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Highlight Words

Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Schmidt-Nummer: S-3660

Online seit: 30th April, 2013

ERSTER VORTRAG

Dornach, 15. Februar 1919

Unter den Vorträgen, die ich in der letzten Zeit hier gehalten habe, waren eine Anzahl über die jetzt drängende, brennende soziale Frage. Daß das, was man soziale Frage seit langem auch in der Gegenwart nennt, etwas im sozialen Leben der ganzen Menschheit Drängendes und Brennendes ist, das kann ja heute jeder wissen, der nicht wie ein seelisch Schlafender die Ereignisse, in die sein eigenes Dasein hinein versponnen ist, beobachtet. Inwiefern in den Lebensnotwendigkeiten der modernen Menschheit, und inwiefern in der ganzen neueren Entwickelung der Menschheit die soziale Frage eine bestimmte Gestaltung — die Gestaltung, die heute so einschneidend für das Leben ist — angenommen hat, das kann aus den Vorträgen ersehen werden, die ich hier gehalten habe, und die ich auch, wenigstens in ihrem Extrakt, an einzelnen Orten der Schweiz öffentlich gehalten habe. So ist unter uns, die wir in die anthroposophische Bewegung hinein verstrickt sind, gewissermaßen das Bedürfnis gekommen, auch von unserem Gesichtspunkte aus über die Schicksale der Menschheit, namentlich auch mit Bezug auf die soziale Frage, irgendwie zu einem Urteil zu kommen, das durch die uns mögliche Weise in die Wirklichkeit umgesetzt werden könnte.

Längere Zeit schon haben sich Mitglieder von uns bemüht, ihre Kraft in den Dienst unserer so schwierigen Zeit zu stellen. Mancherlei 1st dabei bedacht, mancherlei in Aussicht genommen worden. Selbstverständlich, meine lieben Freunde, kann ja jeder nur in der Weise in die Ereignisse eingreifen wollen, in der er durch sein Schicksal, durch sein Karma, durch seine, sagen wir, Menschheitsposition vorbestimmt ist, die ihm vorgezeichnet ist. Nun, aus den verschiedenerlei Aspirationen, die aus unserer Mitte herausgekommen sind, ergab sich dann das Folgende: die drei Herren, welche es sich zur besonderen Aufgäbe gesetzt haben, in Stuttgart zu arbeiten in einem Sinne, der den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Zeit angemessen ist, diese drei Herren, die Sie ja gut kennen — Herr Molt, Herr Dr. Boos, Herr Kuhn —, erschienen bei mir im Beginne des Februar, und es entstand die Absicht, dasjenige, was wir aus unserer Weltauffassung und Lebensanschauung gewinnen können, so gut es zunächst geht und wie es zunächst zweckmäßig erscheint, gewissermaßen praktisch zu machen. Nun, meine lieben Freunde, wenn es sich nicht um Betrachtungen, sondern wenn es sich um Wirklichkeiten handelt, dann kann ja immer nur die Rede davon sein, was in einem ganz bestimmten Zeitpunkte das Angemessene, das Entsprechende ist; was geeignet ist, in einer gewissen Beziehung einen Anfang zu machen. Wer nicht einen Anfang, einen angemessenen Anfang machen will, sondern gleich, wie man sagt, mit der Tür ins Haus fallen will, wird in der Regel nichts Besonderes erreichen.

Nach den Antezedenzien, die da vorlagen, handelte es sich uns darum, zunächst irgend etwas zu tun, was uns im gegenwärtigen Zeitpunkt richtig scheinen kann gerade mit Bezug auf das schwergeprüfte deutsche Volk. Wenn man den Blick auf die gegenwärtigen Ereignisse wirft, dann stellt sich ja als zunächst bedeutsamste Erscheinung die heraus — ich habe sie oftmals hier charakterisiert —, daß eine Kluft, ein Abgrund ist zwischen den Menschenklassen: auf der einen Seite alles, was die bisher die Geschicke der Menschheit mehr oder weniger leitenden Kreise waren — und auf der anderen Seite das eben gerade mit den realen Forderungen der sozialen Frage heraufrückende Proletariat. Das Proletariat kommt allerdings für den Einsichtigen in zwei Gestalten in Betracht: das Proletariat als solches und die Führer des Proletariats. Ich habe oftmals hier auseinandergesetzt, wie alle die Gedanken, Empfindungen, die Aspirationen, die Impulse, welche die Führer des Proletariats in ihren Köpfen haben, und von denen aus sie ihren Einfluß gewinnen innerhalb des Proletariats, im Grunde die Erbschaft des bourgeoisen Denkens der letzten Jahrhunderte sind. Nun, darüber haben wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hier ja gesprochen und die Dinge zu erhärten versucht.

