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Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls

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Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls

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Schmidt Number: S-2500

On-line since: 23rd August, 2011

Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls

Rudolf Steiner Archive Document

Lectures Section

Von der Ansprache Rudolf Steiners liegen keine vollständigen Mitschriften vor, sondern nur Notizen verschiedener Zuhörer. Für die von Marie Steiner im Jahre 1947 herausgegebene Vervielfältigung standen nur die stenographischen Notizen von Bertha Reebstein-Lehmann zur Verfügung. Dem Neudruck 1984 konnten Ergänzungen und Berichtigungen eingearbeitet werden aus den inzwischen aufgefundenen Notizen von Mieta Pyle-Waller und von Elisabeth Vreede. Die Notizen von Mieta Pyle-Waller hat Rudolf Steiner selbst durchgesehen und mit Korrekturen versehen. Wesentliche Textabweichungen gegenüber der Vervielfältigung von 1947 sind als Fußnote in Klammern angegeben.

Rudolf Steiner

GA 252

Von der Ansprache Rudolf Steiners liegen keine vollständigen Mitschriften vor, sondern nur Notizen verschiedener Zuhörer. Für die von Marie Steiner im Jahre 1947 herausgegebene Vervielfältigung standen nur die stenographischen Notizen von Bertha Reebstein-Lehmann zur Verfügung. Dem Neudruck 1984 konnten Ergänzungen und Berichtigungen eingearbeitet werden aus den inzwischen aufgefundenen Notizen von Mieta Pyle-Waller und von Elisabeth Vreede. Die Notizen von Mieta Pyle-Waller hat Rudolf Steiner selbst durchgesehen und mit Korrekturen versehen. Wesentliche Textabweichungen gegenüber der Vervielfältigung von 1947 sind als Fußnote in Klammern angegeben.

Dieser Band wird hier mit freundlicher Genehmigung der Rudolf Steiner Nachlaßverwaltung, Dornach, Schweiz zur Verfügung gestellt.


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Dieses Buch wurde von einem anonymen Spender zur Verfügung gestellt.

Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls

und was zunächst daraus geworden ist

Ansprache von Rudolf Steiner,

gehalten in Berlin am 15. Dezember 1911

Herausgegeben mit einem Vorwort und

einem Nachwort von Marie Steiner 1947

Private Vervielfältigung

(transcribed by OCR — English; umlauts and ß inserted manually;
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)

Von der Ansprache Rudolf Steiners liegen keine vollständigen Mitschriften vor, sondern nur Notizen verschiedener Zuhörer. Für die von Marie Steiner im Jahre 1947 herausgegebene Vervielfältigung standen nur die stenographischen Notizen von Bertha Reebstein-Lehmann zur Verfügung. Dem Neudruck 1984 konnten Ergänzungen und Berichtigungen eingearbeitet werden aus den inzwischen aufgefundenen Notizen von Mieta Pyle-Waller und von Elisabeth Vreede. Die Notizen von Mieta Pyle-Waller hat Rudolf Steiner selbst durchgesehen und mit Korrekturen versehen. Wesentliche Textabweichungen gegenüber der Vervielfältigung von 1947 sind als Fußnote in Klammern angegeben.

Neudruck 1984

Zu beziehen durch:

Rudolf Steiner Verlag, Haus Duldeck, CH-4143 Dornach

Es erscheint als eine dringende Pflicht im Hinblick auf die Schwere der Zeit und den geringen Rest des verfügbaren Lebens, von Dr. Steiners Impulsen und Worten das zu retten, was noch gerettet werden kann. Dazu gehört auch manches von dem, was er nur in intimem Kreise im ernsthaften Gespräch, bei gewissen Wendepunkten der Ereignisse über die weiteren Aufgaben und Arbeitsziele der von ihm inaugurierten Bewegung, gesprochen hat. Nachschriften liegen vor, doch nicht vollzählig und vollständig. Auch wenn sie Lücken aufweisen und vielleicht manche feinere Nuance nicht darin aufgefangen ist, so kann man trotzdem gut nachempfinden, wie mannigfaltig, der zugewiesenen Aufgabe entsprechend, die Ausdrucksweise jeweils ist, – plastisch konturiert und fest, oder sich auflösend, durch die Sprache hindurch ahnen lassend ein Licht, das sich noch halb verhüllen muß, weil Worte nicht ausreichen. Es legt sich darüber wie ein leiser Flor, durch den aber die Impulse wirken können, welche in die Zukunft weisen. Richtkräfte für ein späteres Wirken legte er immer wieder in unsere Seelen, Zukunftskeime, die nach überstandenem Seelenschlaf sich lebendig werden entfalten können; durch die Hetze des Alltags wurden sie nur zu oft verschüttet, oder vom Wirbel der Ereignisse erfaßt und weggefegt. Unter den Seelen, die solche Zukunftskeime hatten entgegen nehmen dürfen, gab es gewiß manche, aus denen sie einst zu neuem Leben und Ringen würden erstehen können; aber auch solche, die – dem steinigen Boden des Evangeliumbildes gleich – ihnen zunächst keine Nahrung bieten würden. Nicht nur die Natur, auch die Seelen sind der organischen Gesetzmäßigkeit unterworfen. Einiges von dem, was geistig in sie hinein fällt, verhärtet oder verdirbt, anderes erweist sich keimkräftig und wandelt sich um zu neuen Daseinsformen. Der Durchgang durch den Tod und das Untertauchen in das Chaos mit seinen durcheinander gewirbelten, wühlenden Kräften gibt die Gewähr für ein späteres Wiederaufleben des geistigen Einschlags durch Metamorphosen hindurch zu höheren Daseinsstufen. Im Mikrokosmos wie im Makrokosmos, im irdischen wie im planetarischen Dasein herrscht das Gesetz der Wandlung zu neuen Daseinsformen. Diesen Weg mitmachend und ihn je nach Rasse und Volkstum bildlich darlebend und erläuternd, haben die Religionen immer höhere Erkenntnisstufen erklommen, weltumfassend und dem Zeitenlauf gemäß hineinleuchtend in die verborgenen Tiefen.

