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Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Schmidt-Nummer: S-3668

Online seit: 30th April, 2013

VIERTER VORTRAG

Dornach, 1. März 1919

Im Laufe dieser Betrachtungen habe ich darauf hingewiesen, wie im Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich zeigt, daß im Innersten der menschlichen Seele, in dem unbewußten Inneren der menschlichen Seele etwas ganz anderes vorgehen kann, als mehr an der Oberfläche dieser menschlichen Seele vorgeht. Der Mensch kann, wie wir öfter vernommen haben, glauben, er strebe diesem oder jenem nach, während er in Wahrheit in den Tiefen seiner Seele Impulse hat, die ganz, ganz anderem nachstreben. Diese Wahrheit kommt insbesondere für unsere Zeit in Betracht. Wir sehen heute eine ganze Menschenklasse in einer bestimmten Artung eines Wollens, von der wir nun schon öfter gesprochen haben. Gerade da zeigt es sich aber, wie an der Seelenoberfläche, da, wo sich im Bewußtseinszeitalter das Bewußtsein entwickelt, sich etwas ganz, ganz anderes bildet, als unten in den Seelentiefen, wo Impulse nach Verwirklichung streben, von denen heute eben im Bewußtsein noch nichts Wirkliches vorhanden ist.

Wenn wir uns das moderne Proletariat mit Bezug darauf ansehen, was ihm bewußt ist, so finden wir in diesem Bewußtsein, was wir auch schon öfter erwähnt haben, drei Dinge; drei Dinge, von denen dieses proletarische Bewußtsein heute ausgefüllt wird. Es ist erstens die materialistische Geschichtsauffassung; zweitens die Anschauung, daß allem, was in der Welt vorgeht, in Wahrheit bis jetzt Klassenkämpfe zugrunde gelegen haben, daß überall nur Klassenkämpfe sind und das, wovon die Menschen glauben, daß es vorgeht, nur eine Spiegelung von Klassenkämpfen sei; und das dritte ist, was ich Ihnen ja auch schon öfter charakterisiert habe, die Mehrwertlehre, die Lehre von dem Mehrwert, der durch die unbezahlte Arbeitskraft der Arbeiter geliefert wird, und der den Profit ausmacht, der von dem Arbeitgeber dem Arbeiter abgenommen wird, ohne daß der Arbeiter dafür irgendeine Entschädigung erhält. Aus diesen drei Gliedern setzt sich im wesentlichen das zusammen, was im Bewußtsein des Proletariats die Impulse ausmacht, aus denen die moderne soziale Bewegung ihre so oder so zu beurteilenden Kräfte schöpft.

Damit ist dasjenige bezeichnet, was im Bewußtsein des Proletariats lebt. Im Bewußtsein aber der gegenwärtigen Menschheit, zu der im wesentlichen gerade die Gefühle des Proletariats hindrängen, in den tieferen Seelenschichten auch des Proletariats leben drei andere Dinge. Nur weiß von diesen drei anderen Dingen die Welt heute recht wenig. Die Welt strebt wenig nach Selbsterkenntnis, und daher weiß sie nichts von dem, was eigentlich in den Seelentiefen danach strebt, geschichtlich verwirklicht zu werden. Diese drei anderen Dinge sind: erstens eine der neueren Zeit angemessene Durchdringung des geistigen Lebens, dasjenige was man Geisteswissenschaft auf die eine oder andere Art nennen kann; das zweite ist Freiheit des Gedankenlebens, Gedankenfreiheit; das dritte ist im echten und wahren Sinne Sozialismus. Nach diesen drei Dingen strebt auch das Proletariat. Aber es weiß nichts davon. Und seine Instinkte folgen den anderen drei Dingen, von denen ich gesagt habe, daß sie im Oberflächenteil des Seelenlebens, im eigentlichen Bewußtsein, tätig sind.

Nun stellt sich gerade an diesem Unterschiede des bewußten proletarischen Strebens und der unterbewußten Impulse mit besonderer Deutlichkeit heraus, daß ein völliger Gegensatz zwischen diesen beiden ist. Nehmen Sie die materialistische Geschichtsauffassung. Sie ist hervorgegangen aus dem Materialismus der neueren Zeit überhaupt, der seit vier Jahrhunderten in der Menschenentwickelung heraufgestiegen ist. Dieser Materialismus hat bei den führenden Klassen der Menschheit zuerst auf dem Felde der Naturwissenschaft sich geltend gemacht, hat sich dann über die Wissenschaft überhaupt ausgedehnt, und beim modernen Proletariat, das im Grunde genommen nur das Erbe der bürgerlichen, wissenschaftlich orientierten Vorstellungsart angenommen hat, hat sich der Materialismus dann umgewandelt in die materialistische Geschichtsauffassung. Diese materialistische Geschichtsauffassung geht davon aus, daß eigentlich alles geistige Leben nur gewissermaßen der Rauch ist, der aufsteigt aus den Vorgängen des Wirtschaftslebens, aus alldem, was sich im Gebiete des ökonomischen Lebens der Menschheit abspielt. Wirklich im geschichtlichen

