Darstellung gewinnen können, wie die von dem nach der Gralsburg gehenden Parzival, der fragen soll, dann gewinnen wir gerade in dieser Parzival-Gestalt ein Vorbild für unsere spirituelle Bewegung. Und damit im Zusammenhange können wir dann manches andere begreifen.

Wenn wir noch einmal zurücksehen auf die Zeit der Menschheitsentwickelung vor dem Mysterium von Golgatha, so müssen wir sagen: Damals hatte die Menschenseele ein altes Erbgut aus der Zeit, da sie aus den geistigen Höhen herunterstieg zu irdischen Inkarnationen. Dieses Erbgut bewahrte sie sich von Inkarnation zu Inkarnation weiter. Daher gab es in jenen Zeiten ein altes Hellsehen, das nach und nach abflutete, immer schwächer und schwächer wurde. Je weiter die Inkarnationen vorschritten, desto schwächer wurde das abflutende alte Hellsehen. Woran war das alte Hellsehen gebunden? Es war gebunden an das, woran auch das äußere Wahrnehmen mit Augen und Ohren gebunden ist, an das, was eben der Mensch in der äußeren Welt ist. Bei den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war es so, daß sie wie Kinder heranwuchsen: sie lernten gehen, sprechen, und sie lernten selbstverständlich, solange die elementaren Kräfte im Sinne des alten Hellsehens noch da waren, auch hellsehen. Sie lernten es wie etwas, was sich ergab im Umgange mit der Menschheit, so wie es sich ergab im Umgange mit der Menschheit, daß man durch die Organisation des Kehlkopfes das Sprechen lernte. Man blieb aber nicht beim Sprechenlernen stehen, sondern schritt vor zu dem elementaren Hellsehen. Dieses elementare Hellsehen war gebunden an die gewöhnliche menschliche Organisation so, wie die menschliche Organisation drinnenstand in der physischen Welt; es mußte also notwendigerweise das Hellsehen auch den Charakter der menschlichen Organisation annehmen. Ein Mensch, der ein Wüstling war, konnte nicht eine reine Natur in sein Hellsehen hineinschieben; ein reiner Mensch konnte seine reine Natur auch in sein Hellsehen hineinschieben. Das ist ganz natürlich, denn es war das Hellsehen an die unmittelbare menschliche Organisation gebunden.

Eine notwendige Folge davon war, daß ein gewisses Geheimnis — das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen der geistigen Welt und der physischen Erdenwelt — , das vor dem Herabstieg des Christus Jesus bestand, nicht für diese gewöhnliche menschheitliche Organisation enthüllt werden durfte. Es mußte die menschheitliche Organisation erst umgestaltet, erst reif gemacht werden. Der Jüngling von Sais durfte nicht ohne weiteres, von außen kommend, das Bild der Isis sehen.

Mit dem vierten nachatlantischen Zeiträume, in welchen das Mysterium von Golgatha hineinfiel, war das alte Hellsehen verschwunden. Eine neue Organisation der Menschenseele trat auf, eine Organisation der Menschenseele, die überhaupt abgeschlossen bleiben muß von der geistigen Welt, wenn sie nicht fragt, wenn sie nicht den Trieb hat, der in der Frage liegt. Dieselben schädlichen Kräfte, die in alten Zeiten an die Menschenseele herangetreten sind, können nicht an sie herantreten, wenn man gerade nach dem Geheimnis fragt, das das Geheimnis des Heiligen Grales ist. Denn in diesem Geheimnisse birgt sich das, was seit dem Mysterium von Golgatha in die Aura der Erde jetzt ausgeflossen ist. Was früher nicht in sie ausgeflossen war, was jetzt als das Geheimnis des Grales in die Erdenaura ausgeflossen ist, bliebe einem doch immer verschlossen, wenn man nicht fragt. Man muß fragen, was aber nichts anderes heißt als: man muß den Trieb haben, dasjenige, was ohnedies in der Seele lebt, wirklich zu entfalten.