Als ein gewisser Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht worden war und zugleich die Gefahr der philosophischen Abstraktion eingetreten war, die alten Bilder und Zeichen nicht mehr genügten, um das neu pulsierende Leben einzufangen, vollzug sich der christliche Einschlag, der den großen Wendepunkt brachte. Doch als dieser aus dem Dunkel der Katakomben in die äußere Welt trat, begann auch die Gefahr seiner Verfestigung zu Dogmen, und die treibenden lebendigen Kräfte suchten sich neue Wege. Sie fanden sie in den Geheimgesellschaften, die sich der Autorität der Kirchenfürsten und den Konzilienbeschlüssen nicht beugen wollten; nun wurden sie als Häresie selbst verfolgt. Ihr von der Außenwelt sich verhüllender Inhalt lebte sich wiederum dar in Zeichen und Symbolen. Sie gaben der Kunst einen neuen Einschlag, der zunächst durch die Werke der gotischen Baukunst in Erscheinung trat; organisches Wachstum der Pflanze – dem Steine eingegliedert. Auch in die Namen floß das neue Leben hinein, diese enthielten das, was die Seele als Richtkräfte aufnehmen soll, um sich gesund entwickeln zu können, bevor sie die Selbständigkeit erreicht. Aber die Erziehung der Menschheit zur Selbständigkeit, in welche die neu erweckte Ich – Kräfte sich zu ergießen hatte, verlangte erst den Durchgang durch den abstrakten Intellektualismus, der die Seelen eine Zeitlang von ihrem geistigen Ur quell trennte, damit sie, durch die Kälte der Isolierung hindurchgehend, das höhere Ich ergreifend, sich im Geiste würden wiederfinden können. Das Wissen von der Natur, losgelöst vom Geiste, gibt der Seele keine Aufrichtekräfte mehr. Damit dies erlebt und erkannt werde, mußten Geister Welten brechen. Inmitten zerschlagener Welten stehen wir nun; – ein neues Suchen nach Lösung der Schicksalsrätsel hat begonnen. Diesem Suchen und Fragen kann das Lebenswerk Rudolf Steiners Antwort geben. Er beherrschte den Umfang der heutigen exakten Wissenschaft; er kann uns auch den Geist enthüllen, der hinter ihr verborgen kraftet und in die alten Namen einst hineingeheimnist war. Durch ihn vermögen wir die impulsierenden Kräfte zu erahnen, die hinter den Namen liegen. Rettungsplanken für den unvermeidlich sich nahenden Schiffbruch waren uns so gereicht worden, die zu ergreifen und zu benutzen wir nicht reif genug waren. Die Seelen waren nicht wach genug, waren noch in den alten Vorstellungen befangen. Die in sozialer Hinsicht gemachten Versuche stießen auf die härtesten Widerstände von Seiten der äußeren Welt. Ein gewaltiger Schmerz kann uns ergreifen, wenn wir sehen, wie wenig wir in der Lage waren, das Gebotene fruchtbar zu machen und geeignete Werkzeuge zu sein für den Feuergeist des in der Not gesandten Helfers. Auf den Trümmern zerschlagener Welten stehend, müssen wir nun versuchen, das erhaltene und nicht genügend feurig ergriffene Wort uns aus überbliebenen Nachschriftresten zum Bewußtsein zu bringen; durch individuelle Arbeit es zum Menschheits – Ich emporhebend. Rudolf Steiner versuchte, nicht nur auf den Wegen der Philosophie und Wissenschaft uns zur Freiheit zu führen, sondern auch durch Erziehung innerhalb des esoterischen Lebens, die das alte Anhängigkeitsverhältnis vom Lehrer allmählich umwandeln würde in den Impuls der Freiheit und der Verantwortung vor dem Geiste. Seelen, die sich im Geist verankert fühlen, müssen geprüft werden. Solche selbstersehnte Prüfung ruft immer ein beschleunigtes Karma hervor; es muß auch das ans Licht, was sich noch gern vor sich selbst verhüllen möchte. An solchen Prüfungen scheiterten oft die aus tiefen kosmischen Gründen geholten Versuche geistiger Mächte, die zum Ziel haben,die Menschheits-Entwicklung auf eine höhere Stufe zu heben. So war es bei der französischen Revolution, so auch vor den Weltkriegen unseres Jahrhunderts.

Zu einem ganz kleinen Kreis seiner Schüler hatte Rudolf Steiner zuerst von solchen Zukunftsaufgaben gesprochen und die Seelen hinzulenken versucht auf die Bedeutung jener fernen Aufgaben, die aus einem, von der Selbstsucht frei gewordenen Menschen-Wollen, erwachsen müssen. Er wiederholte diese Worte vor einem größeren Kreis, den er anläßlich der General-versammlung am 15. Dezember 1911 berief. Es geschah dies nicht innerhalb der Verhandlungen der Generalversammlung selbst; er erklärte, daß dies außerhalb ihres Programmes geschähe. Er begann diese Ansprache in einer besonders feierlichen und eindrucksvollen Weise. Es ist dies vielleicht der Grund, daß der erste Teil der Ansprache nur notiert, aber nicht mit seinen Worten wiedergegeben ist. Er betonte, daß der Inhalt dieses Vortrages ganz unabhängig sei von allem bisher Gegebenen. Es handle sich sozusagen um eine direkte Mitteilung aus der geistigen Welt. Es sei wie ein Ruf, der an die Menschheit herangebracht werde, – dann wird abgewartet, welches Echo ihm entgegen kommt. Solch ein Ruf geschähe in der Regel drei Mal. Verhalle der Ruf auch das dritte Mal ungehört, so sei er für lange Zeiten wieder in die geistige Welt zurückgenommen. Ein Mal sei dieser Ruf bereits an die Menschheit herangebracht worden, leider fand er kein Echo. Dieses sei das zweite Mal. Es handelt sich um rein geistige Dinge. Mit jedem vergeblichen Male werden die Bedingungen und Verhältnisse schwieriger. „Meine lieben Freunde" (sagte er, fortsetzend, was als Merkworte in der Nachschrift erhalten ist):

"Es obliegt mir zunächst in diesem Augenblicke, eine Intention, aus dem engeren Kreis derjenigen, die schon davon wissen, hinauszutragen in Ihren weiteren Kreis. Und bevor dies geschieht, lassen Sie mich einige Worte vorausschicken. Ausdrücklich soll aber hervorgehoben werden, daß das, was jetzt gesagt wird, in keinerlei Zusammenhang steht mit dem, was in dieser Generalversammlung vorausgegangen ist, oder was sonst irgendwie sich bezieht auf die bisherigen Verhandlungen, – wodurch ja nicht ausgeschlossen ist, wenn Neigung dazu sich finden sollte, darauf in späteren Verhandlungen Rücksicht zu nehmen.