Verlaufe des Menschenlebens ist nur das, was eben im Gebiete der Warenerzeugung, der Produktion, des Handels, der Konsumtion vorgeht, und je nach dem die Menschen in der einen oder anderen Weise in einem Zeitalter gewirtschaftet haben, je nach dem haben sie dies oder jenes religiös geglaubt, diese oder jene Kunstform gepflegt, das oder jenes als ihr Recht, als ihre Sittlichkeit angesehen. Das geistige Leben ist im wesentlichen eine Ideologie, das heißt, es hat keine in ihm selbst liegende Wirklichkeit, ist ein Spiegelbild desjenigen, was sich als Wirtschaftskämpfe draußen abspielt. Es kann wiederum zurückwirken auf die Wirtschaftskämpfe, was die Menschen in ihre Vorstellungen aufgenommen haben, was sie künstlerisch empfinden, was sie im sittlichen Wollen zum Ausdruck bringen. Aber letzten Endes ist alles geistige Leben eine Spiegelung des äußeren wirtschaftlichen Lebens. Das ist im wesentlichen, was man materialistische Geschichtsauffassung nennt. Wenn auch das menschliche Leben nur eine Spiegelung von rein äußerlichen, materiellen wirtschaftlichen Kräften ist, und wenn hinzukommt, daß die Welt überhaupt nur Sinnliches ist, und die Gedanken der Menschen nur etwas sind, was das Sinnliche abspiegelt, und wenn dann der Mensch nur in solchen Vorstellungen leben will, nur solches als wirklich empfinden will, was in der Sinnenwelt sich zeigt, sich offenbart — dann ist dies eine Abkehr von allem wirklichen Geistesleben, dann bedeutet das, daß der Mensch darauf verzichtet, etwas als einen selbständigen, in sich ruhenden Geist anzuerkennen.

So hat die neuere Zeit ihre Bemühung darauf gerichtet, immer mehr und mehr Beweise dazu heranzutragen, um behaupten zu dürfen, daß es einen selbständigen, im Übersinnlichen lebenden Geist, ein Geistiges überhaupt, nicht gibt. Das spielt sich ab an der Oberfläche des menschlichen Seelenlebens. Das macht im wesentlichen den Inhalt des neueren Bewußtseins aus, nachdem die Menschheit in das Zeitalter des Bewußtseins eingetreten ist. In den alleruntersten Gründen des Seelenlebens aber strebt gerade die neuere Menschheit nach dem Geist hin. Sie hat, man möchte sagen, ein innerstes, tiefstes Bedürfnis nach Geist. Ein Blick auf die Entwickelung der Menschheitsgeschichte zeigt dieses.

Wir blickten oftmals zurück auf die besondere Geistesart der ersten nachatlantischen Kulturperiode, auf die besondere Geistesart der indischen Kulturperiode; nun haben wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus diese indische Kulturperiode charakterisiert. Das, was wir über sie kennengelernt haben, wird dem, der unbefangen die Dinge anzuschauen vermag, sagen können, daß eine solche Art, geistig zu leben, wie sie in der uralten, nur von der Geisteswissenschaft aufzufindenden indischen Kulturperiode liegt, daß eine solche Artung des Geisteslebens beruht auf den unbewußten Intuitionen; wohl gemerkt auf unbewußten Intuitionen, denn es war ja atavistisches Geistesleben. So daß wir sagen können: in dieser ersten nachatlantischen Kulturperiode haben wir unbewußte Intuitionen als Quelle des Geisteslebens.

Wenn wir dann weitergehen und uns das urpersische Geistesleben ansehen und wiederum fragen: Woraus fließt es? — so werden wir finden, dieses urpersische Geistesleben, es fließt aus unbewußten Inspirationen.

Das dritte, das ägyptisch-chaldäische Geistesleben, fließt aus unbewußten Imaginationen. Dieses ägyptisch-chaldäische Geistesleben ragt ja schon herein in die ersten historischen Zeiten, und man kann da schon, wenn man nur die Geschichte unbefangen genug betrachtet, darauf kommen, daß man es in der alten Wissenschaft der Ägypter, in der alten Wissenschaft der Chaldäer mit unbewußten, aber im Seelenleben lebenden Imaginationen zu tun hatte.

Nun kam das griechisch-lateinische Geistesleben. Im griechisch-lateinischen Geistesleben blieben schon noch die Imaginationen, aber die Imaginationen durchdrangen sich mit Begriffen, mit Ideen. Das war das Wesentliche, was das griechische Leben auszeichnete, daß die Griechen in der Menschheitsentwickelung als erste das hatten, was früher nicht in dieser Menschheitsentwickelung als seelischer Impuls vorhanden war. Die Griechen hatten bereits Ideen, Begriffe. Das Genauere habe ich in meinen «Rätseln der Philosophie» dargestellt. Aber alle Begriffe der Griechen waren durchzogen von Bildlichkeit, von Imaginationen. — Das merkt man heute nicht, insbesondere in jenem sonderbaren Griechentum, von dem unsere Gymnasial- und Universitätsbildung spricht, merkt man das nicht. — Wenn der Grieche zum Beispiel das Wort «Idee» aussprach, so war das, was er dabei ins Seelenauge faßte, nicht etwas so abstrakt Begriffliches, wie es bei uns heute der Seele vorschwebt, wenn wir das Wort Idee aussprechen. Der Grieche hatte, wenn er das Wort Idee aussprach, die Vorstellung, daß vor ihm gewissermaßen etwas Visionäres schwebt, das aber doch deutlich in einen Begriff gefaßt ist. Es war etwas Anschauliches. Idee ist zugleich Gesicht. Im Griechischen würde man von «Ideologie» nicht eigentlich haben sprechen können, obwohl das Wort dem Griechischen nachgebildet ist; jedenfalls nicht so haben sprechen können, daß man dasselbe dabei empfunden hätte, was man heute empfindet, wenn man von Ideologie spricht; denn dem Griechen waren seine Ideen etwas Wesenhaftes, etwas vom Bilde Durchzogenes.

Diagram 2

Nun ist das Eigentümliche, daß in unserer fünften nachatlantischen Zeit zunächst die Imaginationen verlorengegangen sind und daß die Begriffe für die Bewußtseinsseele geblieben sind. Unser neueres Geistesleben ist so nüchtern, so trocken, aus diesem Geistesleben ist alles Bildhafte herausgepreßt worden und geblieben ist die Abstraktion, die die Leute, die gebildet sein wollen, ganz besonders lieben. Die neuere Zeit lebt ja gewissermaßen von Abstraktion und will alles, alles auf irgendeinen abstrakten Begriff gebracht haben. Gerade in dem, was man bürgerlich praktisches Leben nennt, gerade da herrscht der abstrakte Begriff im allerumfänglichsten Sinne. Aber schon macht sich wiederum geltend — und das charakterisiert gerade unsere Gegenwart und wird die nächste Zukunft im besonderen Maße charakterisieren —, schon macht sich wieder geltend, daß die Tiefen der menschlichen Seelen, die unterbewußten Impulse der menschlichen Seelen wiederum nach Imaginationen streben. So daß man sagen kann: Begriffe, die nach Imaginationen streben.

