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Highlight Words

Das Initiaten-Bewußtsein

Schmidt-Nummer: S-5883

Online seit: 31st May, 2010

ELFTER VORTRAG
Torquay, 22. August 1924

Wie steht es mit dem Verständnis für geistige Forschung?

Zwei Forschungsmöglichkeiten

Tafel 12, 22. August 1924

Es wäre natürlich außerordentlich viel in direkter Fortsetzung desjenigen zu sagen, was in diesen Vorträgen angeschlagen worden ist; allein wir wollen heute versuchen, eine Art summarischer Abrundung dieser Vorträge vor unsere Seele hinzustellen.

Da muß uns vor allen Dingen aus der ganzen Haltung dieser Vorträge eine Frage vor das Seelenauge treten, das ist die Frage: Wie steht es eigentlich mit dem Verständnis der Anthroposophie, der geistigen Forschung, wie sie durch Anthroposophie in die Welt gesetzt werden soll? Wie steht es mit der Einsicht in dasjenige, was durch solche Anthroposophie gegeben wird, gegenüber der Tatsache, daß doch nicht jeder Mensch in der Gegenwart unmittelbar so an jene Exerzitien, an jene Übungen herantreten kann, die ihn schnell dazu bringen, alles das, was man durch Anthroposophie hört, auch selber in den entsprechenden Welten wahrzunehmen, um es so in restloser Weise zu prüfen? Das ist ja eine Frage, die den meisten derjenigen, die zur Anthroposophie einen gewissen Drang, eine gewisse Sehnsucht haben, am Herzen liegt. Aber diese Frage wird gerade immer in einem falschen Lichte gesehen, und sie kann gerade durch das, was man als Richtiges ausspricht, wie ich es in diesen Vorträgen getan habe, erst recht in einem falschen Lichte gesehen werden. Man kann sagen: Ja, was sollen mir alle diese Darstellungen aus der geistigen Welt helfen, wenn ich nicht selber in die geistige Welt hineinschauen kann? — Deshalb möchte ich die betreffende Frage in die heutigen summarischen Auseinandersetzungen hineinverweben.

Es ist eben gar nicht so, daß man sagen kann, man kann nicht eine Einsicht, nicht ein Verständnis für die Dinge erwerben, welche durchAnthroposophie gegeben werden, ehe man in der geistigen Welt selber forschen kann. Man muß unterscheiden, insbesondere in der heutigen Zeit unterscheiden zwischen dem Forschen, das heißt dem Auffinden solcher Tatsachen, die den verschiedenen Welten angehören, und dem Verständnis dessen, was durch diese Forschungen gegeben wird. Und das Begreifen dieses Unterschiedes wird Ihnen vollständig aufgehen, wenn Sie bedenken, daß der Mensch, so wie er heute vor uns steht, ja verschiedenen Welten angehört, und daß er die Erlebnisse, die er hat, durchaus aus verschiedenen Welten heraus hat. Der Mensch, wie er heute ist, erwirbt sich im gewöhnlichen Leben das Bewußtsein des Alltagslebens und der gewöhnlichen Wissenschaft, von dem wir ausgegangen sind. Dieses Bewußtsein gibt ihm während des Tagwachens einen gewissen Überblick über ein Stück Welt, über all dasjenige in der Welt, was durch Sinne sich offenbart und was durch den Intellekt, der vom Menschen im Laufe der Zeit in der Evolution angeeignet worden ist, interpretiert werden kann, begriffen werden kann.

In eine an diese unmittelbar angrenzende Welt, die sich aber schon hinter der Sinneswelt verbirgt, reicht der Mensch mit seinem Verständnis in ganz undeutlicher Weise, wie ich es auseinandergesetzt habe, im Träumen hinein. Und in jene Welt, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, erstreckt er sich mit seinem Seelenleben auf Erden nur hinein während des traumlosen Schlafes, in welchem es um ihn herum seelisch finster und schwarz ist, und in welchem er ein Leben vollbringt, an das er gewöhnlich keine Erinnerungen hat.

Dieses Bewußtsein mit seinem dreifachen Zustand, dem Wachzustand, dem Traumzustand, dem tiefen Schlafzustand, dieses Bewußtsein kennt der Mensch. Aber er lebt nicht allein in den Welten, die ihm dadurch zugänglich sind. Der Mensch ist nun einmal ein Wesen, das in einer ganzen Reihe von Welten lebt. Sein physischer Leib lebt in einer anderen Welt, als sein ätherischer Leib, dieser wieder in einer anderen Welt als der astralische Leib, und all das zusammen wieder in einer anderen Welt als das Ich. Und dieses Bewußtsein: helles Wachbewußtsein, Traumbewußtsein, schlafendes, man möchte sagen Nichtbe-wußtsein, aber man muß nur sagen dumpfes Bewußtsein, diese drei Bewußtseinszustände hat eigentlich das Ich, so wie es heute ist. Und dieses Ich, so wie es heute ist, hat dann, wenn es nach innen schaut, auch drei Zustände. Drei Zustände hat es, wenn es nach außen schaut: waches Tagesleben, Traumbewußtsein, Schlafbewußtsein. Schaut es nach innen, dann hat es das helle Denkbewußtsein; es hat das schon viel trübere, dem Traumleben viel ähnlichere, als man gewöhnlich glaubt, Gefühlsbewußtsein, das Leben in Gefühlen; und es hat das dumpfe, dämmerhafte, dem Schlafleben sehr ähnliche Willensbewußtsein. Wie unser Wollen zustande kommt, ist dem gewöhnlichen Bewußtsein ganz, ganz unbekannt, eigentlich so unbekannt wie der Schlaf. Der Mensch, wenn er etwas will, hat den Gedanken; der ist klar und hell. Er entwickelt dann etwas dunkler über diesen Gedanken das Gefühl. Und dann geht der gefühlsdurchdrungene Gedanke hinunter in die Glieder. Was da vorgeht, das erlebt der Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht. Vor jener Forschung, von der ich gestern und vorgestern gesprochen habe, nimmt sich das Wollen so aus: Während der Gedanke im Haupte etwas will und er dann durch das Gefühl hinuntergeht in den ganzen Leib, und der Mensch durch seinen ganzen Leib will, während dieser Zeit entwickelt sich im Menschen etwas wie ein feiner, subtiler, intimer Verbrennungsprozeß. Der Mensch kann, wenn er zum Initiatenbewußtsein kommt, dieses durch die Wärme influenzierte Wollen erleben. Aber das bleibt für das gewöhnliche Bewußtsein ganz im Untergrunde. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie dasjenige, was schon heraufgehoben werden kann in das Initiatenbewußtsein, doch für das gewöhnliche Bewußtsein in den Untergründen bleibt. Man wird zum Beispiel einmal folgendes einsehen, wenn die Dinge, die durch das gestern erwähnte Buch nach und nach in die Welt kommen werden, wirklich eingesehen werden. Man wird einsehen, daß, wenn ein Mensch etwas will und man das mit dem Initiatenbewußtsein anschaut, es so ist, wie wenn man einen äußeren Vorgang des Verbrennens einer Kerze oder überhaupt ein wärmeentwickelndes Licht äußerlich anschaut. Geradeso wie man da von der äußeren Anschauung ein klares Bild hat, so kann man das Hineinschlagen des Gedankens in den Willen so sehen, daß man sagt: DerGedanke entwickelt das Gefühl, und aus dem Gefühl geht hinunter — es bewegt sich beim Menschen von oben nach unten-Wärmeentwickelung, Flamme; und diese Flamme will. — Es enthüllt sich also nach und nach.