Also eine der bedeutsamsten Erscheinungen aber blieb doch diese, daß eine tiefe Kluft zwischen diesen beiden, sagen wir, Menschengruppen ist. In den letzten Tagen konnte ja jedem, der die Zeitgeschichte miterlebt, diese Kluft deutlich vor Augen treten: auf der einen Seite Paris, wo von einem gewissen Gesichtspunkte aus, der eben derjenige der bisher leitenden Kreise der Menschheit ist, diese Geschicke der Menschheit und der Gegenwart in die Hand genommen werden — auf der anderen Seite Bern mit einer Versammlung, in der alles dasjenige lebt, was durch eine tiefe Kluft geschieden ist von dem anderen. Wer aufmerksam verfolgt hat, was von Paris ausgeht, wer aufmerksam verfolgt hat, was in Bern versucht worden ist auf dem sozialistischen Kongreß, der wird nicht umhin können, sich zu gestehen, daß das Wesentliche, das, was bedeutsam, dauernd eingreifen wird in die Menschheitsentwickelung, zunächst wohl gar nicht dasjenige ist, was in Paris, in Bern gedacht und gewollt wird, sondern das Wesentliche ist, daß an diesen zwei Orten zwei ganz verschiedene soziale Sprachen gesprochen werden. Und wenn man innerlich ehrlich ist, so kann man nicht anders, als sich gestehen: das sind zwei total voneinander verschiedene Sprachen, in denen man sich vorläufig nicht verstehen kann.

Das ist eine so fundamental wichtige Erscheinung, eine so bedeutsame Erscheinung, daß gerade bei gehöriger Betrachtung jedem die Richtigkeit dessen auffallen kann, was ich hier oftmals gesagt habe: daß das Aufsuchen viel tieferer Grundlagen nötig ist, um diese Dinge zu verstehen, um an den Lösungsmöglichkeiten dieser Dinge mitzuarbeiten, als die Grundlagen sind, die auf der einen oder anderen Seite heute noch gesucht werden. Es kommt einem immer wiederum so vor, wie ich vorgestern im öffentlichen Vortrage in Basel gesagt habe: da ist heute die soziale Frage, die soziale Bewegung über einen großen Teil der zivilisierten Menschheit schon als eine Tatfrage, als eine Ereignisfrage von so einschneidender Bedeutung im geschichtlichen Leben der Menschheit da, daß wohl kaum in diesem geschichtlichen Leben je etwas so tief Einschneidendes für die ganze Menschheit der Erde da war; denn so läßt es sich für jeden Einsichtigen an. Die Grundlagen müssen tiefer sein. Und wie oft habe ich hier darauf aufmerksam gemacht: die tieferen Grundlagen findet man nur in jener Wirklichkeitsbetrachtung, von der hier in der geisteswissenschaftlichen Bewegung, in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, auch für die soziale Betrachtung des Lebens und der Dinge ausgegangen wird.

Ich habe gerade bei unserer Silvesterbetrachtung auf etwas Bedeutsames, wie ich glaube, hingewiesen, darauf, daß es heute möglich ist, ganz und gar in bezug auf die Menschheit pessimistisch zu sein, pessimistisch zu sein nicht auf Grundlage irgendeines emotionellen Urteiles, sondern auf Grundlage wirklicher sozialer Rechnung. Ich habe Ihnen dazumal einen Aufsatz vorgelesen von einem Manne, der wirklich so sozial rechnen kann. Und ich habe Ihnen gesagt: es ist nur nüchtern, so pessimistisch zu denken, wenn man nicht auf der anderen Seite das volle Bewußtsein noch haben kann, daß das Sich-Wenden an den Geist noch helfen kann. Aber dieses Bewußtsein sollte sich immer weiter und weiter verbreiten, daß nur Grund ist zum Glauben an zerstörerische Kräfte, die furchtbar wirken werden in den nächsten Jahrzehnten, wenn die Menschen sich nicht an das, was für die Wirklichkeitsbetrachtung aus der Geisteswissenschaft folgt, wenden wollen. Selbstverständlich sind nicht die Dogmen der einen oder anderen geisteswissenschaftlichen Richtung gemeint, sondern gemeint ist überhaupt ein Appellieren an die Geisteskräfte, welche in diesem bedeutsamen Wendepunkte der Entwickelung der Menschheit die einzig heilsamen und helfenden Kräfte sein können.

So wird in einer gewissen Weise diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, weil sie ja nicht aus einer Willkür hervorgegangen ist, sondern aus der Beobachtung der Zeitenkräfte, zugleich in einem ihrer Glieder im eminentesten Sinne ein Zeitheilmittel. Sie ist ja wirklich nicht aus der Willkür entsprungen. Sie ist ja wirklich nicht ein Programm eines Einzelnen oder einzelner Individuen, sondern sie ist hervorgegangen aus der Beobachtung dessen, was die geistige Weltenlenkung selber diktiert als notwendig zum Hereinkommen in den gegenwärtigen Menschheitsverlauf. Deshalb nur kann man von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft so sprechen, sonst wäre solches Sprechen ja selbstverständlich eine Anmaßung. Aber was seinem Ursprunge nach aus ehrlicher Bescheidenheit hervorgeht, braucht, wenn es sich geltend machen will, nicht vor dem Vorwurf zurückzuschrecken, den die Torheit machen kann, daß es sich um eine Anmaßung handelt.