Diesem Streben nach Imaginationen kommt unsere Geisteswissenschaft entgegen. Aber eben der weitaus überwiegende Teil der Menschheit weiß noch nichts von dem, was da in seiner Seele drunten ist. Daher sieht er dasjenige, was Geistesleben ist, in den bloßen Begriffen, in den bloßen Vorstellungen und ist mit diesen Vorstellungen ziemlich hilflos. Denn Begriffe als solche haben für sich keinen eigentlichen Inhalt. Und es ist das Schicksal der leitenden Kreise bisher gewesen, daß sie immer mehr und mehr eine gewisse Vorliebe für rein begriffliches Denken entwickelt haben. Aber diese Vorliebe für rein begriffliches Denken erzeugte etwas anderes. Hilflos ist dieses rein begriffliche Denken; es erzeugt das Streben nach einer Anlehnung an diejenige Wirklichkeit, die man nicht ablehnen kann, weil sie sich eben den Sinnen anpaßt: an die äußere sinnliche Wirklichkeit. Dieser Glaube an die bloß äußere sinnliche Wirklichkeit ist im wesentlichen entstanden aus der begrifflichen Hilflosigkeit der modernen Menschheit.

Auf allen Gebieten des geistigen Lebens drückt sich diese Hilflosigkeit des Begriffslebens aus. In der Wissenschaft will man vor allen Dingen experimentieren, damit durch das Experiment irgend etwas herauskomme, was der Sinnenwelt sonst nicht gegeben ist, weil, wenn man die Sinneswelt bloß vorstellungsgemäß verarbeitet, man über diese Sinneswelt nicht hinauskommt. Denn die Begriffe selbst enthalten keine Realität.

In der Kunst gewöhnte man sich immer mehr und mehr, das Modell anzubeten, sich rein zu halten an dasjenige, was das äußere Objekt gibt. Und es ist im wesentlichen wiederum das Schicksal gewesen der bisher leitenden Kreise der Menschheit, in der Kunst immer mehr und mehr hinzutreiben nach einer Art bloßen Studiums der äußeren sinnlichen Wirklichkeit. Man strebte immer mehr und mehr da hin, die äußere sinnliche Wirklichkeit aufzufassen. Etwas aus dem Geiste heraus zu schöpfen und es durch die Mittel der Kunst hinzustellen, das ging immer mehr und mehr verloren. Man strebte nur nach Naturalismus, nach einer Nachahmung desjenigen, was die Natur als solche in der Außenwelt darstellt, weil aus dem abstrakten Geistesleben nichts hervorquoll, was selbständig für sich gestaltet werden konnte.

Nehmen Sie die Entwickelung der neueren Künste, so werden Sie das überall bewahrheitet finden. Diese neueren Künste strebten, soweit das nur irgend sein kann, immer mehr und mehr nach Naturalismus hin, nach einer Darstellung dessen, was man äußerlich sieht und wahrnimmt. Das gipfelte zuletzt in dem, was man Impressionismus nannte. Diejenigen, die vor dem Impressionismus gestrebt haben nach Künstlerischem, versuchten, irgendein äußeres Objekt in der Kunst wiederzugeben. Aber da kamen diejenigen, die die letzten Konsequenzen aus alle dem zogen und sagten: Ja, wenn ich nun wirklich einen Menschen oder einen Wald vor mir habe und diesen Menschen oder diesen Wald male, so gebe ich ja gar nicht das wieder, was mein Eindruck ist; denn ich stehe vor einem Wald, ich stehe vor einem Menschen — und in dem Augenblicke, wo ich vor dem Wald stehe, da bescheint ihn die Sonne in einer gewissen Weise, aber nach wenigen Augenblicken ist die Sonnenbeleuchtung eine ganz andere. Was soll ich denn dann eigentlich festhalten, wenn ich naturalistisch sein will? Ich kann ja gar nicht festhalten, was mir die Außenwelt zeigt, denn diese Außenwelt hat ja alle Augenblicke ein anderes Gesicht. Ich will einen Menschen malen, der lächelt — aber das nächste Mal macht er ein griesgrämiges Gesicht! Was soll ich denn nun eigentlich machen? Soll ich über das lächelnde das griesgrämige Gesicht darübersetzen? Wenn ich darstellen will, was äußere Objekte sind in ihrem Bleiben in der Zeit, so müßte ich schon die Objekte selber zwingen. Naturobjekte lassen sich nicht zwingen, aber die menschlichen Objekte müßte man schon zwingen, wenn sie Modell sitzen, möglichst die Pose des Ausdrucks zu behalten. Aber dann machen sie, wenn man versucht, die Natur nachzuahmen, den Eindruck, wie wenn sie vom Starrkrampf befallen wären, wenn man sie naturalistisch machen will. So geht es also nicht. — Und so wurden sie Impressionisten, welche nur den unmittelbaren, vorübergehenden Eindruck festlegen wollten. Dann muß man aber nicht mehr ganz und gar naturalistisch sein, sondern muß schon allerlei Mittel anwenden, wodurch man nicht die Natur nachahmt, sondern den Schein hervorruft, den die Natur in einem Augenblicke als Offenbarung auf einen macht. Und da entstand die Klippe; man wollte gerade, um recht naturalistisch zu sein, impressionistisch werden; und siehe da, man konnte im Impressionismus nicht mehr naturalistisch sein. Jetzt wendete sich das Ganze um. Jetzt versuchten einige nicht mehr Impressionen zu geben, nicht mehr den äußeren Eindruck festzuhalten, sondern gerade das, was in ihrem Inneren aufstieg, und sollte es noch so primitiv sein; das Innere, das da aufsteigt, das suchten sie festzuhalten. Und diese wurden Expressionisten.