Wir können geradezu dieses gewöhnliche Bewußtsein schematisch so vor uns hinstellen:

Innen: Klares Denken Außen: Waches Tagesbewußtsein

Gefühlsleben Traumbewußtsein

Willensbewußtsein Schlafbewußtsein

Nach außen waches Tagesbewußtsein, nach innen klares Denken; nach außen Traumbewußtsein, nach innen unklares, aber warmes Gefühlsleben; nach außen Schlafbewußtsein, nach innen ganz dunkles Willensbewußtsein.

Nun aber, wenn auch der Mensch, um in der geistigen Welt zu forschen, das heißt, um die Tatsachen aufzusuchen, die aus der geistigen Welt heraus geoffenbart werden können, in die Notwendigkeit versetzt ist, sein Bewußtsein dorthin zu tragen, wo die Welt ist, in die er erkennend eindringen will, so geht doch dann, wenn die Forschungen ehrlich mitgeteilt werden, dasjenige, was an Ideen durch Worte mitgeteilt wird, in die anderen Bewußtseine hinein. Und nun können Sie vielleicht begreifen, daß es zweierlei gibt. Erstens gibt es das, daß man zum Beispiel in der Welt der menschlichen Organe forscht, wie ich es gestern auseinandergesetzt habe, daß man da mit den beim Menschen im Heranleben an die geistige Welt herankommenden Kräften die Tatsachen, um die es sich handelt, untersucht. Da findet man die entsprechenden Tatsachen. Da legen sie sich für das Erkennen vor die Seele, diese Tatsachen. Da hat man sie. Da stehen also Menschen in der äußeren Welt diesen Tatsachen gegenüber. Nun werden diese Tatsachen durch diese betreffenden Menschen mitgeteilt, sie werden der Welt dargelegt. Wenn sie durch Menschen der Welt dargelegt werden, dann sind sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein zu begreifen, wenn man nur die nötige Unbefangenheit dazu mitbringt. Daher war ja immer in der menschlichen Evolution die Einrichtung, daß wenige Menschen sich damit befaßt haben, dieTatsachen zu erforschen, die für die geistige Welt in Betracht kamen, und sie dann, wenn sie sie erforscht hatten, den anderen mitgeteilt haben.

Nun spricht heute gegen das in Empfangnehmen solcher Erkenntnisse nur das eine, daß die Menschen in der Regel in einem sozialen Milieu und in einer Erziehungsentwickelung aufwachsen, die ihnen in ihren Empfindungsgewohnheiten beibringt, daß man nur an die äußere Tatsachenwelt glauben könne, an die Welt der Sinne und an das, was der Verstand erkundet aus der Welt der Sinne. Das ist eine Gewohnheit, die so stark wirkt, daß man aus dieser Gewohnheit heraus jederzeit geneigt ist, zu sagen: Da ist eine Universität; an der Universität sind Leute graduiert; die lehren jetzt an der Universität, die erforschen auch gewisse Tatsachen, oder wenn andere gewisse Tatsachen der sinnlichen Welt erforschen, so bestätigen sie es. — Man glaubt daran! Man erforscht ja diese Tatsachen der sinnlichen Welt auch nicht selber, man glaubt daran. Und gerade mit Bezug auf die heutige Naturwissenschaft sind ja die Menschen unendlich gläubig. Sie glauben Dinge, die für den, der Einsicht hat, durchaus nicht nur problematisch, sondern sicher ganz unwahr sind. Das rührt nur von einer jahrhundertealten Erziehung her.

Diese Erziehung hatten die Menschen früherer Jahrhunderte, darf ich sagen, nicht. Da waren die Menschen dadurch, daß bei allen noch etwas heraufkam von einem Hineinschauen in die geistige Welt, von einem gefühlsmäßigen, willensmäßigen Sich-Hineinleben in die geistige Welt, schon noch geneigter, auch denjenigen zu glauben, die geistige Tatsachen erforschten. Heute sind die Menschen das einfach nicht gewöhnt, und man hat sich an eine Anschauungsweise gewöhnt, die auf dem Kontinente mehr theoretisch, in England und Amerika mehr praktisch, sich ganz eingebürgert hat.