Man kann sagen, von Paris strahlt aus alles dasjenige, was auf den Schwingen einer Lebensauffassung strömte, welche deutlich zeigt, daß sie sich in den letzten viereinhalb Jahren ad absurdum geführt hat. Von Bern strömte aus, was eine Anzahl von Menschen für ein Heilmittel hält, was aber aus einem nicht genügend tiefen Quell geschöpft ist. Von Paris strömt aus, wovor sich fast die ganze Menschheit fürchtet; von Bern wollte dasjenige ausströmen, worauf eine große Anzahl von Menschen glaubt hoffen zu können. Und diese beiden Dinge sprechen heute noch eine ganz verschiedene Sprache. Man kann sich hinüber und herüber über den Abgrund nicht verständigen. Man wird sich erst verständigen, wenn man den inneren Appell der Seele an die Geisteswissenschaft wird stellen wollen.

Aus solchen Impulsen heraus entstand der Gedanke, zunächst zum Verständnis wenigstens eines Teiles der Menschen zu sprechen. Denn auf Verständnis kommt es an. Das habe ich immer wieder und wiederum betont: wir kommen nicht weiter im sozialen Chaos, wenn es uns nicht gelingt, bevor die Instinkte allzu zügellos werden, bei einer genügend großen Anzahl von Menschen der zivilisierten Welt Verständnis hervorzurufen. Das ist ja auch dasjenige, was dem Geiste meiner Vorträge jetzt zugrunde gelegen hat in Zürich, Bern und Basel. Mit den verschiedenen Menschen, mit denen ich gesprochen habe in dieser Zeit, konnte immer wieder und wiederum die Frage erörtert werden: Wie kann man den Zugang zum Verständnisse finden oder: Ist es denn überhaupt noch möglich, bevor ein vollständiges Debakel hereinbricht, den Weg zum Verständnis der Menschen zu finden? — Nun, die letztere Frage kann ja für einen in der Wirklichkeit denkenden Menschen nicht aufgeworfen werden. Denn ein in der Wirklichkeit denkender Mensch stellt nicht Hypothesen auf über dasjenige, was möglich oder unmöglich ist, sondern er greift zu dem, von dem er für notwendig hält, daß es getan werde. Wenn man einen Weg geht, dann handelt es sich darum, den ersten Schritt zu machen. Und man soll ja nicht glauben, wenn der erste Schritt anders ausschaut als das, was man als Ziel ansehen will, daß deshalb dieser erste Schritt unzweckmäßig sein könnte. Der erste Schritt eines weiten Weges kann sich ja immer nur erstrecken über eine sehr kleine Strecke dieses Weges. Es handelt sich nur darum, daß, wenn man nach einem bestimmten Ziele geht, man erstens nicht nach der entgegengesetzten Richtung oder nach links oder nach rechts von dem Ziele geht, und zweitens handelt es sich darum, daß man den Willen hat, wenn man die Wegrichtung einmal angetreten hat, bei dieser Wegrichtung auch zu verbleiben, sich nicht durch alles mögliche nach links und rechts stoßen zu lassen. Außerdem muß man bei Zeitereignissen anknüpfen an dasjenige, was da ist, nicht in die Luft hinein bauen, wenn man sich auf einen gewissen Wirklichkeitsstandpunkt stellen will. Der Gedanke muß an irgend etwas anknüpfen, was gewissermaßen gezeigt hat, daß sich nach einer Richtung hin eine reale Strömung ergießt. Manchmal kann es auch scheinen, als ob der erste Schritt etwas höchst Unglückseliges wäre. Daß er es nicht ist, kann sich vielleicht erst nach einiger Zeit herausstellen.

Als nun die drei genannten Herren, Herr Molt, Herr Dr. Boos und Herr Kühn, mit mir verhandeln wollten über die Sache, so konnte es sich zunächst einmal darum handeln — da es sich ja um einen geistigen Anhub handeln mußte, um einen Appell an das Verständnis der Menschen —, die Frage auf zuwerfen: Wo hat man gesehen, daß zunächst auf die Gedanken der Menschen etwas wirkte? Da erinnern Sie sich einmal an jenen Aufruf an die Kulturwelt, sogenannte Kulturwelt, welchen einmal — es waren größtenteils, glaube ich, Professoren — neunundneunzig deutsche Persönlichkeiten erlassen haben. Man kann vielleicht gar nicht einmal, wenn man nicht aus Emotionen heraus, sondern wieder aus der Wirklichkeit heraus urteilt, ein anderes Urteil fällen, als daß dieser Aufruf an die Kulturwelt reichlich ungeschickt war. Na, es waren Professoren zum großen Teil. Aber er hat Eindruck gemacht, er hat den Weg zu den Gedanken in einer recht unglückseligen Weise gefunden. Und er spukt heute noch immer. Er war in einem gewissen Sinne eine Wirklichkeit, gerade eine Wirklichkeit, die zum Unheil des deutschen Volkes mehr beigetragen hat als manches andere, denn er hat Wellen geschlagen.