Denselben Gang könnten wir auf dem Gebiete des sittlichen, ja sogar des Rechtslebens darlegen; überall dieses Streben aus der Vorliebe für das abstrakte Geistesleben heraus. Man muß nur die Entwickelung der neueren Menschheit daraufhin in der richtigen Art ansehen, dann wird man schon darauf kommen, daß überall dieses Streben nach Abstraktion drinnensteckte. Was ist beim modernen Proletariat daraus geworden? Dieses moderne Proletariat ist, als es an die Maschine gestellt wurde, eingespannt wurde in den modernen, seelenlosen Kapitalismus, eben mit seinem ganzen Schicksal nur im Wirtschaftsleben gewesen. Dieselbe Vorstellungsrichtung, welche die Angehörigen der bürgerlichen Kreise zum Naturalismus gebracht haben, haben das Proletariat zu der Lehre gebracht, die sich in der materialistischen Geschichtsauffassung ausdrückt. Überall, wo man hinblickt, sieht man, daß das Proletariat eben nur die letzten Konsequenzen desjenigen gezogen hat, was sich innerhalb der bürgerlichen Kreise ausgebildet hat — die letzten Konsequenzen, vor denen dann diese bürgerlichen Kreise so furchtbar zurückschaudern.

Wie hat man es innerhalb der Bürgerkreise mit dem Religiösen gehalten? Mit dem Religiösen hat man es zum Beispiel auf einem Gebiete in Bürgerkreisen so gehalten: Man hatte früher wenigstens atavistisch dunkle Vorstellungen von dem Christus-Mysterium. Man hatte sich verschiedene Vorstellungen darüber ausgebildet, wie in dem Jesus der Christus drinnen lebte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erst hat es sich herausgebildet, daß man aus dem abstrakten Geistesleben heraus sich keine Vorstellung mehr machen konnte, wie in dem Jesus der Christus gelebt hat. So beschränkte man sich auf das, was sich innerhalb der Sinneswelt abgespielt hat im Beginne der christlichen Entwickelung, auf die bloße Jesulogie. Der Jesus wurde immer mehr und mehr als äußerer Mensch betrachtet. Der Christus, der der übersinnlichen Welt angehört, verschwand immer mehr und mehr. Das abstrakte Seelenleben fand keinen Weg zu dem Christus, begnügte sich mit dem Jesus. Was machte daraus das proletarische Bewußtsein? Das proletarische Bewußtsein sagte: Wozu brauchen wir dann überhaupt noch eine besondere religiöse Anschauung über den Jesus? Die Bürgerlichen haben ja den Jesus bereits zu dem schlichten Mann aus Nazareth gemacht. Der ist unseresgleichen selbstverständlich, wenn er der schlichte Mann aus Nazareth ist. Wir sind abhängig vom Wirtschaftsleben, warum soll der nicht vom Wirtschaftsleben abhängig gewesen sein? Hat noch irgend jemand ein Recht, ihm eine besondere andere Mission zuzuschreiben, ihn den Begründer eines ganz neuen Menschheitszeitalters zu nennen, da er ja doch nur der schlichte Mann aus Nazareth war, der eben seinerzeit aus den wirtschaftlichen Vorgängen heraus, in die er versetzt war, das behauptet hat, was er eben behauptet hat? — Die wirtschaftlichen Vorgänge muß man studieren in der Zeit, als das Christentum begonnen hat; und die Art und Weise, wie ein schlichter Handwerker, der dem Handwerk entlaufen ist und im Herumziehen allerlei Ideen entwickelt hat im Sinne der Wirtschaftsordnung des damaligen Palästina, das muß man studieren; daraus wird man dann ersehen, warum der Jesus gerade das behauptet hat, was er behauptet hat. Letzte Konsequenz der modernen protestantischen Theologie, das ist auch die materialistische Jesus-Lehre des modernen Proletariats, die eben keine den Menschen noch tragende Kraft mehr hat.

Mit Bezug auf das zweite, auf die Gedankenfreiheit, die innerliche Gedankeninitiative, ist es wiederum das unterbewußte tiefere Seeleninnere der modernen Menschheit, was danach strebt. Dasjenige, was auf der Oberfläche des Seelenlebens im Bewußtsein lebt, macht sich vor, daß es gerade nach dem Gegenteile zu streben habe, und strebt auch nach dem Gegenteile. Daher rumort das Unterbewußte in einer radikalen Opposition, die eben in unseren furchtbaren Gegenwartskämpfen zum Ausdrucke kommt. Autoritätsfrei wollten die leitenden Bürgerkreise der neueren Zeit werden. Sie sind hineingeplumpst in alle möglichen Arten von Autoritätsglauben. Vor allen Dingen sind sie hineingeplumpst in einen blinden Autoritätsglauben gegenüber all dem, was irgendwie in die Sphäre des Staates einbezogen ist, der die höchste Autorität für das Bürgertum geworden ist.