Auf dem Kontinente gibt es ausführliche Theorien darüber, in England und Amerika gibt es ein Gefühl dafür, das man innerlich gar nicht leicht besiegen kann. Es ist dieses: Die Menschen haben sich eingewöhnt in das, was durch Jahrhunderte heraufgekommen ist, Naturwissenschaft, die sich auf die äußeren Sinne bezieht, zum Beispiel Astronomie, Pflanzenkunde, Tierkunde, Medizin so hinzu-nehmen, wie man es für sie präpariert in den anerkannten Schulen und an den anerkannten Stätten. Daran haben sich die Menschen durch Jahrhunderte gewöhnt, und heute halten sie an dem furchtbar fest. Und wenn ein Chemiker in seinem Laboratorium etwas erforscht, und man hat keine blasse Ahnung von dem, wie er das macht, aber es wird bekannt, so sagen sie: Das ist wahr, das ist Erkenntnis. — Sie sagen: Das ist kein Glaube, das ist Erkenntnis. — Es ist natürlich purer Glaube! Aber die Menschen sagen: Das ist Erkenntnis.

Und nun auf all den Wegen, die man anwendet, um so die Sinneswelt zu erforschen, um so mit dem Verstande die Gesetze der Sinneswelt zu finden, auf all den Wegen findet man nichts über die geistige Welt. Aber der Menschen, die die geistige Welt ganz entbehren können, sind ja nur wenige, und die reden es sich ein, sind darin nicht ehrlich. Die Menschen haben vor allen Dingen ein Bedürfnis, auch über die geistige Welt etwas zu wissen. Sie hören heute noch nicht auf diejenigen, die ihnen von der geistigen Welt nach heutiger Art etwas sagen können, aber sie hören auf dasjenige, was geschichtlich überkommen ist, was in den Büchern steht, was in den heiligen Schriften des Ostens, was in der Bibel steht. Sie hören auf das, weil sie nicht anders können, als irgendwie einen Bezug zur geistigen Welt zu haben. Und trotzdem alles, was in der Bibel oder in den heiligen Schriften des Ostens steht, auch nur von einzelnen Initiaten erforscht worden ist, so sagen sie: Ja, das ist eine andere Art von Anschauung. Das ist nicht so, wie das Erkennen der äußeren Sinneswelt, wie das Erkennen der Wissenschaft, sondern das beruht auf einem Glauben. Da muß man glauben. — Und da machen die Menschen dann den strammen Unterschied, etwas ist Wissenschaft, etwas anderes ist Glaube. Und sie beziehen dann die Wissenschaft auf die Sinnenwelt und den Glauben auf die geistige Welt.

Darüber gibt es auf dem Kontinent, namentlich unter den Theologen der evangelischen Kirche — nicht unter den Theologen der katholischen Kirche, die haben nur die Traditionen der früheren Zeit bewahrt und die unterscheiden nicht in derselben Weise wie die evangelischen Theologen oder wie die äußeren Wissenschafter —, da gibt es auf dem Kontinent ganze Theorien, wie das Erkennen bis zu einem gewissenPunkte kommt, dann beginnt der Glaube. Das müsse so sein. Hier in England gibt es weniger Theorien, weil man Theorien nicht so liebt. Aber hier gibt es diese Lebenspraxis, richtig auf der einen Seite nach der Wissenschaft hinzuhören und das für etwas zu halten, was man von der Wissenschaft annimmt; richtig auf der anderen Seite zu leben, pietätvoll, ich will nicht sagen pietistisch, im Glauben, und die beiden Dinge streng voneinander zu trennen.

Das bringen nicht nur die Laien fertig, das bringen ja auch die Gelehrten fertig, schon seit langer Zeit. Newton begründete auf der einen Seite die Gravitationslehre, das heißt eine Raumesweltanschauung, welche durch dasjenige, was sie ist, jede Anschauung vom Geistigen ausschließt. Wenn die Welt so wäre, wie sie Newton angeschaut hat, so könnte sie keinen Geist enthalten. Man hat nur nicht den Mut, sich das zu gestehen. Geradesowenig wie aus einem Spinnrad jemals ein Mensch werden könnte, wie vorgestellt werden könnte in einem Spinnrade ein Mensch, ebensowenig kann in der Newtonschen Welt ein göttlich-geistiges Walten und Weben vorgestellt werden. Man hat nur nicht den inneren Mut, die innere Courage, sich das zu gestehen. Aber nicht nur diejenigen, die so etwas aufnehmen, bringen es fertig, auf der einen Seite einer Raumesweltanschauung und einer Zeitenweltanschauung sich hinzugeben, die das Geistige ausschließt, sondern auch diejenigen, die selber forschen, wofür Newton ein schönes Beispiel ist, der auf der einen Seite eine Weltanschauung begründet, die alles Geistige ausschließt, auf der anderen Seite mit vollständiger Trennung der Seele davon die Apokalypse interpretiert.

Es sind die Brücken abgebrochen zwischen demjenigen, was Wissen, Erkenntnis von der äußeren Sinneswelt ist, und dem, was Wissen, Erkenntnis von der geistigen Welt ist. Und man versucht heute sogar da, wo man Theorien liebt, das streng zu beweisen, da, wo man Theorien nicht liebt, es recht in die Empfindungs- und Denkgewohnheiten einzufressen, so daß man gar nicht daraus herauskommt. Dagegen ist der Verstand der Menschen, das Verstehen, die Ideenkraft, die Ideenfähigkeit heute schon so weit, wenn man sich nur darauf besinnt, wenn man sie nur recht in der Hand hat, daß dasjenige,was aus Initiationswissenschaft hervorgeht, durch den Verstand voll begriffen werden, aber nicht erforscht werden kann.