Wenn wir heute in der Welt Umschau halten, so werden wir uns sagen müssen: die gegenwärtige Welt ist eigentlich voller Ideale, – und wenn wir uns fragen: Ist die Vertretung dieser Ideale von Seiten derjenigen, die an sie glauben und sich in den Dienst dieser Ideale stellen, eine aufrichtige und ehrliche?, so werden wir in sehr vielen Fällen zu antworten haben: Ja, das ist der Fall! Es ist der Fall eben mit jenem Glauben und jener Hingabe, deren die einzelnen Menschen fähig sind. – Wenn wir nun fragen: wie viel wird gewöhnlich verlangt, wenn eine solche Vertretung von Idealen durch irgend jemanden – sei es ein Einzelner, sei es eine Gesellschaft – ins Leben gerufen wird?, so werden wir aus der Beobachtung des Lebens heraus uns die Antwort zu geben haben: in den meisten Fällen wird sozusagen alles verlangt; vor allen Dingen aber wird verlangt, daß das aufgestellte Ideal eine absolute, unbedingte Anerkennung finde. Und es liegt fast immer der Aufstellung eines solchen Ideales das zugrunde, daß man für ein solches Ideal eben verlangt die absoluteste Zustimmung. Und gewöhnlich bringt man das Nicht-Erfolgen einer solchen Zustimmung zum Ausdruck in irgendeiner abfälligen Kritik.

Mit diesen Worten sollte charakterisiert werden, wie das Prinzip einer Zusammengliederung von Menschen sich ergeben hat auf ganz naturgemäße Weise im Laufe der Menschheits – Bewegung, und es soll an der Berechtigung eines solchen Prinzips in diesem Augenblicke in keiner Weise ein Zweifel laut werden. Aber es soll vor allen Dingen eine Möglichkeit vor Sie hingestellt werden, und das ist diese: Bei allem, was innerhalb der Zusammengliederungen von Gesellschaften usw. befolgt worden ist in der Welt, war man eigentlich davon durchdrungen, daß die Richtigkeit einer Meinung an sich niemals maßgebend sein kann für die Wirklichkeit der entsprechenden Sache; daß man aus dem, was der Mensch zu denken vermag, in dem Augenblick, wo er das Gedachte äußert, durch die Äußerung selbst gezwungen werden kann, in einen Widerspruch zu verfallen mit der Wirklichkeit. Es muß gerade in diesem Augenblicke manches gesagt werden, was nicht in Übereinstimmung steht mit vielem, was in der Welt Geltung hat. So muß gesagt werden: Es ist möglich, daß das Bekenntnis zu einer Sache nicht mehr wahr sein kann, wenn dieses Bekenntnis ausgesprochen wird. Ein einfaches Beispiel möchte ich angeben, aus dem Sie ersehen können, daß die Gefahr vorliegen kann, einfach durch das Aussprechen einer Sache unwahr zu werden. Und ich möchte, daß das Aussprechen dieser einfachen Wahrheit in Übereinstimmung mit den rosenkreuzerischen Prinzipien aufgefaßt werde.

Nehmen wir an, es drückt jemand seine Zustimmung durch die Worte aus: "Ich schweige", so ist das etwas, was nicht wahr sein kann. Wenn jemand sagt: "Ich schweige", und er will einen Zustand in der Gegenwart ausdrücken, so ist das so, daß er keine Wahrheit damit sagt. Die Möglichkeit liegt vor, durch das wörtliche Bekenntnis einer Sache diese Sache selber zu negieren. Denn aus dem, was hier durch das einfache Beispiel: "Ich schweige" zum Ausdruck gebracht ist, können Sie schließen, daß es auf Unzähliges in der Welt anwendbar ist und immer wieder vorkommen kann. Was folgt aus einer solchen Tatsache? Es folgt, daß die Menschen, wenn sie in irgendeiner Weise sich zusammenschließen wollen, um dies oder jenes zu vertreten, in einer außerordentlich schwierigen Lage sind, daß die Menschen mit dem Teuersten, was sie überhaupt haben, sich nicht zusammenschließen können anders, als daß die Gründe, wegen welcher sie sich zusammenschließen, solche sind, welche nicht der Sinnenwelt, sondern der übersinnlichen Welt angehören. Und wenn wir verstehen, was wir in uns aufnehmen konnten im Laufe der Zeit aus alle dem, was aus dem neueren Okkultismus hervorgeholt ist, so werden wir einsehen, daß es eine unbedingte Notwendigkeit ist für die nächste Zukunft (Nachschrift Lehmann: für die nächste Zeit), gewisse Dinge dieses Okkultismus zu vertreten, sie vor die Welt hinzutragen. Daher muß gegenüber allen Prinzipien okkulter Gesellschaften und deren bisher möglichen Organisationen der Versuch gemacht werden mit etwas v ö l l i g N e u e m, mit etwas, was ganz und gar aus dem Geiste jenes Okkultismus heraus geboren ist, von dem in unserem Kreise oft gesprochen wurde. Dies aber kann nicht anders getan werden als dadurch, daß einmal der Blick gewendet werde einzig und allein auf etwas Positives, einzig und allein auf etwas, was als eine Realität in der Welt da ist, und was als solche Realität gepflegt werden kann. Realitäten sind ja in unserem Sinne nur die Dinge, die in erster Linie der übersinnlichen Welt angehören. Denn die ganze sinnliche Welt stellt sich uns dar als Abbild der übersinnlichen Welt. Daher wird einmal der Versuch gemacht werden, der ein solcher ist, wie sie gemacht werden müssen aus der übersinnlichen Welt heraus: der Versuch, eine Gemeinschaft von Menschen nicht zu begründen, sondern zu s t i f t e n.

Ich habe schon einmal bei anderer Gelegenheit den Unterschied von Begründung und Stiftung hervorgehoben. Es war vor vielen Jahren. Er ist damals nicht verstanden worden, und es hat seit jener Zeit kaum jemand über diesen Unterschied nachgedacht. Daher sahen auch die geistigen Mächte, welche vor Sie hingestellt werden unter dem Symbolum des Rosenkreuzes, bisher hinweg über das Hinaustragen dieses Unterschiedes in die Welt.

Es muß aber neuerdings und diesmal in einer energischen Weise der Versuch gemacht werden, ob es gelingt – auch bei einer Gemeinschaft, die nicht begründet, sondern gestiftet wird – einen Erfolg zu erzielen. Wird dieser Erfolg nicht erzielt, nun so ist er für eine Weile gescheitert.