Was spielt eine größere Rolle in diesem modernen Bürgertum als das «fachmännische Urteil»! Der Mensch fragt nach dem fachmännischen Urteil und führt dieses Fragen nach dem fachmännischen Urteil eben auch in sein äußeres Leben ein. Derjenige, der abgestempelt mit dem Diplom der Universität in das Leben hinaustritt, der weiß die Dinge; den frägt man mit Bezug auf das, was Gott mit der Menschheit vorhat, wenn er ein Theologe ist. Man frägt ihn mit Bezug auf das, was im Menschenleben Recht ist, wenn er ein Jurist ist; man frägt ihn, was dem Menschen Heilung bringen kann, wenn er ein Mediziner ist, und man frägt ihn über alle möglichen Dinge der Welt, wenn er aus irgendeiner Ecke der philosophischen Fakultät heraus kommt. Die moderne Menschheit, ein kleiner Kreis wenigstens, hat immer gelächelt, wenn der Blick auf ein Buch des ehrwürdigen Philosophen der vorkantischen Zeit, Wolf, fiel. Und dieses Buch trägt den Titel so ungefähr: «Uber die Natur, über die Menschenseele, über den Staat, über die Geschichte und über alle vernünftigen Dinge überhaupt.» Uber ein solches Buch lächelt man. Aber daß in den geistigen Laboratorien, die der Staat aufgerichtet hat für die Menschen, alles dasjenige gebraut werde, was der Inhalt der Vernunft sein soll für die Menschen, daran glauben die leitenden Kreise in der neueren Zeit mit aller Festigkeit. Das heißt, diese leitenden Kreise haben keineswegs danach gestrebt, daß jeder sein eigenes Bewußtsein habe, sondern sie haben danach gestrebt, das Bewußtsein zu uniformieren, es so einzurichten, daß es im Grunde im weitesten Sinne ein Staatsbewußtsein ist. «Staatsbewußtsein» ist das moderne Bewußtsein viel mehr geworden, als die Menschen eigentlich glauben. Die Menschen denken sich den Staat als ihren Gott, der ihnen das gibt, was sie brauchen. Sie brauchen sich nicht weiter mit den Dingen zu beschäftigen, denn der Staat sorgt ja dafür, daß alle vernünftigen Zweige des Lebens geregelt werden.

Ausgeschlossen von dem Staatsleben war das Proletariat mit Ausnähme der paar Gebiete, in die man es in das Staatsleben in demokratischen Staatsgebilden hineingelassen hat. Das Proletariat war ganz — selbst mit dem, was den ganzen Menschen nach sich zieht, mit seiner Arbeitskraft — in das Wirtschaftsleben eingespannt. Das Proletariat zog nun wiederum nur für sein Leben die letzte Konsequenz. Der moderne bürgerliche Mensch hat ein Staatsbewußtsein, wenn er das auch nicht immer zugibt, aber er macht sehr gerne Staat mit diesem Staatsbewußtsein. Man braucht wahrhaftig nicht bloß auf seine Karten drucken zu lassen «Reserveleutenant und Professor», um mit dem Staatsbewußtsein Staat zu machen, man kann es in ganz anderer Form machen. Aber das Proletariat hatte kein Interesse am Staat. Es war in das Wirtschaftsleben eingespannt. Daher fühlte es nun wiederum so, daß sein Fühlen die letzte Konsequenz des bürgerlichen Fühlens wurde, aber entsprechend seinem Leben. Sein Bewußtsein wurde das Klassenbewußtsein des Proletariats. Und so sehen wir eigentlich, weil nun diese Klasse des Proletariats nichts zu tun hat mit dem Staate, dieses Klassenbewußtsein auf Internationalismus gebaut. Also diese Dinge sind notwendig. Zu dem modernen Staate konnte nur der Bürgerliche hinneigen, weil der moderne Staat für den Bürgerlichen sorgt, und der Bürgerliche für sich gesorgt haben will. Der Staat aber sorgte nicht für den Proletarier. Der fühlte sich nur in der Welt drinnenstehend, insofern er seiner Klasse angehörte. Und die proletarische Klasse ist überall in der gleichen Art vorgegangen durch alle Staaten durch. Daher bildete sich dieses internationale Proletariat heraus, dieses internationale Proletariat, welches sich fühlte im bewußten Gegensatz gegen alles dasjenige, was bürgerlich war, und was mit derselben Kraft des Bewußtseins nach dem Staate und nach den Staatsfaktoren hinstrebte. Und es gab eine außerordentlich suggestive Ausbildung dieses Klassenbewußtseins im Proletariat in der modernen Zeit. Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen proletarische Versammlungen besucht haben. Wie schlössen diese proletarischen Versammlungen denn immer? Sie schlössen immer damit, daß man in proletarischer Konsequenz das nachgemacht hat, was so viele bürgerliche Veranstaltungen aus ihren bürgerlichen Interessen heraus angegeben haben. Womit schloß man zum Beispiel in Mitteleuropa die bürgerlichen Versammlungen? Mit dem Kaiserhoch! Oder man begann damit. Jede Proletarier-Versammlung schloß: «Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie!» Man muß nur bedenken, was für eine ungeheure suggestive Kraft dieses von Woche zu Woche vom Proletarier gehörte Wort bedeutet, und wie das ein Einheitsbewußtsein durch die Massen treibt, so daß jede Gedankenfreiheit selbstverständlich ausgetrieben wird. Es saß das fest in der Seele. Es gab ja, wenn auch immer weniger, aber es gab in früheren Zeiten von Bürgerlichen einberufene Versammlungen, zu denen auch Sozialdemokraten eingeladen wurden. Der Vorsitzende sagte dann am Schluß: Ich bitte die Herren Sozialdemokraten zuerst hinauszugehen, denn ich werde jetzt die Versammlung auffordern, sich von den Sitzen zu erheben und das Kaiserhoch auszubringen. — Es hat in früheren Zeiten proletarische Versammlungen gegeben, wobei Bürgerliche zu den Diskussionen zugelassen waren. Der proletarische Vorsitzende hat am Schluß gesagt: Ich bitte die Herren der bürgerlichen Klasse jetzt sich hinauszubegeben, denn es wird das Hoch auf die internationale revolutionäre Sozialdemokratie ausgebracht. — So ist zusammengeschweißt worden, was die Seelen durchzog als das sie uniformierende Klassenbewußtsein. Das Gegenteil von dem, was gerade in den Herzen tiefer unten sitzt, das Gegenteil von der Sehnsucht nach individueller Gedankenfreiheit, nach einer individuellen Formung des Bewußtseins! Das ist das zweite.