Und so konnte man denken: Wie wäre es, wenn man dieser Summe von Gedanken, die dazumal zur Unzeit erlassen worden ist — losgelassen worden ist auf die Menschheit aus Vorstellungen heraus, die ihre Antiquiertheit an der Stirne trugen wie wäre es, wenn man jetzt, wo alles drängt und brennt, um etwas zu tun zur Verständigung, wenn man jetzt einen aus den wirklichen Lebensverhältnissen der gegenwärtigen Menschheit herausgeholten Appell an die Menschheit richten würde; zunächst, wie sich aus der Sache selbst ergibt, gerade an das deutsche Volk, welches ja das Schicksal erlebt hat, seine vermeintliche Aufgabe in einem gewissen Staatsrahmen dadurch verloren zu sehen, daß dieser Staatsrahmen einfach weggefegt ist, wenn man zunächst an dieses deutsche Volk appelliert, es aufmerksam macht darauf, daß ja die Tatsachen zu ihm sprechen, nicht bloß irgendwelche Worte, nicht bloß irgendwelche Urteile, irgendwelche Gedanken, sondern die Tatsachen. Während einem großen Teile der Menschheit gegenüber vielleicht ein solches Wort noch deshalb vergeblich ist, weil die alten Rahmen noch da sind, wird vielleicht doch das deutsche Volk hören — so kann man wohl denken weil der alte Rahmen ihm einfach entzogen ist, weil es nicht mehr auf dem Boden des Alten stehenbleiben kann, sondern einen neuen Boden für seine Lebensaufgabe notwendig suchen muß. Die Menschen sind ja einmal so: solange das Alte nur ein bißchen hält — wenn es nicht gerade Röcke sind —, halten sie am Alten unbedingt fest und verschlafen alles, was sagt, daß es unmöglich ist, an diesem Alten noch festzuhalten. Man glaubt gar nicht, welche Rolle Bequemlichkeit im innersten Leben des Menschen eigentlich spielt.

Aus diesem Gedanken heraus, meine lieben Freunde, habe ich nun eine Art Manifest verfaßt, von dem ich mir denke, daß es gehört werden könnte von den Seelen, die heute für eine Verständigung auf einem gesunden Boden der Wirklichkeit in bezug auf unsere eigentümliche Kulturfrage zu gewinnen sind; daß es verstanden werden kann zunächst von den verständigen Menschen des deutschen Volkes, an das es unmittelbar gerichtet ist. Ich meine aber, daß es auch von den Feinden des deutschen Volkes gelesen werden sollte als etwas, was angemessen gefunden wird in der Gegenwart, von diesem deutschen Volke bedacht und in die Wirklichkeit umgesetzt zu werden. Ich dachte: neunundneunzig haben dazumal unterschrieben; wenn man wiederum neunundneunzig findet aus den Reihen der Deutschen Deutschlands, des ehemaligen Deutschlands, des ehemaligen österreichs und vielleicht diese neunundneunzig vermehren kann um eine kleine Anzahl von Persönlichkeiten, die für ein Verständnis der gegenwärtigen Lebensnotwendigkeiten in neutralen Ländern, namentlich in der Schweiz, zu gewinnen sind, so wäre etwas Positives getan im Gegensatze zu dem damals von den neunundneunzig unternommenen Negativen.

Also ich bitte, mich richtig zu verstehen: Der Appell ist zunächst an das deutsche Volk gerichtet. Es ist aber gewollt, daß das, was innerhalb des deutschen Volkes dergestalt besprochen wird, in der ganzen Kulturwelt gehört werde. Ich werde nun diesen Appell hier zur Verlesung bringen, meine lieben Freunde. Die Gedanken werden Ihnen ja bekannt und vertraut sein, weil wir sie oftmals besprochen haben. Natürlich, in aller Kürze kann auch nur alles ganz kurz sein. Dasjenige, was gewollt wird, ist ja nicht, jemanden zu belehren, sondern etwas zu sagen, was die Menschen aufmerksam darauf machen kann, daß es einen Weg gibt, und was sie aufmerksam darauf machen soll, den rechten Zugang zu diesem Wege zu finden. Gewiß, man kann Anstoß nehmen an der Kürze der Darstellung. Aber es handelt sich ja nicht um ein Schulbuch, sondern es handelt sich darum, etwas zu sagen als Hinweis darauf, daß innerhalb der Menschheit etwas da ist, was helfen kann. Also der Aufruf heißt:

An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!

Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es, die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben. Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: Wie bin ich in meinen Irrtum verfallen? — Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. — Das Reich war gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwickelungskräfte, denen die neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den Weltenzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.

Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen Beurteilung der Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen, welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die Entwickelungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwickelungskräfte richten. Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die Entwickelungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben.

Die «Praktiker» aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse auf einzelnen Gebieten als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich schien. Radikale Überführung aller Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein Interesse hat.

Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat, Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften (z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den alten Formen nachgebildet sind.

Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe der Zeit.

Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken muß.

Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.

Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen.

Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen wollen.

Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den außerdeutschen Völkern zusammenleben können.

Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein geistiges, politisches und wirtschaftliches System in ihren Vertretern müßten als selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen das Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat.

Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen Forderungen ihres Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden: entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte vermehren.

*

Mit diesem Aufrufe sind nun die drei genannten Herren nach Deutschland gereist, und in der Zeit, während ich meine Zürcher, Basler und Bern er Vorträge hielt, haben sie sich bemüht, das in Wirklichkeit überzuführen, was wir uns vorgenommen hatten: etwa gegen hundert Unterschriften zu finden. Herr Stein hat die Aufgabe für Österreich übernommen, andere Herren haben sich hier in der Schweiz bemüht.

Nun, es war ja bisher nur kurze Zeit, aber immerhin, wir, die wir ja einen ersten Schritt machen wollten, können voll damit zufrieden sein, was sich bis jetzt ergeben hat, denn einen solchen Aufruf, der unterstützt ist in der gleichen Weise, wie es der unglückselige Aufruf von dazumal war, den haben wir. Bei meinen letzten Vorträgen in Zürich — die ja ganz absichtlich in Zürich gehalten wurden, weil gewissermaßen jetzt die Schweiz der Drehpunkt ist für alle Verhältnisse der zivilisierten Welt —, bestand für mich die Absicht, schon darauf hinweisen zu können, daß da oder dort Menschen sich finden, bei denen das Verständnis angreift. Und so war es natürlich darum zu tun, das Ergebnis kennenzulernen vor dem letzten Zürcher Vortrage. Und es ergab sich das sehr Erfreuliche, daß mir schon am 11. gemeldet werden konnte: bis jetzt ungefähr hundert Namen, exklusive Schweiz und Wien, beisammen. Das wurde mir von Deutschland gemeldet, wo sich unsere Freunde nach allen Richtungen hin auf die Strümpfe gemacht haben, um diese Sache in der entsprechenden Weise in Wirklichkeit umzusetzen. Von Wien bekam ich das Telegramm an demselben Tage: Haben derzeit, 11. mittags, dreiundsiebzig Unterschriften, morgen sicher mehr. — Und am folgenden Tage: Gesamtresultat dreiundneunzig Unterschriften. — Das konnte Herr Stein melden. Dann ergaben sich noch eine weitere Anzahl von Unterschriften, die nachträglich gemeldet worden sind. Es sind also die Resultate bisher durchaus in befriedigender Weise zu verzeichnen. Und es wäre zu wünschen, da wir ja jetzt so weit sind, daß eine Anzahl von Menschen, und darauf kommt es ja bei einer solchen Aktion immer an, unter denen immerhin auch solche sind, die bekannt sind, auf die man etwas geben wird, daß eine Anzahl von Menschen einen solchen Aufruf, wo es nur sein kann, veröffentlichen, so daß er gesehen, gelesen wird, damit er vor die Augen derer kommt, die es angeht. Eigentlich geht er alle Menschen in der Gegenwart an. Man kann schon sagen: in den Untergründen der menschlichen Seelen gibt es etwas, was die Menschen dazu aufruft, sich an das Verständnis einer solchen Sache zu machen.

Ich habe Ihnen ja im Laufe der Vorträge erzählt, wie die Idee, die jetzt in dieser Form zutage tritt, ja durchaus bei mir nicht neu ist, sondern in der Zeit, in der die kriegerische Katastrophe in eine entscheidende Wendung eingetreten war, habe ich mich bemüht, diesem notwendigen Impuls an den Stellen, die für mich in Betracht kamen, zur Wirksamkeit zu verhelfen. Ich habe Ihnen geschildert, wie das geschehen ist. Ich sagte dazumal Leuten, die für die Sache in Betracht kamen: Es ist nicht ein Programm, nicht ein Ideal, sondern es ist dasjenige, was beobachtet ist als Entwickelungskräfte der neueren Menschheit, was sich unbedingt in den nächsten zehn, zwanzig, dreissig Jahren verwirklichen will und verwirklichen wird. Nicht darum kann es sich handeln, ob es sich verwirklicht oder nicht, sondern lediglich darum, wie es sich verwirklicht. Und gar manchem, auf den es dazumal ankam, sagte ich: Sie haben nun die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen und durch Vernunft so etwas zu verwirklichen — oder soziale Kataklysmen und Revolutionen zu erleben. Überzeugen konnten sich die Leute nur zu bald, daß das letztere keine falsche Prophezeiung war. Aber schwer findet der heutige bequeme Mensch den Weg von einem gewissen Verständnis zu dem Lebensmut, der notwendig ist, um so, wie es ihm nach seiner Position möglich ist, die Sache in die Wirklichkeit überzuführen.