Daher soll Ihnen in diesem Augenblicke verkündet werden, daß unter denjenigen Menschen, die sich in der entsprechenden Weise dazu finden, gestiftet werden soll eine Arbeitsweise, welche durch die Art und Weise der Stiftung zum direkten Ausgangspunkt hat die Individualität, die wir seit den abendländischen Vorzeiten mit dem Namen des Christian Rosenkreuz belegen. Dasjenige, was heute schon darüber gesagt werden kann, das bleibt präliminarisch. Denn was bisher geschehen konnte, bezieht sich nur auf einen Teil dieser Stiftung, die in einem umfassenden Sinne, wenn die Möglichkeit gegeben wird, in die Welt treten soll. Das, was bisher geschehen konnte, bezieht sich auf eine Abteilung dieser Stiftung: auf die künstlerische Vertretung des rosenkreuzerischen Okkultismus.

Der erste Punkt, den ich Ihnen mitzuteilen habe, ist der, daß unter dem unmittelbaren Protektorat jener Individualität, die wir bezeichnen mit dem Namen, den sie während zwei Inkarnationen für die Außenwelt hatte, daß unter dem Protektorat dieser Individualität Christian Rosenkreuz – als Stiftung ins Leben treten soll eine Arbeitsweise, welche zuerst dadurch sich charakterisieren will, daß sie für einige Zeit, für die nächste Zeit, den provisorischen Namen tragen soll: “G e s e l l s c h a f t f ü r t h e o s o p h i s c h e A r t u n d K u n s t". Dieser Name ist nicht der definitive, sondern es wird ein definitiver Name an die Stelle treten, wenn die ersten Vorbereitungen für das Hinaustragen dieser Arbeit in die Welt haben gemacht werden können. Dasjenige, was umfassen soll die "theosophische Art", das ist aber noch völlig im Keimzustand, denn es wird sich erst darum handeln, daß noch die Vorbereitungen dazu getroffen werden, um das zum Verständnis zu führen, was damit gemeint ist. Das aber, was unter dem Begriff der theosophischen Kunst gefaßt werden kann, hat ja in mannigfaltiger Weise schon einen Anfang genommen durch unsere Versuche bei den Aufführungen in München, und vor allen Dingen einen bedeutungsvollen Anfang durch den Versuch unserer Stätte in Stuttgart; und ein weiterer bedeutungsvoller Fortschritt für das Verständnis einer solchen Sache zeigt sich an der Begründung des Johannes-Bauvereins. Es ist etwas, das einen Anfang genommen hat. In Bezug darauf ist etwas da, dem als in einer gewissen Weise Erprobtem die Sanktion erteilt werden darf. Es handelt sich darum, daß innerhalb des Arbeitskreises eine rein geistige Aufgabe erwachsen soll, eine Aufgabe, welche sich erschöpfen wird in einer geistigen Arbeitsweise und in dem, was resultiert aus solcher geistigen Arbeitsweise. Nun, es handelt sich darum, daß niemand unter einem anderen Gesichtspunkte Mitglied werden kann dieses Arbeitskreises, als allein dadurch, daß er einigen Willen hat, für das Positive der Sache seine Kräfte einzusetzen. Sie werden vielleicht sagen: ich spreche mannigfache Worte, die vielleicht nicht ganz verständlich sind. Das muß so sein bei einer solchen Sache, wie die, um welche es sich dabei handelt, – denn die Sache muß erfaßt werden im unmittelbaren Leben. Und dasjenige, was schon geschehen konnte innerhalb dieser Stiftung, besteht darin, daß nach rein okkulten Gesetzen (Nachschrift Lehmann: okkulten Grundsätzen) ein zunächst winzig kleiner Kreis geschaffen wurde, welcher seine Verpflichtung darin sehen wird, mitzuwirken an dem, um was es sich dabei handelt. Ein winzig kleiner Kreis ist geschaffen. Er ist zunächst so geschaffen, daß damit im Sinne unserer geistigen Strömung für diese Stiftung in einer gewissen Weise sozusagen ein Anfang gemacht werden soll, sie von mir selber abzulösen, und ihr eine in sich selbst begründete Substanz zu geben. Eine in sich selbst begründete Substanz! (Nachschrift Lehmann: einen in sich selbst begründeten Bestand)

So daß also zunächst dieser kleine Kreis mit d e r Sanktion vor Sie hintritt, daß er als solcher seine Aufgabe empfangen hat vermöge seiner eigenen Anerkennung unserer geistigen Strömung, um dadurch in der Art, wie er es angemessen hält, in geistiger Weise das Prinzip der Souveränität der geistigen Bestrebungen und der Selbständigkeit alles geistigen Strebens, die eine unbedingte Notwendigkeit für die Zukunft sind, in die Menschheit hineintragen zu können. Daher werde ich selbst innerhalb der Stiftung, um die es sich handelt, nur zu gelten haben als der Interpret der Grundsätze, die als solche nur in der geistigen Welt allein vorhanden sind, – als Interpret desjenigen, was auf diese Weise zu sagen ist über die Intentionen, die der Sache zugrunde liegen. Deshalb wird zunächst ein Kurator hingestellt für die äußere Pflege dieser Stiftung. Und da mit den Ämtern, die kreiert werden, nichts anderes verbunden ist als Pflichten, keine Ehren, keine Würden, so ist es unmöglich, daß bei einem richtigen Verständnis der Sache irgendwelche Rivalitäten oder andere Mißverständnisse sogleich auftreten.