Was ist denn daher das Notwendige? Daß sich die Anschauung entwickele: Es muß zunächst dasjenige erforscht werden, was aus der geistigen Welt erforscht werden soll, durch diejenigen Menschen, die in ihrem gegenwärtigen Leben Kräfte zu Hilfe nehmen können aus früheren Inkarnationen, die sie befähigen, dasjenige heraufzubringen, was notwendig ist, um zu forschen; daß ferner das, was so erforscht wird, von einer Anzahl von Menschen, von immer mehr und mehr Menschen aufgenommen werde, verstanden werde in Ideen, wie es verstanden werden kann; und daß dadurch, wenn in gesundem Verstehen das spirituell Erforschte aufgenommen wird, gerade für diese anderen Menschen aus dem Verstehen heraus die Grundlage geschaffen wird, auch wirklich in die geistige Welt hineinzuschauen. — Denn ich habe es ja oftmals ausgesprochen: Es ist der gesündeste Weg, um wirklich in die geistige Welt hineinzukommen, sich zunächst mit der Lektüre zu befassen oder mit dem Aufnehmen dessen, was aus der geistigen Welt verkündet wird.

Nimmt man diese Gedanken auf, so beleben sie sich innerlich, und der Mensch kommt hinein in das Verstehen nicht nur, sondern auch in das Erschauen, so wie es sein Karma zuläßt. Und gerade auf diesem Punkte muß man sich in die Anschauung vom Karma streng hineinfinden. Der heutige Mensch denkt nicht an Karma. Er redet davon, daß man, wie man im Laboratorium den Schwefel untersucht, so auch laboratoriumsgemäß untersuchen müsse, wie ein Mensch sogenannte abnorme Erscheinungen zustande bringt. Man müsse mit dem Menschen, der abnormes Erkennen aus sich herausbringt, so experimentieren, wie man mit dem Schwefel experimentiert. Aber sehen Sie, der Schwefel hat kein Karma. Nur derjenige «Schwefel», der vom Menschen geredet wird, hat ein Karma! Der gewöhnliche mineralische Schwefel hat kein Karma. Nur die Menschen haben ein Karma. Und es kann niemals vorausgesetzt werden, daß der Mensch es in seinem Karma hat, in einem Laboratorium mit sich experimentieren zu lassen, und das müßte vorliegen, wenn die Forschungen fruchtbar werden sollten.

Daher müßte zunächst Geisteswissenschaft vorliegen. Man müßte zunächst die Bedingungen untersuchen, wie es aus dem Karma hervorgeht, daß man durch einen Menschen etwas erfahren kann über die geistige Welt. Das habe ich in den späteren Auflagen meiner «Theosophie» am Schlüsse deutlich ausgesprochen. Aber dazu ist die gegenwärtige Welt nicht geeignetnicht aus Unfähigkeit, sondern aus Gewohnheit —, die Dinge aufzunehmen. Aber das ist unendlich wichtig. Wichtig ist es vor allen Dingen, sich darüber klar zu sein: Du mußt nicht gleich auf Forschungswegen in die geistige Welt eingedrungen sein; sondern, wenn du nur auf dem physischen Plane hier nicht ein Ungesundes anwendest, wie ein Experimentieren mit Karma unbedingt nicht karmisch bedingt wäre, oder mit Medien, deren Handlungsweise du nicht verstehst; wenn du dich hier verlassest auf dasjenige, was für diese Welt vorerst gerade das richtige Bewußtsein ist, und was ich geschildert habe als das Alltagsbewußtsein; wenn du dich auf dieses Alltagsbewußtsein richtig verlassest, dann kommst du auf ein völliges Verständnis dessen, was aus der Initiationswissenschaft heraus gesagt wird. — Und wenn man glaubt, man könne nicht ein solches Verständnis haben, ehe man selber eindringen kann, so gibt man sich einem ganz großen Irrtum hin. Und das ist wieder einer der falschen Wege, auf die man sich heute begibt, zu sagen: Was geht mich die Geistwelt an, solange ich nicht selber hineinschauen kann. — Hier liegt einer der allergrößten, der allergefährlichsten, der allerdeutlichsten Irrtümer vor. Dieser Irrtum muß vor allen Dingen von einer Bewegung, wie sie die Anthroposophische Gesellschaft verkörpert, scharf ins Auge gefaßt werden.

Geburt und Tod und das Böse

Daß der Mensch mit seinem Dasein hier in der physischen Welt verschiedenen Welten angehört, das kann dem unbefangenen Bewußtsein einfach daraus hervorgehen, daß die Tatsachen, die der Mensch erlebt, so wie sie nun einmal sich darstellen vor dem gesamten menschlichen Erfahren, sich so ausnehmen, daß sie überall, wo es aufWichtigstes im Leben ankommt, an die Unverständlichkeit des All-tagsbewußtseins stoßen, anstoßen dadurch, daß sie auseinandergerückt erscheinen, während sie für gewisse Fälle eng zusammengehören.

So möchte ich in dieser summarischen Betrachtung zunächst auf das Hereinkommen des Menschen in diese physische Welt und das Hinausgehen des Menschen hinweisen, möchte hinweisen auf Geburt und Tod. Geburt und Tod, diese zwei ja einschneidendsten Ereignisse im menschlichen Erdenleben, sie erscheinen dem gewöhnlichen Bewußtsein auseinandergerückt. Alles, was der Geburt vorangeht, was damit zusammenhängt, daß der Mensch ins Erdendasein hereintritt, ist an den Anfang des Erdenlebens gestellt. Der Tod ist an das Ende des Erdenlebens gestellt. Sie scheinen auseinandergerückt zu sein. Für denjenigen, der auf dem Gebiete des geistigen Lebens forscht, rücken sie immer mehr und mehr zusammen. Denn wenn man den Weg beschreitet, den ich dadurch charakterisiert habe, daß der Mensch in die Mondenmysterien eindringt, die Nacht so hereinzaubert in den Tag, wie ich das gestern beschrieben habe, so schaut er, wie in all den Vorgängen des Geborenwerdens der physische und der Ätherleib immer sprießender und sprossender werden; wie sie aus dem kleinen Eikeim hervorgehen, wie sie sich allmählich zur menschlichen Gestalt heranbilden, wie sie auch noch während des Erdenlebens ein, man möchte sagen, aufwärtsgehendes Leben zeigen und erst in der Mitte des Erdenlebens, etwa mit dem fünfunddreißigsten Jahre, beginnen, allmählich zu verfallen, ein abwärtsgehendes Leben zu zeigen. Das schaut der Mensch ja auch äußerlich. Derjenige aber, der sich auf jenen Mondenweg begibt, von dem ich gestern gesprochen habe, der sieht nun auch, wie zu gleicher Zeit, indem ein sprießendes, sprossendes Keimesleben für das Physische und Ätherische beginnt und sich weitergestaltet, ein anderes Leben, das wir zusammenfassen auf dem Gebiete der Anthroposophie als astralischen Leib und Ich, eigentlich erstirbt, dem Tode unterliegt.