Hier in der Schweiz sind ja auch schon einzelne Unterschriften geleistet worden. Man hat hier immer das Bedenken, daß ja im ersten Teile dieses Aufrufes einiges gesagt ist über die notwendige Selbstbesinnung des deutschen Volkes und über den Irrtum, in dem das deutsche Volk befangen war. Da sagt man darin, man habe als Schweizer doch nicht die Möglichkeit, dem deutschen Volke Lehren zu geben über die Grenzen hinüber. Ich glaube, meine lieben Freunde, so sollte man heute nicht mehr sprechen. Solche Dinge mögen als alte Gedankenmumien eine gewisse Bedeutung gehabt haben vor dem Jahre 1914; aber in der Gegenwart haben diese Dinge keine Bedeutung mehr. In der Gegenwart sollte auch die Engherzigkeit, die aus einer solchen nationalen Beurteilungsweise kommt, aufhören. Das sollte nämlich das Unglück der letzten viereinhalb Jahre die Menschen gelehrt haben. Man sollte schon heute anders denken können — verzeihen Sie — auch in der Schweiz, als man vor viereinhalb Jahren gedacht hat; man sollte das. Denn man sollte auch hier einiges gelernt haben, so daß es entspricht dem, was einen da überkommt, wenn man mit einiger Einsicht die letzten viereinhalb Jahre verfolgt hat. Sie erscheinen einem dann wirklich wie Jahrhunderte, die sich über die Menschheit ergossen haben. Und höchst merkwürdig erscheint es einem, wenn aus den alten nationalen und sonstigen Vorurteilen heraus, die nun wirklich mit dem Jahre 1914 ihren Abschluß gefunden haben sollten, wenn aus diesen nationalen Vorurteilen oder aus Gedankenmumien heraus die Leute heute eine neue Weltordnung gestalten wollen, eine neue europäische Karte gestalten wollen. Dieses europäische Kartengebäude, das wird schnellstens umgeworfen durch die anderen Kräfte, die die allein mächtigen sind in der Gegenwart, die die einzigen bestimmenden sind für das, was man Politik genannt hat: die sozialen Faktoren. Denn alles übrige ist heute Maske. Das aber ist die Wirklichkeit. Und die Europäer werden sich sehr täuschen, wenn sie aus den alten Gedankenmumien heraus urteilen und auch ihre Einwände machen.

Natürlich kann man sagen — ich könnte Ihnen nämlich sehr leicht ein Vademecum aller Widerlegungen geben —, natürlich kann jemand sagen: Ja, aber das ist ja gewissermaßen eine Angabe der Impulse für alle Staaten, das könnte ja erst werden, wenn alle Staaten den Anfang damit machen. Nein, meine lieben Freunde, ein einziger sogenannter Staat kann damit den Anfang machen; es ist dazu geeignet, daß ein einziger den Anfang machen kann. Und wenn einer den Anfang macht, dann hat er etwas getan für die ganze Menschheit. Das ist ja eben gerade das Unglück für das deutsche Volk, daß seine Reichsgründung in die Zeit der neueren Geschichte hineingefallen ist, in der, wenn ein neues Reich gegründet wurde, schon die Notwendigkeit vorhanden war, dieses Reich anzufüllen mit dieser Aufgabe. Und weil es dieses Reich nicht anfüllte mit dieser Aufgabe, hat man nicht verstanden, wozu es überhaupt in der Welt da ist. Wäre es angefüllt gewesen mit dieser Aufgabe, so wären alle Ereignisse anders verlaufen, denn man hätte seine Daseinsbedingungen ad oculus gesehen, oder seine Daseinsberechtigung eingesehen.