Das dritte, was in den Tiefen der modernen Seele drängt, sich zu verwirklichen, das ist der Sozialismus — der Sozialismus, der einfach dadurch zu kennzeichnen ist, daß man sagt: Die moderne Seele strebt im Zeitalter des Bewußtseins dahin, daß der einzelne sich fühlen möchte in dem sozialen Organismus drinnen. Man will schon den sozialen Organismus als solchen begründen, man will sich als Mensch als Glied dieses sozialen Organismus fühlen, man will drinnenstehen in irgendeiner Weise. Das heißt, man will von einem solchen Bewußtsein sich durchdringen, daß man immer die Empfindung als Mensch hat: was ich tue, tue ich so, daß ich weiß, wieviel Anteil an mir der soziale Organismus hat, und wie wiederum ich Anteil habe an dem sozialen Organismus. Der Mensch lebt ja im sozialen Organismus drinnen. Aber, wie gesagt, heute ist noch die Empfindung für den sozialen Organismus nur in den unterbewußten Seelenregionen vorhanden.

Wenn heute ein Maler ein Bild malt, wird er mit Recht sagen: Dieses Bild muß mir bezahlt werden, denn ich habe meine Kunst in dieses Bild hineingelegt. — Was ist seine Kunst? — Seine Kunst ist etwas, was die Gesellschaft, was der soziale Organismus ihm erst möglich gemacht hat. Gewiß, es hängt von seinem Karma, von seinen früheren Erdenleben ab; aber daran glauben die Leute heute auch nicht, wobei sie sich freilich in Selbsttäuschung befinden. Aber insofern wir nicht den Anteil betrachten, den unsere durch die Geburt aus höheren Regionen herabsteigende Individualität uns an unserem Können gibt, insofern sind wir ja ganz abhängig, in dem was wir können, von dem sozialen Organismus. Aber der moderne Mensch beachtet das in seinem Bewußtsein nicht. Und so ist statt des sozialen Empfindens zunächst im Bewußtsein seit vier Jahrhunderten immer mehr und mehr eine egoistische, eine antisoziale Denkart entstanden; die antisoziale Denkart, die sich namentlich darin ausdrückt, daß jeder eigentlich zunächst an sich denkt und so viel als möglich herauszubekommen versucht aus dem sozialen Organismus. Das Gefühl, alles wieder zurückgeben zu müssen an den sozialen Organismus, was man von ihm bekommen hat, das haben heute wenige. Gerade in den leitenden bürgerlichen Kreisen ist mit Bezug auf das Geistesleben allmählich der denkbar größte Egoismus heraufgestiegen, der Egoismus, der den bloßen geistigen Genuß als etwas besonders Berechtigtes für den Menschen ansieht, der sich diesen geistigen Genuß verschaffen kann. Man hat aber keinen Anspruch auf geistigen Genuß, der einem durch den sozialen Organismus bereitet wird, wenn man nicht an dem Orte, an den man in der Welt gestellt ist, ein entsprechendes Äquivalent dem sozialen Organismus wiederum zurückgeben will. Das muß man sich klarmachen.

Nun hat wiederum das Proletariat, das ja nicht hat teilnehmen dürfen an dem geistigen Teil des sozialen Organismus, das im Wirtschaftsleben und in dem seelenlosen Kapitalismus eingespannt ist, es hat nur die letzte Konsequenz dieses bürgerlichen Egoismus gezogen in der Mehrwertslehre. Der Arbeiter sieht, er produziert ja eigentlich dasjenige, was in der Fabrik, an der Maschine hergestellt wird, also will er auch haben, was dafür einkommt. Er will nicht, daß ein Teil davon abgezogen wird und woanders hingeht. Und weil er nichts anderes sieht als den Kapitalisten, der ihn an die Maschine stellt, so glaubt er selbstverständlich, daß aller Mehrwert an den Kapitalisten geht, und muß sich zunächst kämpfend gegen den Kapitalisten wenden. Objektiv betrachtet steckt natürlich in dem, was dem sogenannten Mehrwert entspricht, etwas ganz anderes noch. Was ist Mehrwert? Mehrwert ist alles dasjenige, was durch Handarbeit produziert wird, ohne daß dafür diese Handarbeit eine Entschädigung bekommt. Denken Sie sich, es gäbe keinen Mehrwert, alles würde den Bedürfnissen des Handarbeiters zufließen. Was gäbe es dann nicht? Selbstverständlich keine geistige Kultur, überhaupt keine weitere Kultur; es gäbe nur Wirtschaftsleben, es gäbe überhaupt nur, was durch Handarbeit zutage gefördert werden kann. Es kann sich gar nicht darum handeln, daß der Mehrwert der Handarbeit zufließt, sondern nur darum, daß der Mehrwert in einem Sinne, mit dem der Handwerker einverstanden sein kann, verwendet werde. Das wird aber nur geschehen, wenn man den Handwerker dazu heranzieht, Verständnis zu haben für die Wege, die der Mehrwert nimmt.