Man sieht, wenn man so in das mystische Leben hineinkommt, das ich gestern in seiner Konkretheit geschildert habe, nicht nur ein Geborenwerden des Physischen und Ätherischen, man sieht ein Sterben des Astralischen und Ich-Wesens. Man sieht den Tod sich hinein-verweben in das Leben, das Absterbende dem Aufsprossenden sich vermählen. Und wiederum, wenn man den Menschen mit diesem Initiatenbewußtsein beobachtet, so sieht man dann, wenn sein Leib zerfällt, vom fünfunddreißigsten Lebensjahre an ein Beginnen des Auflebens im Astralischen und im Ich-Wesen. Nur sind diese gestört durch das, was ringsherum abstirbt im physischen und ätherischen Wesen. Aber ein wirkliches Aufleben geschieht. Und so lernt man durch diesen geistesforscherischen Weg den Tod schon im Leben, das Leben im Tode kennen. Dadurch bereitet man sich eben vor, dasjenige, was man absterben sieht während des Geborenwerdens, weiter zurückzuverfolgen ins vorirdische Leben, wo es sich in seiner vollen Bedeutung, in seiner Größe zeigt. Und dadurch, daß man im absterbenden Erdenleben das Astralische und das Ich-Wesen allmählich frischer werden sieht, nur eben gefangengenommen durch das Ätherische und durch das Physische, bereitet man sich wiederum vor, dem zu folgen, was durch die Pforte des Todes hinausgeht aus dem menschlichen Physischen und Ätherischen, dem zu folgen in die geistige Welt hinein. Tod und Geburt rücken aneinander, während sie im gewöhnlichen Bewußtsein als auseinandergerückte Tatsachen vorliegen.

Das alles aber, was so herausgeholt wird durch die Forschung aus der geistigen Welt, kann eben in der Weise, wie ich es im ersten Teil des heutigen Vortrags angedeutet habe, durchaus mit dem gewöhnlichen Bewußtsein erfaßt werden. Man muß sich nur dasjenige abgewöhnen, was dieses gewöhnliche Bewußtsein für den heutigen Tag verlangt. Sehen Sie, ich habe einen Menschen gekannt, der sagte: Der Stein fällt hinunter; wenn ich einen Stuhl aufhebe und ihn loslasse, fällt er hinunter; alles fällt hinunter zur Erde. Da behaupten die Menschen, die Erde stünde nicht auf etwas drauf; da müßte sie doch hinunterfallen — sagte er. Und dieser Mensch beachtete nicht, daß alles, was auf der Erde ist, hinunterfallen muß, weil die Erde da ist, daß aber die Erde selber frei im Weltenraum schwebt, wie die Sterne in ihrer Totalität sich gegenseitig stützen und halten.

Die Menschen, die heute behaupten, alles müsse durch die äußeren Sinne nach dem Muster der heutigen Wissenschaft bewiesen werden, die gleichen dem Menschen, der sagt: Wenn die Erde nicht auf einem großen Pflock aufruht, dann muß sie herunterfallen. — Die anthroposophischen Wahrheiten sind eben so, daß sie sich gegenseitig stützen wie die Sterne. Darauf muß man kommen. Und ist man mit seinem gewöhnlichen Verständnisse einmal dazu gekommen, dann beginnt man tatsächlich ideenmäßig Anthroposophie zu begreifen, auch solche Dinge wie das Zusammenrücken von Geburt und Tod. Aber gehen wir weiter. Fassen wir ins Auge, wie derjenige, der zunächst gut vorbereitet ist durch das, was die gegenwärtige Wissenschaft bedeuten kann, aber mit lebendiger Empfänglichkeit sich hineinstellend, nun nicht den ganzen Menschen erkennen lernt, sondern in der gestern ausgeführten Weise seine Organe.

Ja, sehen Sie, durch diese Organerkenntnis, durch diese auf dem Initiatenweg ergriffene Organerkenntnis stellen sich nicht Geburt und Tod vor die Seele, sondern etwas ganz anderes. Vor der Organerkenntnis haben Geburt und Tod sogar ihren gewöhnlichen Sinn verloren, denn sterben kann eigentlich nur der ganze Mensch, sterben kann nicht ein einzelnes Organ. Die Lunge zum Beispiel stirbt nicht. Das hat schon die gewöhnliche Wissenschaft heute ein bißchen an einem Zipfel erfaßt, daß, wenn der ganze Mensch gestorben ist, die einzelnen Organe in einer gewissen Weise für sich belebt werden können. Die einzelnen Organe sterben nicht, gleichgültig, ob der Mensch beerdigt oder verbrannt wird, die einzelnen Organe suchen sich für ihr Wesen ein jedes den Weg hinaus in den Kosmos, wenn auch der Mensch in der Erde liegt und die Erde über ihm, wenn er beerdigt worden ist, ihn zudeckt; es suchen sich die Organe den Weg durch Wasser, Luft und Wärme in den Kosmos hinaus. Die Organe lösen sich in Wirklichkeit auf, sterben nicht; nur der ganze Mensch stirbt.