Heute urteilen ja die Leute aus Gedankenmumien heraus. Sehen Sie, es gibt auch eine Menge von Leuten in Europa, die nicht von ihren alten europäischen Gedankenmumien loskommen und die aber doch die Allerweltspersönlichkeit Wilson heute aus einem gewissen Schreck heraus — ich weiß nicht, wie ich es sagen soll — wie einen Erlöser betrachten. Aber die Leute müssen sich doch sagen: Sehen wir jetzt ganz ab von einer Beurteilung Wilsons, stellen wir aber die Tatsachenfrage: Wodurch ist denn dieser Wilson in seinem Lande der einflußreiche Mensch geworden, der er ist? — Dadurch, daß er gegen alle anderen Parteien diejenige Politik getrieben hat, aus einem gesunden amerikanischen Instinkt heraus, die genau entgegengesetzt ist dem, wohinein jetzt ein großer Teil von Europa segeln will. Ein großer Teil von Europa will hineinsegeln in eine Gemeinschaft, in eine gesellschaftliche Gemeinschaftspolitik, in der die freiheitlichen, individuellen Kräfte des einzelnen Menschen untergehen. Wilson verdankt seine Wahl, seinen Einfluß, einzig und allein dem Umstände, daß er als amerikanischer Demokrat zur Entfesselung derjenigen Kräfte beigetragen hat, die als individuelle Kräfte im Wirtschaftsleben drinnen-steckten. Nehmen wir einmal hypothetisch an: Europa erreicht die Ideale des Bolschewismus, erreicht die Ideale der Berner Sozialdemokratie, das heißt der Sozialdemokratie des sozialistischen Kongresses. Nehmen wir an, das werde verwirklicht; die Leute erreichten das, wovon sie träumen. Dann würde Europa ein Gebilde, aus dem — trotz aller nationalen Vorurteile — nach dem freien Amerika hinüber, in dem Wilson gerade durch das Entgegengesetzte groß geworden ist, alle freien Kräfte notwendigerweise abfluten würden. Eine furchtbare Konkurrenz zwischen Europa und Amerika müßte sich entspinnen, bei der unmöglich anderes geschehen kann, als daß Europa in Pauperismus verfällt und Amerika reich würde, nicht aus einem Unrecht heraus, sondern aus einer Torheit der europäischen Sozialpolitik heraus. Denn die Dinge würden sich so gestalten, wenn nicht die sozialen Kräfte, die zu entwickeln geradezu die Aufgabe der europäischen Menschheit ist, wenn nicht diese sozialen Kräfte so gedacht und verwirklicht würden, daß sie dem gesunden sozialen Organismus entsprechen.

Wir haben es in diesem Aufrufe nicht etwa bloß mit etwas zu tun, was ausgedacht ist, sondern mit etwas, das auf Kräfte verweist, die überall in der Wirklichkeit vorhanden sind, die verwirklicht werden müssen, ohne deren Verwirklichung wahrhaftig nicht nur das Schicksal Deutschlands und Österreichs, sondern das Schicksal von ganz Europa das sein muß, der Verarmung, der Verelendung und der Ungeistigkeit zu verfallen.

Wir leben eben in einer ernsten Zeit, in der sich mit kleinen Gedanken nicht auskommen läßt. In den Leuten lebt auch etwas, was sie hinzieht zu dem, was in diesem Aufrufe ausgesprochen ist. Man kann das schon beobachten. Und weil das so ist, weil man hoffen kann, doch den Zugang zu den Seelen, zu den Herzen der Menschen zu finden, ist nun versucht worden, das, was während der kriegerischen Katastrophe in der damals notwendigen Form versucht worden ist, wie ich es Ihnen erzählt habe, so umzugestalten, wie es für die heutigen Verhältnisse notwendig ist.

Ich möchte nur hoffen, daß niemand denke, daß so eine Sache eine absolute Bedeutung hat. Ich habe einem Herrn, auf den es später ankam, im Januar 1918 in der Form, in der es dazumal verfaßt war, von dieser Sache gesprochen, aber so, daß ich sagte: Diese Sache kann natürlich nach den Zeitverhältnissen immer andere und andere Formen annehmen, denn es handelt sich nicht um eine Theorie, nicht um ein Programm, nicht um ein Ideal, sondern es handelt sich um etwas, was aus der Wirklichkeit heraus gedacht ist. — Und ich habe weiter gesagt: Weil es aus der Wirklichkeit heraus gedacht ist, so handelt es sich mir gar nicht darum, worum es sich vielen Utopisten handelt. Die Utopisten, die Programme aufstellen, denken sich, daß alles schlecht ist, wenn diese Dinge nicht so verwirklicht werden, wie sie sie in ihren Programmen formulieren. Mir kommt es darauf überhaupt nicht an. Es könnte zum Beispiel sein, daß eine solche Sache in die Seelen einschlägt, daß man sie, weil sie praktisch gedacht ist, beginnt, in das praktische Leben umzusetzen. Es kann auf jedem Gebiete heute schon ganz klar gesagt werden, wie man es anzufangen hat, um es auf einem Gebiete ins praktische Leben umzusetzen. Aber ich könnte mir denken, daß dann von dem, was hier gesagt ist, was auch in meinen Vorträgen in Zürich, Bern und Basel gesagt worden ist, kein Stein bleibt, sondern sich alles anders gestaltet. Wer wirklichkeitsgemäß denkt, dem kommt es nicht darauf an, daß seine Formeln, seine Sätze sich verwirklichen, sondern daß irgendwo in der Wirklichkeit angefaßt wird. Man wird dann schon sehen, was herauskommt. Darauf kommt es an; vielleicht wird alles anders — das will ich durchaus als eine Möglichkeit andeuten daß aber dasjenige herauskommen muß, was den Verhältnissen angemessen 1st, das ist sicher. Denn es ist nicht irgendein abstraktes Ideal, nicht irgendein Programm aufgestellt, sondern es sind einfach die Wirklichkeitskräfte angefaßt. So weit als möglich entfernt von aller Phantasterei, von aller Schulmeistern soll dasjenige sein, um was es sich jetzt handelt. Daher war ich so erstaunt, als mir eine vielgenannte Persönlichkeit, von der die Voraussetzung gemacht wurde durch einen der drei Herren, die ich genannt habe, daß sie auch diesen Aufruf unterschreiben könnte, als mir diese vielgenannte Persönlichkeit sagen ließ: Ja, er hätte geglaubt, daß gerade ich, wenn ich einen solchen Aufruf machte, mehr an den Geist der Menschheit appellierte und sagte, daß jetzt nur ein Heil in die Menschheit kommen kann, wenn die Menschheit den Weg wiederum zum Geist findet.