Es wird sich darum handeln, daß zunächst von der Stiftung selber Fräulein von Sivers als Kurator anerkannt wird. Diese Anerkennung ist keine andere als die, welche aus der Stiftung selbst heraus interpretiert wird; es gibt keine Ernennungen, sondern nur I n t e r p r e t i e r u n g e n. Es wird in der nächsten Zeit ihre Aufgabe sein, dasjenige zu tun, was getan werden kann im Sinne dieser Stiftung, um für dieselbe einen entsprechenden Kreis von Mitgliedern zu sammeln, – nicht im äußerlichen Sinne, sondern nur so, daß sie herankommen lassen wird an sich diejenigen, welche den ernstlichen Willen haben,in dieser Arbeitsweise mitzutun. Im weiteren Sinne werden kreiert innerhalb dieses einen Zweiges unserer Stiftung eine Anzahl von Nebenzweigen. Und zu führenden Persönlichkeiten dieser Nebenzweige – insofern dieselben bisher bestehen – werden wiederum einzelne innerhalb unserer geistigen Bewegung erprobte Persönlichkeiten mit den entsprechenden zugehörigen Verpflichtungen hingestellt. Auch das ist zunächst eine Interpretierung, in der Weise, daß übertragen wird das Amt der Führung eines solchen einzelnen Nebenzweiges einer Persönlichkeit. Interpretiert werden für diese einzelnen Nebenzweige je ein Archidiakon. Wir werden haben einen Nebenzweig für a l l g e m e i n e K u n s t; Archidiakon würde sein – und zwar geschah das in ausdrücklicher Anerkennung dessen, was die Persönlichkeit im Laufe der letzten Jahre für diese Kunst getan hat: Fräulein von Eckhardtstein. Weiter wird publiziert für L i t e r a t u r: provisorisch der Kurator Fräulein von Sivers. Weiter wird publiziert für A r c h i t e k t u r: Herr Dr. Felix Peipers; für M u s i k: Herr Adolf Arenson; für M a l e r e i: Herr Hermann Linde. Es ist die Arbeit, um die es sich da handeln soll, eine im wesentlichen innere. Es wird das vor die Welt treten sollen, was im einzelnen absolut in Freiheit gehaltene Arbeit dieser Persönlichkeiten ist. Es wird notwendig sein, daß in einer gewissen Weise ein Zusammenschluß derjenigen, die zu dieser Arbeitsweise gehören, erfolgen kann; dieser Zusammenschluß wird erfolgen müssen in einer ganz anderen Weise als das bei gewöhnlichen Organisationen der Fall ist. Wir werden haben müssen einen Bewahrer (Nachschrift Lehmann: Überwacher) dieses Zusammenschlusses. Die Stelle des Konservators, die als Amt zunächst übertragen wird Fräulein Sophie Stinde, wird in Verbindung stehen mit diesem Zusammenschluß selber. Die Art, wie sich die Persönlichkeiten zusammenfinden, – das alles erfordert Arbeit in der nächsten Zeit. Damit aber die Art des Zusammenschlusses, mit anderen Worten das Prinzip der Organisation, wird erfolgen können, haben wir notwendig einen Siegel-Konservator: Fräulein Sprengel, während Sekretär sein wird: Dr. Carl Unger.

Das ist zunächst der kleine, winzige Kreis, um den es sich handelt. Betrachten Sie ihn nicht als irgend etwas, was unbescheiden in die Welt treten will und sagt: da bin ich nun; sondern betrachten Sie ihn als etwas, was nichts anderes sein will als ein Keim, um den herum sich die Sache selbst gliedern kann. Sie wird sich zunächst so gliedern, daß bis zum kommenden Dreikönigstage eine Anzahl von Mitgliedern dieser Gemeinschaft interpretiert sein werden; das heißt, es werden bis dahin eine Anzahl von Mitgliedern die Verständigung bekommen haben, daß sie zunächst gebeten werden, ihren Anschluß besorgen zu wollen. So daß für die erste Zeit die aller weitestgehende Freiheit in dieser Richtung gesichert werden muß, indem der Wille, Mitglied zu werden, von niemand anderem ausgehen kann als von dem Betreffenden selbst, der Mitglied werden will. Und die Tatsache, daß er Mitglied ist, wird dadurch herbeigeführt, daß er zunächst als solches Mitglied anerkannt wird. Das bezieht sich nur auf das Allernächste, nur für die Zeit bis zum nächsten Dreikönigstag, dem 6. Januar 1912.

So also haben wir in dieser Sache etwas vor uns, was ja durch seine Eigenart eben sich schon verrät als etwas, was aus der geistigen Welt heraus fließt. Es wird weiter sich dadurch als aus der geistigen Welt fließend darstellen, daß die Mitgliedschaft lediglich immerzu nur beruhen wird auf der Vertretung geistiger Interessen und auf der Anerkennung geistiger Interessen – bei Ausschließung alles, alles Persönlichen.

Es besteht hier eine Abweichung von älteren okkulten Grundsätzen, die bei dieser Verkündigung gemacht wird, und diese Abweichung besteht gerade in der Tatsache dieser Verkündigung. Daher wird kein Gebrauch gemacht werden von jener Behauptung, die etwa läge bei einem Menschen, der sagt, indem er dies auf den gegenwärtigen Moment bezieht: Ich schweige. Die Sache wird ja verkündet; und im Vollbewußtsein, daß sie verkündet wird, soll dies geschehen. Aber in dem Augenblick wo jemand zeigt, daß er in irgendeiner Weise kein Verständnis hat für diese heutige Verkündigung, wird ihm selbstverständlich durchaus nicht in irgendeiner Weise nahegelegt werden können, einer solchen Arbeitsweise anzugehören. Denn es kann nichts anderes geben als den absolut freien Willen, einer solchen Arbeitsweise anzugehören. Sie werden aber sehen, daß, wenn so etwas zustande kommen sollte –, wenn also unsere Zeit durch ihre Eigentümlichkeit schon zuläßt, daß so etwas zustande kommt –, daß dann wirklich im Sinne der Anerkenntnis des geistigen Grundsatzes gearbeitet werden kann, – des Grundsatzes, daß nicht nur aller Natur und aller Geschichte, sondern allem in die Welt tretenden Tun, auch allem menschlichen Tun, die geistige, übersinnliche Welt zugrunde liegt.