Hier berührt man den Punkt, wo am meisten gesündigt worden ist von der bürgerlichen Ordnung der neueren Zeit. Man hat die Maschinen, die Fabriken begründet, man hat den Handel begründet, das Kapital auch in Zirkulation gebracht, man hat den Arbeiter an die Maschine gestellt, in die kapitalistische Wirtschaftsordnung eingespannt. Da hatte er arbeiten sollen. Aber man hat nicht darauf gesehen, etwas anderes vom Arbeiter zu brauchen, als seine Arbeitskraft. In einem gesunden sozialen Organismus muß vom Arbeiter nicht nur die Arbeitskraft gebraucht werden, sondern auch die Ruhe, dasjenige, was an seiner Kraft übrigbleibt, wenn er gearbeitet hat. Und nur diejenigen Kapitalisten sind eigentlich berechtigt, welche ebenso Interesse haben an Ersparnis, an der nötigen Ersparnis der Arbeitskraft des Proletariers, wie sie ein Interesse haben an der wirtschaftlichen Verwendung der Arbeitskraft. Diejenigen Kapitalisten haben nur eine Berechtigung, die dafür sorgen, daß der Arbeiter nach einer bestimmten Arbeitszeit irgendwie an das herankommen kann, was allgemein menschliches geistiges und sonstiges Bildungsgut ist.

Dazu muß man dieses Bildungsgut erst haben. Die bürgerliche Gesellschaftsklasse hatte dieses Bildungsgut entwickelt; daher konnte sie gut allerlei populäre Bildungsanstalten begründen. Was hat man nicht alles getan an solchen Volksküchen des geistigen Lebens! Was ist auf diesem Gebiete alles gegründet worden. Aber zu welchem Bewußtsein konnte der Proletarier bei diesen Volksküchen des geistigen Lebens kommen? Zu keinem anderen, als daß ihm da die Bürgerlichen etwas abgeben, was sie unter sich ausgekocht haben. Da hatte er natürlich das Mißtrauen: Aha, die wollen mich bürgerlich machen, indem sie mir ihre Milch der frommen Denkungsart da in der Volksküche einflößen. Diese ganzen bürgerlichen Wohlfahrtsbewegungen, sie sind durch die Art, wie sie waren, vielfach Schuld an den Tatsachen, die heute so schreckhaft an dem Horizont des sozialen Lebens auftauchen. Was heute auftritt, stammt eben aus viel ernsteren Untergründen, als man gewöhnlich meint. Den Mehrwert will ich haben! — das ist das egoistische Prinzip, das als letzte Konsequenz des bürgerlichen Egoismus, der nun auch den Mehrwert haben wollte, erscheint. Wiederum zieht das Proletariat die letzte Konsequenz. Und statt des Sozialismus, der in den Untergründen der Seelen ist, erscheint auf der Oberfläche des Seelenlebens im Bewußtsein die Mehrwertslehre, die im eminentesten Sinne antisozial ist. Denn wenn jeder das einheimst, was der Mehrwert ist, so heimst er es ein für seinen Egoismus.

Und so haben wir heute, meine lieben Freunde, einen Sozialismus, der nicht sozialistisch ist, so wie wir heute ein Streben haben nach einem Bewußtseinsinhalt, der kein Bewußtseinsinhalt ist, sondern der das Ergebnis des wirtschaftlichen Zusammenhanges einer Menschenklasse ist, und sich ausdrückt im Klassenbewußtsein des Proletariats. Und so haben wir heute ein Geistesstreben, welches den Geist verleugnet und seine letzte Konsequenz in der materialistischen Geschichtsauffassung gefunden hat.

Diese Dinge müssen durchschaut werden, sonst versteht man nicht, was in der Gegenwart lebt. Und wie wenig waren die Bürgerkreise geneigt, nach dieser Richtung hin wirklich ein Durchschauen der Verhältnisse auszubilden, wie wenig sind sie heute noch, nachdem die Tatsachen so deutlich, so brennend sprechen, geneigt, sich dieses Bewußtsein anzueignen.

Es wird auf keinem anderen Wege möglich sein, statt des antisozialen Strebens im Proletariat von heute ein wirklich soziales Streben herauszubringen, als daß man versucht, das Wirtschaftsleben auf seine gesunde selbständige Basis zu stellen als ein Glied des sozialen Organismus, das seine eigene Gesetzgebung und seine eigene Verwaltung hat, in das sich nicht mehr der Staat hineinmischt. Mit anderen Worten, es muß angestrebt werden, daß der Staat auf keinem Gebiete selbst Wirtschafter ist. Dann kann sich das, was in den Tiefen der Menschenseelen ersehnt wird, wirklicher Sozialismus im Wirtschaftsleben ausbilden. Und es muß angestrebt werden, daß von diesem Wirtschaftsleben abgesondert ist das Leben des eigentlichen politischen Staates, der nun seinerseits weder einen Anspruch macht auf das Wirtschaftsleben noch auf das eigentliche Geistesleben, auf das Kulturleben, Schulleben und so weiter. Wenn dieses Staatsleben keinen Anspruch macht nach beiden Seiten hin, wenn es das bloße Rechtsleben verkörpert, dann bringt es das zum Ausdruck, was hier in der physischen Welt das Verhältnis begründet von Mensch zu Mensch, jenes Verhältnis, das alle Menschen gleich vor dem Gesetze macht. Nur ein solches Staatsleben entwickelt eine wirkliche Freiheit des Gedankens. Und als ein drittes Glied des gesunden sozialen Organismus muß sich das auf sich gestellte Geistesleben ausbilden, das auch aus der Wirklichkeit des Geistes heraus schöpfen kann, das zu wirklicher Geisteswissenschaft vordringen muß. — Was in den Tiefen der Menschenseelen heute erstrebt wird, ist schon der gesunde soziale Organismus, der aber dreigliedrig sein muß.