Vor dem Mysterium von Golgatha war es nicht in der Seele, denn der Christus war nicht in der Erdenaura. Vor dem Mysterium von Golgatha würde jemand ohne weiteres, wenn er nur das Bild der Isis im rechten Sinne geschaut und ihr Geheimnis ergründet hätte, durch das, was in ihm noch an alten hellseherischen Kräften vorhanden war, seine ganze Menschennatur da hineingelegt haben, und er würde es dann so erkannt haben.

In der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha wird eine Seele, die zum Fragen kommt, im rechten Sinne zum Fragen kommen, und sie wird auch im rechten Sinne das neue Isis-Mysterium empfinden können. Daher ist es so, daß es heute ankommt auf das richtige Fragen, das heißt auf das richtige Sich-Stellen zu dem, was als spirituelle Weltanschauung verkündet werden kann. Kommt ein Mensch bloß aus der Stimmung des Urteilens, dann kann er alle Bücher und alle Zyklen und alles lesen — er erfährt gar nichts, denn ihm fehlt die Parzival-Stimmung. Kommt jemand mit der Fragestimmung, dann wird er noch etwas ganz anderes erfahren, als was bloß in den Worten liegt. Er wird die Worte fruchtbar mit den Quellkräften in seiner eigenen Seele erleben. Daß uns das, was uns spirituell verkündet ist, zu einem solchen inneren Erleben werde, das ist es, worauf es ankommt.

Daran werden wir insbesondere erinnert, wenn solche Dinge an uns herantreten wie die bedeutsamen Ereignisse zwischen dem Gespräche des Jesus von Nazareth mit der Mutter und der Johannestaufe im Jordan. Denn diese Dinge werden uns auch nur etwas sein können, wenn wir nach ihnen fragen, wenn wir das lebendige Bedürfnis haben, zu erkennen, was gewirkt hat an jenem wichtigen Scheidepunkte, wo die Zeit vor dem Mysterium von Golgatha sich trennt von der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Es ist am besten, gerade diese Dinge auf seine Seele wirken zu lassen. Es ist im Grunde genommen alles, was sie unserer Seele sagen sollen, schon in der Erzählung enthalten. Wir brauchen nicht viel in sie hineinzuinterpretieren.

Gerade bei Gelegenheit dieses Abschnittes des Fünften Evangeliums wollte ich diese allgemeine Bemerkung machen und darauf hinweisen, wie es für unsere Zeit in gewissem Sinne wiederum wichtig wird, Parzival-Stimmung zu verstehen. Man wird sie verstehen müssen. Sie ist ja aufgetaucht bei Richard Wagner, der sie musikalisch-dramatisch zu verkörpern suchte. Nicht will ich mich einlassen in den großen Streit, der in der äußeren Welt heute wegen des «Parsifal» entbrannt ist. Geisteswissenschaft ist nicht dazu da, um Partei zu ergreifen. Daher möge es ihr ferneliegen, sich hier einzumischen in den Streit zwischen denjenigen, die Wagners «Parsifal», zunächst das bedeutsamste Dokument für die heutige Welt über die neue Parzival-Stimmung, in Bayreuth behalten möchten, Schutz für ihn haben möchten, und denjenigen, die ihn übergeben wollen dem Reiche Klingsors. Es tritt ja im Grunde genommen das letztere schon ein. Aber auf das andere möchte ich hinweisen: daß in dem Fortwirken des Christus-Impulses gleichsam da, wo noch nicht die Urteilskraft, wo noch nicht das Oberbewußtsein der Menschen hindringt, wohinein aber immer mehr und mehr dieses Oberbewußtsein durch die spirituelle Weltanschauung deuten soll, daß da auch immer die Parzival-Stimmung sein muß, und noch manches andere, wovon wir dann im Verlaufe dieses Winters noch sprechen wollen.




Zuletzt aktualisiert: 05-Oct-2019
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