Sie werden sehen, daß es für jeden unmöglich ist, einer solchen Gemeinschaft anzugehören, wenn er nicht wirklich mit ihr einverstanden ist. Wenn Sie meinen, es sei etwas Merkwürdiges, was da gesagt worden ist, dann bitte ich, nehmen Sie es so: daß es mit vollem Bewußtsein geschehen ist; daß eingehalten wird dabei alles, was zu den Gesetzen, zu den ewigen Gesetzen des Daseins gehört. Und dazu gehört auch, daß man die Prinzipien des W e r d e n s in Betracht zieht. Man kann schon in diesem Augenblicke gegen den Geist dessen, was da geschehen soll, sündigen, wenn man in die Außenwelt hinaus geht und sagt: da ist dies oder jenes gegründet worden. Nicht nur, daß überhaupt nichts gegründet worden ist, sondern es liegt die Tatsache vor, daß eine Definition zu geben dessen, was getan werden soll, in keiner Stunde möglich sein wird, – denn alles soll in fortwährendem Werden sein. Und was durch das, was heute gesagt worden ist, geschehen soll, das kann man jetzt nicht beschreiben, davon kann man keine Schilderung geben. Es beruht das, was geschehen soll, nicht auf Worten, sondern auf Menschen, und nicht einmal auf Menschen, sondern auf dem, was diese Menschen tun werden. Es wird in einem lebendigen Flusse, einem lebendigen Werden sein, und alles, was man darüber sagen wird, wird in dem Moment unwahr sein. So wird denn auch heute als Grundsatz nichts anderes aufgestellt als der erste Grundsatz, der darin besteht: A n e r k e n n u n g d e r g e i s t i g e n W e l t a 1 s d e r G r u n d w i r k l i c h k e i t. Alle weiteren Grundsätze sollen im Werden der Sache erst geschaffen werden. Wie ein Baum im nächsten Augenblick nicht mehr das ist, was er war, sondern Neues angesetzt hat, so soll diese Sache wie ein lebendiger Baum sein. Niemals darf das, was diese Sache werden soll, durch das, was sie ist, in irgendeiner Weise beeinträchtigt werden. Wenn also irgend jemand das, was damit als ein Anfang bezeichnet worden ist, als diese oder jene Begründung draußen in der Welt definieren wollte, dann würde er unmittelbar unterliegen der gleichen Unwahrheit, die jemand ausdrückt, wenn er sagt: Ich schweige. Wer zunächst in einer Weise diese oder jene Worte gebraucht, um die Sache zu charakterisieren, der sagt unter allen Umständen etwas nicht richtiges. So daß also zunächst es lediglich darauf ankommt – denn es wird alles im Werden sein, – daB die Persönlichkeiten sich zusammenfinden, die so etwas wollen. Lediglich darauf kommt es an, daß die Persönlichkeiten sich zusammenfinden, die so etwas wollen. Dann wird die Sache schon weitergehen! Aus alle dem, was gesagt worden ist, können Sie entnehmen, daß die Sache schon weitergehen wird. Sie wird sich im tiefsten Prinzip unterscheiden auch von dem, was Theosophische Gesellschaft ist. Denn kein einziges der Merkmale, die heute ausgesprochen sind, können für die Theosophische Gesellschaft gelten.

Ich mußte über diese Sache sprechen aus dem einfachen Grunde, weil ja auch vor die Öffentlichkeit unserer Theosophischen Gesellschaft die Dinge getreten sind, welche mit dieser Stiftung in einem organisatorischen Zusammanhange stehen. Weil durch diese Stiftung – im Sinne von Intentionen, die inhaltlich nicht in der physischen Welt liegen und nichts mit Ahriman zu tun haben – ein geistiges ideelles Gegengewicht (Nachschrift Lehmann: Gegenbild) geschaffen werden muß gegenüber alle dem, was mit einer Gründung in der äußeren Welt verbunden ist. Lediglich in d e r Beziehung kann ein Zusammenhang gesehen werden mit dem, was schon da ist, daß dieser Zweig unserer Stiftung, der Zweig für theosophische Kunst, etwas leisten soll, was ein Gegengewicht ist für das, was auf dem physischen Plan mit Ahrimanischem verknüpft ist. Das wird gehofft, daß ein vorzügliches Vorbild geschaffen wird durch das Vorhandensein dieses Zweiges unserer Stiftung. Und der andere Zweig wird in entsprechender Weise seine Dienste tun.

Aus spirituellen Welten muß hereinfließen in unsere Kultur, was als Kunst in der Bewegung für Geisteswissenschaft figurieren soll. Es muß so sein, daß überall das spirituelle Leben als Grundlage dessen, was wir tun, ganz dasteht. Es wird unmöglich sein zu konfundieren, zu verwechseln mit dieser ideell spirituellen Bewegung irgendeine andere, die sich auch als "Theosophische Bewegung" bezeichnet und mittun wollen wird. (Rudolf Steiner durfte sich hier auf die schweren Differenzen beziehen, die zur Zeit der Ansprache, Ende 1911, aufgetreten waren, weil Rudolf Steiner sich weigerte, Mitglieder des von Annie Besant gegründeten Ordens "Der Stern des Ostens" zu den Veranstaltungen der von ihm geleiteten deutschen Sektion zuzulassen.) Überall, wo wir stehen, ist das spirituelle Moment unser Boden. Dieses wurde versucht bei den Festspielen in München, beim Bau in Stuttgart – in den Grenzen zunächst, in denen es möglich war, aber es wurde überall so versucht, daß das spirituelle Moment das Maßgebende war, die conditio sine qua non. Dasjenige, was eben die Bedingung ist, unter welcher die Sache nicht geschehen soll, war (... Lücke in allen drei Nachschriften). Diejenigen, welche schon ein wenig eingedrungen sind in das, um was es sich handelt, werden mich in dieser Beziehung verstehen. Diese Worte sind gesagt weniger wegen des Inhaltes, als wegen der Richtlinien, die gegeben werden sollten.“

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Als nach Ablauf des Jahres und dem nächsten Dreikönigstage keine weiteren Nominationen bekannt gegeben wurden, erging von Seiten eines Zuhörers die Anfrage an Dr. Steiner, wann dies geschehen würde. Er erwiderte: daß dieses nicht geschehen sei, wäre auch eine Antwort.

Das Jahr 1912/13 war überlastet von den Auseinandersetzungen mit Annie Besant, ihrer Verkündigung des neuen Messias und ihrem nun auch in Deutschland sich betätigenden "Stern des Ostens". Durch die Anhänger der von Rudolf Steiner inaugurierten abendländischen geistigen Bewegung wurde von der Präsidentin eine präzise Stellungnahme bei den stattfindenden Auseinandersetzungen, gemäß der in München und Budapest getroffenen Abmachungen, gefordert, statt ihres Ausweichens, ihres Versteckspiels und Hinterdem – Rücken-Handelns. Träger dieser Forderung wurde der um 1912 mit Mitgliedern aus vielen Ländern gegründete "Bund", dem 1913 die Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft folgte, nachdem der Ausschluß der deutschen Sektion durch die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft vollzogen war.