Vom Tode zu sprechen beim Menschen hat nur einen Sinn in bezug auf den ganzen Menschen. Beim Tier muß man von den Organen in dem Sinne sprechen, daß sie sterben. Beim Menschen ist der Unterschied gegenüber dem Tiere, daß die Organe sich auflösen. Sie lösen sich nur schnell auf, so, wie wenn Sie einen unreifen Apfel kochen, er in einem gewissen Sinne den Prozeß schneller durchmacht, als derreife Apfel. Das Beerdigen ist der langsame Prozeß, das Verbrennen ist der schnelle Prozeß. Die Organe können auch in ihrer Eigenart verfolgt werden, wie sie ins Unendliche hinausgehen. Aber da draußen im Kosmos, da ziehen sie nicht ins Unendliche hinaus, sondern es kommt einem zurück dasjenige, was ich gestern geschildert habe, der große Mensch, der kosmische Mensch.

Man schaut also, wenn man die Organe mit dem Initiatenbewußtsein verfolgt, das, was im Tode mit den Organen sich wirklich vollzieht, dieses Hinausgehen nach ihrer Verwandtschaft in die Regionen des Kosmos. Das Herz geht woandershin als die Lunge, die Leber geht woandershin als Lunge und Herz. Sie zerstreuen sich im Kosmos. Das kann man schauen, wenn man auf dem Initiatenwege das Organbewußtsein, das Bewußtsein über die Organe entwickelt. Dann erscheint dieser Mensch. Dann erscheint der Mensch, so wie er eigentlich in den Kosmos eingegliedert ist. Und im Anschauen dieses Menschen, wie er eigentlich in den Kosmos eingegliedert ist, kann sich dasjenige darstellen, was zum Beispiel aufeinanderfolgenden Inkarnationen zugrunde liegt.

Man braucht das Anschauen, das sich nicht aus dem ganzen Menschen, sondern nur aus dem Organanschauen ergibt, um auch wiederum erkennen zu können das Zurückkommen früherer Erdenleben für die Anschauung in dieses Erdenleben. Daher war es so, daß die Leute, die auf dem Mondenwege, wie die Mystiker, die Theosophen und so weiter, sich hinbegaben in die geistige Welt, durchaus alles mögliche, Menschenseelen, wie sie früher gelebt haben, Götter, Geister gesehen haben, aber sie nicht eigentlich erkennen konnten, nicht darauf kommen konnten, was sie waren, nicht in bestimmter Weise sagen konnten: Das ist der Alanus ab Insulis; das ist Dante; das ist Brunetto Latini. — Die Wesenheiten waren da; sie wurden mitunter mit ganz grotesken Bezeichnungen belegt. Frühere Inkarnationen waren da. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob es die eigenen oder fremde oder irgendwelche andere waren. So daß die geistige Welt in diese in den Tag hereingezauberte Nachtwelt hineintritt, sich aber eben dann unter dem Einfluß der Venusimpulse auflöst, und nun als geistige Welt in der Gesamtheit da ist, nicht die Bestimmtheit bekommt, die siebekommen soll. Sehen Sie, in dieser Welt beginnt also die Möglichkeit, einzusehen, wie der Mensch im ganzen in die Welt hineingestellt ist, wie er als kosmisches Wesen existiert.

Auf der anderen Seite ist damit verbunden eine, ich möchte sagen außerordentlich tragische Erkenntnis. Denn wenn der Mensch nur der ganze Mensch wäre, wie er eben in seiner Haut hier auf der Erde erscheint, ach, das wäre ja ein so gutes, ein so zahmes, ein so edles Wesen! Geradesowenig wie man den Tod mit dem gewöhnlichen Bewußtsein erforschen kann — begreif en kann man ihn in dem angedeuteten Sinne, aber nicht ihn erforschen —, so kann man auch nicht erforschen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, warum die Menschen mit ihren treuherzigen Gesichtern — sie haben ja alle so treuherzige Gesichter —, warum sie mit ihren treuherzigen Gesichtern auch böse werden können. Böse wird man nämlich nicht als ganzer Mensch. Die Haut ist etwas außerordentlich Braves. Böse wird man durch die einzelnen Organe. In den Organen liegt die Möglichkeit des Bösen. Und daher lernt man im Zusammenhange dieser Verwandtschaft der Organe mit den einzelnen Weltregionen auch erkennen, aus welchen Weltregionen herkommt die Besessenheit von dem Bösen; denn eine solche liegt im Grunde genommen vor selbst beim geringsten Bösen. So daß zuerst beim Menschen auftritt aus dem Erkennen des ganzen Menschen Geburt und Tod; zweitens aus dem Erkennen der Organisation des Menschen Verwandtschaft mit dem Kosmos im gesunden und kranken Zustande: das Böse.

Und so kann auch diejenige Gestalt, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, vor die menschliche Seele nur hintreten, wenn man zuerst eine Möglichkeit hat, aus der menschlichen Organologie heraus den kosmischen Menschen anzuschauen. Denn als kosmischer Mensch kam Christus von der Sonne. Er war bis dahin noch nicht Erdenmensch. Er kam als kosmischer Mensch heran. Wie soll man einen kosmischen Menschen erkennen, wenn man sich nicht dazu erst vorbereitet hat, den kosmischen Menschen überhaupt zu ergreifen! Gerade eine Christologie kann hervorgehen aus diesem Begreifen des kosmischen Menschen. Und so sehen Sie, wie die richtigen Wege hineinführen in die geistige Welt, führen zum Erkennen von Geburtund Tod, führen zum Erkennen der Verwandtschaft der menschlichen Organe mit dem Kosmos, führen zum Erkennen des Bösen, führen zum Erkennen des kosmischen Menschen: Christus.