Also die Leute wollen, daß man die Phrase vom Geist immer wieder und wiederum wiederholt: Geist, Geist und Geist! Aber darum handelt es sich nicht; sondern darum, daß sich der Geist zeigt, daß der Geist sich imstande erweist, die Tatsachen wirklich zu gestalten. Das sind die größten Schädlinge im Grunde, die fortwährend vom Geiste reden, ohne irgendwie auf die Wirklichkeit dieses Geistes hindeuten zu wollen. Denn sie reden eigentlich nur im Sinne einer Ideologie — und nicht vom Geiste. Und es ist dankenswert, meine lieben Freunde, daß sich aus dem Schöße unserer Gesellschaft heraus Persönlichkeiten gefunden haben, welche Verständnis haben — aber Tatverständnis, so daß sie auch wirklich etwas tun Tatverständnis haben für dasjenige, was hier gewollt wird. Und immerhin zeigen sich ja die Echos.

Unser Freund Dr. Boos hat dann, nachdem mein letzter Vortrag in Zürich geschlossen war und ich hingewiesen hatte auf das Ergebnis und auf diesen Aufruf, seinerseits seinen Appell erlassen, daß sich gleich aus der Versammlung heraus eine Anzahl von Menschen melden sollten und ihre Adressen abgeben sollten, die gewillt waren, praktisch an der Sache mitzuarbeiten. Und auch da war das Ergebnis ein für diesen Abend ja außerordentlich befriedigendes. Gewiß, es sind auch Einwendungen gemacht worden. Ich kann die Einwendungen gut verstehen. Aber diese Einwendungen sind so, daß man eben daraus sicht: die Leute stehen heute nicht in der Wirklichkeit, sind Schwarmgeister. Wirklich, es sind ja gerade diejenigen, die man bis heute für die größten Praktiker gehalten hat, eigentlich Schwarmgeister. Deshalb habe ich in Zürich bei einem Vortrage gesagt: Was ist so recht ein Beispiel für einen Schwarmgeist der Gegenwart, für einen Schwärmer? — Der General Ludendorff! Das ist der Typus, der Repräsentant eines Schwarmgeistes; ein Mensch, der sich meinetwillen gut oder schlecht — aber meiner Meinung nach schlecht — auf Strategie verstanden hat, aber in bezug auf alles andere ganz fern allem Leben gestanden hat, zum Unheil einen großen Einfluß gehabt hat, ganz fern aller Wirklichkeit gestanden hat, nichts ahnte von den Bedingungen der Wirklichkeit, in der er tätig sein sollte, ein so abstrakter Idealist war, wie nur irgendein sozialistischer Utopist abstrakter Idealist ist. Man sollte endlich diesen verruchten Begriff des «Praktikers», der so unendliches Unheil über die Menschheit gebracht hat, einmal ganz tüchtig ins Auge fassen. Diese Praxis, die bisher gegolten hat, die nichts anderes ist, als durch Brutalität in Wirklichkeit umgesetzte Schwarmgeisterei, unwirkliche Denkungsweise, die ist es, die vor allen Dingen verschwinden muß. Darauf kommt es an, meine lieben Freunde. Und aus solchem Geiste heraus ist dasjenige, was kommen muß gerade aus anthroposophisch orientierter geisteswissenschaftlicher Bewegung.

Das habe ich Ihnen heute als etwas, was ja immerhin auch aus dem Schöße unserer Bewegung hervorgegangen ist, mitteilen wollen in diesem episodisch sich in unsere Vortragsreihe einreihenden Abend.




Zuletzt aktualisiert: 05-Oct-2019
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