Inzwischen war durch die Nominierung des intimen Kreises auf manchen Gebieten weiter gearbeitet worden: Im Johannesbau-Verein, in der Fertigstellung des Stuttgarter Gesellschafts-Hauses, in den sogenannten Kunst- und Volkszimmern Münchens und Berlins, einer von Fräulein Sophie Stinde ausgegangenen Initiative. Die geistig hervorragendste Publikation war die des Seelenkalenders, entstanden aufgrund einer Zusammenarbeit Dr. Steiners mit Fräulein von Eckardtstein; die wunderbar durchsichtigen Nuancen der Sprache lassen hier wirklich Geist und Seele ineinander fließen und mit der Natur eins werden. Manches andere suchte eine ruhige Entfaltung in die Zukunft hinein. Doch es kam der Weltkrieg und die damit verbundenen Erschütterungen, die tief hineingriffen in die äußeren Lebensumstände und die gegenseitigen Beziehungen der zu den verschiedensten Nationen gehörenden Mitglieder in Dornach. Man versuchte, das Wogen des Blutes nach Kräften zu überwinden, aber hin und wieder gab es Erschütterungen und Entgleisungen.

Die für Dornach aufregendste Krise war die des Sommers 1915. Es trat ein Dr. Gösch in den Vordergrund, ein typischer Pathologe und Vertreter der Psychoanalyse. Er redete sich ein, daß ihm der Siegelbewahrer die Augen geöffnet habe über Versprechungen, die Dr. Steiner gäbe und nicht halte. Dies legte er nach psychoanalytischer Methode in einer Broschüre dar. Zugleich schrieb er Dr. Steiner einen Brief, in dem er seine Theorien auf Grund der ihm vom Siegelbewahrer gemachten "Enthüllungen“ entwickelte. Der Siegelbewahrer hätte die ihr mit diesem Namen zugewiesene Aufgabe nicht anders verstehen können als in einem sehr persönlichen Sinn. Sie fühlte sich als die Inspiratorin des von Dr. Steiner der Menschheit gegebenen geistigen Lehrgutes. Da sie außerdem in München die Rolle der Theodora in den Mysterien-Dramen Rudolf Steiners gespielt hatte, zog sie daraus als Konsequenz den Beweis eines symbolisch gegebenen Ehe-Versprechens, auf dessen Erfüllung sie "sieben Jahre" gewartet habe. Ihre vielen, um diesen Punkt sich drehenden, anklagenden Briefe gaben dem Dr. Gösch Gelegenheit, eine psychoanalytische Abhandlung im Freud'schen Sinne zur Beleuchtung ihres Falles zusammenzustellen. Ihm selbst war ja längere Zeit wegen seines krankhaft nervösen Zustandes die Freud'sche Behandlung zuteil geworden und hatte sein Wesen tief infiziert. Sein offener Anklagebrief gab nun die Veranlassung zu zahlreichen, innerhalb der Gesellschaft streng und genau durchgeführten Verhandlungen, durch welche die Mitgliedschaft sich Klarheit über diesen Fall verschaffen sollte. Nachschriften darüber sind vorhanden und gaben auch die Grundlage für das als Sondernummer der Zeitschrift "Anthroposophie" in Stuttgart herausgegebene Buch: "Anthroposophie und Psychoanalyse". Hier sei nur das erwähnt, was sich bezieht auf den Fall Sprengel – alias Proserpina – alias Theodora – alias Siegelbewahrer, und sich bei ihr in so mystisch-persönlicher Weise als Größenwahn darlebte. Freilich hatten sich bei ihr noch vor dem Kriege Symptome der Selbst – Überheblichkeit schon geltend gemacht. An diesem unglücklichen Größenwahn scheiterte die Möglichkeit der weiteren Nominierungen in den aus acht Persönlichkeiten bestehenden Kreis. Der eine Stein war herausgefallen durch egoistische Selbstüberhebung und dem Hineingeraten ins Mystisch – Abwegige. Der Siegelbewahrer sprengte das Siegel im allergewöhnlichsten menschlichen Sinne. Die Notwendigkeit des Heranziehens der Frau als aktive Mitarbeiterin an den Kulturaufgaben der Zukunft ist unabweislich und wird erreicht werden müssen trotz des Scheiterns dieser Bemühungen in einzelnen Fällen. – So erging es uns mit dem Siegelbewahrer.

Über diesen Fall drückt sich Dr. Steiner bei einer Ansprache wahrend der sogenannten Krise des Jahres 1915 in folgender Weise aus:

"Es ist einmal zur Herbstes-zeit verkündigt worden, daß, weil gewisse unmögliche Symptome in unserer Gesellschaft sich zeigten, es notwendig geworden sei, eine gewisse engere Gesellschaft noch zu begründen, wobei ich zunächst versucht habe, einer Anzahl von nahestehenden und in der Gesellschaft längere Zeit lebenden Persönlichkeiten gewisse Titel zuzuschreiben, indem ich von ihnen voraussetzte, daß sie im Sinne dieser Titel selbständig wirken würden. Ich habe dazumal gesagt: wenn etwas geschehen soll, so werden die Mitglieder bis zum Dreikönigstage etwas hören. Es hat keines etwas zu hören bekommen, und es geht daraus hervor, daß die Gesellschaft für theosophische Art und Kunst überhaupt nicht besteht. Das ist eigentlich selbstverständlich, da niemandem eine Mitteilung gemacht worden ist. Wie es selbstverständlich ist, daß die Mitteilung ergangen wäre, wenn die Sache realisiert worden wäre. Die Art und Weise, wie die Sache in einem bestimmten Falle aufgefaßt worden ist, machte sie unmöglich. Es war ein Versuch." (Vortrag vom 21. August 1915 in Dornach (ungedruckt))

Der Kreis der Nominierten, als innere esoterische Angelegenheit, war zersprengt; draußen tobte der Weltkrieg; in Dornach ging die praktische Arbeit trotz der äußeren Umstände nicht weniger intensiv weiter. Durch die Abberufung so vieler Künstler und Helfer an die Fronten fiel in starkem Maße die Last der Arbeit auf die Frauen. Nur wenige Männer hatten zurückbleiben können, darunter Hermann Linde. Die Frauen aber standen ihren Mann. Vom frühen Morgen an erklang das Hämmern und Meißeln im Bau aus Edelholz, der aus dem Beton-Unterbau herauswuchs, empor zu den sich wölbenden Kuppeln. Den Außen – und Innenwänden entwuchsen die organisch bewegten Formen, durchwärmt und durchwellt von der sie durchfurchenden Menschenhand. Im Innenraum erhoben sich die Säulen mit ihren Sockeln und Kapitälen, ihren Architraven, an deren Abschluß sich die beiden Kuppeln ineinanderfügten, so die Symbolik des seelischen Erlebens von der des kosmischen zugleich trennend und verbindend.