Das alles, wenn es dargestellt wird, so daß es sich gegenseitig stützt, kann verstanden werden. Und das Verstehen ist dann der beste Weg, selber hineinzukommen in die geistige Welt, das Verstehen und Meditieren über dasjenige, worinnen man im Verstehen ist. Die anderen Meditationsregeln sind dann weitere Unterstützungen. Aber so ist für jeden heutigen Menschen der rechte Weg hinein in die geistige Welt. Dagegen alles Probieren auf anderen Wegen, die heute nicht durch das gewöhnliche Bewußtsein gehen und das gewöhnliche Bewußtsein bewahren, alles Probieren mit ausgeschaltetem Bewußtsein, wie beim Mediumismus, beim Somnambulismus, bei der Hypnose und so weiter, alles Untersuchen an solchen Weltenvorgängen, an die man nicht herankommen kann mit dem Bewußtsein im Sinne einer karikaturhaften heutigen Naturwissenschaft, alles das sind falsche Wege, denn sie führen nicht in die wirkliche geistige Welt hinein.

Die Offenbarung des Himmlischen im Irdischen durch die Kunst

Wenn der Mensch gefühlsmäßig aufmerksam wird — und das kann er — auf dasjenige, was durch die Forschung sich ergibt, wie ich es nun angedeutet habe, daß durch die Organerkenntnis der kosmische Mensch zurückkehrt, der Christus gewissermaßen in diesem Zurückkehren verstanden werden kann; wenn der Mensch dieses, was der okkulten Forschung und Anschauung aufgehen kann, was in das Initiatenbewußtsein hereingenommen werden kann an Forschung, wenn das im Menschen gefühlsmäßig ersteht, dann ist gewissermaßen innerhalb des Irdischen das Himmlische durch das Gefühl in dem Ihnen angedeuteten Bewußtsein geoffenbart. Und das geschieht durch die Kunst. In der Kunst hält ein halb Unterbewußtes seelisch fest dasjenige, was aus der geistigen Welt eben auf den Rückwegen herankommt an die Menschen, auf jenen Rückwegen, die ich charakterisiert habe. Daher war es, daß zu allen Zeiten diejenigen Menschen, diedurch ihr Karma dazu prädestiniert waren, in der Kunst durch das Irdisch-Stoffliche das Geistige festgehalten haben.

Unsere naturalistische Kunst ist davon abgegangen. Aber jede Höhe der Kunstentwickelung in der Menschheit stellt ein Geistiges im Sinnlichen dar, oder, könnte man auch sagen, erhebt das Sinnliche in die Sphäre des Geistigen hinauf. Man schätzt Raffael, den Maler, deshalb so hoch, weil er, wie kein anderer in diesem Maße, imstande war, im Sinnlichen etwas darzustellen, was sich zu dem Geistigen hinauferhebt.

Nun gab es im allgemeinen in der Menschheitsentwickelung eine Strömung, welche vorzugsweise eine plastische, den bildenden Künsten zugeneigte war. Wir müssen heute wiederum neues Leben in den bildenden Künsten finden; aber der unmittelbare elementarische Impuls in der bildenden Kunst ist erflossen in vergangenen Zeiten. Seit längerer Zeit, seit Jahrhunderten, bildet sich der andere Impuls aus, der Impuls nach dem Musikalischen hin. Daher nehmen auch die bildenden Künste mehr oder weniger eine musikalische Form an. Das Musikalische ist in künstlerischer Beziehung die Zukunft der Menschheit, und alles Musikalische, das auch sonst in den redenden Künsten zutage treten kann. Der Dornacher Goetheanumbau war im Musikalischen gehalten. Daher ist er als Architektur und Plastik und Malerei vorläufig so wenig verstanden worden. Auch derjenige, der erstehen soll, wird eben aus diesem Grunde schwer verstanden, weil das Musikalische ganz im Sinne der Menschheitsentwickelung in das Plastisch-Malerische, Bildhauerische hineingeführt werden muß.

Aber gerade das, was ich angedeutet habe, was für die Menschheitsentwickelung ein Höchstes ist, das Herankommen der Gestalt des Christus, ja, der lebensvollen, geist-lebensvollen Gestalt des Christus, das ist etwas, was in gewissem Sinne ja wunderbar der Malerei durch die Renaissancemalerei und das, was ihr vorangegangen ist, gelungen ist, was aber künftig durch das Musikalische wird gefunden werden müssen. Sehen Sie, der Drang war da. Es war der Drang da in Richard Wagner. Und dieser Drang hat Richard Wagner zuletzt zu seinem «Parsifal» gebracht. Aber der «Parsifal» ist in bezug auf das Hereinzaubern des Christus-Impulses in die physisch-sinnliche Welt, wo er am christlichsten sein will, doch sozusagen nur in eine symbolistische Andeutung verschwebt: die Taube erscheint und dergleichen. Die Kommunion ist symbolisch da. Es ist nicht im Elemente des Musikalischen dasjenige erreicht, was im Kosmos und im Irdischen den Christus-Impuls eigentlich ausmacht. Das Musikalische ist aber befähigt, diesen Christus-Impuls in Tönen, in gestalteten Tönen, in durchseelten, in durchgeistigten Tönen einmal vor die Welt hinzustellen. Läßt sich die Musik inspirieren von anthroposophischer Geisteswissenschaft, wird sie die Wege dazu finden, denn sie wird rein künstlerisch, artistisch, gefühlsmäßig enträtseln, wie in Tönen symphonisch belebt werden kann dasjenige, was im Kosmisch-Tellurischen als der Christus-Impuls lebt.