So kann man auch die Dinge betrachten, wie wir sie heute betrachtet haben. Und Geisteswissenschaft soll in diesem Sinne, wie ich oft betont habe, ernst und tief genommen werden, nicht als etwas, das man nur so wie eine Sonntagnachmittagspredigt hinnimmt; denn das ist bürgerlich. Bürgerlich ist es, neben seinem Wirtschaftsleben, das man zur Not nur für den kleinen Kreis selbst besorgt, wenigstens selbst zu besorgen glaubt, und neben dem Staatsleben, für das man den Staat sorgen läßt, auch so ein bißchen Geistesleben zu entwickeln, je nachdem man sich für aufgeklärt hält, indem man zum Pfarrer geht, oder indem man sich der Theosophie widmet oder dergleichen. Es ist gut bürgerlich. Und eminent bürgerlich hat gerade die theosophische Bewegung das Geistesleben in der neueren Zeit hingestellt. Man kann sich nichts Bürgerlicheres denken als diese moderne theosophische Bewegung. Sie ist so recht aus dem Bedürfnisse des Bürgertums als eine sektiererische Geistesbewegung hervorgewachsen. Das war der Kampf, seit wir versucht haben, aus dieser theosophischen Bewegung etwas herauszuarbeiten, was durchdrungen sein sollte vom modernen Menschheitsbewußtsein und als Bewegung in die Menschheit hineingestellt werden sollte. Immer war der Widerstand des bürgerlichen sektiererischen Elementes da, das tief verankert ist im Oberflächenteil der menschlichen Seele. Aber man muß darüber hinauskommen. Das anthroposophische Streben muß als ein solches erfaßt werden, welches von der Zeit gefordert wird, welches uns nicht kleine, sondern große Interessen geben soll, welches uns nicht bloß dazu anleitet, uns in kleinen Zirkeln zusammenzusetzen und Zyklen zu lesen. Es ist ja gut, wenn man Zyklen liest; ich bitte Sie, durchaus jetzt nicht daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß nun keine Zyklen in der Zukunft gelesen werden sollen; aber man soll dabei nicht stehenbleiben. Man soll das, was in den Zyklen steht, wirklich ins Menschenleben einführen — aber nicht so, wie sich manche es vorstellen, sondern so, daß man zunächst das Verhältnis zum Bewußtsein der neueren Zeit sucht. Nicht darauf kommt es an, wenn ich so etwas sage, daß jetzt daraus das Bewußtsein erwächst: also wir sollen nicht sektiererisch Zyklen lesen, lesen wir also keine mehr; sondern darauf kommt es an, daß wir erst recht Zyklen lesen, aber dann auch sehen, daß das, was in den Zyklen enthalten ist, auch wirklich in unsere Lebenskraft übergeht. Dann wird das die beste soziale Nahrung für die in der Gegenwart strebenden Seelen sein. Denn so ist schon alles gedacht, und so ist schließlich auch unser Bau gedacht, namentlich in dem, was künstlerisch mit ihm angestrebt wird. Er ist gedacht durchaus im Sinne der neueren Zeit, und er kann in einer anderen als in dieser Art in der Gegenwart ganz und gar nicht gedacht werden. Ich weiß nicht, ob Sie sich schon überlegt haben, wie gerade dieser Bau auch in sozialer Beziehung ein Produkt der allerallerneuesten Zeit ist, und wie zu ihm gehört, daß man auch im Sinne dieser allerallerneuesten Zeit strebt. Denken Sie sich doch einmal: ein Bau, dessen Inneres gar keinen Zweck hat, oder wenigstens ein größerer Teil des Inneren gar keinen Zweck hat, wenn er für sich selbst dastehen soll. Er muß im Zusammenhange mit der ganzen übrigen Weltordnung stehen, wenn er überhaupt einen Sinn haben soll; selbst bei Tag würde es oben in der Kuppel stockfinster sein, die finsterste Nacht würde sein, wenn nicht von außen das elektrische Licht hineinkäme. Ganz angewiesen auf das, was draußen geschieht, ist gerade dieser Bau mit Bezug auf so wichtige Dinge, daß man in ihm etwas sieht. Er ist so recht herausgeboren aus dem Allerallerneuesten. Daher muß er sich auch im Zusammenhange entwickeln mit dem, was aber auch jetzt innerlich, nicht an der Oberfläche der Seele, die allerneueste Zeit gerade als Geistiges anstreben muß.

So könnten Sie sich vieles überlegen, was mit diesem Bau im Zusammenhange steht. Der Bau ist schon ein Repräsentant des modernsten Geisteslebens, und wird nur dann richtig verstanden, wenn man den Gedanken hat, daß er wie eine Art Kometenstern ist, der aber einen Schwanz nachziehen muß. Der Schwanz besteht darin, daß nun wirklich das, was gefühlsmäßig von der Anthroposophie ausstrahlt, in den Menschenseelen lebt. Aber es möchte leicht geschehen, daß viele sich so ähnlich zu diesem Bau stellen mit Bezug auf das, was ich eben gesagt habe, wie sich manche Katholiken, gerade führende Katholiken, zur modernen Astronomie gestellt haben, als sie die Kometen zu gewöhnlichen Weltenkörpern gemacht haben, während sie vorher als Zuchtruten galten, die von irgendeinem sinnlich gedachten Geist zum Himmelsfenster herausgehalten werden. Da kam eine Zeit, wo die katholisch orientierten Führer nicht mehr ableugnen konnten, daß es mit den Kometen eine ähnliche Bewandtnis habe, wie mit den anderen Himmelskörpern; da kamen sie auf ein Auskunftsmittel. Einige ganz Gescheite sagten: Nun ja, der Komet besteht aus dem Kern und aus dem Schwanz; für den Kern können wir nicht ableugnen, daß er ein Himmelskörper ist wie ein anderer, aber der Schwanz ist es nicht, der hat noch denselben Ursprung, den man früher gedacht hat. — So könnte es auch sein, daß die Menschen das Bewußtsein bekommen: Nun ja, den Bau wollen wir noch gelten lassen; aber all die vertrackten Empfindungen, die sich an den Bau als Schwanz angliedern sollen, von denen wollen wir nichts wissen. Aber dieser Bau gehört als ein Komet mit seinem Schwanz zusammen, und es wird notwendig sein, daß alles, was mit ihm in Verbindung steht, auch mit ihm in Verbindung empfunden wird.




Zuletzt aktualisiert: 05-Oct-2019
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