Um Hermann Linde herum gruppierten sich die Maler und deren Helfer. Dr. Steiner hatte die Motive für die Bemalung der Kuppeln entworfen, deren Abbildungen uns erhalten sind in den Reproduktionen von Alinari (Die Entwürfe Rudolf Steiners zur großen Kuppel im ersten Goetheanum (Kunstmappe, ausgeführt durch Alinari, Florenz)). Mit Fleiß und Eifer wurden neue Grundierungsmöglichkeiten durchgeprobt, durch welche die Wirkung der Pflanzenfarben sich zu strahlender Leuchtkraft entfalten konnte; eifrig wurden von einer Gruppe von Helfern die Pflanzen gerieben, aus denen die neuen Farben für die Kuppelbemalung entstehen sollten. Die für die wöchentlichen Eurythmie – Vorführungen entworfenen Programme gaben Gelegenheit, persönliche Phantasie zu entwickeln und sich zu schulen an den von Dr. Steiner zu diesem Zweck entworfenen Vorlagen.

In Deutschland hatte das Arbeitsgebiet, welches dem den Kreis sprengenden Siegelbewahrer zugewiesen war, sehr bald einen mehr als vollgültigen Ersatz gefunden in der Person des Fräulein Berta Meyer. Sie konnte in den Monaten, die wir während der Kriegsjahre in Deutschland zubrachten, des öfteren aus Bremen nach Berlin kommen, um sich in der von ihr technisch beherrschten Kleinodienkunst durch die Ratschläge Dr. Steiners zu vervollkommnen. Eine glückliche Gelegenheit zu neuen Anregungen gab die reichhaltige Edelsteinsammlung eines aus dem Orient zurückgekehrten Mitglieds. Es wurden daraus Steine gewählt, deren Leuchtkraft und innere Substanz besonders hervorgehoben werden sollte durch eine ihrem Wesen und Material entsprechende Fassung. Es war ein eigentümliches Erleben, die Hand durch deren Fülle gleiten zu lassen und durch das kühle Rieseln der Steine das Eindringen ihrer Kräfte in den eigenen Ätherleib zu erfühlen. Dieser Griff in die Kühle des Steinreichs und die fast aufregend wirkende Glut des im Feuer schmelzenden Metalls, besonders des Goldes, brachten das Elementare der Naturkräfte eindringlich zum Bewußtsein. – Die von Dr. Steiner für die Mysterienspiele gezeichneten Siegel ergaben die Grundlage für das geistige Studium dieser prädestinierten Siegelbewahrerin, die uns so viele vorbildliche Werke ihrer Kunst hinterlassen hat ("Kleinodienkunst. Die Dramensiegel." Nach Hinweisen und Entwürfen von Rudolf Steiner mitgeteilt und ausgearbeitet durch Berta Meyer-Jacobs). Der Tod hat sie uns entrissen in dem Moment, da in Dornach eine Stätte für ihr Wirken, eine Kleinodienschule, hätte eingerichtet werden können. – An diesen Siegeln erprobten sich auch die Formkräfte der von den ätherischen Impulsen getragenen und bewegten Eurythmie und der in Verbindung mit ihr neue Wege suchenden musikalischen Kunst, die nun über das innere Erleben des Dur und Moll hinaus, über die Quint hinüber, im Ton die Ursprungskräfte erhaschen wollte, denen sie ihr Dasein verdankt, so den Weg abtastend zum verlorenen Worte hin.

Der von Dr. Steiner geschaffene neue architektonische Stil, der die Bewegung des Pflanzenwesens in sich aufgenommen hatte, und sich nicht von der Außenwelt abschloß, sondern sich ihr weit öffnete, mußte diesem Prinzip auch in der Behandlung seiner Glasfenster treu bleiben ("Die Goetheanum-Fenster-Motive Rudolf Steiners", Assja Turgenieff). Farbenfluten mußten in den Raum hineinströmen; ihr nach dem Regenbogen hin differenzierter, aber jeweilig einheitlich gehaltener Grundton brachte das Schweben und Weben der sich durchkreuzenden Lichtfärbungen in den Raum hinein. Die Zartheit der Nuancen wurde noch intensiviert durch die verschiedene Dichtigkeit des Glases, die sich während des Schleifens und Radierens der Motive in das Glasmaterial ergab; ihr geistiger Inhalt bezog sich auf den Einweihungsweg des Menschen bis in die Zukunft hinein. Während die Motive der großen und kleinen Kuppel den makrokosmischen und mikrokosmischen Entwicklungsweg der Menschheit bis zu seiner Icherfüllung hin verfolgten.

Die Kunst des Schwarz-Weiß in einer von Dr. Steiner neu angegebenen Strichführung entwickelte sich neben der des Eindringens in die Welt der schöpferischen Farben ("Die schöpferische Kraft der Farbe", Hilde Boos-Hamburger.). Und alle diese, aus den verschiedensten Elementen sich ergebenden künstlerischen Möglichkeiten, lebten auf in der Kunst des gesprochenen Wortes, der Sprachgestaltung, welche die Ursprungskräfte des verlorengegangenen "Wortes" erahnen und bis zu einem gewissen Grade ergreifen ließ. Durch das Geringe, was dabei in strenger Arbeit erreicht worden ist, konnte etwas von dem erfüllt werden, was Dr. Steiner als Aufgabe der von ihm inaugurierten geistigen Bewegung bezeichnet hatte: die um Goethe und Schiller sich rankende vergessene Geistesströmung neu lebendig in die Kultur wieder einfließen zu lassen.

In der Fülle der von ihm empfangenen Impulse haben wir gelebt. Er selbst ist uns 1925 durch den Tod entrissen worden. Mit dem Tode hat er den unermeßlichen Reichtum seiner Gaben bezahlen müssen. Von seiner anfeuernden geistigen Kraft sind wir belebt und getragen worden. Durch Leid und Prüfung, durch Betäubung und moralische Abdunklung hindurch müssen wir nun die Wege zur inneren Freiheit und Selbständigkeit suchen, für die er ein Verständnis in uns hat erwecken wollen. Möge es uns vergönnt sein, sie zu finden.

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Last Modified: 07-Oct-2019
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