Man braucht dazu nur in einer innerlich bis ins Mystische in der Empfindung gehenden Vertiefung des musikalischen Erlebens das Terzengebiet in Dur vertiefen zu können. Erlebt man dies als etwas, was musikalisch ganz im Inneren des Menschen beschlossen ist, und empfindet man dann das Quintengebiet in Dur, empfindet man das Quintengebiet als dasjenige, was etwas Umhüllendes hat, was etwas davon hat, daß, wenn der Mensch in die Quintengestaltung hineinwächst, er bis an die Grenze des Menschlichen und Kosmischen gelangt, wo das Kosmische in das Menschliche hereintönt, das Menschliche in das Kosmische hinaus sich sehnt, ja hinaussehnend stürmt, dann kann man gerade im Musikalischen durch das Mysterium, das zwischen dem Terzen- und Quintengebiete in Dur sich abspielt etwas erleben von dem, was als Innermenschliches in das Kosmische hinaus will. Und gelangt man dann dazu, zuerst auftönen zu lassen in den Septimendissonanzen das Leben im Kosmos, wo die Septimendissonanzen sprechen als dasjenige, was der Mensch im Kosmos empfindend erleben kann, wenn er sich auf dem Wege befindet in die verschiedenen Geistesregionen hinaus, und gelangt man dazu, die Septimendissonanzen verschweben zu lassen so, daß sie gerade durch ihr Verschweben etwas Bestimmtes annehmen, dann bekommen die Septimendissonanzen zuletzt im Verschweben etwas, was sich wie ein musikalisches Firmament dem musikalischen Erleben darstellt.

Und findet man dann, indem man vorher schon angedeutet hat in intimen Zügen ein Moll-Erleben in dem Dur-Erleben, findet man dann in diesem Verschweben der Septimendissonanzen, in diesem Sich-Gestalten der Septimendissonanzen zu einer Totalität, die in ihrer Totalität fast harmonisch wird, fast konsonierend wird, weil sie verschwebt, findet man darinnen die Möglichkeit, in intensivem Moll herauszubekommen aus der Septimendissonanz, aus dem fast Harmonischen des Verschwebens der Septimendissonanzen, findet man zurück den Weg ins Quintengebiet in Moll und von da das Durchsetzen des Quintengebietes mit dem Moll-Terzengebiet, dann hat man auf diesem Wege erzeugt das Erleben, das musikalische Erleben der Inkarnation, und zwar gerade der Inkarnation Christi.

Denn man wird finden können in diesem Sich-hinaus-Fühlen in das dem kosmischen Empfinden gegenüber nur scheinbar dissonierende Septimengebiet, das man zu einem Firmament gestaltet, indem man die Oktave wie dahinterstehend, aber nur annähernd dahinterstehend hat, hat man dieses im Erfühlen ergriffen, kehrt man dann in der angedeuteten Weise zurück und findet, wie in der Keimgestalt der Terzenkonsonanzen in Moll die Möglichkeit liegt, wie etwas Musikalisches die Inkarnation darzustellen, dann darf, wenn wiederum zurückgegangen wird zum Dur auf diesem Gebiete, da das «Halleluja» des Christus aus dieser musikalischen Gestaltung herausklingen, rein musikalisch, rein aus der Gestaltung der Töne heraus. Dann wird der Mensch innerhalb der Gestaltung der Töne herauszaubern in dieser Formung der Töne ein unmittelbar Übersinnliches, es für das musikalische Empfinden hinstellen.

Der Christus-Impuls kann im Musikalischen gefunden werden. Und jene Auflösung des Symphonischen in das nicht ganz mehr Musikalische, das bei Beethoven vorhanden war, kann wiederum zurückgeführt werden in das wirklich kosmische Walten im musikalischen Elemente. Aus einer gewissen Engigkeit und, ich möchte sagen, aus einer gewissen traditionellen Beschränktheit heraus hat Bruckner das versucht. Aber wie er drinnen stecken blieb, zeigt gerade die nachgelassene Symphonie, wenn man sie auf der einen Seite in ihrer Wunderbarkeit hat, auf der anderen Seite in einem Sich-Vortastendurch die eigentlich musikalischen Elemente und Nichtkommen zu einem vollen Erleben dieser musikalischen Elemente, die man nur erleben kann in der Weise, wie ich es jetzt angedeutet habe, wenn man im rein Musikalischen vorschreitet und im Musikalischen drinnen das Essentielle, das Wesenhafte findet, das eine Welt in Tönen hineinzaubern kann.

Es wird einmal ganz gewiß, wenn die Menschheit nicht in die Dekadenz kommt, durch anthroposophische Inspiration dasjenige entstehen können, was ich angedeutet habe. Und so kann es einmal dazu kommen — es hängt ja nur von den Menschen ab —, daß gerade im Musikalischen der Christus-Impuls in wahrer Gestalt auch vor die äußere Offenbarung hintritt.

Ich wollte dieses aus dem Grunde vor Ihre Seele hinstellen, weil Sie daraus sehen können, daß Anthroposophie auf allen Gebieten hineinfließen will in das Leben, und es kann das geschehen, wenn das Leben auch wirklich auf der anderen Seite den Weg, den rechten Weg findet hin zu dem anthroposophischen Erfahren, zu dem anthroposophischen Erforschen. Und es wird sogar das sein können, daß dasjenige, was auf anthroposophischem Gebiet da ist, einmal wie in einem Echo aus dem Musikalischen heraustönt, wie wenn das Echo eine Lösung wäre des christologischen Rätsels.

Mit diesen Worten möchte ich abgerundet haben dasjenige, was ich durch diese Vorträge ja nur andeuten konnte, andeuten, welche Absichten damit verbunden waren. Ich möchte nur noch das Wort anfügen, daß es mir gelungen sein möge, in den Seelen ein wenig anzuregen, was ich bemerklich zu machen versuchte durch diese Darstellungen anthroposophischer Wahrheiten, daß tatsächlich diese anthroposophischen Wahrheiten Keime sein können in jeder Seele, die zu Leben erstehen können, die zu immer weiterem und weiterem Leben in der Zivilisation führen können.

Möge auch dieser Vortragszyklus ein kleiner Beitrag zu diesen weitgehenden Absichten anthroposophischen Wollens sein.




Zuletzt aktualisiert: 16-Aug-2019
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